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Wehe, wenn du Wind säst

Spannendes · Kurzgeschichten
Die Nacht war sternenklar und erste Anzeichen von Frost bildeten sich auf den Scheiben der Wagen, die in der breiten Auffahrt standen.
Es war eine totale Stille im Garten des grossen Anwesens, die nur dann und wann vom Schnaufen der Hunde unterbrochen wurde. Sorgfältig und wachsam drehte er seine Runde und seinen fixierenden, grauen Augen schien nichts zu entgehen.
Es war völlige Routine, die er Nacht für Nacht vollzog, und doch war er jedesmal erleichtert, wenn er sie ohne Vorkommnisse beendete.
Im Haus brannte noch Licht. Es war ein sehr altes Haus, eine Villa, die noch aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts stammte.
Er ging an zwei bewaffneten Männern vorbei, die für die Nachtschicht eingeteilt waren, nickte kurz und betrat die Eingangshalle. Von oben ertönte lautes Lachen und nur wenige Sekunden später kam ein kleiner Junge die Treppe heruntergestürmt, direkt auf ihn zu.
Nardo befürchtete schon, er würde auf dem glatten Marmorboden ausrutschen, statt dessen ließ er sich von ihm regelrecht abfangen und in die Luft wirbeln. Der Kleine kreischte vergnügt und versuchte, sich in Nardos schwarze Haare zu krallen.
"Was ist denn hier für ein Lärm" unterbrach sie eine schroffe Stimme von der Galerie herab.
Nardo ließ abrupt den Jungen zu Boden und blickte erschrocken nach oben. Die Stimme gehörte zu einem, für einen Italiener, hochgewachsenen Mann Anfang dreißig. Seine großen Hände ruhten auf dem Geländer, die dunkelbraunen, harten Augen waren auf die Beiden gerichtet. Ihre Blicke trafen sich und Nardo hatte das Gefühl, als hätte er sowas wie ein Lächeln in seinen Augen gesehen.
"Scusi, Senore. Wir wollten Sie bestimmt nicht stören..."
Kopfschüttelnd kam er die Treppe runter und beugte sich zu den Jungen herab. Dieser starrte nervös auf seine Schuhe.
"Pepi, wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst im Haus nicht rumtoben?!" Er fuhr ihm über den braunen Wuschelkopf.
"Und du förderst das natürlich noch," die Worte an Nardo gerichtet.
"Äh... ich..."
"Oh, Nardo." Er musste unwillkürlich lachen.
Bernardo Visconte konnte sich nur mit Mühe ein Kommentar verkneifen. Statt dessen betrachtete er beiläufig seinen Chef. Felipé Carrera war seit seiner Heirat vor vier Jahren nicht mehr der Mann, den er seit so langer Zeit kannte. Und diese Tatsache erfüllte ihn immer wieder mit einer inneren Zufriedenheit, die er gar nicht genau beschreiben konnte. Ja, er war noch immer sehr hart, aber als Patron über eine so grosse Familie wie diese, musste er das auch sein. Aber die rohe Brutalität vergangener Tage bestimmte kaum noch seinen Alltag.
"Draußen alles ruhig?" holte er ihn aus seinen Gedanken und strich sich beiläufig ein Haar von seinem schwarzen Versace-Anzug.
"Si, Patron."
"Schick bitte nach Fellini. Ich möchte, dass er einen Blick auf Suzanna wirft."
"Si, Patron."
Felipé nickte und wandte sich zum Gehen. Kurz vor der Treppe hielt er noch mal inne, blickte den Kleinen liebevoll an und streckte die Hand nach ihm aus.
"Komm, Pepi. Ab ins Bett, es ist spät genug."
Die kleine Hand verschwand völlig in der seinen. Gemeinsam gingen sie in den zweiten Stock hinauf. Plötzlich hielt der Kleine inne und sah seinen Vater mit grossen, braunen Augen an.
"Papa?"
"Hm?"
"Geht es Mutti nicht gut?"
Felipè beugte sich zu seinem Sohn runter und legte ihm die Hand auf die Schulter.
"Mutti ist nur erkältet, Pepi. Keine Angst, ok."
"Ich habe keine Angst," sagte er schnell. "Ich mache mir nur Sorgen."
Auf dem Flur kam ihnen eine junge Frau mit langen, blonden Haaren entgegen. Sie war sehr attraktiv, hatte blaue Augen, war schlank und trug eine Brille mit dünner Fassung.
Felipé blieb vor ihr stehen und sah sie mit hartem Blick an.
"Pepi, geh bitte schon mal auf dein Zimmer." Er wartete, bis die Tür hinter den Jungen ins Schloss fiel, ehe er sich wieder an die junge Frau wand.
"Ich erwarte sie in einer halben Stunde in meinem Arbeitszimmer. Ich hoffe, sie haben eine gute Erklärung, warum der Junge unbeaufsichtigt unten war." Seine Stimme blieb ruhig, aber seine Augen blitzten gefährlich auf.
"Und jetzt bringen sie ihn bitte zu Bett."
Sie nickte und hoffte inständig, er würde ihre Nervosität nicht allzu sehr bemerken.
Pepi saß schon auf seinem Bett und war dabei, den Schlafanzug überzuziehen.
Der Raum war für ein Kinderzimmer riesig. Er war aufgeteilt in Schlafzimmer und Spielzimmer.
"Helen, es tut mir leid, dass Papa böse auf dich ist," sprach er mit hoher piepsiger Stimme.
"Schon gut, mein Schatz." Sie räumte beiläufig einen Baukran aus dem Weg. "Versprich mir, dass du nicht immer wegläufst."
"Ich wollte doch nur Nardo begrüßen..."
Sie seufzte und setzte sich zu dem Jungen auf die Bettkante.
"Du musst jetzt aber nicht gehen, oder?"
"Alles was ich weiss, ist, dass du noch immer keine Zähne geputzt hast, junger Mann." Sie stand auf und schob Felipe zum anliegenden Badezimmer.
"Ich kann das schon alleine, Helen," sagte er und schloss ihr die Tür vor der Nase zu.
Sie wartete etwa fünf Minuten ehe sie an die Tür klopfte. "Bist du fertig?"
Er antwortete nicht, stattdessen öffnete er, zeigte ihr die geputzten Zähne und die gewaschenen Hände und ging an ihr vorbei zum Bett.
Helen zog die Vorhänge auf und schob das Fenster ein Stück hoch, um frische Luft hereinzulassen. Mondlicht fiel auf den blauen Teppich und bildete eine helle Bahn, die zum Wrack eines Modellschiffs führte, eines historischen Klippers, der mit drei gebrochenen Masten und einem fussgrossen Loch im Rumpf auf der Seite lag.
"Was ist denn da passiert?" Sie bückte sich. Es war die aus Balsaholz gebastelte und selbst bemalte Nachbildung der Santa Maria und gehörte definitiv seinem Vater.
"Oh," rief sie erschrocken und stellte das Wrack auf den kleinen Nachttisch neben Pepis Bett.
"Warum hast du das getan?" fragte sie mit strenger Stimme.
"Ich wollte es mir nur ausleihen um Pirat zu spielen. Ich wollte es nicht kaputt machen. Ehrlich." Er sprach für einen dreijährigen erstaunlich klar und komplex.

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