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6 Seiten

Rilak! Ein fantastischer Roman 5. Kapitel

Romane/Serien · Experimentelles · Für Kinder
„Ich habe das Vieh unter deinem Haar gesehen!“, fauchte Tomas Bader am frühen Morgen seine Tochter wütend an. Es nutzt dir nichts, wenn du versuchst, dich irgendwie herauszureden. „Ich möchte, dass dieser Schädling augenblicklich aus unserer Villa verschwindet!“
„Es ist nicht MEIN Hamster, Papa!“, rief Skipper in ihrer Verzweiflung. „Rilak gehört Dolores!“
„Hamster – pah!…Es ist eine Ratte, Ratte, Ratte! Selbst wenn er einer Dolores gehört haben sollte. Du kannst mich nicht veralbern. Nur weil ich keine Tiere mag, so kann ich sie doch sehr wohl unterscheiden! Dieser Bakterienträger kommt weg und zwar sofort, oder ich vergifte ihn eigenhändig oder …ha, ich habe eine Idee…ich ertränke das Viech in unserem Swimmingpool!“
„Ratten können schwimmen, Papa!“ Skipper waren die Tränen gekommen und alles, was sie im Internet über Ratten gelesen hatte, schmetterte sie aus sich hinaus. „Sie können sogar tauchen. Außerdem sind sie sehr intelligent, sie sind sozial, teilen alles miteinander und …“
„…und sie stinken bestialisch!“,fügte er aufgebracht hinzu.
„Aber nur wenn sie Angst haben oder zum Kampf bereit sind, Papa!“
„…ist mir doch egal! Jedenfalls bringen sie Krankheiten. Die Pest haben sie uns damals im Mittelalter gebracht!“
„Das waren nicht die Ratten selber, sondern deren Flöhe.“
„Na bitte! Außerdem sind sie eine Plage!“
„Okay, zwar können sich Ratten in großer Zahl vermehren und wirklich zu einer Plage werden, ähnlich wie die Tauben, aber warum streut man ihnen nicht Futter hin, das sie unfruchtbar macht? Bei den Tauben ist es ja auch gelungen und …“
„RUHE! Die Ratte kommt weg und ich weiß auch schon wohin. Du bringst sie zu Onkel Joachims Forschungslabor. Da gehört so`ne Ratte hin.“
„Onkel Joachim, der immer Tierversuche für unsere Kosmetikartikel macht?“
„Ja klar, sonst könnten wir ja nicht all die tollen Farben und Düfte verkaufen.“
„NIEMALS kommt Rilak da hin!“ Skipper hielt schützend ihre Hand vor die Ratte, damit der Vater nicht danach greifen konnte.
„Dann schmeiß` sie aus dem Fenster oder tue sonst irgendetwas…“, schlug er nun einfach vor.
„Was soll aus dem Fenster geworfen werden?“, hörte Skipper plötzlich ihre Mutter hinter sich in scharfem Tonfall.
„Ah, da ist ja deine Mami! Typisch, ihr zwei steckt bestimmt unter einer Decke. Nein, aber nein, hier habe ich diesmal mitzureden, die Ratte verschwindet aus unserem Haus!“
„Äh, wie jetzt?“, stotterte die Mutter verwirrt, die überhaupt noch nichts begriffen hatte.
„Ach, tu nicht so arglos, Bertha.“, fauchte Tomas. „Ihr beide habt doch diese ganze Sache mit der Ratte eingefädelt, nur um mich zu ärgern!“
„Was soll ich getan haben?“
„Mama, ich habe eine Ratte hier auf meiner Schulter, willst du sehen?“, versuchte Skipper in ihrer Verzweiflung die Mutter aus ihre Seite zu ziehen. „Sie gehört Dolores und ist ganz süß!“
Kaum, dass Skipper die Haare ein wenig angehoben hatte, begann ihre Mutter wie verrückt zu kreischen, denn Relak hatte sich auf Skippers Schulter herumgedreht und ihr den Hintern zugewandt.
„Iiiiiiih!“, hörte man Bertha. „Wie ekelig …dieser nackte Schwanz ….! Ich …ich muss kotzen!“

*

So kam es, dass Skipper mit völlig verweinten Augen und roter Nase, aber mit Relak, den sie gut versteckt hatte, zur Schule ging. „Champ“, murmelte sie, „muss diese Ratte lieben, oder ich liebe ihn auch nicht mehr!“
Champ würdigte Skipper keines Blickes, kaum dass sie den Klassenraum betreten hatte, plauderte angeregt mit seiner Clique und lachte viel. Dieser Umstand war einesteils erleichternd andernteils aber auch irgendwie beängstigend. Skipper tat so, als würde seine Ignoranz ihr nichts ausmachen, begrüßte von weitem auch ihre Clique und legte einen Brief auf das Pult der Lehrerin. Gottseidank hatte sie ihren Vater noch heute Morgen dazu überreden können, einen Entschuldigungsbrief an Frau Schmidt zu schreiben, unter der Bedingung, dass sie noch heute früh die Ratte Dolores zurückbringen würde. Aber Dolores war nicht da gewesen, also hatte Skipper die Ratte einfach noch für ein Weilchen behalten. Sie hatte Rilak so gut versteckt, da wo er schlief würde ihn bestimmt niemand bemerken. Die ersten zwei Unterrichtsstunden verliefen auch völlig unproblematisch. Dann kam die große Pause.

Skipper unterhielt sich gerade mit ihren besten Freundinnen über ein aktuelles Thema, als sie sah wie Champ den dürren Basti auf dem Hof immer wieder anrempelte. Erst so ein bisschen abwechselnd mit seinen breiten Schultern, dann richtig doll, sodass Basti fast stürzte. Erstes Hohngelächter aus Champs Clique war zu hören. Immer wieder stieß Champ ihn nun so vor sich hin.
Basti versuchte zu flüchten, lief aber nur von einer Ecke des Schulhofes zur anderen, wie ein gefangenes Tier. Immer mehr Schüler und Schülerinnen auf dem Hof blieben interessiert stehen. Einige rotteten sich sogar zusammen, tuschelten miteinander und wiesen auf Basti, der schon den Tränen nahe war. Die sechs Jungs aus Champions Gang warteten grinsend ab und ein paar von ihnen rieben sich schon die Fäuste.

Frau Schmidt, die heute gerade Aufsicht hatte, schien nichts zu sehen. Vielleicht war sie derartiges gewohnt oder sie hatte Angst um ihre Brille, oder Ähnliches falls sie sich einmischte, denn sie zog sich, als es im Hof immer unruhiger wurde, ziemlich eilig hinter zwei Bäumen zurück, kaute dort ihr Pausenbrot und löste dann ein Kreuzworträtsel. Sie verließ sich wohl ganz auf ihre Kenntnis, dass Bastis Mutter, die nur sehr schlecht Deutsch sprechen konnte, recht hilflos gegenüber alledem war und deshalb kaum in der Lage, sich so zu beschweren, dass sie sich durchsetzte.

Tomate, die in einem gewissen Abstand Basti hinterherschlich, hatte wieder ein rotes Gesicht, diesmal weil sie sehr aufgebracht war. Sie kämpfte mit den Tränen, blickte Kopf schüttelnd in jene Richtung, wo Skipper gerade in aller Ruhe über die neusten Gerüchte mit ihren vier Freundinnen am tratschen war.

Champ verlangte nun ein paar Turnübungen von Basti. Er musste Kniebeugen vor ihm machen. Basti gehorchte, wohl in der Annahme, dass diese schreckliche Pause ja auch mal ein Ende haben würde. Dann kamen die Jungs aus Champs Clique herbeigelaufen. Skipper lachte gerade über einen Witz, den eine ihrer Freundinnen zum besten gegeben hatte, als sie Zeuge wurde, wie jeder dieser Jungs nach einander Basti eine Ohrfeige gab.

Früher war es Skipper egal gewesen, wen Champ gerade verdrosch, aber diesmal merkwürdigerweise, empfand sie Mitleid mit Basti. Ihr Blick fiel auf Tomate die gerade stumm am heulen war und dann fiel ihr siedend heiß das Versprechen ein. Auch wenn sie die ganze Zeit versucht hatte, sich davor zu drücken, sie musste nun endlich Champ entgegentreten und das Ganze hier beenden. Skippers Lippen wurden schmal, sie krauste die Stirn, fasste sich ein Herz und lief endlich schnurstracks auf Champ zu.
Champ löste sich ebenfalls aus seiner Gruppe. Er war überrascht, dass er Skipper so zornig auf sich zukommen sah. Er hatte nicht im Traum daran gedacht, dass sie den Mut aufbringen würde, hier vor allen Schülern, ihm entgegen zu treten. Er versuchte die Verwunderung und das leichte Unbehagen, sich nicht anmerken zu lassen.
Skipper sah, dass Champ lässig wirkte und wie immer selbstverliebt. Er strich sich die schwarze Haartolle aus der sonnengebräunten Stirn und grinste breit.
„He, was machst DU denn JETZT?“, riefen die Freundinnen Skipper ängstlich hinterher. „Bist du bescheuert, dass du dich da einmischst? Du wirst dir noch ein blaues Auge holen.“ Aber es war schon zu spät.
Skippers Empörung wuchs, als sie sah, dass die Jungs aus Champs Gruppe nun von alleine damit fortfuhren Basti zu drangsalieren. Jeder von ihnen boxte ihn. Manch einer sogar in den Magen. Skippers Gesicht war inzwischen so rot, wie sonst immer das von Tomate, aber das war ihr egal. Sie war wütend und fest entschlossen Champ endlich mal die Meinung zu sagen, doch je näher sie ihm kam umso unsicherer wurde sie seltsamerweise.
Er verzog indes seine schön geschwungenen Lippen zu einem abermaligen Grinsen und in diesem breiten Lächeln schwang sein ganzes Überlegenheitsgefühl mit. Skippers Unsicherheit verwandelte sich mehr und mehr in Angst, gleichzeitig spürte sie seine faszinierende erotische Ausstrahlung. Er war eben ein richtiger Kerl, kein Hänfling, groß wie ein Baum und stark wie ein Bär und noch dazu – bildschön! Als sie den Mund öffnete, um endlich etwas zu sagen, zog er sie einfach an sich und küsste sie vor aller Augen.
Alles klatschte Beifall. Basti hatte indes Nasenbluten von den vielen Schlägen und Tomate reichte ihm ein Taschentuch.
„Wolltest du mir etwas sagen, Skipper?“ Champ zeigte wieder seine schönen Zähne und die süßen Grübchen in seinen Wangen. Er fuhr in amüsierter Tonlage fort: „Ja, ich höre!“
„Also, ich ….“, stotterte sie und versuchte sich endlich zusammen zu reißen. Sie blickte in diese dunkelen Märchenaugen, in denen man schier versinken konnte und atmete schneller.
„Du willst NOCH einen Kuss von mir, mein Täubchen? Kannst du haben!“ Und wieder legte er seinen Arm um sie und küsste sie, diesmal mit Zungenschlag wieder vor den Augen sämtlicher Schüler, die sich auf dem Hof befanden.
Das Beifallklatschen nahm zu und erste Pfiffe ertönten. Ehe Skipper noch zu Atem kommen konnte, strich er ihr väterlich über das Haar und sagte in gütiger Tonlage : „ Ich verzeihe dir! Weiß ja, dass du damals im Zelt nur Schiss vor deinen Eltern hattest. Aber nun ….mein Lämmchen …“ Er griff zu ihrer Überraschung einfach in den Ausschnitt ihrer Bluse. Skipper wollte schimpfen, sich wehren, aber sie war seltsamerweise wie gelähmt, ließ es wie eine Schlampe einfach zu, obwohl alle dabei zuschauten.
Für einen Moment war für die Schüler auf dem Hof nun nicht mehr klar, was wohl interessanter war, wie Basti getroffen vor den vielen Schlägen langsam in die Knie ging und vielleicht heute noch ins Krankenhaus kam oder die zwei, wie die hier einen auf Porno machten. Man war gespannt, ob es Champ wohl gelingen würde Skipper einfach die Bluse auszuziehen, denn dann bekam man bestimmt ordentlich was zu sehen.
Noch immer war Skipper wie hypnotisiert. Sie keuchte heftig, während sie seine Finger auf ihrer nackten Haut fühlte, ihre Hände zuckten nach oben, um Champ abzuwehren, aber es gelang ihr nicht, sie wirklich zu bewegen. Ungewollt überfiel sie jetzt auch noch ein lustvoller Gänseschauer, als sie Champs Finger an ihrem Spitzenbüstenhalter fühlte, und das obwohl sie einen noch nie dagewesenen Schmerzensschrei Sebastians - allerdings wie aus weiter Ferne - hörte. Aber Moment mal, das war ja gar nicht Bastis Stimme? Das war Champs verblüfftes schmerzerfülltes Geschrei. Blitzartig waren seine Finger hochgezuckt. Seine Hand war viel schneller aus ihrem Ausschnitt heraus als sie hineingelangt war. Der eine Finger zog etwas hinter sich her.

Gellend brüllte Champ weiter, fluchte wild, versuchte die Ratte abzuschütteln, die an seinem Zeigefinger hing, so als wäre sie ein Teil von ihm. Ja, Rilak hatte sich dort festgebissen und wenn eine Ratte - die etwas auf sich hält - nicht mehr loslassen WILL, dann lässt sie auch nicht mehr los. Champ heulte nun, schrie schließlich um Hilfe, drehte sich immer wieder mit der Ratte im Kreis herum. Seine Freunde ließen Sebastian nun endlich in Ruhe und eilten zu ihm. Doch niemand traute sich, dem kleinen Tier, obwohl es doch so winzig war, den „gar aus“ zu machen.
Die Schulglocke klingelte schließlich und Frau Schmidt eilte Champ zur Hilfe, zwar ließ das kleine Geschöpf nun los, aber auch sie wurde kurz gebissen. Unsanft landete Rilak schießlich doch auf dem Boden.
Da hockte es nun, mitten auf dem Schulhof, umringt von den vielen großen Menschen - allerdings hielten sie einen respektvollem Abstand zu ihm - denn sobald sich jemand zu ihm hinunter beugte, sprang er dem fast ins Gesicht und hätte sich wohl an dessen Nase festgebissen, wäre der nicht noch rasch ausgewichen. Rilak stieß ein Kampfgeschrei aus. "Hiiiak, hiiiak!" kreischte er in bedrohlichem Ton. Und das hörte sich fast so an, als würde er seinen Namen, Rilak, rufen. Zudem fabrizierte die Ratte nun einen unangenehmen Geruch.
Da hockte sie nun, breitbeinig auf allen Vieren, warf den langen, kahlen Schwanz immer wieder angriffslustig auf den Boden und stank weiter vor sich hin. Der Gestank, den Rilak von sich gab, wurde fürchterlich und alle hielten sich die Nasen zu. „Woher kommt denn plötzlich diese entsetzliche Ratte her?", brüllte Frau Schmidt, als sie sich einigermaßen gefasst hatte und mit einem Taschentuch dicht vor ihrer Nase wedelte, dann flog ihr Blick besorgt zu Champ. „Ach, du armer Kerl, du blutest ja schrecklich? Oh nein, wie sieht denn dein Finger aus?“, besorgt eilte sie zu ihm. „Es scheint sich wieder eine Rattenplage anzubahnen.",wandte sie sich an die umstehenden Schüler. "Der Rektor sollte den Kammerjäger bestellen!“
Als alle gegangen waren, blieben nur drei Schüler auf dem Hof übrig. Basti blutete zwar auch. Sein Gesicht war schief und geschwollen. Die Schläge hatten ihn hart getroffen. Aber Frau Schmidt hatte das wenig gekümmert. Zwar sah er käseweiß aus, aber er lachte nun erleichtert. „Ich dachte, ich verliere heute mein Leben! Aber Champ, als der so schmerzerfüllt herum hüpfte und diese kleine Ratte ihn nicht mehr los ließ, das war ein köstlicher Anblick. Hat mich sehr getröstet und wohl auch gerettet, denn man ließ von mir ab. Beate hatte mir ja schon von deiner Ratte erzählt, Skipper! Was für ein kämpferisches Tier.“
„Rilak ist eben etwas ganz Besonderes! Er ist eine Zauberratte.Dolores hatte ganz recht“, sagte Skipper leise, als sie zärtlich Rilak ergriff und wieder auf ihre Schulter setzte. „Er hat mich heute ebenfalls gerettet, nämlich davor, restlos meinen Stolz zu verlieren!“

Fortsetzung folgt, aber diesmal wird es etwas dauern.
 
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Kommentare  

Eine gute Geschichte locker und flüssig geschrieben und nicht nur für junge Leute. Spannend, obwohl es hier eigentlich "nur" um Jugendprobleme geht. Aber ich denke mal, irgendwann wird auch etwas Fantastisches mit Rilak passieren, denn bisher war ja alles ganz normal. Jedenfalls wird die Ratte einem direkt sympathisch und ich würde mich freuen, hier bald mehr von diesem Tier vorzufinden.

Harald Schmiede (31.05.2018)

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