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3 Seiten

Die unsichtbaren Murmeln

Kurzgeschichten · Für Kinder
Vor einigen Wochen saß ich auf einer Bank im Schulhof der alten Schule. Vor vierzig Jahren war ich dort Schüler gewesen und noch immer zieht es mich dorthin wenn ich zu Besuch in der alten Heimat bin. Ich schaute ein paar Jungs beim Murmelspielen zu. Manche Dinge ändern sich auch trotz digitalen Zeitalters nicht. Mir kam eine Geschichte in den Sinn die mir jemand vor einiger Zeit erzählte. Den Wahrheitsgehalt konnte ich nicht nachprüfen, fasziniert hat sie mich allemal und mich spontan an die Geschichte der wundersamen Brotvermehrung aus dem neuen Testament erinnert.
Der Junge, Tim, schwor Stein auf Bein, es hätte sich so und nicht anders zugetragen.

Er war mit seinen Eltern in eine neue Stadt gezogen und stand unsicher vor dem Tor der Schule in die er von nun an gehen sollte. Vor kurzem hatte er seinen zehnten Geburtstag gefeiert, ohne Freunde, zwischen Umzugskartons in einer fremden Stadt in einer neuen Wohnung, einem neuen Zimmer, einem neuen Haus. Dieser Geburtstag war einfach bloß traurig gewesen.
Sein neuer Lehrer stellte ihn der Klasse vor und zeigte ihm seinen Platz. Der war neben einem dicken, großen Michael. Verächtlich musterte der den verschüchterten Neuen. „Viel Platz brauchst du nicht“, grinste er und ließ seine Stifte, Hefte und Bücher über dem Tisch verstreut liegen. Tim blieb nur ein schmaler Streifen am Tischrand übrig.
In der großen Pause spielten die Jungs in einer Ecke des Schulhofes mit Murmeln. Als Michael Tim an einen Baum gelehnt stehen sah, winkte er ihn zu sich. „Lust mitzuspielen?“ „Au ja“, erwiderte Tim. sie hatten ihn also doch akzeptiert. „Murmeln? „Ich hab keine“, seufzte Tim, „kannst du mir nicht welche leihen?“ „Sehe ich so aus?“ Die Hosentaschen von Michael platzen beinahe. „Dann kannst du auch nicht mitspielen. Mach Platz!“, und er stieß ihn unsanft zur Seite.
Auch in der folgenden Stunde dachte er gar nicht daran Tim auch nur eine Haaresbreite vom gemeinsam genutzten Tisch zu überlassen. In der kurzen Pause ging der Streit wieder los. „Ich brauche auch Platz zum Schreiben.“ „Dann kauf ihn dir“, knurrte Michael, „das ist mein Tisch. „Ich hab aber kein Geld.“ Dein Geld brauch ich nicht“, schnarrte Michael, „meine Eltern sind die reichsten Leute in der ganzen Stadt Gib mir was anderes!“ „Und was?“, fragte Tim frustriert. „Murmeln! Gib mir Murmeln!“ Michael zog aus seinem Rucksack ein Lineal und legte es triumphierend vor Tim. „Einen Zentimeter Tisch für eine Murmel!“ Er grinste, die Klasse johlte.

Es war Schlafenszeit. „Hast du einen schönen Tag gehabt und nette Klassenkameraden bekommen?“ Mutter strich ihm durch die Haare. Sie stellte eine Schüssel mit Obst auf seinen Nachttisch. Am liebsten hätte Tim losgeheult und ihr alles von seinem unverschämten Tischnachbarn erzählt. Aber sie wäre dann sofort zu seinem Klassenlehrer gerannt und sein Schicksal als Heulsuse wäre besiegelt gewesen. Vater würde nur sagen: Wehr dich!
„Alles bestens, Mutti. Kann ich noch ein bisschen lesen?“ „Eine halbe Stunde und dann Licht aus!“
Tim las ohne wirklich bei der Geschichte zu sein. Schließlich schaltete er die Nachttischlampe aus und drehte sich zur Seite.
Es war still in der Wohnung und still auf der Straße.
Die ganze Stadt schlief als er erwachte. Etwas streichelte ihm über die Wange. Er öffnete die Augen, drehte sich um und sah das ganze Zimmer in blauem Licht erleuchtet. Es kam von einer Erscheinung die neben seinem Bett stand und ihn anschaute. Sie glich einem Menschen, Tims Herz überschlug sich fast aber der Besucher hielt seinen Finger vor dem Mund und bedeutete ihm, er bräuchte keine Angst zu haben. Er streckte ihm die Hand entgegen. Tim wollte sie ergreifen, doch griff er durch sie hindurch, da sie nur Licht war. „ Hallo Tim“, klang es freundlich um ihn, „wir geben dir was du brauchst. Die Lichtgestalt zwinkerte mit den Augen, „ und gib du dem Michael was er braucht.“ Der Besucher hielt eine Murmel in der Hand die in allen nur erdenklichen Farben leuchtete und forderte ihn auf: „Nimm mal das Obst aus der Schale! Tim gehorchte. Mit leisem Klirren rollte die Murmel in die Schale. „Was kostet die denn?“, hörte Tim sich fragen. „Vertrauen“ lachte die blaue Lichtgestalt und fuhr fort, „ihr zwei werdet beste Freunde.“ In diesem Augenblick verschwand das Licht und über Tims Augen legte sich Dunkelheit. Als er am nächsten Morgen wach wurde, sah er die Glasschüssel auf seinem Nachttisch. Sie war voller Murmeln. Jede schimmerte in einer anderen Farbe. Er erinnerte sich an seinen Traum in der vergangenen Nacht. Drei Tüten braucht er um alle Murmeln zu verstauen. Im Rucksack gab es kaum noch Platz für die Bücher zum Unterricht.
Michael saß schon auf seinem Platz als Tim den Raum betrat. Schnurstracks ging der auf seinen Tischnachbarn zu, stellte ihm den Rucksack vor die Nase und fragte so laut, dass es alle in der Klasse hörten und sich zu den beiden umdrehten. „Stehst du zu deinem Wort?“, fragte Tim und schaute Michael gerade in die Augen. Er öffnete seinen Rucksack, holte die drei Plastiktüten heraus und legte sie vor ihn hin. Alle Augen waren jetzt auf Michael gerichtet, der heftig zu schwitzen anfing. Tim streckte seinen Zeigefinger aus und deutete auf die Mitschüler. „Ihr seid Zeugen!“, rief er. Woher dieser Mut kam wusste er nicht. Es schien geradezu aus ihm heraus zu reden.
Nach Michas Maßstäben vom Vortag hätte er jenseits der Außenwand des Schulzimmers im Schulhof sitzen müssen, doch Tim bewies echte Großzügigkeit und ließ dem Gierhals genau die Hälfte ihres Tisches.
Der mir diese Geschichte erzählte, betonte, dass er und dieser Michael tatsächlich beste Freunde wurden und Er, Tim, kam lange Zeit nicht darüber hinweg als Michael zehn Tage vor dem letzten Schultag starb. „Ach“, seufzte er bei unserem letzten Zusammentreffen, „viel zu früh musste der Micha gehen, lang vor seiner Zeit.“

Ende
 
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