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PK Chat Story 4 - Der Timescore (Kapitel 1)

Romane/Serien · Spannendes
Das Wiedersehen

Dicke Nebelschwaden hingen über den Wiesen, die sich links neben der schmalen Straße befanden. Auf der anderen Seite glitten in regelmäßigen Abständen Bäume vorbei und unterbrachen das monotone Fahrgeräusch für einen kurzen Augenblick. Zwei kurze Pieptöne rissen sie aus ihrer Müdigkeit. Das Display ihres Smartphone schaltete sich ein und meldete, dass der Akku fast leer sei.
Andrea öffnete das Handschuhfach, während sie mit der anderen Hand versuchte die Spur zu halten.
Sie kramte ein Ladekabel hervor, lies kurzzeitig das Lenkrad los und verband das Kabel mit dem Handy und dem Zigarettenanzünder. Ein kurzer Ton signalisierte, dass das Handy geladen wird.
Ihre Müdigkeit war verflogen, die schaltete das Radio ein, zündete sich eine Zigarette an und öffnete das Fenster. Kühler Fahrtwind strömte in den Wagen und ließ sie frösteln.
In einem Kilometer rechts abbiegen, dann gerade aus, verkündete die Stimme der Navigation. Sie drehte das Radio lauter:
„I will never disappear ,for forever, I'll be here, Whispering, Morning, keep the streets empty for me“
Ihre Kopfschmerzen waren fast verflogen. Nur noch ein leichter dumpfer Druck hinter den Schläfen war zu spüren. Jetzt rechts abbiegen. Andrea nahm die Kurve fast ein wenig zu schnell und musste gegenlenken. Noch drei Kilometer. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie warf die Zigarette fort, schloss das Fenster, hielt das Lenkrad fest umklammert und beschleunigte auf fast 110 Stundenkilometer. Wie würde das Treffen sein? Seit sie ihm das letzte Mal gesehen hat, sind über elf Jahre vergangen. Die Erinnerung an früher war verblasst, aus ihrem Leben verdrängt worden. Verdrängt und vergessen, bis zu dem Augenblick, als sie vor drei Tagen eine Email erhalten hatte. Schlagartig waren aller Erinnerungen wieder da, sie schossen in ihren Kopf, eine Flut an Gedanken und Gefühlen, an Freude, an Trauer. Die Erinnerungen erzeugten ein Gefühl der Vertrautheit aber auch der Angst.
Im Radio lief noch Fever Ray: „We were hungry before we were born Uncover our heads and reveal our souls“
Die Email hatte ihr geregeltes, geordnetes Leben schlagartig unterbrochen. Stundenlang hatte sie sich den Kopf zerbrochen, hatte hastig ein paar Sachen zusammen gepackt und war einfach los gefahren. Über 2000 Kilometer. War es ein Fehler gewesen? Bald würde sie es wissen. Noch 1400 Meter bis zum Ziel. Sie war aufgebrochen, wegen einer Mail. Einer Mail die nichts aussagte, aber irgendwie geheimnisvoll, wie auch bedrohlich klang:
Hallo Andrea, wir müssen uns treffen. Stell keine Fragen, antworte nicht auf die Mail. Du musst kommen. Mike.
Eine Visitenkarte mit der Adresse war als Bilddatei angehangen. Warum war der Kontakt überhaupt jemals abgebrochen? Wieso hatten sie all die Jahre nichts voneinander gehört?
Nie ein Telefonat, nie eine Email. Nie ein Gedanken an Mike. Und auch nie an Nicole.
Bei dem Gedanken an Nicole krampfte sich ihr Herz zusammen. Verdammt. Nicole. Jetzt bloß nicht los heulen, dachte Andrea.
Trotzdem kullerte eine Träne über ihre Wangen. Der Kontakt zu Mike war abgebrochen, kurz nachdem Nicole verschwunden war. Kein Lebenszeichen, keine Spur. Sie war auf einmal weg.
Jetzt nach elf Jahren bohrt sich die Erinnerung tief in ihr Herz. Der Schmerz ist wieder da, der gleiche Schmerz den sie verspürte als Nicole verschwand. Die Sorgen, die Trauer, die Wut.
Sie haben ihr Ziel erreicht, sprach die weibliche Stimme der Navigation.
Andrea schaltete den Motor aus, blieb noch fünf Minuten sitzen, während sie ihr kummervolles Gesicht im Rückspiegel betrachtete.
Der Morgen war noch immer genauso grau, wie er begonnen hatte. Dicke schwere Regenwolken hingen tief am Himmel und genau in diesem Moment setzte leichter Nieselregen ein.
Andrea atmete tief durch, öffnete die Tür und stieg aus. Jetzt erst bemerkte sie, dass sie direkt neben einer Apotheke geparkt hatte. Ein großes Leuchtschild zeigte abwechselnd die Uhrzeit und die Temperatur an. Sieben Uhr zehn und elf Grad Celsius. Ein scheiß Montagmorgen in Deutschland, dachte sie. Seit Nicole verschwunden war und der Kontakt zu Mike abgebrochen war, war sie nicht mehr in Deutschland gewesen, trotzdem kam ihr alles vertraut vor, obwohl sie noch nie zuvor in diesem Ort gewesen war.
Hausnummer fünf reihte sich direkt an die Apotheke an. An der Klingel befand sich kein Namensschild. Sie überlegte kurz und klingelte dann. Nichts. Sie drückte noch zweimal und sah sich unschlüssig um.
Verdammt. Was wenn sie die lange Fahrt umsonst gemacht hat? In diesem Augenblick öffnete sich im ersten Stock ein Fenster. Eine Stimme sagte: „Moment“. Ehe sie richtig erkennen konnte, wer da gesprochen hatte, war das Fenster wieder zu.
Es dauerte noch zwei Minuten, ehe die Haustür aufgeschlossen wurde. Sie hat ihn sofort erkannt, auch wenn er älter geworden war, das Haar war kürzer, er hatte leicht zugenommen.
Auch er mustere sie einen Augenblick. Sie schwiegen beide noch für einige Sekunden, dann sagte er:
„Komm rein.“
Andrea schloss die Tür hinter sich, sagte: „Hi“ und folgte ihm eine Treppe hinauf. Sie gingen durch eine weitere Tür, durch einen länglichen Flur und dann in einen fast leeren, großen Raum.
Nur ein Sofa stand fast mittig im Raum und ein großer Flatscreen hing an der gegenüberliegenden Wand.
Mike ließ sich aufs Sofa fallen, zündete sich eine Zigarette an, hielt ihr die Schachtel hin.
Wortlos nahm Andrea eine Zigarette. Mike gab ihr Feuer, blies Rauch aus und sagte: „Ich weiß, dass muss dir alles seltsam vorkommen. Ich weiß auch ehrlich gesagt gar nicht wo ich anfangen soll, es ist so viel passiert…. so viel.“
Andrea wusste nicht was sie sagen soll, sie zog an ihrer Zigarette. Es fiel ihr schwer, ihm in die Augen zu sehen. Sie hatten noch das gleiche stechende Blau, wie früher.
„Möchtest du was trinken?“ sagte er und stand auf. Sie schüttelte den Kopf und sagte dann:
„OK, warum bin ich hier?“
Wortlos verließ er den Raum und kam einen kurzen Augenblick mit einer Flasche Wasser und zwei Gläsern zurück. Er hielt ihr ein Glas hin und sie schüttelte erneut den Kopf.
„Was du jetzt erfahren wirst… also … es ist alles kompliziert und du wirst eine Menge Fragen haben.“
Er schenkte sich Wasser in sein Glas, stellte die Flasche auf den Boden, trank einen großen Schluck und stellte auch das Glas auf den Boden.
„Steh mal auf“ sagte er.
„Was?“ Sie sah ihn fragend an.
„Du sollst mal aufstehen“ sagte Mike bestimmend.
Andrea stand auf und Mike schob das Sofa etwas nach hinten. Aus seiner Hosentasche nahm er ein Taschenmesser und schob die Klinge in eine kleine Fuge des Parkettbodens. Er hob vier zusammenhängende Teile Parket an. Es kam ein Hohlraum zum Vorschein, aus dem er einen flachen Pappkarton herausholte. „Setz dich“ sagte er. Andrea schaute ihn ungläubig an und setze sich wieder auf das Sofa, während er den Karton öffnete.
Ganz oben lag eine Pistole, vier Ausweise und ein dickes Bündel Bargeld. Er kippte den Inhalt aufs Sofa und zog einen dicken Umschlag, der sich ganz unten im Karton befunden hatte, vor. Er öffnete ihn und gab Andra einen Stapel aus mehreren DinA4 Blättern.
Andrea blätterte den Stapel durch, die Blätter waren alle weiß und unbeschriftet.
„Witzig, deswegen hast du mich herbestellt? Leeres Papier gibt es in Rumänien auch.“ entfuhr es ihr.
„Es ist nicht leer.. es ist nur jetzt leer. “ sagte Mike.
Sie sah ihn fragend an und drückte ihre Zigarette in einen großen eckigen Aschenbecher aus der auf der Lehne des Sofas stand.
„Kannst du dich an den Timescore erinnern?“ fragte er sie.
„An den was?“
„Die Blätter sind nicht wirklich leer, du hast sie selbst beschrieben.. im Jahr 2025.“
„Hast du ein Drogenproblem?“ sagte sie ärgerlich. „Ich bin über 2000 Kilometer gefahren, warum weiß ich selbst nicht und du kommst mit so einem Müll an?“
„Ich werde es dir alles an Angang an erklären, hör mir einfach zu“ sagte Mike. Er sah müde aus und er sprach langsam.
„Du bist nicht die, die du glaubst zu sein. Ich weiß auch nicht mehr wer ich bin. Unsere Erinnerungen sind falsch, oder zum Teil falsch. Das muss ich noch herausfinden.“
Mike zündete sich noch eine Zigarette an und sprach weiter.
„Erinnerst du die an die Zeit, als wir uns kennen lernten? An die Zeit als du in Nürnberg lebtest?“
„Natürlich tu ich das“ sagte sie schnell.
„Aber ich wette…“ fiel er ihr ins Wort: „es gibt eine große Lücke in den Erinnerungen. Wie hat es aufgehört? Wie kam es, dass wir den Kontakt verloren hatten? “
„Das war als Nicole verschwunden ist.“ sprach Andrea leise. Der Gedanke an Nicole schnürte ihr die Kehle zu: „Ich würde jetzt doch gern was trinken.“
Er reichte ihr die Flasche und sprach weiter: „Das ist aber keine Erklärung, dass wir keinen Kontakt mehr hatten, ich hatte dich völlig vergessen, bis die Erinnerung plötzlich da war. Gab es Nicole jemals? Und was ist mit Akira?“
Andrea zucke zusammen. Akira, wie konnte sie ihn vergessen. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen.

„Natürlich gab es Nicole, bis sie verschwunden ist“ sagte sie und ihr Herz klopfte wie wild.
Mike sprach weiter:
„Meine Erinnerungen enden an einem Tag, an dem ich dich ins Krankenhaus gefahren habe…“

Ein eigenartiges Gefühl durchzuckte ihren Körper, ihr wurde schwindlig und langsam, bruchstückhaft, erinnerte sie sich an diesen Tag.

„… dass wir vor dem Krankenhaus aus dem Auto steigen… uns umarmen… und dann… dann enden meine Erinnerungen. Und dann haben wir uns elf Jahre nicht gesehen, nicht aneinander gedacht.“ sagte Mike.

„Der Sarg“ schrie Andrea plötzlich und erschrak selbst über ihre Stimme. „Ich erinnere mich, dass wir dieses Ding aus einem Sarg holten, diesen Kasten, da war Nicole dabei.“

„Der Timescore“ sagte Mike.

„Aber das war 2005“ sagte Andrea: „Ich hatte mit Nicole ein Auto geklaut und es war 2005.. es war plötzlich 2005.. und das Geld… alles war plötzlich anders.“

„Es war nicht wirklich 2005 sondern 2008.“ sagte Mike während er die Sachen zurück in den Karton legte.
„Ich weiß aber genau, das es 2005 war.. Ich habe Zeitungen gesehen.. da war das Datum drauf.“ entgegnete sie.
„Wo hören deine Erinnerungen auf?“ fragte Mike und setzte sich wieder aufs Sofa. Er saß jetzt näher bei ihr.
„Ich weiß nicht genau.“ sagte sie überlegend und schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie es wirklich nicht wusste. Das machte ihr Angst, der Klang ihrer eigenen Stimme kam ihr unwirklich und fremd vor als sie weitersprach: „Wir sitzen zusammen auf einem Polizeirevier… die Vermisstenanzeige…
Verdammt wann war das? Ich weiß nicht mal ob es Sommer oder Winter war.“
Mike nahm ihre Hand und sah ihr tief in die Augen:
„Deswegen hab ich dich hergebeten. Wir müssen herausfinden was passiert ist und wo Nicole ist. Wenn es sie wirklich gab.“
„Es gab sie, sie war deine Nachbarin, du kennst das Haus, wie kannst du daran zweifeln das es Nicole gab?“ sagte sie den Tränen nah.
„Bevor ich dir die Mail geschrieben habe, habe ich natürlich viele Nachforschungen angestellt. Das Haus, in dem Nicole wohnte, war schon zum damaligen Zeitpunkt seit vielen Jahren unbewohnt, es ist verfallen. Wir können hinfahren wenn du es nicht glaubst, es ist nicht weit. “
Andrea schwieg und Mike sprach weiter:
„Angenommen, nur mal angenommen es gäbe Zeitreisen und dieses Ding was wir in einem Sarg aufbewahrten, wäre real gewesen.. dann würde das einiges erklären. Aber gleichzeitig wirft es Millionen Fragen auf.“
„Ich glaube nicht an solchen Hokuspokus“ sagte sie und nahm noch einen Schluck aus der Flasche.
„Ich weiß nicht was ich glauben soll.“ sagte Mike.

„Was hast du vor? Uns fehlen einige Jahre an Erinnerungen und trotzdem sind sie nicht weg, ich weiß was ich die letzten elf Jahre getan habe. Wir haben nur einander vergessen. Vielleicht war Nicoles Verschwinden für uns so traumatisch, das wir einander vergessen haben. Aber was spielt das jetzt für eine Rolle? Wir können doch jetzt Kontakt halten wir können telefonieren wir können uns schreiben. Was vergangen ist, ist vergangen.“ sagte Andrea und war jetzt ganz gefasst und ruhig.

„Nein!“ sagte Mike entschieden.
„Nichts ist vergangen. Ich hab dir noch nicht alles gesagt.“
„Ich weiß nicht ob ich noch mehr hören will. Es schmerzt und ist anstrengend. Vielleicht sollten wir uns die nächsten elf Jahre nicht sehen.“
„Du hast recht, ich kann es dir nicht sagen, weil ich nicht weiß, wie ich es dir sagen könnte, du musst es mit eigenen Augen sehen.“
„Was muss ich sehen?“
„Wir müssen nach Nürnberg fahren.“ sagte Mike.
„Auf keinen Fall!“
„Doch, du musst es sehen. Du musst einfach..“
„Niemals. Ich kann nicht.. ich kann diese Stadt nie mehr betreten..“
„Vertrau mir. Ich bitte dich, vertrau mir, du musst es mit eigenen Augen sehen.“ sagte er und griff wieder nach ihrer Hand.
Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Seit ihre Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen, ihr Elternhaus verkauft war, war sie nie wieder in Deutschland gewesen. Als sie Daniel kennen gelernt hatte, war sie mit ihm nach Rumänien gezogen. Er verdiente gut und zusammen mit ihrem Erbe konnte sie sich ein luxuriöses Leben aufbauen.
„OK“ sagte sie. „Lass uns fahren. Zeig mir was du mir nicht erzählen kannst und dann will ich dieses Land verlassen.“
„Kannst du fahren? Ich bin zur Zeit etwas klamm.“ sagte er.
„Klamm?“ fragte sie. „Du hattest vor wenigen Minuten ein dickes Bündel Geld auf dem Sofa liegen!“
„Das erklär ich dir später.“ entgegnete er ihr.
Sie gingen die Treppe herunter, Mike zog die Tür hinter ihnen zu.

„Fahr du, ich bin müde.“ sie warf Mike den Autoschlüssel zu. Mit einer Hand fing er ihn und drei Minuten später hatten sie schon den kleinen Ort hinter sich gelassen und fuhren Richtung Autobahn.
Hier kannte sie sich wieder aus. Mike fuhr schnell und irgendwann schlief sie ein.

Sie erwachte erst als kalte Luft ins Auto drang. Es dauerte einen Augenblick, ehe sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnten. Mike hatte die Autotür geöffnet und stand neben dem Wagen. Sie blickte sich um und realisierte, dass sie sich auf dem Parkplatz des Friedhofes befanden. Alles kam ihr total vertraut vor. Die hohen Bäume, die Mauer mit dem reich verziertem Tor. Hier regnete es nicht, es war kühl, aber ab und wann kam die Sonne hinter einem Wolkenschleier hervor.
„Du hast mir nicht gesagt, dass wir zum Friedhof fahren. Ich will hier weg. “
„Du musst es sehen, glaub mir.“ sagte Mike.
Widerwillig stieg Andrea aus dem Wagen und steuerte direkt den kleinen Blumenladen an, der sich links neben dem Tor befand.
„Lass das.. das ist überflüssig.“ sagte Mike. Doch Andrea ging zielstrebig in den Laden und kam drei Minuten später mit einem Blumenstrauß und einer Steckvase wieder heraus.
„C 213 ist die Grabstelle. Diese Nummer werd ich mein Leben lang nie vergessen.“ sagte sie.
„Ich weiß.“ entgegnete er.
Der Kies knirschte unter ihren Füßen. Sie ging vornweg und Mike wurde immer langsamer.
„Nun komm endlich, alter Mann, damit ich es hinter mich bringe. Ich will hier weg.“
Doch als sie die Stelle erreicht hatte, fiel ihr fast der Blumenstrauß aus der Hand. Es war ein Grab vorhanden, aber nicht der Grabstein, der viel Geld gekostet hatte war da, sondern ein schlichter kleiner Stein, in dem völlig andere Namen eingraviert waren.
„C213.. das ist doch die richtige Stelle“ rief sie erschrocken.
„Ich weiß.“ sagte Mike langsam.
Andrea drehte sich um ging zügig den Weg zurück.
„Warte, wo willst du hin?“ fragte Mike und hatte Mühe ihr zu folgen.
„Die können was erleben“ sagte sie wütend.
„Wer kann was erleben?“ fragte Mike.
„Die Friedhofverwaltung. Jeden Monat gehen umgerechnet 40 Euro von meinem Konto ab, für die Grabpflege und die haben einfach das Grab umgesetzt? Ich mach die sowas von rund.“
„Warte…“ er hielt ihren Arm fest.
„Niemand hat das Grab umgesetzt.“
Sie wollte etwas sagen, er fiel ihr ins Wort.
„Wenn du dich beschweren willst, ok, aber erst muss ich dir noch etwas anderes zeigen. Bitte, du musst es selbst sehen. Nur dann weiß ich, dass ich nicht verrückt bin.“
Andrea war jetzt richtig wütend. Sie warf den Blumenstrauß samt der Vase in einen Mülleimer, die in regelmäßigen Abständen am Rand des gepflegten Kiesweges standen.
Als sie wieder im Auto saßen sagte Mike:
„Egal was du dann gleich sehen wirst, sprech niemanden an, berühre nichts. Versprech es mir.
Das ist wichtig.“
Mikes Worte machten ihr Angst. Das Atmen fiel ihr schwer, sie setzte sich ins Auto und schloss die Augen.
„Versprech es mir!“ sagte Mike mit Nachdruck.
Ohne etwas zu sagen, hob sie ihre Hand, machte eine Faust und spreizte den Daumen ab und signalisierte Mike ein „OK“.
Er startete den Wagen und eine halbe Stunde später fuhren sie die Straße hinauf, die zu ihrem ehemaligen Elternhaus führte. Sie fühlte sich hundeelend. Die Kopfschmerzen waren wieder da. Je näher sie kamen, desto unerträglicher wurde der hämmernde Scherz hinter ihren Schläfen.
Oben angekommen, blieb fast ihr Herz stehen. Das Haus sah aus wie früher.
Mike fuhr ein paar Meter an der Einfahrt vorbei und stellte den Motor ab.
Erst jetzt sah es. Stück für Stück, wie Puzzleteile setzte sich das Gesehene zusammen und ließen sie vor Entsetzen erstarren. Alle Muskeln krampften sich zusammen. Vor dem Haus, direkt vor der Garage, deren Tor halb geöffnet war stand ein Auto. Es war eine alte Ente, der Lack stumpf und es gab viele Rostflecken. Sie schnappte nach Luft, riss die Tür auf und rannte los um nach drei Metern abrupt zu stoppen. Wie angewurzelt stand sie da, als sie das Nummernschild erkennen konnte. Kein Zweifel, es war das Auto ihrer Schwester.
„Wie kann das sein?“ schrie sie und fing an zu weinen. Mike stand plötzlich neben ihr und versuchte sie zurück in den Wagen zu ziehen. Sie riss sich los wie ein kleines Kind und ging langsam auf die Ente zu.
„Nicht!“ sagte Mike. „Tu es nicht!“
Doch sie ging weiter, ging an der Einfahrt vorbei, lief den schmalen Weg zwischen der großen Wiese und der Mauer entlang, die das Grundstück umsäumte. Der Weg den sie als Kind hunderte Mal entlang gegangen war, bis zu der Stelle, wo alte Bahnschwellen aus Beton aufeinander gestapelt waren. Auf diesen Stapel war sie als Kind hunderte Mal geklettert, hatte sich oben hingesetzt und über die Mauer geschaut, Christiane heimlich beobachtet.
Andrea kletterte auf den Stapel, alles war wie früher. Plötzlich waren alle Erinnerungen wieder da, glasklar, wie als wäre es gestern gewesen. Sie griff in den Spalt zwischen zwei Schwellen und fühlte die Schachtel. Sie zog sie heraus. Es war eine halbvolle Schachtel Marlboro. Die Schachtel sah neu aus, nicht so als hätte sie viele Jahre hier gelegen. Auf der Banderole stand der Preis: 5,20 DM.
Sie erinnerte sich genau an dem Tag, als sie hier, das letzte Mal saß und heimlich geraucht hatte.
Mike kam an und blickte zu hier hoch: „Was tust du da? Komm runter.“
Fassungslos hielt sie Mike die Schachtel hin: „Die ist neu.“ Ihre Stimme bebte: „Verstehst du? Die Schachtel ist neu.“
„Ich weiß, komm herunter.“
Doch Andrea kletterte über die Mauer, hielt sich mit den Händen am oberen Rand fest, blieb noch einen kurzen Augenblick hängen und ließ dann los. In dem Moment wo sie zwei Meter nach unten fiel, hörte sie Mike leise „Verdammt“ sagen.
Sie knickte mit einem Fuß um und ein stechender Scherz, der sie kurz aufschreien ließ, durchbohrte ihr Fußgelenk. Geduckt lief sie bis zur großen Hecke, die den Pool vom übrigen Garten optisch abgrenzte.
Hinter sich hörte sie Mike von der Mauer springen. Sie drehte sich um und sah, dass er ihr folgte. Wenige Augenblicke hockten sie gemeinsam hinter der Hecke.
„Es ist alles wie früher.“ flüsterte sie.
Mike war außer Atem und machte nur eine abwinkende Handbewegung.
Plötzlich wurden im oberen Stockwerk die Rollläden hoch gefahren. Andrea zuckte zusammen.
Ein Fenster wurde aufgestoßen und kurze Zeit später ertönte laute Musik.
Es ist vorbei, bye, bye, Junimond, es ist vorbei, es ist vorbei, bye, bye
Andrea saß angespannt da und konnte einfach nicht mehr klar denken. Zu viele Gedanken prasselten gleichzeitig auf sie ein. Und als die Haustür mit voller Wucht aufgestoßen wurde und ein junges Mädchen schnellen Schrittes Richtung Pool laufen sah, drohte sie ohnmächtig zu werden. Kurz darauf sah sie jemand heraus kommen, der ihr so vertraut war, vertrauter als es ihre Eltern es jemals waren.
Es war Christiane! „Komm rein, du holst die den Tod, es ist viel zu kalt“ rief sie dem jungen Mädchen zu. Diese zeigte ihr jedoch den Mittelfinger und sprang in den Pool.
Andrea lief geduckt hinter der Hecke, bis sie einen besseren Blick auf den Pool hatte. Mike folgte ihr.
Christiane hatte den Rand des Pools erreich und sagte: „Komm sofort raus. Ich mach dieses Zirkus mit dir nicht mehr mit. Du benimmst dich wie ein…“
„Es heißt nicht DIESES Zirkus, wann lernst du endlich unsere Sprache?“ entgegnete das Mädchen und jetzt erst erkannte Andrea, dass sie dieses Mädchen war. Panischer Angst ergriff sie. Ihr Kopf drohte zu zerspringen, ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie drehte sich zur Seite und übergab sich.
„Du kommst jetzt raus!“ hörte sie Christiane rufen und wusste sofort was sie damals geantwortet hatte.
„Ich bin kein kleines Kind ich kann selbst entscheiden, was ich tu. Du nervst!“
Silbe für Silbe, wie in Zeitlupe, hörte sie das Mädchen genau diese Worte sagen.
„Ich kann nicht mehr, ich verliere den Verstand.“ flüsterte Andrea zu Mike.
„Hilf mir, mach dass es aufhört…“ und dann wurde sie ohnmächtig.


Durch ein "So ein Mist!" wachte Andrea auf. Langsam, Stück für Stück realisierte sie, wo sie sich befand. Nicole stand wenige Schritte neben ihr und wischte mit der Hand ihre nassen Haare aus dem Gesicht. Es regnete wie aus Eimern.
„Du bist wunderschön wenn du schläfst“ sagte sie.

~Fortsetzung folgt~
 
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