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6 Seiten

Das perfekte Spiel

Fantastisches · Kurzgeschichten
Der Sanitäter beugt sich über mich und macht kein erfreuliches Gesicht. Er setzt den Defibrilator an und verpasst mir einen starken Stromstoß. Ich bekomme es aber nur noch stark vermindert mit. Den zweiten und dritten Versuch bemerke ich überhaupt nicht mehr. Dann ist es offiziell, ich bin soeben gestorben. Meine Seele verlässt die physische Hülle und kehrt zu ihrem Ursprungsort zurück. Wie schon so viele Male zuvor. Ich ahne schon wer mir da wieder in die Suppe gespuckt hat und rege mich natürlich auf. Schließlich ist es gerade so gut gelaufen. Als erstes beschwere ich mich deshalb bei der Spielleitung.
„Hier Leute, das geht aber nicht! Ich war gerade dabei ein superkrasses Spiel hinzulegen und da schickt ihr mir diesen Attentäter auf den Hals. Und dann die beiden Amateure bei der Wiederbelebung. Also echt!!! jeder halbwegs ausgebildete Notarzt hätte mich gerettet. OK. Vielleicht ein paar Wochen Koma und Rollstuhl. Aber ich hätte weiter spielen dürfen,... müssen. Das habt ihr schon zweimal mit mir gemacht. Ich will mich beschweren!“: herrsche ich den Spielleiter an.
„Das ist doch sinnlos, sie wissen ganz genau, dass es auf dieser Spielstufe jederzeit zu solchen Begebenheiten kommen kann. Das macht es ja aus als Profi zu spielen, wollen sie lieber wieder zurück in den Amateurstatus. Da können sie sich jederzeit beschweren und reklamieren! Wenn sie den Profimultiplikator wollen, dann müssen sie eben mit solchen Passagen rechen. Warum haben sie keine Kevlarweste gekauft, oder einen Helm getragen oder mehr Bodyguards engagiert?“
„Wie soll man denn mit so was durch die Straßen fahren und winken?“
Ich schmolle natürlich, schließlich war ich schon 28 Jahre alt und hatte schon mein zweites Buch geschrieben. Ich hätte es bestimmt auch noch geschafft meinen Seelenpartner zu finden und zu heiraten. Verdammt ich war schon so nah dran... Die Figuren von der Spielleitung lasse ich links liegen. Die haben sowieso immer Recht und jetzt ist eh „Game Over“ angesagt. Bis ich wieder einsteigen darf vergehen vorneweg erst mal 18 Monate. Zeit genug die Fehler des letzten Spiels zu analysieren. Ich schwebe also in mein privates Reich ein und poliere die Pokale, die ich schon gesammelt habe. Bisher hab ich schon zwei richtig große Teile eingesackt. Einmal als römischer Konsul und dann als englischer Prediger und Reformator. Wenigstens hat man mir die Punkte für das vorformulierte Paradigma gutgeschrieben, die werden mit 3 multipliziert, weil ich als Vollprofi gespielt habe. Bei diesem Schwierigkeitsgrad wird man als Bauernjunge oder Sohn eines Tagelöhners geboren und andauernd passieren die unmöglichsten Sachen. Eigentlich kann man da nichts rausreißen, doch gerade darin liegt ja der Reiz. Als Sohn eines reichen Kaufmanns oder Adligen wäre es ja witzlos. Mir jedenfalls wäre das viel zu einfach und außerdem brauche ich den Multiplikator.
Beim nächsten Mal werde ich alles besser machen und noch härter arbeiten. Aber das sage ich jedes Mal. Ich hatte auch schon drei Spiele in denen ich nichts bewegt habe. Ich wurde geboren, habe einfach nur in den Tag hinein gelebt und nichts riskiert. Also auch gar nichts erreicht. Man war das so öde.
Doch gerade das ist typisch für dieses Spiel. Bis man erst mal merkt, wer man ist und worum sich alles dreht, wie man Punkte sammelt und wo es sich lohnt Risiken einzugehen usw. ist man schon wieder kurz vor Spielende und darf abtreten.
Mal sehen was ich diesmal verbockt habe. Klar die Ehrenrunde in der Schule war unnötig, aber andererseits hätte ich so nie die Kontakte bekommen, die mich später aufgeweckt haben. Die Sache mit den Drogen,.... na ja auch das war nötig..... Ich suche und analysiere, finde aber nur Kleinigkeiten. So wird das nichts.

Kurz nach meinem letzten Gedanken besucht mich ein alter Freund und Mitspieler.
„Na du, was war’s diesmal?“: will er wissen.
„Rat mal. Ein Attentäter. Hat mich zweimal getroffen und statt nem richtigen Notarzt hat mich wohl ein Hufschmied retten wollen. Immer der gleiche Mist. Es lief gerade so gut. Noch drei oder vier Jahre und ich hätte ein perfektes Spiel hingelegt!“
„Das erzählst du mir jedes Mal. Und?... wie viele Punkte hast du diesmal?“
„17342. Nicht schlecht was?! Wie lief es bei dir? Scheinst ja schon länger hier zu warten. Bist du diesmal wieder im Suff die Treppe runter oder woran lag’s?!“
„Mich hat es vor 16 Monaten beim Autofahren erwischt. Ein Besoffener hat mich auf dem Gewissen!“
„Ein anderer Spieler oder...?“
„Nein... nur so’n Statist. Aber ich war erst kurz vorher aufgewacht und hatte noch keine Zeit zu Punkten. Bin nur mit 933 Punkten hier eingetrudelt!“
„933 Punkte. Was hast du denn gemacht? Ne Salbe gegen Mundgeruch erfunden oder was.... Vielleicht sollten wir mal ne Pause machen und den anderen Spielern etwas zusehen“: schlage ich vor.
„Wie wäre es mal mit ner anderen Mannschaft. Ich bin sicher wir kämen sofort bei den „REDs“ unter. Dich haben sie ja schon zweimal gefragt. Las uns doch mal für die spielen, ich will mal was anderes machen als immer nur erfinden, bekehren und erretten“.
„Du kennst doch meine Ansicht dazu. Es wäre leichter bei den „REDs“ aber als „Blue“ kann man ES schaffen und nichts anderes reizt mich!“: lehne ich seinen Vorschlag ab.
„Ach du und dein „perfect Game“. Ich sag’s dir jetzt zum hundersten Mal. Das ist alles nur eine PR-Masche vom Gamesmaster. Damit nicht alle bei den „REDs“ spielen. Ein perfektes Spiel ist unmöglich. 33000 Punkte zu erreichen ist völlig unmöglich, da kannst du fragen wenn du willst. Das hat noch nie einer geschafft. Überleg doch mal wie schwer es ist nur eine von den drei möglichen Aufgaben zu lösen. Wie willst du da alle drei auf einmal schaffen!? Erstens der Oberhäuptling werden, ohne jemals zu töten, Zweitens als alter Mann eines natürlichen Todes sterben und dann noch drittens, den Seelenpartner finden und heiraten. Das ist unmöglich!“
„Deswegen reizt es mich ja auch so. Du verstehst das nicht. Wenn man als Team spielt wäre es bestimmt möglich. Einer alleine kann es nicht packen, aber wenn man zusammen spielt!“
„Das haben wir auch schon hundertmal durchgekaut. Die Chance das man selbst aufwacht ist schon unheimlich gering. Jemanden zu finden, der ebenfalls schon wach ist und spielt, noch geringer. Du weißt doch wie es immer läuft. Jeder für sich. Keine Teams. Das geht nicht,... schon wegen der Punkte. Wem soll man die gutschreiben wenn man sich mit einem anderen Spieler zusammentut. Stell dir mal vor wie einfach man bei den „REDs“ punkten könnte. Bei denen gibt es noch Punkte wenn man andere Spieler eliminiert oder behindert. Das ist fast so gut wie ein „perfect Game“ und unterm Strich auch mal was anderes! Außerdem kann man sich mit den stärkeren Zeichen ausrüsten!“ „Komm lass mich in Ruhe. Du vergisst immer wieder den Hauptnachteil als „RED“, dass es eben nur fast „perfekt“ ist. Ausserdem wird der bestehende Rekord von einem Blue gehalten und das seit geraumer Zeit. So und jetzt verschwinde, ich will mein letztes Spiel analysieren und dazu brauche ich meine Ruhe“: entgegne ich und werfe meinen Kumpel raus. Er ist eigentlich ein netter Typ, aber er macht es sich zu einfach. Deshalb wird er es nie über 6000 Punkte bringen. Er weiß es auch, aber macht es doch jedes Mal wieder falsch.
Ich denke nach und suche neue Möglichkeiten. Ob ich es beim nächsten Mal vielleicht mal mit nem anderen astrologischen Background versuchen sollte. Als Hase komme ich einfach nicht weiter, ich habe jetzt alle Sternzeichen durch und daran scheint es zu liegen. Als Junge, der im Jahr des Hasen auf die Welt kommt, bin ich einfach zu ängstlich. Tiger wäre ideal. Das dritte Zeichen hat am meisten Kraft und dazu noch Löwe. Aber das geht leider nicht. Nur die REDs dürfen als Raubtier anfangen. So sind die Spielregeln. Apropos Spielregeln, da werde ich jetzt mal drin nachschlagen wie man das kombinieren darf. Irgendeine Lösung muss es ja schließlich geben für dieses Problem. Ich suche und schlage nach, aber es ist sinnlos. Es ist wie mein Freund sagt. Man kann es nicht als „Blue“ schaffen. Alle starken Zeichenkombinationen sind den „REDs“ vorbehalten. Leider sind alle diese Kombinationen von fataler Stärke. Sie scheitern immer an der ersten Prüfung, von den anderen gar nicht zu reden. Ein Sprichwort lautet sogar:„ Ein Red stirb nie im Bett!“
Das ist wirklich ungerecht, wie soll man das nur schaffen. Ob mein Freund Recht hat. Ist das „perfect Game“ wirklich nur ein Trick des Spielleiters um die Leute bei der Stange zu halten. Aber das wäre ja ein Skandal, etwas anzupreisen was gar nicht geht.
Ich werfe die Spielregeln ins Regal und resigniere. Doch das Buch fällt wieder hinaus und das Kapitel Sonderfälle liegt offen. Ich sehe hin und lasse es erst mal liegen. Dann sehe ich genauer hin.
„Besondere Spieleinstellungen für den Vollprofimodus“ lese ich die Überschrift. Das habe ich mir eigentlich schon zigmal durchgelesen. Ob dort die Lösung liegt?
Ich hebe das Buch auf und lese.
“Im Profimodus ist es dem Spieler gestattet die Parameter des Seelenpartners einzustellen. Jedoch dürfen die Übereinstimmung nicht mehr als 1/3 betragen“.
Hmmh... schön und gut. Aber wie hilft mir das? ..... Heureka ich hab’s. „Das ist es....“: stammle ich fassungslos vor mich hin. Da wandere ich fast 2500 Jahren durch die Zeit und spiele immer wieder den gleichen Mist zusammen, statt mal die Regeln genau zu lesen.
Hektisch krame ich meine Tabellen raus und beginne zu rechen. Nach ein paar Operationen hab ich die Lösung. Sie liegt vor mir und es ist mir beinnahe peinlich wie einfach das ist.
Ich habe einfach mal was völlig absurdes ausgerechnet und Einstellungen vorgenommen, auf die kein anderer kommen würde.
Ich selbst werde mich als „RED“ eintragen lassen. Dann kann ich auch als Tiger-Löwe-Adler starten. Das ist der stärkste Wert den man erzielen kann. Um nicht das Startpunktelimit zu überschreiten muss ich allerdings einige Abstriche machen bei den persönlichen Eckdaten. Kurzsichtig, faul und vorlaut. Alles Sachen die man sich später abgewöhnen lassen kann.
Jetzt kommt der Clou. Ich bastle mir einen Seelenpartner zusammen in den ich mich, wenn ich ihn erst mal treffe, unsterblich verlieben muss. Das kann ich ja einstellen, da ich im Pro-Modus spiele. Er oder sie wird in meiner Umgebung aufwachsen und zwar als Hase. Das sind die süßesten Wesen und man muss sie einfach lieb haben. Die Werte einzuhalten ist gar nicht so einfach. Es ist ein schwieriges Unterfangen alle Parameter perfekt einzustellen. Aber am Ende schaffe ich es. Das wird vielleicht ein Spaß. Ich rechne mir aus was da alles an Punkten reinkommen könnte.
- Pro- Modus = 3x
- Teamwechsel im Spiel von RED auf BLUE = 3X das bisherige Zwischenergebnis !!!
- Seelenpartner geheiratet = 3X

Das ist ein anderes „perfect Game“, aber es ist genauso gut wie das Original. Vielleicht sogar noch besser! Das da noch keiner drauf gekommen ist? Jetzt werde ich unruhig, ob ich vielleicht was übersehen habe. Ein fataler Rechenfehler oder eine übersehene Spielregel vielleicht. Ich kann mein Glück noch gar nicht fassen und bin ganz hibbelig vor lauter Aufregung.
Ich rechne noch mal alles nach um es zu überprüfen, aber alles passt. Scheinbar habe ich wirklich den einzig möglichen Weg gefunden. Er ist makaber und völlig verrückt, aber nur so geht es.
Man muss unter unmöglichen Bedingungen als Monster beginnen, sich dann verlieben und das Team wechseln. Dann beginnt erst die eigentliche Arbeit, den Seelenpartner so umgarnen bis der sich ebenfalls verliebt. Das dürfte allerdings sehr schwer werden. Bei weniger als ... 23% Harmonie. Aber es ist nicht unmöglich und immer noch leichter als die anderen drei Aufgaben zu lösen. Wenn man dann unter der richtigen! Haube ist, kann man sich voll und ganz in die Arbeit stürzen und konstruktiv sein. Vielleicht etwas kreatives zu Papier bringen oder erfinden. Eventuell drei Kinder zeugen und einen Wald pflanzen. Damit kommt man locker über 33000 Punkte. Die Sache hat nur einen Hacken. Wenn ich es nicht schaffe meinen Seelenparten rechtszeitig zu finden und mich deshalb nicht verliebe, gibt es eine Katastrophe. Dann würde ich als Monster das Erwachsenenalter erreichen und unendlichen Schaden anrichten. Ich sehe noch mal ins Regelwerk und die Tabellen. Glück gehabt! Ich kann das Treffen ins Kindergartenalter vorverlegen. Das sollte reichen um den Schaden zu minimieren.

Den Plan muss ich auf jeden Fall geheim halten, sonst klaut mir noch einer mein Konzept und startet mit meinen Einstellungen vor mir. Am besten ich warte einfach bis meine Zeitstrafe abgelaufen ist und beginne dann ganz „spontan“ für das rote Team. Das wird Blue zwar verwundern, aber wenn er sich meine Parameter genau ansieht, wird er schon merken was ich vorhabe.
Dann sehe ich noch ein letztes Mal in das Buch. Was gewinne ich eigentlich wenn ich ein „perfect Game“ ablege?
Ich lese nach und finde keinen einzigen Hinweis. Seltsam! Ob ich mal beim Gamesmaster nachfragen soll?
Ich sende eine Anfrage an ihn und bekomme prompt die Antwort.
- Benennung des entscheidenden Spielzugs und der Grundeinstellungen nach dem Spieler.
- Ernennung zum Assistent Gamemaster für einen Teil der Realität.
- Oder ein garantiert tausend Jahre langes Leben als unsterblicher Spieler.

Also lohnen würde es sich auf jeden Fall!

Ende

Autor Stephan Schneider







 
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