234


13 Seiten

Belfast

Romane/Serien · Spannendes
Belfast
1.
An einer Hauswand in der Straße hatte jemand mit weißer Farbe geschrieben:
go home soldier
your presence here destroys the air
your smile disfigures us
go home soldier
before we send you home dead

Es war keine leere Drohung, nicht in diesen Straßen.

Kieran und Sean hatten den Heckenschützen auf dem Flachdach der Fabrikhalle gegenüber entdeckt und beobachtet, flüsterten miteinander, auf wen er es abgesehen haben könnte. Die Fabrik war nicht gerade der ideale Platz für einen sniper, ebensowenig wie die Umgebung, die er von dort aus ins Fadenkreuz nehmen konnte; Kieran vermutete, er müsste es auf einen Bestimmten abgesehen haben.
„SAS?“ fragte Sean.
Die Brits dementierten noch immer die Tatsache, dass es eine shoot-to-kill-order gab und die SAS davon immer wieder Gebrauch machte, wenn sie auch überlicherweise nicht von den Dächern der katholischen Wohngebiete aus agierten.
„Glaub ich nicht. Bleiben wir erst mal an ihm dran.“
Der Mann trug dunkle Kleidung und eine Wollmütze, die er sich tief bis über die Ohren gezogen hatte, obwohl es auf dem Dach nicht kalt war. Sein Gesicht war selbst durch das Fernglas nicht zu erkennen.
Kieran und Sean wechselten sich am Glas ab, reichten dabei die filterlosen Zigaretten hin und her. Rauchen war der einzige Zeitvertreib, wenn sie in der leer stehenden Wohnung über dem Wohngebiet wachten. Sie behielten den Mann im Auge, der entweder ein Spezialist der SAS oder ein Protestant aus der Nachbarschaft war, der sich für diesen Morgen etwas Besonderes vorgenommen hatte.
Nach einer halben Stunde schickte Kieran Sean ins Quartier zurück, weil er rausfinden wollte, ob eine größere Aktion der Brits angelaufen war, von der sie nichts mitbekommen hatten.
Häufig räumten die britischen Streitkräfte in Blitzaktionen Häuser und Wohnungen in den katholischen Sektoren und obwohl die Freiwilligen es nicht verhindern konnten, behielten sie ein waches Auge auf diesen Aktionen. Selbst bei der IRA gab es so etwas wie Bürokratie – sie dokumentierten alles, um es an die entsprechenden Stellen weiter zu geben, ebenso wie Berichte von Verhaftungen, Verhören und den Zuständen in den Gefängnissen.
Kieran hasste es, zum Zusehen verdammt zu sein, aber er hielt sich an die Befehle von oben. Er war zweiundzwanzig und seit sechs Jahren dabei.
Sean war in Belfast aufgewachsen, in der unmittelbaren Nachbarschaft von Protestanten, Wachtürmen, Grenzübergängen und verbarrikadierten Straßen, all das zusammen hatte ihn schnell in die Arme der IRA getrieben. Er hatte Kieran erzählt, dass er als Jugendlicher in Derry gewesen und an dem Friedensmarsch teilgenommen hatte, an diesem Sonntag im Januar, und was er dort gesehen hatte, verfolgte ihn noch heute.
Er war älter als Kieran, sie arbeiteten gut zusammen, wenn er auch kein Verständnis dafür hatte, dass Kieran immer wieder seine Frau besuchte.
„Das bringt euch beide in Gefahr“, sagte er, „es wäre das Beste, du schickst Moira zu ihrer Familie.“
Sean war Spezialist für taube Aktionen, hatte die nötigen Verbindungen durch ganz Belfast und im Umland, aber nebenbei agierte er in der selben Zelle wie Kieran. Die ständigen Überwachungs- und Abhöraktionen der Brits nutzten sie häufig, um Ablenkungsmanöver zu starten, riefen offene Telefonate ins Leben und sprachen über Revierüberfälle, Waffenbewegungen und Sprengfallen. Das löste Hektik in den RUC-Stationen aus, und die Lockvögel wurden innerhalb von Stunden festgenommen. Gleichzeitig konnte man in aller Ruhe am anderen Ende des Viertels die eigentliche Aktion starten. Es ging nicht immer gut, aber es war eine Möglichkeit, die RUC und die Brits mit den eigenen Waffen zu schlagen. Einige Jungs standen für diese Ablenkungsmanöver regelmäßig zur Verfügung.
Nach einer Stunde kam Sean zurück und sagte, dass niemand etwas wusste, also beobachteten sie weiter, was sich auf dem Dach gegenüber tat. Es vergingen zwei weitere Stunden und sie konnten keine Veränderung im Verhalten des Mannes erkennen. Er lag oder saß auf dem Dach, unmittelbar an der Kante, ab und zu war der Lauf des Gewehres zu sehen, wenn er es auf die andere Seite legte.
„Wir schnappen ihn uns“, sagte Kieran, „noch länger da oben und er wird ungeduldig und schießt vielleicht auf den nächsten, den er unten auf der Straße sieht.“
In der Straße, in der die alte Fabrik stand, waren nicht viele Passanten unterwegs, ein paar Kinder spielten vor ihrer Haustür, Frauen kamen vom Einkaufen zurück und nur ganz selten rollte ein Auto vorbei. Wenn, dann war es ein Wagen der RUC, denn das Viertel war vom normalen Straßenverkehr abgeschnitten. Es gab in der Straße kein einziges Geschäft.
Kieran übergab Sean das Fernglas, zog sein kariertes Hemd über und verschwand über die Feuertreppe in den Hinterhof hinüber. Bei jedem Schritt drohte die rostige Konstruktion zusammenzubrechen und sie wagten sich nie zu zweit auf die Stufen. In den Hinterhof führten hauptsächlich die Fenster der Hausflure und Toiletten, verdreckte blinde Augen der alten Häuser. Im Hof gab es einen Baum, in dessen Zweige alte Flugblätter und Abfall hingen, die Mülltonnen waren überfüllt und umgeworfen. Kinder spielten hier nicht wegen der Ratten und wegen der bewaffneten Männer, die die eine Wohnung für ihre Zwecke nutzten.
Durch die schmalen Seitengassen und durch die Hinterhöfe befreundeter Anwohner lief Kieran zum Quartier zurück, drehte eine zusätzliche Runde um das Haus, bevor er sich hineinschlich.
Es war ruhig in der Wohnung. Ian saß im Sessel am Fenster, blätterte in einer Zeitung und sah auf, als Kieran in der Tür stehen blieb.
„Auf dem Dach tut sich noch immer nichts“, sagte Kieran, „wir holen ihn jetzt runter. Wo steckt Tommy?“

Tommy und Sean stiegen zu dem vermeintlichen sniper auf das Dach, während Kieran ihn von dem Dach des gegenüberliegenden Hauses im eigenen Fadenkreuz behielt. Er würde ihn sofort abservieren, sollte er eine falsche Bewegung machen. Für Kieran war es nicht das erste Mal, dass er einen Schädel anvisierte, und er konnte nicht behaupten, dass es ihm nichts ausmachte. Er erledigte den Job und bemühte sich dann, keinen Gedanken mehr daran zu verschwenden.
Als 1969 die britische Regierung über die katholischen Straßen ein Ausgehverbot verhängt hatte, Familien vertrieb, war sein Vater Paddy aktiv gewesen und von ihm wusste er, wie es damals zugegangen war. Jeder ältere Einwohner der Falls Road hatte es noch in Erinnerung. Rev. Ian Paisley war mit seinen Leuten durch die Straßen gezogen, mit Holzlatten bewaffnet, durch deren Ende sie lange Nägel getrieben hatten. Die RUC hatte bei allen Aktionen daneben gestanden und keinen Finger gerührt.

Der Mann mit dem Gewehr sprang hektisch auf, als Tommy und Sean auf ihn zukamen, hatte das Gewehr am Boden liegengelassen, was für ihn sprach und ihn am Leben lassen ließ. Kieran schwenkte zwischen den drei Männern hin und her, Tommy dominierte die Szene auf dem Dach allein schon durch seine große massige Gestalt. Er wechselte ein paar Worte mit dem Mann und schon rannte dieser davon, Richtung Feuerleiter, als wäre der Todesengel hinter ihm her. Kieran hätte hinter ihm her schießen können, aber er tat es nicht. Er blieb auf dem Dach, bis Sean und Tommy außer Sicht waren. Häufig erledigten sie Mitglieder der protestantischen Gruppen weitaus radikaler, aber Tommy hatte, als er das zurückgelassene Gewehr an sich genommen hatte, eine abwinkende Geste zu Kieran hinüber gemacht. Als sie sich später im Quartier wieder trafen, hatte Tommy schlechte Laune und Sean verzog sich sofort in das hintere Zimmer, knallte beleidigt die Tür hinter sich zu.
„Was ist denn jetzt los?“ fragte Kieran.
Tommy holt sich einen Aschenbecher, setzte sich an den Küchentisch und zündete sich seine nächste Zigarette an. Es gab kaum eine Gelegenheit, bei der er nicht rauchte.
„Sean ist ein rechthaberisches Arschloch“, sagte er, „er hätte den Jungen am liebsten vom Dach geworfen. Meinte, wenn wir ihn laufen lassen, würde er das nächste Mal mit einem richtigen Gewehr wiederkommen.“
„Das Gewehr war ’ne Attrappe?“
„Spielzeug.“
„Niemand hindert ihn daran, das nächste Mal Passanten abzuknallen“, schrie Sean durch die Tür.
„Der kommt nicht wieder. Der weiß, was ihm blüht, wenn ich ihn hier noch mal erwische. Und du, Sean, du bist wie ein Stock in meinem Hintern. Mit dir arbeite ich nicht mehr zusammen.“
Kieran durchwühlte den Hängeschrank nach einem letzten Teebeutel oder irgendetwas ähnlichem, konnte aber nichts finden. Ian stand endlich aus dem Sessel auf und meinte, er würde in den Laden um die Ecke gehen und einkaufen. Er verzog sich immer, wenn Streit in der Luft lag.
„Ich weiß nicht, was du hast“, sagte Kieran, „ich komm mit Sean immer gut aus.“
„Nur, weil er den Bloody Sunday miterlebt hat und es jedem mindestens einmal am Tag erzählen muss, macht ihn das nicht zu einem guten Mann.“
„Die meisten arbeiten mit ihm lieber zusammen als mit dir“, bemerkte Kieran. Tommy drehte sich auf dem knarrenden Stuhl zu ihm herum.
„Wie meinst du das?“
„Sie verstehen deinen Humor nicht.“
„Ich hab keinen Humor.“
„Genau davon rede ich.“
Ian kam zurück und sie tranken Tee. Tommy klopfte persönlich an die Zimmertür und rief nach Sean, sagte ihm, dass er ein feiner Kerl sei und dass ihn das Geschehen von vor zwanzig Jahren geadelt habe, wenn er es auch nicht geschafft habe, sich eine Kugel als Andenken einzufangen.
„Irgendwann wird dir mal jemand dein dummes Maul stopfen, Tommy“, sagte Sean.

2.
Am Abend saß Moira mit einer Freundin in den Pub und traf dort Kieran, der sich einen Weg durch das Gedränge bahnte. Sie musste erst winken und rufen, bis er sie entdeckte und an ihren Tisch kam. Er versuchte, einen freundlichen Eindruck zu machen, aber sie sah sofort, dass es ihm nicht gefiel, sie hier zu sehen.
„Was machst du hier?“ fragte er, beugte sich zu ihr herunter, sein suchender Blick huschte über die anderen am Tisch, die er aber nicht einmal von sehen kannte. Ihre Freundin, schon etwas angetrunken, hob ihr Glas und sagte: „Wir trinken einen. Was sollten wir sonst machen?“
Kieran zog zwei Geldscheine aus der Tasche und drückte sie Moira in die Hand, sie versuchte sie ihm wiederzugeben, aber er legte ihr die Scheine wieder in die Handfläche und schloss ihre Finger darum.
„Geht woanders einen trinken“, flüsterte er, „bitte tu mir den Gefallen.“
Moira hätte sofort reagiert, denn sie wusste, wann es brenzlig wurde, aber ihre Freundin hielt sie unter dem Tisch fest und sagte, sie wisse nicht, was los sei und weshalb Moira schon gehen wolle. Der Abend habe doch eben erst angefangen gemütlich zu werden.
Kieran konnte nicht verhindern, dass Tommy auftauchte und sich interessiert zu ihnen gesellte. Sein Auftreten war energisch genug, dass einer der Männer, die mit am Tisch saßen, ihm seinen Stuhl überließ.
„Miss“, sagte er, „werden sie von diesem Kerl belästigt?“
Es war die erste Begegnung zwischen Moria und Tommy, die Kieran letztendlich nicht verhindern konnte. Moira sah erst diesen bulligen Kerl an, der abwartend grinste, dann zu ihrem Ehemann und sagte: „Als mein Mann belästigt er mich viel zu selten.“
Tommy lachte dröhnend durch den ganzen Pub, aber Kieran konnte das nicht komisch finden. Sie waren in den Pub gekommen, um einen Lastwagenfahrer zu treffen, der sich bereit erklärt hatte, ein paar heikle Dinge in seinem Wagen zu transportieren. Er kannte einige der Soldaten an den Straßensperren und wurde häufig durchgewunken, wenn er seine Lieferungen machte. Tommy hatte diesen Treffpunkt vorgeschlagen, obwohl er selbst ein gespaltenes Verhältnis zum Alkohol hatte. Er hatte Kieran erzählt, dass er versucht habe, sich tot zu saufen, dass es ihm nicht gelungen sei und dann das Gegenteil probieren wolle. Ganz ohne Alkohol ginge es ihm besser, aber er habe längst nicht mehr so viel Spaß.
„Irgendwann musste ich mit einer Sache aufhören – dem Alkohol oder der Army. Beides zusammen geht nicht.“
Kieran schaffte es nur mit viel Überredungskunst, Moira und besonders ihre Freundin loszuwerden; hatte ein schlechtes Gewissen, sie nicht zu begleiten, wenn sie in den nächsten Pub pilgerten, aber er konnte hier nicht weg. Er musste sich drauf verlassen, dass sie allein auf sich Acht geben konnte.

Tommy drückte ihn auf den Stuhl neben sich, schob die halbleeren Gläser von sich weg und begann, nach seinen Zigaretten zu suchen. Während er in den Taschen herumwühlte, sagte er: „Du solltest dieses Mädchen aus Belfast rausschaffen. Es wäre eine Schande, wenn ihr etwas zustoßen würde durch irgendwelche britischen Schweineköpfe.“
„Wenn, dann schaff ich uns beide hier raus“, erwiderte Kieran, „sie hat gesagt, sie geht ohne mich nirgendwo hin. Was soll ich also tun?“
„Da ist unser Mann“, flüsterte Tommy, „lass mich das machen. Er sieht in jedem fremden Gesicht einen Verräter.“

3.
Wenn Kieran mit den anderen durch die Straßen schlenderte, waren sie meist zu dritt, hielten die Augen offen, sprachen mit den Anwohnern. In den Straßen, in denen die Provos regelmäßig auftauchten, gab es weniger Überfälle der Protestanten und die Anwohner mussten nicht so häufig befürchten, von Räumkommandos auf die Straße gesetzt zu werden. Mit den Protestanten konnte man sich schon irgendwie arrangieren, aber nicht mit den behelmten und schwer bewaffneten Soldaten, die auf der Straße herumstanden, wenn Kinder zur Schule gingen, wenn die Mädchen vom tanzen kamen, wenn die Frauen ihre Einkäufe nach Hause trugen.
Tommy war groß und wog in seinen guten Zeiten über hundert Kilo, bewegte sich wie ein durchtrainierter Boxer. Für neue Freiwillige war er der pure Horror, denn er war der Lehrmeister der Zelle. Er brachte ihnen bei, was sie wissen mussten, um den Verhören Stand zu halten und vertiefte bei allen Provos, die es nötig hatten, ihre Anti-Verhör-Techniken.
„Es geht uns allen so“, sagte er, „wir haben mehr Angst davor, verhaftet zu werden, als uns eine Kugel einzufangen.“

Vor dem Kino sammelten sich gut gelaunte Kinobesucher, ein Mädchen sprach Tommy wegen Feuer für ihre Zigarette an und augenblicklich verwandelte er sich in einen Charmebolzen. Selbst mit seinem kurzgeschorenen Schädel, der mächtig grau wurde, hatte er etwas an sich, was die Mädchen anzog.
„Das ist erblich“, lautete seine Erklärung, „mein Daid konnte das auch.“
Sean hatte einmal gewagt, darauf zu erwidern, dass sein Daid sich darauf hätte konzentrieren sollen, den Röcken nachzustellen, dann hätten sie ihm nicht die Augen zugedrückt bei der Straßenkontrolle, und daraufhin hätte Tommy ihn fast aus dem Fenster geworfen. Ian und Kieran hatten es gerade noch so verhindern können. Es hatte die Spannungen zwischen den beiden nicht gerade abgebaut.
Er wechselte ein paar Worte mit dem Mädchen, schüttelte bedauernd den Kopf und ließ sie allein ins Kino gehen. Kieran schlenderte zu ihm hinüber und sagte: „Du hättest ruhig mit in die Vorstellung gehen können. Die hätte dir zu Hause auch noch einen Rosie Lee gemacht.“
„Nicht heute.“ Er sah zu Ian hinüber. „Sag ihm, er soll mit der Zappelei aufhören. Er sieht aus wie ein Junkie auf Entzug.“
„Er ist nervös. Du hast ihm Angst gemacht.“
Am Morgen hatte Tommy angekündigt, sie würden in einen Pub marschieren, der ein Treffpunkt der UDA sei und dort ein wenig für Stimmung sorgen. Ian war mindestens zwanzig Mal auf der Toilette gewesen.
„Er kann sich beruhigen. Selbst, wenn wir es heute durchziehen würden, würde ich ihn nicht mitnehmen. Ian ist ein guter Schütze, aber er hat zu schnell das Nervenflattern.“
Er latschte mit gemächlichen Schritten in das Kinofoyer, kam mit einer Tüte Popkorn wieder. Im Moment tat er alles, um sein Gewicht zu halten.
„Wie alt bist du jetzt?“ fragte er Kieran, „zweiundzwanzig? Mit dir arbeite ich noch am besten zusammen, Garsún.“

Kieran wurde von einem alten Mann in ein Gespräch verwickelt, es ging um seine Hühner, die er im Hinterhof hielt, und als er sich zu den anderen herumdrehte, war Tommy bereits oben an der Kreuzung und Sean wartete auf der anderen Straßenseite auf ihn.
„Kein Problem, Sir“, sagte Kieran, „wir kümmern uns darum.“
Er wartete, bis der alte Mann zurück ins Haus geschlichen war, lief dann zu Sean hinüber.
„Was für ein Scheiß Wetter.“
„Das kannst du laut sagen“, erwiderte Sean.
Es war nicht mehr ganz so nass wie noch am Vormittag, aber es pfiff ein eisiger Wind durch die Straßen, der einen den Sommer vergessen ließ. Sie blieben wieder zusammen, folgten Tommy zur Kreuzung. Sie waren umgeben von alten hohen Wohnhäusern, deren Läden in den unteren Etagen fast alle dicht gemacht hatten, nur ein paar Pubs zogen noch genug Kundschaft an.
An der Straßenecke stehend unterhielt Tommy sich mit einem Mädchen, das er aus dem Pub kannte, brachte sie zum Lachen und versuchte, sie in netter Form auf eine Verabredung festzunageln.

In dem Pub um die Ecke, in dem Tommy fast zu Hause war und trotzdem nichts trank, war es für ihn das natürlichste der Welt, die Mädchen aus der Umgebung nach Hause zu begleiten, wenn es zu spät geworden war. Una und ihre Freundin brachte er sehr häufig nach Hause, plauderte auf dem ganzen Weg mit ihnen und wartete vor der Haustür, bis oben in ihren Fenstern Licht angegangen war. Una nannte das manchmal seine Freundschaftseskorte und sie nahmen sie alle gern in Anspruch. Er war dabei aufmerksam und nie aufdringlich. Una war ein nettes Mädchen, trug ihr Haar in einem schwarzen Pagenkopf und wohnte ein paar Blocks weiter. Tommy sah sich an der Kreuzung um, fragte, ob sie sich später im Pub treffen könnten und sie verneinte lächelnd. Als sie sich nicht dazu überreden ließ, wollte er nur noch, dass sie nach Hause ging.
„Es passiert im Moment zu viel in dieser Gegend“, sagte er.
„Aber ich warte hier nur auf meine Freundin.“
„Ich richte ihr schon aus, dass du zu Hause bist.“
„Du bist doch bloß hinter mir her.“
„Ich will nur, dass dir nichts passiert.“
Kieran und Sean waren an der Ausfahrt des alten Kohlehändlers vorbei, blieben stehen und zündeten sich eine Selbstgedrehte an, die sie zwischen sich hin und hergehen ließen. Schon die Körpersprache bei Tommy und Una machte deutlich, was zwischen ihnen los war. Sie lehnte mit dem Rücken an der Mauer, hatte die Hände hinter sich verschränkt und blinzelte zu ihm hoch, den Kopf schief gelegt. Die Sonne blendete sie. Tommy stand neben ihr, das Gewicht auf einen Fuß verlagert und stützte sich mit einer Hand neben ihr an der Mauer ab.
„Der hat aber auch immer ein Schwein“, murmelte Sean.
„Der alte Sack sollte sich mal etwas zusammenreißen“, erwiderte Kieran trocken.
Tommy war zehn Jahre älter als er, Anfang dreißig. Er war so ziemlich der einzige in der Truppe, der seinen Humor nicht verloren hatte, obwohl er meist mit einem konzentriert bitteren Gesichtsausdruck herumlief.
Der sniper an der Dachluke des gegenüberliegenden Gebäudes musste sie schon eine ganze Weile im Visier gehabt haben. Sie hätten ihn bemerkt, wenn er sich bewegt, wenn er das Gewehr über den Rand der Luke geschoben hätte, aber so schien alles friedlich zu sein an diesem Abend. Erst letzte Woche hatten die Briten in der Nachbarschaft zwei Häuser gestürmt, alle festgenommen, denen sie habhaft werden konnten und einer der Jungs, den die Panik gepackt hatte, war durchs Fenster gesprungen und hatte zu flüchten versucht. Die RUC hatte ihn erschossen, weil er nicht stehen geblieben war. Die Nachricht war blitzschnell herum gewesen, und seitdem war es verdächtig still gewesen.
Tommy sah das Loch in der Mauer neben seiner Hand entstehen. Wie durch einen Zoom und in Zeitlupe sah er die Backsteinbrocken und Splitter herumsirren. Er hatte sofort den trockenen Steingeruch in der Nase und obwohl er den Schuss nicht gehört hatte, wusste er sofort, was los war. Una lehnte noch immer an der Wand, den Kopf schief gelegt und der Wind hob ihren Rock ein wenig, mit einer Hand hielt sie ihn an ihrem Oberschenkel fest. Er hatte keine Zeit, Rücksicht darauf zu nehmen, ihr keine blauen Flecken zu bescheren – er packte sie an der Schulter und warf sie hinter sich, drehte sich zu der leeren Straße herum. Es ging alles so schnell. Er sah niemanden, aber gleichzeitig mit dem aufblitzenden Lichtpunkt unter dem Dach, was man für die Reflektion einer leeren Dose oder einer Glasscherbe hätte halten können, traf ihn das erste Projektil. Er fühlte, dass er getroffen wurde, trotzdem dachte er nur daran, das Mädchen in Sicherheit zu bringen. Sie war so klein und schmal, ging hinter seinem Rücken total verloren, ansonsten hätte sie möglicherweise auch etwas abbekommen.
Als sie das Blut auf seinem Hemd sah, wusste sie was los war, versuchte sich in seinem Griff wegzudrehen und fortzulaufen, in die Richtung, aus der die Schüsse kamen. Die zweite Kugel traf ihn am Oberschenkel und er riss sie mit sich zu Boden, als sein getroffenes Bein unter ihm nachgab.
„In den Hauseingang“, sagte Tommy mit einer Ruhe in der Stimme, die Una noch lange im Ohr haben würde, „lauf rüber. Bleib nicht stehen und dreh dich nicht um. Lauf einfach.“
Sie lag zitternd unter seinem Arm, sah in sein gefasstes Gesicht und drückte sich hoch. Die Straße war nicht breit, aber sie kam ihr endlos vor. Dort stand kein einziges Auto, hinter dem sie sich hätte ducken können, also versuchte sie sich ganz klein zu machen und spurtete los. Tommy brachte sich wieder auf die Beine, versuchte das Blut auf der Straße zu ignorieren. Es waren nicht nur Tropfen, es war eine Lache, die sich schnell ausbreitete.
Sieh nicht hin, dachte er, es ist nur Regen.
Er trat auf die Straßenmitte der Kreuzung, um den sniper die Sicht auf Una zu verdecken, dachte schon, der Kerl hätte genug, aber die dritte Kugel traf ihn an der Hüfte. Es brannte zunächst nur wie ein Wespenstich und er schaffte es bis an die nächste Ecke, wo er sich in den schmalen Hausflur lehnte und die Beine unter ihm nachgaben.
Endlich reagierten Kieran und Sean, die an der anderen Straßenseite gestanden hatten. Sicher hatten sie sofort reagiert, als Tommy sich das Mädchen geschnappt hatte, aber ihm kam es vor, als hätten sie Stunden gebraucht. Er hörte die Schüsse, als sie den sniper unter Beschuss nahmen. Plötzlich war Una wieder an seiner Seite und er konnte ihr nicht sagen, dass sie verschwinden solle, weil ihm das Atmen schwer fiel. Er dachte, er sei in einen See gefallen und bekäme jetzt unter Wasser keine Luft mehr. Er wollte sich an die Oberfläche treiben lassen, aber die Schmerzen zogen ihn nach unten. Dann war Seans Stimme mit einmal ganz dicht an seinem Ohr.
„Ich sag dir, das war das Schwein, das du hast laufen lassen. Das war ein Fehler. Wie sieht’s aus? Wo hat er dich erwischt?“
Seans Gequatsche brachte ihn auf die Palme und fast wäre er wieder auf die Beine gekommen, aber Kieran kam dazu und zu dritt hielten sie ihn am Boden. In seinem Kopf drehte sich alles. Kieran war nahe davor, in Panik zu geraten. Tommy sah ihn noch immer an, als wolle er sagen, es sei alles halb so schlimm, aber das viele Blut sagte etwas anderes.
„Wir brauchen ein Auto.“
Una sagte: „Mein Bruder hat einen Lieferwagen, aber der ist nicht zu Hause.“ Sie sah Kieran an. „Können sie den starten?“
„Ich mach das“, sagte Sean.
Kieran blieb bei Tommy, hielt ihn gegen die Wand gedrückt und flüsterte ihm zu, dass sie den Kerl erwischt hätten, Tommy holte mühsam Luft und verdrehte die Augen, dass nur noch das Weiße zu sehen war. Kieran schrie die Straße herunter, dass sie sich mit dem verfluchten Wagen beeilen sollten.
Der Lieferwagen kam rückwärts auf sie zugeschossen, hielt mit quietschenden Reifen direkt neben ihnen an. Sean blieb hinter dem Steuer sitzen, während Kieran und Una Tommy in den Stauraum zerrten. Fast hätten sie es nicht geschafft. Ganz undeutlich glaubte Kieran ihn etwas murmeln zu hören, das sich anhörte wie „Ihr werdet mich doch nicht fallen lassen“ und er sagte Una, sie solle seine Beine loslassen. Er zog Tommy hoch, stützte ihn und schaffte es tatsächlich, ihn auf die schwankenden Beine zu stellen.
Jetzt in den Wagen, dachte er, visierte die offene Schiebetür an, wenn er mir hinfällt, krieg ich ihn nie mehr hoch.
Er hebelte sich unter Tommys Achsel, Una auf der anderen Seite und sie schleiften ihn in den Wagen. Mehr als die paar Schritte, die nötig waren, hätten sie nicht geschafft. Es war allen ein Rätsel, wie Tommy sein Kampfgewicht hielt, und er brachte zur Zeit etwa hundertzwanzig Kilo auf die Waage. Er trainierte in unregelmäßigen Abständen in einem Boxclub.
„Fahr schon los“, schrie Kieran, zog von innen die Schiebetür zu, die nicht im Schloss einrastete und während der Fahrt wieder aufging. Kieran zog Tommy in die gegenüberliegende Ecke, setzte sich neben ihn und hielt ihn fest.
„Ich hab gesehen, wie der Mann aus dem Fenster gefallen ist“, sagte Una, „der auf ihn geschossen hat. Wer war das?“
Unter normalen Umständen wäre der sniper nicht vertikal der Fassade gefolgt – er hätte sich nach hinten in den Speicher zurückgezogen und wäre unbehelligt geflohen, aber er machte den Fehler, sich weit aus der Luke herauszulehnen und neu anzuvisieren, vermutlich sehr verärgert darüber, dass dieser verfluchte Ire noch immer nicht umfiel. In dieser wenig vorteilhaften Pose hatten ihn Sean und Kieran erwischt.
Kieran drehte sich zu Sean herum, konnte in seiner Position nicht über die Rücklehne des Fahrersitzes hinwegsehen und rief deshalb, ob Sean überhaupt wisse, wie er fahren musste, um ins nächste Hospital zu kommen.
„Ich weiß schon, wo ich lang muss“, schrie Sean zurück.
„Wenn du noch länger brauchst, lohnt sich die Raserei nicht mehr.“
Tommys Kopf hielt er fest an sich gedrückt, Una presste ihre Hände auf die Austrittswunde am Oberschenkel, aus der das Blut sprudelte. Ihr Rock hatte längst eine hellrote Färbung angenommen, klebte feucht an ihren Beinen.
Endlich erreichten sie das Krankenhaus, einen modernen Bau mit Parkplatz und einer extra Anfahrt für die Notaufnahme. Vor der Tür hätte Sean fast noch einen Pfleger umgefahren, der gerade aus der Tür kam und im letzten Moment zur Seite springen konnte. Sean würgte den Motor ab. Una sprang als Erste aus dem Wagen, rannte an dem Pfleger vorbei in die Notaufnahme, wo man sie zunächst für das Unfallopfer hielt. In ihrem aufgelösten Zustand sah sie aus, als sei sie gerade noch lebend einem Verkehrsunfall entronnen. Sie verteilte überall kleine hektische Blutspritzer.
„Nein, im Wagen“, sagte sie, „er liegt im Wagen.“
Fast erwartete sie, die beiden am Wagen nicht mehr anzutreffen, aber sie waren noch da, als sie mit den Ärzten der Notaufnahme wiederkam. Mit dem Hemdsärmel wischte Kieran das Blut aus Tommys Gesicht und versuchte Abschied zu nehmen. Er war fest davon überzeugt, dass sie es nicht geschafft hatten; Tommy war in seinen Armen gestorben und er hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Wem sollte er bescheid geben, wen sollte er darüber informieren?
Zwei Ärzte kletterten zu ihm in den Wagen, ließen Bemerkungen über die Schweinerei fallen und brachen dann in Hektik aus, als sie noch Puls und Atmung feststellten. Was weiter geschah, konnte Kieran nicht mehr verfolgen; kaum hatte man Tommy in die Notaufnahme gebracht und für die OP vorbereitet, interessierte sich die RUC für sie. Zwei Männer in Zivil schlichen schnüffelnd um den Lieferwagen herum und machten sich Notizen. Kieran beobachteten sie durch die Glastür, ging zurück zu Una, die in der Cafeteria saß, mit leeren Augen in ihren Styroporbecher mit Tee starrte.
„Du verschwindest besser“, sagte Kieran, „draußen haben sich die Bullen eingefunden.“
Sean sagte, sie solle den Wagen als gestohlen melden.
„Verbrenn die Sachen, die du trägst, wasch dir zu Hause sofort das Blut ab. Erzähl niemandem, was passiert ist.“
Kieran begleitete sie zum Vordereingang, sagte noch: „Danke für deine Hilfe. Ohne dich hätten wir das nicht geschafft. Wenn du oder deine Familie Hilfe brauchen...“
„Ich hab’s für Tommy getan“, sagte Una und war verschwunden.
Als Kieran sie Jahre später an dem Schreibtisch des Sinn Fein Büros wiedersah, hatte sie ihr Haar noch kürzer geschnitten und war dick geworden, was ihrer Erscheinung aber nicht schadete. Es ließ sie energisch und unverwundbar erscheinen. Kieran hätte sie gerne angesprochen, ein paar Worte mit ihr gewechselt, aber dann hätte sie sich bestimmt an ihn erinnert. Sie hätte nach Tommy gefragt und über ihn wollte er selbst im Büro von Sinn Fein nicht sprechen.


Das hier ist ein kleines Kapitel aus meinem ersten Irlandbuch. Ich habe versucht, es für eine Kurzgeschichte umzustricken, da es eigentlich eine Rückblende darstellt und einige Hintergründe der ganzen Story erklärt. Die Spirale der Gewalt ist allgegenwärtig. Das einzig wichtige ist, sie zu durchbrechen und davon handelt dieses Buch.

Ich wäre euch allen dankbar, wenn ihr mir eure Kritik dazu geben könntet. Wie bei eigenen Kindern sieht man die Fehler leider nicht, selbst wenn sie offensichtlich sind.
Ich bin für alles dankbar, Kritik an Satzstellung, Logische Abfolge, Dialoge, Charaktere...
 
Wenn du registriert und angemeldet bist und selbst eine Story veröffentlicht hast, kannst du die Stories bewerten, oder Kommentieren. Wenn du registriert und angemeldet bist, kannst du diese Story kommentieren.
Weitere Aktionen
Wenn du registriert und angemeldet bist, kannst du diesen Autoren abonnieren (zu deinen Favouriten hinzufügen) und / oder per Email weiterempfehlen.
Ausdrucken
Kommentare  

Noch keine Kommentare.

Login
Username: 
Passwort:   
 
Permanent 
Registrieren · Passwort anfordern
Mehr vom Autor
Fisteip - Inhaltsangabe  
Das Haus auf der Klippe - Inhaltsangabe  
Hanami - trauriges Kirschblütenfest - WIEDER KOMPLETT EINGESTELLT  
Mein kurzes Leben mit einem Vampir  
Winterreifen für Schubkarren  
Empfehlungen
Andere Leser dieser Story haben auch folgende gelesen:
---
Das Kleingedruckte | Kontakt © 2000-2006 www.webstories.eu
Counter

Counter Web De