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2 Seiten

Schicksal

Trauriges · Kurzgeschichten
Warum kam seine Mutter nicht?
Seit Tagen wartete er mit knurrendem Magen auf prallgefüllte Zitzen und erst
jetzt meldete sich sein Katzeninstinkt.
Ich muss fort, muss sie suchen!
Er blickte auf seine Geschwister.
Miau!
Sie reagierten nicht! (Einige waren tot, die anderen zu schwach) Er krappelte über sie hinweg, forderte sie zum gehen auf und ging schließlich alleine.

Der Graugestreifte kam nicht weit!
Der Aufprall war furchtbar (ihr Heunest lag meterhoch über dem harten Scheunenboden). Sein Hintern schlug als erstes auf. Knochen brachen. Er lag einen Tag lang regungslos am Boden (der Bauer holte Körbe und andere Dinge aus der Scheune, nahm aber keine Notiz von ihm).
Tapfer stapfte der Kater weiter. Die Beinchen funktionierten. Raus aus der Scheune, quer über den Hof (ein großes Anwesen und er benötigte dafür einen ganzen Tag).

Am Feldrand angekommen kroch er über eine tote Maus, lief einige Meter, schnupperte und tapste zurück. Seine rauhe Zunge leckte das noch frische Blut (er hätte sie fressen können, doch diese Lektion des Lebens kannte er noch nicht). Er stieg über große Dreckbrocken (der Bauer hatte sein Feld frisch gepflückt), fiel in Ackerfurchen und quälte sich wieder heraus. Seine gesplitterten Knochen stachen wie Nadeln. Dumpfe Geräusche, noch weit entfernt (er war fast blind. Seine entzündeten Augen kämpften mit getrocknetem Eiter und Dreck). Eine übelriechende Pfütze. Er trank gierig und bekam kurz darauf Bauchkrämpfe (der Bauer düngte mit Jauche, die sich in den Furchen sammelte).

Zwei weitere Tage. Der Graue kroch nur noch. Kam schwer voran. Die Geräusche waren jetzt ganz nah. Der Boden unter seinen geschundenen Pfoten veränderte sich. Mit letzter Kraft nahm er Anlauf, rannte und blieb abrupt auf einem Klumpen blutiger Masse stehen. Machte sich kleiner, als er eh schon war und sank nieder (er saß mitten auf einer Straße; Auf den Resten seiner überfahrenen Mutter). Es roch so vertraut. Hier wollte er bleiben und gab auf. Ein Auto fuhr über ihn hinweg (er spürte nur einen Luftzug). Ein Zweites! es war ihm egal. Der Graue hatte keine Angst mehr...

"...sieh mal was ich gefunden habe!"
Der Mann hielt ein stinkendes Etwas in seiner ausgestreckten Hand.
"Beinahe hätte ich das Kätzchen überfahren."
"Mein Gott!" Die Frau nahm ihm das dreckige Bündel aus der Hand und drückte es sanft an sich. Sie hatte Tränen in den Augen und der Graue vielleicht wieder Hoffnung.
 
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Kommentare  

Tja, so wie wir mit uns selbst und unseresgleichen umgehen, so behandeln wir auch unsere Kinder. Gnadenlos!
Einzig die Tiere geben uns die Chance, Mitgefühl legitim zu leben ohne gleich als Looser abgestempelt zu werden.

Traurig schöne Geschichte die mit Hoffnung endet. 5 Punkte


Angela (25.09.2002)

Der makabere Touch gefällt mir.4 Punkte

Maxson (29.07.2002)

Sehr anrührend, deine Geschichte. Es treibt einem fast die Tränen in die Augen. Seltsam, dass wir bei Tieren so reagieren. Wenn nebenan Kinder missbraucht, geschlagen oder von scheidungsgeilen Müttern seelisch kaputtgequält werden, empfinden wir nicht (mehr?) so. Sind wir dazu schon zu abgestumpft? Sind wir nicht alle ein bisschen wie der kleine Katzenkerl in deiner Geschichte?
Deine Geschichte macht nachdenklich und bringt Gefühle rüber. Das zeichnet eine gute Geschichte aus. Fünf Punkte. Mehr gibts ja nicht...


Stefan Steinmetz (23.05.2002)

oh Gott! ich bin den ganzen Weg mit ihm gelaufen. Ergreifend!5 Punkte

Michael (06.05.2002)

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