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5 Seiten

Wie das Leben so spielt

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten
Mann oh Mann, die Scheiße flog mir hinterher und große, schwarze Mückenschwärme meiner Scheiße. Nicht das ich den Tierchen ihr Pläsierchen nicht gegönnt hätte, aber konnten die mir wirklich helfen? Schmarotzer! Nichts als Schmarotzer!
Das Leben drosch auf mich ein und der erste Hieb zertrümmerte mir metaphorisch das Nasenbein.
?Das haut noch mal zu, Pitzi. Verlass dich drauf!?.
Diese herzerfrischenden Selbstgespräche! Welcher elendige Besserwisser saß da in meinem Kopf und machte sich altklug über mich her?

Mit unschuldigen 19 zierte ein Adonis von Mann meinen chaotischen Alltag. Ein tiefer Blick aus seinen unwiderstehlichen dunklen Augen und meine sonst durchaus logischen Gedankengänge, ähnelten fatal einem mampfenden Kindermund: Sie waren hoffnungslos mit Brei verstopft.
Etwa, wie eine vorrübergehende Amnesie, nur ganz anders!
Wer will mir da verübeln, dass ich nicht über eventuell Jahre später eintreffende Konsequenzen nachdachte, als ich komplett gedankenverstopft eine Bankbürgschaft für ihn unterschrieb.

Heute, mit 34, sein Gesicht in meiner Reichweite und das Einzige, dass noch an Kinderbrei erinnert hätte, wäre der Zustand seines zerschlagenen Gesichts gewesen.

?...es handelt sich mittlerweile um eine Gesamtschuld von DM 50.000. Wir bitten Sie nun, uns bis zum (...) einen adäquaten Zahlungsvorschlag zu unterbreiten, da Herr X leider unauffindbar verzogen und bis zum heutigen Tage nur selten seinen Zahlungsverpflichtungen nachgekommen ist...?

Unauffindbar und DM 50.000 Schulden (um die Umrechnung in Euro müsst ihr euch selbst kümmern); Ich war rasend vor Wut. Ein Herr Schuhmacher sollte sich warm anziehen: Jetzt ein paar Runden als Formel 1 Pilotin; Ich wäre die Schulden von Herrn X los.

Es ging um meinen Arsch und der gehört schon seit über 10 Jahren nicht mehr diesem Adonis und schon gar nicht irgendeiner Bank. Ich fand ihn als Geldautomaten unbrauchbar.
Mein Anwalt raufte sich wochenlang die Haare, schrieb endlos Briefe an die Bank und ich brachte ihm zu jedem Termin Haarwasser mit.
?Pitzi, sie müssen versuchen etwas über Herrn X herauszufinden?.
Tja, gedacht hatte ich mir das auch schon!

In meinen Phantasien tummelten sich wilde Schlägertypen, droschen unaufhörlich auf Mister Adonis ein, bis er ?Ich zahle ja! Ich zahle ja!?, stammelte und Speichel seinen Hemdkragen aufweichte.
Ich sah mich, wie ich haufenweise Geld (welches ich nicht hatte)an imaginäre Detektive zahlte, die entweder Hawaii-Hemden oder karierte Jacken trugen und Zigaretten oder Pfeife rauchten.
Es half alles nichts!
Bereit, um Informationen zu erhalten, sogar in Kanalisationen hinabzusteigen und mit Ratten zu plauschen, drangsalierte ich mein Telefon.

Zwei meiner engsten Freunde schlugen vor die angestaubten Hinweise genauer zu durchleuchten. Wir hatten den Namen einer Provinzstadt und wussten, dass er dort verheiratet gewesen war und nebenbei ein Kind gezeugt hatte.
Los ging?s!
Bei jedem Fußgänger trat ich unbarmherzig auf die Bremse. Parkte an den unmöglichsten Stellen und rannte so schnell auf vermeintliche Informanten zu, dass sie zuerst heftig zuckten und der eine oder andere sogar die Flucht ergriff. Sah ich etwa schon aus wie eine Ratte? Wahrscheinlich nicht! Ich bewegte mich nur so schnell wie sie.
Besagte Provinzstadt brachten wir in helle Aufruhr, bevor wir entnervt aufgaben. Drei Damen, vor einem Strickwarengeschäft stehend, wahrscheinlich mit Spötteleien beschäftigt, hatten uns den Rest gegeben. Sie sahen in unserer hochdosierten Aufregung eine willkommene Abwechslung. Bei Ihrem uns-behilflich-sein, kamen sie von Herrn X auf Frau Ypsilon. Während sie noch aufgeregt darüber debattierten, ob sie nun ihn oder vielleicht die Alleinerziehende und das Kind kannten, schlichen wir uns klammheimlich davon.
?Der hat doch bei Herbert im Autohaus gearbeitet Martha oder täusche ich mich??.
Nichts als weg hier!

Ich schlug vor, sich in einer Kneipe erst mal zu sammeln.
Blöder Vorschlag!
?Das sind die, die diesen X suchen!?
?Na schon Erfolg gehabt??
?Hey! Kennst du einen X? Die dort drüben suchen nach ihm.?
?Soll ein auffällig hübscher Bursche sein, haben die vorhin beim Strickgeschäft der Metzger-Lisa erzählt.?
Geschafft! Jeder kannte uns, keiner kannte Herrn X.
Eine kleine Erinnerung, nur eine klitzekleine Erinnerung. Diese Kleinstädter hätten mich vor der verhängnisvollen Couch gerettet. Hatte ich laut gedacht?
?Bleib vorerst bei deinem Anwalt! Der hilft dir momentan mehr als dein Psychiater?, warf mein Freund Richi ein.
Nun musste ich mich wirklich beherrschen, sonst wäre mir an diesem Abend, wegen diesem Spruch und einem darauffolgenden süffisantem Grinsen, auch noch ein Freund flöten gegangen. Den wollte ich nicht auch noch suchen müssen.

Und als wäre das nicht Elend genug... (die Mücken schossen zielsicher auf einen weiteren Berg Scheiße zu) Schmarotzer! Nichts als Schmarotzer!

Vor drei Monaten bescherte uns die Firmenleitung einen neuen Chef und der ging ausnehmend wirtschaftlich ans Werk. Neue Besen kehren eben gut, obwohl dieser bei jeder Säuberungsaktion Fettflecken hinterlassen hätte.
Vier meiner herzallerliebsten Kollegen mobbte er auf eine schlechterdings schmierige Art aus der Firma. Magere Aufhebungsverträge, die fette Abfindungen beinhalteten, verdammten sie zu ewigem Schweigen. Diese Idioten! Sie hätten ihm den Arsch aufreißen können, auch wenn ich zugeben muss, dass sein aufgerissenes Hinterteil nicht gerade angenehme Gefühle in mir weckte.
Vorsorglich verbrachte ich meine Abende, anstatt mit Freunden, in Gesellschaft von Bewerbungsmappen. Die redeten nicht ununterbrochen Unsinn und kümmerten sich um meine Zukunft.

Völlig verwirrt saß ich an meinem Schreibtisch, die Schulden in meinem Nacken und der Neue, einige Meter von mir entfernt.
Eine unausgesprochene, aber deutlich spürbare Drohung lag in der Luft.
Pass auf! Du wirst die Nächste sein!
- Ok! Mach aus mir einen Sozialfall -mein Gehirn rotierte.
Die Vorstellung, wie die Bank meines Ex-Adonis auf eine zukünftige Sozialhilfeempfängerin reagieren würde, bereitete mir wenigsten Vergnügen.
Dieser Seelenterror brachte mich nun wirklich fast auf die Couch. Jeder der mich kennt, weiß genau, dass ich nicht zu der Sorte gehöre, die schnell am Boden liegt um von der städtischen Straßenreinigung unauffällig beseitigt zu werden.

Es verging kein Tag an dem seine Eunuchenstimme nicht quäkend meinen Namen abnutzte. Und es verging kein Tag, an dem sein hervorquellender Kugelbauch beim Vorbeischleichen an meinem Schreibtisch, nicht fast mein Gesicht streifte. Er geiferte und sabberte unaufhörlich.
Rollenweiße Papiertücher fielen seinem ich-krieg-dich-noch-sabber zum Opfer.

Unflätige Worte benutze ich nur ungern, aber ihm den Namen Arschloch zu geben, erschien mir hinsichtlich der unumstößlichen Tatsachen, als sachlich korrekt. Ich war der Dorn in seinem Auge und niemand kann mir nachfühlen, wie gerne ich dies in die Realität umgesetzt hätte.
Arschloch bekam multiple Orgasmen, wenn er sich einen Kollegen willkürlich zur Brust nahm und dieser nach einigen lautstarken Sätzen, vor Angst zitternd, nicht mehr in der Lage war, einen klaren Gedanken zu fassen. Arschloch bekam Krampf- und Schreianfälle, weil ich nicht gewillt war zu zittern.
Schadenfroh und teuflisch grinsend stand er Stunde für Stunde an seinem Chef-Katapult. Jederzeit bereit, Kündigungen in die Menge zu schleudern. Da war es den Rittern des Altertums besser ergangen: Steinbrocken, Jauche und Aas - wahrlich herzlich gemeinte Feindesgeschenke.

Er verweigerte mir, trotz unzähliger Überstunden, einen Tag frei zu nehmen.
?Ihre Überstunden nehmen sie erst dann, wenn ich es erlaube. Wo kommen wir da hin? Freimachen, einfach freimachen!?, Arschloch rang nach Luft, ?so nicht meine Liebe. So nicht!?
Er sabberte furchtbar und ich hatte meine Tücher nicht greifbar.

Mir blieb nur noch der weg zum Betriebrat. Arschloch wurde natürlich umgehend darüber informiert, das Überstunden schnellstmöglich abgebaut werden müssen und schrie gotterbärmlich meinen Namen.
Meine Kollegen duckten sich und ich schritt in sein Büro.
?Sie haben mich schändlichst hintergangen und somit erscheint mir eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr möglich?.
Als ob man dieses wohlgenährte Etwas hintergehen könnte. Es würde Monate dauern ihn zu umrunden.
?Sie müssen mir schon näher erklären, wie sie sich das Nicht-mit-mir-Zusammenarbeiten vorstellen?, warf ich ein.
Er schnaufte entsetzlich und deutete an, dass ich verschwinden solle.
Mit hoch erhobenem Kopf ging ich davon. Ganzkörperzittern erlaubte ich mir erst außer Sichtweite. Die Damentoilette bebte!

Auf der Heimfahrt bremste mich ein 10 km langer Stau. Ruhig und gelassen, zündete ich mir eine Zigarette an und drehte das Radio lauter. Im Auto hinter mir popelte jemand in der Nase. Ich winkte freundlich nach hinten. Der Ventilator des Kühlers setzte irgendwann aus und mein kleines Auto stieß stellvertretend für mich, meterhohe Dampfwolken aus. Ruhig und gefasst wie ich nun mal war, fuhr ich langsam auf den Standstreifen. Über mein Handy erreichte ich den Freund meiner Freundin und schluchzte und heulte was das Zeug hielt.
?Hör auf Pitzi! Du ertrinkst sonst noch! Wir sind gleich bei dir.?

Leicht angetrunken und den ganzen Abend von Freunden liebevoll umsorgt, kam ich weit nach Mitternacht nach Hause. Geistesabwesend öffnete ich den Briefkasten.
?...zu unserem Bedauern müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass wir uns für eine andere Bewerberin entschieden haben...?
?Bla! Bla! Bla!?
Die rechteckige Hiobsbotschaft förderte, meine sowieso bevorstehenden Alpträume. Freddy Krüger würde nun nicht nur meine Freunde abschlachten, sondern mich dazu.
Wäre ich bloß im Auto ertrunken!

Unzählige Anwaltstermine und einige Aufhebungsvertragsentwürfe später, erhielt ich von einer Freundin eine Mail mit folgendem Inhalt:
"Das Leben ist eine Krankheit und die einzige Heilung ist der Tod"
Ich schrieb zurück:
"Solange ich noch Mitleid für den Verfasser empfinde, gibt es Hoffnung für mich.
Meine Knie tun jetzt schon fürchterlich weh. Ich habe nicht vor, lange zu kriechen. Nicht vor korpulenten Möchtegern-Chefs, nicht vor streikenden Autos, nicht vor regelwidrigen Absagen und nicht vor heimtückischen Bankbürgschaften..."
 
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Kommentare  

Schwer zu beurteilen. Mich stört der offene Schluss. Wie gehts weiter? Wars das schon? Ansonsten sehr gut geschrieben. Witzig, spritzig...einfach lesenswert.

Stefan Steinmetz (02.03.2002)

liebe pitzi, von kollegin zu kollegin...
der text ist klasse und bei den spontanen ausbruechen im unternehmen mehr als verstaendlich. ich wuensche ihnen erstmal eine ruhigere zeit, viel zeit zum weiter schreiben und zeit mal wieder miteinander zu telefonieren.


schaf (23.11.2001)

Schlichtweg geniale Passagen.

IIIusion (08.11.2001)

toll geschrieben nur ein bisschen konfus kommt mir das ganze vor.

Robert (08.11.2001)

Wenn ich es nicht wüßte, würde ich sagen, zuviel auf einmal für einen Menschen das kann nicht sein, aber so sage ich, du hast ein in tolle Worte verpackt. danke

Mike (07.11.2001)

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