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9 Seiten

Mortal Sin Sommer 2003- Throne Of Gold

Romane/Serien · Spannendes
© JoHo24
Ich wähle meine Freunde wegen ihres guten Aussehens, meine Bekannten wegen ihres guten Charakters, meine Feinde wegen ihres starken Intellekts.
- Oscar Wilde


Der leichte, fließende Stoff des Satinkleides, das sich wie flüssiges Gold über ihren Körper ergoss, raschelte über das dunkle Parkett. Vornehm schritt sie die steinernen Stufen hinab, gleich einer griechischen Göttin, die den Olymp verließ und sich den Sterblichen zeigte.
In diesem Fall präsentierte sich Ophelia Cecilia Dahlia Monroe einer handvoll erlesener Geschäftspartner ihres Bosses William Cunningham, der sie eingeladen hatte, um sie vorzustellen.
Unten am Treppenabsatz waren sieben Männer versammelt, die für sie gesichtslos waren und sich in ihren pechschwarzen Anzügen wie ein todbringendes Nichts vor ihr auftaten. Doch es gab zwei helle Funken, die ihr ins Auge fielen und ihre Aufmerksamkeit erregten. Diese Funken stammten von zwei Männern, die an vorderster Front standen und optisch nicht unterschiedlicher hätten sein können.
Der Erste war mittelgroß, mit einer Haut in einem warmen Braunton. Unter dunklen Brauen lagen beinahe schwarze Augen; einprägsame Gesichtszüge wurden von leicht gelocktem Haar und einem Dreitagebart eingerahmt. Der Zweite hingegen war ein riesiger Berg aus Muskeln mit eisblauen Augen und kurzen, blonden Haaren. Beide durchbohrten sie mit eindringlichen, intensiven Blicken, die sie nicht zu deuten wusste. Stolz erhobenen Hauptes ignorierte sie sie und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
Als sie die letzte Stufe betrat, streckte ihr William seine linke Hand entgegen, die sie dankbar ergriff. Die feuchte Handfläche verriet seine Nervosität, die sonst an keinem äußerlichen Symptom erkennbar war. Dieser Abend war verdammt wichtig für ihn. Von ihrem Auftreten; ihrem Verhalten hing sein heutiger Erfolg ab.
„Meine Herren“, seine Stimme nahm theatralisch an Lautstärke zu „voller Stolz möchte ich ihnen meine neuste Entdeckung präsentieren: Miss Ophelia Monroe.“ Eine kurze, ehrerbietende Verbeugung und ein gehauchter Handkuss folgten seinen Worten.
Williams Gäste reagierten auf ihren Anblick mit angeregtem Gemurmel und unruhigen, hektischen Bewegungen. Sie konnte nicht einschätzen, ob die Reaktionen auf Unzufriedenheit und Enttäuschung zurückzuführen waren. Hilfesuchend sah sie ihren Boss an, der völlige Gelassenheit ausstrahlte. Er hatte bereits damit gerechnet, dass nicht alle seiner Geschäftspartner mit Begeisterung auf sie reagieren würden. Darauf hatte er sie eine Stunde vor dem Aufeinandertreffen vorbereitet. Knallhart hatte er sie der Illusion beraubt, dass sie diese Männer ohne große Mühen von sich überzeugen konnte. William hatte ihr erklärt, dass ihre Schönheit, mit der sie die männliche Spezies in ihren Bann zog und um den Finger wickelte, nicht ausreichen würde. Sie war hilfreich, um Zielpersonen zu umgarnen, keine Frage, doch seine Partner wollten mehr sehen, viel mehr. Sie erwarteten Fähigkeiten, wie Emotionslosigkeit, den routinierten Umgang mit Waffen, Kampferprobtheit und Körperkraft.
Nach William würde sie sich auf viel Gegenwehr und Misstrauen einstellen müssen, schließlich war sie jung, unerfahren und dazu eine Frau. Dies war eine Kombination, die für den Großteil der geladenen Gäste eine Katastrophe sein würde.
Ophelia hatte seine Warnung nicht ernst genommen, genauer gesagt hatte sie sie nicht interessiert. Sie strotzte vor Selbstvertrauen und wusste, was sie konnte. Sie würde ihnen schon beweisen, dass sie für den Beruf des Auftragskillers geeignet war.
Nun zeigte sich jedoch, dass sie sich geirrt hatte und Williams Prognose sich als richtig erwies. Die Ablehnung der anwesenden Männer schlug ihr wie tosende Wellen entgegen und drückte sie nieder. Unsicherheit kroch schleichend in ihr hoch, was sie nicht ertragen konnte. Unsicherheit bedeutete für sie Schwäche und schwach zu sein konnte sie nicht akzeptieren.
„Setzen wir uns doch ins Esszimmer“, war Williams Vorschlag, der die angespannte Situation unterbrechen sollte. Seine Gäste machten zunächst keinerlei Anstalten sich in Bewegung zu setzen, doch nach einer einladenden Geste und einem respektvollen Lächeln leisteten sie seiner Aufforderung Folge. Ophelia hingegen blieb wie angewurzelt stehen, denn der Gedanke, sich mit diesen Männern an einen Tisch zu setzen, widerte sie an.
Im Laufe der nächsten Minuten war sie alleine in der prunkvollen Eingangshalle, nun ja, nicht ganz. Der südländisch aussehende Mann, der ihr bereits aufgefallen war, stand nur wenige Meter von ihr entfernt und musterte sie noch immer. In seinen Augen loderte ein leidenschaftliches Feuer.
„Wollen Sie den anderen Herren nicht folgen, Mr…“
„Gravitch. Iago Gravitch“, stellte er sich höflich vor. Unkontrolliert brach ein vergnügtes Lachen aus ihr heraus, was er ihr jedoch nicht übel zu nehmen schien, denn seine Miene strahlte unverändert Freude und Energie aus.
„Was amüsiert Sie, Miss Monroe?“, fragte er neugierig und trat auf sie zu.
„Ihr außergewöhnlicher Name.“ Ein heiteres Glucksen entfuhr ihrer Kehle. „Sie heißen wie der talentierte und kluge Mann in Shakespeares Othello.“
„Na ja, viele würden ihn eher als hinterhältigen Verräter betiteln“, korrigierte er schelmisch und blieb vor ihr stehen. Die Brünette spürte die Kraft seiner Aura, die sie einfing und ihren anfänglichen Eindruck, dass etwas Besonderes an ihm war, bestätigte.
„Das kann ich nicht nachvollziehen. Wer sagt denn, dass solch ein Charakter nur ein Verräter, statt ein Held sein kann?“
„Eine interessante Denkweise, Miss Monroe, das muss ich zugeben.“
„Ich habe eben etwas übrig für die Schatten, die sich in der vor Perfektion glänzenden Gesellschaft verbergen, da ich selbst ein Mitglied dieser Gruppe bin“, sprach sie eher zu sich selbst und driftete gedanklich bereits ab, als ihr Gegenüber ungefragt ihre rechte Hand nahm und sie wie selbstverständlich zum Esszimmer geleitete. Als sie den hohen Raum betraten, kehrte Ophelia zu ihrem gesetzten Ziel für diesen Abend zurück: den Herren eintrichtern, dass man sie nicht unterschätzten sollte und sie hier genau richtig war. Ihr Platz war unter Auftragskillern. Dort gehörte sie hin.
Entschlossenen Schrittes ging sie den langen, antiken Holztisch entlang und setzte sich auf einen der letzten freien Stühle. Ihr charmanter Begleiter setzte sich ihr direkt gegenüber und gab ihr somit ein Gefühl von Sicherheit. Während sie ihr Kleid richtete und sich das Haar über die schmalen Schultern strich, wurden hochprozentige Drinks und kleine, exquisite Häppchen zur Vorspeise gereicht. Gierig griff sie nach dem ersten Glas, welches Scotch beinhaltete, und genehmigte sich einen großzügigen Schluck. Irgendetwas sagte ihr, dass sie den Abend nur mit viel Alkohol durchstehen würde.
Also war der erste Drink schnell geleert und es kamen zwei weitere dazu. Das Essen ignorierte sie völlig, denn sie verspürte keinen Hunger. Alles rauschte schemenhaft und unklar an ihr vorüber, wie ein Traum, den man nicht zu fassen bekam…
„Ophelia…“, vernahm sie plötzlich ihren Namen, was sie die Ohren spitzen und aus ihrem Delirium ausbrechen ließ. „Ich hatte niemals Zweifel daran, dass ich ein neues Talent vor mir habe, meine Herren. Es reichte ein Blick, um zu wissen, dass ich sie in meinem Team brauche“, schwadronierte William stolz am anderen Ende des Tisches, wo er seine Gäste mit der Geschichte ihrer „Entdeckung“ unterhielt. Die junge Frau beschloss den Tatbestand richtig zu stellen und mischte sich in das Gespräch ein.
„Genauer gesagt habe ich ihn um einen Job gebeten“, betonte sie und sah zu ihrem Boss herüber. Dieser nickte eifrig und erwiderte ihren Blick.
„Sie hat Recht.“ Demonstrativ deutete er auf sie, dabei erschien ein kokettes Grinsen auf seinen schmalen Lippen.
„Diese Frau kam tatsächlich eines Nachts in mein Büro und verkündete, sie sei meine zukünftige Auftragskillerin.“ William ließ ein lauthalses Lachen los, in das seine Gäste mit einfielen. Das gedämpfte, tiefe Gelächter der Männer hallte an den Wänden als quälendes Dröhnen wieder. Ihre Gesichtszüge entgleisten, als ihr bewusst wurde, dass sie für die Anwesenden bloß ein Witz war. Sie wurde nicht ernst genommen.
„Das war aber ganz schön frech, Süße.“
„Dass sie es tatsächlich gewagt hat etwas von dir einzufordern, William.“
„Wie alt ist das Mädchen überhaupt?“
„Sie weiß nicht, was sie erwartet.“
„Sie ist ein Kind, was willst du mit ihr?“
„…“
Ihre unverschämten Worte schwellten über den Tisch und prasselten heftig und unaufhörlich auf sie ein. Ophelia wurde von der Menge an Testosteron speiübel, die sie von allen Seiten bedrängte und erniedrigte. Diese Kerle wetteiferten in ihrer Anwesenheit darum, wer von ihnen William am schnellsten dazu brachte zur Besinnung zu kommen und ihn davon zu überzeugen, dass er einen falschen Griff mit ihr getan hatte.
Die Dunkelhaarige war wie paralysiert; unfähig sich zu bewegen oder zu sprechen. Wie eine starre, schneeweiße Porzellanpuppe hockte sie auf ihrem gepolsterten Stuhl und ließ, gegen ihre Natur, die Häme und das Gelächter über sich ergehen. Sie war gefangen in einem Käfig aus Ignoranz und Frauenfeindlichkeit, in den sie die sogenannten Herren der Schöpfung gesperrt hatten. Sie hatte einen Tunnelblick, als sie an Iago Gravitch vorbeischaute und sich selbst als kleines Mädchen sah. Zusammengekrümmt und weinend lag sie zu Füßen ihres Vaters Nathaniel, der über ihr stand und sie auf brutalste Weise schlug und wüst beschimpfte.
Das grausame Bild aus ihrer Vergangenheit, das sich tief in ihren Verstand eingegraben hatte, erinnerte sie daran, warum sie William damals aufgesucht hatte. Sie wollte sich befreien. Sie wollte selbst über ihr Leben bestimmen und ihre Zukunft in die Hand nehmen. Nie wieder wollte sie ein Opfer sein. Nie wieder sollte ein Mann sie beherrschen.
In Ophelia Monroe regte sich der Widerstand. Sie lebte auf und vollführte in kürzester Zeit eine Metamorphose. Aus der stillschweigenden, sich beugenden jungen Frau wurde eine jähzornige und willensstarke Killerin.
„Ich habe meine Berechtigung für Mr. Cunningham zu arbeiten. Es ist mein Recht hier zu sein“, verkündete sie mit lauter, überzeugender Stimme, die die Anwesenden augenblicklich verstummen und ihre Köpfe zu ihr schnellen ließ. Acht Augenpaare waren auf sie gerichtet. Acht Augenpaare, die nur darauf zu warten schienen, dass sie fortfuhr und versagte.
„Es ist ein überaus seltenes Privileg mit mir am selben Tisch zu sitzen und die gleiche Luft zu atmen, denn ich bin zukünftig die Killerin, die Sie anfordern werden, wenn Sie Wert auf gründliche Arbeit legen. Ich werde daher nicht mehr viel Zeit für solche netten Treffen haben, also genießen Sie diesen Abend mit mir, Gentlemen.“
Totenstille. Ophelia hörte das Blut durch ihre Adern rauschen, das ihre fahlen Wangen in ein zartes Rosa färbten. Minuten strichen dahin, bis…
„Hach, sie ist herrlich, William“, lachte Mr. Gravitch herzlich, was wieder Leben in die Runde brachte. „Sie gefällt mir unbeschreiblich gut.“ Seine überschwängliche Begeisterung für ihre selbstbewusste, vorlaute Art war nicht von der Hand zu weisen und bewies, dass neben William noch ein Mann mit Verstand und Ahnung am Tisch saß. Er stand ihr zur Seite. Er war ihr Verbündeter. Vielleicht würde er es sogar schaffen den anderen Gästen die Zweifel und Vorurteile zu nehmen, damit sie ihr eine Chance gaben. Doch kaum waren die ersten Komplimente in ihre Richtung ausgesprochen, da musste sie einen erneuten Rückschlag einstecken.
„Du bist ziemlich schmächtig, Schätzchen. Bist du ganz sicher, dass du hier richtig bist?“, musste sie sich diese Frage von dem riesigen, blonden Kerl gefallen lassen, der drei Plätze weiter links neben dem Südländer saß. Ophelia antwortete zwar nicht, aber die tiefen Falten auf ihrer Stirn verrieten ihr Missfallen. Was war das überhaupt für ein Typ? Was bewog ihn dazu, sie dermaßen in den Dreck zu ziehen?
„Für diesen Job braucht man Kraft! Ein dürres Mädchen, wie du, ist nutzlos und kann niemandem Respekt oder Angst einflößen“, wetterte er ungehalten weiter, was sie verärgert den Kopf schütteln ließ. Unter ihren brünetten Haaren blitzten große, goldene Ohrringe hervor.
„Ausgerechnet noch eine Frau“, spie er hervor, als würde diese Tatsache heftigen Ekel und Schmerzen bei ihm auslösen. Seine arktischen Augen wanderten von ihr zu ihrem Gastgeber.
„Ist das wirklich dein Ernst, William? Du schleppst dieses Modepüppchen mit manikürten Fingernägeln an und willst es uns als Killerin verkaufen? Was soll das hier werden? Etwa die Tussibrigade?“ William öffnete bereits seinen Mund, doch Ophelia war schneller.
„Soll ich Ihnen meine Fähigkeiten unter Beweis stellen? Vielleicht ramme ich Ihnen meine manikürten Fingernägel in die Kehle. Dies hält Sie möglicherweise davon ab solch hirnlose und chauvinistische Äußerungen von sich zu geben.“
„Schlagfertig, sexy und skrupellos, eine Kombination, der man nicht widerstehen kann. Es ist unmöglich ihren Reizen nicht zu erliegen und ihr heillos zu verfallen“, sprach ihr Gegenüber feurig, seinen Blick auf die Schönheit heftend. Anschließend zwinkerte er ihr keck zu, was sie mit einem lieblichen Lächeln quittierte.
„Sie sind ein Charmeur, Mr. Gravitch“, bedankte sie sich für seine Unterstützung.
„Bin ich hier der Einzige, der das ganze für komplette Scheiße hält?“ Seine Wortwahl und Respektlosigkeit ließen William bleich werden. Er hatte sich erhofft, dass der Abend ein Erfolg werden würde; dass er seinen Gästen demonstrieren konnte, wie gut er sein Geschäft im Griff hatte. Nun machte ihm ausgerechnet einer von ihnen einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. Der Schock lähmte ihren Boss, daher sprang Mr. Gravitch ihm zur Seite und rettete erneut die Situation.
„Was fürchten Sie, Mr. Massey? Etwa Konkurrenz?“, wollte er herausfordernd von dem Blonden wissen.
„WAS?! Die soll eine Konkurrenz für mich sein?!“, platzte es unüberlegt und schroff aus diesem heraus, ehe sein hasserfüllter, verächtlicher Blick zurück zu der jungen Killerin schweifte.
„Warum machen Sie sonst solch einen Hehl aus der Sache? Diese bezaubernde Frau hat ebenso das Recht und die Ehre für Mr. Cunningham zu arbeiten, wie Sie.“ Ophelia wurde nach seinen Worten schlagartig klar, dass der Mann, der sich ununterbrochen über ihre Existenz beschwerte, kein Geschäftspartner, sondern ein Auftragskiller, sprich ihr Kollege war. Womit habe ich das bloß verdient?
„Er hat eine exzellente Wahl getroffen, wie immer, denn er vertraut auf seinen Instinkt, der ihn noch nie im Stich gelassen hat. Ich vertraue auf sein Urteil. Das sollten wir alle“, wandte er sich streng an die restlichen Anwesenden, die verdächtig ruhig geworden waren. Fast schon beschämt schaute sie überall hin, nur nicht zu ihrem Gastgeber, der viel mehr verdient hatte, als Misstrauen und Vorwürfe.
„Vielen Dank, Mr. Gravitch“, war der knappe Kommentar ihres Bosses. Dann verfiel er wieder in Schweigen. Er musste wohl erstmal verarbeiten, was in den letzten Minuten an seinem Esstisch vorgefallen war. Dessen ungeachtet knirschte ihr blonder Kollege lautstark mit den Zähnen und blickte unzufrieden aus der Wäsche.
„Machen Sie sich nichts aus diesem Machogehabe“, gab ihr Iago Gravitch einen gut gemeinten Rat, den sie allerdings nicht nötig hatte.
„Das tue ich nicht, keine Sorge. Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, dass Männer, die sich bedroht fühlen, die Lautesten sind und man diese am Besten ignoriert.“ Ihre Einstellung entlockte ihm ein ehrfürchtiges Lächeln.
„Sie sind eine ganz besondere Frau. Für William sind Sie ein wertvolles Exemplar, Miss Monroe. Er weiß, dass er mit Ihnen sehr viel Geld verdienen kann.“
„Dies ist mir durchaus bewusst. Deshalb werde ich alles tun, um seinen Ansprüchen zu genügen. Enttäuschung ist das Letzte, was er von mir zu erwarten hat“, erwiderte sie mit fester Stimme. „Wenn ich töte, dann gibt es keine Fehler.“
„Wieso töten Sie eigentlich Menschen, wenn ich fragen darf? Es ist ja schließlich keine gewöhnliche Tätigkeit.“
„Ich töte, weil ich es kann“, antwortete sie tonlos und zuckte belanglos mit den Achseln.
„Der Tod übt eine starke Faszination auf mich aus, so war es schon immer. Ich kann sowohl dem Leben, als auch dem Tod etwas abgewinnen.“
„Sind Sie sich im Klaren, dass Sie für Ihr junges Alter eine äußerst düstere Lebenseinstellung haben?“, schmunzelte er. „Es ist beinahe zum Fürchten.“
Wissend nickte sie und lächelte dämonisch.
„Aus diesem Grund bin ich hier.“

Das Nikotin ihrer Treasurer Silver schmeckte ihr heute Abend besonders gut. Tief inhalierte sie den geliebten Stoff, der sie beflügelte und glücklich machte. Ophelia Monroe saß in einem robusten Korbstuhl auf der Terrasse, die zum umfangreichen Garten führte. Die unverändert warme Sommerluft lag schwer auf ihrer Haut, auf der sich ein leichter Schweißfilm gebildet hatte. Gedankenlos pustete sie sich eine einzelne dünne Haarsträhne aus dem Gesicht, bevor sie ermattet die Lider senkte. Sie döste vor sich hin, bis schlurfende Schritte sie aufschrecken ließen. Ihre Augen suchten den Verursacher der Ruhestörung. Dieser stand mit den Händen in den Hosentaschen unweit von ihr entfernt unter einer Halogenlampe, wodurch sein blondes Haar silbrig-weiß aussah. Ihre Mundwinkel wanderten augenblicklich nach unten und ihre Zigarette schmeckte plötzlich bitter und abscheulich.
„So alleine?“, grollte seine dumpfe Stimme zu ihr herüber, wie ein gewaltiger Sturm. Sie gab ihm keine Antwort. Stattdessen rauchte sie seelenruhig weiter und überschlug ihre langen Beine. Indes kam er näher.
„Ich bin Patton Massey“, stellte er sich ihr offiziell vor, als habe es seine vorangegangenen Beleidigungen von vorhin nicht gegeben. Ihn störte es nicht im geringsten, dass sie nicht gewillt war mit ihm zu plaudern, denn er redete einfach weiter.
„Du und ich sind von nun an also…Kollegen“, presste er gewaltsam aus seiner Kehle. Ohne ihre Erlaubnis duzte er sie, was sie reizte. Ihr Blut geriet in Wallung, ihre Hände verkrampften sich.
„Was ist eigentlich Ihr Problem, Mr. Massey?“, blaffte sie, bevor sie ihre Zigarette auf der Armlehne des Stuhls ausdrückte, sich elegant erhob und ihm entgegenstellte.
„Mein Problem bist du, Schätzchen.“
„Ach wirklich…“ Die Brünette zog eine Augenbraue in die Höhe. „Weil ich eine Frau bin?“
„Frauen sind schwach, reagieren emotional und lassen sich nur von ihren Gefühlen leiten, also völlig unbrauchbar für unseren Beruf. Keine Ahnung, was sich William dabei denkt.“
„William hat erkannt, was er an mir hat.“
„Oh, ich weiß genau, was er in dir sieht, Schätzchen“, sprach er anzüglich und leckte sich die Unterlippe. Dann umrundete er sie. Mit hell leuchtenden Augen inspizierte er ihren Körper, als wolle er mit allen Mitteln irgendeinen Fehler aufdecken, den er an ihr jedoch nicht finden würde.
„Es gibt nur zwei Dinge, für die Frauen da sind“, wisperte er ihr verschlagen ins Ohr. „Schön für die Männerwelt aussehen und sich von dieser ficken lassen.“
Er untermauerte seine Worte, indem er nah von hinten an sie heran trat, sodass sie seine Körperwärme spüren und sein stechendes Aftershave riechen konnte, seine großen Hände auf ihre Brüste legte und sie rabiat an sich presste. Ihr entfuhr ein überraschtes, fast atemloses Keuchen.
„Na, wie gefällt dir das?“ Sein heißer Atem streifte ihre rechte Wange und den Nacken. Ihr Blut pulste in Rekordzeit durch ihren Körper. Sie spürte Ärger und Verbitterung in sich aufsteigen.
„Wissen Sie, was Sie sind?“, fragte sie streitsüchtig.
„Nein, verrat es mir, Schätzchen.“
„Sie sind engstirnig und hochgradig unverschämt. Dazu sind Sie niveaulos und absolut widerwärtig.“ Sein blechernes, ausgelassenes Gelächter bebte über ihren Kopf hinweg. Ihr gesamter Körper vibrierte.
„Wow, ich bin noch nie sooo beleidigt worden“, scherzte er spöttisch und hatte keinerlei Hemmungen sie weiter zu begrabschen. Seine Hände fuhren gierig und grob über ihre Hüften, Oberschenkel und ihren Po. Patton Massey machte ihr deutlich, was für eine Art Mann er war und welchen Stellenwert sie für ihn hatte. Niemals würde er sie als gleichwertiges Mitglied der Auftragskiller ansehen. Niemals würde sie seine Kollegin sein.
„Du bist keine Killerin“, die Hände sinkend und vor sie tretend, war seine Miene starr und eiskalt geworden. „Du gehörst nicht hierher, Schätzchen. Hau ab! Lauf zurück in dein Leben und komm nie wieder!“, bellte er ungehalten und packte sie roh bei den Schultern. Speichelfäden flogen Ophelia ins Gesicht und benetzten ihre Lippen. Der Ekel in ihr ließ sie erzittern.
„Das würde Ihnen so passen, oder?“, spie sie verächtlich aus und blähte ihre Nasenflügel. „Aber so leicht werden Sie mich nicht los, Mr. Massey.“ Aggressiv fletsche sie die Zähne und knurrte ihn an.
„Ich bleibe hier! Ich werde nicht gehen! Sie werden mich schon töten müssen.“
Pattons Mundwinkel zuckten, als er ihr Kinn in seine linke Hand nahm und mit dem Daumen über ihre glatte, bleiche Haut strich.
„Sag nichts, was du später bereuen könntest, meine Liebe“, war seine versteckte Drohung an sie, dass er sie jederzeit, ohne Gnade, töten würde. Die junge Frau hob sich unbeeindruckt auf die Zehenspitze, sodass sie mit ihm halbwegs auf Augenhöhe war und kam seinen Lippen gefährlich nahe. Ihr Gegenüber spannte seine Muskeln sichtbar an, sein Atem ging stoßweise.
„Ich lasse es darauf ankommen.“
 
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Genial geschrieben und wahnsinnig packend.

Gerald W. (13.03.2018)

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