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5 Seiten

Die Verwirrten

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten
1. Else Ischendorf

Im Allgäu lebt Else Ischendorf. Sie besitzt einen rissigen Baum und das Haus dahinter. Es ist ein festes Gebäude, dass noch nie einmal umgefallen ist, falls es mal ein Erdbeben gegeben hat. Auch die Orkane und Wirbelstürme müssen spurlos vorbeigezogen sein, wenn sie denn diese Route genommen haben. Else ist das schnurzpipe, oder total egal, wie sie lieb sagt, wenn ein Wanderer des Weges kommt und nach dem Haus fragt. Dann brüht sie einen Tee auf, verbotenerweise Alpenveilchentee und fängt an zu erzählen:

Hier an dieser Stelle, an der sie gerade stehen, entschloss sich mein Urahn Jeppel einen Strauch zu bepflücken. Feinste Früchte hingen daran und er, vom Wandern müde wie ein Faultier und abgeschlafft wie ein Mann, nachdem er..., füllte seinen Mund, seine Kehle, seinen Magen seinen Dick- und Dünndarm mit saftigen, köstlichen Beeren. Als er dann allen Esskomfort beseitigt hatte, hörte er auf einmal eine Stimme. Erst dachte er an ein verspätetes Echo, dass ein anderer vor Tagen von hier losgeschickt hatte. Die Stimme aber rief ganz offensichtlich seinen Namen: „Jeppel, jeppel bleibe hier und beende deine Suche“. Die Stimme muss sehr überzeugend gewesen sein, denn nun steht ja hier das Haus, wie sie sehen. Original von Jeppel aufgebaut. Ich habe nur die Bettwäsche gewechselt.
Die Bank da drüben soll er gehobelt haben. Das hat meine Frau Großmutter uns immer wieder erzählt. Nach meiner körperlichen Entwicklung, die auch eine Gehirnerweiterung mit sich trug, konnte ich dann an der Bank entziffern, dass ein gewisser Made diese Bank gemacht haben muss. Außerdem ist sie ja aus Plaste wie sie sehen. Dass muss und hat meine Omama wohl übersehen. Damals hütete mein Ahne viele kleine Spatzen. Manche hatten gebrochene Flügel und andere gebrochene Schnäbel. Sie wären alle elendig verreckt, wenn es meinen Jeppel nicht gegeben hätte und wissen sie was?
Nein was denn gute Frau?
Ich bin Jeppel!!
Sie, sie sind Jeppel? Dann müssen sie ja hundert Jahre alt sein!
Ahhhh.

An dieser Stelle immer wieder das Gleiche. Else springt in ihrem schizophrenischen Wahn dem Wanderer auf den fortlaufenden Rücken und beißt sich in seinem Nacken fest. Wütend presst sie zwischen den geschlossenen Zähnen und der Nackenhaut immer wieder „Ich bin Jeppel“ hervor. Panisch läuft der Spaziergänger davon und kann sie noch gerade so abschütteln, am Baum abschaben.
Und wenn dann der Mann nicht mehr zu sehen ist, weiß Else nicht mehr was passiert ist. Dann denkt sie wieder, dass ein Springflut über ihren Berg gesprungen ist oder unten im Dorf der Apotheker eine Atombombe gezündet hat. Würde Jemand versuchen, ihr zu erklären, dass das nicht geht, würde sie laut lachen und dann wieder von Jeppel erzählen. Davon, dass er ja die Spatzen als die besten Tiere der Welt bezeichnete und davon, dass ihr Urahn dafür gesorgt hat, dass es überhaupt noch Spatzen gibt.
Else ist ein schwieriger Gesprächspartner. Der einzige Mensch, der sie näher kennt, hat es mittlerweile gelernt, ihre Jeppelgeschichten zu umgehen. Er ist Psychologe und weiß, was da am besten hilft. Schon von weitem ruft er „Else Ischendorf, Nachfahrin des Spatzenhüters Jeppel. Hier in meiner geschlossenen Hand, habe ich einen kranken Spatz. Ich werde ihn zerdrücken, wenn Du anfängst von Jeppel zu erzählen.“ Sie bekommt natürlich sofort dicke Augen und hält die Kusche. Nur manchmal schaut sie auf seine Hand und bittet um Freilassung des Vogels.
Der Psychologe muss die Frau öfter mal besuchen. Erstens um sich ein Bild von ihrem Zustand zu machen und dann kontrolliert er die Zäune, die Else weitläufig von den anderen Menschen abschirmen. Oder anders herum. Manchmal hat irgendein Tier ein Loch in den Maschendraht gefressen und so kommt es dann vor, dass sich ein Wanderer hierher verirrt und gebissen wird. Die Warnschilder müssen abgewischt oder wieder aufgestellt werden und damit Else nicht total ausflippt und ins Dorf kommt verabreicht der Psychologe ihr eine Spritze. Die macht Monate nur noch müde. Dann lässt er sie alleine.

Sie und ihre 10 000 imaginären Spatzen.

2. Der Auszieher

Zuallererst muss ich diesem Text voraussenden, dass ich gerade bis über beide Augen verliebt bin. Kurz ich bin blind vor Liebe und wenn man blind vor Liebe ist, hat man manchmal ganz komische Einfälle und so liegt jetzt gerade neben meinem Bett meine süße, kleine Freundin und hat nichts weiter an, als Nichts.

Ich hab sie ausgezogen. Erst hat sie sich gewehrt und geschrieen, aber jetzt ist sie ruhig. Für meinen Geschmack ein wenig zu ruhig. So kenn ich sie auch gar nicht. Und warum schaut sie kein Fernsehen? In zwei Minuten beginnt doch ihre Serie. Die, die sie immer so gerne schaut, weil da so hübsche Menschen mitspielen. Solche, die man nicht auf der Strasse treffen kann, weil ja keiner auf dem Bordstein mit acht Kilo Schminke rumstolziert. Das darf man ihr aber nicht sagen, weil sie dann wütend wird und wieder schreit. Von daher lässt man das am besten. Jetzt kann man das wohl sagen. „He Du, wilde Süße. Die Lumpenhunde von Deiner Serie sind alle total eklig und unhübsch.“
Ja, sie sagt gar nichts. Das ist lustig und gut. Da brauch man gar nicht aufpassen was man sagt. Wieso auch, ich bin ja der Mann im Haus. Das habe ich auch gerade überdeutlich klargestellt. Ansonsten wäre sie ja auch nicht so still. Ich glaube, das nennt man Respekt vor dem Mann. Ohne Probleme hätte ich jetzt Zugriff, zur von Zwergen aus Plaste geschnitzten Macht, der Fernbedienung. Aber was gucken, wenn man nie Fernsehen gucken durfte? Fußball? Schon längst habe ich das Interesse am Sport verloren. Krimi? Nein, da gruselt es mir. Ich kann einfach keine Pistole mehr sehen, seitdem das mit dem Überfall war.
Letzten Monat kam ich nämlich vom Müllweg- und Nahrungsmittelheimtragen nach Hause und hab den Nachbarn erwischt, wie er in unsere Wohnung eingebrochen ist. Als er mich sah, ist er schnell aus dem Schlafzimmer geflüchtet und ist weg. Meine Kleine hat sehr ängstlich geschaut. Jetzt geht es ihr gut. Ganz entspannt liegt sie da und lächelt ein wenig. Ungesund sehen ihre Augen aus, aber sie hat ja eben auch geweint. Da bleibt es ja nicht aus, das sich die Augenschmiere über die Wangen zieht und das ausgetrocknete Auge erst einmal Zeit brauch, um sich zu erholen. Ich glaube, dass sie gerade in dieser Phase ist. Man kann mit der Faust ganz dicht auf ihre Augen schlagen und sie zuckt nicht zusammen. Ich habe zwar noch nie was von offenen Augen gehört, die schlafen, aber nicht alles was man nicht hört, muss wahr sein. Aber diesen einen Blick kann sie nicht lassen, den hat sie auch vorhin gehabt. Das war so richtig Psycho und ist es immer noch. Für wahr liebe ich sie und natürlich hat jede Frau ihre Nichtqualitäten. Bei der einen ist es die Tatsache, dass sie ihre Slips nie wechselt und bei meiner lieben Kleinen ist es die Tatsache, das sie öfter mal denkt, sie sei mein Mann. Sie stellt mich auf die untere Stufe und zerquetscht mein kleines Seelchen mit ihrer gewaltigen Stimme, die mir fast die Ohren zerfetzt. Sie drängt mich in die Ecken und ich bekomme Angst. Jetzt ohne Kleid ist sie ruhig. Das rote Bett schlingt sich um ihre Hüften und hat seine Farbe auf sie gelegt.
Ihre Kleidung hab ich mir umgelegt. Rot tropft auf die Tastatur. Meine kleine Freundin ist aus ihrer Haut gefahren und ich hab geholfen. Das hat ihr gut getan. Sieht auf jeden Fall so aus.

3. Die Mutter der Tochter

Begehen wir diesen Text doch einmal mit einem saftigen „Hurra“. Und jetzt alle „Hurra“. Ihr sollt mitmachen!! Auch sie da mit den etwas dunkelblauen oder grünen Augen und sie sowieso Herr Leser Superschlau. Nun alle. „Hurra“. Schöne Leserschaft. Echt super.
Das haben sie jetzt davon. Das merke ich mir aber.

Die Geschichte spielt in Paris. Eine Frau hat sich die Haare getönt, weil sie von ihrem Freund verlassen wurde und hat nun Angst schwanger zu sein. Also eben vom letzten Beischlaf. Sie hat ihn sehr geliebt, weil er so charmant lächeln konnte und weil seine Eltern ganz nett waren. Kurz, eigentlich war er ein blöder Arsch gewesen, aber sie stand eben nun mal auf Ärsche. Das hat sie von ihrer Mutter geerbt. Sagt die Mutter. Der Vater hält sich da ganz clever raus.
Geschwister hat sie nicht und wird sie sicher auch nicht mehr bekommen, denn die Mutter hat sich die Gebärmutter rausschneiden lassen. Sie mag gerne essen und hat den ersparten Platz genommen, um sich den Bauch zu vergrößern. Die ganze Familie hat zusammengelegt, weil sie jedem auf die Nerven ging. Bei den jährlichen Familienfest ist sie mit einem Klingelbeutel rumgegangen und hat sich immer wieder neue Aktionen ausgedacht. „Fischotterschutz“, „Geld sammeln für usbekistanische Wintermäntel“ und „Hausbau für Hauslose“. Natürlich war der Familie klar, dass sie es für ihren Bauch wollte, denn als am Abend einer dieser Feiern, der Vater zuviel getrunken hatte, rutschte es ihm vor versammelter Mannschaft heraus. „Die Claudes hat schon 150 000 €, für ihren Bauch angespart“. Erst am nächsten Morgen wurde dann überlegt, was er denn damit gemeint hatte. Zuerst dachte man daran, dass sie sich auf eine gigantische Fressattacke vorbereiten würde, aber dann kam man irgendwie auf die Magenvergrößerung und wieso sollte man sie in ihren Traum nicht unterstützen. Als die Mutter aus dm Krankenhaus kam, gab es wieder eine Feier. Diesmal ohne Klingelbeutel.
Doch wir waren bei der Tochter. Sie ist vor zwei Wochen 31 Jahre alt geworden und hatte jetzt insgesamt 12 Freunde, 18 verschiedene Sex- und ca. 50 verschiedene Kusspartner. Um sich an alle Männer zu erinnern, hat sie sich zur Aufgabe gemacht einfach mal nach dem Namen zu fragen. Die schreibt sie dann in ihr Tagebuch. Ach, was war ihr letzter Freund erbost, als er das Buch gefunden hatte. Ihr Fehler war es nämlich gewesen, seinen Namen an die unterste Stelle zu schreiben. So, als wäre er schon gegessen. Außerdem fühlte er sich nicht so recht geschmeichelt, dass eine 3, hinter dem Namen, auf seine Mittelmäßigkeit hinwies. Das tat irgendwie weh, wie er meinte.
Böse war er dann ausgezogen und Sie, die Tochter der Magenerweiterin, die man nun auch beim Namen „Isabella“ nennen kann, war glücklich, dass er nur ein Arsch war.

Gerne hätte ich an dieser Stelle weiter geschrieben, aber ihr habt ja nicht „Hurra“ geschrieen.
 
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