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6 Seiten

Leiden

Trauriges · Kurzgeschichten
„Kann ich mal mit dir sprechen? Ich meine so ganz ohne blödelei und so?“ Frank war zu mir in die Stube gekommen.
Ich hatte gerade Dienstfrei und überlegte, was ich heute noch anstellen sollte. Meine Arbeit – ich war gerade dabei Maler zu werden – war relativ entspannt zu Ende gegangen. Das Wetter schlug um uns so waren wir gezwungen die Baustelle früher als geplant zu verlassen. Frank war ein guter Freund von mir. Ich kannte ihn schon seit der ersten Klasse und es gab kaum einen Streich den wir nicht ausgeheckt hatten. Zu unserem Glück wurden wir nur einmal erwischt, als wir versuchten in die Schule einzusteigen um die neuen Computer lahm zu legen.
Aber nicht etwa um großen Schaden anzurichten, nein. Vielmehr ging es darum, eine Wette zu gewinnen. Einige Klassenkammeraden wetteten, dass wir es nicht wagen würden nach Unterrichtsschluss durch das offene Fenster des Informatikraumes hinein zu klettern.
Dazu muss man wissen, der Raum befand sich im ersten Stock. Mitschüler, die dort Unterricht gehabt hatten und eingeweiht wurden, liessen eines der Fenster angelehnt. Es fiel nicht auf. Doch da wir es wussten, sahen wir es natürlich.
Doch wie schon beschrieben, wir haben es vermasselt und wurden erwischt. –

Ich sah Frank lange an und versuchte in seinem Gesicht zu lesen, was ihn wohl bedrücken mochte.
„Setz dich,“ sagte ich und deutete auf den einzigen Stuhl im Raum. Ich selbst setzte mich auf mein Bett.
„Nun, kann ich mit dir reden, ja oder nein?“ Franks Miene war betrübt. Es musste etwas ernstes sein, das ihn bedrückte.
Er sah mich an uns seine Augen waren so seltsam ausdruckslos. Sie schienen durch mich hindurch zu blicken. So, als sei ich gar nicht da. Frank atmete tief durch. Es klang irgendwie wie ein Seufzer. Tief und von unglaublicher Traurigkeit geschwängert.
„Ich hab ein Problem. Ein großes Problem...“ begann er und brach ab, wobei er seinen Blick zum Fenster wendete.
Abrupt stand er auf und ging wieder hinaus.
„Wolltest du nicht...“
„Ach vergiss es einfach!“ Entgegnete er und ging zurück in sein Zimmer.
Wir hatten eine Wohngemeinschaft zusammen mit drei anderen Freunden gegründet, als wir zu lernen angefangen hatten. Jeder für sich hatte sich keine eigene Wohnung leisten können. So aber war es möglich. Und die Wohnung, die wir ergattert hatten konnte sich durchaus sehen lassen. Es gab fünf Zimmer, jedes wenigstens fünfundzwanzig Quadratmeter groß, ein Bad mit Dusche, Doppelbadewanne, drei Waschtischen und zwei Toiletten. Dieser Nassraum alleine hatte seine gut dreißig Quadratmeter. Alle Armaturen waren vergoldet und die Badewanne so wie alle anderen genannten Teile bestanden aus Marmor.
Daneben gab es noch einen Gemeinschaftsraum – auch Wohnzimmer genannt – in dem sich ein offener Kamin befand. Lagerfeuer in der Wohnung! Wie Geil ist das denn?
Es mag unglaublich erscheinen, das ein Haufen Lehrlinge sich eine solche Luxushütte leisten konnten. Der Grund dafür war einfach. Das Haus gehörte Roberts Vater. Robert war einer unserer Freunde und wohnte auch mit uns zusammen. Von ihm stammte auch die Idee für die Wohngemeinschaft. Trotzdem mußte jeder von uns eine gute Stange Geld hinlegen um hier wohnen zu können. Wir waren dekadent, gewiss. Doch wir hatten Spass daran und es gab kein Wochenende, an dem wir nicht die eine oder andere Orgie in unserem Salon feierten. Ärger gab es fast nie. Auch wenn wir dann und wann über die Stränge schlugen. Im Haus – es gab noch zwei weitere Wohnungen die ähnlich ausgestattet waren – wohnten nur junge Leute. Studenten und Lehrlinge zumeist.
Unsere WG war berüchtigt und berühmt zugleich. In der Stadt gab es nichts, was sich mit unserem Chaotenstadel hätte vergleichen lassen.
Wenn ich heute daran zurück denke, frage ich mich manchmal, wie zum Geier wir das nur geschafft haben? Arbeiten von früh um sieben bis um halb vier am Nachmittag, danach feiern bis in die frühen Morgenstunden und dann ohne Schlaf wieder auf zur Arbeit. Und das meist drei Tage hintereinander mit vielleicht zwei Stunden Schlaf am zweiten Tag.

Am Wochenende von Freitagabend bis Sonntagmorgen durchgängig Dröhnung bis zum Umfallen. Heute dagegen – was etwa fünfunddreißig Jahre Unterschied bedeutet – würde ich schon nach einem durchgemachten Tag tot umfallen! Tja, es ist wohl eine unabänderliche Tatsache: Man wird ALT!
Die Kollegen in der WG waren fast alle Schulkammeraden von Frank und mir gewesen. Nur Robert nicht. Er war auf ein Gymnasium gezwungen worden und studierte jetzt. Offiziell Jura. Doch in Wahrheit hatte er sich für Philosophie und noch einen anderen Brotlosen Studiengang eingeschrieben. Er sagte immer: „Ich studiere, um später ein akademischer Taxifahrer zu werden!“
Immer wenn er diesen Spruch los ließ, wiehrten alle vor lachen und fanden es urkomisch. Doch es entsprach leider der Wahrheit. Aber Robert störte sich nicht weiter daran. Ihm war es egal. Hätte er die Option gehabt, er hätte lieber eine vernünftige Ausbildung im Handwerk oder der Industrie gemacht. Doch sein Vater bestand auf dem Studium. Und so studierte er eben. Nur eben aus Rebellion etwas vollkommen nutzloses. Zumindest würde dies sein Vater sagen, sollte er – und das würde nicht mehr lange dauern – die Wahrheit erfahren. Im Grunde genommen war Roberts Vater ein umgänglicher und netter Mann gewesen. Er hatte auch schon mit den „Jungs“ das eine oder andere Bier geleert, wenn er auf eine der Wilden Partys gekommen war. Selbstverständlich unangemeltet und uneingeladen...
Wie peinlich!
Man stelle sich vor, drei Mädels und drei Jungs nackt in der Großbadewanne und gerade dabei die wechselseitigen geschlechtlichen Vorzüge zu genießen, und der alte Herr deines Kumpanen – zufällig einer der drei Jungs – platzt in diese Sexorgie hinein. Hätte ich mich durch den Ausguß schleichen können, ich schwöre, ich hätte es getan.
Anders Robert. Er zog sich aus seiner Flamme, erhob sich und seine pralle, jugendliche Männlichkeit starrte seinem Vater entgegen.
„Hi Dad. Was machst du den hier zu so fortgeschrittener Stunde?“ Sagte er ganz gelassen und ließ sich nicht davon stören, das sein praller, nackter Schwanz aufrecht wie der Eifelturm stand und wippte, als er aus der Wanne kletterte.
„Äh...ich...äh...“ Mehr brachte Baptist – so hieß Roberts Vater – nicht heraus. Er entstammte noch einer etwas verklempteren Generation, der es im Traum nicht eingefallen wäre, so vor einen Elternteil hin zutreten.
„Möchtest du vielleicht ein Bier,“ fragte er grinsend und legte sich ein Handtuch um die Lenden.
„Äh ´tschuldigung. Ich geh dann wohl besser wieder...“ Und mit diesen Worten so wie einem hochroten Kopf verschwandd er auch wieder. Robert schüttelte nur belustigt den Kopf, prüfte seine Erektion, legte das Hanbdtuch ab und stieg wieder in die Wanne.
„Wo waren wir stehen geblieben,“ fragte er grinsend und führtee sich wieder in seine Freundin ein, die lustvoll aufstöhnte. Mir selbst war die Lust vergangen. Ich fragte Melanie – meine damalige Freundin und heutige Frau – ob sie mit auf mein Zimmer kommen wollte. Sie Wollte. Wir machten uns allerdings nicht die Mühe unsere Blöße zu bedecken. Wozu auch? Wir waren unter Freunden.
Der Weg, bis aus Melanie und mir letztlich ein festes Paar wurde, war allerdings lang und Steinig.
In der WG gab es noch Helmut und Peter. Der fünfte im Bunde war natürlich Frank. Über Helmut kann ich nicht viel sagen. Wir waren Klassenkammeraden und wohnten hier zusammen. Das war es im großen und ganzen aber auch schon. Wenn ich ihn näher beschreiben sollte, müßte ich wohl sagen er war ein eher blasser Charakter. Jemand, der in einem Film dabei war, von dem man aber nicht viel Notiz nahm. Ich hatte immer das Gefühl beobachtet und analysiert zu werden wen er mit am Tisch saß oder einmal bei einer unserer zahllosen Feiern dabei war. So ging es mir aber auch schon in der Schule. Er war an sich kein unangenehmer Zeitgenosse. Nur wußte ich nichts mit ihm anzufangen. Ein Gespräch mit ihm dauerte meistens nicht viel länger als fünf Minuten. Wenn überhaupt. Manchmal hatte ich das Gefühl, mich mit einem Ziegelstein zu unterhalten. Du suchst lange nach einem Thema, findest endlich eines und nach drei oder vier Sätzen ist alles wieder erledigt. Eben wie wenn man mit einem Stein sprechen würde.

Sinnlos.

Hoffnungslos.

Für´n Arsch!
Wenn man aber bei irgend etwas seine Hilfe breauchte, dann war er zur Stelle. Eine Eigenschaft, die man nie genug schätzen kann. Gibt es nicht oft. Heutzutage kaum noch und auch damals eher selten.
Peter hingegen war soetwas wie ein Lebemann. Er ließ nichts anbrennen. Wie er sein Leben finanzierte ist bis heute ein Rätzel geblieben. Wir hatten viel Spaß mit ihm, denn er war ein lustiges kleines Kerlchen. Seinen Humor mußte man mögen, gewiss. Aber er hat niemals wissentlich jemandem mit seinem Spott und seinen Witzeleien verletzt. Leider starb er viel zu früh. Ich hatte davon gar keine Ahnung. Eines Tages war er bei unserer lustigen Truppe ausgestiegen und zu seinen Eltern zurück gekehrt. Warum haben wir nie erfahren. Zwei Jahre später hörte ich durch zufall von einem ehemalichen Klassenkammeraden den ich seit Äonen nicht mehr gesehen hatte, Peter sei bei einem schweren Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Traurig daran macht mich vor allem, dass ich es nie geschafft hatte, zu seinem Grab zu gehen. Ich hatte es fest vor. Doch irgendwie klappte es nie...
Vielleicht war es auch das schlechte Gewissen, was mich davon abgehalten hatte. Schliesslich hatte ich – seit er uns verlassen hatte – nie versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Man glaubt immer alles hätte noch Zeit. Das Leben scheint so endlos zu sein, wenn man jung ist. Aber es ist manchmal keine Zeit mehr, denn manchmal gibt es kein morgen mehr. –
Offengestanden habe ich Angst vor dem Tag, an dem es auch für mich kein morgen mehr gibt.

Ungefähr vier Jahre später mussten wir alle nach einem schweren Brand das Haus verlassen. Robert hatte es nicht mehr geschafft aus dem Haus zu kommen. Nachdem er mir und zwei weitern Bewohnern auss dem flammenden Inferno geholfen hatte, war er noch einmal hinein gegangen um nachzusehen, ob auch wirklich alle rausgekommen waren. Die schwere Eichenholztreppe fing unter ihm Feuer. Als er versuchte nach unten zu kommen, brach sie ein und die brennenden Trümmern begruben ihn unter sich, Er hatte keine Chance gehabt, da wieder lebend herauszukommen.
Ich verdanke ihm mein Leben. Ich und vier weitere hätten es wohl nicht geschafft, wenn Robert uns nicht gerettet hätte. Er tat, was er tun musste. Und er hat den Preos dafür gezahlt. Wir alle haben einen Preis zu bezahlen gehabt, die wir in der WG gewohnt hatten. Es war am Schluss nicht mehr so wie zu beginn. Wir wurden alle etwas ruhiger mit der Zeit. Und ich hatte nie wieder soviel Spass wie damals, als ich meine Ausbildung begonnen hatte und in Roberts WG eingezogen war.
Ich glaube niemand von uns hatte das. Irgendwas war in mir zerbrochen und wollte nicht wieder heil werden.
Mich verfolgen heute noch Alpträume von damals, als ich hörte wie die Treppe zerbrach und Robert ein letztes mal schmerzvoll und erschrocken aufgeschrieen hatte.
Einige Jahre nach dieser Katastrophe erfuhr ich, das Robert nicht vierrl zu leiden hatte. Aks das Treppenhaus kollabierte und er abstürzte, hatte er sich beim Aofprall das Genick gebrochen. Wahrscheinlich hat er es nichgt mehr gespührt, als die brennende Treppe auf ihn gefallen war. Ich hoffe es zumindest sehr. Robert verfolgt mich in manchen Träumen. Halb verkohlt und mit leeren Augenhöhlen, den Mund klagend zu einem stummen Schrei geöffnet, das Fleisch seines Gesichts, das wie geschmolzenes Wachs heruntertropft, streckt er mir die verkohlte Hand entgegen. So als wollte er mich in seion Inferno hinein ziehen.
In anderen Träumen – ich stehe an seinem Grab – bricht seine Hand knöchern und faulig aus dem Grabhügel hervor. Zuerst die linke, dann die rechte, um schliesslich die Erde zur Seite zu schieben, so dass er seinen Kopf aus dem Grabe erheben kann.
Klagend trifft seine Stimme leise mein Ohr.
„ Wieso hast Du zugelassen, dass ich noch einmal hineingehe? Du warst mein Freund! MEIN F R E U N D !!! “
Danach wache ich jedes mal schweissgebadet auf. Zu beginn dieser schrecklichen Träume fuhr ich im Schlaf hoch und begann vor entsetzen laut zu schreien. Es dauerte immer einige Minuten, bis mir klar wurde, dass alles nur ein übler Traum gewesen ist.
Ich durchlebe diesen Schrecken nun schon seit wenigstens fünfzehn Jahren. Und je älter ich werde, desto schlimmer wird es.

Es ist der Preis, den ich für mein Überleben zahle. Mittlerweile fast jede Nacht. Ich habe Angst.
Angst vor dem Tag, an dem es kein morgen mehr gibt.
Es wird der Tag sein, da ich aus diesem Alptraum nicht mehr erwache. Es wird meine Ewigkeit sein.
Immer wenn ich erwache, frage ich mich, warum ich ihn nicht versucht habe zurück zuhalten.
Doch insgeheim kenne ich die Antwort.
Und sie gefällt mir nicht.

Alles hat einen tieferen Sinn, nur wir erkennen ihn nicht.
Aber ich kenne ihn.
Und weil ich ihn kenne, bezahle ich.
Nacht für Nacht.
Bis ans Ende meiner Tage...
 
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