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Fremd im Eigenen

Nachdenkliches · Poetisches
© Waldkind
Fremd im Eigenen.

Ich bin mir fremd in meinem eigenen Wald geworden.
In ferner Vergangenheit wandelte ich lange Stunden in ihm.
Ich war eins mit und in meiner Heimat.
Im Reinen.
Den Wald verließ ich dann.
Ich zog weiter und mit mir zog das Sehnen nach ihm und
meinen stolzen, großgewachsenen Schwestern,
und der tiefe inneren Frieden,
den das Sein in ihm mir immer geschenkt hatte.
Ich vergaß bis heute nie,
wie sichtbar alle Antworten auf alle Fragen vor mir lagen,
während ich scheinbar ziellos umherstreifte,
fernab von Weg und Menschen.

Ich atmete, sah, roch, hörte.

Alles was ich wahrnahm war Frieden und Erkenntnis.
Der Sinn von Leben und Tod,
der ewige Kreislauf vom Wachsen und der Vergänglichkeit selbst
zeigte mir in unendlich vielen Gewanden
seinen Sinn und seine Natürlichkeit.
Alles was ich lernen und verinnerlichen konnte,
muss ich mir heute in der Zeit,
da mir die alten knorrigen Gesellen, die Könige, die pelzigen Gefährten,
das frische Grün des neu beginnenden Wachstums
und der dunkle Schlaf des Winter fern geworden sind,
immer wieder in Erinnerung rufen.

Ich fürchte zu vergessen, was sich mir offenbarte.

Manchmal ist das Verinnerlichte, das zum bewussten Leben Wichtige, verschüttet.
Ich scheine keinen permanenten Zugang mehr zu haben.
Mir scheint, ich hätte in mir eine Pforte verschlossen, weil ich mich ihm entzog.
Durch eine Pforte ging ich jedes Mal, wenn ich ihn alleine betrat.
Eingetaucht bin ich, weil ich mich voll und ganz hingab.
Den Moment atmen und sehen war,
was mir zu tun gedachte und gelang.

Ich wusste,
eines fernen Tages würde es in seinen Armen sein,
im Bett der großen Mutter selbst,
in dem ich meine Ruhe finden will.
Eines vergangenen Tages bat ich ihn darum.
Um die Gnade flehte ich, in seinen Armen mein Leben geben zu dürfen,
wenn denn irgendwann einmal der Tag gekommen sein wird.
In ihm wollte ich des Lebens letzten Hauch atmen,
In ihm, der mich mehr als an jeder andere Ort auf der Welt eins mit mir sein ließ.
Er war der Wald meiner Ahnen und der Wald,
der mich über viele Generationen mit unendlichen Erinnerungen an mich band.
Heimstatt und Zuhause war er mir,
weil ich in ihm ganz in mir war.

Doch ist er es noch?

Dieser Ort der ewigen Wandlung ist mir heute,
da ich ihn nach langer Zeit erneut durchwandere,
fremd geworden.
Kein Eintauchen ist mir möglich.
Nur zögerliches doch liebevolles Betrachten der alten Heimat.
Ich kann nicht mehr zurück, weil ich mich ihm entzog.
Es sind die Wurzeln.
Sie scheinen mir verloren hier, an dem neuen Ort, an dem ich sie einfach nicht zu finden bereit bin.
Bei all dem Genuss und dem schönen Schein,
bleiben mir ruhende Tiefen zumeist verwehrt.
Mir scheint, dass ich manchmal schlecht im Moment stehen kann, weil ich hadere.

Hadern will ich doch hadern will ich nicht.

Es schien mir wie Verrat, wenn ich scheinbar verleugnen würde was ich fand.
Es schien mir gelogen, wenn ich beteuern wollte, den Wald nicht zu vermissen.
Wenn ich im Heute nicht nachempfinden kann, wie greifbar mir damals alles schien, scheint es mir, als wäre ich beschnitten in meinem Sein.
In mir träumt es in jeder Zelle davon,
lebendig erneut eine solche Heimstatt betreten zu dürfen.
Meine Pforten zu durchschreiten.
Um voll und ganz zu sein.
 
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