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4 Seiten

Sitzungsprotokoll

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten
© Waldkind
Es ist ein Uhr dreiundzwanzig in einem kleinen pittoresken Hotel mit mediterraner Lage und mein Gefährte ist aufgestanden. Er muss auf Toilette. An und für sich ist nichts ungewöhnliches daran, dass Männer mittleren Alters nachts auch mal raus müssen, doch ist der meine eben besonders mitreißend, reißt mich immer mit und somit auch aus meinem Schlaf.
Er machte nämlich beim Aufstehen einen Höllenlärm und ich bin solch unkontrollierte Geräusche von ihm nicht gewohnt. Denn er ist ein sehr zivilisierter Vertreter der männlichen Gattung. Keine körperlichen Entgleisungen in der Öffentlichkeit!
Erst schob er mehr als unsanft unsere schweißnassen Körper auseinander und riss mir fast ein Dutzend Haare dabei heraus, dann ließ er seine Füße bemüht leise auf den eigentlich die Schritte dämpfenden Teppichboden aufstampfen.
Bemüht leise ging es dann auch weiter, ich betone dies extra, denn er bemühte sich wirklich. Zumindest hat er mir genau das versichert. Er trampelte also, bemüht leise um das Bett herum, wobei er im engen Hotelzimmer an so ziemlich jeden Quadratzentimeter Wand in Höhe seines Gott sei Dank nicht allzu groß gewachsenen Körpers anschlug. Er polterte sozusagen um das Bett herum und hüllte mich in einen Kokon aus Schall. Wie überaus heimelig.
Nun, das Bett steht in der Mitte des Raumes und rechts daneben befindet sich die nur von einer dünnen Wand- wobei Wand etwas zu viel gesagt ist denn tapeziertes Sperrholz mit Tür trifft es wohl besser- abgetrennte Toilette. Ohne Waschbecken wohlgemerkt, denn dieses befindet sich einen knappen Meter vor dem linken unteren Fußende unseres Bettes. Auch dieses ist mitsamt der Dusche, okay, dem Düschelchen nur von einem Sperrholz in schöner Optik vom Rest des Zimmers abgeteilt.
Heute ausgerechnet schlief mein Lieblingsmensch auf der linken und somit der Toilette fernen Seite des Bettes. Diese kleine Unaufmerksamkeit meinerseits konnte ich mir in den darauf folgenden Minuten nicht wirklich verzeihen, hatte ich doch beim Erstbezug der Bettstatt penibel darauf geachtet, in der Nähe der 'sauberen' Sanitäranlagen und nicht in tastbarer Nähe zu denen, die wahrscheinlich strenger riechen würden zu nächtigen.
Vom Grunde her finde ich die für diese Art von Hotel geläufige Bezeichnung Boutiquehotel sehr passend. Wobei mir, als ich mit diesem Chichibegriff und der Realität konfrontiert worden war, im selben Moment aufging, dass er sich auf sehr kleine Boutiquen und die Umkleidekabinengröße von eben diesen beziehen muss.
Mein Freund hatte sich schon lautstark an der Badezimmertüre vorbeigeschlichen und war fast auf der Zielgeraden in Richtung Klo. Erst hatte er aber noch die kurze Seite des Bettes hinter sich zu bringen. Ich lag schon etwas gestresst, mit leicht pochender Schlagader und besonders hübsch anzusehen- ja, auch im Schlaf vergesse ich nicht permanent eine äußerst erotische Haltung einzunehmen- ich lag auf jeden Fall da und musste mit anhören, wie er betont leise! versuchte um das Fußende herum zu kraxeln und dabei nicht nur die Wand bepercussionierte sondern auch noch einen Berti Vogts Gedächtnisschuss mit einem leider nicht vorhandenen Fusball, sondern mit dem stattdessen an Stelle des runden Leders gerückten Hartschalenkoffer unseres Vertrauens vollführte.
Bemüht leise, wohlbemerkt.
Meine Halsschlagader empfand dies allerdings nicht so, und in Folge ihrer Mißinterpretation setzte sie einen erhöhten Puls in Gange, der mich "leicht" unruhig werden ließ. Die letzte Kurve vor der Zielgerade hatte mein rücksichtsvoller Freund aber jetzt doch in seiner bemühten Tonlosigkeit geschafft und so musste er nur noch die Türe öffnen, diese dann auch wieder schließen und schließllich den ersten Teil des Programmes, nämlich das Öffnen, mit dem Toilettendeckel wiederholen. Ich erspare mir und ihnen die Ausführungen darüber, welche Geräusche man bei eben diesen Tätigkeiten verursacht, besonders dann, wenn man doch so bemüht leise sein will.
Wir alle kennen das, nicht wahr?
Wir alle, aber meine Halsschlagader, die nun immer heftiger zu pulsieren begann, kannte so ein Szenario offenbar nicht. Meine bis dato noch erotische, wenn auch leicht angespannte Körperhaltung veränderte sich beim ins Schloss knallen der Türe sofort und drastisch.
Jetzt einen kurzen Rückblick auf die nur marginal vorhandene Wandstärke der Toilette.
Denn genau diese erlaubte mir, von genau diesem Moment an, sozusagen über einen Livestream, glücklicherweise ohne Bild,Teil der nun folgenden und sehr wichtigen Sitzung zu werden. Ich war auch schon ganz “aufgeregt”. Fürchterlich aufgeregt um genau zu sein, aber meiner Halsschlagader gefiel das jetzt und um meine etwas unentspannte Körperhaltung auszugleichen, entspannten sich nun unendlich viele Poren, die es kaltem Schweiß erlaubten, langsam aber in beständigem Fluss aus meiner Haut auszutreten.
Leider gibt es nicht überall diesen beständigen Fluss.
Meinem Freund und mir hätte ich ihn in diesem Moment so sehr gewünscht. Denn leider verlief die Sitzung nicht ganz unproblematisch und aufgrund des Livestreams wurde ich mit jeder unvorhergesehenen Wendung des Geschehens in diesem leider nicht hermetisch abgeriegeltem Plenarsaal konfrontiert. Freundin Aorta passte sich vom Takt her nun den Geräuschen meines Freundes an, was dazu führte, dass in meinem Gesicht der gleiche rote Farbton entstand, der zu sehen ist, wenn man in Ihr Inneres blickt. Zuerst trafen die Geräusche eines drohenden und äußerst verheerenden Kreislaufkollapses auf mein Trommelfell, das sich sofort auf eine nun noch aufmerksamere Schwingungsfrequenz einpendelte. Da mein Freund, auch wenn er mich derart aus dem Schlaf riss, mir unendlich wertvoll und ein Quell wahrer Freude ist, begann ich mir nun Sorgen zu machen. Und vielleicht etwas zu aufgeregt versuchte ich mit einer kurzen aber vielleicht etwas zu laut gestellten Frage die dramatisch klingenden Stöhngeräusche meines Lieblingsmenschen zu durchdringen. Ich rief: "Ist alles okay?" Nun, offenbar war es das wirklich, denn er presste zwischen zwei Seufzern, die mich doch sehr an Presswehen und Kreissaal erinnerten, ein "Alles gut!" hervor.
Jetzt hätte ich also beruhigt weiterschlafen können, doch wenn ich das getan hätte, wäre mir der Verlauf der weiteren Sitzung entgangen. Wenn ich so darüber nachdenke, hatte ich mir aber genau das gewünscht. Denn Schreck des Aufwachens und die stressvollen Momente danach, verstanden sich nämlich ausgezeichnet darauf, in meinen Eingeweiden Rabatz zu machen. Und in dieser speziellen Situation kam genau das mir sehr ungelegen. Ich war aus Gründen der Scham seit den drei Tagen, die wir schon gemeinsam hier verbrachten, nicht ein einziges Mal "groß" auf Toilette gewesen. Dieser Umstand wollte sich aber nun schlagartig und prompt von selbst beheben und wirbelte sozusagen alles, was sich in meinem Darm befand und nur noch von einem funktionierenden Schließmuskel in mir gehalten wurde, durcheinander. Dabei kam es dazu, dass Gasmoleküle, die so verschwindend klein waren, dass der ringförmige Muskel sie nicht aufhalten konnte, von innen nach außen drangen. Aufgrund ihrer Winzigkeit erschrak mich der Geruch nur umso mehr.
Meine hier so oft erwähnte Halsschlagader, verrichtete auch jetzt unermüdlich und in erhöhtem Tempo, ihre Arbeit. Die rote Gesichtsfarbe blieb bestehen und wurde jetzt von einem leicht gequälten Ausdruck unterstrichen. Neben mir im kleinen Klosett begann währenddessen die Debatte jetzt auch richtig hitzig zu werden. Die vier Kontrahenten Stimmband, Enddarm, Schließmuskel und Toilettenschüssel lieferten sich ein wahres und stimmgewaltiges Plumpsgefecht. Unterbrochen wurde es nur ab und an vom Geräusch einer Fontäne, die wohl vom Springbrunnen des Sitzungssaales herrührte.
Wo um alles in der Welt war mein guter Nachtschlaf, wenn ich ihn brauchte. Er war und blieb so verschwunden wie die Stille dieser Nacht. Währenddessen ignorierte ich verbissen den Drang, aufzustehen, an die Toilettentüre zu klopfen und wimmernd um Einlass zu flehen, damit ich meinem munter blubbernden Darm endlich die Erleichterung verschaffen konnte, nach der er sich so sehr sehnte. Den Geruch im Inneren des MiniaturWCs hätte ich zu diesem pikanten Zeitpunkt ohnehin nicht ohne Würgereiz ertragen können und von daher entschied ich mich dazu, vorerst eine Art Deckstarre einzunehmen, und mich schlafend zu stellen. Meinem Freund ermöglichte diese von mir völlig uneigennützig eingenommene Haltung, nach der anstrengenden aber offenbar erfolgreichen Sitzung, wieder bemüht leise, und "unbemerkt" ums Bett herumzupolt-, äh schleichen. Er kuschelte sich wieder an mich und ich ließ ein zartes Schnarchen erklingen, um ihn in wohliger Sicherheit zu wiegen.
Sanft umschloss ich seinen Körper mit meinen Armen und legte leise und konstant weiter schnarchend meinen Unterschenkel zwischen seine Beine. In dieser heimeligen Pose dauerte es keine fünf Minuten, bis er selbst tief schlummerte und ein nur "unmerklich" lauteres Sägegeräusch erklingen ließ.
Endlich.
Ich hatte jetzt aufzustehen, die kleine Stinkebude aufzusuchen und mir unbemerkt Erleichterung zu verschaffen.

Bemüht leise versteht sich.
 
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Kommentare  

Danke Evi, genau so soll es sein, es soll Schmunzeln
schenken. Schmunzeln über natürliches, das oft peinlich
ist...


Waldkind (28.06.2016)

Konnte mir ein Schmunzeln entlocken. Ja, so können die kleinen nebensächlichen Bedürfnisse manchmal überaus wichtig werden. Sehr schön geworden.

Evi Apfel (16.06.2016)

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