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5 Seiten

Gustav Nussknacker

Kurzgeschichten · Für Kinder
Gustav Nussknacker

Gustav Nussknacker stand in Tante Lisbeths Regal. Die Figur war ein Erbstück ihrer Großeltern und hatte verblüffende Ähnlichkeiten mit Großvater. Die fast zusammengemalten Augenbrauen, der wild aussehende Vollbart aus Watte, die gelblichen Zähne; überhaupt, dieses grimmige und doch gutmütige Gesicht, ja, die ganze Figur erinnerte sie an ihn und so taufte sie die namenlose Figur kurzerhand Gustav. Es sollte dem Leser gegenüber erwähnt werden, dass Großvaters Zähne nicht vom Nüsse knacken gelb wurden, sondern vom vielen Pfeife und Zigarren rauchen. Nüsse knackte ihr Großvater immer mit der Hand und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte es keinen Nussknacker im Haus gebraucht. Aber es ging nach Großmutter.
Dann zogen beide in den Himmel und Gustav Nussknacker fand bei Tante Lisbeth ein neues Zuhause. Viele Jahre tat er zuverlässig seine Dienste. Aber auch Nussknacker werden alt, selbst wenn sie jeden Freitag abgestaubt werden. Er konnte nicht mehr alle Nüsse knacken und weil Tante Lisbeth eben immer so gerne Nüsse aß, bekam sie von ihrer Tochter Hanna eines Tages eine von diesen modernen Nussknackzangen. So blieb Gustav nur noch im Regal stehen wo er tagein, tagaus wartete, dass Tante Lisbeth in abstauben und vielleicht doch das eine oder andere mal noch gebrauchen würde. „Warum schmeißt du das Ding nicht weg, ist doch nur ein Staubfänger“, fragte Hanna, als beide einmal am Kaffeetisch saßen.
„Irgendwann vielleicht einmal“. Tante Lisbeth zuckte mit den Schultern, „mir fällt nichts ein, was ich statt dessen an den Platz setzen könnte.“
Gustav Nussknacker weinte still in seinen Bart als er das hörte. „Das war also mein Leben“, resümierte er bitter, „immer hab ich gedient, niemandem in den Finger gezwickt, immer die Nüsse geknackt die man mir gab. Jetzt soll ich auf dem Müll landen und hab noch nicht mal was von der Welt gesehen, nur gearbeitet, nur gedient. Wenn ich doch von diesem Regal springen und davon laufen könnte.“ Natürlich hörte Tante Lisbeth sein Weinen und Jammern nicht, aber Beppino, ihr Rauhaardackel vernahm es, denn Hunde besitzen ein viel feineres Gehör als wir Menschen. Er setzte sich vor´s Regal, schaute hoch, wedelte mit dem Schwanz und sprang hoch. Seine Nase traf den Nussknacker und -Rums-, fiel der zu Boden. Oh weh! So hatte sich Gustav Nussknacker das nicht vorgestellt. Einer seiner Arme war durch den harten Aufprall abgebrochen. Da lag er am Boden und Tante Lisbeth schrie Zeter und Mordio als sie das Malheur sah, das Beppino angerichtet hatte. Sie rannte in die Küche, holte die Fliegenklatsche und verdrosch den armen Beppino bis ihr die Hand wehtat. Dann holte sie Klebstoff aus der Tischschublade und klebte Gustav Nussknacker so gut es ging den Arm wieder an und stellte ihn zurück an seinen Platz. „Lass dich heute ja nicht mehr vor meinen Augen sehen“, schimpfte sie den winselnden Beppino aus. Der verkroch sich zitternd hinterm Regal. An diesem Abend ging Tante Lisbeth früh zu Bett weil ihr der Ärger so in den Kopf gestiegen war, dass sie schreckliche Kopfschmerzen bekam. Sie hatte dabei vergessen das Fenster im Wohnzimmer zu schließen. Als alles still im Haus war, flüsterte Gustav Nussknacker:
„He, kannst du mich hören?“ „Ja“, seufzte eine matte Dackelstimme. „Das tut mir leid, dass du wegen mir Prügel bezogen hast.“ „Und ich wollte dir ja nicht den Arm abbrechen“, kam es von unten. „Wenn doch bloß irgendwo ein Fenster oder eine Tür offen wäre, wo wir beide raus kämen ...“ Beppino wollte nach dieser Tracht Prügel auch nur weg von Zuhause. „Dort! Dort, steht das Fenster offen“, Gustav Nussknacker konnte das geöffnete Fenster von seinem Platz aus gut sehen.
„Jetzt muss ich dich aber nochmal vom Regal runter holen. Fall nicht auf deinen Arm“, flüsterte Beppino. Ein kräftiger Satz gegen das Regal und -Peng!- lag Gustav Nussknacker wieder auf dem Boden, diesmal auf dem Bauch und -oh nein,- beide Arme waren jetzt abgefallen und lagen neben ihm. Doch darüber mochte Beppino jetzt nicht nachdenken. Der Lärm hatte Tante Lisbeth im Bett hochfahren lassen. Siedend heiß fiel ihr ein, dass das Fenster in der Wohnstube noch offen stand. Vielleicht waren ja Einbrecher in der Wohnung. Na, die haben ihre Rechnung dann ohne die Wirtin gemacht. Resolut wie auch sonst im Leben griff Tante Lisbeth nach dem eisernen Kohleschieber der vor ihrem Heizofen stand. Niemand würde ungestraft Unordnung in ihre Stube bringen. Chaos, Unordnung und Zerstörung waren Dinge, die sie zur Weißglut trieben. Sie riss die Tür auf, rannte auf den Flur und stürzte in die behagliche Wohnstube. Gerade noch sah sie Beppinos Schwanz aus dem Fenster verschwinden. Geistesgegenwärtig drehte sie sich nach dem Regal um. Da wo Gustav Nussknacker stand, gähnte der leere Platz und auf dem Boden lagen zwei dünne Holzärmchen. „Komm du mir heim“, fauchte sie, schlug das Fenster zu und schnappte nach Luft. Schließlich kam sie zu sich und ihr wurde schmerzlich bewusst, dass Beppino allein da draußen in der finsteren Nacht umherirrte und ihm weiß- sonst- was geschehen könnte. Man las ja schließlich Zeitung und kürzlich gab es erst diesen Artikel über eine kriminelle Bande die vor allem Hunde stahlen um sie in Länder zu entführen in denen sie dann als Delikatesse auf den Tellern der Restaurantbesucher landeten. Sie zog ihre Latschen an, wickelte sich in ihren Morgenmantel und schlurfte zur Tür hinaus, zwei Straßen weit zuerst in die eine, dann in die entgegengesetzte Richtung und immer rief sie: „Beppino, komm zurück, Frauchen ist nicht mehr böse!“ Aber es kam kein Beppino.
Der lief unterdessen mit Gustav Nussknacker in der Schnauze an Vorgärten, Hecken und Buschwerk vorbei, durchquerte die große Wiese mit den Sauerkirschbäumen und links hoch den schmalen Pfad in die Weinberge hinein. Dort, auf einer Anhöhe lebte Onkel Schrullig. Die Leute nannten ihn so weil sie ihn für weltfremd hielten. Er nähte seine Kleider selbst, aß nur was er selbst anpflanzte –weswegen er manchmal blass wirkte- töpferte und schreinerte den ganzen Tag. Alles auf seinem Anwesen, vom Haus bis zum letzten Gemüsebeet war selbst gebaut und gezimmert. Ein Blick in seinen Garten hätte genügt um das Wort „weltfremd“ Lügen zu strafen. Überall befanden sich kleine Miniaturen der bedeutendsten Bauwerke der Welt. Im Salatbeet thronte stolz der Eiffelturm, neben den Brombeersträuchern meditierte der größte Buddha Südostasiens und wenn der Mond auf den Gartenteich schien, erhellte er das Taj Mahal sowie das Opernhaus von Sydney und erfreute auch die Loreley. Der Broadway mit dem Empire State Building verlief entlang dem Karottenbeet und endete am Geräteschuppen. Gleich daneben erhob sich die blaue Moschee und jeder, der in Onkel Schrullig´s Haus wollte, musste erst mal an König Salomos Tempel vorbei. Erschöpft mit Gustav Nussknacker im Maul erreichte Beppino das Grundstück, zwängte sich entlang des Tempels zur Tür und jaulte und wimmerte solange, bis im Haus die Lichter angingen und ein verwunderter Onkel Schrullig die Tür öffnete.
Beppino kannte den Weg auswendig. Es war Tante Lisbeths Spazierweg den sie mit ihm all die Jahre ging. Fasziniert von der außergewöhnlichen Gestaltung des Gartens war sie oft zu Gast bei Onkel Schrullig. Der wiederum war ganz vernarrt in diesen kecken Hund und streichelte und kraulte ihn gern. Und da Rauhaardackel kluge Hunde sind, wusste Beppino deshalb auch gleich wohin in seiner Not.
Onkel Schrullig wunderte sich, dass nur der Hund vor der Tür saß, noch dazu um diese Uhrzeit und keine Tante Lisbeth am Gartenzaun zu sehen war. Er ließ das Tier in seine Stube, ging in die Küche um eine Schale mit Wasser zu holen. Endlich bemerkte er die Figur in Beppinos Maul. „Was hast du denn da, alter Junge“, fragte er und nahm sie ihm ab. Gustav Nussknacker wirkte reichlich ramponiert, hatte nicht nur keine Arme mehr sondern auch jede Menge Abdrücke von Beppinos Zähnen. „Oh, einen alten Nussknacker hast du mir mitgebracht. Was für ein Prachtexemplar!“ Er betrachtete ihn im Licht und hatte sofort eine Idee.
Doch erst mal ging er zurück ins Bett. Beppino durfte bei ihm auf der Bettdecke schlafen.
Unterdessen plagte Tante Lisbeth das schlechte Gewissen so sehr, dass an Schlaf gar nicht mehr zu denken war. Sie hatte die Polizei gerufen und Wachtmeister Moosmaier ließ alle verfügbaren Einsatzkräfte in der Stadt nach dem Hund suchen, leider ohne Erfolg. Vor ihrem Bett sank sie zu Boden und flehte den Herrgott auf Knien um Vergebung an. „Niemals wieder werde ich ihn schlagen, niemals wieder, wenn du ihn mir zurück bringst“, so betete und flehte sie bis in den Morgen hinein.

Der begann für Beppino mit einer Riesenknackwurst. Onkel Schrullig, der niemals einem Tier Leid zufügen konnte und deswegen weder Fleisch noch Wurst aß, überwand sich und stand um acht Uhr morgens in der Metzgerei und verlangte nach einer Knackwurst. „Du wirst doch nicht etwa normal werden auf deine alten Tage“, giggelte Frau Timber hinter der Wursttheke. Sie kannten sich und es war Onkel Schrullig im Grunde egal was die Leute über ihn tratschten. Ja, es machte ihn sogar stolz, der Paradiesvogel des Städtchens zu sein. Gibt ja keinen außer mir, dachte er bei sich.

Diese Nussknackerfigur kam wie ein Geschenk. Während Beppino noch an seiner Wurst kaute, hatte Onkel Schrullig bereits zwei kräftige Arme für das verunglückte Erbstück aus einem Stück Holz gesägt und nicht nur das. Mit zwei Gelenken an den Schultern konnte Gustav Nussknacker seine Arme zum ersten Mal in seinem doch schon langen Dasein bewegen. Der hellblaue zerschrammte Mantel wurde mit einem kräftigen dunklen Blau übermalt und mit gelben Sternen und einem Halbmond verziert, dazu kam ein schwarzer Gürtel um den Bauch und seine Füße wurden auf ein hohes Podest gestellt und festgenagelt. Zuletzt erhielt er eine Laterne in seine rechte Hand, sowie einen langen Stab in die linke. Unter das Podest baute Onkel Schrullig eine kleine Spieluhr ein die jeden Abend „Hört ihr Leute lasst euch sagen … spielte.

Was ihm Sorgen bereitete war Beppino. Er ging mit ihm zur Polizei wo bereits eine Vermisstenanzeige vorlag. Tante Lisbeth war außer sich vor Freude und überwältigt, als Herr Moosmaier ihren Liebling höchstpersönlich im Dienstauto zurück brachte und es wird den Lesern hiermit versichert, dass sie ihr Versprechen Gott gegenüber gehalten hat und ihren Beppino nie wieder verhaute.


Und Gustav Nussknacker erhielt einen Ehrenplatz inmitten des Gartens. Die Welt da draußen, die er so gerne gesehen hätte, lag ihm nun buchstäblich zu Füßen und jede Nacht wachte und leuchtete er mit seiner Laterne über sie als Nachtwächter und
soweit wir wissen, tut er das noch immer …
 
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Kommentare  

Hallo Thomas,
herzberührend liebevoll, setzt du dem Nussknacker und dem Hund Beppino ein ehrendes Denkmal und auch Tante Lisbeth und Onkel Schrullig beschreibst du sehr verständnisvoll. Du nimmst sie, wie sie sind und zeigst Zuneigung für sie.
Deine Geschichte ist ein Lehrbeispiel für kleine Kinder und Heranwachsende, aber zugleich auch eine schöne und einfühlsame Vorlesegeschichte für Senioren, die mit ihrer Welt hadern und die sich leider schon aufgegeben haben. Sie zeigt doch auf so liebe- und verständnisvolle Art, das jeder seinen Platz finden und haben kann.
Mit großer Freude habe ich deine Geschichte gelesen und mit Respekt und Bewunderung meinen Kommentar verfasst. Mach weiter so, du hast ein begnadetes Talent und ein gütiges Herz, das mit deinem Verstand und deiner Hand gut zusammen wirkt.
Bewundernde Grüße von Rolf


Siehdichfuer (05.11.2016)

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