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Memoiren eines Schriftstellers - 23. Kapitel

Romane/Serien · Fantastisches
Kapitel 23

Die Heimreise stand unmittelbar bevor und um pünktlich am Bostoner Flughafen zu erscheinen, mussten William und Shirley Carter schon um halb vier morgens aufstehen, weil ihnen eine zweistündige Autofahrt bevorstand. Zudem beanspruchte es eine gewisse Zeit, seine behinderte Tochter anzuziehen und das Frühstück für Unterwegs vorzubereiten. Für William war es eine sehr kurze und obendrein unruhige Nacht gewesen, die er lediglich schlummernd verbrachte aus Angst, er würde verschlafen. Und obwohl er eigentlich genügend Zeit einkalkulierte, wirkte er an diesem frühen Morgen sichtlich gestresst. Das Shuttle Taxi, welches beide nach Boston chauffieren sollte, hatte er schon am Abend zuvor für 4:45 Uhr morgens bestellt.

Chapter 124 -130 aus meinen Memoiren: Der letzte Tag des Sommers

Cape Cod, Massachusetts 11. September 2001

Shirley war zwar kein Morgenmuffel und das Aufstehen in aller Herrgottsfrühe machte ihr sonst auch nichts aus, denn das war sie gewohnt, trotzdem war sie schlecht gelaunt und wortkarg, nachdem ich sie aufweckte (normalerweise plapperte sie morgens ununterbrochen). Außerdem trödelte sie im Badezimmer rum und versuchte bei jeder Gelegenheit irgendwie Zeit zu schinden. So verhielt sich Shirley aber jedes Mal wenn unser Urlaub vorbei war und wir die Heimreise antraten, weil sie gerne noch ein paar Tage bleiben wollte.
Als wir letztes Jahr ihren siebenundzwanzigsten Geburtstag in Disney World verbrachten und Abreisen wollten, hatte sie sogar dermaßen rumgetrödelt und uns erfolgreich aufgehalten, dass wir letztendlich unseren Flug verpassten, woraufhin wir acht geschlagene Stunden sinnlos am Flughafen verbringen mussten. Aber wer glaubt, dass Shirley daraufhin zufrieden und glücklich war, der irrt sich gewaltig. Ich durfte mir nämlich dann den ganzen Tag ihr Gemecker anhören, weil meine liebe Tochter, als wir damals am Flughafen angekommen waren, ganz plötzlich unbedingt nach Hause wollte und obendrein hatte sie mich beschuldigt, dass wir unseren Flieger verpassten.
Diesmal jedoch sollte dies keinesfalls passieren, weil ich mich ungemein auf ein Wiedersehen mit George freute. Fast zwei Jahre lang hatte er mich gemieden, weil er mich für Penélopes Mord an Lewis Dickson und weil sie ihn angeschossen hatte, mitverantwortlich hielt. Aber die Zeit heilt alle Wunden und nun bereute George es sogar dazu beigetragen zu haben, dass Penélope frühzeitig hingerichtet wird. Der Termin ihrer Exekution würde innerhalb der nächsten drei Jahre bekannt gegeben, sagte man mir.

Nachdem ich Shirley ins Badezimmer getragen und sie auf einen Stuhl gesetzt hatte, damit sie sich ihre Zähne putzen konnte, machte ich uns ein paar Thunfischsandwiches für Unterwegs. Als ich nach ihr schaute erwischte ich das Luder auf frischer Tat dabei, wie sie wiedermal ihren Zahnputzbecher austrank.
„Shirley, lass das! Verdammt noch mal aber auch!“, schnauzte ich. „Man darf dich aber auch wirklich nicht eine einzige Minute aus den Augen lassen. Zum Kotzen ist das!“
Shirley zuckte kurz zusammen, spuckte das Mundwasser aus, putzte sich weiter gemächlich die Zähne und tat so, als wäre nichts geschehen.
Verärgert tippte ich auf meine Armbanduhr.
„Wie lange willst du deine Zähne eigentlich noch putzen? Beeil dich mal, Fräulein. Unser Taxi ist gleich da!“, forderte ich sie ungeduldig auf, während ich sie mahnend im Spiegel ansah.
Daraufhin blickte sie über ihre Schulter und maulte mit Zahnpasta verschmiertem Mund, dass ich sie in Ruhe lassen soll. Dann forderte sie mich auf, dass ich ihr langes Haar bürsten sollte. Aber genauso lange wie es ihre Nanny immer macht, ermahnte sie mich, und dies tat Thelma tatsächlich fünf Minuten lang. Ich zuckte mit den Augenbrauen und atmete genervt auf, bürstete schleunigst ihr Haar und sie meckerte, weil ich angeblich zu hektisch wäre. Als ich nach ungefähr drei Minuten, die sich wie zehn Minuten anfühlten, die Bürste weglegte, blickte sie mich entrüstet an und quengelte, dass ihr Haar nicht ordentlich gebürstet wäre. Also musste ich tatsächlich die kostbaren zwei Minuten noch dranhängen. Zwar konnte sie die Uhrzeit nicht lesen, dafür besaß sie aber ein außerordentliches Zeitgefühl. Sie diesbezüglich versuchen zu bescheißen war also völlig zwecklos, damit riskierte ich bloß eine sinnlose Debatte, die sowieso zu nichts führte und mich nur wertvolle Zeit kostete.

Es war sowieso zum Haare ausrupfen. Nichts machte ich in ihren Augen richtig. Die ganzen Tage über ging das schon so; ihre Nanny macht dies und das und jenes ganz anders und sowieso viel besser als ich. Aber im Grunde war ich darüber erfreut, denn dies bestätigte mir wiedermal, dass ich mit Thelma damals die absolut richtige Wahl getroffen hatte. Sogar als ich ihr die Socken überstreifen wollte, strampelte sie mit verkrampften Zehen mit den Füßen und weigerte sich strikt diese anzuziehen. Sie wollte unbedingt ihre Snoopy Strümpfe tragen, meinte sie.
„Shirley, was soll das? Es ist doch egal, welche Socken du anhast. Man sieht sie ja doch nicht. Daddy zieht dir deine neuen Nike Schuhe drüber, die ich dir zum Geburtstag geschenkt habe“, versuchte ich ihr verzweifelt zu erklären.
Aber es war zwecklos, denn ihr war es keineswegs egal. Sie sah mich empört an und schimpfte, dass ich dumm und böse sei und drohte mir, dass sie es Thelma erzählt, falls ich ihre Lieblingsstrümpfe nicht sofort anziehen würde. Ich stöhnte kopfschüttelnd auf und fluchte murmelnd vor mich her, weil ich aus Erfahrung wusste, dass sie sich insbesondre in ihrer Kleiderauswahl selten reinreden ließ. Also öffnete ich genervt unseren bereits gepackten Trolley und wühlte darin hektisch rum, suchend nach ihren blöden Snoopy Socken.

Nichtsdestotrotz lagen wir überraschend gut in der Zeit, wesentlich besser als letztes Jahr in Florida. Als wir schließlich kurz vor 5 Uhr im Shuttle-Taxi saßen und der Fahrer losfuhr, atmete ich erleichtert auf. Zugleich überlegte ich krampfhaft, ob wir auch bloß nichts vergessen hätten. Shirleys Medikamente waren am Wichtigsten und zudem ihr Stoffhase mit den langen Schlappohren, diesen sie aber längst in ihrem Arm festhielt.
Eigentlich war ihr Stoffhase sogar wichtiger als die Medizin. Selbst wenn wir kurz vor Boston bemerkt hätten, dass ihr Hase nicht dabei ist, hätte sie gnadenlos darauf bestanden sofort zurückzufahren. Andernfalls hätte sie wie das Rumpelstilzchen rumgetobt, denn ohne dieses Zottelvieh wäre sie niemals in ein Flugzeug eingestiegen.
Zum Glück war es mir wenigstens gelungen Shirley davon abzubringen, als wir gestern in Provincetown in einem der zahlreichen Ramschläden für Touristen waren, dass sie nicht wiedermal unzählige Geschenke einkaufte. Wenn es nach ihr gegangen wäre, wären wir mit einem vollbepackten Einkaufswagen hinausgegangen. Diesmal erlaubte ich ihr allerhöchstens drei Geschenke zu kaufen, dies sie sogar anstandslos ohne zu maulen akzeptierte. Das waren drei Briefbeschwerer, in Form einer Glaskugel, darin jeweils eine konservierte Edelweiß Blume eingearbeitet war. Eine Glaskugel wollte sie Thelma mitbringen, die andere war für ihre Mutter gedacht (obwohl ich genau wusste, dass die Gefängniswärter diesen Gegenstand sofort beschlagnahmen werden). Und weil ihr dieser Briefbeschwerer mit dem Edelweiß so gut gefiel, kaufte sie sich auch einen für sich selbst.
Wehmütig blickte ich zurück und beobachtete durch die Heckscheibe des Taxis, wie die Straßenlaternen hinter uns vorbeizogen und mein Elternhaus von der frühmorgendlichen Dunkelheit allmählich verschluckt wurde. Irgendwie überkam mich das Gefühl, dass ich es nie wiedersehe, dass ich Cape Cod diesmal für immer den Rücken kehren würde. Trotzdem spielte ich nicht einen Augenblick mit dem Gedanken, mein Elternhaus jemals zu vermieten oder es gar zu verkaufen.
Kurz bevor wir die Ausfahrt zum Bostoner Flughafen erreichten, schaute ich aus dem Autofenster hinauf in den morgendlichen, glasklaren Himmel. Der Sonnenschimmer drückte sich minütlich aus dem Horizont empor und tunkte das tiefblaue Firmament sachte in orangene Farben. Nicht ein einziges Wölkchen war hoch oben zu sehen, nur hier und dort, kreuz und quer, die Abgasschweife der Flugzeuge. Ich kniff die Lippen zusammen und nickte. Dies wird gewiss ein wundervoller, spätsommerlicher Septembertag werden. Die besten Bedingungen waren gegeben, um zu fliegen, dachte ich mir.

Im Flughafenterminal angekommen schaute ich auf die riesige Anzeigetafel und verglich die Uhrzeit. Es war viertel nach sieben, unser Passagierflugzeug sollte planmäßig um 7:45 Uhr abheben doch plötzlich ratterten die Fallblätter und zeigten an, dass der Flug AA11 sich um 14 Minuten verspätet. Start war also erst um 7:59 Uhr. Direkt unter unserer Flugnummer las ich, dass die United Airlines, Flug UA175, um 8:00 Uhr ebenfalls nach Los Angeles fliegen würde.
Bescheuert, dachte ich mir insgeheim. Da jammert die Welt wegen des drastischen Klimawandels und zunehmenden Ozonlöcher, und dann werden gleich zwei Boeing 767, die nicht einmal halb besetzt sind, beinahe zeitgleich auf ein und dieselbe Route geschickt.
Ich atmete erleichtert auf, weil unser Zeitpolster unfreiwillig etwas aufgestockt wurde, denn Shirley entdeckte ein McDonalds Restaurant, deutete mit großen Augen drauf und rief freudig: „Da, Donald! Daddy, Tüte haben!“
Shirley wollte unbedingt eine Happy Meal Wundertüte haben, nicht weil sie hungrig war (sie hatte bereits ihr Thunfischsandwich aufgegessen), sondern wegen dem darin befindlichen Spielzeug. Seit ihrer Kindheit sammelte sie leidenschaftlich diesen McDonalds Plunder, und sobald sie eine Sammlung vollständig hatte, blieb diese so lange auf ihrem Regal stehen, bis eine neue Collection herausgebracht wurde. Dann war dieser Krimskrams für sie uninteressant und landete gnadenlos in die Mülltonne, um für die neue Sammlung Platz zu schaffen. Momentan wurde ein Bauernhof mit all seinen Tieren und Ronald McDonald als Farmer angeboten. Diese Collection hatte sie fast vollständig gesammelt, soviel ich wusste fehlten ihr nur noch zwei oder drei Figuren, doch welche diese waren, das wusste ich nicht.
Aufgrund der Verspätung blieb uns also noch etwas Zeit, doch als ich Shirley in das Restaurant schob wurde ich augenblicklich wieder etwas nervös, weil etliche Leute anstanden. Ich hasste es ohnehin irgendwo anzustehen und warten zu müssen, aber zum Glück machte eine Mitarbeiterin sogleich eine weitere Kasse auf und winkte mir zu.

Die Bedienung war eine sehr junge Frau, jünger als Shirley, und hatte mich tatsächlich erkannt (die meisten jungen Leute kannten mich heutzutage nur noch vom Hörensagen). Sie schaute mich lächelnd und Kaugummi kauend an, nahm meine Bestellung auf und blickte dann auf Shirley runter. Gemurmel und Gepiepe waren zu hören, wie in jedem McDonalds Restaurant.
„Hi, du bist bestimmt die Shirley. Wenn man dich mit deinem Papa im Fernsehen sieht, bist du immer so goldig“, kicherte sie. „Wie geht es dir denn? Ich bin die Amanda“, sagte sie fröhlich, deutete auf die große Werbetafel, darauf alle Spielzeugfiguren abgebildet waren und meinte, dass sie sich eine Figur aussuchen dürfte. Shirley aber ignorierte die nette Dame, blickte stattdessen konzentriert auf die Werbetafel, tippte dabei mit dem Zeigefinger auf ihre Unterlippe und überlegte. Ihre Augen wanderten umher und musterten jede abgebildete Tierfigur sorgfältig mit Bedacht.
Dass Shirley ihre Freundlichkeit nicht erwiderte, war völlig normal und hatte mit Antipathie absolut nichts zu tun. Wenn sie von fremden Leuten angesprochen wurde, selbst von Kindern die sie nicht kannte, zeigte sie zunächst keine Reaktion, sondern blickte denjenigen nur mit leicht geöffnetem Mund erwartungsvoll an.
Die freundliche Amanda lehnte sich mit verschränkten Armen lässig auf dem Tresen, knatschte Kaugummi und strahlte mich regelrecht an. Sie sagte, dass sie alle meine Romane gelesen und am Samstag extra wegen mir nach New York gereist wäre. Vor dem Kaufhaus Macy`s hätte sie meine Hand geschüttelt und von mir ein Autogramm ergattert, behauptete sie. Ich erwiderte ihre Heiterkeit lediglich mit einem kurzen, verlegenen Lächeln. Zum einen, weil ich mich nicht daran erinnern konnte und zum anderen, uns drohte nun jetzt doch die Zeit davon zu laufen. Ich beugte mich zu Shirley runter, tätschelte auf ihre Schulter, küsste ihr auf die Wange und flüsterte in ihr Ohr.
„Schatz, du musst dich jetzt bitte entscheiden. Wir müssen nämlich noch einchecken“, erklärte ich ihr lieblich.
Shirley aber stieß mich sogleich beiseite, sah mich garstig an und blökte rum, dass ihr das egal ist und ich sie gefälligst in Ruhe überlegen lassen soll. Dann tippte sie mit dem Finger wieder auf ihre Lippe und betrachtete weiter gemächlich die Spielfiguren, als hätten wir alle Zeit der Welt. Hinter uns hatte sich mittlerweile eine Warteschlange gebildet und ein kleines blondes Mädchen mit Zöpfen, die direkt neben uns stand und die Hand ihrer Mutter hielt, starrte Shirley unentwegt an.
Ich blickte griesgrämig auf meine Armbanduhr und schnaufte ungeduldig.
„Das hat keinen Sinn. Amanda, packen Sie ihr bitte irgendwas ein. Egal was, wir haben keine Zeit. Ich kenne meine Tochter, bis sie sich entschieden hat, ist unser Flieger in L.A. längst gelandet und alle Leute hier sind verhungert.“
„Wirklich?“, hakte das junge Fräulein nach, wobei sie mich ungläubig anschaute. „Sie hat sich doch noch gar nichts ausgesucht. Ich würde ihr ja gerne zwei Figuren geben, aber das darf ich leider nicht, sonst verliere ich meinen Job“, flüsterte sie mir lächelnd sowie knatschend zu.
„Ja, ja. Machen Sie nur. Stecken Sie ihr einfach die Kuh rein, oder das Schwein, oder weiß der Kuckuck was. Ist völlig wurscht. Hauptsache es raschelt ordentlich in der Tüte, dann ist sie glücklich“, versicherte ich ihr augenzwinkernd.
Demonstrativ blickte ich kurz hinter meine Schulter, und sah ihr wieder in die Augen. Sie war ja ein süßes Ding und es gefiel mir zugegeben, wenn die Jugend (besonders wenn sie weiblich waren) sich für meine Bücher und meine Person interessierte, aber zum Flirten war jetzt leider ein unglücklicher Zeitpunkt.
„Wir halten hier nämlich den ganzen Verkehr auf, verstehen Sie? Meine Tochter liebt Überraschungen. Sie werden es schon sehen. Sobald wir hier draußen sind, werden Sie einen Freudenschrei ohnegleichen hören“, prophezeite ich.
Es dauerte noch einen Augenblick, bis die freundliche Bedienung die Happy Meal Tüte mit zwei Fingern haltend Shirley entgegen hielt, weil sie noch ihre Handynummer unübersehbar auf die Papiertüte geschrieben hatte.
„Würde mich tierisch freuen, wenn Sie mich mal anrufen. Dann könnten wir ja mal gut essen gehen … oder so“, meinte sie keck, während Shirley nach der Juniortüte grapschte und ihr diese förmlich aus der Hand riss.

Jetzt drängte die Zeit aber gewaltig. Es war schon kurz nach halb acht, als wir aus dem Fast Food Laden rauskamen. Ich schob Shirley mit strammen Schritten voran, unseren Trolley zog ich hinterher, und hielt Ausschau nach einem Schalter der American Airlines.
Shirley beugte sich derweil über ihre Juniortüte, die auf ihrem Schoß lag, und wühlte darin rum. Plötzlich zog sie ein gelbes Plastikding heraus, warf es gegen meinen Kopf und motzte, dass sie dieses dumme Küken schon hätte. Sie verlangte von mir doch in der Tat, dass wir sofort zurück zu McDonalds gehen, um eine neue Happy Meal Tüte zu kaufen.
„Das kann nicht dein Ernst sein. Du spinnst wohl, mein Fräulein! Nochmal hinter einer Schlange anstehen müssen, nur wegen deinem Firlefanz? Vergiss es! Du hattest die Chance, dir etwas auszusuchen. Jetzt haben wir keine Zeit mehr dafür!“, fuhr ich sie verärgert an und schob sie beharrlich weiter.
Jetzt eskalierte die Situation. Shirley war auf hundertachtzig und betätigte die Bremse. Sie brüllte, schrie und weinte sogar vor Zorn. Sie grapschte nach der Happy Meal Tüte, drehte sich zu mir rum und schlug damit auf mich ein, wobei die Pommes und die Chicken-Nuggets umherflogen. Sie war dermaßen außer sich, so hatte selbst ich sie noch nie erlebt.
„DADDY DUMM! DADDY BÖSE!“, kreischte sie wutschäumend und blickte mich total verheult an. Aber ich ließ mich diesmal nicht erweichen, löste die Bremse und schob sie weiter voran.
Es hatte keinen Sinn darauf zu hoffen, sie würde sich schon gleich wieder beruhigen. Ich blieb stehen und versuchte sie zu besänftigen. Meine größte Sorge im Moment war, dass sie blind vor Wut sogar ihre Brille runterreißen und auf dem Boden werfen würde, denn dann hätte ich ein wirkliches Problem. Sie hatte einmal in ihrer Kindheit ihre Brille aus Zorn mir entgegen geworfen, woraufhin sie in völliger Panik geraten war und Angstzustände bekam, weil sie so gut wie gar nichts mehr gesehen hatte. Falls das hier und jetzt geschehen würde, wäre dies wirklich fatal. Diese speziellen Brillengläser könnte ich schließlich nicht hier auf dem Flughafen beim x-beliebigen Optiker auf die Schnelle erneuern lassen. Ich tätschelte ihre Wange und versuchte sie irgendwie ruhig zu stellen, obwohl ich selbst völlig unter Stress stand. Ich versuchte beruhigend auf sie einzureden, obwohl dies wirklich nicht einfach war, weil sie ununterbrochen tobte.
„Schatz, hör mir bitte zu. Ich verspreche dir, sobald wir in Los Angeles gelandet sind, gehen wir schnurstracks zu McDonalds und kaufen dir eine neue Tüte. Einverstanden?“
Nein, damit war sie leider nicht einverstanden. Shirley zappelte wild in ihrem Rollstuhl rum und kreischte und brüllte außer sich vor Wut, so, dass ich sie selbst kaum verstand. Sie schlug sogar mit ihrem Stoffhasen nach mir und schrie, dass sie nie wieder in ihrem Leben von mir eine Happy Meal Tüte haben will. Nie wieder! So, das hätte ich jetzt davon. Würde mir recht geschehen, schrie sie mich mit zornverzerrtem sowie verheultem Gesicht an.

Ein letzter Aufruf ertönte aus den Lautsprechern, dass die Passagiere des Flugs AA11sich unverzüglich zum Gate begeben sollen.
Ich konnte mir einfach nicht erklären, was in Shirley gefahren war. Sie weinte und schrie und tobte ununterbrochen, zudem keuchte sie wiedermal beängstigend. Und überhaupt, dass Shirley weinte, war ein äußerst seltenes Phänomen. Sie konnte zwar rasch zickig werden (hauptsächlich wenn sie mit mir unterwegs war und sie ihren Willen nicht sofort bekam), aber eine Heulsuse war sie nie gewesen. Shirley hatte in ihrem Leben schon so einiges tapfer weggesteckt. Auch emotionales, als beispielweise ihre Mutter von jetzt auf gleich nicht mehr bei uns war.
Einmal, das ist schon länger her, als wir bei Adam zu Besuch waren, hatten wir nicht aufgepasst. Sie fuhr damals mit ihrem Rollstuhl einen kleinen Treppenabgang hinunter und hatte sich überschlagen. Dabei war sie mit ihrem Kopf auf dem Marmorboden aufgeschlagen und hatte an ihrer Stirn geblutet, diese Wunde letztendlich sogar genäht werden musste. Aber Shirley war taff gewesen und hatte sogar versucht sich eigenständig an einem Tischbein hochzuziehen. Weder hatte sie gejammert, noch eine einzige Träne dabei vergossen (nur nach einer Tafel Schokolade hatte sie verlangt, die sie daraufhin auch sogleich bekam).
Als wir direkt am Schalter standen und ich unseren Trolley aufgeben wollte, platzte mir endgültig der Kragen. Shirleys Geschrei und Geflenne ging mir unheimlich auf die Nerven, zumal uns sämtliche Leute kopfschüttelnd anstarrten. Sicherlich mussten sie geglaubt haben, dass ich sie verprügelt hätte. Jetzt war auch ich auf hundertachtzig, rüttelte wild an ihrem Rollstuhl und schnauzte sie laut an, dass sie endlich ruhig sein soll. Ich befürchtete nämlich, dass man uns in ihrem Zustand so keinesfalls an Bord lassen würde. Aber das machte sie umso bockiger. Wieder betätigte sie die Bremse und brabbelte trotzig, dass sie nicht mitfliegt.
Erneut ging ich in die Hocke, atmete einmal zur Selbstberuhigung kräftig durch und versuchte Shirley abermals zu trösten. Dabei handelte ich mir einen schmerzhaften Handschlag mitten ins Gesicht ein. Voll auf die Nase, zum Glück blutete ich nicht.
„Daddy … DUMM!“, schrie sie völlig wutentbrannt. Shirley klammerte sich sogleich an mich, zitterte am ganzen Leib und weinte bitterlich, wie noch nie zuvor. Ich küsste wortlos ihren Kopf, drückte sie tröstend an mich und streichelte zärtlich über ihr langes, braunes Haar. Selbst wenn sie mit einem Messer auf mich losgegangen wäre und mich abstechen wöllte … meine Liebe zu ihr war stärker und würde es immerzu bleiben.

Plötzlich bemerkte ich, dass uns einige Herrschaften arabischer Herkunft beobachteten. Einer von ihnen, bekleidet mit einer schwarzen Hose und blauen Hemd – er trug eine Hängetasche mit sich – kam auf mich zu und sprach mich an. Sein orientalischer Akzent war unüberhörbar.
„Steigen Sie mit dieser Frau etwa auch in das Flugzeug ein?“, fragte er.
Ich schaute kurz zu ihm hoch aber antwortete nicht, sondern zog Shirleys Brille ab und tupfte mit einem Taschentuch ihr verheultes Gesicht trocken, während sie schluchzte und verzweifelt „Daddy, Donald Tüte haben“ stammelte.
„Das gefällt mir nicht. Nehmen Sie bitte die nächste Maschine“, schlug er mir unverfroren vor. „Ich habe Flugangst, vielleicht andere Passagiere auch, und wenn jemand Panik an Bord verbreitet dann …“
„Ach ja? Und wer bezahlt mir die Tickets für den neuen Flug? Sie etwa? Kümmern Sie sich gefälligst um Ihren eigenen Scheiß! Ich krieg meine Tochter schon in den Griff!“, fauchte ich ihn sogleich an.
Die Art, wie dieser Mann mich anschaute, war mir nicht geheuer. Sein Blick war eiskalt, als wäre er skrupellos und gewalttätig. Einen Augenblick dachte ich dran, mich zu entschuldigen, denn ich hatte das mulmige Gefühl dass er mir, sobald wir in L.A. ankämen, gerne den Hals umdrehen würde.
Ich verkehrte früher des Öfteren in Kairo, nicht nur weil mich die ägyptische Antike sehr interessierte und als Schauplatz meiner erfolgreichsten Romane gedient hatte, sondern vielmehr, weil diese weltoffene Metropole mir das Tor zu allen anderen moslemischen Ländern öffnete. In Saudi Arabien waren beispielsweise meine Bücher allesamt verboten worden, trotzdem war sogar der Multimilliardär und Ölscheich, Walid Ahmed Juffali, ein bekennender Fan von mir. Er hatte mich einmal irgendwann Ende der 80er zu sich nach Hause in seinem Imperium eingeladen und mir grinsend erklärt, dass er all meine Romane von einem ägyptischen Buchhändler äußerst teuer erworben hatte. Schmuggelware sozusagen.
Kairo war für mich das New York von Arabien, dort sind die muslemischen Leute lockerer eingestellt und man sieht sogar hier und da christliche Kirchen neben Moscheen stehen. Es besteht in Kairo nicht einmal für die Frauen die zwanghafte Kopftuchpflicht, entweder tragen die Damen es dort aus Überzeugung oder der Mode wegen, oder eben gar nicht. Wie auch immer …
Ich konnte also die arabischen Leute verhältnismäßig gut einschätzen. Sie waren allesamt herzliche Leute, die überaus gastfreundlich, humorvoll und für jeden Spaß zu haben waren. Überdies sind sie die raffiniertesten Geschäftsleute, die ich je kennenlernte. Aber wehe dem, du kommst ihnen irgendwie schräg. Nur eine einzige unbedachte Äußerung kann ausreichen, um ihre Ehre zu verletzten, und man hat einen Feind bis zu seinem Lebensende heraufbeschworen.

Plötzlich fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter, die mit einem schwarzen Handschuh bedeckt war. Ich zuckte kurz zusammen, denn es fühlte sich wie ein sachter Stromschlag an. Aufgeschreckt richtete ich mich auf und blickte in das Gesicht einer uniformierten, rothaarigen Frau mit Sommersprossen. Sie gehörte unübersehbar zum Sicherheitsdienst der American Airlines und lächelte mich mit ihren hellblauen Augen freundlich an. Mit ihrer anderen Hand berührte sie Shirley, die daraufhin plötzlich ruhig wurde, sie erstaunt anblickte und nur noch schluchzte.
„Sie sind doch Mister Carter und beabsichtigen sicherlich, nach Los Angeles zu fliegen?“, fragte sie freundlich, woraufhin ich nickte und sogleich vernahm, wie der Araber die Sicherheitszone passierte und durch die Schleuse das Flugzeug betrat. Ich schaute ihm nach, bis er verschwunden war.
„Sie befinden sich leider am falschen Gate, Mister Carter. Diese Maschine fliegt nach New York“, behauptete sie.
„Wie bitte? Das kann nicht sein“, erwiderte ich verblüfft. „Flug AA11 fliegt nach Los Angeles.“
„Nein, Sie irren sich. Überzeugen Sie sich selbst. Die AA11 fliegt nach New York!“
Die rothaarige Frau deutete auf die Anzeigetafel und tatsächlich; nachdem die ratternden Buchstaben und Zahlen zum Stillstand gekommen waren, lautete die aktuelle Flugauskunft: Flug AA11 Abflug Boston 7:59 Uhr – Ankunft New York 8:46 Uhr.
Kurz darauf ratterte die untere Fallblattanzeige ebenfalls und zeigte an: Flug UA175 Abflug Boston 8:00 Uhr – Ankunft New York 9:03 Uhr
Ich hielt unsere Flugtickets in der Hand und schaute verwundert drauf, weil selbst darauf der Ankunftsort N.Y. gedruckt stand. Ich war völlig konfus und fragte mich, wie mir beim onlinebuchen solch ein Fehler unterlaufen konnte. All die Tage war ich doch felsenfest davon überzeugt, dass …
„Also, das verstehe ich jetzt gar nicht. Können Sie mir vielleicht sagen …“
Ich stockte, weil die American Airline Mitarbeiterin einfach verschwunden war.
Verwundert sah ich mich nach ihr um, aber sie war nirgends zu sehen. Spurlos verschwunden. Mir fiel daraufhin ein kleiner pummeliger Junge auf, der an einem Kaugummiautomat hantierte und die bunten Kugeln und Zinnsoldaten, sobald er sie herauszog, nacheinander hinter sich warf. Bunte Kaugummikugeln und anderweitiger Schund kullerten auf dem Boden rum.

Plötzlich hörte ich hinter mir eine männliche Stimme, drehte mich um und vor mir stand ein leger gekleideter Mann, mit Halbglatze, ergrautem Oberlippenbart und verspiegelter Pilotenbrille. Er war ungefähr mein Jahrgang, mit einer verwaschenen Jeanshose, einem schmuddeligen gelben T-Shirt und abgetragenen Joggingschuhe war er bekleidet. Dass er jedoch ein vermögender, einflussreicher Mann war, sah man ihm absolut nicht an.
„Mister Carter? Sie sind doch Mister William Carter, der berühmte Schriftsteller. Na das ist ja eine Überraschung. Ich habe etliche Bücher von Ihnen gelesen. Mein Name ist Carl Logan“, sagte er sichtlich erfreut und reichte mir einen festen Händedruck, diesen ich völlig überrumpelt erwiderte.
Er steckte sich zwei Finger in den Mund und ein schriller Pfiff ertönte, woraufhin der Junge, der sich intensiv an dem Automaten zu schaffen machte und ständig Kaugummis hinter sich warf, angeflitzt kam. Ich erkannte sofort was mit dem Burschen los war. Er hatte das Down-Syndrom, zudem schielte er auffällig. Auch er war in Jeans gekleidet, trug ein weißes T-Shirt und darüber eine Jeansweste, hinten drauf der Schriftzug der Heavy Metal Band METALLICA gestickt war.
„Sieh mal, Danny, wer das ist. Und sogar seine Tochter ist dabei. Na, wer ist das?“, fragte er seinen Sohn.
Danny grinste schielend über seine Pausbacken und antwortete prompt: „Mister Carter und Shirley sind das. Mann, voll cool, ey!“

Es stellte sich heraus, dass Mr. Logan ein bekannter Baulöwe aus Los Angeles war und gemeinsam mit seinem behinderten, einundzwanzigjährigen Sohn die Heimreise in seinem Privatjet antreten wollte. Aufgrund der Unstimmigkeit mit meinem Flugticket, lud er mich zum Mitfliegen ein, dieses großzügige Angebot ich dankend annahm. Zudem war Shirley nun in bester Gesellschaft, zwar sah sie total verweint aus und trauerte einer neuen Happy-Meal Tüte immer noch hinterher, aber sie hatte sich wieder weitgehend beruhigt. Danny öffnete seine Hände und präsentierte ihr stolz seine Errungenschaften aus dem Kaugummiautomaten. In seiner rechten Hand hielt er einige Totenkopfringe aus Plastik, in seiner Linken blaue und grüne Kaugummibällchen. Seine Zunge war bereits blau gefärbt.
„Schau mal Shirley, wie viele Totenkopfringe ich schon habe. Die sammle ich alle. Voll cool, gell?“
Davon war Shirley sichtlich beeindruckt, aber die grünen Kaugummis reizten meine Naschkatze dann doch eher. Grün war ohnehin ihre Lieblingsfarbe.
„Danny, Kekse haben darf?“, fragte sie mit ihrem gewohnten, unschuldigen Blick, woraufhin er ihr einen davon in den Mund steckte aber sie sogleich aufklärte, dass sie diesen nicht runterschlucken dürfte. „Sonst gibt’s Bauchweh. Hab ich nämlich schon mal ausprobiert, Shirley“, meinte er mit einem ernsten Gesichtsausdruck. Shirley konterte brabbelnd, während sie kaute, dass sie das weiß und behauptete, dass sie schon viel mehr Kaugummis in ihrem Leben gegessen hätte, als er. Sie war damit einverstanden, dass Danny sie schob aber ermahnte ihn zugleich, bloß nicht zu schnell! Sie musste gemerkt haben, dass Danny ein wahrer Wildfang und ein kleiner Chaot war, der sich für ihren Geschmack etwas zu hektisch verhielt.

Während wir durch das Flughafenterminal marschierten und auf dem Weg zum Hangar waren, dort wo Mr. Logans Cessna untergebracht war, erklärte er mir, dass sein Sohn nicht nur behindert sondern zudem hyperaktiv wäre.
„Ich habe die Schwierigkeiten mit Ihrer Tochter mitverfolgt. Ich kenne dieses Problem nur zu gut. Wissen Sie, ich reise ständig um die Welt, zurzeit beaufsichtige hauptsächlich ein Bauvorhaben in Singapur, und Danny begleitet mich stets.“
„Danny scheint mir aber ein ganz lieber, umgänglicher Bursche zu sein.“
„Ja, schon, das ist er auch. Er ist ein liebenswerter, äußerst rücksichtsvoller Kerl. Aber hin und wieder tickt auch er mal aus, und das kann durchaus kritisch werden, insbesondre wenn wir losfliegen wollen. Seine Wutausbrüche darf man keinesfalls unterschätzen. Er genießt demnach solange Narrenfreiheit, bis wir in unseren Jet einsteigen. Aber sobald wir wieder einen festen Boden unter den Füßen haben, zieh ich die Zügeln wieder fester an“, erklärte er mir lächelnd. „Übrigens, mein Name ist Carl.“
„Kein Problem, Carl. Ich bin William. Aber mich kennst du ja schon“, schmunzelte ich.
Während Danny meine Tochter hopsend vor sich herschob, legte er seinen Kopf weit in den Nacken zurück und spuckte seinen Kaugummi aus. Dieser flog knapp über die abgehängte Decke, rotierte in der Luft und klatschte gegen einen Koffer, dort er wie eine Knetmasse kleben blieb.
„BOAH … Dad, Mister Carter, habt ihr gesehen, wie hoch der geflogen ist? Guckt mal, wo der jetzt klebt“, kicherte er schielend, ging auf den Koffer zu und deutete mit seinem Finger stolz drauf. „Voll cool, ey.“
„Machen wir, dass wir schleunigst hier wegkommen“, prustete Mr. Logan. „Sonst glaubt man noch, mein Sohn hätte eine Bombe platziert.“

Carl Logans Cessna war ein solider Privatjet. Ich saß im Cockpit neben ihm und unsere erwachsenen Kinder vertrieben sich hinten in der Kabine derweil die Zeit. Eine herrliche angenehme, friedliche Stimmung herrschte. Was war ich froh, mir kein Geschrei mehr anhören zu müssen.
Es fühlte sich fantastisch an, im Cockpit zu sitzen und durch den wolkenlosen Himmel zu schweben. Insgeheim war jetzt froh gewesen, dass man uns nicht an Bord der Boeing 767 gelassen hatte, trotz der bereits zwei bezahlten First Class Tickets.
Und überhaupt, die ganze Aufregung um unsere Tickets, ob ich nun tatsächlich falsch gebucht hatte oder nicht, interessierte mich nicht mehr. Weit vor uns flog eine Passagiermaschine, die wir abwechselnd mit einem Fernglas beobachteten. Manchmal schmerzte es in meinen Augen, weil die Aluminium beplankten Flugzeugflügeln den grellen Sonnenschein reflektierten. Carl schaltete den Autopiloten ein, griff hinter sich und holte eine Flasche Whiskey, zwei kubanische Zigarren sowie zwei Gläser hervor. Schmunzelnd wankte ich mit dem Zeigefinger, bevor auch ich mir ein Glas einschenkte. Dieser Mann war genau mein Geschmack. Mister Logan war auf meiner Wellenlinie und entsprach völlig meinem Niveau.
Shirley musste ich selbstverständlich auf einen der Ledersitze festschnallen, während Danny sich frei umherbewegte und ständig zu uns nach vorne geflitzt kam. Nachdem Carl ihn ermahnte, dass er sich gefälligst um Shirley kümmern sollte, holte er schließlich ein Brettspiel hervor.
Shirley weitete überrascht ihre Augen und rief freudig: „Würfel machen!“
Danny kniff ein Auge zu und antwortete: „Hey Shirley, das Spiel ist voll cool. Es heißt: Mensch-ärger-mich-nicht. Ich erklär dir, wie man das spielt. Das ist echt kinderleicht.“
Shirley antwortete ihm, dass sie die Spielregeln längst kennt und behauptete sogleich, sie hätte es sogar schon viel öfters als er gespielt. Außerdem hatte ihre Mutter einmal gesagt, sie sei die Beste in diesem Spiel. Dies fasste Danny als eine Kampfansage an und war überzeugt, dass er gewinnen würde. Shirley aber schüttelte mit dem Kopf und behauptete beharrlich das Gegenteil. Gegen dich gewinne ich locker, brabbelte sie, wobei sie ihn kämpferisch ansah. Danny grinste, ließ sie, weil er ein Gentleman war, sogar zuerst würfeln und meinte zuversichtlich: „Das werden wir ja sehen. Ich gewinne nämlich immer, sogar gegen meinen Dad gewinne ich immer!“ Dies beeindruckte Shirley nicht sonderlich und meinte brabbelnd, dass auch sie immer gegen ihren Daddy gewinnen würde. Nur eben selten gegen ihre Nanny, weil sie einfach die Allerbeste und unschlagbar wäre.

Das Rauschen der Turbinen war permanent zu hören. Wieder beobachtete ich mit dem Fernglas die weit vor uns fliegende Passagiermaschine. Ich konnte sogar die Bullaugen am Flugzeugrumpf und die Flugnummer am Heckflügel genau erkennen. Vor uns flog, nicht mehr als 10.000 Meter entfernt, die United Airlines Flug UA175. Noch weiter davor war lediglich wie ein Punkt zu sehen, dass noch eine weitere Maschine vorrausflog. Ich verfolgte diesen Punkt, wie er plötzlich südlich abdriftete. Zuerst vermutete ich, dies wäre unsere Maschine AA11, aber diese hätte eigentlich geradeaus fliegen müssen.
„Ich muss dir gestehen, William, dass eigentlich Danny dein großer Fan ist. Nicht ich.“
„Wie soll ich das verstehen?“, fragte ich, legte das Fernglas nieder und sah Carl erstaunt an.
„Nun ja, da mein Junge nicht lesen kann und sich ausschließlich für deine Romane interessiert, muss ich ihm zwangshalber vorlesen“, schmunzelte er. „Auf diese Weise wurde auch ich automatisch ein Fan von dir. Danny steht auf Horror, Gruselgeschichten und Psychothriller. Nur solche Filme will er sich nicht anschauen, da bekommt er Angst. Außer vor den Actionfilmen mit Silvester Stallone und Arnold Schwarzenegger, die sieht er sich gerne an. Aber von deinen Büchern ist er hellauf begeistert.“
Er schaute mich mit seiner verspiegelten Pilotenbrille grinsend an und paffte Zigarre. „Ich mittlerweile auch.“

Plötzlich fing Shirley schon wiedermal zu schimpfen an, woraufhin der Würfelbecher samt Würfel bis zu uns nach vorne ins Cockpit geflogen kam. Genervt stöhnte ich auf und rief fragend in die Jet-Kabine, was denn nun schon wieder wäre.
„Danny Schummel machen!“, schimpfte sie verärgert.
Shirley behauptete völlig aufgelöst, dass Danny mogeln würde. Er hatte zweimal hintereinander gewonnen, was nach ihrer Meinung nach nicht mit rechten Dingen zuging.
„Shirley, verdammt nochmal. Ich hab’s dir jetzt schon tausendmal erklärt. Es ist ein Glücksspiel, wobei man auch verlieren kann. Danny ist ein anständiger Junge, der schummelt nicht. Außerdem heißt das Spiel: Mensch-Shirley-ärgere-Dich-doch-nicht!“
Das mochte sie nie hören, antwortete irgendetwas, sah mich beleidigt an und schmollte.
Danny blickte mich schielend an, hob zwei Finger und schwor kopfschüttelnd, dass er nicht gemogelt hätte. Dann umarmte er Shirley, sagte er hätte sie lieb und versprach ihr, dass er sie ab sofort jedes Spiel gewinnen lassen würde. Aber als er sie gerade umarmte, schrie er plötzlich auf, wich einige Schritte von ihr und sah mich mit seinem ausgeprägten Silberblick entsetzt an.
„AUA! Die Shirley, die spinnt voll! Die hat mich eben voll in den Arm gebissen! Die ist ja wie ein Vampir!“, empörte er sich.
Shirley sah Danny mit ihrem unschuldigen Blick an und maßregelte ihn brabbelnd, dass ihm dies recht geschieht, weil er geschummelt hätte. Außerdem konterte sie, er wäre selber ein Vampir (obwohl sie gar nicht wusste, was ein Vampir ist) und dass er gewonnen hat, gilt nicht.
Aber Danny war nicht nachtragend und sein verführerisches Angebot, er würde sie ab sofort gewinnen lassen, besänftigte meine Tochter wieder und sie war schlussendlich damit einverstanden, dass eine neue Würfelpartie beginnt.

Plötzlich mussten wir vom Cockpit aus zusehen, wie das vor uns fliegende Passagierflugzeug im Sinkflug abrupt nach links wegsteuerte. Die Maschine taumelte kurz danach geradeaus und zog sogleich nochmals eine steile Schneise in südlicher Richtung. Durch das Fernglas beobachtete ich, wie das Flugzeug stark schlenkernd dem vorausfliegenden kleinen Punkt folgte. Dieses waghalsige Wendemanöver wurde dermaßen ruppig und stümperhaft ausgeführt, dass mir Carl das Fernglas aus der Hand entriss.
„Mein Gott, was ist denn da los?“, murmelte er vor sich her. „Hat der Pilot einen Herzinfarkt bekommen, oder prügeln die sich im Cockpit etwa? Da stimmt doch was nicht.“
Selbst ich als Laie erkannte, dass dieses überraschende, waghalsige Wendemanöver für die Passagiere die reinste Katastrophe war. Die Wetterbedingungen waren zurzeit ausgezeichnet, starke Turbulenzen waren demnach nicht zu befürchten, weshalb möglicherweise die meisten Passagiere nicht angeschnallt waren. In diesem Moment waren sicherlich zahlreiche Verletzte an Bord zu beklagen. Mit ernster Miene beobachteten wir, wie die UA175 im Sinkflug umherschwankte und den Luftraum des Bundesstaates New York völlig unkontrolliert ansteuerte. Wir vermuteten, dass dieses Flugzeug wahrscheinlich einen Schaden hätte und möglicherweise notlanden müsste, im Ernstfall sogar abstürzen würde.
Plötzlich ertönte ein Funkspruch, dass sich jedes Flugzeug vom Flug AA11 fern halten sollte. Dann überschlugen sich die Funksprüche. Es wurde zeitgleich vor Flug UA175, Flug AA77 und Flug UA93 gewarnt, die unbedingt gemieden werden sollten.
„Carl, was zum Henker hat das zu bedeuten? Ist etwa irgendein Bodensystem zusammengebrochen?“
„Nein, diese Meldung bedeutet: Flugzeugentführung. Das habe ich schon einmal erlebt. Jedoch niemals, dass gleich vier Flugzeuge auf einmal gekapert werden.“
Carl Logan hielt seinen Zeigefinger auf den Mund und lauschte nach weiteren Funksprüchen.
Ich konnte den ganzen Pilotenwirrwarr aus dem Funkgerät, wobei es sich um Flughöhe, Sicherheitsabstand und Geschwindigkeit handelte, als ehemaliger Segelflieger einigermaßen nachvollziehen. Als daraufhin sogar noch ein internationaler Funkspruch ertönte, dass der amerikanischer Luftraum ab sofort komplett gesperrt wäre, alle Flugzeuge unverzüglich auf dem nächstgelegenen Flughafen landen sollten, spekulierten wir ernsthaft auf einen dritten Weltkrieg. Carl breitete eine Flugkarte auseinander und grübelte.
„Tut mir leid, William. Deinen Freund George wirst du heute wohl nicht treffen. Wir werden am besten in Toronto landen. Hier im gesamten Fluggebiet wird es vermutlich sehr bald von Kampfjets nur zu wimmeln. Wir gehen unverzüglich runter, bevor wir abgeschossen werden“, meinte Carl Logan.

Erst nachdem sie in Kanada landeten erfuhren sie, dass die Passagiermaschine AA11 in den Nordturm und kurz darauf die UA175 in den Südturm des World Trade Centers eingeschlagen waren. Flug 77 wurde in das Pentagon gelenkt und die UA93 zerschellte in Shanksville Pennsylvania auf dem Boden. Abertausend von Menschen starben an diesem Tag einen sinnlosen Tod. Carl und William mieteten die Präsidentensuite in einem Hilton-Hotel und verfolgten vor dem TV live das Drama des Terroranschlages, wobei sie bis zum Morgengrauen wach blieben, den Pizzaservice zweimal beanspruchten und die Minibar gnadenlos leerten. Shirley und Danny spielten derweil, bis sie vor Erschöpfung einfach einschliefen, mit wachsender Begeisterung Mensch-ärgere-Dich-nicht, wobei Shirley ihren Spielkammeraden jedoch öfters auffordern musste, dass er mit dem Würfeln dran wäre. Was zurzeit ununterbrochen in den Nachrichten gezeigt wurde, interessierte sie nicht. Für sie war es lediglich ein langweiliger Actionfilm, wahrscheinlich wiedermal mit Arnold Schwarzenegger, Chuck Norris, Steven Segal oder Sylvester Stallone, diese Filme nur ihr Daddy gerne anschaute. Aber Danny fragte pausenlos ob das, was gerade im Fernsehen lief, tatsächlich Wirklichkeit wäre. Es überstieg einfach seine Vorstellungskraft, dass diesmal keine bösen Aliens aus der Hollywood Trickkiste gekommen waren, um die Welt zu zerstören, sondern Menschen aus einem fernen Land desselben Planeten.
William ließ sich nichts anmerken, als er die zahlreichen Fahndungsfotos der mutmaßlichen Terroristen im Fernsehen sah und das Foto erkannte, darauf Mohammed Atta abgebildet war. Derjenige, der ihn am Flughafen begegnet war und letztendlich das Passagierflugzeug AA11 in den Nordturm lenkte. Diesen eiskalten Blick konnte er nicht vergessen. Trotzdem entschied er sich zu schweigen, aus Angst, die überaus skrupellose Bin Laden Bande würde eines Tages an seiner Tür klopfen.
„Mann, hast du Schwein gehabt. Beinahe wärst du mit deiner Tochter in eines dieser Flugzeuge gestiegen. Du musst einen tüchtigen Schutzengel haben“, bemerkte Carl Logan.
William nickte und trank wortlos seinen Whiskey aus. Über diese Erkenntnis war er geteilter Meinung. Einerseits war er froh, hauptsächlich weil Shirley und ihm selbst nichts geschehen war, aber falls Vater Cornelius die Wahrheit ausgesprochen hatte, war die Chance seine Schreibfeder zu vernichten, vertan.
„Die Engelfeder des Lucifer kann nur mit der Gewalt eines Jüngsten Gerichts vernichtet werden“, lauteten Vater Cornelius warnenden Worte.
 
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