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Das Blütenflöckchen

Kurzgeschichten · Frühling/Ostern · Für Kinder
© Waldkind
Es war einmal ein kleines Blütenblatt, das vom Ostwind in einem sonnigen Frühjahr emporgehoben wurde und langsam über die magische Wunderwelt der reich blühenden Wiese schwebte. In strahlendem Weiß und so fragil wie ein Puderzuckerkristall, unschuldig, weil rein und so zart wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, lachte es silberhell, während seine Sinne die Umwelt abtasteten.



Tiere gab es da. Winzige und etwas größere. Laute und auch leise. Behaarte und nackte. Es gab ihrer viele und alle waren auf ihre Art und Weise liebevoll.
Der innere Ruf des Blättchens zog es aber zu anderen Blütenblättern. Zu Blättern nämlich, die noch an ihren Kelchen festhielten. Also lies es sich über eine Gruppe zarter Waldwindröschen mittragen und sank dann langsam auf eine ihrer Blüten. Ohne ein für uns Menschen hörbares Geräusch begannen sie ein langes und tiefsinniges Gespräch.



So ätherisch die Blättchen des Waldwindröschens auch sein mochten, unser kleines feines Blatt war noch um viele hundert Male graziler und so war auch das Gespräch der beiden geprägt von Feinheit und Liebe. Das Röschen erzählte unserem Blatt von dem Einzigen, was dem angeschwebten Blättchen in etwa gleichkam. Es erzählte ihm von den Schneeflöckchen.



Nun, Schneeflöckchen, so müsst ihr wissen, sind die Winterblüten des Himmels und wenn sie besonders von Liebe erfüllt sind, werden sie zu wundervoll glitzernden Kristallen und schweben sacht aus der watteweichen Wolkenwelt auf unsere Erde hinab. Wie also unser kleines Blütenblatt das Wissen um die zauberhaften Flöckchen in sich aufnahm, keimte in ihm der Wunsch, auch ein solches sein zu können.



Fliegen hatte es ja schon gedurft und dem Himmel war es mit dem Wind auch schon so nah gewesen, dass es das Kleine fast schmerzte, als es daran zurück dachte. Es verabschiedete sich herzlich dankend vom Waldwindröschen. Mit dem Ostwind schloss es daraufhin einen Pakt und wurde im nächsten Augenblick von ihm emporgehoben und schwebte nun immer und immer höher dem Himmel entgegen. Während es so flog und die Erde unter sich immer kleiner werden sah, träumte es sich schon in einen kleinen kristallenen Körper hinein und verschloss seine Sinne. Es vertraute voll und ganz auf den Wind.



Der Ostwind, der den Frühling bringt, hat magische Kräfte. Er ist der Wind des Neubeginns, der Geburt, des beginnenden Wachstums. Und wie das Blättchen sich so völlig im Vertrauen dem Wind hingab und dieser nur den Traum des Feinen zu fassen bekam, begann sich die Form des Blättchens zu verändern. Es begann zu glitzern und als es die höchsten Höhen des sonnigen Himmels erreicht hatte, war aus unserem zartem Blättchen ein eisiges, glitzerndes Flöckchen geworden. Es hatte sich auch gleich und voller Vorfreude auf den beginnenden Schneefall in eine besonders samtige Wolke gekuschelt.



Unten auf der Erde in einer hohlen Wurzel hatten in der Zwischenzeit zwei kleine Elfen einen Kleiderständer aufgestellt. Auf diesem sollte das Frühlingskleid ihrer Prinzessin entstehen. Die beiden Elfen waren dafür zuständig, das Kleid aus unzähligen Blütenblättern zusammenzufügen und für die Elfenprinzessin bereit zu halten. Sie würden morgen beginnen zu sammeln.



Viel weiter oben begann die Wolke zu grummeln und zu husten. Es war mitten im sonnigen Frühling, aber ein eisiger Impuls hatte sie in ihrem Innern heftig erzittern lassen. Sie tastete sich durch sich selbst hindurch und entdeckte, eingekuschelt in einer ihrer sanften Wölbungen, unseren kleinen Kristall. Sie beriet sich mit ihm und fragte ihn, wie er denn hier her gekommen sei und dies zu dieser Jahreszeit. Sie bedauerte das kleine Flöckchen sehr. In ihr saß nämlich ein einzigartiges und zauberschönes Flöckchen fest. Rein und wunderbar. Aber es würde nie auf der Erde ankommen können. Es war schlicht zur falschen Zeit gekommen.

Und der falschen Zeit kann keine Wolke, kein Flöckchen und auch kein Ostwind trotzen.



Die Wolke verbarg das kleine Flöckchen ganz tief in ihren Rundungen und schützte es so lange sie konnte vor dem warmen Sonnenlicht. Aber unerbittlich presste die Wärme Wasser aus diesem einzigartigem Kristall und so begann es langsam aber endlich, die Wolke zu benetzen. Als das letzte Eis der Flocke sich auflöste und in der Wolke aufging, war unsere kleine Flocke für unsere Augen verschwunden. Die große puschelige Wolke allerdings war beseelt vom Geist unseres Flöckchens und wollte nichts sehnlicher, als ihm seinen frommen Wunsch zu erfüllen und begann, sich der falschen Zeit zu widersetzen. Sie weigerte sich schlicht zu regnen.



Unten auf der Erde waren zwei kleine Elfen völlig verzweifelt, denn sie konnten nicht ein einziges frisches, duftendes Blütenblatt für das Kleid der Elfenprinzessin finden.
Die Blütenkelche der Frühlingsblüher waren alle braun geworden. Viel früher als es eigentlich der Fall sein dürfte. Viele Blättchen lagen schon zerknittert und im Vergehen auf dem Boden. Die Elfen versprachen ihrer Prinzessin das schönste aller Kleider, wenn sie ihnen nur eine unbestimmte Zeit schenken würde. Die Prinzessin war ja ein Kind der Natur und als solches würde ihr nicht einfallen, etwas Unerbittliches zu wünschen und so gab sie der Bitte der beiden jammernden Elfen nach. Sie schenkte eine unbestimmte Zeitspanne und wartete von da ab nicht mehr auf ihr Kleid. Wenn sie aber eines bekommen würde, würden ihre Freude und ihr Lachen die ganze magische Wiese erhellen.



Die mitfühlende Wolke weigerte sich den Rest des Frühlings, den ganzen Sommer hindurch und bis hin zum absoluten Ende des Herbstes zu regnen. Sie konnte herrlich stur sein, wenn sie etwas wirklich wollte. Mit dem ersten Frost begann sie langsam sich zu öffnen. Da sie ja durchdrungen war vom Geist unseres Blütenflöckchens, war jeder einzelne Kristall, der sich schon unten an ihrem dicken Bauch abzeichnete, ebenso durchdrungen von seiner Seele. Sie begann sich zu schütteln und das Blütenflöckchen sank zu Tausenden, zu Millionen, zu unendlicher Zahl auf die Erde hinab und das über eine unendlich lange Zeit. Die Wolke war äußerst lange wirklich rabiat gewesen.



Unten auf der jetzt glitzernden Erde begannen zwei kleine Elfen unzählige funkelnde Schneeflöckchen auf einer Kleiderpuppe zum schönsten Blütenkleid zusammenzusetzen, das es je gegeben hatte. Sie hatten es komplett aus Winterblüten gemacht. Als die Prinzessin das einzigartige Kleid anprobierte, brach ihre unbändige Freude darüber in einem warmen Lachen aus ihr heraus. Die Schneeflocken, die als allererstes den Erdboden berührt hatten und jetzt ganz unten auf dem von Dürre geplagten Boden lagen, schmolzen mit diesem Lachen sofort.



Als Wasser benetzten sie die Erde mit dem Geist unseres Blütenflöckchens und mit Wasser und Geist begann im Boden neues Leben zu keimen. Der Glaube und das Vertrauen an alles, was möglich ist und sich selbst hatte das Flöckchen in alles gepflanzt, was ihm jemals begegnet war.
Es würde wachsen.
Auf ewig.
 
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