
Am nächsten Morgen kam eine muntere Buffy in Spikes Zimmer. Nachdem sie ein paar Mal erfolglos an die Tür geklopft hatte und keiner sie hineinbat, hatte sie schon befürchtet, er wäre über Nacht nicht heimgekommen, sondern irgendwo versackt. Versackt in den dubiosen Lokalen, in denen er und die Jungs verkehrten.
Aber dem war wohl nicht so, wie sie beruhigt dachte. Er lag vollkommen angezogen und schlapp auf seinem Bett und stöhnte, als sie die Vorhänge zurückzog und die niedrig stehende Sonne einen Teil des Zimmers erhellte. Dann fluchte er und öffnete seine Augen, die ziemlich verquollen aussahen. „Was zum Teufel ... „ stöhnte er und hielt sich die Stirn. „Verflucht noch mal, geht es mir dreckig!“, stöhnte er weiter.
Buffy konnte ein schadenfrohes Lächeln nicht unterdrücken und schmiss ihm den weichen großen Stoffdelphin, der Gwydion gehörte und der zufällig hier herumlag, an den Kopf. Sie wollte ihm ja nicht weh tun, musste aber automatisch an die Zeiten denken, an denen sie ihm eine harte Kerze an den Kopf geworfen hatte. Das war nach ihrer ersten Nacht ...
„Aua, was machst du? Willst du mich umbringen?“
Buffy schnüffelte in die Luft. „Das darf doch nicht wahr sein! Allein vom Riechen werde ich schon besoffen“, meinte sie spöttisch und rümpfte die Nase.
„Ääächzz...“, war die gegrunzte Antwort.
„Du solltest jetzt aufstehen“, meinte sie daraufhin.
„Warum, aua, sollte ich das?“, stöhnte Spike, der sich aufgerichtet hatte und sich immer noch seinen ...aua... Kopf hielt.
„Da du ja keine Lust oder Zeit hast, mit mir einkaufen zu gehen, werde ich eben alleine gehen“, stellte sein ihm angetrautes Eheweib gerade fest.
„Nicht. So. Laut. Bitte“, stöhnte Spike abgehackt..
„Vielleicht geht noch jemand mit von den anderen. Vielleicht kommt Angel ja mit“, überlegte Buffy ziemlich laut, was Spike natürlich noch einmal aufstöhnen ließ. Man weiß nicht, ob wegen Buffys lauter Überlegung oder wegen der Erwähnung von Angel.
„Haben sie Regen angesagt?,“ sagte er dann träge. Er war tatsächlich so geschafft, dass sogar Angels Erwähnung ihn nicht besonders aufbringen konnte.
Buffy sah auf seine Hände und schaute ihn missbilligend an. Seine Hände waren blutverschmiert und mit Schnitten übersät.
„Was hast du getan?“, fragte sie vorwurfsvoll.
„Ich weiß nicht.“ Ratlos schaute Spike auf seine Hände. Tatsächlich wusste er es wirklich nicht mehr, bis ihm dann langsam die Eingebung kam. Heiliger Strohsack, sie hatten es wirklich getan. Sie hatten alles in Stücke gehauen in diesem verdammten Haus, was sich irgendwie in Stücke hauen ließ.
„Ach nichts“, sagte er zu Buffy.
Na klar, er erzählt mir natürlich nichts, dachte Buffy mürrisch.
Spike hatte sich ganz ganz langsam auf die Bettkante gesetzt und stützte vorsichtig seinen Kopf mit den Händen ab. Er versuchte krampfhaft, diesen seinen Kopf nicht zu bewegen, denn jede Bewegung verschaffte ihm mörderische Schmerzen in der Stirngegend und irgendwo dahinter. Sogar das Atmen war schmerzhaft.
Geschieht ihm recht, dachte Buffy und hatte doch ein wenig Mitleid mit ihm. Was natürlich vollkommen ungerechtfertigt war.
Spike versuchte, seine Finger zu bewegen, aber abgesehen davon, dass die Wunden auf seiner Hand ziemlich wehtaten, konnte er keinen einzigen Finger krumm machen. Der verfluchte Sambuca wirkte also genauso wie Ouzo, und zwar Finger und sonstige Glieder lähmend. Es würde eine Weile dauern, bis sich alles wieder bewegen ließ.
Gern der Zeiten gedenk ich, da alle Glieder gelenkig bis auf eines, zitierte Spike fast lautlos, diese Zeiten sind vorüber, steif sind alle Glieder bis auf eines. Von wem war das noch? Spike vollbrachte tatsächliche die grandiose geistige Anstrengung, mit einer höllisch schmerzenden Stirn den Dichter ... aua ... herauszufinden. Es handelte sich tatsächlich um Goethe, den alten deutschen Knacker.
„Was ist denn?“, fragte Buffy wieder ungeduldig, als sie ihn so vor sich hin murmelnd auf seine Finger starren sah.
„Gar nichts. Absolut gar nichts.“ Spike erhob sich langsam und behutsam, ohne den Kopf groß zu bewegen. „Lass mir nur noch ein bisschen Zeit, um meinen Kopf unter die Dusche zu halten. Und den Rest auch. Obwohl ein Fass mit Eiswasser besser wäre ...“ Sprach's und ging vorsichtig schwankend und mit steif gehaltenem Kopf ins Badezimmer. Er trug, wie Buffy bemerkte, noch alle Sachen, die er gestern Abend angehabt hatte. War wohl zu besoffen gewesen, sie auszuziehen.
Sie sah ihm kopfschüttelnd hinterher.
„Gwydion hab ich schon gefüttert. Aber du musst für Morgan was kochen!“, rief sie ihm nach. Morgan aß nämlich keine Sachen aus dem Glas oder gar Babyfertignahrung, sondern nur Sachen, die zu Hause gekocht wurden. Seit Spike in Woodcape aufgetaucht war, zog Morgan es vor, sich ihre Mahlzeiten von ihrem Daddy zubereiten zu lassen. Daddy konnte am besten kochen, vor allem besser als Mommy und seine Spagetti waren immer gut.
„Oh Gott!“ hörte Buffy Spike stöhnen, bevor er im Badezimmer verschwand. „Hoffentlich“, er machte eine Pause, die mit Stöhnen gefüllt war, „ist noch was im Kühlschrank.“
Dann hörte sie nur noch: „Wieso muss ICH immer kochen? Zwei Ehefrauen, und keine konnte oder kann kochen!“
Ein befriedigtes Lächeln überzog Buffys Gesicht. Die göttliche Lilah hatte also auch nicht kochen können. Hahahaha!
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Ich sollte mir auch noch das Saufen abgewöhnen, dachte Spike. Saufen ohne Rauchen macht einfach keinen Spaß.
Er verbrachte einen ruhigen Vormittag mit seinen Kindern, die glücklicherweise sehr lieb zu ihm waren, als würden sie spüren, wie schlecht es ihm ging.
„Daddy aua“, sagte Morgan mitleidig zu ihm und berührte zart seine linke Hand, die schlimmer zugerichtet war als die rechte. Morgan war so ein Schatz!
Seine Kopfschmerzen und das allgemeine Übelgefühl waren nach einer Stunde zwar nicht vorbei, aber er konnte es ertragen – seine Jägerselbstheilungskräfte versagten auch bei einem Kater nicht. Und er hatte es sich mit Gwydion und Morgan auf seinem Bett gemütlich gemacht. Heute war nicht der Tag für wilde Spielchen mit den Kindern, sondern ein Tag zum Fernsehen.
Und vielleicht würde er Morgan eine Geschichte über einen Vampir erzählen, vielleicht über einen nicht ganz so bösen Vampir. Wahrscheinlich wusste Morgan schon ein bisschen über ihn, konnte es aber noch nicht verstehen, und er musste ihr irgendwann die ganze Wahrheit schonend beibringen. Wie brachte man seinem Kind so etwas schonend bei?
So in Märchenform, vielleicht? Grimm mit Bruder … Er hatte Angst davor.
Und Gwydion musste es auch irgendwann erfahren. Und auch das, was mit seiner leiblichen Mutter geschehen war und dass Buffy nicht seine leibliche Mutter war. MERDE!!! Aber immerhin hatte er in L.A. alles erledigt, was zu erledigen war.
Er hatte Lilahs Eigentumswohnung zu einem, wie seine Agentin Vivian ihm sagte, äußerst guten Preis verkauft.
Das Schlimmste war gewesen, Lilahs Kleider, die sich noch in der Wohnung befanden, zu entsorgen. Sie waren ein Teil von ihr, obwohl Spike diese Kleider nie an ihr gesehen hatte, denn als sie mit ihm zusammen war, hatte sie zu einem sehr weniger strengen Stil gefunden. „Gib sie irgend jemanden, der sie gebrauchen kann? Meinetwegen bring das Zeug zu 'ner Kirche“, hatte er zu Snikkers gesagt, der die Sachen daraufhin wirklich zu einer Kirche brachte.
Auch Lilahs Schmuck wollte er nicht zu Geld machen. Er hatte den Schmuck einem Penner auf der Straße geschenkt und bildetet sich ein, der Penner wäre ein Opfer von W&H oder vielleicht sogar ein Opfer von Lilah gewesen, und es wäre eine Art von Wiedergutmachung an ihm. Was natürlich Quatsch war. Eigentlich wollte er nur nicht in einen Laden gehen und mit dem Inhaber um den Wert von dem verdammten Schmuck feilschen.
Also auch das erledigt. Gut.
Der Porsche war verkauft und hatte tatsächlich noch fünfzigtausend Dollar gebracht. Anscheinend war der Wiederverkaufswert eines Porsche sehr hoch. Er hatte sich von den Jungs verabschiedet. Die Band war Legende und vorbei, obwohl ihre DVD immer noch gut verkauft wurde, mittlerweile war sie über den Atlantik nach Europa vorgedrungen, und vor allem Engländer, aber auch Deutsche und Italiener hatten Geschmack an diesem nostalgischen Werk gefunden. Es gab Angebote, mit der Band in England aufzutreten, aber Spike wollte nicht, und der Rest der Band wollte keinen neuen Sänger. Aber besuchen kommen wollten sie ihn, und zwar alle, Bronson, Snikkers, Casio und Porterhouse.
Casio, der Meister des Synthesizers hatte ihm ein Laptop gegeben, das Lilah gehört hatte. Und Casio hatte ihm erzählt, dass er es gewesen war, der die vernichtenden Daten über W&H ins Netz gestellt hatte auf Lilahs Anweisung.
Spike musste schlucken, als Casio es ihm erzählte. Später in seinem Zimmer hatte Spike das Laptop eingeschaltet und verzweifelt nach einer Botschaft von Lilah gesucht. Aber das Laptop war gähnend leer. Außer dem Betriebssystem und Word war fast nichts installiert. Es gab keine Botschaft von Lilah. Sie hatte sich endgültig verabschiedet. In ihrem Testament hatte sie ja ausdrücklich bestimmt, dass man sie nie wieder zurückholen sollte: „Ich bin in diesem Jahr so glücklich gewesen, wie ich es mir nie erträumt hatte. In Liebe für Dich, Spike. Ich weiß, dass Du mich verstehst, mein Geliebter.“
Spike verstand sie, obwohl er furchtbar unglücklich war.
Die Schwedin Maja hatte sich entschlossen, nach Schweden zurückzugehen. Spike hatte ihr seine Adresse in Woodcape gegeben und sie gebeten, sich ab und zu bei ihm zu melden und sei es auch nur übers Handy. Sie war so eine großartige Frau, und er würde sie vermissen. In aller Freundschaft natürlich.
Es war also alles erledigt, wenn auch nicht verarbeitet, und Spike konnte mit seiner ... haha Familie Los Angeles verlassen. Diese Stadt hatte die erste Station in Sachen Zukunftstauglichkeit seiner Ehe sein sollen – die erste Probe, um eine Vision wahr werden zu lassen. Und diese erste Station war nicht gerade ermutigend gewesen. Mittlerweile zweifelte Spike am Wahrheitsgehalt seiner Vision. Es war wohl doch nur ein Trugbild: Seine erwachsenen Kinder, er und Buffy und anscheinend noch ein Abkömmling von ihnen? Das war vollkommen absurd. Aber er hatte innig daran geglaubt. Vielleicht weil er es glauben wollte?
Jemand klopfte an die Tür.
„Immer herein, wenn's kein Untoter ist“, sagte Spike und hoffte, es wäre Maja, einer von den Jungs oder sonst jemand, den er mochte.
Es war aber Angel.