Er hörte die flüsternden Stimmen der Männer in dem so düster wirkenden weiten Clubsaal, die in einem Kreis, dicht beieinander sitzend, sich nach vorn beugten, damit ihre neugierigen Ohren näher zusammen kamen. Als müssten sie sich davor fürchten, etwas von ihrem unentbehrlichen Geheimnis Preis zu geben.
Die Stühle knarzten, aber es schien niemand im großen Clubsaal der Bibliothek zu stören.
Für Sekunden schloss ein Mann im verborgenen Schatten des Clubsaals die Augen und konzentrierte seine Sinne auf die Stimmen, die im Inneren des weiten Raumes zu hören waren. Wie das Feuer der Kerzen, die in einem Leuchter auf dem großen runden Tisch standen, loderte seine Neugier in ihm, dass zu erfahren, was er wissen musste.
Ein verstohlener Blick glitt durch den Clubsaal, als ahne er ein sich anschleichendes Unheil, wenn er mit seinen suchenden Blicken durch den ruhigen Raum fuhr und in die Gesichter sah, die ringsum in einer Gruppe saßen.
Da saß er nun, zurückgezogen in der dunkelsten Ecke des geräumigen Clubsaals, ein aufgeschlagenes Buch im Schoss und mit den Ohren ganz woanders. Seine rechte Hand fuhr vorsichtig über das raue Papier des Buches, während seine Augen nach einer bestehenden Möglichkeit suchten, die flüsternden Stimmen weiter einzufangen, die leise, aber doch gespenstisch durch den Raum drangen.
Allein das Licht der Kerzen lies den Clubsaal in ein düsteres Antlitz fallen, wohingegen die grotesken Schatten, die gegen die gefüllten Bücherregale fielen, wie stille Beobachter wirkten, die diese unheimliche Atmosphäre noch verstärkten.
Er frönte sich in dem Gefühl, von niemandem entdeckt zu werden, da seine Gestalt durch den ferneren Kerzenschein auf dem runden Lesetisch nicht eingefangen wurde. Er war schwarz bekleidet, trug schwarze hohe, lederne Stiefel, die nahezu bis zu seinen Oberschenkeln wanderten und mit Lederbändern zusammengeschnürt waren. Eine weite Kapuze, die an seinem scheinbar endlos langen Mantel angebracht war, hing auf seinen Rücken herunter. Seine Hände waren in den tiefen Taschen des Mantels verschwunden. Sein Gesicht streifte ein schmaler Kerzenschein, als ein Beauftragter der Bibliothek ein Buch in das Regal zurückschob. Für einen Augenblick erschrak der Bibliothekar, als er den zornigen Blick des Mannes entdeckte, der regungslos im Stuhl saß. Ein beklommenes Gefühl durchfuhr den Beauftragten, der schnell wieder seines Weges ging.
Ein kleiner Junge störte die beschauliche Ruhe, als er in den Clubsaal eintrat. Die Männer horchten auf, als er die Tür hinter sich schloss und den Raum betrat. Ein blauer Nebelschleier aus Tabakrauch hing in der Luft und durchzog den gesamten Saal.
Schwer atmend kam der Junge den Männern näher. Seine Augen offenbarten Angst und sein Körper wirkte unschuldig und gezeichnet. Er fror und wog sich glücklich, als er für diesen Moment seines Lebens, die wenige Wärme schöpfen konnte. Er trug zerschlissene Stoffschuhe, schmutzige Kleidung und was noch erstaunlicher war: Seine Hand war blutverschmiert. Zitternd hielt er einen Brief in der Hand. Er stellte sich den entsetzt schauenden Blicken der Männer und sah sie mit glasigen Augen an. Aber dann, nachdem er sie alle sorgfältig betrachtet hatte, wandte er sich um und warf seinen Blick durch den weit, sich nach hinten ziehenden Clubsaal. Entgegen all seinen Vorstellungen konnte er dort eine dunkle Figur sitzen sehen. Die Männer jedoch starrten nur in eine dunkle Ecke, wo nichts sein durfte. Doch sie irrten sich.
Der Junge lief geradewegs auf den stillen Mann zu, der sich im Dunkeln seiner Sicherheit währte. Trotzdem blieb er ruhig und quälte sich zu einer inneren Stille, denn ihn überfiel ein unbeschreibliches Gefühl von Gefahr.
Der Junge streckte den rechten Arm aus und hielt in seiner geschundenen Hand einen grauen Umschlag. Er hatte Angst, er fürchtete sich vor dem geheimnisvollen Mann, der den Jungen mit seinen funkelnden Augen anstarrte. Er übergab den Umschlag. Jetzt streckte der geheimnisvolle Mann seine Hand aus. Zaghaft näherte sich der Junge mit seiner Hand, bis ihm ein Goldstück in die Hand fiel. Daraufhin rannte der Junge aus dem Clubsaal. Er war schneller verschwunden, als der Mann den Umschlag zwischen seinen Fingern spüren konnte. Der Umschlag war rau und er fühlte, dass er gefährlich war. Er betrachtete das Siegel, welches die Unversehrtheit dieser darin liegenden Botschaft gewährte. Es schien einen verwunderlichen Eindruck auf ihn auszuüben. Kunstvoll ineinander verschlungene Ornamente bildeten in ihrer augenscheinlichen Schönheit einen Kreis, der von einer Raute, die an ihren Spitzen rund zusammenliefen und in eine andere Richtung schlugen, eingefasst war.
Vorsichtig öffnete er den Umschlag, dass Siegel zerbrach.
Vertrauen bedeutet den Starken Schwäche,
doch den Schwachen Stärke.
Weisheit und Gleichgewicht entstehen durch
die Kenntnis der eigenen Natur.
Wenn die dunklen Wolken kommen, der Tag zur Nacht wird,
wenn es dämmert, dann ist es soweit.
Ich erwarte Sie. Garett.
Er brauchte sich keiner Überlegung zu bemühen. Er kannte Garett gut. Lange hatte er auf solch eine Botschaft gewartet. Er legte sie zurück in den Umschlag. Dann atmete er tief ein und erhob sich aus seinem Stuhl. Ein schelmisches Grinsen fuhr durch sein Gesicht, als er wie ein Gespenst unbemerkt an den Männern vorbeischlich und den Clubsaal nichtssagend wieder verließ.