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2 Seiten

Todesangst

Trauriges · Kurzgeschichten
Milenas Hals schmerzte furchtbar und beim Schlucken glaubte sie einen scharfkantigen Kloß hinunterwürgen zu müssen. Ihren Kopf konnte sie nur mit Mühe drehen, da sie noch immer seine Finger, wie einen zu eng angelegten Gürtel, um ihren Hals spürte. Sie weinte! Nicht der körperliche Schmerz, sondern die Wunden ihrer verletzten Seele, lösten diese Tränenflut aus. All die Jahre hatte sie ihm blindlings vertraut und nun das.

Auslöser dieser barbarischen Tat war ein Topf mit Suppe gewesen, der nur darauf gewartet hatte, vom Herd genommen zu werden. Sie konnten sich einfach nicht einigen, wer dies erledigen sollte.
Diese belanglose Auseinandersetzung hatte ausgereicht, einen stressigen und arbeitsreichen Tag, zum Horrorszenario entarten zu lassen.

Milena erinnerte sich an kräftige Finger, die ihr Handgelenk schmerzhaft umschlungen hielten, während sie auf einem Stuhl saß und mit ihrem Gegenüber, in einem absurden Wortwechsel gefangen war. Ihre Bitten, den Griff zu lockern, wurden missachtet.
Sie bekam Angst und eine laute, fast schrille Stimme in ihr schrie:
WEHRE DICH!
Zuerst kreischte sie ihm giftige Worte ins Gesicht, doch das machte alles nur noch schlimmer. Grenzenlose Wut stieg in Milena auf und sie trat nach ihm, bis sie, samt ihrem Stuhl, auf dem Boden lag. Er packte Milena an den Schultern, hob sie hoch und halb schleifend und halb sie tretend, zerrte er sie durch einen kleinen Flur ins Schlafzimmer. Unsanft landete sie auf dem Bett. Als seine Hände ihren Hals umschlangen und sie über sich, sein entschlossenes Gesicht sehen konnte, glaubte sie noch für Sekunden an einen schlechten Witz. Es würde sich als Traum herausstellen, schließlich bekamen auch nur andere Krebs und nie man selbst.
Der Schmerz wurde stechender. Ihr Hals fing an zu brennen.
Er schrie sie immer wieder an: „Willst du sterben, willst du wirklich sterben?“.
Milena dachte nur an eines: Er bringt mich um, er bringt mich tatsächlich um.
Erleichterung machte sich in ihr breit, als seine vor Wut verzerrte Miene, endlich in gnädigem Nebel verschwamm. Sie war kurz davor das Bewusstsein zu verlieren. Es füllte sich an, wie dieses unvergleichliche Gefühl, wenn nach einer grässlichen Migräne, plötzlich die Pille anfing zu wirken - der peinigende Schmerz im Dunkel des Unterbewusstseins verschwand. Ihre Augen schlossen sich.

Der Druck am Hals ließ schlagartig nach! Er stieg von Milena herunter und sie hustete erbärmlich. Ihr Hals tat höllisch weh. Als sie sich mühsam zur Seite drehte, unfähig aufzustehen, dachte sie an den Tod. Was war dieser klägliche Schmerz im Angesicht des Todes? Hätte er sie nicht losgelassen, der milchige Nebel hätte sie für immer eingehüllt. Es war ein undefinierbar beängstigendes Gefühl zu wissen, wie es sein könnte, zu sterben.
Mit Sicherheit konnte sie nicht sagen, ob sie jetzt nicht lieber tot wäre.


Endlich schaffte es Milena aufzustehen und rannte unbeholfen vom Schlafzimmer ins Bad.
Er folgte ihr. „Lass uns reden?“
Das war nicht sein Ernst!
Rede, bevor du jemanden umbringen willst, kam ihr in den Sinn, doch sie konnte nicht sprechen. Ein klägliches Krächzen war alles, was sie zustande brachte.
Er drängte sie, indem er heftig mit der Faust auf ihre rechte Schulter schlug, in Richtung Toilette.
Nicht berühren, bitte nicht berühren!
Als hätte er auf einen Schalter gedrückt, war ihre Stimme wieder da. Milena schrie um Hilfe. Er reagierte unerwartet; abrupt wandte er sich von ihr ab und ging aus dem Raum. Ihre Schreie erstarben.

Da saß sie nun auf dem Boden und weinte leise vor sich hin. Ängstlich, sah sie beim kleinsten Geräusch zur Tür. Willkommen im Kreis der gequälten Frauen, die auf Badezimmerteppichen saßen und blöd herumheulten, anstatt ihre Koffer zu packen.

Es war ihr Leben und ihre gemeinsame Liebe gewesen. Er hatte alles zerstört. Sie weinte unaufhörlich und alle klaren Gedanken gingen in ihrer Tränenflut unter. Erschöpft und alleine mit ihren verlorenen Träumen schlief sie irgendwann auf dem bunten Vorleger ein...

...und morgen begann ein neuer Tag.
 
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Kommentare  

Was gibt es dazu zu sagen...Menschenschicksal hautnah und brutal ehrlich. Super!

Günter (14.02.2005)

Und wieder eines der namenlosen Opfer ehelicher Gewalt, die in keiner Statistik auftauchen werden, weil sie es vorziehen, in der Abhängigkeit zu verharren und die Dunkelziffer in die Höhe zu treiben. Jaja....

Schöne, ausgefeilte Situationsbeschreibung. Dass du darauf verzichtest das Wie, Warum, Weshalb und die Gedanken der Geschlagenen zu schildern gefällt mir, weil es Raum lässt für eigene Gedanken. Dem Leser wird kein vorgefertigtes Gefühl offeriert - er kann selber entscheiden, ob er die Protagonistin verachten oder bemitleiden möchte.

5 Punkte


Gwenhwyfar (07.06.2002)

Sehr gut und lebendig geschildert. Man erlebt jeden einzelnen Augenblick mit. Packend ist der richtige Ausdruck für diese Geschichte. Deprimierend, ja geradezu beängstigend, ist der offene Schluss. Sie wird doch nicht etwa bei diesem Dreckskerl bleiben, oder...?

Stefan Steinmetz (02.03.2002)

leider die bittere Wahrheit! Ergreifend geschrieben!

Helga Lindner (26.11.2001)

Hallo Kyra

wir scheinen hier unter dem gleichen Namen zu posten, das ist etwas verwirrend. Diese Geschichte "Todesangst" ist wohl Deine erste hier, nur wird sie jetzt bei mir mit angeführt. Ich habe schon an die Admin gemailt. Ich könnte auch unter meinem Nachnamen posten. Nur so sollte es nicht bleiben, weil wenn jemand Dir antworten würde, würde diese Mail bei mir landen.

Viele Grüße

Kyra


Kyra (19.11.2001)

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