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Wie man in internationalen Gewässern einen eigenen Staat gründet

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten
Wenn man sich von Osten her auf dem Seeweg nach England der Themse-Mündung nähert, kommt man an diversen verrosteten stählernen Offshore-Seeungetümen (Seefestungen; „Red Sands Maunsell Forts“; „Fort Madness“) vorbei, welche wie vergessene Öl-Plattformen aussehen.
(GPS-Position unverbindlich ungefähr: 51.476250° , 0.992650°)

Diese künstlichen Konstruktionen auf Stahlstelzen sehen aus, als würden diese aus einer anderen Welt stammen. Ihre Geschichte ist aber sehr irdisch. Es sind Überbleibsel aus den kriegerischen Konflikten des II. Weltkriegs.
Es handelt sich hier folglich nicht um Artefakte verursacht durch Alien-Befall, sondern um irgendwie gruselig geheimnisvoll wirkende militärische Abwehrforts der Engländer, installiert 1942 bis 1943 mitten im Meer. Der Architekt war ein Mann namens Guy Maunsell. Da kommt auch der Name der Festungsbauten her.
Es sind kühn konstruierte Seeplattformen aus Stahl, welche wie künstliche Felsen aus dem tosenden Meer herausragen und nun wacker vor sich dahin rosten.
Jeder dieser Kolosse wog über 750 Tonnen, wobei manche Informationsquellen sogar von 4.000 bis 5.000 Tonnen sprechen und erreichte teilweise Höhen von über 30 Meter über dem Meeresspiegel.
Schöne Bilder dieser Stelzengebilde aus Beton und Stahl erhält man, wenn man ins GOOGLE Suchfeld einmal "Maunsell Forts" oder „Fort Madness“ eingibt.

Diese Seefestungen sollten die englische Ostküste bewachen und deutsche Angriffe per Schiff oder per Flugzeug abwehren. Weiterhin hatten diese die Aufgabe, die Verminung (Magnetminen) der schmalen Seewege durch die deutsche Marine zu behindern.
Die restlichen Forts, welche heute noch übrig sind, rosten deutlich sichtbar vor sich hin. Manche dieser Seeplattformen waren untereinander durch stählerne Laufstege verbunden. Die Türme waren ehemals je nach Aufgabe u.a. mit Kanonen, Flugabwehrgeschützen und Suchscheinwerfern ausgestattet.
In den Betonstützen (Pfeilern) von einigen wurden teilweise siebenstöckige Raumebenen eingebaut. Die Besatzung dieser Forts konnte durchaus 100 Soldaten betragen, wobei man darauf achtete, dass alle gleich aber einige gleicher waren. Die gleicheren (Offiziere) hatten ihre Wohnräume oberhalb der Wasserlinie bei den Naval Sea Forts in deren Betonstelzen, genossen natürliches Licht und hatten eine Ölheizung. Der einfache Soldat musste teilweise unterhalb der Wasseroberfläche in einer Umgebung übernachten, welche einer Gefängniszelle würdig gewesen wäre. Nicht verwunderlich ist es da, dass einige von diesen in psychologische Betreuung mussten, da die angebotene Ablenkung in Zeiten der Ruhe und Langweile u.a. in Form von Basteln und Malen nicht immer zum Erfolg führte.

In der vergangenen Zeit kursierten (u.a. bei Fort Red Sands) Überlegungen von Investoren, ob man diese nicht zu einem Erlebnishotel (Operation Red Sands Project) umbauen soll.
Es hat auch schon Zusammenstöße mit Schiffen gegeben, welche auf dem Meer mit diesen Bauten im Nebel kollidiert sind (z.B. das schwedische Frachter Schiff Baalbeck 01.03.1953; Nore Fort).

Auf einem der Plattformen -

(Roughs Tower: ca. 10 km von der englischen Küste entfernt und damals noch außerhalb der Hoheitsgewässer von England)

- wurde von einem Mann namens Paddy Roy Bates am 02.09.1967 das souveräne Staats-Fürstentum Sealand ausgerufen.

Bevor es mit Sealand weiter geht, sei hier zunächst aber ein Exkurs eingeschoben:


**************** Beginn Exkurs ************

Geht so etwas überhaupt?

Kann jeder IX-beliebige Erdling hingehen und einfach irgendwo auf unserer Welt einen eigenen Staat gründen? Muss man z. B. einfach nur in internationalen Gewässern (im Meer) eine Plattform aufbauen, einen Tanker auf Grund setzen oder dort eine freie Insel besetzen?

Sehen wir uns einmal die internationalen Rechtsgrundlagen dazu näher an. Zu berücksichtigen sind hier u.a.:

01. UNO-Charta/ Völkerrecht/ Völkergewohnheitsrecht.

02. Montevideo-Konvention von 1933 (Vertrag zwischen 20 amerikanischen Staaten)

03. Anerkennungswille anderer, vor allem der angrenzenden, Staaten. Wenn dieser fehlt, nützt der gesamte Gründungswille nicht mehr viel.

04. Internationale Rechtsprechung


Welche Kriterien des Völkerrechts (u.a. Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen (UNO-Charta)) muss man eigentlich erfüllen, um einen souveränen neuen Staat gründen zu können, um damit Chancen zu haben, international auch anerkannt zu werden?

Die wichtigsten Voraussetzungen sind:

1. Es muss erst einmal eine Bevölkerung ((*1) Staatsvolk) geben.
Notwendig ist das Vorhandensein von Menschen in einem gemeinschaftlichen Lebensumfeld, die auch dauerhaft auf dem neuen Staatsgebiet leben.

2. Notwendig ist das Vorhandensein eines Staatsgebiets (*1).
Das deklarierte Staatsgebiet (Territorium) laut Staats-Proklamation muss geografisch abgegrenzt sein.

3. Es muss eine Regierungs- und Organisationsstruktur geben.
Eine effektive (Effektivitätsprinzip) Staatsgewalt (*1)/ Regierung muss vorhanden sein, welche die Hoheitsgewalt und die Verwaltung über das Staatsgebiet ausübt und auch sicherstellt.

4. Der neu gegründete Staat muss die eigenständige Fähigkeit besitzen völkerrechtliche Beziehungen mit anderen Staaten führen zu können. Eine internationale Handlungsfähig ist notwendig.

5. Souveränität
Der zu gründende Staat muss selbst bestimmt und unabhängig sein. Keine andere Macht darf über diesen herrschen. Er sollte eine eigene Verfassung haben, welche grundsätzliches zu den Grundrechten des Staatsvolks, die Organisationsstruktur des Staatswesens und der staatlichen Institutionen (z. B. Verfassungsorgane) regelt. Bei Vereinen würde man so etwas wahrscheinlich SATZUNG nennen.


Beispiele für skurrile/absurde Versuche einen eigenen Staat zu gründen:


01. Mikrostaat Achzivland (Israel)

Der Gründer Eli Avivi erklärte in den 1970er Jahren erfolglos sein Grundstück an der Mittelmeerküste Israels zu einem unabhängigen Mikrostaat, nachdem er sich
mit den Staatsorganen Israels zerstritten hatte. Es gab für Achzivland zwar eine eigene Flagge und auch einen Pass, aber keine Zukunft.

02. Liberland (Europa)

Der selbsternannte Staatsgründer Vít Jedlicka proklamierte 2015 ohne Erfolg in einem umstrittenen Grenzgebiet zwischen Kroatien und Serbien seinen Freistaat Liberland.

03. Isola delle Rose

(Roseninsel; Repubblica dell'Isola delle Rose; „Esperanto-Republik der Roseninsel“)

Ein italienischer Ingenieur namens Giorgio Rosa (19.02.1925 bis 02.03.2017) errichtete 1968 eine ca. 400 m² große künstliche Plattform mitten im Meer (Position: Küste der Region Emilia-Romagna; Meer vor Rimini), welche sich ca. 12 Kilometer von der Forlì-Provinz-Küste entfernt befand und nur 500 Meter außerhalb der Hoheitsgewässer Italiens verankert gewesen sein soll. Er proklamierte diese am 01.05.1968 als unabhängige Republik ROSENINSEL und stattete diese u.a. mit eigenen Briefmarken, eigener Währung und einer Nachtbar aus. Sein Glück als selbsternannter Staatsmann wehrte angeblich nur 55 Tage. Dann rückte die italienische See-Armada an und räumte diese zunächst bzw. sprengte diese später am 13.02.1969, u.a. da sich der italienische Staat durch diese Proklamation schwer provoziert fühlte. Nebenbei sei hierzu noch angemerkt, dass es zu dieser Real-Life-Story einen Kinofilm gibt, welcher unterhaltsam, lustig und sehenswert ist
(siehe Netflix-Film aus 12.2020: „Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel“).


********** Ende des Exkurs ***********

Weiter geht es mit Sealand.

Der selbsternannte See Fürst Paddy Roy Bates war ein ehemaliger Major der British Army und verteidigte sein annektiertes Staatsgebiet, welches immerhin 4000 m² groß gewesen sein soll tapfer mit allen möglichen Mitteln ganz nach der Devise:

LEGAL, ILLEGAL, ÄRMELKANAL!

Sein Staatsvolk bestand zeitweise aus 10 Personen inkl. Familienangehöriger.
Auch Piraten-Rundfunksender (Radio Caroline; Radio Essex; Britains Better Music Station) wurden dort von verschiedenen Aktivisten installiert, wobei man sich untereinander nicht gerade zimperlich behandelte und auch mal Rollkommandos dem Mitbewerber schickte.
Die Funkpiraten von Radio City wurden vertrieben und beim Kampf um Radio Caroline soll es fast militärisch zur Sache gegangen sein.
U.a. dadurch, dass diese Eroberungskämpfe in der englischen Presse und den damaligen anderen Medien breitgetreten wurde, war es nur eine Frage der Zeit bis den englischen Behörden der Kragen platzte.
Die illegalen Sender verärgerten schnell die BBC, die englischen Rundfunkbehörden und auch die Queen war wahrscheinlich not amused.
Ab Ende 1966 versuchten die Behörden dem Spuk dort ein Ende zu setzen und servierten Paddy Roy zunächst einmal eine dicke Strafanzeige.
Der zeigte sich davon wenig beeindruckt!
In der Zeit von 1967 bis 1968 versuchte die Royal Navy zunächst erfolglos immer wieder die Plattform zu stürmen, brach aber die Reconquista-Aktion immer wieder ab, da diese u.a. von der Festung aus angeblich beschossen wurden.
Auch hierzu erfolgte dann ersatzweise ein Strafverfahren gegen den Fürsten von Sealand.
Es folgte ein seltsames und zeitweise kurioses juristisches Tauziehen. U.a. erklärte sich das örtlich zuständige Gericht 1968 für nicht zuständig, da die Plattform kein Teil des englischen Staatsgebiets wäre und sich zurzeit der Besetzung in internationalen Gewässer befunden hätte.
Paddy Roy Bates war darüber sehr erfreut, denn nichts anderes hatte er seit dem 02.09.1967 ja immer behauptet!
Ab ca. 1969 konnte man sogar Sealand-Briefmarken erwerben.
1972 wurden Sealand-Dollars herausgegeben.
1978 kam es dann auch noch ausgerechnet durch einen Deutschen, welcher vom Fürsten voreilig zum Premierminister auf Lebenszeit von Sealand ernannt worden war,
zum Zwergenaufstand bzw. Bürgerkrieg. Die Usurpatoren nutzten eine Auslandsreise von Paddy Roy und erklärten den Fürsten für abgesetzt.
Dieser schickte den Putschisten ein Hubschrauber-Söldner-Kommando und inhaftierte diese. Da deutsche und niederländische Staatsbürger auf der künstlichen Insel zwangsweise festgehalten wurden, versuchten die niederländischen und deutschen Behörden über die Regierung von England deren Freilassung zu erreichen. Doch wieder wurde dies von englischer Seite her abgelehnt, da man sich dort an das o.g. Gerichtsurteil von 1968 gebunden sah. Erst das konsularische Eingreifen der deutschen Botschaft vor Ort, besänftigte den Seefürsten und er ließ Gnade vor Recht walten. Die von ihm zu lebenslanger Sealand-Haft verurteilten Putschisten wurden in ihre Heimatländer ausgewiesen. Diese waren aber scheinbar undankbar und riefen eine Exilregierung aus.
Am 09.10.2012 soll Paddy Roy Bates, fern seines Fürstentums, nach langen Jahren anstrengender Regierungstätigkeit in Spanien gestorben sein.

Man kann die Forts angeblich mit örtlichen Ausflugstrip-Anbietern zwischen April und Oktober im Rahmen einer Bootstour besichtigen. Start der Besichtigungs-Bootstouren, welche ca. 240 Minuten dauern und wie man nachlesen kann Samstag/Sonntag ab ca. 10.30 Uhr starten, soll der Kai von Queenborough, Isle of Sheppey (Grafschaft Kent) sein.

Fazit:
Eine fast unglaubliche Geschichte und gutes Übungsmaterial für Juristen, welche die Feinheiten des nationalen und internationalen Rechts, verbunden mit dem Seerecht einmal richtig unterhaltsam studieren möchten.
Zu empfehlen ist hier das 12:05 Minuten lange YouTube-Video "Maunsell Forts: Red Sands Towers & SS Richard Montomery."


ENDE


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ANNEX

*1) vgl. „Drei-Elemente-Lehre“ des Georg Jellinek (Rechtsphilosoph; 16.06.1851 bis 12.01.1911)
 
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