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3 Seiten

Der kleine Herr Hunnemann

Kurzgeschichten · Für Kinder
Der kleine Herr Hunnemann

Der kleine Herr Hunnemann lag einst auf einer Geröllhalde, besser gesagt, seine Teile lagen dort verstreut in der Gegend herum. Eines Tages wurden sie von einem Jungen aufgesammelt, eingepackt und in den Kindergarten mitgenommen. Dort leimte der kleine Johannes sie zusammen, malte Augen und Mund auf den oberen Stein, taufte die Figur feierlich mit Wasser und sprach: „Das ist Herr Hunnemann.“ Alle Spielkameraden klatschten begeistert Beifall und Herr Hunnemann war nun ein Jemand. Wenn man einen Namen bekommt, dann ist man Jemand. So ist das in der Welt und Herr Hunnemann war darüber stolz. Johannes brachte ihn mit aus dem Kindergarten nach Hause. „Schaut mal, Mutti, Vati, das hab ich für euch gemacht. Das ist Herr Hunnemann.“
Mutter lachte und seufzte, „es steht doch schon soviel unnützes Zeug in der Wohnung“ und auch Vater fiel nichts ein, was er mit dem Geschenk seines Sohnes tun könnte. Herr Hunnemann landete auf dem Nachttisch, neben Johannes´ Lampe und verbrachte dort Tage, Wochen, Monate und Jahre. Ab und an wurde er hoch gehoben, angeschaut, der Platz unter ihm abgestaubt und alsbald fand er sich wieder da wo er vorher stand. Steine haben Geduld, die sie auch brauchen wenn man bedenkt wie alt sie werden. Doch Herr Hunnemann war ja nun kein Stein mehr der einfach irgendwo lag, sondern ein Jemand.
Aus dem kleinen Johannes wurde nach etlichen Jahren ein großer und der zog eines Tages aus. Den kleinen Herrn Hunnemann ließ er auf dem Nachttisch zurück. Mutter freute sich darüber: „Dann erinnert mich wenigstens etwas an dich bis du mal wieder zu Besuch kommst.“ Doch auf dem Nachttisch blieb er nicht mehr lange stehen. Manchmal dauert es eben bis sich Veränderungen einstellen, bis sich etwas bewegt, aber es geschieht.
Herr Hunnemann fand einen neuen Platz auf dem Fenstersims und schaute jetzt auf die Straße. Von Tagesanbruch bis zum Abend liefen Menschen unter seinem Fenster, große und kleine Autos fuhren auf der Straße auf und ab. Alles kam von irgendwo her und ging irgendwo hin. Auch die Sonne stand nicht still. Erst tauchte sie auf der linken Seite des Fensters auf, stieg hoch, lief über den Himmel durch den Tag und verschwand auf der rechten Fensterseite. Dann wurde es dunkel, aber nicht ganz, weil jetzt der Mond auftauchte und es der Sonne nachmachte; auch er blieb nicht stehen sondern lief durch das Dunkel der Nacht und das war noch längst nicht alles. Mal tauchte er nur als schmaler Halbkreis auf, mal strahlte er aus einem vollen, dicken Gesicht. Nie sah er gleich aus.

Sterne mochte der kleine Herr Hunnemann auch gerne anschauen.
Die hatte er sehr lieb. Sie funkelten immer so schön, als gäben sie ihm Zeichen. Manche mehr, manche weniger. Einige schimmerten nur schwach, etliche waren alleine, andere vereint in Gruppen. Die ganze Welt schien sich zu bewegen, zu regen, nur der kleine Herr Hunnemann stand und blieb still da, wo man ihn gerade hinstellte.

Alles was in der Welt einen Namen trägt ist ein Jemand und für und aus einem bestimmten Grund da. Das liegt in den Dingen als ungeschriebenes Gesetz und seit der kleine Herr Hunnemann ans Fenster gestellt wurde und sah, wie sich alles in der Welt bewegte, erwachte dieses Gesetz in ihm und wurde ihm bewusst.
Noch immer war er ein Jemand und begann sich zu wundern und Fragen zu stellen.

Jeden Tag wurde das Fenster geöffnet und Herr Hunnemann zwischen die Fensterrahmen gestellt. So konnte der Wind von draussen durch die Gardinen ins Zimmer wehen. Dann erlebte er wie sich die Welt vor seinem Fenster draussen anfühlte. Da dröhnte es, vibrierte und erzitterte alles, mal ganz schwach, mal so stark, dass sogar Herr Hunnemann selbst zitterte.
Eines Tages wurde er von Johannes Mutter in die Hand genommen. Sie setzte sich mit der Figur auf das Bett, weinte bitterlich und streichelte Herrn Hunnemann. Auch der Vater kam und sie weinten gemeinsam und drückten die Steinfigur ganz fest an sich.
Dann verschwand Herr Hunnemann in einer Tasche in der es finster war bis er wieder zum Vorschein kam und vor einen großen rauhen, klobigen Stein gestellt wurde auf dem der Name „Johannes“ stand. So standen sie beieinander, Jahr um Jahr. Die Zeiten gingen über sie hinweg, der Wind strich um beide herum, warf Blätter, Staub und Erde an sie, Sonne, Regen und Schnee taten ihr Werk und Herr Hunnemanns Aussehen veränderte sich und auch der große Stein hinter ihm wurde blasser und immer noch standen beide still und taten wofür sie da waren; der große Stein trug den Namen des Johannes und zeigte allen die vorüber gingen, wer hier ruhte, während der kleine Herr Hunnemann die Erinnerung eines Tages, eines ganz beonderen Tages aus der Vergangenheit des kleinen Johannes trug. Oft kamen Leute, legten kleine Steinchen auf den großen Stein, hoben den kleinen Herrn Hunnemann hoch, streichelten über seine Oberfläche und setzten ihn wieder zurück auf die Erde, dann kamen nicht mehr so viel Leute und schließlich kam niemand mehr.
Endlich, nach langer Zeit tauchten vier Männer auf mit einem Wagen und Werkzeug. Die huben den großen, stillen Stein aus der Erde, entfernten die Buchstaben und warfen ihn auf die Ladefläche. Den kleinen stillen Herrn Hunnemann warfen sie hinterher und fuhren zu einem lauten Platz. Dort warfen sie beide in eine Steinpresse die sie zu Staub zermahlte.
Endlich waren sie so leicht, dass der Wind sie heben und fortwehen konnte.

Ob aus ihnen wieder Steine werden die einfach so daliegen bis sie einen Namen bekommen oder ob sie Staub bleiben und vom Wind von Ewigkeit zu Ewigkeit geweht werden und vielleicht Teil eines schimmernden Sternes oder neuen Planeten werden, das wissen wir leider nicht.

Ende
 
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Kommentare  

Dieses Märchen hat mir auch sehr gut gefallen. Wirklich
gelungen.


Siebensteins Traum (29.07.2018)

Wunderbare Gedanken in ein kleines bezauberndes Märchen verpackt. Gerne gelesen.

Irmgard Blech (22.04.2018)

Wunderschön

rosmarin (16.04.2018)

Kann mich nur anschließen. Tolle Idee und sehr gut aufs Papier gebracht...

Daniel Freedom (16.04.2018)

Deine Geschichte berührt mich. So leicht sie auch beginnt, so tiefgründig endet sie und hinterlässt mich mit vielen Gedanken. Ich mag, dieses Gefühl, wenn ich über Texte straunen kann und sie etwas in mir auslösen.

Christian Dolle (15.04.2018)

Einfach zauberhaft. Besonders schön, dass ein tieferer Sinn darin versteckt ist.
Sehr gelungen.


doska (14.04.2018)

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