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12 Seiten

Imhotep, der Junge aus Heliopolis - Kapitel 1

Romane/Serien · Spannendes
Kapitel 1 – Die Entdeckung des Jahrhunderts


Ägypten, November 1922

Es war bereits kurz nach Mitternacht als Sahib, der Mann mit dem Turban und dem stets gepflegten Bart, in mein Zelt stürmte und mich unsanft weckte.
„Taylor, Taylor, wachen Sie auf. Es geht los und vergessen Sie bloß Ihre Kamera nicht!“
Ich hörte seinen orientalischen Akzent zwar gerne, aber weiß Gott nicht unbedingt um diese Uhrzeit. Sahib beugte sich über meine Liege und grinste verschmitzt. Das Licht seiner verdammten Öllampe, die er direkt vor mein Gesicht hielt, blendete mich ungemein. Ich war gezwungen, die Hand vor meine Augen zu halten.
„Jesus Christus, was zum Teufel soll das? Ich denke es geht erst in vier Tagen los, wenn dieser Lord Carnarvon hier auftaucht. Ich war gerade erst eingeschlafen … Verflucht aber auch, Sahib!“, empörte ich mich.
„Der Lord ist soeben eingetroffen und verlangt unverzüglich die Grabkammer zu besichtigen.“ Sahib zuckte mit seinen Augenbrauen. „Er ist sogar in Begleitung einer hübschen Lady. Man sagt, sie sei seine Tochter. Der Herr will nun sehen, wofür er Mister Carter, die Mannschaft, mich und letztendlich auch Sie, jahrelang bezahlt hat. Na los Taylor, beweg deinen faulen Hintern und steh jetzt endlich auf!“
Sahib rüttelte energisch an meiner Schulter, als ob ich mich immer noch im Tiefschlaf befände. Zwar fieberte ich selbst tagelang danach, unsere sensationelle Entdeckung endlich fotografisch dokumentieren zu dürfen, aber gestern war wieder einmal ein anstrengender Tag gewesen und ich brauchte daher unbedingt eine Mütze voll Schlaf.
„Ich bin entzückt …“, nuschelte ich mürrisch, während ich meinen Vollbart kraulte und mich gleichzeitig nach einer Rasur sehnte. Langsam richtete ich mich auf, schaute in sein breit grinsendes Gesicht und berührte dabei beinahe die Spitze seiner Hakennase.
Eines musste man dem guten Mann lassen. Egal, was auf ihn zukam, er begegnete jedem mit einem erfrischenden Lächeln. Sahib trat einen Schritt zurück. Seine dunklen Augen blickten zum Boden, woraufhin seine grinsenden Mundwinkel plötzlich abrupt sanken.
„Festhalten, Taylor!“, befahl er mit strenger Stimme und hielt mir die Petroleumlampe entgegen. Schlaftrunken griff ich automatisch nach dem Henkel. Mit einer Schnelligkeit wie Billy the Kid damals seinen Revolver gezogen hatte, holte er plötzlich ein Jagdmesser unter seinem hellen Gewand hervor und rammte es mit weit geöffneten Augen in den Boden, wobei er einen Schrei ausstieß: „HARRR!“
Erschrocken zuckte ich zusammen. Jetzt konnte ich mit Gewissheit bestätigen, dass ich putzmunter war. Er blickte mich kämpferisch an und zeigte mir die Klinge seines Jagdmessers, an dem ein aufgespießter, kleiner Skorpion zappelte.
„Schau mal, Taylor, was ich hier habe.“
„Meine Güte, mir wäre beinahe das Herz stehen geblieben. Du brüllst hier rum, als hättest du einen gottverdammten Puma erlegt!“, erwiderte ich grantig. Sahib neigte seinen Kopf leicht zur Seite.
„Aber Taylor, der Skorpion ist giftig und Sie haben nichts an.“ Er deutete mit dem Jagdmesser kurz auf meine nackten Füße, die aus der Wolldecke ragten. „Ich habe nicht vor, Sie zu einem Hakim (arabisch Arzt) zu begleiten, sondern zum Chef. Aber Mister Carter wartet nicht gerne, wie Sie wissen. Besonders jetzt nicht. Nun aber raus aus dem Feldbett, die Arbeit wartet.“
Sahib hatte, wie so oft, Recht. Unser Chef, Mr. Carter, war zwar ein umgänglicher, immer für einen Spaß aufgelegter Zeitgenosse, aber er konnte durchaus launisch werden, sobald er sich seiner archäologischen Fundstätte näherte und man ihn obendrein warten ließ. Also zog ich mich rasch an, setzte meinen ledernen Schlapphut auf und schlüpfte in meine Stiefel, die ich aus Eile erst mal nicht zuband. Dann griff ich nach meiner Fotoausrüstung und schlurfte wie ein bepackter Esel hinüber zur Ausgrabungsstätte.

Während ich dorthin marschierte schaute ich mich verwundert um. Überall waren Fackeln aufgestellt und niemand schien mehr zu schlafen. Im Zeltlager war die pure Hektik zu spüren. Die Leute redeten in schnell sprechendem Arabisch wirr durcheinander und machten allesamt einen angespannten, manche sogar einen ängstlichen Eindruck auf mich. Ich hatte schon vor längerer Zeit beobachtet, dass unser archäologisches Forscherteam, seitdem wir diese neue Grabstätte im Tal der Könige entdeckt hatten, manches Mal nervös wirkte. Die eine Gruppe war euphorisch aber die anderen tuschelten miteinander und durch Sahib erfuhr ich, dass sie jetzt offenbar Bedenken hegten. Es schien ihnen scheinbar nicht geheuer zu sein, die Gruft eines Pharaos, eines Hohepriesters, einer Großen königlichen Gemahlin oder sonst irgendeiner hoch gestellten Persönlichkeit des altägyptischen Reiches zu öffnen. Nach einer antiken Grabstätte zu suchen und freizuschaufeln, war eine Sache, sie aber zu öffnen und zu betreten, empfanden viele unserer Arbeiter mittlerweile für äußerst riskant. Einige unserer Hilfsarbeiter türmten sogar panisch aus dem Lager, aus Angst vor einem Fluch und dass die altägyptischen Götter nun endgültig erzürnt wären. Obwohl das Reich der Pharaonen bereits seit einigen tausend Jahren nicht mehr existierte, gab es hier in Ägypten trotzdem immer noch genügend Mitmenschen, die mehr Respekt vor diesen uralten Göttern hegten, als dass sie Vaterlandsliebe empfanden. Zudem befanden wir uns im Tal der Könige, und das liegt direkt am Rande der Wüste von Theben-West, auf der gegenüberliegenden Uferseite von Luxor, sodass die Arbeiter insbesondere den Zorn des Wüstengottes Seth fürchteten.
Zu allem Überfluss hatte sich heute Mittag etwas Denkwürdiges ereignet.
Der Kanarienvogel meines Chefs wurde von einer Kobra gefressen. Dass sich ein derart scheues Reptil in eine menschenbelebte Villa einschleicht, einen Vogelkäfig, der erhöht an einem Ständer hängt, diesen umwirft, aufknackt und das arme Vögelchen verspeist, ist normalerweise völlig untypisch. Trotzdem war dies tatsächlich geschehen. Lediglich ein paar Federn hatte die Schlange übrig gelassen. Das alles geschah heute Mittag, ausgerechnet an dem Tag, an dem sich Mr. Carter unbeirrbar dazu entschlossen hatte, im Alleingang, also ohne Beaufsichtigung eines ägyptischen Regierungsbeamten, eine versiegelte Grabkammer im Tal der Könige zu öffnen. Zwar hatten wir die Gruft nach sieben Jahren anstrengender Suche entdeckt und den zugeschütteten Eingang freigeschaufelt, trotzdem waren unsere Absichten, das Grabmal in diese Mitternacht zu öffnen, illegal. Immerhin fanden wir Engländer eine Grabkammer aus der Antike auf ägyptischem Hoheitsgebiet. Und ausgerechnet an diesem Tag hatte eine Kobra, die seitdem das altägyptische Reich existierte als Beschützer der Pharaonen galt, bei Mr. Carter nachgeschaut, was es zum Dinieren gab. Dieser Vorfall blieb selbstverständlich nicht lange geheim. Der Diener, der den Unfug, welchen die Schlange fabrizierte entdeckt hatte, warnte Carter aufgebracht, er dürfe die Totenruhe des Königs keinesfalls stören und solle „bei Allah“ die Grabkammer nicht öffnen. Es wäre wie die Büchse der Pandora, meinte er, andernfalls drohe ein Fluch des Pharao. Buh! Dabei war sich Howard Carter nicht einmal hundertprozentig sicher, ob wir überhaupt das begehrte Pharaonengrab tatsächlich entdeckt hatten, wonach wir jahrelang hartnäckig suchten. Das Gerede der abergläubischen Hilfsarbeiter beeindruckte ihn nicht besonders, vielmehr sorgte er sich, wo die entzückende Kobra in seiner Villa verblieben war. Mir imponierte das Fluch-Gefasel ebenfalls nicht sonderlich und das sollte es auch nicht, wenn man, wie ich, im Geschäft bleiben will und seine Brötchen mit Fotografien an den außergewöhnlichsten Orten der Welt verdient.

Der mutigste Hilfsarbeiter begleitete mich wenigstens zu unserer neu entdeckten Gruft KV62 (KV: King Valley), blieb aber mit einer gewissen Distanz vor dem Abstieg stehen und hielt mir mit einer äußerst ernsten Miene eine brennende Fackel entgegen. Dann gab er mir wortlos mit ausgestrecktem Zeigefinger zu verstehen, dass ich in diese Dunkelheit hinabsteigen sollte. Alleine, wohlbemerkt. Ich lächelte etwas gezwungen und nickte dem wortkargen Mann zu, um ihn verständlich zu machen, dass ich von seiner Idee, mich dort allein hinunter zu begeben, zwar nicht besonders erpicht aber dennoch dazu bereit war. Die Hoffnung auf einzigartige Fotos in meinem Kasten zu bekommen war der hauptsächliche Beweggrund, trotz der Mitternachtsstunde den Toten etwas Gesellschaft zu leisten, gleich wenn dies von abergläubischen Mitmenschen für äußerst töricht gehalten wird. Irgendeinen Ratschlag gab er mir mit auf dem Weg, welchen ich aber sprachlich nicht verstand (mein Arabisch war zwar dank meines Freundes Sahib „recht in Ordnung“, wie er es gerne ausdrückte, dennoch meilenweit für eine vernünftige Konversation mit einem Ägypter davon entfernt, so wie er es letztendlich meinte), und nur anhand seines ernsten Gesichtsausdruckes und der kurzen Handbewegung, mit der er über seinen Hals strich, glaubte ich zu verstehen was er meinte: „Der Fluch des Pharao wird über dich kommen, Engländer!“
„Jajajaja, bla-bla-bla“, entgegnete ich ihm lächelnd und griff ihm fest an die Schulter. „Sorge dich nicht um mich, guter Mann. Es gibt keinen Fluch, verstehst du? So etwas gibt es nicht und falls doch, macht das nichts. Wer auch immer seit einigen tausend Jahren friedlich in dieser Gruft schlummert, ist nicht nur tot, mein Freund. Oh nein, sondern er ist bereits mausetot und mit ihm die Wirkung seines albernen Hokuspokus“, zwinkerte ich ihm freundlich zu. Seine regungslose Mimik verriet mir, dass auch er nichts von dem verstand, was ich sagte. Ich beließ es dabei, kniete mich und band endlich meine Stiefel zu.
Ich nahm meinen Schlapphut ab und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Mit jedem Schritt weiter abwärts wurde die Luft trockener und wärmer. Ich musste mir eingestehen, dass mir etwas mulmig zumute war, als ich die Stufen in diese dunkle Gruft hinabstieg. Die Anderen waren bereits voraus gegangen und nun bereute ich es, dass ich Sahib nicht darum gebeten hatte, er solle unbedingt auf mich warten. Diesen abwärtsführenden Gang hatten wir monatelang freigeschaufelt, weil er vor einigen tausend Jahren mit Geröll zugeschüttet wurde.
Meine Fackelflamme reichte gerade einmal aus, um mir Licht für die nächsten Schritte zu spenden und es ließ meinen eigenen Schatten gespenstisch an den Kalksteinwänden tanzen. Je tiefer ich hinunterstieg, umso mehr überkam mich das bedrückende Gefühl, von einer Präsenz umgeben zu sein, obwohl dies doch nun wirklich nur ein Grabmal war. Vielleicht hatte ich dieses Gefühl ja gerade deswegen. Jedenfalls pochte mein Herz ein paar Takte heftiger als beim Rundgang um die Cheopspyramide.
Als ich endlich von der letzten Stufe stieg und den sandigen, dennoch festen Boden betrat, schauderte es mich erneut, weil ich plötzlich an Sahibs aufgespießten Skorpion denken musste und ich mir gut ausrechnen konnte, dass diese Viecher sich hier in der molligen Dunkelheit bestimmt wohl fühlen würden und nur auf mich lauerten, um mir eine zu verpassen. Ich bildete mir ein, dass sie strategisch vorgehen, aus allen Ritzen der Kalksteinblöcke herauskrabbeln und mich von oben herab befallen würden, während die anderen Biester, von denen ich nichts ahnen würde, mich dann aus den unteren Löchern überraschend attackierten. Außerdem musste ich an diese unheimliche Kobra denken und daran, dass einem Giftschlangen an Orten wie diesen quasi häufiger begegnen als in einer bewohnten Villa.
„Ausgekochte Teufelsbrunft, verschanzt sich feige hinter Steinen“, murmelte ich vor mir hin und befahl meinem Verstand keine Angst zuzulassen, bis auf diese eine, dass der Lord unserem Chef unsere Ausgrabungsstätte wegen des Misslingens der Expedition nicht weiter finanzieren würde, weil es letztendlich doch nicht unser gesuchter Pharao ist, denn dann stände auch ich erst mal dumm da.

Ich befand mich jetzt vor einer Kalksteinwand, welche die Anderen bereits aufgemeißelt hatten. Ich steckte die Fackel durch das Loch und schaute soweit mir der Lichtschein die Sicht spendete. Alles was ich sah war, dass ein weiter Korridor weiter abwärts führte.
„Entzückend …", entwich es mir wenig begeistert als ich geduckt hindurch stieg.
Ich fragte mich staunend, während der Korridor fortan abwärts führte, wie die alten Ägypter es damals wiedermal bewerkstelligt hatten, solch eine präzise unterirdische Grabkammer im steinigen Boden zu errichten. Es verblüffte mich immer wieder, wenn Mr. Carter lächelnd behauptete, dass die alten Ägypter für den Bau manchen Monuments nicht mehr Zeit in Anspruch nahmen, als wir sie heute für vergleichbare Gebäude benötigen, obwohl wir doch technisch weitaus moderner ausgerichtet sind als sie es damals waren.
Ich starrte mit verkniffenen Augen hellhörig in die Finsternis hinein. Ein schwach schimmerndes Licht funkelte weiter abwärts vor mir und ein kurzer Windhauch, der sich wie eine wispernde Stimme anhörte, wehte an mir vorbei. Es erinnerte mich wieder an diese unsichtbare Präsenz, die ich merkwürdigerweise erneut und diesmal sogar intensiver wahrnahm als vorhin. Ich glaubte doch in der Tat, dass irgendjemand um mich herumschlich.
„Eigenartig“, sprach ich leise vor mich hin, „sonst bin ich für übersinnliche Phänomene eher unempfänglich.“
Und erst jetzt, hier, irgendwo zwischen Jenseits und dem Leben, wurde mir bewusst, welch Segen es war, diesbezüglich schlicht unwissend gewesen zu sein. Vorher war ich nämlich der festen Überzeugung gewesen, dass die Toten ewig schweigen würden. Es gibt weder Geister, noch gibt es Götter und erst recht keine Flüche, redete ich mir beharrlich ein. Alles nur Humbug, welchen sich Medizinmänner und Scharlatane früher ausgedacht hatten, um ihre Untergebenen gefügig zu halten und Macht ausüben zu können, war all die Jahre meine unerschütterliche Meinung dazu gewesen. Eine Gänsehaut überkam mich dennoch, als ich plötzlich ein hauchendes Stöhnen wahrnahm.
Mein Herz raste. Langsam drehte ich mich im Kreis herum und streckte die Fackel weit von mir, um so weit wie möglich Ausschau zu halten. Es war einfach nur verdammt stockfinster in dieser verflucht dunklen Gruft. Ich will nicht unbedingt behaupten, dass ich Angst hatte – ich war nur etwas besorgt, sonst weiter nichts. Ehrlich! Ich bildete mir nämlich ein, beobachtet zu werden, was mich gottlob wenigstens diese widerlichen Skorpione vergessen ließ, aber lange nicht bedeutete, dass der herumschleichende Geist des Hauses mir deswegen sympathischer wäre.
Wieder hörte ich ein ächzendes Hauchen und gleichzeitig spürte ich einen warmen Luftstrom über mein Gesicht wehen, wobei es gleichzeitig die Flamme meiner Fackel nach hinten sog. Aufgeschreckt blickte ich hinter meine Schulter. Meine Hand zitterte, weil ich glaubte, soeben das Gekicher von Kindern vernommen zu haben. Da hatte mich doch soeben ein Jugendlicher ausgelacht, bildete ich mir ein. Kinder kann ich zwar ganz gut leiden, aber hier und jetzt war mir dieser Gedanke doch etwas unheimlich.
„Reiß dich verdammt nochmal zusammen, Taylor. Alles nur Einbildung, sonst weiter nichts“, redete ich mir selbst ein und war überglücklich und atmete erleichtert auf, als ich mich endlich am Korridorende Mr. Carter, Lord Carnarvon sowie seiner Tochter und Sahib anschließen konnte.

Unser Chef, Mr. Howard Carter, meißelte gerade ein Loch in die nächste versiegelte Kalksteinwand hinein. Dies war nun der Augenblick, eine unberührte Grabkammer im Tal der Könige zu öffnen. Ich zuckte beschämt mit der Wange, zugleich aber beruhigte es mich. Der hämmernde Klang auf dem Stahlmeißel schallte an den Korridorwänden und das war es sicherlich, was ich weiter hinten, weiter oben als ein Stöhnen wahrgenommen hatte. Jedenfalls konnte ich es mir so nur erklären, wenn man so wie ich, nicht an Geister, Götter, Flüche und an Wiedergeburt glaubt, so wie es die alten Ägypter getan hatten.
Lord Carnarvon und seine Tochter reckten ihre Hälse abwechselnd über Howard Carters Schulter, während Sahib ihnen mit einer Fackel Licht spendete. Ich räusperte mich auffällig, als ich schweißgebadet hinter ihnen stand.
„Ähm … Sie beabsichtigen tatsächlich, die Grabkammer ohne eine Genehmigung seitens der ägyptischen Regierung zu öffnen?“
Wie erwartet bekam ich keine Antwort.
Mr. Carter hatte nun das Loch in der Kalksteinwand weit genug aufgestoßen, damit er seinen Arm hindurchstecken konnte. Gestein polterte hörbar auf den Boden. Ein stickiger, warmer Windzug strömte ächzend heraus, als wäre soeben aus dem Loch die Finsternis persönlich entwichen. Instinktiv hielt ich sogar meinen Schlapphut fest. Es ließ mein Gemüt erneut etwas erschaudern, zugleich empfand ich Hochachtung, weil ich jetzt endgültig realisierte, dass dies hier eigentlich kein Schatzdepot, sondern ein Grabmal war, in der eine hochgestellte Persönlichkeit des altägyptischen Reichs, Kemet, wie es damals genannt wurde, seit einigen tausend Jahren ruhte. Nachdem der Windzug heulend an uns vorbeigezogen war, hielt Mr. Carter eine brennende Kerze in das aufgeschlagene Mauerwerk hinein und blickte angespannt in die Dunkelheit. Lord Carnarvon und seine Tochter lugten abermals über seine Schulter, und auch Sahib reckte neugierig seinen Hals.
„Was sehen Sie, Mister Carter?“
Der Singsang in Sahibs Stimme klang aufgeregt und neugierig zugleich, aber Howard Carter antwortete nicht. Ich konnte sehr gut nachempfinden, weshalb Mr. Carter es einfach nicht abwarten wollte, bis ein ägyptischer Staatsbeamter gedachte, sich im Tal der Könige blicken zu lassen, um die Öffnung des Grabmals zu überwachen. Auf seinen Schultern lastete immerhin eine gehörige Verantwortung. Lord Carnarvon hatte bereits ein Vermögen in unsere Ausgrabung investiert, was Howard Carter stets rechtfertigen musste. Zudem waren dutzende Familienväter von ihm abhängig. Mr. Carters berufliche Karriere stand überdies auf dem Spiel, doch wer wusste es schon? Vielleicht war dies doch nur das Grab eines bedeutenden Gelehrten, eines Hohepriesters oder gar nur einer Nebenfrau eines Pharaos, die jener abgöttisch geliebt und ihr aufgrund dessen die Ehre erwiesen hatte, auf dem Friedhof der Majestäten zu ruhen? Denn für einen König des altägyptischen Reiches, für einen Pharao – ich habe schon einige Pharaonengräber zu Gesicht bekommen und kann mir diese Behauptung erlauben – schien mir diese Behausung doch etwas zu mickrig und bescheiden konstruiert zu sein. Die Grabkammer von Pharao Haremhab beispielsweise, oder von allen anderen Pharaonen, sind dagegen die reinsten unterirdischen Paläste. Wenn unser Chef jetzt auch noch Pech hätte, dann würden wir hier ein bereits geplündertes Grabmal vorfinden, wie alle Gruften im Tal der Könige bereits geplündert entdeckt worden waren. Davon wäre Lord Carnarvon, der diese archäologische Ausgrabungsstätte seit sage und schreibe sieben Jahren finanzierte, aber ganz und gar nicht begeistert.
„Mister Carter?“, hakte Sahib nach und es klang sogar etwas aufdringlich und unverschämt, wenn man beachtete, dass mein orientalischer Freund nicht einmal der Vorarbeiter, sondern lediglich unser Dolmetscher war und ich momentan auch nicht wusste, was er hier und jetzt eigentlich zu suchen hatte. Sahib war ein kleines Schlitzohr, ein äußerst Neugieriges obendrein, und drängte sich immer wieder unbemerkt in das Geschehen hinein. Schließlich war er ein gebürtiger Ägypter und auf seine antike Kultur äußerst stolz; und wann immer wir nicht einer Meinung waren, führte er mich zum Totentempel der Königin Hatschepsut und fragte geradeheraus, wo in Europa nur ansatzweise solch monumentale Gebäude errichtet worden waren und vor allem wann, in welchem Jahrtausend vor eurem Jesu Christi? Eine Antwort war ich ihm daraufhin stets schuldig geblieben, denn hätte ich das Kolosseum in Rom erwähnt, welches einen ebenso in Staunen versetzt aber erst 80 n. Chr. fertig gestellt wurde, hätte er mich sicherlich ausgelacht.
„Mister Carter, bitte sagen Sie, was Sie sehen. Bitte!“
Howard Carter starrte mit gekniffenen Augen durch das dunkle Loch, in die seit Jahrtausend alte Gruft hinein.
„Ja, nun sagen Sie schon, was Sie sehen, Mister Carter!“, drängte schließlich auch Lord Carnarvon, als er ein Monokel an sein Auge klemmte und ungeduldig über seine Schulter lunzte.
Howard Carter blickte mit leicht geöffnetem Mund erstaunt durch die aufgemeißelte Kalksteinwand.
„Wundervolle Dinge“, raunte Mr. Howard Carter. „Ich sehe wundervolle Dinge.“

Als Mr. Carter das Loch endlich weit genug aufgemeißelt hatte, sodass wir alle hindurchpassten und das Fackellicht die Räumlichkeit erhellte, war auch ich überwältigt. So viele antike Möbelstücke, Schreine, Vasen, Schiffsmodelle und Figuren hatte ich noch nie vor meiner Kameralinse gehabt. Ich war regelrecht perplex, als ich auf einen originalen, sogar vergoldeten Streitwagen aus der Bronzezeit blickte. „Meine Güte“, entwich es mir begeistert. „Einen Streitwagen kennt man doch nur aus mittelalterlichen Gemälden, welche römische Schlachten darstellen.“
Dieser jedoch war real und weitaus älter, als ein Streitwagen aus der Gladiatorenzeit. Ich glaubte zu träumen, weil mir die Artefakte unwirklich und wie aus einer fremden Welt erschienen – was auch letztendlich so war –, zumal sich diese Gegenstände in einem exzellenten Zustand befanden, als wären sie nagelneu. Selbst die Wandgemälde waren ausgesprochen gut erhalten, wenn man die Jahrtausende berücksichtigte, die seit ihrer Herstellung vergangen waren. Mr. Carter behauptete, dass die Kalksteintür zweimal versiegelt worden war und er davon ausginge, dass schon jemand vor uns da gewesen war. Nach dem Chaos zu urteilen könnte er Recht behalten, dachte ich. Einige Artefakte waren scheinbar in Eile einfach aufeinander gestapelt worden. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass man Grabbeigaben einfach so lieblos dahinwirft, wie es hier teilweise der Fall war. Grabräuber hatten hier einst offensichtlich gewütet, wobei sie vermutlich hauptsächlich nach Gold und Schmuck gesucht hatten, mussten aber wahrscheinlich von den damaligen Friedhofswächtern in flagranti erwischt worden sein, wie Carter uns aufklärte. Wir blickten erstaunt auf guterhaltende, aufgetürmten Artefakten. Darunter befand sich sogar ein exzellent erhaltenes Brettspiel. Die Zeit, um alles wieder ordentlich herzurichten, wollte sich damals vermutlich niemand nehmen aus Angst vor einem Fluch, weil die Totenruhe gestört wurde. Mr. Carter ging davon aus, dass mit den Grabräubern auf der Stelle kurzer Prozess gemacht worden war. Zu jener Zeit fackelte man nicht lange und die Rübe lag schneller auf dem Boden, als ein Straßenköter kacken konnte.
Einige altertümliche Kostbarkeiten lagen unordentlich herum, besonders auffällig verstreut waren die wundervollen, handgeschnitzten und bemalten Segelschiffsmodelle sowie Barken. Davon waren einige über einen Meter lang. Zwei menschengroße Figuren mit Speeren bewaffnet, die sogenannten Wächter des Todes, bewachten einen weiteren, immer noch versiegelten Zugang. Dies bedeutete, was immer sich auch hinter dieser Tür befand, wurde vor einigen tausend Jahren verschlossen und niemand war in dieser unendlich langen Zeit dort hinein gedrungen.
Nun war uns allen bewusst, dass wir wahrhaftig eine unberührte Grabkammer aus der ägyptischen Antike entdeckt hatten. Mittlerweile kannte ich mich in Ausgrabungen schon gut aus, um zu wissen, dass wir noch nicht alles entdeckt hatten und sich der eigentliche Schatz – damit meine ich nicht unbedingt Gold, vielmehr weitere, aufschlussreiche Erkenntnisse über das damalige Leben im alten Ägypten, Kemet – hinter der nächsten oder gar übernächsten Tür befand. Aber wer wusste schon, wie viele Hürden wir noch überwinden müssten. Schließlich waren die alten Ägypter für die Bauweise komplizierter Labyrinthe, welche obendrein Rätsel hervorriefen, bekannt.
Mr. Carter, der Lord und seine Tochter waren längst mit der nächsten versiegelten Kalksteintür beschäftigt und Sahib begutachtete währenddessen die verstaubten Grabbeigaben. Beim Fotografieren bemerkte ich in einer dunklen Ecke eine kleine Truhe. Die Anderen hatten jetzt ein Loch in die nächste Kalksteintür geschlagen und ich vernahm, wie sie jauchzten und jubelten, weil sie scheinbar etwas Sensationelles entdeckt hatten.
„Ich sehe einen riesigen vergoldeten Schrein und davor eine Schakalfigur, die Gott Anubis darstellt. Wie wundervoll. Er ist es, wir haben ihn endlich gefunden. Ich habe es gewusst und immer wieder gesagt, dass er hier irgendwo liegen muss. Es ist eine Sensation, wir haben in der Tat die Gruft unseres gesuchten Pharaos entdeckt!“, jubelte Carter, woraufhin er Carnarvon umarmte und ihn sogar übermütig auf die Wange küsste. Lord Carnarvon lächelte.
Howard Carter war in diesem Moment höchstwahrscheinlich überglücklich. Eine große Last und Verantwortung war ihm augenblicklich genommen worden. Dieser archäologische Fund hatte ihn genauso in den Geschichtsbüchern unsterblich gemacht, wie es die Pharaonen in der Bronzezeit angestrebt hatten.
Mr. Carter behauptete, dass dies die Sargkammer sei. Im Moment interessierte mich aber nur diese Holztruhe, denn ich wunderte mich, weil sie separat deponiert worden war. Eine verrottete, schwarze Substanz lag auf dem Deckel. Zuerst zögerte ich und fragte mich, was einmal vor sehr langer Zeit auf dieser Truhe gelegen hatte? Möglicherweise eine Blume, mutmaßte ich. Ich blies das völlig ausgetrocknete Büschel schließlich mit einem Atemzug weg, das sich sogleich in Staub verwandelte. Jetzt war das Jahr 1922, wie alt mag dieses verdorrte Zeug gewesen sein? Zweitausendfünfhundert oder gar dreitausend Jahre? Vielleicht noch älter? Jetzt blickte ich auf ein Gemälde, ein Porträt auf dem Deckel der hölzernen Truhe, welches mit Elfenbein und Blattgold verziert war. Howard Carter stand nun hinter mir und machte einen sehr zufriedenen Gesichtsausdruck.
„Kommen Sie, Taylor. Für heute machen wir Schluss. Ich bin mir absolut sicher, dass wir ihn nach sieben Jahren harter Arbeit endlich gefunden haben. Endlich. Er ist es, die Kartusche vor der Sargkammer beweist es.“
Ich blickte zu ihm hinauf.
„Sagen Sie, Mister Carter, wie war sogleich der Name des Königs? Tatutachamun? Ähm … Wie nochmal?“
„Tut-anch-Amun“, antwortete er. „Pharao Tutanchamun.“
„Ah ja, jetzt erinnere ich mich wieder“, sagte ich und zeigte auf das Porträt der kleinen Holztruhe. „Dann wird er das wohl sein. Aber wer ist diese Frau, die ihm gegenübersteht? Etwa seine Königin?“
Ich tippte vorsichtig mit dem Finger auf den hölzernen Deckel und hoffte, dass dieser aufgrund der Jahrtausende nicht morsch geworden war und sich sogleich in Staub auflösen würde, wie dieses Büschel. Aber die trockene Hitze, im tiefen Abgrund des Wüstengebirges, hatte diese steinalte Holztruhe für die Ewigkeit konserviert. Das Material fühlte sich sogar kräftig an, als wäre es gerade erst gezimmert worden. Howard Carter setzte seine Brille auf und kniete zu mir runter. Schweißperlen lagen, wie auch bei mir, auf seiner Stirn.
Auf dem Deckel der Holztruhe war das Abbild einer jungen Frau zu sehen, die einem ebenso jungen Mann eine Lotusblume überreichte – ein Zeichen für unendlicher Liebe. Dass es sich um dieses Porträt dabei um ein Königspaar handelte, davon konnte man erst einmal nicht unbedingt ausgehen, dazu waren die Beweise einfach noch zu wage. Nach Howard Carters letztem Fund des Grabes von Amenophis III im Tal der Könige erwartete er wohl, wieder einen Pharao im betagten Alter gefunden zu haben und antwortete sichtlich erstaunt: „Ja aber, aber das sind ja Jugendliche!“
 
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