55


12 Seiten

Die Rückkehr des schwarzen Triebwagens - Ein Bahnmärchen

Romane/Serien · Nachdenkliches
Es war ein trüber Novembermorgen in Berlin, es nieselte und die Temperatur lag bei 8 Grad Celsius. In der kleinen Kapelle des Friedhofs herrschte eine seltsame Atmosphäre, das trübe Wetter draußen brachte so wenig Tageslicht hervor, daß der Schein der Kerzen den gesamten Raum erfüllte. Nadine und Tobias saßen nebeneinander, ganz vorne wo die Kränze lagen und das Bild stand, das Bild von Sören, neben ihnen saßen Sörens Eltern, Gisela und Winfried.

Es war jetzt fast drei Wochen her, seit dem Tag als Sören nicht von der Ferienreise zurück kam, von der Reise auf die er sich doch so lange gefreut hatte. Er war schon auf dem Rückweg nachhause als es passierte, das Unglück welches Sein Leben beendete. Er war mit dem Bus unterwegs, als dieser ohne Vorwarnung von einem Steinschlag zertrümmert wurde. Drei Tage später bekamen Gisela und Winfried die Nachricht. Ihr Sohn würde nicht mehr heimkommen. Er war doch erst 22 und wollte noch so vieles erreichen, Eisenbahner wollte er werden, seit jener Nacht in der er mit Nadine und Tobias dieses seltsame Erlebnis hatte. Er hatte seinen Eltern immer wieder von dieser Nacht erzählt und es schien ihn damals nicht zu stören, daß sie ihm nicht glaubten.

Die Musik begann zu spielen, es war Sörens Lieblingslied, das Lied vom Wabash-Cannonball, einem Geisterzug, der um Mitternacht durch Amerika fahren soll. Dieses Lied hatte ihn nicht mehr losgelassen, seit jener merkwürdigen Nacht. Dann betrat der Pfarrer den Raum, er sprach vom Schmerz des Abschieds und von der Erinnerung an die Zeit, welche die Anwesenden mit Sören verbracht hatten und daß sie diese Erinnerung als Geschenk betrachten sollten, das ihnen keiner nehmen kann. Dann folgten, auf Wunsch von Gisela und Winfried noch ein paar Zitate aus der Bibel. Die Beiden waren regelmäßige Kirchgänger und hatten stets versucht Ihr Leben so zu leben, daß es mit ihrem Glauben im Einklang war. Dabei hatten sie es stets vermieden ihrem Sohn den eigenen Glauben aufzuzwingen.

Dann wurde die Urne hinausgetragen, bis zu einer Grabstelle in der Nähe eines Baumes. Der Pfarrer sprach noch ein paar Worte und setzte die Urne in ein bereits ausgehobenes Loch. Jeder der Trauergäste gingt nun zu dem Loch und warf drei Hände voll Erde hinein, mancher sprach noch ein paar Worte. Auch Nadine tat dies, sie nahm dreimal eine Hand voll Erde auf und warf sie auf die Urne. Dann sprach sie: „Machs gut mein Schatz, Du kennst jetzt die Antwort auf die Frage, die letzte große Frage. Vielleicht sehen wir uns bald, wenn es stimmt daß wir alle Verbunden sind. “Mehr brachte sie nicht heraus. Auch Tobias sprach ein paar Worte nachdem er drei Hände voll Erde in das Loch geworfen hatte. „Wir haben zusammen viel erlebt Du, Nadine und ich – und wir haben über Dinge geredet, die außer uns wohl kaum jemand verstanden hätte. Ich werde gut auf Nadine aufpassen und wenn ich Walter noch einmal sehe, grüße ich ihn von Dir.“ Dann wurde das Loch mit der verbliebenen Erde gefüllt und die Trauergesellschaft ging zum Friedhofstor hinaus. Im Anschluß an die Beisetzung gab es noch eine kleine Zusammenkunft in einem nahegelegenen Restaurant jedoch verspürte niemand einen rechten Appetit.

Als sie das Restaurant verließen war es kurz nach Mittag, Winfried zog die Taschenuhr aus Messing, welche Tobias in der seltsamen Nacht von Walter erhalten hatte, aus der Manteltasche und sagte: „Sie hat ihm viel bedeutet, er meinte daß Ihr Drei durch diese Uhr irgendwie miteinander verbunden seit.“ Nadine und Tobias holten ihre Uhren, die sie immer bei sich trugen aus der Tasche und zeigten sie Winfried. Er nickte und meinte: „Ihr beide wart seine besten Freunde, er hat immer gesagt daß Euch etwas verbindet was über bloße Freundschaft hinausgeht.“ Tobias nickte und fragte: „Hat er es Ihnen erzählt?“ Gisela war inzwischen hinzugekommen und antwortete mit leicht zitternder Stimme: „So oft, daß ich es nicht mehr gezählt habe. Er sprach immer darüber, wenn er über Euch sprach.“ Nadine tröstete sie: „Ich hätte es auch nicht geglaubt, wenn ich es nicht miterlebt hätte. Er sah es sicher genauso und war bestimmt nicht böse auf Euch.“ Dann nahm sie ihre Schwiegermutter in den Arm und sagte: „Wir bringen Euch noch nachhause, wenn Ihr das wollt.“ Gisela nickte.

Sie gingen zusammen in Richtung des U-Bahnhofes Straussberger Platz, bis zur Wohnung von Sörens Eltern am U-Bahnhof Tierpark waren es einige Stationen. Sie würden auf der Fahrt viel Zeit haben, Zeit um zu reden, Zeit nachzudenken, Zeit um zu schweigen. Sie erreichten die Bahnsteigebene gegen dreizehn Uhr, der Nächste Zug in Richtung Hönow sollte in drei Minuten kommen. Es war still auf dem Bahnsteig, stiller als sonst um diese Zeit, kein Mensch war zu sehen. Hörbar rückte die Bahnhofsuhr um eine Minute weiter auf dreizehn Uhr und eine Minute. Die Anzeige für die Abfahrtszeit zeigte noch immer daß es noch zwei Minuten bis zur Abfahrt des nächsten Zuges dauerte. Solche Ungenauigkeiten waren nichts besonderes, oftmals hinkte die Anzeige der Bahnhofsuhr um dreißig bis fünfundvierzig Sekunden hinterher.

Auf dem Bahnsteig herrschte eine gespenstische Stille, nicht einmal das Surren der Leuchtstofflampen war zu hören. Immer noch Zeigte die Anzeigetafel zwei Minuten Restzeit bis zur Abfahrt an als Tobias plötzlich zu Nadine sagte: „Hörst Du das? Es klingt wie eine Uhr.“ Nadine drehte den Kopf etwas und sagte: „Ja, es kommt aus Deiner Tasche Winfried!“ Sörens Vater öffnete sein Jackett und zog die Taschenuhr von Tobias heraus. Mit verwunderter Miene sagte er: „Seltsam, wir haben die Uhr niemals aufgezogen, seitdem wir sie zusammen mit Sörens Persönlichen Sachen erhalten haben.“ Gisela hielt ihr Ohr an die Uhr. „Tatsächlich, sie tickt! Sagte sie verwundert. Winfried öffnete den Deckel der Taschenuhr und sagte: „Sie zeigt eine Minute vor Zwölf.“ Er versuchte sie auf die richtige Zeit einzustellen aber es gelang ihm nicht. In welche Richtung er die Krone der Uhr auch drehte, die Zeiger bewegten sich nicht. Tobias holte seine Uhr heraus und öffnete den Deckel. Auch seine Uhr zeigte eine Halbe Minute vor Zwölf. Er zeigte Nadine seine Uhr, worauf auch Nadine ihre Taschenuhr heraus holte. „Kurz vor Zwölf...“ Sagte sie. Die vier schauten sich fragend an, wobei Sörens Eltern noch verwunderter aussahen als Nadine und Tobias.

Dann sagte Tobias: „Da kommt ein Zug.“ Aus dem Tunnel war ein leises Rattern zu hören, jenes leise Rattern das man in nur noch selten auf dieser U-Bahnlinie hörte. Es klang nicht wie das kreissägenartige Summen der Drehstromzüge, das war ein Gleichstromzug. War es der Zug, jener schwarze Triebwagen mit dem Nadine, Tobias und Sören damals diese unvergeßliche Reise gemacht hatten? Als der Zug einfuhr, glaubten Gisela und Winfried daß ihnen ihre Augen einen bösen Streich spielten, dort aus dem Tunnel kam doch tatsächlich ein schwarzer Triebwagen. Jener Zug, den ihnen ihr Sohn mit beängstigender Genauigkeit beschrieben hatte, immer dann wenn sie ihn nach der Taschenuhr aus Messing fragten oder danach, was ihn mit seinen Freunden verband.

„Ist dies der seltsame Zug, von dem Sören immer erzählt hat?“ Fragte Gisela und Nadine antwortete: „Ja, das ist er, und ich habe das Gefühl er kommt aus einem bestimmten Grund.“. Gisela, Winfried und Tobias schauten Nadine fragend an. Der Zug hielt mit der ersten Einstiegstür direkt vor den vier Leuten an. Eine Person öffnete die Führerstandstür und trat auf den Bahnsteig, es war Walter. Gisela und Winfried standen wie angewurzelt auf dem Bahnsteig und brachten kein Wort heraus. Walter sah Nadine und Tobias an und sagte: „Ich weis es, ich weis was passiert ist.“ Nadine brach in Tränen aus und schluchzte: „Er wollte Eisenbahner werden, er wollte irgendwann auch einen Zug steuern und jetzt ist er tot.“ Walter sah ihr tief in die Augen und sagte: „Niemand weis, welche seine Abfahrtzeit ist, den großen Fahrplan hat noch Niemand zu Lebzeiten gelesen. Aber er ist nicht ganz weg, ein Teil von ihm bleibt bestehen, mehr als Du glaubst.“ Nadine schaute ihn an, mit großen Augen voller Tränen und fragte: „Die magnetische Restsignatur seiner Hirnströme, seine Seele?“ Walter Nickte.

Gisela und Winfried standen immer noch wie Salzsäulen da als Gisela plötzlich fragte: „Was ist mit seiner Seele?“ Tobias erklärte ihr daß jeder Mensch mit seinen Hirnströmen ein Magnetfeld erzeugt, daß dieses Magnetfeld mit dem Erdmagnetfeld interagiert und in Metallen eine Art magnetische Restsignatur hinterläßt. Walter sah daß Gisela und Winfried nichts von dem Verstanden, was Tobias erzählte, also sagte er: „Steigen Sie erstmal ein, ich erkläre es ihnen aber dies ist nicht der richtige Ort dafür. Die vier stiegen in den Zug und setzten sich, Walter betrat den Führerstand, schloß die Türen und fuhr los. Es ging in den Tunnel hinein, Gisela fragte: „Was ist das den für eine Strecke? Ich kann mich nicht erinnern, daß unsere U-Bahn solche Tunnel hat.“ Nadine beruhigte sie und erklärte ihr, daß dieser Zug immer auf einer derartigen Strecke fuhr. Die hellen Lichter zogen an den Fenstern vorbei und Tobias wunderte sich, es war irgendwie anders als er es in Erinnerung hatte. Die Wände des Tunnels wurden heller, von dunklem Blau ging es zu hellblau über und wurde dann immer heller. Schließlich waren die Tunnelwände so hell, daß man die Lampen an ihnen gar nicht mehr wahrnahm. Schließlich ertönte Walters Stimme im Lautsprecher: „Nächster Halt: Das Zentrum des mentalen Kontinuums“

Der Zug wurde langsamer und erreichte einen großen lichtdurchfluteten Kopfbahnhof, eine riesige Halle in der es so viele Gleise gab, daß man sie vom Zug aus nicht zählen konnte. Die Bahnsteige waren mit beigefarbenen Bodenplatten belegt, in regelmäßigen Abständen standen rotbraune Säulen die so hoch waren, daß man ihr oberes Ende vom Zug aus nicht sehen konnte. Schließlich kam der Zug zum Stehen, Walter kam durch die Verbindungstür zwischen Führerstand und Fahrgastraum und sagte: „Hier ist der Ort, wo alles zusammenläuft.“ Die vier schauten ihn an, mit fragenden Gesichtern. Tobias fragte: „Das Zentrum des mentalen Kontinuums?“ Walter nickte und erklärte: „Die Information des Bewußtseins geht nicht verloren auch wenn der Mensch nicht mehr lebt, sie verbleibt im Erdmagnetfeld und die Summe allen Bewußtseins ist dieser Ort.“ Gisela und Winfried saßen noch immer fassungslos auf der Sitzbank des Zuges als Tobias fragte: „Dieser Ort, wurde aus oder mit den gesammelten Informationen vergangener Generationen und Kulturen erschaffen?“ Walter nickte und Nadine fragte: „Alles was Menschen je gelernt erfahren oder entdeckt haben ist hier versammelt?“ Walter schaute sie an und sagte mit weisem Unterton in seiner Stimme: „Alles ohne Ausnahme.“ Gisela hatte sich geistig etwas akklimatisiert und fragte: „Was ist mit Sören?“ Walter strich sich den Bart und meinte: „Wir sollten mal nachsehen, was mit ihm ist.“ Gisela nahm Winfrieds Hand und beide standen auf, auch Nadine und Tobias standen auf, diesen Ort hatte Walter ihnen damals nicht gezeigt.

Sie verließen den Zug und gingen in Fahrtrichtung am Gleis entlang, bis zum Ende des Gleises, Tobias schaute nach oben, die Säulen waren mindestens fünfzig Meter hoch und gingen in eine weiße Decke über, so weiß daß man keine Konturen erkennen konnte. Dann schaute er nach vorne, sie betraten gerade den Querbahnsteig, welcher die endlos vielen Bahnsteige alle miteinander verband. „Wieviele Gleise gibt es hier?“ Wollte er wissen. Walter meinte, daß er es selbst nicht genau wisse, da es für jede Epoche der Geschichte, jede Zivilisation und jedes Volk eine bestimmte Anzahl von Gleisen gäbe, je nach Anzahl der Glaubensrichtungen und Überzeugungen. Nadine meinte: „Das muß eine nicht definierte Anzahl von Gleisen sein.“ Walter nickte.

Dann kamen sie zu einer Art Fahrplan, die Zeichen darauf bewegten sich hin und her, einige verschwanden und andere tauchten auf. Walter drehte sich um und sagte: „Wir brauchen die Uhr von Sören, die Taschenuhr.“ Winfried zog sie aus der Tasche und hielt sie Walter zögerlich hin. „Ich gebe sie Ihnen gleich zurück, Ehrenwort“ Sagte Walter, Winfried gab ihm die Uhr. Walter hielt die Uhr an einen runden an der Wand befestigten Teller, die Zeichen auf dem Fahrplan begannen sich zu ordnen, sie formten eine Textzeile. Auf dem Fahrplan war nun zu lesen: „Wabash-Cannonball – Zur rechten Seite das dritte Gleis“ Walter gab Winfried die Uhr wie versprochen zurück. Tobias fragte Walter irritiert: „Zur rechten Hand das dritte Gleis, keine Ankunftszeit, keine Zugnummer?“ Walter antwortete ihm: „Ja, wir sollen uns vor dem Fahrplan nach rechts drehen und dann zum drei Gleise weiter gehen. Der Zug wird eintreffen, wenn wir da sind, Zeit ist hier Ohne Bedeutung.“ Tobias Sagte zu Walter: „Ich wollte Dich noch von Sören Grüßen, ich hab’s versprochen.“ Walter lächelte während sie an zwei Gleisen vorüber schritten und auf den Bahnsteig vor dem dritten einbogen.

Kurz nachdem sie den Bahnsteig erreicht hatten war in der Ferne ein tiefes, dumpfes und durchdringendes Pfeifen zu hören. Walter zeigte in die Richtung aus der das Pfeifen kam und meinte: „Er kommt, der Wabash–Cannonball.“ Aus der Ferne war erneut das Pfeifen zu hören, dann vernahm man das tiefe dumpfe Stampfen einer Dampflok, Tobias hatte schon viele Dampfloks gehört aber dieses Geräusch hörte sich anders an, viel tiefer. Es mußte eine Gewaltige Dampflok von Epischer Größe sein, die so ein Geräusch machte. Langsam wurde das Stampfen lauter, in der Ferne konnte man schon die Umrisse eines Zuges erkennen, es war die Siluette einer Stromliniendampflok. Das Stampfen wurde immer lauter und der Zug immer größer. Schließlich kam er zum Stehen, das Zischen der Luftbremsen, als diese nach dem Stillstand gelöst wurden war ohrenbetäubend.

Die Luftpumpe der großen schwarzen Lok schnaufte, wie ein Sprinter nach einem Hundertmeterlauf. Die Tür des Führerhauses öffnete sich und eine schlanke Gestalt kam rückwärts aus der Kabine und stieg langsam die Leiter runter. Die Schwarzen Stiefel glänzten im Licht des hellen Bahnhofs, die schwarze Hose und die ebenfalls schwarze Lederjacke saßen perfekt wie eine Uniform bei einer Parade und die Schirmmütze, ebenfalls schwarz war tief ins Gesicht gezogen. Als die Gestalt die drei Stufen der Leiter heruntergestiegen war, drehte sie sich zu Walter und den vier Reisenden um, nahm die Mütze ab und verbeugte sich. Gisela und Winfried war der Mund offen stehen geblieben und auch Nadine und Tobias waren starr vor Erstaunen. Vor ihnen stand Tatsächlich Sören, der offensichtlich der Lokführer des Sagenumwobenen Wabash-Cannonball war.

Mit klarer Stimme begrüßte er sie: „Mama, Papa, – Nadine, – Hey Tobias!“ Dann wandte er sich Walter zu, verbeugte sich und sprach: „Danke Meister, daß Du sie her gebracht hast!“ Walter schüttelte ihm die Hand und meinte: „Du hast es verdient! Der Wabash-Cannonball ist das Schmuckstück der Flotte, seit Du ihn fährst.“ Sören verneigte sich noch einmal und bedankte sich für Walters Einschätzung, dann wandte er sich seinen Eltern und Freunden zu. „Dies ist, wovon ich geträumt habe, seit ich mit dem schwarzen Triebwagen gereist bin. Ich weis zwar, daß dies hier jetzt meine Welt, mein Zuhause ist doch dies ist ein Preis, den zu zahlen mir nicht schwer fällt.“ Gisela nahm ihren Sohn in die Arme, drückte ihn und sprach: „Verzeihst Du uns, daß wir Dir nicht geglaubt haben?“ Sören strich ihr übers Haar, wie er es früher immer getan hatte und meinte: „Nicht nur verzeihen, sondern ich verstehe es auch. Hätte man mir diese Geschichte erzählt, ich hätte sie selbst nicht geglaubt.“ Dann nahm ihn Winfried in den Arm und klopfte ihm auf den Rücken, dabei sagte er: „Alle Achtung, Du hast Dein Ziel erreicht. Du bist nicht nur Eisenbahner, sondern Du fährst auch einen besonderen Zug“ Nach langer herzlicher Begrüßung wandte sich Sören Nadine zu, musterte sie akribisch und sagte schließlich: „Du weist gar nicht wie sehr Du mir fehlst!“ Nadine fiel ihm um den Hals und schluchzte: „Das selbe gilt für Dich.“ nun ging Sören zu Tobias rüber, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „Hey alter Freund, was macht das Leben?“ Tobias mußte schlucken und sagte schließlich: „Es geht weiter, doch leider fehlt etwas.“ Sören reichte ihm die Hand und sagte: „Dies wird nicht das letzte Wiedersehen sein, darauf kannst Du Dich Verlassen, denn die Wahrscheinlichkeit dafür daß es ein nächstes Mal gibt ist größer als null.“ Tobias mußte Lächeln, er war froh seinen Freund Sören wiedergesehen zu haben und er war sich dessen bewußt, daß nicht jeder diese Chance hatte.

Sie gingen auf den Querbahnsteig und Sören fragte Walter: „Meister, ist es recht, wenn ich sie ein Bißchen herumführe?“ Walter lächelte und erwiderte: „Nicht so förmlich, Du bist jetzt nicht im Dienst! Aber klar, zeig ihnen alles, ich warte dann an unserem Zug.“ Walter winkte kurz und ging zurück zu dem schwarzen Triebwagen, mit dem sie gekommen waren. Gisela wollte wissen, ob es Sören auch gut ginge, auch wenn sie sich darüber klar war, daß die Maßstäbe der realen Welt hier keine Anwendung fanden. Sören meinte nur, daß es ihm hier an nichts fehlen würde. Winfried wollte wissen wie es mit der Arbeit läuft, und Sören beruhigte in: „Dies ist, wovon ich lange geträumt habe. Die Arbeit ist komplex jedoch nicht unbeherrschbar. Außerdem gibt es hier mehr Antworten auf alle erdenklichen Fragen, als Zuhause. Doch Ihr fehlt mir ebenso wie ich Euch.“ Winfried war froh seinen Sohn so erfüllt zu sehen. Nadine hatte die ganze Zeit den Arm um Sören gelegt, sie genoß es bei ihm zu sein. Schließlich fragte Sie: „Was ist eigentlich Deine Aufgabe, äh ich meine die Aufgabe Deines Zuges?“

Sören blieb stehen und begann zu erklären: „Der Wabash-Cannonball ist ein Zug, welcher die Seelen Verstorbener einsammelt – im übertragenen Sinn. Wir hatten doch mal über die magnetische Prägung gesprochen, die ein Mensch mit seinen Hirnströmen in Metallen hinterläßt und die beim einschmelzen der Trümmer sich mit dem Erdmagnetfeld verbinden.“ Nadine nickte und Sören erklärte weiter: „Rein physikalisch gesehen ist der Wabash-Cannonball eine Schwankung in der Oszilation des Erdmagnetfeldes die es den magnetischen Prägungen ermöglicht synchron mit dem Erdmagnetfeld zu schwingen. Er dehnt oder staucht die Wellenlänge der Feldschwingungen bis sie mit denen der magnetischen Prägung synchron sind.“ Nadine meinte: „Das mit dem Zug, der die Seelen einsammelt ist mir angenehmer, darunter kann ich mir besser was vorstellen.“ Sören strich ihr übers Haar wie seiner Mutter vorhin, er merkte daß sie es genoß und es ihr gut tat.

„Du Sören?“ fragt Tobias plötzlich. Sören sah in an und meinte: „Was denn?“ Tobias fragte unsicher: „Welche Aufgabe hat Walters Zug eigentlich, ich meine der schwarze Triebwagen?“ Sören schaute Tobias an und sagte plötzlich: „Das weist Du nicht? Durch Dich gibt es ihn doch erst.“ Tobias war verwundert. Für die Existenz des schwarzen Triebwagens sollte er verantwortlich sein? Er hakte nach: „Durch mich gibt es ihn?“ „Ja.“ Sagte Sören und meinte weiter: „Du hattest den Wunsch Deine Faszination für die Bahn mit anderen zu teilen, offensichtlich war Dein Wunsch so stark, daß Deine Hirnströme das Magnetfeld der Erde derartig beeinflußt haben, wodurch schließlich dieser Zug entstanden ist.“ Tobias wußte nicht ob er stolz auf sein „Werk“ sein sollte oder es bereuen sollte. Sören nahm ihm diese Entscheidung ab mit den Worten: „Du hast da was einzigartiges geschaffen, dieser Zug ist so etwas wie ein Vermittler zwischen den Welten. Er hilft unentschlossenen Leuten die Dinge welche im Dunkeln liegen besser zu verstehen und das bringt Ordnung in das Chaos. Dank diesem Zug bin ich der Lokführer des Wabash-Cannonball, keine Ahnung welche Aufgabe mich sonst ereilt hätte. Es ist nämlich so, jeder bekommt die Aufgabe, welche ihm am besten liegt. Das betrifft sowohl die Fähigkeiten als auch die Interessen und die Begeisterung. Das schafft Zufriedenheit und bringt abermals Ordnung ins Chaos.“ Tobias war erleichtert, jetzt wußte er, daß er nichts böses auf die Welt losgelassen hatte.

Plötzlich fragte Nadine: „Was ist mit Walter, woher stammt er?“ Sören blieb stehen, schüttelte den Kopf und sprach: „Das mußte ja kommen. Also gut, reden wir über Walter.“ Nadine erschrak, hatte sie etwas falsches gesagt? Bevor sie weiter darüber nachdenken konnte erzählte Sören: „Walter ist der Waise alte Mann des mentalen Kontinuums, der Verwalter aller Informationen quasi der Bibliothekar des Bewußtseins.“ Tobias fragte: „Er weis wirklich alles?“ Sören schüttelte lächelnd den Kopf: „Er weis nicht nur alles, er hat auch das Verständnis dafür, welche Informationen er an welcher Stelle weitergeben kann und welche nicht. Walter hat mir mal etwas dazu gesagt. Er sagte, Weisheit ist die Kunst das eigene Wissen richtig einzusetzen.“ Nadine merkte dazu an, daß es nicht auszudenken wäre, was passieren würde, wenn das gesamte Wissen aus dem mentalen Kontinuum in falsch Hände gelangen würde und Sören nickte.

Nach einer kleinen, gefühlten Ewigkeit, in der sie durch das Kontinuum gestreift waren und über dies und das philosophiert hatten war es nun Zeit wieder in die reale Welt zurückzukehren. Nadine fiel es sichtlich schwer von Sören Abschied zu nehmen, was ihm nicht entgangen war. Er nahm sie in den Arm, drückte sie fest an sich und flüsterte ihr ins Ohr: „Mach Dir um mich keine Sorgen, wir sehen uns wieder, dafür besteht eine Wahrscheinlichkeit und die ist nicht nur größer als null, sondern die ist einhundertprozentig es ist also keine Wahrscheinlichkeit, mehr sondern Gewißheit. Kümmere Dich um Tobias!“ Nadine schaute Sören entsetzt an, doch bevor sie was sagen konnte sprach er: „Tobias ist zwar nicht wie ich aber er lebt nun mal mit Dir in der realen Welt und wenn Du schon jemand anderen nimmst, dann ist er die erste Wahl.“ Er gab ihr zum Abschied noch einen Kuß und sagte: „Du hast noch Zeit, bis Du endgültig hier ankommst, wenn es dann noch Dein Wunsch ist haben wir die Ewigkeit für uns.“

Als er sah, daß Nadine dies verstanden hatte, wandte er sich seinen Eltern zu und sagte: „Auch wir werden uns wiedersehen, dafür besteht ebenfalls Gewißheit, wenn es mir möglich ist, werde ich Euch bei Eurer Ankunft empfangen.“ Dann drückte er Mutter und Vater noch einmal kräftig und wandte sich Tobias zu. Auch für seinen Freund hatte er ein paar Abschiedsworte: „Machs gut alter Freund, ich hoffe Du paßt gut auf Nadine auf. Ich kann mich jetzt nicht mehr um sie kümmern, dies ist nun Deine Aufgabe. Ich weis, Du wirst ihr gerecht. Auch Dich werde ich, wenn es mir möglich ist persönlich empfangen, wenn Du hier eintriffst. Ich bin schon sehr gespannt, für welche Aufgabe Du Dich besonders eignest.“

Schließlich wandte er sich Walter zu und meinte: „Bring sie gut heim und schau ab und zu mal nach ihnen!“ Walter drückte ihm die Hand und sagte: „Mach ich.“ Dann ging Sören den Langen Querbahnsteig entlang wieder zurück zu seinem Zug, dem Wabash-Cannonball. Er drehte sich noch ein letztes Mal um und verschwand in der Weite des Bahnhofs.

Gisela erschrak plötzlich, sie rief: „Oh weh, wir haben noch Sörens Uhr!“ Walter beruhigte sie und gab Gisela eine kleine schwarze Schachtel und sagte: „Da ist auch eine drin, mit denen bleiben wir in Kontakt. Wann immer ihr mich braucht, schaut einfach lange drauf oder haltet mehrere von ihnen einfach zusammen, je mehr desto besser!“ Dann stiegen sie wieder in den schwarzen Triebwagen Walter ging in den Führerstand, schloß die Türen und setzte das Gefährt in Bewegung. Der große Kopfbahnhof mit den beigefarbenen Bodenplatten, den rotbraunen Säulen und der weißer als weißen Decke verschwand außer Sichtweite, sie waren wieder in dem Tunnel, dessen Wände so weiß waren, daß man die an ihnen hängenden Lampen nicht erkennen konnte. Langsam wurde die Farbe der Wand wieder dunkler bis zu einem dunklen Blauton, dann schliefen sie alle ein.

Sie wurden schließlich geweckt durch das kreissägenartige Geräusch eines einfahrenden Drehstromzuges, sie saßen noch immer auf der Bank im U-Bahnhof Straussberger Platz und es war dreizehn Uhr und drei Minuten. Es war der Zug nach Hönow, der sie geweckt hatte, der auf den sie gewartet hatten. Während der Fahrt in Richtung Tierpart brach Gisela plötzlich das Schweigen: „Ich habe von Sören geträumt.“ Sprach sie und Nadine sagte: „Das haben wir alle, so macht es der schwarze Triebwagen immer. Aber war es wirklich ein Traum?“ Sie schaute Gisela an und sagte wissend: „Aus Träumen kann man nichts mitbringen, schau mal in Deine Tasche!“ Gisela griff verdutzt in seine Tasche und fühlte – ein kleines schwarzes Kästchen. Sie holte es aus er Tasche und öffnete es, drinnen lag eine weitere Taschenuhr. Gisela betrachtete die Uhr und ihre Augen waren voll Dankbarkeit, dafür daß es kein Traum war, sie lächelte.

Dann drehte sich Nadine zu Tobias um und sprach: „Sören sagte, daß ich mich um Dich kümmern soll und das werde ich tun, so gut ich kann.“ Sie fiel ihm um den Hals und gab ihm einen langen Kuß. Tobias wurde rot, leicht überrascht sagte er zu Nadine: „Ist das hier real?“ Nadine lächelte und kniff ihm fest in den Unterarm. „Au!“ rief er. „Na, real genug?“ Fragte sie mit breitem Lächeln, Tobias rieb sich den Unterarm und sagte: „Wow, danke Nadine – und Dir auch Sören, wo auch immer Du gerade unterwegs bist.“

Irgendwo in der Geräuschkulisse des fahrenden Zuges glaubte er ein tiefes dumpfes Pfeifen einer Dampflok wahrzunehmen, als wollte es ihm sagen: „Nichts zu danken alter Freund.“



Ende...? Wer weiß das schon?
 
Wenn du registriert und angemeldet bist und selbst eine Story veröffentlicht hast, kannst du die Stories bewerten, oder Kommentieren. Wenn du registriert und angemeldet bist, kannst du diese Story kommentieren.
Weitere Aktionen
Wenn du registriert und angemeldet bist, kannst du diesen Autoren abonnieren (zu deinen Favouriten hinzufügen) und / oder per Email weiterempfehlen.
Ausdrucken
Kommentare  

Die Fortsetzung ist diesmal ein wenig traurig, aber sie macht auch Hoffnung und ist unterhaltsam zu lesen.

Dieter Halle (08.08.2012)

Login
Username: 
Passwort:   
 
Permanent 
Registrieren · Passwort anfordern
Mehr vom Autor
Ein dummer Versuch mich zu erpressen  
Kultur- und Technologietransfer von der terranisch-interstellaren Republik und Erdraumflotte zur Erde  
Spam-Fun  
Ein Geisterzug in Bitterfeld  
Mein zweites Arbeitnehmeraustauschprogramm  
Empfehlungen
Andere Leser dieser Story haben auch folgende gelesen:
---
Das Kleingedruckte | Kontakt © 2000-2006 www.webstories.eu
Counter

Counter Web De