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Die letzte große Wahrheit Teil I

Romane/Serien · Spannendes
Das Telefon läutete. Eduard Häusinger, ein etwas rund gewordener Mittfünfziger, blickte den Apparat an. Nach einigen Augenblicken nahm er endlich den Hörer auf.
„Schmitt und Krenkel. Ermittlungen und Überwachungen aller Art,“ meldete er sich mit leiser Stimme.
„Dies dort ist doch der Schnüfflerladen, oder?“ Fragte der Anrufer leicht ungehalten.
„Ja, da sind sie Richtig. Allerdings ziehen wir die Bezeichnung Detektei vor, Herr äh... Wie war doch gleich der Name?“ Häusinger war leicht angesäuert. Er mochte es gar nicht, als Schnüffler bezeichnet zu werden. Diese Bezeichnung hörte man viel zu oft in billigen Kriminalfilmen oder bekam sie in ebensolchen Romanen um die Ohren gehauen. Unschön, diese Diffamierung, wie er fand.
„Mein Name ist Tressner. Ich habe einen Auftrag für sie, falls sie Interesse haben und etwas Zeit erübrigen können,“ gab der Anrufer zurück.
Häusinger schwieg einen Augenblick, so als würde er angestrengt einen Termin für den Kunden suchen und überprüfen, ob man diesen Auftrag irgendwo „dazwischen“ schieben konnte.
In Wahrheit mußte er gar nicht suchen. Seine Kalender waren überwiegend leer. Die Firma hatte Zeit im Überfluss, was sie nahe an den Ruin gebracht hatte in der letzten Zeit. Doch das sollte unter keinen Umständen publik werden. Denn dann, so wußte Häusinger konnte er endgültig zu sperrren. So gesehen kam der Auftrag ganz gelegen. Er war aufgeregt mehr zu erfahren über das, was sie tun sollten.
Häusinger ließ sich alle wichtigen Daten und Fakten durchgeben und notierte sie auf verschiedenen Schmierzetteln, die auf deinem Schreibtisch herum lagen. Computer gab es keinen. Er erledigte seine Aufgaben noch immer Analog. Nur gutes altes Papier sollte seine Ermittlungsergebnisse aufnehmen. Und mit Akten hielt er es ebenso.
„Sie müßten nur noch zu uns ins Büro kommen und ein paar Papiere unterzeichen, damit wir für sie tätig werden können,“ sagte Häusinger zum Abschluß, nachdem er alles aufgeschrieben hatte, was Herr Tressner ihm erzählt hatte.
„Das ist mir gar nicht so besonders angenehm. Senden sie mir die Unterlagen bitte per Boten bis heute um achtzehn Uhr ins Hotel Gries in der Hartmann Strasse. Dort werde ich dann alles durchsehen und unterschreiben.“
„Gut. Wie sie wünschen. Es entspricht zwar nicht unseren Gepflogenheiten, doch unter den gegebenen Umständen wollen wir einmal eine Ausnahme machen.“
„Na dann erwarte ich ihren Boten. Auf wieder hören!“
Tressner hatte eingehängt. Häusinger starrte den Hörer, den er noch in der Hand hielt eine Weile an, dann legte auch er auf.
„Ein eher ungewöhnlicher Auftrag,“ meinte er laut zu sich selbst. Doch er konnte ihn nicht ablehnen. Er ordnete die Zettel und trug sie zu einem Stapel zusammen. Dann telefonierte er mit verschiedenen Stellen um Erkundigungen einzuholen, derer er bedürfte. Nach gut zwanzig Minuten lagen noch weitere drei Bögen Papier vor ihm. Alle eng beschrieben. Er lehnte sich zurück und drehte den Bürostuhl zum Fenster und blickte durch die schmutzigen Scheiben hinaus auf die Stadt, die sich unter ihm erstreckte. Zufrieden atmete er mehrmals tief ein und aus.
Im Vorzimmer klapperte die Sekretärin auf der Tastatur des Computers. Häusinger leistete sich den Luxus einer Schreibkraft. Zugleich hatte sie auch die Aufgaben der Empfangsdame zu erledigen. Allerdings war sie in dieser Funktion in letzter Zeit eher selten gefragt gewesen. Es gab schlicht niemanden, den sie hätte empfangen müssen.
Genau genommen konnte sich das Unternehmen die Tippse gar nicht mehr leisten. Aus Prestigegründen aber hatte man sie behalten. Und es gab noch einen Grund. Sie war die beste Freundin seiner Frau. Ein Grund, dem er sich nicht hatte entgegenstellen können. Und er wollte es auch gar nicht. Im englischen gab es einen Spruch der da hieß: happy wife, happy life! Und dieser Spruch – so hatte Häusinger mittlerweile gelernt – war durchaus zutreffend.
Wie lange er allerdings noch an seiner Tippse würde festhalten können, stand in den Sternen.
„Frau Klatzow! Kommen sie doch bitte einmal herein“, rief Häusinger, nachdem er eine weile aus dem Fenster geblickt hatte.
Das Klappern erstarb und einen Augenblick später stand seine Sekretärin in seinem schäbigen Büro vor dem Schreibtisch, und wartete.
„Ich habe hier einige Papiere, um die sich bitte kümmern sollen. Das Material muß geordnet und ins Reine geschrieben werden. Zudem brauche ich alle Unterlagen, die wir für einen Neuklienten zur Unterzeichnung benötigen. Letzteres brauche ich in längstens einer Stunde, den Rest werden sie wohl heute noch erledigt bekommen? Ich wäre ihnen sehr zu Dank verpflichtet, da es sich um eine äußerst wichtige Angelegenheit dreht.“ Häusinger hatte sein Haifischlächeln aufgesetzt und seine Stimme klang dabei wie Honig. Häusinger war vollkommen klar, es würde nicht ohne Überstunden zu schaffen sein, was seiner Sekretärin sicherlich missfiel.
„Selbstverständlich Herr Häusinger“ gab die Sekretärin säuerlich zurück. Sie ergriff den Papierstapel den Häusinger ihr gereicht hatte, und ging hinaus, wobei sie die Tür geräuschvoll ins Schloß fallen ließ. Einige Augenblicke später klapperten wieder die Tasten des Computers.
Häusinger griff nachdenklich zum Hörer und rief seinen Kollegen im Nachbarbüro an.
„Hallo Volker! Ja ich weiß du bist beschäftigt. Aber du mußt mal zu mir herüber kommen. Ich muß mit dir über einen sehr interessanten Auftrag sprechen“ sagte Häusinger und legte wieder auf. Mehr wollte er jetzt am Telefon nicht sagen.
Klein, etwa eins siebzig groß und von drahtiger Figur – etwas weniger Gewicht und man hätte ihn vermutlich zur Zwangsernährung in ein Sanatorium eingewiesen – war der zweite Mann in der Detektei. Er war eben erst gerade siebenundzwanzig Jahre alt geworden und verfügte über eine fundierte Ausbildung in verschiedenen Kampfsportarten und war in der Handhabung allen gängigen Faustfeuerwaffen sowie Hieb – und Stichwaffen unterwiesen. Zudem konnte er Sprengsätze entschärfen oder bei bedarf selbst welche anfertigen.
Selbstverständlich konnte er auch auf eine millitärische Ausbildung zurück blicken, die ihm schon in manchen Situationen hilfreich gewesen war.
Klein konnte mit fug und recht als der armierte Teil der Firma bezeichnet werden. Wann immer nötig an vorderster Front. Natürlich besaß auch Häusinger eine Waffe und war in ihrem Umgang geschult. Doch diese ließ er zumeist in seinem Schreibtisch im dafür vorgesehenen Schließfach.
Volker Klein trug stets ein Sakko, weises Hemd und dazu passende dunkle Krawatte. Komppletiert wurde das ganze von einer meist dunklen Leinenhose und schwarzen Lederhalbschuhen. Er war – verglichen mit Häusinger – gewisser Maßen der Gigilo der Firma. Man sagte ihm nach, vor ihm sei kein Rock sicher und jede Frau die er begehrte, sollte früher oder später seinem Charme erliegen. Doch er selbst hielt nicht all zu viel von diesem Gerede. Nur Gerüchte. Nichts weiter. Sicher, ab und an vernaschte er mal ein Weibchen, was ihm gefallen hatte. Meist jedoch waren solche Amouren nur mittel zum Zweck.
Am heutigen Tage jedoch war seine sonst so adrette Aufmachung etwas derangiert. Und er hatte sich seit er ins Büro gekommen war, nicht die Mühe gemacht, diesen Zustand zu verbessern.
„Du wolltest mich sprechen?“
Häusinger blickte von seinen Papieren auf als Klein eintrat und glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen.
„Wie siehst du denn aus? Klamotten total zerrissen, Gesicht zerbeult? Was ist passiert?“
„Naja, sagen wir so: ich hatte eine kleine Interessenkollision mit bösen Menschen, die mich nicht leiden können.“ Gab Klein ironisch zurück.
„Das reicht mir nicht! Klartext! Wer war das? Hat es mit unserer Arbeit zu tun?“ Häusinger war ehrlich besorgt. Aber auch etwas verärgert. Klein drehte ihm zu viele solcher Extrastückchen in der letzten Zeit.
Klein atmete hörbar und genervt durch, aber er antwortete seinem Freund und Chef sachlich.
„Ich traf auf ein paar Glatzen. Sechs um genau zu sein. Wir haben ein paar Kumpels von denen letzten Herbst in den Knast gebracht. Und das nehmen die natürlich übel. Rache geschworen hatten sie ja sowieso. Und heute nun haben sie mich eben etwas frisch gemacht. Ich wurde vollkommen überrumpelt, deshalb schaue ich etwas zerrupft aus. Aber ich konnte die Bengels schließlich in die Flucht schlagen. Und ja, es hat mit unserer Arbeit zu tun, wie schon beschrieben. Der Fall Sonnleitner. Ich weiß nicht, ob du ihn gerade präsent hast. „
Häusinger hörte sich alles an und sah finster drein. Es gefiel ihm nicht, was er da zu hören bekam. Es bedeutete Ärger. Unnötigen Ärger, der zudem vermutlich keinen Cent einbringen würde. Eher im Gegenteil!
Häusinger wies mit der Hand auf den einzigen anderen Stuhl im Zimmer. Klein setzte sich und wartete.
„Wir haben einen neuen und – wie ich meine – interessanten Auftrag erhalten. Und es ist alles etwas geheimnisvoll, denn ich kenne den Auftraggeber nur vom Telefon her.“
Klein schwieg und sah skeptisch drein. Die letzten „interessanten“ Aufträge waren so langweilige Routine, das sie selbst ein Scheintoter hätte lösen können. Abgesehen davon waren sie auch nicht eben lukrativ. Klein wollte wieder etwas mehr Aufregung in seinem Arbeitsleben haben. Langweilen konnte er sich ebenso gut in einer Fabrik.
„Ich fragte glaube ich schon worum es geht, oder?“
„Nein, hast du nicht. Aber ich komme jetzt gleich dazu. Wir sollen für unseren Klienten eine Person auf spühren, die ihm eine ganze Menge Geld schuldig ist. Wir selbst bekommen zehn Prozent der Schuldsumme plus üblicher Auslagen und Spesen. Allein finanziell scheint mir das nicht uninteressant zu sein, findest du nicht?“
Klein nickte nur stumm. Er glaubte nicht an eine Abwechslung des beruflichen Alltages. Es würde vermutlich ebenso langwierig wie langweilig werden.
„Das Beste aber“, fuhr Häusinger fort, „das Beste an der Sache ist der Umstand, wir bekommen die Kohle ob wir nun Erfolg haben oder nicht. erfolgsunabhänige Entlohnung! Was will man denn noch mehr? Ich für meinen Teil bin sehr zufrieden.“ Häusinger sah erwartungsvoll zu seinem Kollegen hinüber.
Klein jedoch blieb weiter hin gelangweilt. Unter diesen Bedingungen stand zu befürchten das man nicht mehr als unbedingt notwendig an Zeit und Aufwand in dieses Projekt stecken würde. Da war es ihm schon beinahe lieber weiterhin im Auftrag der Kaufhauskette um die Ecke als Hausdetektiv tätig zu sein.
Ein Geschäftsfeld, das die Firma unlängst für sich entdeckt hatte als eine entsprechende Anfrage auf Häusingers Tisch flatterte. Erstaunlich in diesem Zusammenhang war allerdings die Wirtschaftliche Lage des Unternehmens, das knapp an der Pleite operierte. Es war allerdings ein Fakt, das Häusinger kein guter Geschäftsmann war und auch nicht gut mit Geld umzugehen wußte.
Klein hatte – trotz Teilhaberschaft – mit diesem Teil des Geschäftes nichts zu tun. Und das war auch gut so, denn er konnte ebenso wenig ein Geschäft führen. Häusinger kümmerte sich eher schlecht als recht um diese Belange. Doch einer mußte es tun und wenn man niemandem Extern vertraute, dann waren die Möglichkeiten leider sehr beschränkt.
Klein stand auf und wandte sich der Tür zu. Als er sie geöffnet hatte und halb hindurch geschritten war, drehte er sich um und sah Häusinger ernst an.
„Morgen oder Übermorgen geht es los. Ich werde die Papiere noch heute unterzeichnet zurück bekommen.“
Klein nickte und schloß die Tür.
„Die Sache stinkt“ murmelte er leise und ging zurück in sein Büro.
 
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