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Die Rückkehr

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
9 Uhr 32.
Die S-Bahn traf pünktlich in H ein. Ich stieg aus und schaute mich um. Die Zugtüren schlossen sich, der Zug fuhr weiter und verschwand hinter der Biegung. Ich war der einzige der hier ausstieg.Vor 30 Jahren war ich am gegenüberliegenden Gleis eingestiegen mit einem Rucksack, einer Reisetasche und dem inneren Versprechen, irgendwann zurück zukehren. Kaum ein Tag verging, an dem mir dieses Versprechen nicht wenigstens einmal durch den Kopf ging. Mal wurde es von stiller Vorfreude begleitet, mal von Stöhnen und dem Wunsch, ich könnte mich davon lösen. Es war der Leuchtturm an der Küste wenn man auf stürmischer See ist und gleichzeitig das Ende der ausgezogenen Leine, die mich niemals frei gab.
Jetzt hatte ich es eingelöst und war zurück. Morgen Nachmittag um fünf konnte ich die Schlüssel für meine zukünftige Wohnung holen und Vorbereitungen für den Umzug aus T. treffen.

Bis dahin blieb genügend Zeit die alten Plätze aufzusuchen und sich wieder einzugewöhnen.
Die Birke an der Felswand war noch immer da und wiegte bedächtig im Wind. Damals ging ich achtlos an ihr vorbei. Vor zehn Jahren , als besondere Umstände mich an unser aller unweigerliches Ende erinnerten und ich die sogenannten letzten Dinge plante, entschied ich die Urne unter einer Birke bestatten lassen. Die schlichte Schönheit und Würde dieses Baumes fiel mir zum ersten Mal bei einer Wanderung auf. Ich war müde und legte mich unter den nächsten erreichbaren Baum. Es war eine große, alte Birke. Die Blätter schienen in den Sonnenstrahlen zu spielen. Ein gleichmäßiges leises Rauschen ging durch den mächtigen Baum. Er war elegante Schlichtheit, Ruhe und Bewegung und wurde für mich fortan zum Baum des Lebens, meines Lebens, ein Vorbild.
Langsam, fast ehrfürchtig stieg ich den schmalen, steilen Fußweg hoch der zur alten Bahnhofstrasse führte. Vorne links stand noch immer das Kioskhäuschen. Als ich näher kam, sah ich die versprühten Wände, die eingeworfenen Fensterscheiben und die aufgebrochene Türe. Ich blickte vorsichtig in den halb verkohlten Innenraum. Unrat und übler Uringestank ließen mich angewidert zurückweichen. Im hinteren Eck lehnte ein rostiger, zerbeulter Zeitschrifteinständer. Es war ein herzzerreißender, erbärmlicher Anblick. Dieses Häuschen war für mich und die anderen Schüler des Dorfes ein Heiligtum.Dort hatten wir uns mit der neuesten „Bravo“, Micky Maus., Leckmuscheln, Kaugummis und anderem Zeugs eingedeckt bevor´s zum Zug und anschließend ins Gymnasium ging und dort kauften und qualmten wir hinter´m Häuschen auch heimlich unsere ersten Zigaretten.
Die Glocken der evangelischen Dorfkirche schlugen zehn mal und holten mich in die Gegenwart zurück. Ab zehn Uhr wäre mein Zimmer im „Goldenen Adler“ frei, hatte die Angestellte vorgestern am Telefon erklärt. Dort fand nach der Konfirmation damals das Festessen statt. Familie Gacmenga, die den Gasthof mit Hotel leitete, kannte unsere Familie. Vater und Herr Gacmenga waren ehemalige Schulkameraden und Großmutter kannte noch die Eltern von Frau Gacmenga.
Die zwölfstündige Nachtfahrt mit dem Zug von T.. steckte mir in den Knochen. Ich freute mich auf bekannte, wenn auch Gesichter, etwas Ruhe, und ein gutes Mittagessen. An der Rezeption, füllte ich das Anmeldeformular aus, nahm den Schlüssel in Empfang und lag zehn Minuten später auf dem Bett. Niemand konnte sich an eine Familie Gacmenga erinnern. Herr Tülce war seit ungefähr sieben Jahren der Besitzer des „Adlers“ den er von einer Gesellschaft übernahm.
Als ich zwei Stunden später wieder wach wurde, ging ich runter ins Restaurant, aß zu Mittag und setzte meinen Gang durch die alte Heimat fort.
In der Marienstraße am nördlichen Dorfrand befand sich die Grund-und Hauptschule. Das Mäuerchen war noch da auf das mich Vater gestellt und mit der riesigen, prall gefüllten, blaugrünen Schultüte fotografiert hatte. Das Bild ist zwar etwas vergilbt, aber sicher in meinem Fotoalbum eingeklebt. Es war ein Dienstag. Mutter hatte das exakte Datum auf der Rückseite des Bildes notiert. In der Schultüte steckten außer dem Mäppchen mit Buntstiften und einem grünen Gehafüller und Süßigkeiten auch ein Holzlineal. Nie werde ich dieses Lineal vergessen; diente es doch Fräulein Dutt, unserer Klassenlehrerin, als Instrument der Bestrafung. Es war die zweite Unterrichtsstunde. An unserem Tisch; wir waren vier Jungs, wurde während einer Schreibarbeit geschwatzt, was verboten war. Fräulein Dutt stürmte energisch an unseren Tisch, schnappte sich mein Lineal und forderte in barschem Ton: „Vier Hände will ich sehen, von jedem eine, sofort!“, und schneller, als ich damals auf vier zählen konnte, zog sie das Holz über unsere Handrücken. Damals musste ich auf die Zähne beißen, nicht wegen des Schmerzes, sondern wegen der Demütigung und weil ich mit ausbaden musste, dass sich zwei Knallschoten an unserem Tisch über das Redeverbot hinweggesetzt hatten. Der kleine Märtyrer kam nach Hause und erzählte Großvater von der erlittenen Schmach. Der lachte laut und meinte das schade nix. Es wäre eine Strafe gleich auf Vorrat und im übrigen gelte: Mitgehangen, mitgefangen.
Hinter der Schule wähnte ich den Kindergarten. Ob der blaurote Kletterpilz noch auf dem Spielplatz davor stand? Doch da war kein Kindergarten mehr. Autos standen auf einem Parkplatz und rechts am Rande waren ein Schnellimbiss und zwei Getränkeautomaten.
Der Kindergarten legte meine spätere Berufswahl des Stadtplaners fest. Unter den zwei kleinen Händen entstanden bei Tante Lore und Schwester Ingrid ganze Legostädte mit Plätzen und Straßen und keiner wagte es mir die Legosteine ungestraft wegzunehmen. Meine Brüll-und Trotzanfälle waren berühmt, berüchtigt und vor allem gefürchtet, auch bei unseren Betreuerinnen.

Etwas geknickt verließ ich den Ort. Es fühlte sich an als wäre etwas gestorben, aus der Seele des Dorfes gerissen. Auch nach langer Zeit wusste ich noch immer genau den Weg den ich damals vom Kindergarten und später der Grundschule nach Hause ging. Die Marienstraße ganz vor und dann über die Mechthildstraße rüber und rechts in die Eichendorffstraße. Jetzt kam die große Wiese mit den Apfelbäumen. Klaräpfel waren´s die dort wild wuchsen und niemandem und damit allen gehörten. Einen Igel hatte ich dort mal gefunden und stolz mit nach Hause gebracht. Mutter und Vater fanden es zuerst amüsant und Rudolf, so nannte ich ihn, wohnte im Wäschekorb, der mit zwei Badetüchern ausgelegt wurde. Wie er nachts aus dem Korb kam, blieb sein Geheimnis. Jedenfalls erkundete er die Wohnung im Finsteren und traf auf Mutter die, aufgeweckt durch das Getapse auf unserem Linoleumboden dachte, Einbrecher wären in der Wohnung. Nicht im mindesten dachte sie an einen Igel bis sie versehentlich auf den armen kleinen Kerl trat. Ihm passierte nichts aber sie zog sich eine böse Verletzung am linken Fuß zu und ihr Schrei klingt mir heute noch in den Ohren wenn ich an damals zurück denke. Rudolf bekam die fristlose Kündigung und wurde wieder in die Wiese entlassen was ihm, glaube ich, ganz recht war.
Ich hatte mich wohl doch verlaufen, denn es tauchte keine Wiese auf. Stattdessen stand ich vor vier dicht aneinander gebauten Einfamilienhäusern. Aber ich war definitiv in der Eichendorffstraße, und dort tauchte der Giebel von Haus Nr.17 auf, Eichendorffstraße 17. Hier wurde ich geboren und hier wuchs ich als das „Nachträble auf. Auch Evelyn kam hier, dreizehn Jahre vorher, zur Welt und ich bin mir nicht sicher ob sie unseren Eltern die Geschichte wirklich abkaufte , der Nikolaus brächte dieses Jahr ein Brüderchen als Geschenk. Ob´s pünktlich zu Weihnachten klappen würde, könnte man nicht sagen. Ich kam dann am 27. Dezember. Beim Anblick des Hauses gingen mir tausende Bilder Kopf herum, wandelten sich zu Szenen aus Kindheit und früher Jugend und lösten sich wieder auf. Ein heißer Tag im Hof, in der Einfahrt. Mutter stellte einen großen Waschzuber mit Wasser auf. Das war mein ganz eigenes Schwimmbad an diesem Tag. Ich war vier oder fünf Jahre alt. Die Sonnenstrahlen tanzten auf der Oberfläche. Das Wasser reflektierte das Licht und traf meine Augen wenn ich darauf schaute Ich blinzelte und es war als spiele die Sonne mit mir, neckte mich, wie sich Kinder im Schwimmbad necken, sich gegenseitig mit Wasser bespritzen. Sie war da, einfach so, ohne Bedingung, ohne Fragen, ohne Zeitplan. Sowie Evelyn da war und Mutter half Vater zu pflegen. Sie hasste das Haus, sie hasste die Gegend und alles was damit verbunden war, auch die Vergangenheit. Unter vielen Mühen hatte sie ein Arbeitsvisum für Kanada erhalten, eine Arbeitsstelle in der Nähe von Toronto gefunden und stand kurz davor zu heiraten. Bei einem Besuch passierte es. Vater bekam einen Schlaganfall. wurde zum Pflegefall und Evelyn blieb zu Hause, zerriss das Rückflugticket, kündigte telefonisch ihren Arbeitsplatz und ließ ihrem Anthony die Wahl ob er warten wollte. Er gab ihr ein halbes Jahr. Niemand sprach es aus, es galt als selbstverständlich, dass sie Mutter zur Hand ging und damit verhinderte, dass Vater ins Pflegeheim musste. Es wurde auch nicht erwähnt, dass die Eltern nie ihren Entschluss billigten nach Kanada zu gehen und ihr indirekt mindestens eine Mitschuld an Vaters Schicksal gaben.
Auch Mutter wollte nicht ins Pflegeheim. „Unter Mühen und Entbehrung haben wir dieses Haus gebaut, auch für euch, so dass ihr einen Ort habt an den ihr zurückkehren könnt und etwas habt, das euch gehört.“
Ich stand nach dreißig Jahren wieder vor unserem Haus. Damals standen zwei Fliederbäume vor dem Küchenfenster, ein weiser und ein violetter. Rechts neben der Einfahrt angrenzend zur Wiese mit den Klaräpfelbäumen die niemand und damit allen gehörten und die kaum einer wollte weil sie so sauer waren und schnell braun wurden, hatte Vater zehn Lebensbäume gepflanzt. Wenn wir rüber auf die Wiese wollten, schlüpften Evelyn und ich einfach zwischen den Thujen hindurch.
Jetzt sah ich keine Fliederbäume mehr und auch keine Buchsien rechts der Einfahrt., nur eine Mauer die unser damaliges Grundstück jetzt klar und scharf vom Nachbarhaus abgrenzte. Auf dem Balkon waren Stimmen zu hören, zwei blaue Sonnenschirm aufgestellt und Liegestühle ausgeklappt. Gläser klirrten, Teller und Besteck klapperten. Das war ungewohnt für mich und schön. Ich kann mich nur an drei oder vier mal erinnern, dass ich Mutter und Vater vergnügt und entspannt gemeinsam auf dem Balkon sitzen sah.
„Nur Faulpelze sitzen unter der Woche am helllichten Tag auf dem Balkon“, war Vaters feste Überzeugung.
Auf dem Weg zurück ins Hotel machte ich einen Umweg zur Metzgerei „Steiger“.
Ob Erwin mich wieder erkennen würde? Wir waren Klassenkameraden in unsere Schule. Herr Steiger prophezeite damals schon, sein Sohn würde diese, seine Metzgerei, die beste im Dorf einmal übernehmen. „Heute bedient sie der zukünftige Metzgermeister Steiger Junior“ rief er Mutter zu wenn sie in den Laden kam und Erwin mit viel zu großer Schürze hinter der Theke stand. Er musste früh mit ran und im Laden mithelfen. Seine Mutter starb, als er 12 Jahre alt war. Es war für uns alle ein Schock. Niemand in der Schule wusste, wie man sich Erwin damals gegenüber verhalten sollte. Es wirkte wie ein Kainsmal an ihm. Erwin, der nur einen Vater aber keine Mutter mehr hatte.
„Fahrschule Steiger“ stand in roten Buchstaben auf dem Schild über dem Eingang. Hinter dem Schaufenster sah man Tische und Stühle, eine Tafel hing an der Wand. Neugierig ging ich hinein, Über der Tür klingelte ein Glöckchen; (es war der gleiche Klang wie damals, wenn man die Tür zur Metzgerei aufstieß.) „Ich bin gleich da!“, rief es aus einem Nebenraum. Ein Stuhl oder Tisch wurde gerückt und um die Ecke kam-Erwin. Sein Anblick war für mich wie wenn einem das eigene Spiegelbild mit einem Schlag die ganze ungeschminkte Wahrheit enthüllt und nicht wie gewöhnlich das körperliche Altern jeden Tag häppchenweise, fast schonend, präsentiert.
Er schien alt geworden, trug eine Halbglatze und tiefe Falten unter den abgeklärt blickenden Augen und an den Wangen erzählten von einem gelebten Leben.
„Was kann ich für sie tun?“
„Mir sagen wie´s dir geht, Erwin.“
„Kennen wir uns?“ Er schaute mich aus zusammengezogenen Augenbrauen an.
„Der Alfred aus der Eichendorffstraße steht vor dir.“ Ich lächelte verunsichert weil er zuerst den Kopf schüttelte, mich anstarrte, wieder den Kopf schüttelte. Dann aber sperrte er den Mund auf und fing an zu lachen. „Sag mal, dich hätte ich also wirklich nicht erkannt und vor allem,“ er reichte mir die Hand, „ was machst denn hier in diesem Loch? Wirst doch wohl nicht etwa Heimweh haben.“ „Wie man´s nimmt. Heimweh hatte ich schon irgendwie. Morgen hol ich mir die Schlüssel für meine Wohnung. Ich zieh wieder her.“ „Ist das dein Ernst, wohin denn?“ In die Mühlengasse 10, zwei Häuser weiter wo Maike gewohnt hat, apropos, gibt’ s die noch?“ „Du, die ist schon lang fort, hat ´n Kind bekommen von ich weiß nicht wem und kaum konnte der Bub laufen, waren sie weg. Ich kann mich gar nicht an den Namen von dem Kleinen erinnern. Sie hat sich ja mit ihren Eltern verkracht, hatte bei denen im Haus gewohnt.“
Maike und ich waren so etwas wie Sandkastenfreund-und -freundin. Maike war die erste von uns beiden die Rollschuhe hatte, die erste, die Fahrrad ohne Stützräder fahren konnte.
Erwin schaute mich an. Sein Blick war skeptisch. „Hättest meine Wohnung haben können und ich hätte deine genommen, wo immer das auch ist,“ er rollte mit den Augen. „Aber du hast doch dein Geschäft hier,“ entgegnete ich, „wie kommst du denn überhaupt zu ´ner Fahrschule? Ihr hattet doch die Metzgerei.“ Oh, ist ´ne lange Geschichte.“ Er zuckte die Achseln. Ich hab ja die Ausbildung bei meinem Vater gemacht und danach noch vier Jahre in der Metzgerei gearbeitet. Dann ist Vater krank geworden, musste rüber ins Katharinenheim und mir ist es von dem Tag an klar gewesen, dass ich das nicht für den Rest meiner Tage machen wollte.
Trucker wollt ich werden, nach Amiland oder Kanada rüber. Also hab ich den Führerschein gemacht, neben der Arbeit hier, hab so schön meine Pläne gemacht und dann,“ er kicherte, „kam Doris. Zwölf Jahre waren wir verheiratet.“ „Waren?“, fragte ich. „Lassen wir ´s, ist auch so ´n Thema für mindestens sechs Abende. Wenn du dann ganz hier bist, können wir uns ja mal treffen, was trinken gehen. Jedenfalls, das mit dem Auswandern hab ich auf Eis gelegt und beim Fahrunterricht kam mir dann der Gedanke, stattdessen auch eine Fahrschule aufzumachen. In H. gab´s ja nie eine. Erinnerst dich ja bestimmt noch. Wir mussten alle rüber nach S. um den Lappen zu machen.“
Wir redeten noch über verschiedenes. Dann ging die Türe auf, einige junge Leute kamen herein und ich verabschiedete mich und ging ins Hotel zurück. Die freudige Stimmung, morgens bei meiner Ankunft, hatte sich verwandelt in dumpfen Zweifel. Eine Szene kam mir ins Gedächtnis: Ich war fünf und es war Ostern. Oben am Waldrand, hinter den Feldern forderten mich Mutter, Vater und Evelyn auf, nach dem „Osterhasen“ zu suchen und immer lachten sie und riefen:“Kalt, kalt, oh, ganz kalt!

Nach dem Frühstück ging ich zum Friedhof. Mutters und Vaters Grab lag jetzt weit hinten. Damals gehörte ihr Grab zu den ersten in diesem Abschnitt. Es war ganz abgedeckt mit einer rötlich braunen Steinplatte. Pflege und Bepflanzung waren nicht notwendig.
Drüben neben der Aussegnungshalle war Evelyns Urne in eine Wand eingelassen. Ich setzte mich auf eine Bank und schaute auf den schlichten Schriftzug der Vor-und Nachname, Geburts- und Sterbejahr verriet. Mehr nicht. Unpersönlich wirkte es, anonym, trotz der Daten. Auch ich bekam damals kaum Informationen über ihren Tod, lag im Krankenhaus und man wollte mich nicht belasten. Die Herzoperation hatte mich ziemlich mitgenommen und es war ein langer Weg, auch mit der anschließenden Reha, bis ich wieder bei Kräften war. Sie hatte getrunken, viel, das wusste ich. Wenn wir am Telefon miteinander sprachen, vor allem in den letzten Monaten, gab sie sich nicht mal mehr Mühe es zu verbergen.Beim letzten Telefonat erzählte ich ihr von der bevorstehenden OP und deutete an, was ich bis dahin niemandem gegenüber ausgesprochen hatte „Evelyn, ich hab vor, wenn das alles hier vorbei ist, wieder heim zu kommen. Wann weiß ich nicht aber ich hab´s ehrlich vor. Was meinst du?“ Es dauerte eine kleine Weile bis sie kichernd lallte: „Heim willst du? Zu wem denn? Die sind doch alle tot hier, so tot, ganz, ganz tot.
Eine Freundin, Sonja, in deren Haus sie in einer kleinen Einliegerwohnung lebte, hatte sich um alles gekümmert aber eigentlich gab´s da auch gar nicht so viel zu kümmern. Das finanzielle, die Beerdigung, wurde von der Stadt vorgestreckt, Guthaben und Testament gab´s nicht.
„Es ging ihr scheiße, Alfred, richtig scheiße“, erzählte Sonja, „ die ist hier verreckt, nicht bloß gestorben, aber sie wollt auch nicht mehr. Sei froh, dass du sie nicht mehr gesehen hast. Behalte sie in Erinnerung, so wie du sie von früher kanntest.“

Ich verließ den Friedhof, ging in den nahegelegenen Markt und kaufte Brötchen Wurst und Käse, dazu eine Flasche Wasser und ging aus dem Dorf raus in Richtung Wald. Still, unbeteiligt und doch vertraut lagen Äcker und Streuobstwiesen am Weg. Hier gehörten unseren Großeltern ein Feld und ein Teil der Wiese. Oma und Opa hatten im Keller immer Kartoffeln und Äpfel gelagert. Als fünfjähriger Knirps hatte ich mal bei der Kartoffelernte geholfen und schleifte den Sack der schwerer und schwerer wurde, hinter mir drein. Von Opa gab´s dafür ordentlich Lob und Schokolade. Immer wenn ich mich an diese Szene erinnere, kommt mir der erdige, kräftige Geruch der Säcke ins Gedächtnis.
Der Waldrand bestand aus hohen, weit ausladenden Tannen. Hatte man gerade noch die weite offene Landschaft der Fluren um sich, erzeugte die abrupte Dunkelheit und Stille ein unsicheres, bedrückendes Gefühl bei dem Eintretenden. Hier schienen andere Gesetze zu herrschen, andere Bewohner zu leben, andere Herrscher zu regieren. Der offenen, weiten, lärmenden Welt wurde der Zutritt verwehrt. Die vordersten Baumreihen wirkten wie eine undurchdringliche Grenze.So hatte ich das alles in Erinnerung. Mochte sich die Welt dort draußen auch verändern, zum guten oder schlechten, der Wald bewahrte seine Stille, seine Dunkelheit, seine Geheimnisse. Darauf freute ich mich. Ich mochte es nicht zugeben, aber die Veränderungen im Dorf schmerzten. Meine Heimat, der Ort an den ich versprach, zurück zu kehren, erschien mir verwundet, geschändet.
Während ich mich dem Waldrand näherte, sah ich Buchen, Birken, Buschwerk, Sträucher. Die scharfe Trennung von Wald und der Welt davor war aufgehoben, die Grenzen abgeholzt. Ein hoher Sendeturm mit angebrachten Sendeanlage stand jetzt an dem Platz, wo vorher eine Grillhütte mit Spielplatz war. Mein Ziel war der Waldgarten mit der kleinen Jagdhütte eines Grafen aus dem 18. Jahrhundert. Eine zugewachsene, zerfallene Steinmauer umgab das denkmalgeschützte Areal. Den gewohnten Weg zur Allee, an welcher der Waldgarten lag, gab´s nicht mehr.Breite, geteerte Wege führten durch die neu erschaffene Landschaft die den Wald weit zurückgedrängt haben schien. Ratlos, verwirrt und neugierig ging ich vorsichtig auf der rechten Seite. Radfahrer und Jogger eilten vorbei. Etwa 15 min. später gelangte ich an einen Weg. Tatsächlich,ich erkannte sie, es war die alte Waldallee die jetzt offen lag. Ich bog rechts ab, kam an Geräten und Vorrichtungen mit Hinweisschildern vorbei die für Sportler aufgestellt waren. Hier war ein Fitnesspfad eingerichtet worden. Es dauerte nochmals eine gute Viertel Stunde bis ich links ein kleines rotes Dach blitzen sah. Es war die Jagdhütte, dort lag der Waldgarten. Als ob ich einen alten Bekannten nach langer Zeit wieder traf, fühlte es sich an, als ich die Wiese betrat. Alles hier war, wie es meine Erinnerung gespeichert und mir all die Jahre vorgeführt hatte. Es war ein Heiligtum, das Herzstück des Waldes. Hier erzählte mir Mutter das Märchen von den silbernen Rehen und Hirschen, die immer früh morgens auftauchten, wenn der Nebel über der Wiese lag und sie den Jäger in die Irre führten. Immer wenn er anlegte und schoss, ging die Kugel einfach durch die Körper hindurch und sie grasten ungestört und unbeirrt weiter und wenn die Nebel sich mit den Sonnenstrahlen verflüchtigten, verschwanden auch die stattlichen Waldbewohner, nicht ohne den Jäger vorher nochmal richtig zu foppen und direkt unter seinem Jagdstand vorbei zu laufen und er musste ohne Beute zurück nach Hause kehren.
Ich blickte aus dem Waldgarten hinaus in die offene Landschaft. Das Mystische, das Geheimnisvolle, der Zauber waren gewichen. Die Welt mit ihren Veränderungen war bis hierher vorgedrungen, hatte alles niedergerissen, abgeholzt, gemäht und dem Zweckmäßigen untergeordnet und verwandelt.
In zwei Stunden war der Schlüsselübergabetermin. Eilig packte ich meine Sachen wieder ein, ging ins Hotel zurück und schrieb einen kurzen Brief.
Danach beglich ich die Rechnung, gab meinen Schlüssel an der Rezeption ab, trank noch einen Kaffee und ging in die Johannisstraße. Ich fand den Briefkasten der Vermietungsgesellschaft Möller & Co., warf den Brief ein, begab mich zum Bahnhof und kehrte 15 Stunden später nach Hause zurück.

Ende
 
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