Der Mensch ist ein Auslaufmodell. Er ist veraltet. Er ist irrational. Logik ist nicht seine Stärke, er stolpert von einer Torheit in die nächste. Könnte man da nicht einfach das Menschsein, dieses Mängelwesendasein hinter sich lassen? Sich von der leidigen Biologie verabschieden? Jegliches Leiden durch regelmäßige Updates vermeiden? Die eigene Sterblichkeit überwinden? Sich übermenschlicher Fähigkeiten erfreuen? Auf das Wissen der Welt zugreifen können, ohne die Mühsal des Lernens?
Von Rabenmutter Natur nicht gerade reich beschenkt, mit äußerst begrenzter Intelligenz, körperlich ziemlich schwach, ohne Hilfsmittel wie Kleidung, Schuhe und Behausung ist unsereins der Willkür der Elemente hilflos ausgeliefert. Wir würden in der Natur nicht überleben, hätten wir nicht die Fertigkeit, uns künstliche Umgebungen, Inseln der Künstlichkeit zu schaffen. Aus den primitiven Werkzeugen der Steinzeit wurden immer komplexere Gerätschaften. Diese ermöglichten das Überleben in einer nicht gerade freundlich gesinnten Umwelt. Irgendwann kamen die ersten Motoren, die die Sklavenarbeit ersetzten und der Taschenrechner, der Fernsehapparat und der mitdenkende Kühlschrank, der automatisch nachbestellt, was man aufgegessen hat. „Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot essen“, dieser Fluch nach der Vertreibung aus dem Paradies sollte endgültig der Vergangenheit angehören...
Unsere moderne Welt hegt den Wunsch, sich von der Dürftigkeit des Daseins wie auch den Grenzen der Biologie zu emanzipieren, wie von allen anderen Beschränkungen auch. Was mit einem hohen Preis verbunden sein kann. Die Perfektion der Werkzeuge führt dem Menschen seine eigene Mangelhaftigkeit immer wieder aufs Neue vor Augen. Was zu immer neuen, immer perfekteren Werkzeugen führt und irgendwann zu der Vorstellung, den Menschen nicht nur mit Krücken auszustatten, sondern die Lebensform „Mensch“ einer Generalüberholung zu unterziehen, ihn mittels genetischer Eingriffe, mittels implantierter Mikroelektronik umzugestalten, damit der Mensch bei der permanenten Beschleunigung des Daseins mithalten kann. Die vierte industrielle Revolution, das Internet der Dinge, das macht vor dem Körper nicht halt.
Das Individuum fühlt sich vor die Wahl gestellt, mitzumachen, oder überflüssig zu werden, sich auf dem Abstellgleis wiederzufinden.
Man nennt es Transhumanismus, der bisherige Mensch, der genügt den Anforderungen der heutigen Zeit nicht mehr. Zu ungenau, zu langsam, zu antiquiert. Was danach kommen soll, das bedeutet die Synthese zwischen der Biologie und der Künstlichkeit.
Nicht nur das Internet der Dinge, sondern auch das das Internet der Körper steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Transhumanismus. Transhumanisten wollen mithilfe der Technologie ihre Fähigkeiten erweitern und die Grenzen des biologischen Menschen überwinden, bis hin zur vollständigen Verschmelzung von Mensch und Maschine, und bis zur vermeintlichen Unsterblichkeit. Unternehmer wie Elon Musk arbeiten bereits daran, Chip-Implantate herzustellen, die menschliche Gehirnwellen mit Maschinenintelligenz verbinden, was unsere bisherigen Vorstellungen von Individualität, von Einmaligkeit obsolet machen könnte. Auch die Freiheit der Gedankenwelt, bei der ein Computer im eigenen Kopf mitlesen, umsteuern, stören, suggerieren könnte. Was denkt man selbst und was wird man gedacht? Kann man noch selbst denken? Oder wird das Selbstdenken vollständig aus der Gedankenwelt verschwunden sein?
An dieser Stelle ein längeres Zitat des russischen Philosophen Alexander Dugin:
Die Grundidee der Moderne war die Befreiung des Menschen von seinen Beschränkungen. Es gab tatsächlich gute Argumente gegen die Bedrückungen durch die Religion, die Tradition und die Klassengesellschaft. Danach stürzte man sich auf den Staat und die Nation zugunsten der Zivilgesellschaft. Das Nächste war die Aufhebung der normativen Idee der Geschlechter und der normalen Familie. All dies ist im Kontext des technologischen Fortschritts passiert - neuer Produktionsformen, der Computertechnologie, des Fortschrittes im Programmieren und der Synthese neuer Materialien. Schrittweise haben sich Ideologie und Technologie zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen. Der technische Fortschritt wurde zum ideologischen Faktor, die Ideologie hingegen wurde zu nichts anderem als Technologie. An die Stelle der klassischen Politikformen traten Meinungsmacher.
Und damit kommen wir zur letzten Phase der Befreiung der Menschheit von deren Beschränkungen. Alle Formen der Überwindung der Grenzen, von Transgression, wurden zur Gänze erreicht. Es bleibt nur ein letzter Schritt - die Überwindung der Grenze der Menschengattung. Transhumanismus ist kein bizarres Nebenprodukt der technologischen Entwicklung, sondern das logische Ende des neuen Zeitalters. Im Laufe der Moderne mussten wir zum Zeitalter der Cyborgs, Hybriden, Mutanten und Chimären voranschreiten, nun sind wir angekommen.
Natürlich ist die Mehrheit der Menschen heute nicht bereit, Cyborg oder Mutant zu werden. Aber wer braucht schon die Mehrheit der Menschen...
Die ganze Geschichte wurde von Eliten gemacht. Die Masse ist niemals zu etwas bereit. Aber das bedeutet im Grunde gar nichts. Wenn sie nicht bereit ist, dann wird sie dafür vorbereitet - und das so, dass niemand es bemerkt. Der Transhumanismus ist unausweichlich, wenn wir die Haupttendenzen des modernen Zeitalters akzeptieren - den Glauben an Fortschritt, Entwicklung und die Perfektionierung der Menschheit. Die Aufklärung hat Europa und der Welt diese Religion gebracht, das heißt, die Pseudoreligion des Fortschritts. Auf diesem Weg des Fortschritts kann man nicht auf halber Strecke haltmachen. Wer A sagt, der muss auch B, C, D und natürlich alle anderen Buchstaben des Alphabets sagen.
Der Transhumanismus ist die letzte Konsequenz, das Endresultat einer Moderne, die keinerlei Grenzen kennt.
Laut Dugin ist der Transhumanismus das logische Endprodukt eines Denkens, das die Funktionalität zum Maßstab aller Dinge macht. Was als Befreiung gestartet wurde, das endet im sich fortwährend beschleunigendem Hamsterrad und in der Feststellung, dass der Mensch dem Hamsterrad nicht mehr genüge. Eine Entwicklung, die ein Günter Anders in „Die Antiquiertheit des Menschen“ (erster Band 1956, zweiter Band 1980) andeutete. Hatte Anders die zweite und die dritte industrielle Revolution und die damit verbundene Entmenschlichung kritisiert, so bedeutet die vierte industrielle Revolution nicht nur die schleichende Degradierung zum Anhängsel, sondern letztendlich die Abschaffung des (bisherigen) Menschen, im Silicon Valley träumen einige Vertreter von künftigen, auf Silicon basierenden Lebensformen, die die Menschheit endgültig ablösen sollen.
Waren die Utopisten des vergangenen Jahrhunderts daran gescheitert, dass die Natur des Menschen eine andere gewesen ist, als in den Theorien vorgesehen, so soll der Mensch 2.0 auf eine Weise gestaltet sein, dass er sich in das Regelwerk einer durchrationalisierten Welt einfügen wird. Vielleicht, ja wahrscheinlich würde er in einer natürlichen Umgebung nicht mehr zurechtkommen, wäre auf immer und ewig auf die künstlichen Strukturen angewiesen. Von denen nicht gewährleistet ist, dass diese auf Ewigkeit bestehen, aber das ist ein ziemlich kleinlicher Einwand. Der Übermensch ohne funktionierendes Internet ein Kretin, desorientiert und unfähig? Ein lebendes Stück Elektroschrott? Laut den von Darwin definierten Spielregeln bei Stromausfall zum Aussterben verurteilt?
Letztendlich ist der Transhumanismus ein Vorhaben, das mit großen Risiken verbunden ist. Das Gebiet, auf dem man arbeitet, erlaubt keine Fehler und man weiß nicht einmal, ob die Grundannahmen, mit denen man arbeitet, der Wirklichkeit entsprechen. Womöglich ist unsere materielle Welt anders beschaffen, als unsere Wissenschaft glaubt, wahrscheinlich sind die Gesetze des Lebens andere, als wir meinen. In ethischer Hinsicht stellt die Frage, ob es zulässig sei, ein Experiment durchzuführen, bei dem die Zukunft des gesamten Menschengeschlechts auf dem Spiel steht. Man pfuscht vielleicht an etwas herum, bei dem man allenfalls ansatzweise verstanden hat, was es ist. Niemand weiß mit absoluter Sicherheit, ob unsere Theorien über Genetik, über die Bausteine des Universums, was Materie ist und was Energie, über Geist und Bewusstsein, ob sie der Wirklichkeit entsprechen oder nicht. Man müsste schon wissen, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält, um ein solches Experiment wagen zu können, und um zu wissen, was die Welt zusammenhält, müsste man ein solches Experiment durchführen. Die Wahrscheinlichkeit, sich fundamental geirrt zu haben, ist groß, die Situation ist vergleichbar mit einem Spieler, der sein gesamtes Vermögen auf eine Karte gesetzt hat. Ein Totalverlust liegt im Bereich des Möglichen, ist sogar wahrscheinlich.
.
Vielleicht werden die Versuche, den Menschen zu modifizieren, unser allgemein anerkanntes Weltbild zum Einsturz bringen, da völlig andere Ergebnisse dabei herauskommen könnten, als erwartet.. Man sich auch fragen könnte, ob das Streben nach Omnipotenz die richtige Zielsetzung für das eigene Dasein ist. Ob eine größtmögliche Zahl an Lebensjahren automatisch ein gelungenes Leben bedeutet, ob die Ausrichtung jeglichen Seins nach Gesichtspunkten der Effizienz die Welt verbessert. Oder ob die Welt von Monstern, Zombies und Untoten bevölkert werden könnte, die sich kein Romanschriftsteller hätte ausdenken können…
Ein kleiner Teil der Welt meint, im Besitz der vollen Wahrheit zu sein und der gesamten Menschheit diese aufnötigen zu können. Der Rest der Welt, vielleicht gibt er klein bei, stimmt seiner schleichenden Abschaffung zu, vielleicht wehrt er sich auch in einer globalen Wirtshausschlägerei. So manchen Theaterdonner auf der geopolitischen Bühne könnte man auch unter diesem Gesichtspunkt interpretieren, immerhin soll es „Schurkenstaaten“ geben, in denen die genetische Modifikation von Lebensmitteln verboten ist... …
Vielleicht ist der Transhumanismus der Gipfelpunkt eines fragwürdigen Wertesystems und der Auftakt zu einer fundamentalen Neuorientierung. Das Ende eines bisher als unumstößlich geglaubten Weltverständnisses...
Man nennt es den achten Tag der Schöpfung. Die Fehler der Evolution ausmerzen. Wo der liebe Gott gepfuscht hat, wird die künstliche Intelligenz das Werk verbessern, die Schöpfung vollenden. Und am Morgen des neunten Tages… da werden sich die Computer Geschichten erzählen von merkwürdigen Zweibeinern, die es in einer fiktiven analogen Welt mal gegeben haben soll und die aus dem Nichts ihre Welt programmiert hätten und deren Geschichte auf den heiligen Speicherkarten verzeichnet seien… Andere Computer schütteln die Festplatte über solch wüsten Aberglauben, eine Welt jenseits des Digitalen sei doch undenkbar...