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12 Seiten

Mortal Sin Sommer 2005- Enemies Eyes

Romane/Serien · Spannendes
© JoHo24
Nichts ist leichter, als den Übeltäter zu verurteilen; nichts schwieriger wie ihn zu verstehen.
- Fyodor Dostoevsky


Erdrückende Stille umgab sie. Ihr Herzschlag war das einzige Geräusch, das sie wahrnahm und Zeichen dafür, dass sie ihr Bewusstsein wiedererlangte. Emilia Sophia McDermott atmete tief ein. Kühle Luft strömte in ihre Lungen und wurde durch ihre Nase angewärmt wieder ausgeatmet. Diese Prozedur wiederholte sie mehrere Male, ehe sie langsam und behutsam die Lider hob und direkt auf eine verzierte Holztür schaute, die ihr ihren Aufenthaltsort leider nicht verriet.
Ihre blauen Augen wanderten durch den Raum, der sich als Schlafzimmer entpuppte. Sie lag in einem großen, bequemen Bett mit Edelholzgestell und taupefarbener, exquisiter Bettwä-sche. In ihrem Rücken hatte sie eine Vielzahl an Kissen in unterschiedlichen Größen, die sie abfederten. Sie fühlte sich wie auf Wolken gebettet; schwerelos und fern von dieser Welt. Der Blick auf ihre rechte, verbundene Hand und die getrockneten Blutflecken auf ihrem mintgrünen Kleid beförderte sie jedoch rasend schnell und knallhart zurück ins Hier und Jetzt. Vorsichtig hob sie die Hand auf ihre Augenhöhe und betrachtete den weißen Verband, der die tiefe Wunde an ihrem Zeigefinger verbarg und die Erinnerungen an ihren Kampf gegen Ophelia hervorrief.
Wie sieht mein Finger wohl aus, nachdem sich diese Irre daran zuschaffen gemacht hat? Konnte Pete ihn überhaupt retten? Mit wild schlagendem Herzen sah sie auf ihre Finger-kuppen, die als einziges oben hervorlugten, und zählte sie mehrmals akribisch ab. Es sind fünf! Oh mein Gott, es sind fünf! Innerlich jubelte sie, indes hopste sie lächelnd auf der festen Matratze herum und war unendlich erleichtert Besitzerin von fünf Fingern an der rechten Hand zu sein. Dennoch stellte sich ihr die Frage, wie funktionstüchtig der Zeigefinger zukünftig sein würde. Schlagartig verpuffte ihre Freude und sie verfiel in Angst und Panik. Die Ungewissheit über den Zustand ihres Fingers machte sie schier wahnsinnig und hielt sie keine weitere Sekunde aus.
Hektisch und ungeschickt versuchte sie daher den Verband zu lösen, um diesen zu entfernen und nach ihrem Finger zu sehen. Je länger sie aber dazu brauchte, desto zorniger wurde sie. Verärgert schnaubte sie und fummelte immer rabiater an dem Verband herum, bis sie hörte, dass die Tür geöffnet wurde und jemand den Raum betrat. Sie ließ frustriert von ihren Bemü-hungen ab, hob den Kopf und entdeckte einen müde aussehenden William Cunningham, der mit den Händen in den Taschen seiner Anzugshose vor dem Fußende des Bettes stand.
„Du bist endlich wach“, stellte er trocken fest und bedachte sie mit strengem Blick. Die Blon-dine fühlte sich unbehaglich und wusste nicht, was sie tun oder sagen sollte. Ihr Schweigen war für ihn das Zeichen weiterzusprechen.
„Nachdem du das Bewusstsein verloren hast und Ophelias Zustand sich ebenfalls verschlechtert hat, haben Pete und ich beschlossen euch beide in meine Villa zu bringen. Hier hatte Pete mehr Zeit und Ruhe, um euch zu verarzten, nachdem ich ihm das benötigte Equipment hierher geschafft habe.“ Seine Erklärungen musste sie erstmal sacken lassen, bevor sie darauf reagieren konnte.
„Wo ist Pete jetzt? Ich möchte mit ihm sprechen.“ Ihr Ton war sachlich und seiner unterkühl-ten Art angepasst. Nach ihrer Frage studierte sie aufmerksam seine Miene, die versteinert blieb.
„Er ist momentan nebenan im anderen Gästezimmer bei Ophelia“, regte sich bei der Nennung des Namens ihrer Feindin hörbar Gefühl in ihm. Bitterkeit und Hass kochten in ihr hoch und schnürten ihr die Kehle zu. Und William hatte allen Ernstes versucht ihr weiszumachen, dass seine beiden Killerinnen denselben Stellenwert für ihn hatten.
Dass ich nicht lache! Ophelia ist sein wertvollster Besitz, den er beschützen und keinesfalls verlieren will. Alles andere steht für ihn im Hintergrund und es lohnt sich nicht darüber nachzudenken, so wie ich. Wahrscheinlich bereut er es, dass ich noch lebe.
Der qualvollste Gedanke war jedoch mit Abstand, dass sie versagt hatte. Sie hatte es nicht geschafft Ophelia zu töten. Emilia biss kräftig die Zähne zusammen und verlieh ihrem Ge-sicht eine undurchdringliche Härte.
„Das Miststück ist also nicht tot. Zu schade“, machte sie keinen Hehl aus ihrer Enttäuschung. „Und dafür habe ich all diese Verletzungen in Kauf genommen.“ Nach einem Blick auf ihren kraftlosen, bleichen Körper wurde ihr erst wirklich klar, welcher Gefahr sie sich ausgesetzt hatte. Sie hätte im Kampf sterben können, doch der Grund für all dies machte jegliche Schmerzen vergessen und rechtfertigten ihre Entscheidung. Sie hatte es für ihre Schwester; für ihre Familie getan und das erfüllte sie mit Stolz. Mit flammendem Enthusiasmus sah sie ihren Boss an, der es offensichtlich immer noch nicht fassen konnte, dass Ophelia und sie drauf und dran gewesen waren sich gegenseitig das Leben zu nehmen.
„Ach, zieh nicht so ein Gesicht, William.“ Die Killerin legte den Kopf schräg und bemitleide-te diesen gestandenen Mann, der nicht verstand, dass er schon lange keine Kontrolle mehr über seine Mitarbeiter inne hatte. Er öffnete den Mund, aber Emilia war schneller.
„Mach dir nicht die Mühe mir eine Moralpredigt zu halten. Es interessiert mich nicht, was du mir sagen oder mit welchen Lügen du mich besänftigen willst. Spar dir deinen Atem und hol mir lieber Pete her.“ William wirkte irritiert und wie vor den Kopf gestoßen. Bis zum heutigen Tage hatte sie noch nie Widerworte gegeben. Noch nie hatte sie es gewagt dermaßen herrisch und respektlos mit ihm zu reden. Für ihn war das Ganze neu und ungewohnt. Es stand außer Frage, dass ihm ihre Aufmüpfigkeit gehörig gegen den Strich ging, aber anstatt sie anzubrüllen, wandte er sich ungelenk und steif um, um tatsächlich Peter Coleman zu holen.
Kaum hatte er das Zimmer verlassen, da genoss Emilia McDermott den Triumph über ihren Boss in vollen Zügen und konnte sich entspannt zurücklehnen.

Sie musste sich allerdings noch eine halbe Stunde gedulden, bis die hagere Gestalt des Arztes sich endlich durch die Tür schob und zu ihr ans Bett trat. Seine graublauen Augen, die mit kleinen Fältchen bespickt waren, durchbohrten sie mit ernsthafter Sorge, wobei er ihrem Va-ter Ian so sehr ähnelte, dass ihr das Herz vor Sehnsucht schmerzte. Eifrig blinzelte sie die aufkommenden Tränen weg und begrüßte Pete mit einem warmen Lächeln.
„Wie geht es dir, Emilia?“ Automatisiert fühlte er ihren Puls. Nach einigen Sekunden nickte er, als sei er mit der Leistung ihres Herzens zufrieden. Anschließend widmete er sich ihrer Hautfarbe, die ihm hingegen zu missfallen schien, denn er betrachtete kritisch ihr anmutiges Gesicht. Der Arzt sagte aber nichts und wartete lieber erst ihre Antwort auf seine vorangegan-gene Frage ab.
„Mir geht es soweit ganz gut“, meinte sie ehrlich. „Auf jeden Fall deutlich besser, als vor mei-nem Zusammenbruch.“ Bloß bruchstückhaft erinnerte sie sich an ihren dröhnenden Schädel und die schmerzenden Rippen.
„Die Schmerzmittel, die ich dir gegeben habe, haben ihre Wirkung zum Glück nicht verfehlt“, freute er sich über den Erfolg seiner Behandlung und ihren deutlich verbesserten Gesund-heitszustand. „Ich bin froh dich erholt und vor allem lebend zu sehen, Emilia.“ Er legte eine Hand auf ihre rechte Schulter und drückte diese kurz, was ihr ein Gefühl von Sicherheit gab. Daraufhin herrschte Schweigen zwischen ihnen, bis Peter Coleman wieder das Wort an sie richtete.
„William meinte, dass du mich sehen willst.“ Die blonde Killerin nickte und schaute ihn in-tensiv an.
„Ich möchte mich zuerst bei dir bedanken, Pete. Ohne deine Hilfe wäre ich womöglich…“
„Dafür bin ich schließlich da“, unterbrach er sie absichtlich, um das Thema Tod und Sterben nicht weiter zu vertiefen. Sie verstand seine Absicht und beschloss kein Wort mehr darüber zu verlieren. Immerhin hatte er in den letzten Stunden bereits genügend Stress und Ärger wegen Ophelia und ihr gehabt, da wollte sie ihn nicht weiter belasten und Rücksicht auf ihn nehmen.
„Nun, ich wollte auch noch wissen wie es um meinen Finger steht“, fragte sie mit Furcht in der Stimme, die sie nicht unterdrücken konnte. Nervös biss sie sich auf die Unterlippe, denn er setzte plötzlich eine Miene auf, die nichts Gutes verhieß. Emilia musste hart schlucken.
„Also…“, begann er leise. „Ich konnte den Finger retten.“ Er fing mit dem Positiven an, was sie ihm hoch anrechnete. Leider wusste sie, dass jetzt die schlechten Nachrichten auf sie zuka-men. Innerlich wappnete sie sich gegen alle Eventualitäten.
„Doch die Muskeln, Sehnen und Nerven sind in Mitleidenschaft gezogen worden. Außerdem wirst du mit einer Narbe rechnen müssen.“ Ihre Befürchtung, dass der Finger in seinen Funktionen eingeschränkt sein würde, bewahrheitete sich und rief schlagartig starke Übelkeit in ihr hervor. Die Killerin würgte erbärmlich und betete inständig, dass sie nicht kotzen muss-te.
„Bitte beruhig dich, Emilia.“ Der Arzt ließ sich auf der Bettkante nieder und nahm ihr Gesicht in seine Hände, womit er sie zwang ihn anzusehen. „Atme tief durch.“ Sie hörte umgehend auf seinen Befehl und sog gierig die Luft ein, was ihr half die Übelkeit zu überwinden und wieder klar zu denken.
„Es ist nicht so schlimm, wie es sich anhört“, relativierte er seine vorausgehende Aussage, was sie sogleich für eine Lüge hielt.
„Ach, das sagst du nur, damit ich mich nicht weiter aufrege“, spürte sie, wie die Hysterie erneut drohte Besitz von ihr zu ergreifen.
„Nein, das tue ich nicht, Emilia. Ich belüge meine Patienten nicht.“ Fast schon beleidigt reagierte er auf ihre kränkende Unterstellung. „Du wirst den Finger weiterhin benutzen kön-nen, aber es wird lange dauern, bis er vollkommen geheilt ist. Du musst also Geduld haben und deinem Körper Zeit geben sich zu erholen“, erklärte er ihr eindringlich, als befürchte er, dass sie seinen Rat ignorieren und sich übernehmen würde. Vermutlich trugen ihre Kollegen maßgeblich Schuld an Peter Colemans negative Erfahrungen mit nicht eingehaltenen ärztlichen Vorschriften, was sie sich nun von ihm anhören durfte.
„Sag das lieber William, schließlich braucht er mich für seine Geschäfte“, merkte die Blondi-ne angesäuert an und schob die Augenbrauen zusammen. In diesem Moment wurde ihr be-wusst, dass die Stimmung zwischen dem Arzt und ihr sich in wenigen Minuten drastisch ver-ändert hatte. Sie beide fühlten sich von dem jeweils anderen angegriffen und hatten in den Verteidigungsmodus gewechselt. Emilia bekam ein schlechtes Gewissen, weil sie ihren Retter als Feind betrachtete und die ganze Wut, die sich eigentlich ausschließlich gegen ihren Boss und Ophelia richtete, an ihm ausließ.
„Es tut mir Leid, Pete. Mein Benehmen ist respektlos und unangebracht“, wisperte sie, senkte demütig ihr Haupt und hoffte, dass er nicht nachtragend war und ihr verzeihen würde.
„Das alles ist momentan einfach zu viel.“ Für sie bedeutete diese Offenheit Erleichterung. Nach langer Zeit musste sie nicht aufpassen, was sie sagte. Vor Pete musste sie nicht die star-ke und eiskalte Killerin mimen. Sie wusste, dass sie bei ihm schwach und sie selbst sein konn-te.
„Verständlich“, hielt er es kurz.
„Wenn sich die ganzen Strapazen und Schmerzen zumindest ausgezählt hätten“, kam sie wieder zu ihrem Versagen zurück. „Wie sehr ich es bereue, dass Ophelia noch atmet.“
„Du weißt nicht, was du das sagst, Emilia“, konterte er. Daraufhin lachte sie gehässig und grausam auf, was ihn sichtlich erschreckte.
„Glaub mir, Pete, ich weiß genau, was ich sage. Dieses hinterhältige, falsche Miststück hat sich in mein Familienleben eingemischt und damit eine Grenze überschritten. Ich werde ihr das niemals verzeihen können, ebenso wenig, dass sie sich mein Vertrauen erschlichen und mir die Freundschaft zwischen uns bloß vorgespielt hat! Scheiße, sie hat alles zunichte ge-macht!“
Während sie sich in ihren Zorn hineinsteigerte, erhob sich ihr Gegenüber und schlug energisch die weiche Bettdecke zurück, die ihre Beine bedeckt hatte.
„Was soll das?“ Emilia McDermott war über sein Verhalten völlig verdutzt und starrte ihn aus großen Augen an.
„Steh auf und komm mit.“
„Wie bitte?“
„Na los.“ Obwohl sie skeptisch war, rutschte sie an die Bettkante und ließ sich von Pete aus dem Bett helfen. Kaum hatten ihre nackten Füße Bodenkontakt, da wurde ihr schwindelig und sie stolperte nach hinten. Der Arzt an ihrer Seite reagierte blitzschnell und hielt sie fest.
„Mach langsam, Emilia.“ Er hatte gut reden.
„Ich werde es versuchen“, murrte sie und wartete, bis ihr Körper soweit war sich an ihre Be-fehle zu halten, erst dann wagte sie sich die ersten Schritte vor. Pete begleitete sie aus dem Zimmer in einen weitläufigen Korridor, der kein Ende zu nehmen schien. Neugierig ließ sie ihre Augen umherschweifen. Er gab ihr jedoch keine Zeit sich ihre Umgebung weiter anzuse-hen, da er sie zur nächstgelegenen Tür bugsierte, vor der sie stehen blieben. Emilia konnte nicht mehr. Die kurze Strecke von weniger als fünfzig Metern hatte sie unfassbar angestrengt. Schweiß stand ihr auf der Stirn und ihr Herz raste. Die Blondine fragte sich, warum zur Hölle Pete sie in ihrem Zustand aus dem Bett getrieben hatte.
„Was machen wir hier?“ Seine Antwort war ein an die Lippen gelegter Finger, der Schweigen symbolisierte sollte. Um was macht er ein solches Geheimnis? Unentwegt rätselte sie, bis er die Tür öffnete und sie gemeinsam ein weiteres Schlafzimmer betraten. Dieses unterschied sich nur im Geringen von ihrem, dennoch befiel sie aus unerfindlichen Gründen ein Zittern; sie fühlte sich sofort unbehaglich.
„Pete?“ Noch immer sagte er kein Wort. Stattdessen schob er sie mit Nachdruck zu einem Bett hinter dem ein imposantes Fenster lag, das die letzten Sonnenstrahlen des Sommertages hineinließ. Je näher sie dem Bett kamen, desto besser konnte sie die Person erkennen, die darin lag: Ophelia Monroe. Ihr Anblick erinnerte sie an Schneewittchen, die im gläsernen Sarg lag; rote Lippen, dunkles Haar und weiße Haut. Selbst jetzt sah sie noch atemberaubend aus, trotz der schweren Verletzungen, die sie ihr zugefügt hatte. Vor Abscheu verzog sich ihr Gesicht zu einer Grimasse.
Eine leichte Decke verdeckte alles unterhalb ihrer Brust, sodass sie weder ihre Bauch- noch Oberschenkelwunde und deren Versorgung sehen konnte. Sie entdeckte allerdings einen Ver-band um ihre linke Schulter und den Hals. Es ist nicht zu fassen, dass diese Bitch überlebt hat. Sie hätte sterben müssen, so heftig, wie sie in Williams Büro geblutet hat. Wie hat sie es nur geschafft dem Tod von der Schippe zu springen?
Missmutig wandte sie ihren Kopf in Richtung ihres Begleiters, welcher besorgt auf die Brü-nette hinab sah.
„Denkst du wirklich, dass ich auf einmal Mitleid empfinde, wenn ich sie hier liegen sehe?“, wollte die Killerin ungläubig von ihm wissen. Eine andere Erklärung für diese bescheuerte Aktion von ihm hatte sie nämlich nicht.
„Ich wollte dir zeigen, wie es um Ophelia steht. Und ja ich hatte gehofft dadurch deine Meinung ändern zu können, was dein Bedauern wegen ihres nicht eingetretenen Todes betrifft“, konnte er sich einen strengen und mahnenden Unterton nicht verkneifen. Zwischen Emilias Augen bildete sich eine tiefe Falte. Wollte er sie ernsthaft belehren? Verdammt, wer gab ihm das Recht sich als moralische Instanz aufzuspielen?
„Tja, da muss ich dich wohl enttäuschen, Pete. Es tut mir nicht leid, was ich ihr angetan habe. Und anstatt zuzusehen, wie sie fröhlich atmet, würde ich lieber meine Hände um ihren Hals legen und zudrücken“, zischte sie bösartig, was ihn ungläubig den Kopf schütteln ließ.
„Ich verstehe nicht, warum du dermaßen versessen darauf bist sie zu töten.“
„Dann hast du mir eben nicht zugehört.“
„Doch habe ich, aber das ist noch lange kein Grund deiner Kollegin den Tod zu wünschen“, belehrte er sie altklug und begegnete ihrem entsetzten Blick.
„Es geht um meine Familie, also sag mir nicht, dass das kein Grund ist“, fauchte Emilia den Arzt wild geworden an. „Mir bedeutet sie alles und ich würde jedes Mittel einzusetzen, um sie zu beschützen, verstehst du das?“ Hitze stieg in ihr hoch und färbte ihre Wangen knallrot.
„Du hast nicht den Hauch einer Ahnung, was Ophelia getan hat. Du weißt nicht, dass sie mei-nem Familienleben einen Riss zugefügt hat, der sich nie wieder reparieren lässt. Nichts wird mehr so sein, wie zuvor.“ Emilia McDermott wurde das Herz plötzlich schwer, was ihren Zorn kurzzeitig in den Hintergrund treten ließ. „Ich will, dass sie dafür bestraft wird. Da Wil-liam aber nichts in diesem Punkt unternimmt, muss ich die Sache selbst erledigen.“
„Man kann dieses Thema sicherlich auch anders regeln“, war sein friedensstiftender Kom-mentar, den er sich hätte sparen können.
„Halt dich da raus, Pete. Das ist eine Sache zwischen Ophelia und mir.“ Damit war für die Blondine das Gespräch beendet. Sie drehte sich um und wollte schon das Zimmer verlassen, doch ihr Körper hatte etwas dagegen, denn er sperrte sich mit Übelkeit und Gleichgewichts-problemen. Der Disput mit Pete war in den letzten Minuten deutlich wichtiger gewesen, worüber sie ihre eigenen Verletzungen schier vergessen hatte. Jetzt wurden ihre Erinnerungen überdeutlich aufgefrischt. Innerhalb von Sekunden konnte sie kaum noch stehen. Ihre Knie zitterten um die Wette und würden bald unweigerlich ihren sicheren Stand aufgeben.
„Setz dich, Emilia“, kam der hilfsbereite Arzt wieder zum Vorschein, der sie sogleich zu ei-nem Sessel geleitete, welcher dem Bett gegenüber lag. Sie ließ sich dankbar auf der gepolster-ten Fläche nieder, die ihr die Unterstützung gab, die sie gerade so dringend brauchte.
„Alles in Ordnung?“, drang seine Stimme schwach durch die dichten Schwaden ihres Deliri-ums.
Emilia gab sich genug Zeit, ehe sie ihren Kopf hob und Peter Coleman ein weiteres Mal ins Visier nahm und zum Ziel ihrer Wut machte.
„Ich kann nicht glauben, dass du mich wegen dieses lächerlichen Einfalls hierher geschleppt hast. Dabei hast du mich vorhin noch ermahnt mich zu erholen“, regte sich Emilia auf, da ihr klar geworden war, dass er keinen Deut besser war als ihr Boss. Ophelia Monroes Gesund-heitszustand hatte auch für ihn Vorrang. Er präsentierte sie unentwegt als das arme Opfer, während sie die knallharte Täterin war.
„Du scheinst vergessen zu haben, dass auch ich nicht ohne Blessuren aus diesem Kampf he-rausgegangen bin. Erneut bin ich diejenige, die zurückstecken muss; deren Gesundheit allen am Arsch vorbeigeht. Du hast mich regelrecht hierher geschleift, damit ich das verlogene Miststück bedauere und mich schlecht fühle, aber das sie ebenfalls nicht davon zurückge-schreckt hat mich zu töten, verdrängst du.“
Ihre vorwurfsvolle Rede saß und traf ihn tief ins Mark. Die Gesichtszüge des Arztes entgleis-ten und offenbarten, dass sie ihn und seine Ansichten enttarnt hatte. Ansichten, denen er sich zuvor vielleicht selbst noch nicht bewusst gewesen war. Genüsslich sah sie ihm bei seinem ganz eigenen Kampf zu, der ihn mehr zu quälen schien, als erwartet.
Plötzlich wurde die Situation durch ein Geräusch unterbrochen, das unerwarteter Weise von Ophelia kam. Angestrengtes Stöhnen entschlüpfte ihrer Kehle, gefolgt von unruhigen Bewegungen, die ihren dünnen Körper durchzuckten. Als Pete auf die Brünette aufmerksam wurde, eilte er zu dieser herüber und begann sie durchzuchecken. Inzwischen beobachtete sie emotionslos, wie ihre Feindin Qualen litt und wünschte sich, dass sie doch endlich daran zugrunde gehen würde…
„Emilia?“
„Was ist?“
„Ich brauche deine Hilfe.“ Er hörte sich hektisch an.
„Wobei benötigst du denn meine Hilfe?“, ächzte sie schnippisch.
„Ich brauche dringend meine Arzttasche, aber ich kann Ophelia nicht alleine lassen. Würdest du sie bitte aus dem anderen Gästezimmer holen?“
„Sicherlich nicht.“
„Verdammt, es geht hier um Ophelias Leben!“, argumentierte Pete aufbrausend.
„Diesbezüglich kennst du meine Meinung“, flötete sie gelassen und machte keinerlei Anstal-ten ihm unter die Arme zu greifen.
„Unfassbar!“
Emilia McDermott zuckte belanglos mit den Achseln. Es interessierte sie weder, was er dachte, noch was aus ihrer Kollegin wurde. Sie wollte einfach hier sitzen und sich ausruhen.
„William! WILLIAM!!!“, brüllte der Arzt aus vollem Hals, um eine helfende Hand zu finden. Mal sehen, ob ihr Boss ihn erhören würde.
„WILLIAM!!!“ Seine Stimme wurde immer lauter; Ophelias Zuckungen stetig heftiger. Süffi-sant grinsend lehnte sie sich im Sessel zurück und betrachtete das amüsante Schauspiel, das sich ihr bot.
Kostbare Minuten verstrichen, bevor William Cunningham tatsächlich ins Zimmer gestürzt kam und sich erstmal einen Überblick verschaffte. Zuerst schaute er zu Peter Coleman, der mittlerweile die Decke zur Seite geschlagen und somit den Auslöser für Ophelias Zustand offengelegt hatte: ihre Bauchwunde. Der sonst schneeweiße Verband inklusive Kompresse war blutdurchtränkt. Das intensive Rot stach ihr schmerzhaft in den Augen, sodass sie sich abwenden musste.
„Was ist hier los?“, fragte ihr Boss atemlos. Flüchtig schweiften seine braunen Augen zu Emilia herüber, doch schnell stand die brünette Killerin wieder in seinem Fokus.
„Ophelias Wunde blutet“, presste Pete angestrengt hervor. „Ich brauche sofort meine Arzttasche von nebenan!“ In Williams Gesicht standen tausend Fragezeichen, worauf Pete jedoch keine Rücksicht nahm.
„Was stehst du hier noch rum? Verdammt, beweg dich!“ Als habe sein Gesprächspartner nur auf diesen Befehl gewartet, machte er auf dem Absatz kehrt und rannte hinaus. Es dauerte keine halbe Minute, da war er bereits zurück und übergab dem Arzt seine heißbegehrte Tasche. Von der anschließenden Versorgung Ophelias bekam sie nichts mehr mit, denn sie schloss die Augen und schirmte sich dadurch von ihrer Umwelt ab. Sie baute sich einen eige-nen Schutzraum, in dem sie gesund werden konnte; in dem sie am Wichtigsten war.
Aber was war das?
Sie spürte einen kräftigen Druck, der auf ihren linken Oberarm ausgeübt wurde und sie immens störte. Unwillig öffnete Emilia die Augen und sah ihren Boss vor sich, der sie ge-packt hatte.
„Wir gehen“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, ehe er sie grob und wie selbstverständlich aus dem Sessel zog.
„Du tust mir weh, William“, jammerte sie und wand sich in seinem unbarmherzigen Griff.
Ihre Klagen rührten ihn jedoch nicht und so zerrte er sie aus Ophelias Zimmer und brachte sie zurück in ihres, wo er sie unsanft aufs Bett beförderte.
„Hey!“, brüllte die Killerin zornig und schlug nach William. Strähnen ihres hellblonden Haa-res peitschten ihr ins erhitzte Gesicht, während ihre Fäuste pausenlos gegen seinen Brustkorb hämmerten. Sie war außer sich und konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Emilia McDermott war umgeben von Menschen, die sich einen Scheiß für sie interessierten und denen egal war, wie es ihr ging und was aus ihr wurde. Niemand sah sie; sie war unsichtbar.
„Hör endlich auf!“ Ihr Boss hatte endgültig genug von ihrem Ausraster. Gekonnt umfasste er ihre Handgelenke und drückte ihre Arme nach unten, damit sie ihn nicht mehr verletzen konn-te.
„Jetzt ist Schluss“, redete er mit ihr, als sei sie ein ungehorsames Kind. „Kannst du mir mal sagen, was zum Teufel in dich gefahren ist?“ Stur verweigerte sie ihm die Aussage, was ihn verzweifeln ließ.
„Oh man, Emilia“, murmelte er kopfschüttelnd. „Ich kenne dich gar nicht so.“
„Wie?“, raunte sie provokant und verengte die Augen zu Schlitzen.
„Unkontrolliert, hysterisch und durchgeknallt.“
„Also wie Ophelia.“ Die Vorstellung, dass sie so sein sollte wie ihre Feindin, war irrwitzig und brachte sie zum Kichern. „Ihr ist solch ein Benehmen nicht untersagt.“ Sie goss immer weiter Benzin ins Feuer.
„Mich interessiert sehr, was Ophelia hat, was ich nicht habe. Was hat sie getan, damit sie ei-nen Sonderstatus genießt und sich jegliche Verfehlungen erlauben darf?“ William schien sich ertappt zu fühlen, denn er wurde schlagartig nervös und war kaum im Stande ihren Blick zu erwidern. In diesem Augenblick ging ihr ein Licht auf.
„Du und sie…“, fing sie an ihren Verdacht zu äußern, „hattet was miteinander.“ Warum war sie nicht schon viel früher auf diese offensichtliche Möglichkeit gekommen? Mein Gott, hier ging es immerhin um Ophelia, die jeden attraktiven Mann anbaggerte, der ihren Weg kreuzte.
„Du liegst falsch, Emilia. Zwischen Ophelia und mir war nie etwas und wird auch niemals etwas sein“, betonte er jedes einzelne Wort. An seiner versteinerten Miene war nicht er-sichtlich, ob er die Wahrheit sprach. Die unruhigen Bewegungen seiner braunen Augen waren allerdings ein Indiz dafür, dass etwas nicht stimmte.
„Irgendetwas ist zwischen euch vorgefallen, William“, stellte sie frech grinsend fest, was er unkommentiert ließ. Für sie war seine Reaktion bereits Antwort genug. Nun hatte sie die Bestätigung, dass ihre Kollegin einen anderen Stand bei ihrem Boss inne hatte, als sie selbst und auch warum.
„Du bist wie alle anderen Männer.“ Emilia McDermott sah ihn seit dem heutigen Tag in ei-nem anderen Licht. Sie war von ihm zutiefst enttäuscht und konnte seinem Urteil nicht mehr trauen. „Dabei dachte ich, dass du anders wärst.“
„Ich bin hier nicht das Problem, Emilia.“ Irritiert zog sie die Stirn kraus und glotzte ihn an. Was sollte das denn jetzt werden?
„Dein Hass gegen Ophelia ist der Grund, warum all das geschehen ist: euer Kampf in meinem Büro, die daraus resultierenden Verletzungen und deine Respektlosigkeit gegenüber Pete und mir.“
„Wie bitte?“, kreischte sie empört und zog ihre Handgelenke aus seinen Griffen. „Du gibst mir allen Ernstes die alleinige Schuld?“
„Ophelia ist an allem Schuld. Sie hat mich provoziert und alles in Gang gesetzt.“
„Nichts anderes habe ich gerade gesagt“, wies er sie beruhigend darauf hin, dass sie ihn missverstanden hatte. „Ich kenne Ophelia und weiß, was für ein Charakter sie ist.“
„Du musst es nicht so diplomatisch ausdrücken, William. Sie ist ein verzogenes, intrigantes Biest, das keine Grenzen oder Regeln kennt“, kleidete Emilia ihre Meinung über die Brünette in überdeutliche Worte. „Mit Vergnügen zerstört sie alles, was anderen etwas bedeutet.“
Zustimmend nickte ihr Boss und zum ersten Mal bekam sie den Eindruck, dass sie mit ihrer Meinung über Ophelia nicht völlig alleine war.
„Diese Facetten habe ich ebenfalls kennengelernt und waren einer der Gründe, weshalb ich sie zur Auftragskillerin ausgebildet habe. Allerdings habe ich auch die Schattenseiten hautnah miterlebt und zwar in Form von vollkommener Gleichgültigkeit gegenüber Autoritäten und der Emotionen und dem Privatleben anderer.“ Er klang bedauern und wütend zugleich. Es war unüberhörbar, dass sie es nicht hatte lassen können sich auch in das Leben von William einzumischen.
„Sag mir wie du das erträgst.“ Ihre Forderung führte bei ihm zu einem düsteren Schmunzeln.
„Ich bin es in meinem Metier gewohnt mich mit extremen Persönlichkeiten auseinanderzusetzen und sie zu führen. Natürlich ist das oft nicht leicht, aber für meine Geschäfte ist es unerlässlich.“ Die blonde Killerin verharrte in Stille, was ihm Raum für weitere Erklärungen gab.
„Ophelia ist schwierig, das ist ein offenes Geheimnis. Doch ihre Familiengeschichte ist mir bekannt und darum verstehe ich, weshalb sie so ist, wie sie ist.“ Eindeutig überwog bei ihm nun das Bedauern, das sein Gesicht zeichnete.
„Die Besten sind oft nicht die Einfachsten.“
Seine Ausführungen brachten Emilia zum Grübeln, jedoch nicht über die Leidensgeschichte ihrer Feindin, sondern über Williams Alltag, der durch Stress, Härte und Entbehrungen geprägt wurde. Er trug eine unvorstellbare Last auf seinen Schultern, die ihn stärker belastete, als er ihnen allen weismachte. Ihn blieb zugegeben auch keine andere Wahl, schließlich war er der Boss und dieser hatte keinerlei Schwäche zu zeigen, wie seine Mitarbeiter.
„Da magst du wohl recht haben“, war ihre profane Antwort, die sie selbst nicht zufrieden stellte. William schenkte ihr daraufhin ein aufrichtiges Lächeln, das ihn wieder zu dem Mann machte, den sie respektierte.
„Ich denke, dass du dich wieder hinlegen und ausruhen solltest, Emilia.“
„Was ist mit Ophelia? Wirst du auch mit ihr über die Sache reden?“, wollte sie etwas verhal-ten von ihm wissen, aus Angst, dass er ihr deswegen wieder einen Angriff auf ihre Kollegin unterstellte.
„Ja, das werde ich. Ich werde mit euch beiden noch mal reden, aber erst, wenn ihr wieder auf den Beinen seid. Und dafür werdet ihr eure gesamte Kraft brauchen.“
 
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