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Teestubengeschichten Kapitel 1

Romane/Serien · Nachdenkliches
Kapitel 1

Das Eheversprechen

Ingrid Langfeld betrat die „Teestube“ gegen vier Uhr nachmittags, nickte freundlich dem Verkaufspersonal zu, stieg rasch die Treppe hoch und nahm im „Wohnzimmer“ Platz. Von hier konnte sie Sabine kommen sehen. Noch war Zeit sich vorzubereiten. Sie kämmte das graue Haar zurück, fuhr mit dem Lippenstift nochmal die Konturen der Lippen nach, setzte ihre Brille auf, wählte aus der Getränkekarte und versuchte sich zu entspannen.
„Mama!“ Überrascht blickte Ingrid hoch. Sabine stand vor ihr. „Wir sind beide überpünktlich“, stelle sie schmunzelnd fest und lies sich in den bequemen Ohrensessel fallen.
„Und, wie sieht´ s aus?, fragte Ingrid wie beiläufig.
„Gut. Die Scheidung ist durch“, seufzte Sabine erleichtert, „letzten Donnerstag war die Verhandlung.“ Habt ihr euch geeinigt?“ „Mama, da gab´s nichts zu einigen. Waren ja bloß anderthalb Jahre.“ „Mmmh“ machte Ingrid und betrachtete nochmal kurz die Speisekarte. Die Bedienung näherte sich. „Was mmhst du?“, Sabine blickte Mutter teils belustigt, teils kampflustig an. „Raus mit der Sprache!“ Ingrid seufzte leise:„Ich mochte Robert. Ein Kännchen Darjeeling und einen Windbeutel, bitte.“ „Für mich den Apfelstrudel und ein Kännchen Kaffee!“, schloss sich Sabine Mutters Bestellung an.
„Du musstest nicht mit ihm zusammen leben, Mama.“ „Ach komm, Sabine, ihr habt euch doch nicht erst im Trauzimmer kennen gelernt. ihr kanntet euch immerhin schon drei Jahre, da weiß man doch wen man vor sich hat.“ Sabine zuckte mit ihren Schultern:„Mancher Kerl entwickelt sich zurück zum Kind, sobald er hat am Finger den Ring.“ Es sollte nach einem lustigen Reim klingen aber ein Blick in Mutters Gesicht zeigte, dass der Versuch daneben ging, „und ich wollte kein Kind, Mutter“ schloss sie, „einen Mann wollte ich, einen Ehemann.
„Sabine, hör auf schnippisch zu sein, du weißt ich mag das nicht an dir. Das hast du auch nicht bei uns gelernt.“ Die Bedienung brachte die Bestellung.
„Wo lagen denn die sogenannten unüberbrückbaren Schwierigkeiten“?, fragte Ingrid. Sabine rang nach Worten: „Ich bin eben nicht wie du“, erklärte sie mit bockigem Unterton. Ich erwarte Selbstständigkeit von meinem Partner. Er wusste wie man die Waschmaschinentür öffnet und Wäsche rein legt, er wusste wie man den Herd anschaltet und er wusste auch, wo die Töpfe und Pfannen stehen. „Kind, du weißt doch was eine Ehe bedeutet“, antwortete Ingrid, „da sorgen zwei für einander und überdies arbeitest du halbtags, im Gegensatz zu Robert.“ „Ja, und die andere Hälfte des Tages verbringe ich in der Uni wie du weißt“ gab Sabine zurück, „das Jurastudium fällt mir nicht einfach in den Schoß. Wenigstens von Robert hätte ich mir auch ein wenig moralische Unterstützung gewünscht, wenn schon von dir und Papa nichts kam.“ „Jetzt mach halblang! Bist du erwachsen oder nicht?“, schmunzelte Ingrid, „und dass Robert spät abends erledigt war, ging dir nicht durch den Kopf? ,dass er sich beruflich so ins Zeug legte; ihr wolltet euch doch eine Wohnung kaufen?“
Sabine zuckte mit den Schultern und schmollte mit vollen Mund. Ingrid schüttelte den Kopf und sah sie liebevoll aber ernst an: „ Wie bei Hans Peter.“
„Oh jetzt halt die Luft an, Mutter“,zischte Sabine zornig,während sie den Apfelstrudel ärgerlich hinab würgte, „ das kannst du nicht vergleichen. Hans Peter war eine ganz andere Nummer. „Da bist du aber auch nach anderthalb Jahren auf und davon und schuld war, wer?“ unterbrach sie Ingrid. „natürlich, immer die anderen.“ „Du weißt doch was ablief“, protestierte Sabine laut. „Du hast aber keine Beweise dafür, dass er es tat, nur Vermutungen“, warf Ingrid ein. „Mutter, ich bin mir bis zum heutigen Tag sicher, es war was zwischen ihm und dieser Martina, so oft wie die beiden Arbeitstreffen wegen irgendwelcher Projekte hatten, die er mir nie erklären konnte weil ich wie er meinte sie ohnehin nicht verstünde aber“, sie ereiferte sich regelrecht“, ich verstand wo sie sich trafen, nämlich bei uns auf´m Sofa. Ich hab` s dir doch erzählt ...“
Ingrid strich ihr beschwichtigend über den Arm: „Psst, die Leute hören uns.“
Sabine wusste, Mutter war über ihren Schritt enttäuscht, sie kannte Mutters Einstellung was Ehe und Moral anging. Dem konnte und wollte sie sich nicht anschließen. Sie hatte Ansprüche und Wünsche, an sich und an diejenigen, die ein Teil dieses, ihres Lebens waren. „Wenn dir in deinem Leben etwas nicht gefällt, dann ändere es und warte nicht“, riet ihr Papa einst während eines „Vater – Tochter Gesprächs“ in einem Restaurant. Mutter war zu Hause geblieben.

„Ich habe mit deinem Vater zusammen gelebt“, fuhr Ingrid nach kurzem Innehalten fort. Dreiundvierzig Jahre, als seine Ehefrau.
„Dreiundvierzig Jahre? Gott, wie habt ihr das durchgehalten?“
„Für uns war das Eheversprechen vor Gott und der Gemeinde am Traualtar heilig und verbindlich.“ Sie nahm einen tiefen Schluck aus der Tasse und schenkte nach, „ für mich jedenfalls.“ Sabine schaute sie an. „ Bei euch war aber alles in Ordnung, oder?“
„Du kannst mit Fug und Recht behaupten, kein Scheidungskind gewesen zu sein. Das haben wir dir erspart. Dafür könntest du auch mal dankbar sein.“ Um Ingrids Mund bildete sich ein schmales Lächeln.
Die beiden Frauen saßen eine Zeitlang schweigend da. Sabine schaute nach rechts und versuchte die Titel der Bücher im alten Schrank zu entziffern, dabei versuchte sie sich vorzutasten:
„Als ich vierzehn war ging Vater nach Dortmund. Ganze zwei Jahre“, . „Und er kam jedes zweite Wochenende nach Hause“, fügte Ingrid hinzu, „du weißt ja, es war beruflich.“ „Ich erinnere mich, dass ihr an diesen Wochenenden kein Wort mit einander gewechselt habt,“ sagte Sabine leise, „ungewöhnlich für Eheleute die sich zwei Wochen nicht sehen.“ Diese Wochenenden haben dir und deinem Vater gehört“, verteidigte sich Ingrid, „hat er nicht immer etwas mit dir unternommen?“ „Hat er“, nickte Sabine, „und hat er sich nicht für deine Hausaufgaben, deine Schule und dein Leben interessiert? Ich erinnere mich noch wie ihr in deinem Zimmer gesessen habt. Endlos habt ihr getratscht, lachte sie“.Ja, haben wir ... und ihr wart Supereltern. Jetzt aber frag ich dich, Mutter, was war zwischen euch?“ „Es gibt Zeiten, da reden auch Supereltern nicht miteinander“, Ingrid kratzte sich am Kopf und winkte der Bedienung, „sie reden halt nur das notwendigste miteinander, jedenfalls hattest du deine Eltern beide nach den zwei Jahren wieder ganz für dich.“ „Aber es war nie mehr wie früher. Etwas hatte sich doch abgespielt zwischen euch.“ „Kind, Menschen können sich in zwei Jahren ändern, die Zeit bleibt bei keinem stehen.“
Sabine war es damals deutlich aufgefallen. So gut schauspielern können Eltern nicht, dass Kinder und vor allem Jugendliche nichts merken. Sie hatte Angst gehabt. Sie wollte nicht durchmachen, was Hannah, David und Miriam, die Nachbarskinder und ihre besten Freunde durchmachen mussten. Deren Eltern hatten sich scheiden lassen. Die ganze Scheiße, das Warum und Wieso konnte und wollte ihnen niemand erklären aber entscheiden sollten sie sich, innerhalb von zwei Tagen, bei wem sie zukünftig leben wollten, verbunden mit der Zusage: Mama und Papa lieben euch alle drei. Es wird sich nichts ändern. Mama versprach ihnen einen Hund, Papa auch.
„Hatte Papa damals eine Freundin? Jetzt kannst du es mir sagen! „Nein, er hatte keine Freundin.“ Sabine atmete erleichtert durch. „Ich hab damals fürchterliche Angst um euch gehabt. Wenn ich ehrlich bin, später auch noch, bis zu Vaters Diagnose. Wenn ihr euch getrennt hättet und ich hätte wählen müssen ...“ „Kind, ich hab´s dir schon mal gesagt, das Eheversprechen war und ist mir heilig und blieb es auch bis zum Schuss.“
Die Bedienung notierte eine weitere Tasse Tee, ein Kännchen Kaffee und zwei Käsekuchen.
„Aber irgendwas war doch zwischen euch“ bohrte Sabine weiter, „Papa zog doch nicht ohne Grund ins Bügelzimmer.“ „Sabine, das hatte mit seiner Krankheit zu tun. Er musste nachts zehn mal und mehr auf´s Klo, daran erinnerst du dich doch. Übrigens, kannst du mir einen Gefallen tun und mich nachher an der Kirche absetzen? Wir haben heute Abend Gemeindemitgliederversammlung und es müssen noch Tische und Stühle aufgestellt und Brote geschmiert werden.“ „Kein Problem, ich kann dich auch abholen wenn ihr fertig seid. Ruf mich einfach an“, nickte Sabine. Die Gemeinde war Mutters zweite „Familie“. Seit vielen Jahren kümmerte sie sich ehrenamtlich um die Belange, Sorgen und Nöte in der kleinen freikirchlichen Gemeinde. Kurzzeitig ging Dieter mit und schien auch Gefallen daran zu haben, wenn er auch nicht jeden Sonntag zum Gottesdienst mit ging, so kannte man ihn doch. Ab und an kamen einige Mitglieder der Gemeinde nach Hause. Man traf sich zum Kaffee trinken, gemeinsamen Andachtsrunden oder unternahm gelegentlich etwas zusammen, gemeinsame Wanderungen, Spieleabende etc. Dann war mit einem mal Schluss. Sabine sah niemanden mehr von den Gemeindemitgliedern. Das Ehepaar Leuter wechselte plötzlich die Straßenseite wenn man sich begegnete, auch die alte Frau Hendrik, die Sabine von klein auf kannte und bei der sie oft im Garten spielte nach der Schule, grüßte wenn, dann nur kurz angebunden. Mit Frau Hendriks Hund durfte Sabine mit einem mal auch nicht mehr Gassi gehen, was besonders schmerzhaft für Ingrids Tochter war. Mit einem mal hing eine dunkle Wolke über der Familie und alle schwiegen. Vater verschwand für zwei Jahre und Sabine verstand damals die Welt nicht mehr. Hatte sie etwas getan, etwas verbrochen?
„Am Wochenende will ich Papas Grab neu bepflanzen. Magst du mir helfen?“ Ingrids Frage riss Sabine aus ihrer Jugendzeit zurück in die Gegenwart. „Ich fahre am Freitag nach Lübeck und komme erst Montag Nachmittag zurück.“ „Ach so, ja dann … soll ich ihm einen Strauß Blumen von dir auf´s Grab geben? Du weißt, kommenden Dienstag wäre sein Geburtstag gewesen.“ „Ja gerne, ich geb dir das Geld dafür.“ „Keine Ursache“, winkte Ingrid müde ab. Vaters Tod lag ein knappes halbes Jahr hinter ihnen, sein Sterben dauerte mehr als doppelt so lang. Zuerst kam der Pflegedienst nach Hause und Ingrid ging über ihre Grenzen. Dieter sollte seinen Wunsch erfüllt bekommen: er wollte zu Hause sterben. Dann kam alles anders. Ingrid hatte einen Zusammenbruch und Dieter kam auf die Palliativstation des städtischen Krankenhauses. Es sollten nur einige Tage, nur vorübergehend sein. Doch sein Zustand verschlechterte sich derart schnell, dass an einen Heimtransport nicht mehr zu denken war. „Du siehst gut aus, Mutter. Es ist schön, dass du dich erholt hast. Überanstrenge dich nicht“, Sabine strich ihrer Mutter liebevoll über die Wange, „es muss ja nicht unbedingt dieses Wochenende sein. Du könntest noch eine Woche warten“, schlug sie vor.
Die Bedienung brachte die Bestellung. Ingrid zahlte die Rechnung.
„Erinnerst du dich noch an Papas letzte Minuten?“, fragte Sabine. „Ja,“, erwiderte Ingrid leise, „wir saßen bei ihm und hielten seine Hände, du die linke, ich die rechte. „Da war noch jemand der ihn im Arm hielt, wer war das?“
Inge nickte.
„Daniel, sein Liebhaber.“

Fortsetzung folgt ...
 
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