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5 Seiten

Als das Grauen den Wald verließ - Kapitel 3

Romane/Serien · Spannendes
Oft liege ich nachts wach und denke an jenen verhängnisvollen Abend. Der Abend, als alles begann. Immer und immer wieder, stelle ich mir vor, wie ich alles verhindert hätte. Warum haben wir nicht einfach die Kneipe verlassen und sind in die nächstbeste gefahren? Und oft denke ich an die erste Begegnung mit Ringo.
Damals hatte ich diesen Aushilfsjob und fuhr mit einem Motorroller Pizzas für einen Italiener aus.
Damals, als das Leben noch anders war.
Er stand schon wartend an der Tür, als ich den Motorroller aufbockte und aus der überdimensionalen Box auf dem Gepäckträger eine Pizza Salami herausholte. Neun Mark hatte sie gekostet und er gab mir, gefühlt, ein Kilogramm Kleingeld, welches er mir aus einem Schraubglas in meine Hand schütten wollte.

„Kleiner hast du es wohl nicht?“

Er sah mich fragend an und sagte: „Nö.“

„Bist du bekloppt?“ Ich riss ihm das Glas aus der Hand.
Er stand mit offenem Mund da und sah mich ganz verwirrt an.
„Stimmt ganz genau… neun Mark“ stammelte er schließlich.
So ein Idiot, dachte ich. Als ich wieder auf dem Roller saß und gerade meinen Helm aufsetzen wollte, rief er empört:

„Hey, was soll das? Das ist ja nur Teig.“

Obwohl ich das nicht glauben wollte, bockte ich den Roller wieder auf und wollte mich davon überzeugen.

„Sorry“ rief er plötzlich.
„Ich hab den Karton von der falschen Seite aufgemacht. Alles gut.“

Er hielt den geöffneten Karton in meine Richtung. Die Salami klebte jetzt innen am Deckel.
„Alles gut. War mein Fehler.“ stotterte er und verschwand in der Haustür.

Was für ein Trottel! Und jetzt vermisse ich ihn furchtbar.

Ich zog ihn zum Ausgang.
„Hey… ihr müsst bezahlen!“ rief Kaminski.
Ringo sah mich fragend an.
„Los raus hier“, sagte ich zu Ringo. Als er sich nicht rührte fügte ich hinzu:
„Ich erklär es dir gleich.“
Endlich setzte sich Ringo in Bewegung.
„Hey… hiergeblieben… verdammte Scheiße“ rief Kaminski.

Aber wir hatten schon die drei Stufen des Eingangs hinter uns gelassen und stiegen in Ringos Rostlaube ein.
„Fahr schon“, schnauzte ich Ringo an.
„Warum haben wir nicht bezahlt?“, fragte er vorsichtig.
„Ich hab mit dem Typ noch eine Rechnung offen. Fahr einfach um die Ecke, wir warten bis er rauskommt.“
„Soll ich ihm eine auf die Nuss geben?“ fragte Ringo und grinste.
„Nein, wir werden ihm einfach unauffällig folgen. Ich muss wissen wo er wohnt.“
Ringo steuerte den Wagen um die nächste Ecke und parkte hinter einem Transporter.
„Du wartest hier und ich stelle mich vor an die Ecke. Wenn er rauskommt, gebe ich dir ein Zeichen. Dann startest du das Auto, ich steig ein und wir folgen ihm. Alles verstanden?“
Ringo nickte. Ich lief bis zur Ecke. Es verging fast eine Stunde bis die beiden Kunden, der Dicke und der Langhaarige, gleichzeitig die Kneipe verließen. Sie trennten sich wortlos, der Dicke lief die Straße hinunter, der Langhaarige kam in meine Richtung. Schnell zog ich mich zurück. Doch der Langhaarige bog nicht in die Straße ein sondern überquerte sie. Sekunden später war er in der Dunkelheit verschwunden. Ich nahm wieder meine ursprüngliche Position an der Ecke ein. Eine weitere Stunde verging, aber nichts passierte. Ich wartete noch eine Weile, dann ging ich zum Wagen zurück.
„Vielleicht wohnt er über der Kneipe“ schlug Ringo vor.
Donnerwetter, das hätte ich Ringo gar nicht zugetraut. Aber diese Möglichkeit bestand durchaus.
„OK“, sagte ich. „Ich check das kurz.“
Vorsichtig schlich ich um die Ecke, lief die Straße wieder ein Stück hinunter, bis ich erkennen konnte, dass in der Kneipe kein Licht mehr brannte.
Wahrscheinlich wohnt er tatsächlich über der Kneipe. Doch in diesem Moment hörte ich die Tür.
Schnell lief ich zurück. An der Ecke angelangt, drehte ich mich kurz um. Kaminski stieg in einen blauen Mercedes ein, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkte.
Ich rannte zu Ringos Rostlaube und riss die Tür auf.
„Es geht los.“
Ringo startete den Motor und folgte dem Mercedes. Er machte das richtig gut und ließ genügend Abstand.
Kaminski fuhr nicht schnell, es wäre ein Kinderspiel gewesen, ihn zu verfolgen. Doch als er die Stadt hinter sich ließ, gab es keinen Verkehr mehr. Zu unserer rechten Seite war ein Feld.
Den dahinterliegenden Wald, konnte man in der Dunkelheit der mondlosen Nacht nur erahnen. Nach wenigen Kilometern bog Kaminski in einen schmalen Weg, der durch das Feld in Richtung Wald zu führen schien, ein. Ringo reagierte geistesgegenwärtig und folgte ihm nicht. Er fuhr an der Einmündung des Weges vorbei.
Dann schaltete er die Scheinwerfer des Wagens ab und wendete in zwei Zügen. Kurze Zeit später bogen wir auch in den Weg ein und sahen gerade noch, wie das Licht des Mercedes von der Dunkelheit des Waldes aufgesogen wurde.
Der Weg war in dieser Finsternis kaum zu erahnen und Ringo fuhr nur noch im Schritttempo.
„Was hast du denn für eine Rechnung mit dem offen?“
„Das erzähl ich dir später.“
Jetzt lag der Wald direkt vor uns, wie eine große schwarze undurchdringliche Mauer.
Der Weg wurde noch schmaler und Äste streiften kratzend über die Seiten des Wagens.
Ich wollte gerade sagen, dass er sich wegen des Lacks keine Sorgen machen brauchte, weil ja ohnehin kaum noch welcher vorhanden war, als wir mit einem dumpfen Knall ruckartig standen. Ich schlug mit meiner Brust gegen das Armaturenbrett, als ich nach vorn geschleudert wurde.
Mein erster Gedanke war, wir sind an einen Baum gefahren.
„Verdammt, was war das…“ sagte Ringo und es klang nicht wie eine Frage sondern wie eine Feststellung.
Ich musste mich mit meiner Schulter gegen die Beifahrertür drücken, um diese zu öffnen.
Die Innenbeleuchtung ging an und ich riss die Tür schlagartig wieder zu.
„Mach das aus… mach es aus.“

Ich stieg aus, die kalte Nachtluft ließ mich frösteln.
Es dauerte einen Augenblick, bis sich das Bild mosaikartig in meinem Kopf zusammenfügte.
Langsam streckte ich die Hand aus, um das zu berühren, gegen das wir gefahren waren.
Wie als brauchte ich einen Beweis, weil ich dem Bild in meinem Kopf nicht traute. Jetzt erst merkte ich, dass auch Ringo ausgestiegen war.
„Verdammt“ flüsterte er kaum hörbar.
Es war zweifelslos Kaminskis Wagen. Mein Herz raste und ich zitterte.
Langsam, wie in Zeitlupe, ging ich bis zur Beifahrertür des Mercedes.
Ich zog mein Feuerzeug aus meiner Hosentasche und ließ es für den Bruchteil eines Momentes aufleuchten.
Der Wagen war leer. Kaminski war nicht drin. Aber er konnte nicht weit sein und vielleicht hat er den Aufprall gehört.
„Los zurück… wir hauen ab.“
Wortlos stieg Ringo ein.
Leichter Nieselregel setzte ein und ein Vogel schrie.
Ich weiß nicht, welche Naivität mich damals in dem Glauben ließ, wir könnten einfach abhauen.
Wie als wäre nichts gewesen, einfach zurück fahren und in Ruhe ein Bier trinken. Nicht ein einziger Gedanke, nicht ein einziger Zweifel kam mir in dem Moment, als ich in Ringos Rostlaube einstieg und die Tür nur halb zuzog.
Erst als Ringo vergeblich versuchte, den Wagen zu starten und der Anlasser sich weithin hörbar abmühte, den schweren Motor in Gang zu bringen, wurde mir bewusst, dass diese Karre keinen Meter mehr fahren würde. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf.
Ich malte mir schon aus, wie ich auf irgendeiner Polizeidienststelle saß und keine Antworten auf berechtigte Fragen wusste.
„Was wollten sie denn am Tag ihrer Haftentlassung nachts im Wald, nachdem sie die Zeche geprellt haben? Warum haben sie den Wirt verfolgt. Warum haben sie seinen Wagen gerammt?“

Zeche geprellt. Es waren nur zwei Bier. Könnte ich deswegen wieder einwandern?
Ringo riss mich aus meinen Gedanken:
„Was machen wir jetzt?“
Ich wusste es nicht. Aber sitzen bleiben, bis Kaminski irgendwann wieder auftaucht war sicherlich auch keine gute Idee. Mich beruhigte auch die Tatsache nicht, dass Kaminski auch festsaß. Immerhin blockierte Ringos Rostlaube den Mercedes.
Wir stiegen aus, liefen ein paar Meter links in den Wald und setzten uns auf einen umgestürzten Baum. Die beiden Wagen waren durch die Dunkelheit kaum zu erkennen, aber wir würden sehen, wenn Kaminski zurück kommt. Auch wenn ich keinen Plan hatte, wie es weitergehen würde.
„Vielleicht können wir mit ihm reden“ sagte Ringo.
Ich wusste nichts zu erwidern. Ich fror und das leichte Nieseln ging in Regen über.
Plötzlich hörte ich ein Schluchzen. Erst glaubte ich mich verhört zu haben. Doch Ringo weinte tatsächlich.
„Sag mal heulst du?“
Ringo lehnte seinen schweren Kopf an meine Schulter.
„Das ist doch kein Grund zum heulen… man Ringo.“ sagte ich.

„Ach.. ich musste gerade an Robert denken. Damals saßen wir auch im Wald… und es hatte auch geregnet.“

Robert war Ringos Bruder gewesen. Er war vor sieben Jahren gestorben. Drei Tage nach der Urnenbeisetzung hatten wir nachts die Urne ausgegraben und sind mit der Urne und einer Kiste Bier in den Wald gegangen. Wir haben, so wie es Roberts letzter Wunsch war, die Asche im Wald verstreut und haben die ganze Kiste Bier ausgesoffen. Später saßen wir bei Regen einfach da.
Ringo weinte leise und ich wünschte mir damals, dass diese beschissene Nacht endlich vorbei ist.
Natürlich ist jeder Tod tragisch und traurig. Aber Roberts Tod, oder besser gesagt die Art wie er starb, Gott vergebe mir, passte zu ihm.
Robert war nicht viel anders als Ringo gewesen. Auch er hatte sich immer etwas schwer mit dem Denken getan, aber er war gutmütig und verlässlich. Letztendlich hat ihn eine Möwe umgebracht.
Wir hatten erfolgreich ein Ding gedreht, erfolgreich deswegen, weil wir am Ende tatsächlich paar Scheine gemacht hatten. Bei einer Flasche Whisky kamen wir auf die Idee, ein paar Tage an die See zu fahren. Urlaub zu machen. Nur ein paar Tage. Tatsächlich wurden es fast zwei Wochen. Gleich am zweiten Tag nahm das Unheil seinen Lauf. Wir saßen am Strand und hatten schon einige Flaschen Bier getrunken.
„Wäre das nicht geil, wenn wir auch fliegen könnten?“ sagte Ringo und zeigte mit ausgestrecktem Arm nach oben.
Sein Bruder und ich schauten nach oben. Eine große Anzahl Möwen kreiste über uns.
„Verdammte Sau!“ rief Robert plötzlich und sprang auf.
Ihm hatte tatsächlich eine Möwe direkt ins Auge gekackt. Er lief wie von einer Tarantel gestochen ins Wasser.
Ringo und ich konnten uns vor Lachen nicht mehr einkriegen und noch abends, als wir in einem kleinen Lokal saßen und die völlig überteuerten Barschfilets aßen, sprachen wir darüber.
Am nächsten Tag war Roberts Auge rot. Ständig rieb er daran.
Zwei Tage später war es angeschwollen und als er dann sagte, dass er nur noch verschwommen sieht, schlug ich vor, zum Arzt zu gehen.
„Ach Blödsinn, ein ordentlicher Schluck und dann geht’s schon wieder.“ sagte Robert.
Tatsächlich schien die Schwellung am nächsten Tag geringer zu sein.
Doch dann, in der Nacht, bekam er Schüttelfrost. Trotz, dass ich so besoffen war, schaffte ich es, den Portier zu überzeugen, einen Arzt zu rufen.

„Dem hat ein Vogel ins Auge geschissen“ erklärte ich später lallend dem Notarzt.

Da war Robert schon bewusstlos. Er wachte nie mehr auf.
Multiples Organversagen lautete die nüchterne Diagnose des emotionslosen Arztes, als wir Robert besuchen wollten. Die Infektion hatte sich durch seinen ganzen Körper gefressen.



~ Fortsetzung folgt ~
 
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