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5 Seiten

Vorahnungen - Ein neuer Mitspieler

Romane/Serien · Spannendes
Ein weisser, klappriger Tranzporter fuhr eben in die Gelenstrasse, einer kleinen und arg heruntergekommenen Seitenstrasse am Stadtrand. Der Motor stotterte immer wieder und man konnte glauben, der Wagen wollte jeden Moment auseinander fallen.
An den Seiten des Wagens prangten verblasste Firmenembleme, die der Rost stark angegriffen hatte. Genau genommen war es win Wunder, wie dieser Haufen Schrott durch den TÜV gekommen war.
Der Tranzporter hielt mit knarrenden Bremsen vor einem ehemaligen Fabrikgebäude. Die Fassade war teilweise Vermauert. Eine Tür gab es aber noch, die ins innere des Gebäudes führter. Die Tür hing schief in den verrosteten Angeln und schien seit langem nicht mehr bewegt worden zu sein.
Henry Bohl kurbelte das Fenster der Beifahrertür hinauf und stieg aus dem Wagen. Bohl – eins fünfundachtzig groß und von drahtiger Gestalt mit einem vernarbten Gesicht, dem man die vergangenen Kämpfe ansah – betrachtete sich die Bruchbude, vor der er stand eingehend. Er fragte sich, ob dies wirklich die richtige Adresse war, oder ob man ihm schon wieder – wie so oft – falsche Informationen gegeben hatte.
Er zog noch einmal an seiner Zigarette und schnippte sie dann achtlos in den Rinnstein. Gelangweilt sah er die Strasse auf und ab, ehe er auf das verfallende Gebäude zutrat.
„Was für ein Dreckstall,“ murmelte er und stieg dabei über allerlei Unrat hinweg, der auf dem Gehsteig herum lag. Müllabfuhr gab es hier schon lange keine mehr wie es schien. Zerbrochene Weinflaschen, diverse Einrichtungsgegenstände und sogar ein ausgebranntes Autowrack waren da zu finden.
Angewidert schüttelte Bohl den Kopf. Es wäre wohl besser gewesen, so dachte er sich, statt seines Buissenesanzuges lieber alte Arbeitsklamotten seines Bruders anzuziehen. Doch nun war es zuspät sich darüber Gedanken zu machen. Alles in allem paßte sein gesammtes Auftreten nicht zusammen. Allein der Wagen – eine Leihgabe seines Bruders – war ihm ein Greul. Aber seinen Wagen konnte und wollte er nicht benutzen. Vor allem nicht in dieser Gegend.
Für gewöhnlich ließ er sich von seinen Auftraggebern einen Wagen stellen. Doch im Augenblick konnte er es sich nicht leisten sehr wählerisch zu sein. Seit er vor knapp dreizehn Wochen aus dem Gefängnis entlassen worden war, war dieser Job sein bislang einziger gewesen. Seine alten Verbindunger hatten sich in Wohlgefallen aufgelößt in den vergangenen vier Jahren. Man traute es ihm nicht mehr zu, gewisse Aufgaben zu erledigen. Seine früheren Auftraggeber waren entweder im Knast, tot oder aber seriös geworden. Das hatte er sehr schnell heraus gefunden. Selbstverständlich bemühte Bohl sich seinen alten Seilschaften wieder anzudienen. Doch wer würde sich mit einem Exknackie, der noch dazu seinen letzten und wohl wichtigsten Auftrag komplett in den Sand gesetzt hatte, allen ernstes noch einmal einlassen?
Doch sicher niemand, der bei klarem Verstand war und sein Geschäft verstand. So hatte sich Bohl mit kleinen Gelegenheitsarbeiten über Wasser gehalten und versucht zu überleben so gut es eben ging.
Bis vor drei Tagen ein Brief in seinem Briefkasten gelandet war, der alles wieder ein wenig sonniger hatte aussehen lassen. Zumindest solange, bis er hier vor diesem abgetackelten Fabrikbau gelandet war.
Der Teil der Stadt, in dem er sich hier befand, gehörte eindeutig nicht zu den von ihm bevorzugten Plätzen. Doch er hatte keine andere Wahl. Und gutes Geld zu verdienen, konnte nicht schaden. Ehe er die schnutzige Treppe hinauf ging sah er sich noch einmal um.
„Abreißen den ganzen Scheiß!“ Sagte er lauter als beabsichtigt. Einen kleinen Augenblick später krachte ein Ziegelstein aufs marode Pflaster. Genau an der Stelle, wo er eben noch gestanden hatte.
Leise fluchend ging er in das Gebäude hinein. Man hatte ihm schon einen netten Empfang bereitet.
Bohl stand nun in einer kleinen Halle, die früher wohl so eine Art Foyer gewesen sein mochte. Reste eines Portiertresens lagen verkohlt auf dem Boden herum. Die Wände waren zum Teil rußgeschwärzt. Er ging weiter in das Gebäude hinein. Unter seinen Schuhsohlen knirschte zerebrochenes Glas. Im hinteren Teil konnte er den Himmel sehen. Es gab kein Dach mehr. Schutt und Trümmer lagen umher. Dach und Decke waren eingestürzt. Es hatte wohl etwas mehr gebrannt als nur die Loge des Pförtners...
Zu seiner linken führte eine rostige Eisentretppe in die oberen Stockwerke. Langsam ging er darauf zu, griff in seine Taschen und holte eine kleine Taschenlampe sowie eine Walther PPK hervor. Man konnte ja nie wissen...
Von oben kam erneut ein Wurfgeschoß angeflogen und verfehlte Bohl nur um Haaresbreite. Er lud die Walther durch und gab einen Warnschuß ab, ehe er vorsichtig die wackelige Stiege empor kletterte. Am oberen Ende der Treppe nahm er gerade noch eine flüchtige Bewegung wahr, ehe das nächste Stück Ziegel auf ihn zugeflogen kam. Mit lautem Krachen schlug der Ziegelbrocken gegen die Treppe.
„Hör auf mit dem Scheiß Junge. Ich will dich micht verletzen oder sonst was antun. Borsek hat mich hier her geschickt“ erklärte Bohl ruhig. So ruhig zumindest wie es ihm in dieser Situation möglich war.
„Borsek kann mich am Arsch lecken! Ich hab nix mehr mit dem zu tun! Und jetzt verpiß dich oder ich werd richrig sauer du Arschloch!“ Kam die Antwort von weiter oben und wurde gleich von einem weiteren Ziegelstein untermauert.
„Das hat keinen Zweck, Junge. Ich komm jetzt rauf und wir unterhalten uns ganz normal. Von Mann zu Mann, klar?“
Keine Antwort.
Bohl stieg weiter die Treppe hoch. Keine Steine flogen ihm entgegen. Ob dies ein gutes Zeichen war oder der andere nur keine Wurfgeschosse mehr übrig hatte, konnte er nicht sagen.
Bohl war im zweiten Stock angekommen und lief einen schmalen Flur entlang. An beiden Seiten des Ganges ginen Türen ab. Zwar waren weder Türblätter noch Zargen übrig geblieben, doch in den meisten Fenstern der Büros gab es sogar noch Fensterglas. Wenn auch sehr schmutzig oder zersprungen. Es stank nach Verwesung und Pisse. Und natürlich nach moderigem altem Gemäuer. Der Putz war weitestgehend von den Wänden gefallen. Lampen gab es nicht mehr. Nur einige rostige Metallfassungen hingen vereinzelt von der Decke. Meist aber nur noch blanke Drähte, soweit noch Kabel vorhanden waren.
„Junge! Wo steckst du?“
Keine Antwort.
„Junge?“
Ein Schuß krachte los und eine Kugel schlug knapp über Bohls Kopf in die Decke. Putz regnete auf ihn herab. Er überlegte was er tun sollte. Ein weiterer Schuss krachte los. Die Kugel verfehlte Bohl. Allerdings nur um wenige Zentimeter. Er konnte sie deutlich vorbei zischen hören.
Bohl schoß zurück. Einfach aufs Geratewohl. Er hatte keine Ahnung wo sich dieser Spinner den er suchen sollte, gerade versteckte.
Eilig warf er sich in eines der leeren Büros und verfluchte innerlich den Tag, an dem dieser Brieef gekommen war.
„Ich sagte doch, Borsek kann mich mal am Arsch lecken und du auch!“ Den Worten folgten zwei weitere Kugeln, die irgendwo heulend als Querschläger herum jagten.
Bohl wußte nun wo der Junge sich aufhielt. Nur wie er an ihn herankommen sollte war ihm noch nicht ganz klar. Was ihn aber noch mehr beschäftigte, war die Frage was für eine Waffe der Junge benutzte. Davon hing letztenendes das ganze Spiel ab, in das er hier verwickelt worden war. Mit Polizei brauchte er nicht zu rechnen. Wenn es einen Einsatz gegeben hätte, auf Grund der Schüsse, wären längst eine Hand voll Bullen im Gebäude um dem ganzen auf den Grund zu gehen. Doch es war niemand da. Niemand außer Bohl und diesem Starrkopf, der ihn kalt machen wollte.
Eine miese Situation, wenn man es recht bedachte. Es gab für beide keinen Ausweg. Bohl konnte nicht einfach wieder gehen ohne seinen Auftrag zu erfüllen. Und der Junge konnte nicht weg ohne an Bohl vorbei zu kommen. Das zumindest nahm Bohl an. Er wußte nicht ob es noch weitere Treppen gab im hinteren Teil des Ganges. Soweit hatte er nicht blicken können.
Es war still geworden.
Wieviel Zeit verstrichen war, wußte Bohl nicht. Er hatte schlicht nicht darauf geachtet. Nun wagte er sich langsam aus seiner Deckung und warf sich in den nächsten Raum. Vier Schüsse peitschten durch den Flur.
Der Junge war also noch da. Und er hatte noch Munition.
Klick!
Darauf hatte Bohl nur gewartet. Die Kanone des Jungen war leer! So schnell er konnte rannte Bohl in das Büro, in dem der Junge sich versteckt halten mußte. Mit der Waffe im Anschlag stürmte er hinein.
„Weg mit dem Ding“ schrie er!
Der Junge ließ die Pistole fallen und kickte sie mit dem Fuß von sich.
„So ist´s brav! Und nun aufstehen. Langsam! Hände an die Wand, Füsse zurück!“
Der Junge tat, was Bohl ihm befahl.
„Hast du noch Überraschungen einstecken? Falls ja, trenn dich besser ganz schnell davon, ehe ich ungemütlich werde!“
Der Junge zog ein Messer sowie ein paar Schlagringe aus seinen Taschen und warf die Gegenstände auf den Boden.
„Sehr schön. Und jetzt umdrehen!“
Der Junge drehte sich um. Im selben Augenblick schlug Bohl mit seiner geballten Faust zu. Wie eine Explosion schlug diese im Gesicht des jungen Mannes ein und riß ihn von den Füssen.
„Das ist für meinen ruinierten Anzug und all den Scheiß da die ganze Zeit,“ erklärte Bohl und streckte dem Jungen die Hand hin.
„Ich heiße Henry. Und wie ist dein Name?“
„Koschko. Styx Koschko. Was willst du eigentlich von mir hä?“
Der junge Mann stand Bohl mit etwa einem Meter Abstand gegenüber und musterte ihn eingehend.
„Wie ich schon sagte, Borsek schickte mich hier her um dich zu suchen. Er will, daß ich dich zu ihm bringe. Warum ist mir gleich. Und es geht mich auch nichts an. Ich bin nur der Kurier, wenn du so willst“ erklärte Bohl.
Koschko hörte aufmerksam zu. Und es gefiel ihm nicht recht, was Bohl ihm gesagt hatte. Er wußte natürlich warum Borsek seiner habhaft werden wollte. Was ihm aber nicht klar werden wollte, war der Umstand, warum er ihn nicht selbst geholt hatte, wenn er doch offenbar genau über sein Versteck bescheid wußte?
„Na gut. Wie es aussieht habe ich wohl keine andere Wahl als mit dir zu kommen, richtig?“
Bohl nickte.
„Na dann...“
Koschko drehte sich langsam um zur Tür. Dann rannte er los. Das war sein letzter Fehler in seinem Leben. Den Schuß, der ihn niederstreckte hörte er schon nicht mehr.
„Verdammter Idiot“ murmelte Bohl und stieg über die Leiche hinweg. Die Ratte würden sich um das Problem schon kümmern, dachte er.
 
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