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75 Seiten

Als ich Emelie war (komplett)

Romane/Serien · Spannendes
Im Zustand tiefer Trauer, keimt in der fünfzehnjährigen Emelie der Wunsch auf, den Unfalltod ihrer Eltern zu rächen. Als sie beschließt, den Verantwortlichen zu töten, beginnt ein nicht enden wollender Alptraum.







Der Alarm in meinem Handy, riss mich aus einem kurzen, unruhigen Schlaf. Augenblicklich war ich hellwach. Zwanzig Minuten nach Mitternacht. Jetzt würde es also so weit sein. Tausendmal war ich in Gedanken diesen Moment durchgegangen. Ich schlug die Bettdecke zurück. Mein Herz raste. Durch das kleine Fenster in der Gaube des Zimmers, schien Mondlicht und tauchte die gegenüberliegende, schräge Wand in ein mattes Blau.
Ich zog meinen Rucksack unter dem Bett hervor und stopfte die Klamotten hinein, die ich mir zurechtgelegt hatte.

Hastig zog ich meine Jeans an, legte den Zettel, den ich am Vorabend geschrieben hatte, auf das Bett und öffnete leise die Tür meines Zimmers. Ich drehte mich noch einmal um. Dieses Zimmer würde ich nie wieder sehen.
Auf Zehenspitzen schlich ich die schmale, steile Holztreppe hinab. Sie knarrte bei jedem Schritt und ich blieb mehrmals stehen. Meine Schläfen pochten und ich konnte meinen Herzschlag hören.
Auf dem ersten Treppenabsatz blieb ich erneut stehen und lauschte. Außer dem Ticken der großen, hölzernen, Standuhr im Wohnzimmer, war nichts zu hören.
Ich schlich weiter und gerade als ich die nächste Stufe hinabsteigen wollte, wurde ich abrupt gebremst. Ich erschrak mich fürchterlich. Alle Muskeln meines Körpers verkrampften sich, bis ich realisierte, dass sich der Riemen meines Rucksackes im Treppengeländer eingehakt hatte. Langsam ließ ich den Rucksack von meiner Schulter gleiten und befreite den Riemen.
Ich war unten angelangt. Zu meiner linken Seite befand sich das Schlafzimmer meiner Großeltern. Wieder blieb ich einen Moment stehen, aber ich hörte nichts. Mein Mund war trocken und jetzt erst spürte ich, wie sehr ich schwitzte.
Ich lief den Flur entlang und achtete sorgsam darauf, nicht die Fotos, die in altmodischen Bilderrahmen an der Wand hingen, mit dem Rucksack herunterzureißen.
Ich lief an der Küche vorbei. Die Haustür lag jetzt genau vor mir und hier war es stockdunkel. Ich tastete nach meinen Turnschuhen, die ich mühelos fand. Ich zog sie an, ohne die Schürsenkel zu öffnen. Das machte ich immer so.
„Kind, kannst du die Schuhe nicht anständig anziehen!“ würde meine Oma jetzt sagen.

Langsam drehte ich den Schlüssel und öffnete die Tür nur einen Spalt, weil sie quietschte, wenn man sie ganz öffnet. Ich zwängte mich durch den Spalt, während ich mit einer Hand die Tür festhielt, um zu verhindern, dass sie ganz geöffnet wird.
Die kalte Luft ließ mich frösteln. Langsam zog ich die Tür zu. Geschafft. Ich überquerte den Hof.
Arthur hatte mich in seinem Zwinger sofort erkannt und wedelte freudig mit dem Schanz. Ich griff durch das Gitter und streichelte ihn kurz über seinen wuscheligen Kopf:
„Mach’s gut, pass gut auf Oma und Opa auf.“
Er schaute mich an, als würde er den Sinn meiner Worte verstehen.

Die Straßenlaterne beleuchtete den Weg nur wenige Meter, aber der Mond gab genügend Licht.
Mein Puls normalisierte sich. Ich zog mein Handy hervor, es war halb eins.
Jetzt gibt es kein zurück, sagte ich zu mir selbst und lief den langen Weg hinunter.
Vorbei an der Wiese mit den Kühen und der großen Scheune, die meinen Großeltern gehörte und in der ich so oft im Heu saß und nachgedacht hatte. Ich fror. Ich ließ meinen Rucksack herunter und kramte mein Kapuzenshirt hervor. Mein Mund war völlig ausgetrocknet. Ich nahm einen Schluck aus der Wasserflasche und lief weiter.
Ein Kauz schrie in weiter Ferne. Das Mondlicht warf meinen Schatten vor mir auf den Weg.
Die Beine ganz kurz und der Kopf überdimensional groß. Wie ein Monster, dachte ich.
Vielleicht bin ich wirklich ein Monster? Nicht vom Aussehen her, das ist ganz in Ordnung, fand ich.
Tomi sagt immer, ich sei das schönste Mädchen auf der ganzen Welt. Ich sage darauf dann immer „Nö“, aber mir gefiel es, wenn er es sagte.
Aber vielleicht bin ich im Herzen ein Monster?
Macht mich das, was ich vorhatte, zu einem Monster?
Nach fünfzehn Minuten hatte ich die Kreuzung erreicht. Der Weg stieß auf die Querstraße, die rechts in den Ort führte und links in Richtung Autobahn. Ich bog rechts ab und lief so weit wie möglich am Straßengraben entlang. Nach dreihundert Metern bog ich weiteres Mal rechts ab und lief die Gasse hinauf zur Kirche.

Eine Katze sprang von einer Mülltonne und verkroch sich unter einem parkenden Auto.
Genau in dem Moment, als ich oben angekommen war, schlug die Turmuhr ein Uhr. Hinter der Kirche lag der Friedhof. Ich lehnte meinen Rucksack an den großen Ahornbaum und schwang mich über die niedrige Mauer, die den Friedhof umsäumte.
Langsam lief ich durch das Gewirr der vielen kleinen Wege. Kies knirschte unter meinen Schuhen.
Als ich das Grab erreicht hatte, nahm ich vorsichtig meine Kette mit dem kleinen Herz aus Silber ab und legte sie auf den Grabstein.
Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, diesmal nicht zu weinen, verschwamm meine Sicht und Tränen liefen meine Wangen herunter. „Mama und Papa…“ sagte ich leise und musste noch mehr heulen. Ich wischte mit beiden Händen über meine Augen und flüsterte:
„Mama und Papa, macht euch keine Sorgen. Bald sehen wir uns.“
Mein Magen verkrampfte sich und meine Brust schmerzte. Ich drehte mich um und rannte den Weg zurück, zog mich über die Mauer, nahm meinen Rucksack und rannte die Gasse runter.

Meine Schritte hallten.
Völlig außer Atmen, erreichte ich die Fußgängerzone, in der es nur noch wenige Geschäfte gab.
Im vergangenen Sommer, noch vor dem Ende der Ferien, hatte auch noch die Eisdiele dichtgemacht, was ich sehr bedauerte.
Ich überquerte die Hauptstraße.
Um diese Zeit war der Ort wie ausgestorben. Nur auf Höhe der ehemaligen Post, kam mir ein Auto entgegen. Ich zog meine Kapuze tiefer und drehte meinen Kopf weg. Die letzten hundert Meter rannte ich, quer über den Sportplatz, bis zur Schule.
Tomi, der eigentlich Thomas heißt, war mein bester Freund. Er war sechzehn, ein Jahr älter als ich, und der Sohn des Hausmeisterns. Er lebte, allein mit seinem Vater, in der Hausmeisterwohnung, die sich im Erdgeschoß der Schule befand. Tomis Mutter war vor drei Jahren mit unserem ehemaligen Deutschlehrer durchgebrannt und in eine andere Stadt gezogen.
Ich hockte mich kurz hinter die steinerne Tischtennisplatte und beobachte die Schule.
Alles war ruhig. Ich lief an der Außenwand entlang, bis zur Rückseite. Hier waren drei Garagen sowie der große überdachte Fahrradstellplatz.
Tomi tat mir in dem Moment leid, ich war seine beste Freundin und ich wusste auch, dass er in mich verknallt war. Wenn er wüsste, was ich vorhatte, wäre er maßlos enttäuscht.
Mir tat es auch leid, weil ich wusste, dass er so lang darauf gespart hatte und ES sein ganzer Stolz war.
„Ich muss es tun, tut mir leid Tomi.“ flüsterte ich und zwängte meine Hand durch den Spalt zwischen Betonboden und den zwei Holztüren der mittleren Garage.
Genauso, wie es Tomi getan hatte, als ihm sein Vater den Garagenschlüssel weggenommen hatte, als Tomi eine Sechs in Erdkunde hatte.
„Scheiß Erdkunde, wozu brauch ich das?“ hatte er damals gesagt und ich musste kurz grinsen als ich mich an die damalige Situation erinnerte.
Sein Vater stand mit Jogginghose und Unterhemd im Flur und sagte:
„Irgendwann braucht man alles mal. Lernen ist wichtig, sonst endest du als Hausmeister.“
Dann furzte er lautstark, drehte sich um und ging.
Ich kriegte mich nicht mehr ein vor Lachen, aber Tomi war das sichtlich peinlich und sagte:
„Erzähl das bloß niemandem.“

Ich ertastete den Riegel und schob ihn nach oben. Das war schwerer als gedacht. Ich musste mich anstrengen und zweimal absetzen, aber dann sprangen die beiden Flügel, mit einem kurzen lauten Knall, ein Stück auf.
Mein Handgelenk war aufgekratzt und ich lauschte einen Augenblick. Alles blieb ruhig. Niemand hat etwas gehört, sagte ich zu mir selbst, um mich zu beruhigen.
Mit beiden Händen zog ich ruckartig am Türgriff und die beiden Flügel sprangen auf. Diesmal machte es noch mehr Lärm, ich schlich um die Ecke, bis zur Vorderseite der Schule und wartete fünf Minuten. Mein Herz hämmerte und meine Kehle brannte. Nichts passierte. Ich schlich zurück und ging in die Garage. Tomis Moped war, wie immer, nicht abgeschlossen. Der Helm hing am Lenker und der Zündschlüssel steckte im Schloss.
Ich hob es vorsichtig vom Ständer. Beinahe wäre es mir umgekippt. Mein Herz schlug bis zum Hals. Ich schob es um die Ecke und dann, so schnell wie ich konnte, über den Sportplatz. Ich war total außer Atmen. Ich zitterte und bekam einen Krampf im linken Bein. Ich setzte den Helm auf, schaltete die Zündung ein und rollte den kurzen Weg bis zur Haltestelle hinab, legte den Gang ein. Es sprang sofort an. Als ich die Stadt endlich hinter mir gelassen hatte, atmete ich erleichtert tief durch.
Ich besaß keinen Führerschein, aber Tomi hatte mich schon einige Male fahren lassen, letzten Sommer, beim Steinbruch, als wir baden waren. Letzten Sommer, als die Welt noch in Ordnung war. Als ich noch mit meinen Eltern in der Reihenhaussiedlung lebte. Als wir im Sommer, in den Ferien, bis es dunkel wurde, im Garten saßen. Im Sommer als wir in Griechenland waren. Das alles liegt unendlich weit weg.
Ich versuchte die Gedanken zu verdrängen aber die Erinnerungen drangen wie Pfeile in meinen Kopf.
Die Erinnerungen verursachten wieder diesen Schmerz in der Brust und die Angst. Die Verzweiflung. Und die Tage, die immer darauf folgten. Ich nannte sie meine grauen Tage. Tage, die an mir vorbei gingen. Tage, an denen ich abwesend war und alles verschwommen wahrnahm, wie durch die Fensterscheibe in der Küche meiner Großeltern, wenn es wie aus Eimern regnete und das Wasser am Glas entlangläuft. Die Tage, an denen die Kopfschmerzen unerträglich waren. Ich konnte dagegen nicht ankämpfen. Dabei konnte ich mich nicht mal an den Unfall erinnern. Der Unfall der mein Leben schlagartig beendet hatte. Ich war tot. Ich war seelisch tot.

Als ich damals im Krankenhaus erwachte, konnte ich mich nur an den Knall erinnern. Dann war alles schwarz. Man sagte mir damals erst die Wahrheit, als ich wild um mich schlug, eine Krankenschwester in den Arm biss und lautstark nach meinen Eltern rief. Zwei Frauen waren damals ins Krankenhaus gekommen, eine war vom Jugendamt, die andere war eine Psychologin. Auch meine Großeltern waren da. Meine Oma weinte unentwegt und hielt meine Hand. Irgendwann hatte ich keine Tränen mehr. Ich aß nichts, ich trank nichts. Ich wollte tot sein, wie meine Eltern.
Die Beerdigung meiner Eltern war der schlimmste Tag in meinem Leben. Meine Großeltern hatten Mühe mich vom Grab meiner Eltern wegzuziehen, als ich hinein springen wollte. Selbst Pfarrer Uhlmann hatte Tränen in den Augen. Ich hatte ihn vorher noch nie weinen gesehen. Ich ging danach nie wieder zum Konfirmandenunterricht. Warum hatte Gott das zugelassen?

Die Kur, zu der man mich damals schickte, wurde nach zwei Wochen abgebrochen und ich konnte zu meinen Großeltern. Es dauerte lang, ehe ich wieder anfing zu sprechen. Mein Arm, der bei dem Unfall gebrochen war, war verheilt, aber die Wunden in meinem Herz werden nie wieder heilen, davon war ich fest überzeugt.
Meine Großeltern versuchten mein Leben so angenehm wie möglich zu machen. Sie überhäuften mich mit Geschenken. Aber die konnten mich immer nur kurz ablenken. Eines Nachts wachte ich auf.
Ich wachte einfach auf und fühlte mich seltsam leer.
Ich spürte, dass die Trauer in dem Moment vorbei war, nur für diesen kurzen Augenblick. Stattdessen keimte etwas anderes in mir. Zorn und unendliche Wut. Ich ballte die Hände zu Fäusten und schrie so laut ich konnte, bis mein Opa erschrocken meine Zimmertür aufriss und mich entgeistert ansah.
„Ich habe schlecht geträumt.“ Oma machte mir einen Tee, saß stumm mit mir mitten in der Nacht am Küchentisch. Ihre Augen waren wieder rot und geschwollen. Ihr kummervolles Gesicht hatte tiefe Falten. Sie war innerhalb von zwei Monaten gealtert. Meine Trauer kehrte zurück, aber immer öfters hatte ich dieses Gefühl. Die Abstände wurden kürzer und die Wut wischte meine Trauer weg, sog sie ein wie ein Schwamm. Dieses Gefühl der Wut war befreiend.
Dann kam der Tag der Gerichtsverhandlung. Mein Opa fuhr allein hin und als er wieder kam, ging er ins Wohnzimmer, öffnete den altmodischen Holzschrank und nahm eine Flasche Kirschlikör heraus
und trank zwei kleine Gläser. Er sprach den ganzen Tag nicht mehr. Nach weitern zwei Wochen musste ich wieder zur Schule. Widerwillig ging ich hin. Ich wollte nichts hören, wollte kein Mitleid von meinen Klassenkameraden. Selbst Tomi wies ich ab.
Eines Nachmittages saß ich im Wohnzimmer am Tisch, und machte Hausaufgaben. Meine Großeltern waren wie jeden Donnertag in die Stadt gefahren um einzukaufen. Wir sollten ein Plakat gestalten zum Thema Umweltschutz. Ich hatte widerwillig Bilder aus Zeitschriften ausgeschnitten und klebte sie lustlos auf das große Din A3 Blatt. Als der Leim alle war, durchsuchte ich sämtliche Schränke nach Leim. Im Schreibtisch meines Opas fand ich in der linken Schubladenreihe einen Brief, der mich neugierig machte.
Er war vom Anwalt, der auch mit mir damals gesprochen hatte. Er teilte meinem Opa mit, dass er den Fahrer zivilrechtlich verklagen will.
Ich schaute später im Internet nach, was zivilrechtlich bedeutet.
Aber was ich noch aus dem Brief erfuhr, ließ wieder diese Wut in mir aufkeimen.

Der Fahrer, der uns die Vorfahrt nahm und meine Eltern in den Tod riss, war betrunken gewesen.
Er wurde zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt und sollte eine Geldstrafe von 1800 Euro zahlen. Sein Führerschein wurde eingezogen.
Eintausendachthundert Euro für das Leben meiner Eltern! Ich konnte meine Wut nicht zügeln. Ich schrie und weinte, ich drosch mit aller Kraft mit meinen Fäusten auf die Tischplatte ein, bis sie dermaßen schmerzten, dass ich mich entkräftet auf den Boden fallen ließ. Ich sah im Sonnenlicht, das durch das Fenster fiel, winzige Staubteilchen in der Luft wirbeln. Ich fühlte mich befreit und dann plötzlich schoss mir der Gedanke durch den Kopf:
„Ich werde ihn töten!“
Ich erschrak im selben Moment und versuchte den Gedanken beiseite zu schieben. Aber er war da. Und plötzlich erschien mir alles logisch. Er musste sterben! Dieses Schwein muss tot sein!
Wie ferngesteuert rannte ich hoch in mein Zimmer, holte mein Handy und fotografierte den Brief ab.
Ich hatte alles was ich brauchte. Seinen Namen, seine Adresse. Er muss sterben, beschloss ich.
Mein Leben ist sowieso vorbei, redete ich mir ein. Ich werde ihn töten. Und dann werde auch ich gehen.

Ein Reh lief über die Straße und riss mich aus meinen Gedanken.
Meine Hände waren kalt vom Fahrtwind. Ich beschloss eine kurze Pause zu machen. Ich musste ohnehin mal austreten.
Ich fuhr den nächsten Weg, der in den Wald rechts neben der Straße führte, hinein. Nur ein paar Meter. Ich schaltete die Zündung aus und hatte Mühe das Moped auf den Ständer zu stellen. Ich hockte mich direkt unter das Sperrschild, das die Durchfahrt in den Wald verbot.
Ich hauchte in meine Hände. Der Auspuff knackte. Das ist normal, wenn er sich abkühlt hatte mir Tomi mal erklärt. Ich kramte die Trinkflasche aus meinem Rucksack und trank zwei große Schlucke.
Aus der Seitentasche des Rucksackes holte ich eine Zigarettenschachtel hervor. Als ich mir gerade die Zigarette anzünden wollte, hörte ich ein Knacken. Und das war nicht der Auspuff! Mein Herz schlug schneller. Der Wald kam mir plötzlich ziemlich unheimlich vor. Ich begann zu zittern, schaute mich ängstlich um, stieg aufs Moped und trat wie wild, aber es sprang nicht an. Ich bekam Panik und dann fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, die Zündung einzuschalten. Endlich sprang es an.
Ich war heilfroh, als ich wieder auf der Straße war.


Ein LKW kam mir entgegen und blendete mich so stark, dass ich den Straßengraben bedrohlich nahe kam.
Plötzlich bekam ich einen großen Schreck. Wie konnte ich das vergessen! Ich bremste, holte rasch mein Handy aus der dem Rucksack, schaltete es aus, nahm den Akku und die SIM-Karte heraus und steckte alles in die Seitentasche meines Rucksackes. Ich ärgerte mich über diesen dummen Fehler. Monatelang hatte ich alles sorgsam geplant, hatte im Internet gestöbert, natürlich nicht von zuhause, sondern in der Bibliothek im Nachbarort, in den ich zweimal in der Woche mit den Bus hingefahren war, während meine Großeltern glaubten, ich sei beim Gitarrenunterricht.
Regel Nummer eins: Kein Handy!
Es war kurz nach drei Uhr. In spätestens sechs Stunden würden meine Großeltern den Zettel finden:

Liebe Oma, lieber Opa,
macht euch keine Sorgen. Ich bin zwei Tage bei einer Freundin. Ich brauche einfach mal jemand zum quatschen. Ich hab euch lieb.

Ich hatte bewusst keinen Namen einer Freundin geschrieben.
Tomi schlief in den Ferien immer bis Mittag. Dann würde er den Verlust seines Mopeds bemerken und sein Vater würde die Polizei rufen. Auf mich werden sie vorerst nicht kommen, beruhigte ich mich. Meine Großeltern würden sich natürlich große Sorgen machen und vielleicht alle meine Freundinnen, die sie kennen, anrufen.
Aber mit etwas Glück, würden sie erst nach zwei Tagen die Polizei informieren.
Bis dahin ist alles erledigt.
Dass die Pistole fehlt, würde mein Opa sicherlich erst am Wochenende bemerken. Am Samstag, wenn er zum Schießstand geht. Er ist Vorsitzender des Schützenvereines.
Ich wusste, wo er den Schlüssel zu dem großen Stahlschrank versteckt hatte, in dem er mehrere Pistolen und zwei Gewehre aufbewahrte. Ich schaute mir alle Pistolen genau an und entschied mich dann für eine, die mir am besten gefiel. Wie ich später herausfand, eine GLOCK 48.
Ehe ich die Waffe am Nachmittag endgültig stahl, als meine Großeltern die Hasen fütterten, hatte ich sie schon oft in den Händen gehabt. Immer dann, wenn meine Großeltern nicht da waren.
Ich probierte all das aus, was ich in den Youtube-Videos gesehen hatte. Ich versuchte mir alles genau einzuprägen, lernte wie ich das Magazin auffüllen muss, wie ich die Pistole halten muss. Nur schießen konnte ich nicht üben, aber wenn man nah genug am Ziel ist, trifft man immer, hatte ich in den Videos gelernt.
Ich füllte das Magazin auf, wickelte die Pistole zusammen mit zwei Pappschachteln Munition in ein T-Shirt und verstaute alles ganz unten in meinem Rucksack.
Allmählich nahm der Verkehr zu. Mir kamen Autos entgegen und immer öfters wurde ich überholt.
Am Horizont konnte ich schon die Lichter der Stadt sehen. Ich wusste nicht, wie viele Kilometer es noch waren. Im Schätzen war ich schon immer schlecht. Eigentlich war ich in vielen Dingen schlecht. Besonders in Mathematik. Auch als mein Leben noch normal war, hatte ich in Mathe stets nur eine Drei auf dem Zeugnis stehen. Dann kam der Tag, der alles veränderte. Zehn Wochen Schule hatte ich komplett verpasst. Dann kam an einem Dienstag ein Brief. Meine Großeltern wurden zu einem Gespräch in die Schule eingeladen. Danach stand fest, dass ich das Schuljahr wiederholen müsste.
Doch dazu würde es nicht mehr kommen, war ich mir sicher.
Meine Stärken lagen im Zeichnen, im Sport und in der Musik.
In Musik und Sport hatte ich immer nur Einsen. Aber das alles würde keine Rolle mehr spielen.

Meine Hände waren wieder eiskalt und schmerzten. Plötzlich musste ich an den Jingle aus der Werbung denken. Sind ihre Hände oft rissig und schmerzen? MILODERM.
„Mi –Lo –Derm“ sang ich vor mich hin und kam mir im selben Augenblick ziemlich albern vor. Trotzdem summte ich noch ein paarmal die Melodie.
Erst bemerkte ich nur ein leicht pulsierendes blaues Leuchten. Nur schemenhaft. Doch dann wurde es klarer. Jetzt war es deutlich in den beiden Rückspiegeln zu sehen. Blaulicht!
Polizei – schoss es mir durch den Kopf. Mir war speiübel. Wurde der Diebstahl des Mopeds schon bemerkt? Hatte man mich beobachtet?
Kein Weg führte von der Straße weg. Der Straßengraben war unüberwindbar. In beiden Rückspiegeln sah ich das Blaulicht immer näher kommen. Die Spiegel vibrierten und ließen das Licht eigenartig Zittern. Jetzt ist alles vorbei, dachte ich. Man wird die Pistole im Rucksack finden und Weber wird ungestraft davon kommen. Gerade als ich überlegte zu bremsen, das Moped einfach in den Graben zu werfen und wegzurennen, setzte das Blaulicht zum Überholen an. Es war ein Notarztwagen.
Er fuhr mit großem Tempo an mir vorbei und nach kurzer Zeit wurde das grell blinkende blaue Licht von der Dunkelheit verschluckt. Ich spürte, dass mein Rücken klatschnass war. Mir war kalt und meine Zähne klapperten aufeinander. Das Visier des Helmes war angelaufen. Die nächsten fünf Kilometer fuhr ich extrem langsam. Es dauerte weitere zehn Minuten, bis ich mich einigermaßen beruhigt hatte. „Reiß dich zusammen! Verdammt reiß dich zusammen.“ schrie ich mich selbst an, worauf das Visier noch mehr anlief. Ich öffnete es und es wurde schlagartig wieder klar.
Die Kälte stach wie Nadelspitzen in mein Gesicht. Rasch schloss ich es wieder.
Wie soll ich jemanden umbringen, wenn ich mir schon wegen einem Krankenwagen in die Hose mache? Verdammt nochmal. Ich muss mich zusammenreißen. Ich muss!

Als ich endlich die Stadt erreichte, fror ich am ganzen Körper. Meine Beine waren steif und ich spürte meine Füße nicht mehr. Die Turnschuhe waren eine schlechte Wahl gewesen. Wieso hatte ich nicht meine halbhohen Schuhe angezogen!
Ich stellte das Moped auf dem Parkplatz vor einem großen Neubaublock ab. Nur in wenigen Fenstern brannte Licht. Im oberen Stockwerk leutete ein Weihnachtsstern, hinter einer fast durchsichtigen Gardine, weiß und rot.
Wer hat bitteschön im April einen Weihnachtsstern im Fenster hängen?
Ich erinnerte mich an die alte Frau Gerber, die gegenüber dem Spielplatz wohnte. Wenn man auf dem Klettergerüst ganz nach oben kletterte, konnte man im Wohnzimmer einen geschmückten Weihnachtsbaum sehen. Seine Lichter brannten Tag und Nacht, auch als es längt Frühling war. Wir Kinder dachten uns nichts dabei.
Eines Tages, es war in der zweiten Klasse, ermahnte unsere Klassenlehrerin uns, das Licht beim Verlassen der Waschräume auszuschalten. „Das spart Strom.“ sagte sie. Der dicke Franz aus meiner Klasse sagte daraufhin, das die alte Gerber nie Strom spart, bei der hängen Lichter am Weihnachtsbaum, die immer an sind. Und dann hat der Baum nicht mal Nadeln.
Am Tag darauf, war es Gesprächsstoff im ganzen Ort. Man hatte die alte Gerber gefunden, tot, im Sessel vor dem Fernseher. Sie war schon vor Monaten gestorben.
In der Hofpause bildete sich eine Traube um Max, dessen Vater bei der Feuerwehr arbeitete.
Lebhaft beschrieb er die Details, die er sich ausgedacht hatte: „Die war nur noch ein Skelett. Und alles war voller Maden.“
„Krass“ sagten einige Jungs und wir Mädchen riefen: „Ihhhh, das ist ja eklig!“

Ich wollte gerade den Helm in einer Hecke verstecken als mich ein lauter Knall zusammen zucken ließ. Instinktiv warf ich mich vor die Hecke. Ein zweiter Knall. Keine zwei Meter von mir entfernt flog eine Flasche gegen eine große Mülltonne, die neben der Hecke stand. Die Flasche ging nicht kaputt, sondern rollte von der Bordsteinkante des Grünstreifens auf den Asphalt des Parkplatzes. Ich kroch auf dem Bauch hinter die Hecke. Blitzschnell drang Kälte des Bodens durch mein viel zu dünnes Kapuzenshirt.
Zwei Männer, offensichtlich sturzbetrunken, torkelten in meine Richtung. Plötzlich rief der dickere von den beiden: „Maaaarta komm ma runner“.
Sie grölten und versuchten erfolglos einen Fahrradständer anzuheben, der neben dem Eingang Nummer 61, im Boden verankert war.
Ein Fenster wurde geöffnet und eine weibliche Stimme rief herunter:
„Ruhe! Verschwindet!“
„Martaaaaaa“ rief der Dicke.
Der andere versuchte mit dem Fuß eine Büchse wegzukicken, trat aber daneben.
Vorsichtig zog ich den Helm weiter zu mir, hinter die Hecke. Wieder rief der Dicke nach Marta.
Der andere pinkelte mitten auf den Gehweg. Irgendwann gingen sie lärmend weiter. Ich blieb noch liegen, bis sie hinter der Ecke verschwanden und versteckte den Helm in der Hecke.
Mein Shirt war nass von der Wiese. Ich kramte die Zigarettenschachtel aus der Seitentasche und
setzte mich, vor fremden Blicken geschützt, hinter die Hecke auf meinem Rucksack und rauchte.
Als ich das letzte Mal auf mein Handy geschaut hatte, war es drei Uhr gewesen. Das war vor höchstens einer Stunde oder vor einer halben Stunde? Ich hatte einfach kein Zeitgefühl.
In der Nacht durch die Stadt zu laufen erschien mir zu riskant. Ich sah nicht gerade erwachsen aus und nur allzuleicht könnte ich einer Polizeistreife auffallen, die vielleicht meinen Ausweis sehen will, den ich vorsorglich zu Haus gelassen hatte.
Ich müsste die Zeit überbrücken, bis es etwas später ist. Der Zug fährt vier Minuten nach um acht.
Laut Internet würde es fünfzehn Minuten vor um sieben hell werden.
Sitzenbleiben bis es hell wird, war keine Option. Ich werde erfrieren.
„Quatsch“ dachte ich. Ich werde natürlich nicht erfrieren. Und dann meldete sich die andere Stimme in meinem Kopf. Die böse Stimme.
„Natürlich wirst du erfrieren. Man wird dich erst nach Monaten finden, erfroren und auf dem Rucksack sitzend. Du wirst nur noch ein Skelet sein und alles wird voller Maden sein.“
„Ach halt die Klappe.“ sagte ich zu mir selbst. Vielleicht könnte ich mich einfach in einem Hauseingang aufwärmen.
Ich lief hinüber zum Block, doch alle Haustüren waren abgeschlossen. Die Nacht war sternenklar, keine einzige Wolke war zu sehen und der Mond sah unnatürlich groß aus. In weiter Ferne konnte ich die blinkenden Lichter eines Flugzeuges erkennen. Mir war furchtbar kalt und so lief ich einfach los. Ich kam an weiteren Neubaublocks vorbei, an einem Supermarkt und als ich eine Bushaltestelle sah, überlegte ich kurz, eine Weile dort zu warten. Aber ich verwarf den Gedanken sofort wieder und lief weiter. Als ich die nächste Kreuzung erreichte, sah ich wie weit ich noch vom Bahnhof entfernt war. Ich konnte mich wage an diese Straße erinnern. In der dritten Klasse, als wir diesen Schulausflug hatten, sind wir mit dem Bus diese Straße entlang gefahren.
Verdammt, ich hätte mit dem Moped näher an den Bahnhof fahren sollen!
OK, die Wahrscheinlichkeit nachts mit einem Moped in eine Verkehrskontrolle zu geraten, war nicht gerade gering.
„Mit einem geklauten Moped“ ergänzte die Stimme.
Damit hatte die Stimme recht. Und die Tatsache, dass ich keinen Führerschein besaß, würde erschwerend hinzukommen.
Würde die Polizei das Moped in Bahnhofsnähe finden und den Diebstahl mit mir in Verbindung bringen, würden sie eins und eins zusammenzählen. Nein, dieses Risiko konnte ich nicht eingehen. Ich würde diesen Vorsprung brauchen.
Die Straße schien endlos und es gab hier keinen Bürgersteig mehr. Die Autos rauschten im hohen Tempo vorbei. Unschlüssig schaute ich mich in alle Richtungen um. Wie spät mochte es jetzt sein?
Ich wusste es nicht. Ich lief zurück zur Bushaltestelle. Trotz einer Laterne konnte man den Fahrplan, der an der gläsernen Seitenwand der überdachten Bushaltestelle angebracht war, nicht erkennen. Er lag in völliger Dunkelheit.
Ich hätte den Akku ins Handy einlegen können, dann hätte ich Licht und wüsste auch, wie spät es ist.
Doch meine Angst, man könnte mich damit sofort finden, war zu groß. Regel Nummer eins: Kein Handy! ‚Wie tauche ich unter?‘ hieß das Video, dass ich mir unzählige Male auf Youtube angesehen hatte. Und Regel Nummer eins war nun mal: kein Handy! Unter keinen Umständen!
Ich setzte mich kurz auf die Bank.
Sind ihre Hände oft rissig und schmerzen? „Mi –Lo –Derm“ sang ich in Gedanken.
Sind die Fahrpläne oft im Dunkeln und sie wissen nicht wie spät es ist? - Smartphone
„Sma-hart- fon“.
Vielleicht bin ich unnormal, dachte ich plötzlich. Genau, ich bin geisteskrank.
„Nein, nein!“ redete ich zu mir selbst in Gedanken.
Dieses Schwein hatte es verdient! Wieder spürte ich die Wut in mir aufsteigen und ich musste mich zusammen reißen, um nicht laut los zu schreien.
Ich lehnte mich an die eisige Glaswand. Die Kälte drang durch mein Kapuzenshirt. Dass die Nacht so kalt werden würde, hätte ich nicht vermutet. Ich musste kurz eingenickt sein. Eine Berührung am Bein ließ mich hochschrecken. „Rüdiger! Aus! Rüdiger! Lass das. Komm!“ Eine ältere, dicke Frau zog einen kleinen dicken Hund, mit kurzen Beinen, an einer Leine von mir weg und schaute mich grimmig an.
„Entschuldigen Sie. Können sie mir sagen wie spät es ist?“ fragte ich, als die Frau weiterlaufen wollte.
Sie drehte sich zu mir um und sagte, ohne auf eine Uhr zu schauen: „Fünf Minuten nach fünf.“ Und an den Hund gewandt: „Komm Rüdiger!“ und zog an der Leine.
Wie kann man seinen Hund Rüdiger nennen? Und überhaupt was ist das für ein Hund! Ich mochte Hunde, ich mochte fast alle Tiere. Aber dieser Köter, mit den kurzen Beinen und dem dicke Bauch, der fast bis zum Boden hing, war mir von der ersten Sekunde an unsympathisch. Und dann diese Fresse! Ich weiß nicht warum, aber am liebsten hätte ich ihn mit einem starken Fußtritt mitten auf die Straße gekickt. Wie in meinem alten Leben, als ich noch in der Mädchenmannschaft unseres Sportvereins Fußball spielte. Anlauf und dann Schuss. „Prima, Emi , das war super!“ hörte ich meinen Trainer rufen. Fast alle nannten mich Emi. Das fand ich schöner als Emelie.
Emelie klingt scheiße, so hieß die Schildkröte eines Mädchens, das ich aus dem Kindergarten kannte.
„Wissen Sie, ob von hier ein Bus zum Bahnhof fährt?“ fragte ich die Dicke.
„Weiß ich nicht.“ sagte sie und musterte mich misstrauisch. Jetzt stand sie direkt im Lichtkegel der Laterne und ich konnte ihr fettes Gesicht sehen. Wie der Köter, dachte ich. Die Frau war nicht dick, nein sie war fett! Selbst wenn sie nicht sprach stand ihr Mund halb offen, ihre Augen waren kleine Schlitze und irgendwie erinnerte sie mich an einen Sumoringer aus dem Fernsehen.
Sie sah nicht nur aus wie ein Sumoringer, sondern sie stand auch so da. Diese fette Frau und ihr fetter Hund machten mich aggressiv. Wie sie da stand! Der halb offene Mund! Sie schien gar keinen Hals zu haben. Der runde Kopf saß direkt auf dem fetten Körper. Ich stellte mir vor, wie sie auf dem Sofa liegt und tonnenweise Torte in ihren Schlund schob. In den halb offenen Schlund.
Ich war froh, als sie an der Leine zog und mit dem fetten Rüdiger aus meinem Blickfeld verschwand. Plötzlich kam mit ein Gedanke. Ich holte die Zigarettenschachtel aus der Seitentasche meines Rucksackes. In der Schachtel steckte auch das Feuerzeug. Gerade als ich mit dem Feuerzeug den Fahrplan beleuchten wollte, kam ein Bus und hielt an. Mit einem Zischgeräusch öffnete sich die Tür.
„Fahren sie zum Bahnhof?“ fragte ich den Fahrer.
„Nein, bis zur Zentralhaltestelle.“ entgegnete er und fügte hinzu:
„Von da aus kann man laufen, sind ungefähr zehn Minuten oder mit der Straßenbahn Linie 5, zwei Stationen fahren.“
„Ich weiß.“ sagte ich: „OK, dann einmal zur Haltestelle.“
„Zentralhaltestelle?“
„Ja.“
„Drei Euro achtzig.“ sagte er und hielt mir einen Fahrschein hin, der er aus einem kleinen Kasten herauskam.
Es dauerte eine Weile, ehe ich den Brustbeutel unter meinem Kapuzenshirt hervorgezogen hatte und gab dem Fahrer einen Fünf-Euro-Schein. Das Wechselgeld steckte ich in die Hosentasche meiner Jeans. Der Bus war fast leer. Ein junger Mann saß in der Mitte. Er hatte Kopfhörer auf und die Augen geschlossen.
Ich setzte mich ganz hinten in den Bus. Es war angenehm warm. Ein jugendliches Liebespaar saß zwei Sitzreihen vor mir. Sie knutschten unentwegt und immer wenn sie ihre Knutscherei kurz unterbrachen, kicherte das Mädchen. Das ist ja widerlich, dachte ich.
Tomi hatte mich einmal geküsst. Das ging so schnell, das ich meinen Kopf nicht mehr zurück ziehen konnte. Obwohl es seltsam angenehm war, hatte ich im eine geknallt und zwei Tage nicht mehr mit ihm geredet. Das war in der vierten Klasse.
Der Bus hielt, der junge Mann mit den Kopfhörern stieg aus und zwei Männer und eine Frau stiegen ein. Sie hielten kurz ihre Monatskarten hoch und setzten sich vorn hin. Das sanfte Schaukeln und die angenehme Wärme im Bus machten mich müde. Für den Bruchteil einer Sekunde bereute ich es, mein warmes Bett verlassen zu haben. Es waren Ferien, ich hätte einfach den ganzen Tag im Bett liegen können. Vielleicht hätte ich auch Musik gehört. Einfach still da liegen, unter der warmen Decke, und mir ausmalen wie ich das Schwein töten werde. Immer wieder hatte ich den endgültigen Tag verschoben und mir selbst eingeredet, ich müsse mich besser vorbereiten. Und so vergingen die Wochen und Monate. Ich war ein wenig stolz auf mich, das ich es tatsächlich gewagt hatte. Ich hatte mich aus dem Haus geschlichen und ein Moped geklaut.
„Das Moped deines besten Freundes.“ fügte die böse Stimme in meinem Kopf hinzu.
Es musste sein, dachte ich und die böse Stimme verschwand. Das tat sie immer. Und sie tauchte auf, wenn ich es am wenigsten erwartete. Wie eine Schlange, die hinterhältig und lautlos an ihre Beute heran kriecht, um dann blitzschnell zuzubeißen.
Jetzt gab es kein Zurück mehr. Norbert Weber muss sterben!
„Zentralhaltestelle“ rief der Fahrer und riss mich aus meinen Gedanken.
Keine zwei Minuten später stand ich in der Kälte und fror fürchterlich. Die große Digitaluhr, die über den Fahrkartenautomaten angebracht war, leuchtete in einem grellen Grün. Es war zehn Minuten vor um sechs. Hier kannte ich mich aus. Ich lief durch die Unterführung, überquerte die große breite Straße und wartete ungeduldig an der Ampel. Um diese Zeit waren bereits viele Leute unterwegs, aber mich beachtete niemand. Das ist gut, wenn ich nicht auffalle, dachte ich.
Die Fahrscheinautomaten befanden sich gleich im Eingangsbereich des Bahnhofes. Ich quälte mich durch das umständliche Menü und steckte siebzig Euro in den Automaten. Die Fahrt kostete sechsundsechzig Euro. Damit war über die Hälfte meines Geldes aufgebraucht. An einem anderen Automaten kaufte ich mir zwei Schokoriegel. Einen aß ich sofort. Zwei Polizisten liefen gemächlich durch die Halle, schauten aber aufmerksam in jede Richtung. Ich setzte meine Kapuze ab, öffnete meinen Zopf und strich meine Haare glatt. Sie reichten fast bis zum Ellenbogen. Auf der gegenüberliegenden Seite standen viele Bänke, aufgereiht an der Wand. Ich setzte mich recht nah neben eine Frau. So falle ich am wenigsten auf, hoffte ich. Die Frau las ein Buch und nahm keine Notiz von mir. Als die Polizisten zu mir herüberschauten wurde mir ganz mulmig zumute. Mir musste schnell was einfallen. Ich sprach die Frau an: „Entschuldigen Sie, könnten sie mir den Weg zu den Toiletten zeigen? “
Die Frau schaute von ihrem Buch auf und sah mich misstrauisch an.
„Ich hab meine Brille vergessen.“ log ich. Sie schaute sich um und zeigte dann mit ausgestrecktem Arm in Richtung der Toiletten. „Dort sind sie.“ sagte sie.
„Ohne Brille bin ich blind wie ein Maulwurf.“ sagte ich.
„Bist du denn ganz allein hier?“ fragte sie ungläubig.
„Mein Dad sucht einen Parkplatz.“ log ich weiter.
Sie klappte ihr Buch zu, steckte es in ihre Handtasche und sagte schließlich:
„Na dann komm mal mit.“
Wir liefen durch die Halle, direkt an den Polizisten vorbei, bis zu den Toiletten. Ich war mir tausendprozentig sicher, dass sie davon ausgingen, ich gehöre zu dieser Frau.
Sie ging mit hinein, blieb am Waschbecken stehen und sagte: „Die Kabinen sind direkt vor dir, siehst du sie?“
„Ja, verschwommen.“
Danach begleitete sie mich wieder zur Bank. Ich bedankte mich.
„Schon gut. Wo bleibt denn dein Vater?“
„Ich weiß nicht, aber er ist nicht der Schnellste.“ entgegnete ich und versuchte dabei zu lächeln.
Sie holte wieder ihr Buch hervor und begann zu lesen. Die Polizisten waren verschwunden. Die Zeit wollte einfach nicht vergehen. Noch fast zwei Stunden, bis der Zug kommen würde.
Die Frau war schon wieder in ihr Buch versunken. Ich stand leise auf und lief zügig durch die Halle, zur breiten Treppe, die zu den Bahnsteigen führen. Rechts neben der Treppe befand sich eine Rolltreppe. Während ich nach oben fuhr, drehte ich mich noch einmal um. Die Frau saß noch immer unverändert mit ihrem Buch da und hatte vermutlich nicht mal bemerkt, dass ich nicht mehr neben ihr sitze. Oben angekommen, schlug mir kalter Wind entgegen. Bahnsteig VIER war menschenleer. Hier konnte ich unmöglich zwei Stunden warten.
Nach fünf Minuten lief ich zur Treppe und spähte von der oberen Stufe hinab in die Halle.
Es waren jetzt deutlich mehr Leute. Die meisten gingen schnellen Schrittes, kreuz und quer durch das riesige Bahnhofsgebäude. Das Ganze erinnerte mich an einen Ameisenhaufen. Auch auf den Bänken saßen jetzt mehr Leute, als noch vor wenigen Minuten, aber die Frau war weg. Ich versuchte sie in der Halle zu erspähen, aber sah sie nicht.

„Sicher hat sie die Polizei informiert. Du hast einen Fehler gemacht. Du hast dich viel zu auffällig verhalten. Glaubst du, sie ist so dämlich und glaubte dir die Geschichte mit den Toiletten? Sie hat dich durchschaut.“ sagte die böse Stimme in meinem Kopf und stichelte weiter:
„Haha.. ich habe meine Brille vergessen. Ich bin blind wie ein Maulwurf.“

„ Wie kann man so blöd sein?“ fügte die Stimme nach einer kurzen Pause höhnisch hinzu.

Du bist blöd! Du bist eine blöde dumme Zicke! Ich habe keinen Fehler gemacht, sagte ich in meinen Gedanken, ärgerlich zur Stimme. Dann war sie still. Ich lief die Treppe herunter, ging zu den Toiletten und setzte mich in der hinteren Kabine auf den geschlossenen Klodeckel. Hier war es angenehm warm.
Ich lehnte mich an die geflieste Wand. Das Gewirr aus Lärm und Stimmen der Bahnhofshalle drang nur gedämpft und leise in den Raum. Es klang seltsam, verwaschen, wie unter Wasser. Wie im Erlebnisbad, wenn ich untertauche.
Wie durch einen Schleier sah ich eine Gestalt. Sie drückte meine Augenlider nach oben und leuchtete mir, mit einer kleinen Lampe, in die Augen. Das Licht war grell und schmerzte.
Plötzlich wurde die Kabinentür eingetreten. Ein Polizist hielt mir eine Brille mit extrem dicken Gläsern vor das Gesicht und sagte: „Ich hab deine Brille gefunden.“
Dann verzog er sein Gesicht zu einer grimmigen Fratze und fing laut an zu lachen.

Ich schreckte hoch. Ich war tatsächlich eingeschlafen. Ich stieß die Tür auf und rannte in die Halle.
Ich blickte auf die große runde Bahnhofsuhr und stellte erleichtert fest, dass es erst zehn Minuten nach halb acht war. Ich lief hinauf zum Bahnsteig und beschloss, trotz der Kälte oben zu warten.
Es war hell. Die aufgehende Sonne tauchte den Horizont in ein warmes Orange. Nur vereinzelt zogen ein paar Wolken vorbei. Wie Zuckerwatte. Als kleines Kind glaube ich tatsächlich, die Wolken bestünden aus Zuckerwatte. Und wie gern wäre ich auf so einer Wolke herum gehüpft.

Auf dem Bahnsteig VIER standen schon einige Leute, die ebenfalls auf den Zug warteten. Ein älterer Mann zog einen Trolley ganz nah an der Bahnsteigkante entlang.
Die Räder ratterten, als sie über die geriffelte Kante rollten. Klack, klack, klack.
Ich lehnte mich an einen dicken eckigen metallischen Pfeiler und wartete. Der Sekundenzeiger der runden Bahnhofsuhr sprang nicht wie bei Opas Taschenuhr, sondern lief kontinuierlich ohne ein Rucken, Runde für Runde. Fasziniert betrachtete ich die Uhr. Das war mir vorher nie aufgefallen.
„Auf Gleis Vier, fährt ein, der Personenzug zur Weiterfahrt nach Dresden über Hohenstein-Ernstthal, Chemnitz, Kleinschirma. Abfahrt acht Uhr vier. Bitte Vorsicht und zurücktreten von der Bahnsteigkante.“ verkündete eine hallende Stimme.

Kurze Zeit darauf fuhr der Zug in den Bahnhof ein und kam mit einem lautem Quietschen zum stehen. Ich lief fast durch den gesamten Zug und entschied mich dann schließlich für einen Fensterplatz im vorletzten Wagen. Ich war ganz allein. Die Sitze waren recht bequem. Ich war müde. Ich stellte meinen Rucksack zwischen die Beine und lehnte meinen Kopf zurück. Der Zug fuhr los und schon bald zogen Bäume, Wiesen und Felder am Fenster vorbei. Das monotone Fahrgeräusch und das sanfte Schaukeln ließen mich einschlafen.

Ein Schaffner weckte mich und verlangte meine Fahrkarte. Ich zog sie aus der Seitentasche meines Rucksackes und reichte sie ihm. Er nahm sie wortlos, nickte und sagte: „Angenehme Weiterfahrt.“
Trotz eines flauen Gefühls im Magen, aß ich den zweiten Schokoriegel.
Der Zug fuhr über eine Brücke. Das Tal lag im Nebel, aber die Gipfel der angrenzenden Bäume schimmerten im Sonnenlicht. Heute wird kein grauer Tag. In Gedanken ging ich nochmal meinen Plan durch. All das, was ich mir wochenlang auf mehrere karierte Seiten aufgeschrieben und auswendig gelernt hatte, bevor ich die Seiten am Steinbruch verbrannte. Auch körperlich hatte ich mich vorbereitet. Fast jeden Tag, bin ich zwei Runden um den Steinbruch gerannt. Erst als ich die zwei Runden in unter neun Minuten schaffte, war ich zufrieden. Ich hatte mich überwunden, im Erlebnisbad, meine Augen unter Wasser zu öffnen. Immer und immer wieder hatte ich es geübt und am Ende war es ganz einfach. Ich konnte meine Luft für eine Minute anhalten. In der Scheune meiner Großeltern hatte ich gegen die hart gepressten Strohballen geboxt, bis meine Fingerknöchel vom harten Stroh ganz wund waren. Alles was ich in den Youtube-Videos gesehen hatte, versuchte ich umzusetzen, auch wenn einiges mir ziemlich idiotisch vorkam:
„Lernen sie, fünfzehn Minuten regungslos, still zu stehen.“
Das schaffte ich einfach nicht. Die Uhr meiner Stereoanlage im Blick, stand ich in meinem Zimmer und versuchte mich nicht zu bewegen. Warum war das so schwer? Länger als vier Minuten schaffte ich es nie. Ich fand darin auch keinen Sinn und im Video wurde auch nicht erklärt, weswegen man das können sollte.
„Meiden sie Bahnhöfe und öffentliche Plätze mit Überwachungskameras.“
Das war leichter als gesagt und unmöglich.
„Regel Nummer eins: kein Handy!. Handys verraten ihren genauen Standort.“
„Regel Nummer zwei: Rufen sie niemals, bei Personen aus ihrem persönlichen Umfeld an. Auch nicht aus Telefonzellen. Jedes Telefonat kann zurückverfolgt werden und ihren Standort verraten.“
„Bezahlen sie alles bar. Bezahlen sie niemals mit Karte.“
Ich besaß gar keine Karte, das war also einfach.
„Haha… du hast weder eine Karte, noch Bargeld“ meldete sich plötzlich die Stimme in meinem Kopf.
„Natürlich hab ich Bargeld“ widersprach ich.
„Dreiundfünfzig Euro und zwanzig Cent, wie weit willst du, dummes Kind, damit kommen?“ fragte die Stimme.
Jetzt war ich es, die keine Antwort darauf hatte. Das Geld wird reichen, dachte ich trotzig.
Bisher lief doch alles nach Plan, beruhigte ich mich. Ok, dieser dumme Fehler mit dem Handy. Aber wie weit war ich gefahren, als ich den Fehler bemerkte? Vielleicht zwanzig oder fünfundzwanzig Kilometer.
„Tja Baby, nun weiß man in welche Richtung du gefahren bist. Man wird eins und eins zusammen zählen.“ sagte die böse Stimme.
Ehe man mich findet, ist alles längt vorbei!
Ich dachte an Tomi. In ein paar Stunden wird er sein Moped vermissen. Vielleicht wird er auch bei mir anrufen um mir vom Diebstahl zu berichten und feststellen, dass mein Handy aus ist. Dann wird er meine Großeltern anrufen und erfahren, dass ich weg bin. Vielleicht hatte mein Plan doch einige Fehler.
„Genau. Und bald schon wird man dich schnappen.“ sagte die Stimme und lachte hämisch.
Je länger ich über alles nachdachte, desto unsicherer wurde ich. Nein. Nein, jetzt bloß nicht aufgeben. Ich werde es schaffen. Ich muss es schaffen!

Die Zeit war wie im Flug vergangen. Dalenstein. Hier musste ich aussteigen.
Die Morgenkälte war verschwunden.
Milde Luft wehte mir sanft ins Gesicht als ich auf dem Bahnsteig des kleinen Bahnhofs stand und den wegfahrenden Zug nachschaute.
Außer mir war niemand ausgestiegen. Ich lief um das Gebäude, quer über einen kleinen Parkplatz und fand mich mühelos in dem kleinen Ort zurecht. Mehrmals hatte ich mir die Route im Internet angeschaut. Ich hatte mir den Weg genau eingeprägt. Alle markanten Punkte waren genauso, wie ich sie in meinem Kopf abgespeichert hatte. An der Apotheke vorbei, bei der Schule rechts abbiegen und dann immer gerade aus. Bis zum Supermarkt. Links abbiegen in die schmale Straße, zu der auf beiden Seiten Felder liegen und die geradewegs in die kleine Siedlung führt. Schon nach zehn Minuten hatte ich den Supermarkt erreicht. Auf dem Parkplatz davor standen nur zwei Autos. Mein Magen knurrte und ich beschloss mir etwas zu Essen zu kaufen. Ich betrat ohne Einkaufswagen den Markt. In der Obstabteilung riss ich zwei Bananen von einer Staude und packte sie in eine kleine durchsichtige Plastiktüte, die zusammengerollt neben den Obstfächern lagen.
Gern hätte ich mir einen Jogurt mitgenommen, aber hatte dann keine Lust einen Jogurt ohne Löffel zu essen.
Ich nahm mir eine kleine Flasche Apfelsaft, ein Brötchen und eine Packung Minisalamis. Ich lief durch den Gang mit den Wühltischen. Es gab Eimer, Wäscheleinen und Bügeleisen. Im Tisch daneben waren verschiedene Plüschtiere und keine Spielzeugautos.
Und Armbanduhren! Für Damen und Herren, stand auf dem Schild, was über dem Tisch angebracht war. Elf Euro und fünfundneunzig Cent. Ich überlegte eine Weile. Verdammt, wieso hatte ich keine Uhr von zuhause mitgenommen? Eine Uhr könnte ich gut gebrauchen. Aber mein Geld war knapp.
Ich drehte mich einmal in alle Richtungen, es war niemand zu sehen. Und ohne lang zu überlegen, hob ich mein Kapuzenshirt hoch, steckte eine Uhr, die auf einer stabilen Pappe befestigt war, in meinen Hosenbund und zog mein Shirt wieder runter. Hastig blickte ich abermals in alle Richtungen.
Mir wurde heiß und kalt und mein Herzschlag wurde schneller. Langsam schlendere ich zur Kasse und versuchte unauffällig zu wirken. Jetzt nur nicht auffallen!
Das Laufen was unangenehm, bei jedem Schritt drückte die Kante der Pappe an meinen Bauch.
Ich verfluchte denjenigen, der sich diese idiotische Verpackung einfallen lassen hat.
An der Kasse war niemand. Ich legte meine Sachen aufs Band. Dann endlich kam eine Kassiererin. Meine Hände schwitzten und zitterten. Als ich bezahlt hatte, verließ ich schnell den Markt und konnte es kaum erwarten, endlich meinen Bauch von dieser Pappkante zu befreien.
Ich setzte mich auf die hohe Bordsteinkante des Parkplatzes und versuchte die Uhr von der Pappe zu lösen. Dabei hielt ich immer den Eingang des Marktes in Blick. Ich hätte vor Wut am liebsten laut losgebrüllt. Diese Verpackung! Endlich gelang es mir die Uhr von der Pappe zu lösen.
Die Uhr war keine Schönheit, aber wenigsten würde ich jetzt immer wissen, wie spät es ist.
„Ist denn die richtige Uhrzeit eingestellt?“ fragte die Stimme.
Ich könnte jemand nach der Uhrzeit fragen und es überprüfen. Doch dann kam mir ein Einfall und ich zog triumphierend den Kassenzettel aus meiner Hosentasche. Auf dem Kassenzettel war das Datum und die Uhrzeit abgedruckt. Die Uhrzeit auf dem Kassenzettel war 11:10 Uhr, auf meiner neuen Uhr war es 11:12 Uhr. Na bitte, sie geht richtig. „Super Emi, das war prima.“ sagte ich zu mir selbst.
Darauf wusste selbst die böse Stimme in meinem Kopf nichts zu sagen.
Ich trank den halben Apfelsaft, aß das Brötchen und eine Minisalami. Die Bananen und den anderen Rest steckte ich in meinen Rucksack. Ich knüllte die leere Folienverpackung der Salami zusammen und warf sie hinter mir auf den Grünstreifen ohne mich umzudrehen.
„Man darf keinen Müll auf die Wiese werfen!“ hörte ich eine Stimme.
Ich drehte mich um. Ein etwa achtjähriges Mädchen stand mit verschränkten Armen keine zwei Meter hinter mir.
„Räum das sofort auf.“ sagte sie. Ich war ganz verdutzt, sagte dann aber: „Räum es doch selbst weg.“
„Du spinnst wohl.“ sagte sie und tippe sich dabei mit ihrem Zeigefinger an die Stirn:
„Meine Mama arbeitet im Supermarkt, gleich kannst du was erleben.“
Sie stampfte an mir vorbei und steuerte den Eingang des Marktes an.
„Meine Mama arbeitet im Supermarkt“ äffte ich sie nach.
Doch als ich sah, das sie es wirklich ernst meinte, rief ich ihr hinterher:
„Warte… Du hast recht, das macht man nicht. Ich werf es in den Mülleimer. OK?“
Ich hob die Folie und auch die Pappverpackung der Uhr auf und lief zur Mitte des Parkplatzes.
Direkt unter einer großen Laterne war ein Mülleimer. Die Kleine lief neben mir her und vergewisserte sich, dass ich den Müll auch wirklich in den Eimer warf.
„Zufrieden?“ fragte ich und ging zurück zu meinem Rucksack, der noch immer am Rand des Parkplatzes auf dem Bordstein stand.
Sie folgte mir.
„Ich heiße Sara“ sagte sie und fügte hinzu: „ohne h.“
„Okey“ sagte ich langezogen.
„Und wie heißt du?“ wollte sie wissen.
„Laura“ log ich wie aus der Pistole geschossen.
Wie zum Geier kam ich auf Laura? Ich kannte keine Laura.
„Ich bin neun und du?“ fragte sie weiter.
„Sechszehn“ log ich.

„Cool “ sagte sie. Dann drehte sich schnell um, so das ihre beiden geflochtenen Zöpfe herum wirbelten und sagte: „Ich muss jetzt gehen.“
Dann rannte ‚Sara –ohne h‘ weg.


Eine Frau schob einen übervollen Einkaufswagen über den Parkplatz und schielte zu mir herüber.
Es war fünf vor halb zwölf. Im direkten Sonnenlicht war es angenehm warm.
Fast schon zu warm. Trotzdem ließ ich mein Kapuzenshirt an, zog aber die Kapuze vom Kopf und lief langsam die Straße entlang, in Richtung Siedlung.
Eine Katze saß ein paar Meter vor mir am Straßenrand und beobachtete mich. Als ich näher kam, sprang sie auf und flüchtete über das Feld.
Nach fünf Minuten erreichte ich die letzte Kurve. Ein Verkehrsschild, das eine erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 30 zeigte, war beschmiert worden.
Mit schwarzem Filzstift hatte irgendein Spaßvogel aus der Dreißig einen Schneemann gemalt.
Aus der Null war ein Gesicht mit abstehenden Ohren entstanden.
Das können nur Kinder gewesen sein. Ob das Schwein auch Kinder hat? Kleine Schweinekinder. Ferkel! Ich musste über meine eigenen Gedanken grinsen. Doch dann dachte ich, dass er eigentlich gar kein Schwein ist. Schweine sind schlaue Tiere und ich mochte sie. Als ich noch kleiner war, hatten meine Großeltern ein Schwein. Es hieß Rosa. Es machte mir unheimlich Spaß, die eingeweichten Brote und Kartoffelreste, die meine Oma zu einem Brei in einem Eimer verrührt hatte, in den Trog zu kippen und Rosa dabei zuzusehen, wie sie im Nullkommanichts, schmatzend den Trog leer fraß. Danach steckte sie ihre Nase durch das Gitter und sah mich mit ihren kleinen Augen an. Ich streichelte dann immer vorsichtig mit nur einem Finger über die Nase. Sie fühlte sich ganz weich an. Rosa hob dann immer mehrmals ihren Kopf in die Höhe, wie als würde sie nicken und grunzte zufrieden.
So ein niedliches Tier war der Mörder meiner Eltern nicht. Er war kein Schwein. Er war ein Monster. Ein Säufer. Ein besoffenes Monster!


Es gab nur auf der linken Straßenseite Häuser. Auf der rechten Seite befand sich ein kleiner Parkplatz, ein kleiner Spielplatz mit Rutsche und Sandkasten, sowie ein Doppelgarage.
Die fünf Häuser grenzten an den dichten Wald und standen nicht weit auseinander.
Hausnummer 3b war das vorletzte Haus. Ich betrachtete es unauffällig, während ich daran vorbei lief. Die Rollläden waren herunter gelassen.
Die enge Straße endete mit der Hausnummer 3c und ging dann in einen Feldweg über.
Ich lief ein paar Meter den Weg entlang und setzte mich in den Schatten einer großen Fichte.
Warum waren die Rollläden herabgelassen? Ich schaute auf die Uhr. 11:45 Uhr. War er arbeiten? Lebte er allein? All das konnte ich nicht herausfinden. Die ganze Straße schien verlassen, nur gegen 13 Uhr kam ein gelbes Postauto. Es fuhr bis zum Ende der Straße, da wo sie in den Feldweg überging. Rasch ging ich ein paar Meter in den Wald und duckte mich. Das Auto wendete, indem es mehrmals vor und zurück fuhr und hielt dann zwischen dem letzten und vorletztem Haus. Eine Frau stieg aus, lief erst zum letzten, dann zum vorletzten Haus, warf Post in den Briefkasten und fuhr dann einige Meter weiter, um erneut auszusteigen. Als das Auto vorn abbog, Richtung Ort, kam ich aus meinem Versteck hervor, setzte mich wieder unter die Fichte und beobachtete die Straße.
Fast eine Stunde saß ich so da und ging meinen Plan nochmals in Gedanken durch. Ich würde mich vom Wald an die Rückseite des Hauses heranschleichen. Auf Google Maps hatte ich gesehen, dass hinter den Häusern, Gärten waren. Ziemlich unscharf, aber man konnte es dennoch erkennen.
Doch wie würde es weiter gehen? Ich wusste nicht mal ob er eine Frau hatte, oder Kinder. Im Grunde genommen wusste ich nichts.
„Schön dämlich.“ sagte die Stimme in meinem Kopf.
Damit hatte sie ausnahmsweise Recht. Doch was nützt es, wenn ich noch länger herum sitze, dachte ich und lief ein paar Meter in den Wald und dann parallel zur Straße hinter den Häusern entlang zur Hausnummer 3b. Der erste Garten war ziemlich verwildert. Am Zaun standen hohe Brennnesseln und im Garten lagen ein paar kaputte Stühle und daneben mehrere verbeulte alte Regenrinnen.
„So ein Mist.“ sagte ich leise als ich sah, dass ausgerechnet bei Hausnummer 3b mir eine große, dichte Hecke, den Blick in den Garten versperrte. Die Hecke war etwas höher als der Gartenzaun. Ich nahm den Rucksack ab, zwängte meinen Fuß zwischen die Latten und trat auf die Querstrebe. Mit einem Schwung stieß ich mich hoch und stütze mich mit ausgestreckten Armen mit den Händen auf dem oberen Rand der Zaunlatten ab. Ich streckte meinen Kopf in die Höhe und konnte einen kleinen Blick in den Garten erhaschen. Das erste was ich sah, war eine Schaukel. Er hat ein Kind! Oder vielleicht sogar mehrere Kinder? Dann hat er sicher auch eine Frau! Neben der Terrassentür lehnte ein kleines Kinderfahrrad.
Die Rollläden der Fenster waren nicht geschlossen, aber Gardinen verhinderten den Blick ins Innere.
Mit einem kurzen Knacken, brach plötzlich eine Zaunlatte oben ab. Beim Absturz streifte ich mit meinem Kinn die Bruchstelle und fiel auf den Rücken. Mir wurde schwindlig. Ich hatte Mühe mich aufzusetzen. Blut tropfte auf meinen Schoß. Ich rieb vorsichtig mit meiner Hand über das Kinn, es brannte nur leicht bei der Berührung. Erst jetzt schoss der Scherz, wie ein Messerstich durch meinen Mund. Es dauerte noch den Bruchteil einer Sekunde, bis ich realisierte, dass ich mir beim Sturz auf die Zunge gebissen hatte. Ich streckte sie vorsichtig raus, Blut lief in langen Fäden über mein Shirt, bis zur Hose. Ich tastete mit dem Zeigefinger an die Zunge. Wie es schien, hatte ich mir kein Stück abgebissen. Aber als immer mehr Blut aus meinem Mund lief, bekam ich Panik. Ich wusste nicht, was ich tun soll. Ich kam mir hilflos vor. Werde ich verbluten?
„Natürlich wirst du das, Schätzchen. Du wirst verbluten und man wird dich erst nach Monaten finden. Als Skelet. Und alles wird voller Maden sein.“ sagte die Stimme.
Ich schmeckte Blut. Vorsichtig versuchte ich zu spucken. Mein Puls raste. Ich versuchte mich zu beruhigen aber es gelang mir nicht. Ich kramte die Wasserflasche aus meinem Rucksack und nahm einen winzigen Schluck. Die Kohlensäure brannte wie Feuer. „Scheiß drauf!“ dachte ich, kippte den gesamten Inhalt meines Rucksackes aus, nahm mein Smarthone und legte den Akku ein.
Ich musste von Regel Nummer eins abweichen!
Die SIM-Karte ließ ich weg. Es kam mir endlos vor, ehe das Handy hoch gefahren war. Ich schaltete die Kamera auf Selfiemodus. Mein Kinn war aufgekratzt. Wie mit einem Lineal gezogen, verliefen drei kurze Kratzer parallel über das Kinn.
Ich streckte meine Zunge vorsichtig heraus, so weit es ging. Mit weit geöffnetem Mund betrachtete ich meine Zunge im Display. Die Zwischenräume meiner Zähne waren rot vom Blut.
Viel war nicht zu erkennen. Mit dem Zipfel meines Shirts tupfte ich vorsichtig meine Zunge ab. Jetzt konnte ich eine kleine schnittförmige Wund erkennen, sie sich sofort wieder mit Blut füllte, sobald ich das Shirt wegnahm. Ich tauchte den Zipfel in die Wasserflasche und drückte ihn einige Zeit gegen die Wunde.
Es brannte fürchterlich.
Dennoch war ich einigermaßen beruhigt. Die Wunde war nicht groß. Und auch wenn sich die Zunge eigenartig taub anfühlte, werde ich nicht daran sterben.
„Bist du dir da sicher?“ sprach die Stimme. Ich nahm ein Papiertaschentuch, knüllte es zusammen, nahm es in den Mund und presste meine Zunge dagegen.
Nach einiger zeit spuckte ich das Tuch aus und betrachtete nochmal meine Zunge. Es hat definitiv nachgelassen, stellte ich erleichtert fest. Ich nahm noch einen Schluck Wasser und spülte mit einem weiteren Schluck meinen Mund aus.
„Hallo, hallo, Test.“ sagte ich halblaut. OK ich konnte noch sprechen. Ein letztes Mal betrachtete ich meine Zunge auf dem verschmierten Display meines Smartphones. Es blutete kaum noch. Zur Sicherheit knüllte ich noch ein Papiertaschentuch zusammen und steckte es in den Mund.
Ich schaltete das Handy aus, nahm den Akku heraus und verstaute alles sorgfältig im Rucksack.
Das zusammengerollte T-Shirt mit der Pistole und der Munition legte ich ganz oben in den Rucksack.
Ich zog mich in den Wald zurück und lief eine Weile leicht bergauf, durch dickes Unterholz. Ich setzte mich auf einem Baumstumpf und spuckte das Tuch aus. Der Gartenzaun nicht mehr zu sehen. Nur den Rand der Hecke und das obere Stockwerke von Hausnummer 3b konnte ich erkennen. Ich zündete mir eine Zigarette an. Meine Hände zitterten noch immer. Ich hatte verdammtes Glück gehabt, sagte ich leise zu mir selbst.
„Glück gehabt? Du hast überall deine DNA hinterlassen.“ sprach die Stimme.
„Meine DNA werden sie erst finden, wenn das Schwein tot ist. Und dann ist es scheißegal.“ sagte ich trotzig.
Wieder überkam mich diese Wut. Ich werde ihn auf der Stelle töten! Ohne weiter nachzudenken, holte die Pistole aus dem Rucksack, prüfte den Sicherungshebel und steckte sie in den Hosenbund meiner Jeans. Den Rucksack ließ ich neben dem Baumstumpf stehen.
Zügig lief ich den Wald hinunter, bis zum Zaun. Diesmal lief ich nicht in Richtung des Feldweges, sondern in die andere Richtung, bis zum Ende des Zaunes und bog von vorn wieder in die Siedlungsstraße ein. Vor der Hausnummer 1 stand ein blauer Golf. Ich lief an der Nummer 2 vorbei. Bei Nummer 3a war ein Fenster im Erdgeschoss gekippt und ich hörte leise Musik. Dann stand ich vor Nummer 3b. Ich spähte durch den Briefkastenschlitz. Es war nur ein Brief darin. Völlig unüberlegt drückte ich auf den Klingelknopf der mit „Weber“ beschriftet war und ein Gong ertönte.
Ding Dong Dong. Er klang fast wie der Pausengong in unserer Schule. Ich klingelte ein zweites Mal aber nichts geschah. Ich schaute auf meine Uhr. Es war kurz vor fünfzehn Uhr. Ich hatte nie darüber nachgedacht, was ich tun werde, wenn ich ihn nicht antreff.

Ich beschloss einfach zu warten. Und wenn es die ganze Nacht dauern würde. Ich lief den Weg zurück, holte meinen Rucksack und lief dann zum Feldweg und setzte mich wieder unter die große Fichte.
Von hier aus hatte ich die ganze Straße im Blick. Ein Mann stieg in den blauen Golf fuhr die Straße in meine Richtung. Ich ging hinter die Fichte und duckte mich. Der Golf schlug stark nach links ein, bremste, fuhr kurz rückwärts, wieder ein Stück vorwärts und setzte nochmal zurück, bis auf den Feldweg. „Krrrrrr“ machte das Getriebe, als er den Vorwärtsgang einlegte. Die Räder drehten durch und ein paar Kieselsteine wurden nach hinten geschleudert. Er fuhr mit hohem Tempo davon und hinterließ eine Staubwolke.
So ein Idiot, dachte ich. Ist der besoffen?
Krrrrrr, genauso klang es bei meiner Mama. Ich lehnte mich wieder an die Fichte, schloss kurz die Augen. Krrrrrr… Und plötzlich war die Erinnerung da. Nein, es war nur ein Teil einer Erinnerung. Meine Mama fährt, mein Papa sitzt daneben, ich sitze hinten. Eine Ampel… Grün und dann Krrrrrr.
Mein Papa schreit meine Mama an: „Du kannst nicht fahren. Du kannst einfach nicht fahren. Du ruinierst das Getriebe.“ „Dann fahr du doch selbst!“ sagte meine Mama.
Wann war das gewesen? Ich wusste es nicht.
Hatte ich das geträumt? Nein! Ich hatte das nicht geträumt! Plötzlich war das Bild ganz klar.
Krrrrrr… der Streit. Vorwürfe.
„Du fährst wie eine Idiotin!“
„Würdest du nicht rasen, wie eine gesenkte Sau, dann hättest du deinen Führerschein noch und könntest selbst fahren. Wer von uns beiden ist der Idiot?“
„Herrgott nochmal, in vier Wochen hab ich ihn wieder! Also halt den Ball flach!“
„Ich ruiniere das Getriebe? Du ruinierst uns mit deiner Raserei! 320 Euro Strafe, da können wir das Geld auch gleich zum Fenster raus schmeißen.“
„Wer bringt denn das ganze Geld nach Hause?“
„Wirfst du mir jetzt etwa vor das ich den Haushalt schmeiß? Wer wollte denn, dass ich zuhause bleib? Ich mach das nicht mehr mit.“
„Pass doch auf!“ schrie mein Papa. Dann der Knall. Alles schwarz. Und die Stille.
Tränen liefen mir die Wangen herunter. Nein, nein , nein. Meine Mama hatte keine Schuld.
Das Monster war besoffen. Das Monster hatte meine Eltern getötet.
Ich sah einen Mann mit einem Fahrrad die Straße einbiegen. Wieder duckte ich mich. Vor der Hausnummer 3b stieg er ab, lehnte das Fahrrad neben dem Eingang an die Wand. Er öffnete den Briefkasten, nahm den Brief heraus und ging dann ins Haus.
Ich war wie versteinert. Das ist das Monster! Er fährt Fahrrad. Ja richtig, man hatte ihm ja den Führerschein weggenommen.
Adrenalin schoss durch meinen Körper. Ich legte den Rucksack hinter die Fichte und ging mit schnellen Schritten bis zum Haus 3b. Mein Herz raste. Ich zog meine Kapuze über den Kopf und drückte mehrmals kurz auf den Klingelknopf. Ding Dong Dong. Noch ehe die Haustür geöffnet wurde zog ich die Glock aus dem Hosenbund und entsicherte mit dem Daumen die schwere Waffe. Die Haustür ging auf, ich streckte den Arm aus und zielte genau auf seine Brust.
„Ehh… was…“ sagte er.
„Rein! “ sagte ich und er ging tatsächlich zwei Schritte rückwärts.
Ich zog die Tür hinter mir zu, ohne die Waffe abzusetzen.
„Geh weiter!“ sagte ich. Meine Stimme zitterte eigenartig.
„Was … was soll das…“ sagte er. Er drehte sich tatsächlich um und ging durch den Flur in ein großes Zimmer das rechts lag. Aha, dass ist also das Wohnzimmer des Monsters, dachte ich.
„Wer bist du?“ sagte er ängstlich und starrte auf die Pistole.
„Halst deine Fresse und setz dich dort hin.“ mit der Pistole zeigte ich auf einen Sessel um sie gleich danach wieder auf seine Brust zu richten. Ich hielt zwei Meter von ihm Abstand. Ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt. Er war klein und schmächtig. Er setzte sich in den Sessel.
„Hände über den Kopf“ sagte ich und meine eigene Stimme kam mir fremd vor. Er hob seine Hände über den Kopf und ich streifte meine Kapuze vom Kopf.
Er sah mich entsetzt an. „Du.. du bist ja ein Kind.
„Halt deine Fresse oder ich töte dich sofort“ schrie ich ihn an.
„Mädl, macht dich nicht unglücklich.“ sagte er völlig ruhig und nahm seine Hände herunter.
„Hände hoch! “ schrie ich hysterisch.
„Man kann doch über alles reden.“ sagte er und fügte hinzu: „Drogen.. hab ich recht?“
„Nimm die Hände hoch!“
„Brauchst du Geld? Das ist doch keine Lösung.“
„Du sollst die Hände hochnehmen.“ schrie ich abermals. In meinem Kopf drehte sich alles.
Meine Kehle war komplett ausgetrocknet. In meinen Schläfen hämmerte es.
Plötzlich stand er auf und sagte: „Mädl, nimm die Waffe herunter.“
In diesem Moment drückte ich ab. Es knallte dumpf. Der Rückschlag riss meinen Arm nach oben. In meinen Ohren klingelte es eigenartig. Die Patronenhülse wurde auf einen flachen Couchtisch geschleudert und rollte bis zur Kante. Lautlos fiel sie auf den weichen, flauschigen Teppich.
Er schrie nicht. Er ließ sich einfach zurück in den Sessel fallen, rutsche herunter und hielt seine Hände vor den Bauch. Zwischen seinen Fingern quoll dunkelrotes Blut hervor. Er saß breitbeinig vor dem Sessel auf dem Boden und starrte seinen Bauch und dann mich an.
„Was… was hast du getan?!“ schrie er plötzlich völlig laut. Seine Stimme überschlug sich.
„Ich… ich brauche einen Arzt! Was hast du getan!“
Ich konnte nichts sagen. Ich konnte mich nicht bewegen. Völlig steif, stand ich unter Schock da und sah, wie immer mehr Blut zwischen seinen Händen herunter, auf den hellgrauen Teppich lief.
„Ich brauch einen Arzt!“ Speichel lief aus seinem Mundwinkel.
Erst jetzt senkte ich die Waffe. Alles lief so unwirklich, wie in einem Film vor meinen Augen ab.
„Bitte… ich brauch einen Arzt.“ jammerte er.
„Meinen Eltern konnte auch kein Arzt mehr helfen.“ sagte ich und erschrak, über meine
kalte, emotionslose Stimme.
Er sah mich fragend an.
„Wie.. was Eltern“ er sprach kurzsilbig und abgehackt. Das Atmen fiel ihm schwer.
„Du hast meine Eltern getötet. Dafür musst du sterben.“ herrschte ich ihn an.
„Nein… nein .. ich habe nie… manden… get..getötet.“ sagte er schwach.
„Stirb endlich!“ sagte ich.
„Bitte … einen Arzt…“
Ich richtete die Pistole auf ihn: „Stirb! Verdammt nochmal du sollst sterben.“ Jetzt klang meine Stimme verzweifelt.
Eine Träne rann über meine Wange und ich fragte ihn: „Warum hast du meine Eltern getötet? Warum bist du besoffen gefahren?“
„Ich… ich gieße hier nur die …. die Blumen.“
„Was?“ sagte ich hastig.
„Ich.. habe.. deine Eltern.. nicht.. getötet. Ich gieße hier... nur die Blumen.“
„Du bist Norbert Weber.“ schrie ich.
„Nein.. Rolf.. ich bin Rolf, ich gieße nur die Blumen. Norbert ist… ist..im Urlaub“ keuchte er.
„Du lügst!“ schrie ich außer mir. Mein Herzrasen war zurück.
„Nein..“ sagte er
Er griff mit einer Hand hinter sich.
„Hände hoch, ich schieße!“
Er zog ein Portmonee hervor und schob es in meine Richtung.
Ich zog es mit dem Fuß zu mir heran und hob es auf, ohne ihm aus dem Blick zu lassen.
Er atmete sehr schnell. Sein rechter Arm hing nun schlaff herunter.
„Bitte.. ruf einen ..Arzt. Bitte..“
Ich klappte das Portmonee auf. Ich fand seinen Ausweis.
Rolf Sandner. Mir wurde speiübel.
„Wer bist du?“ fragte ich verzweifelt.
„Rolf.. Arbeit… Arbeitskollege.“
„Wo ist Norbert?“
„Urlaub“
Ich heulte wie ein kleines Kind. Ich lief im Zimmer auf und ab und meine Kehle war wie zugeschnürt.
„Ich gieße nur die Blumen… und hole die Post rein... Bitte ...ich brauch einen …Arzt.“
„Wann kommt er wieder?“ fragte ich und beugte mich zu ihm hinunter. Ich wusste, dass von ihm keine Gefahr mehr ausging.
„Wann kommt er wieder?“ fragte ich nochmal.
Er schloss seine Augen und sagte:
„siebenundzwanzigsten… siebenundzwanzigsten April. “
In meinem Kopf drehte sich alles, mir war schwindlig. Das ist ja erst in drei Wochen!
Ich legte die Pistole auf den Tisch und kniete mich neben ihn.
Er tat mir so unendlich leid.
„Was hab ich getan? Was hab ich nur getan…“
Jetzt erst spürte ich die stechenden Kopfschmerzen. Mein Magen krampfte sich zusammen. Ich drehte mich zur Seite und musste mich heftig übergeben. Ich wischte mir mit dem Ärmel den Mund ab. Vor meinen Augen flimmerte es. Ich werde ohnmächtig dachte ich.
Rolf atmete nur noch schwach. Er sah mich an.
„Vergib mir“ flehte ich ihn an.
„Vergib mir bitte“. Ich schrie und weinte gleichzeitig. Meine Augen brannten.
„Dafür kommst du in die Hölle.“ sagte die Stimme in meinem Kopf.
Ich konnte nicht mehr. Ich nahm die Pistole und steckte den Lauf in meinen Mund.
„Nein… nicht…“ sagte Rolf plötzlich.
Ich kroch zu ihm und hielt seine Hand.
„Verzeih mir.“
Doch er konnte mich nicht mehr hören.
Sein Kopf fiel auf die Seite und seine Arme hingen schlaff herunter. Sein Pullover war blutdurchdrängt. Er war tot. Ich wusste sofort, dass er tot war. Ich werde nie diesen Anblick vergessen. Sein Gesicht sah plötzlich ganz anders aus. Ich riss eine Decke vom Sofa und legte sie über seinen Kopf und den Bauch.
Ich ließ mich auf den Boden sinken und legte mich auf den Rücken.
Immer wieder sagte ich leise: „Es tut mir so leid.. es tut mir so leid.“
Ich erwachte in völliger Dunkelheit. Es dauerte einen Augenblick, ehe ich begriff wo ich mich befand.
Ich tastete die Wand nach einem Lichtschalter ab und fand ihn schließlich. Rolf lag unverändert da. Es war kein böser Traum gewesen. Wieder krampfte sich mein Magen zusammen.
Durch die Fenster die zum Garten führten, sah ich, dass es bereits dunkel war. Ich ließ die Rollläden herunter. Vorsichtig öffnete ich die Haustür, nur einen Spalt weit, und schaute hinaus.
Alles war ruhig. Das Fahrrad! Ich überlegte kurz und schob es in den Flur. Mein Rucksack fiel mir ein. Ich lief auf die andere Straßenseite. Diese verdammten Laternen! Im Haus Nummer 3c brannte Licht, aber die Gardienen waren zugezogen. Ich lief zügig bis zum Feldweg, nahm meinen Rucksack und lief ebenso schnell wieder vor bis zum Haus. Ich blieb noch einen Augenblick stehen, schaute aufmerksam in alle Richtungen und konnte nichts Auffälliges erkennen. Ich ging ins Haus. Ich bin erledigt, dachte ich. Ich habe versagt. Ich habe einen Menschen getötet. Das Monster kommt davon und ich lande im Gefängnis. Für nichts und wieder nichts. Ich zitterte am ganzen Körper. Ich nahm den Ausweis vom Boden und las:
Rolf Sandner, geboren am 14. Mai 1977.
Bergstrasse 11, Dalenstein.
Ledig.
Ledig, dachte ich.
„Tja, auch wenn er nicht verheiratet ist, wird ihn irgendjemand vermissen.“ sagte die Stimme triumphierend.
Das stimmte wohl, dachte ich. Ich schaute auf meine Uhr, es war kurz 19:27 Uhr.
Ich suchte das Badezimmer. Ich musste mehrere Türen öffnen, ehe ich es fand. Ich betrachtete mich in einem Spiegelschrank, ich sah fürchterlich aus. Meine Augen waren rot und dick gequollen. Mein Kinn war zerkratzt, mein Kapuzenshirt hatte mehre Blutflecke. Meine Jeans war schmutzig. Auf dem kleinen Regal neben dem Waschbecken stand ein Zahnputzbecher mit einer Bürste. Ich öffnete einen Schrank und fand nur ein paar Handtücher vor. Lebte das Monster hier allein? Ich durchsuchte alle Zimmer und Schränke. Es gab kein Kinderzimmer, in den Schränken gab es keine Frauenklamotten.
Die Küche sah unbenutzt und neu aus. Der Kühlschrank war bis auf eine Flasche Bier komplett leer.
Ich wusste nicht was ich tun sollte. Die Polizei rufen?
„Schätzchen, die werden doch sowieso kommen.“ Erklärte mir die Stimme in meinem Kopf.
Wie ferngesteuert lief ich zurück ins Bad, zog mich komplett aus und ging unter die Dusche.
Ich ließ das warme Wasser über meinen Körper laufen, weinte und war verzweifelt.
Ich nahm ein großes Handtuch und hüllte mich damit ein. Lange saß ich, gedankenversunken, auf dem Rand der Badewanne. Nein, sagte ich zu mir.
Dieses Monster ist schuld! Nicht ich. Dieses Monster ist schuld, dass ich einen Menschen getötet habe.
„Einen unschuldigen Menschen“ ergänzte die Stimme.
Aus meinen Rucksack nahm ich mir frische Kleidung.
Ich überlegte kurz. Rolf kam um 15:30 in dieses Haus. Jetzt war 20:37 Uhr. Hätte man ihn nicht längst vermissen müssen? Wäre nicht schon längst jemand hier aufgetaucht? Wieder lief ich durch alle Räume, es gab tatsächlich eine Menge Blumenstöcke. Trotzdem. Das Gießen schafft man in einer halben Stunde.
Er war ein Arbeitskollege. Vielleicht würde man ihn erst morgens vermissen, wenn er nicht auf Arbeit erschien. Ich durchwühlte alle Schränke, fand aber nichts, was mir verriet wo das Monster arbeitete.
Ich hatte die Adresse von Rolf Sander. Ich musste mir das Haus ansehen. Vielleicht konnte ich herausfinden, ob er allein lebt.
Ich erschrak fürchterlich als ein Telefon klingelte. Das Klingeln kam aus dem Flur. Ich lief die Treppe hinunter. Es klingelte mehrmals ehe ein Anrufbeantworter ansprang.
Eine Männerstimme sagte: „Hallo Rolf, habs schon bei dir probiert. OK, wenn du das abhörst… im Auto muss noch der Brief liegen. Hab ich völlig verschwitzt. Du musst ihn abschicken. Übrigens das Wetter hier ist super. Nächstes Jahr musst du unbedingt mitkommen.“ Dann sagte er etwas leiser: „Und die Weiber hier… ich kann dir sagen…“ Eine Frauenstimme kicherte im Hintergrund.
„Im Kühlschrank steht noch n Bier. Mach dir‘s auf. Ich melde mich morgen nochmal.“
Dann war eine kurze Pause. Es raschelte in der Leitung. Der Anrufbeantworter machte ‚Piep‘.
Dann blinkte eine kleine rote Lampe.
Ich drückte auf den Knopf auf dem „Abhören stand.“
„Sie haben eine neue Nachricht. Neue Nachricht… Eins.“
Ich hörte es nochmal an:
„Hallo Rolf, habs schon bei dir probiert. OK, wenn du das abhörst im Auto muss noch der Brief liegen. Hab ich völlig verschwitzt. Du musst ihn abschicken. Übrigens das Wetter hier ist super. Nächstes Jahr musst du unbedingt mitkommen. Und die Weiber hier… ich kann dir sagen…
Im Kühlschrank steht noch n Bier. Mach dir‘s auf. Ich melde mich morgen nochmal.“
Das war zweifelsfrei das Monster.
Im Auto? Welches Auto und wo stand es? Er hatte keinen Führerschein mehr.
Zuerst suchte ich den Brief, den Rolf aus dem Briefkasten geholt hatte. Ich fand ihn im Wohnzimmer auf einen kleinen runden Tisch, der neben einem modernen Sideboard stand. Es war eine Telefonrechnung.
Vorsichtig öffnete ich die Haustür und spähte zu dem kleinen Parkplatz hinüber. Es stand kein Auto da. War es in einer der Garagen?
„Na los, brech schon die Garagen auf. Damit hast du doch Erfahrung. Komm Baby, brech sie auf.“ sagte die Stimme.
Schwachsinn! Ich öffnete den kleinen Schlüsselkasten aus Metall, der neben der Haustür hing. An einem Haken hin ein Schlüsselbund. Ein Autoschlüssel war nicht dabei. Irgendeiner der Schlüssel wird zur Garage passen, dachte ich und sah im selben Augenblick etwas anderes. Auf der Innenseite der kleinen Tür des Schlüsselkastens war eine Visitenkarte mit einem Magnet befestigt.
Sander & Weber
Garten und Landschaftsbau
Dalenstein, Bergstrasse 11
Das war dieselbe Adresse, die auch im Ausweis von Rolf stand! Am unteren Rand waren noch eine Telefonnummer, sowie eine E-Mail-Adresse angegeben.
Ich nahm das Telefon im Flur und wählte die Nummer. Es klingelte und dann meldete sich ein Anrufbeantworter:
Im Moment erreichen sie uns leider nicht persönlich. Sie können eine Nachricht hinterlassen, wir rufen sie zurück. Vielen Dank.
Ich musste zu dieser Adresse. Ich steckte die Pistole, sowie meine dreckigen Klamotten in den Rucksack, nahm den Wohnungsschlüssel, den Rolf neben das Telefon gelegt hatte und verließ das Haus.
Jetzt war es spürbar kälter. Meine Haare waren noch nicht trocken und ich fror. In Hausnummer flimmerte ein Fernsehen. Ich lief bis zum Supermarkt und setzte mich kurz wieder auf den Bordstein, auf dem ich schon mittags gesessen hatte. Das Licht der mittig angebrachten Laterne reichte nicht bis zum Rand und ich saß im Schutz der Dunkelheit und ordnete meine Gedanken. Ich hatte keine Ahnung, wo sich die Bergstrasse befindet.
„Sitzen sie oft nachts auf Supermarktplätzen und wissen nicht wo sich die Bergstraße befindet?
- Sma-hart- fon“ sang ich in Gedanken zur Melodie des bekannten Jingles vor mich hin.
Nein! Auf keinen Fall!
Ich konnte aber unmöglich alle Straßen des Ortes ablaufen. Das wäre auch viel zu riskant. Ein Moped fuhr die Straße am Supermarkt vorbei und verschwand hinter der nächsten Kurve. Sofort musste ich wieder an Tomi denken. Längst hat er den Diebstahl bemerkt. Armer Tomi. Was werden meine Großeltern tun? Ich stellte mir vor, wie sie voller Sorgen zuhause am Küchentisch sitzen, vor Kummer nicht schlafen können und bei jedem Geräusch hoffen, ich komme heim. Ich verdrängte den Gedanken. Was soll das alles? Warum will ich diese Adresse finden? Wozu? Ich bin eine Mörderin. Ich kann nichts mehr rückgängig machen. Egal was ich jetzt tu, es ist alles sinnlos. Rolf bleibt tot und er wird auch nicht nächstes Jahr in den Urlaub fahren, weder wegen dem Wetter noch wegen irgendwelcher Weiber. Rolf liegt tot im Haus seines Arbeitskollegen. Er ist durch meine Hand gestorben. Ich bin eine Mörderin. Ein Monster. Ich war nicht besoffen gewesen, wie Weber als er meine Eltern in den Tod riss. Es war ein Unfall. Bei mir war es kein Unfall. Ich hab einfach den Finger krumm gemacht und das Leben von Rolf ausgelöscht. Ich fühlte mich unendlich einsam. Einsam und verlassen. Warum kann ich nicht einfach tot sein? Ich hatte kein Recht zu leben. Ich bin ein Monster!
Aber ich will nicht hier sterben. Nicht in diesem Ort, in dem ich mein Leben selbst zerstört habe.
Ich will noch einmal meine Großeltern sehen. Nur noch einmal. In diesem Moment wurde dieser Wunsch unbeschreiblich groß. Ich wollte diesen Ort einfach verlassen. Doch dazu würde ich Geld brauchen. Ich rannte zurück zum Haus. Ohne den toten Rolf anzuschauen hob ich das Portmonee auf. Es waren 72 Euro und 60 Cent darin. Nein, das konnte ich nicht tun. Ich brachte es nicht übers Herz. Ich hatte ihn getötet, ihn danach zu bestehlen konnte ich nicht. Wieder krampfte sich mein Magen zusammen und Tränen liefen über meine Wangen.
Weber wird irgendwo im Haus Geld haben! Der Gedanke, Weber zu bestehlen, würde mich mit Genugtuung erfüllen.
Ich durchwühlte alle Schränke, warf den gesamten Inhalt auf den Boden. Zimmer für Zimmer. Im Schlafzimmer drehte ich sogar die schwere Matratze um. Dass ich kein Geld fand, machte mich wütend. Voller Wut kippte ich den kleinen Nachttisch, der neben dem Bett stand, um. Die Nachtischlampe fiel herunter und der gläserne Schirm zerbrach.
Dann sah ich etwas. Unter dem Nachttisch lag ein Stapel Fotos. Was ich darauf sah, ließ mich erstarren. Auf den Fotos war Sara, Sara ohne h. Das Mädchen was ich am Supermarkt getroffen hatte. Sara auf einer Schaukel. Sara auf einem Klettergerüst. Sie war so fotografiert worden, dass man unter ihr Kleid schauen konnte. Deutlich war der Slip zu erkennen. Es schien als ob er sie heimlich fotografiert hat.
Auf einem Bild war Sara in einem Planschbecken. Unscharf und ganz am Rand sah man Rolf, der mit einer großen Schere eine Hecke schnitt. Weder Sara, noch Rolf schauten in die Kamera. Für mich war es eindeutig. Er hatte die Kleine heimlich fotografiert. Dann fuhr es mir plötzlich in den Sinn.
Seine Arbeit. Garten und Landschaftsbau. Er hatte sie während seiner Arbeit fotografiert!
Dann stockte mir der Atem. Auf zwei der Bilder war Sara zusammen mit einem anderen Mädchen splitternackt zu sehen. Beide lächelten in die Kamera. Entsetzt drehte ich mich um. Die Wand, die Gardine. Die Bilder wurden in diesem Zimmer aufgenommen!
Dieses perverse, dreckige Monster. Ich darf nicht sterben. Noch nicht. Erst muss dieses Monster sterben! Meine Wut war grenzenlos. Ich versuchte den großen Kleiderschrank umzuwerfen, doch es gelang mir nicht. Ich trat so lang gegen die offenen Türen, bis die Scharniere aus dem Holz brachen und die Türen krachend gegen die Wand flogen. Danach ging ich ins Bad und riss den Spiegelschrank von der Wand. Das ging erstaunlich leicht. Erschöpft setzte ich mich auf den Boden und lehnte mich an die Wanne. Wie sollte ich ihn finden? Ich brauchte einen Plan. Hier konnte ich nicht bleiben. Die Bilder, steckte ich in meinen Rucksack und überlegte kurz, ob ich das Haus anzünden sollte. Ich verwarf die Idee gleich wieder. Das wäre äußerst dumm gewesen! Ich verließ das Haus und lief Richtung Bahnhof. Ich musste weg. Weg von diesem Ort.
Irgendwo untertauchen, bis ich wieder klar denken kann. Soweit weg, wie das Geld reicht. Ich schaute auf die Uhr, es war weit nach Mitternacht. Sicher würde man Rolf in ein paar Stunden vermissen und dann würde man ihn finden.
Schon bald würde man nach mir suchen. Das Haus war voller Spuren. Hätte ich es doch anzünden sollen? Nein, dann würde man Rolf noch in dieser Nacht finden. Ich brauchte Vorsprung.
Auf dem winzigen Parkplatz der Apotheke fiel mir ein großer beleuchteter Kasten auf. Ich ging näher heran und schon von einigen Metern Entfernung konnte ich die große Karte erkennen. Ein Stadtplan!
Bingo! Ich lief nicht erst außen herum, sondern stieg über die zwanzig Zentimeter hohe, dornige Hecke an der Längsseite des Parkplatzes. Ich stürzte über einen Fahrradständer, den ich nicht gesehen hatte und fiel der Länge nach hin. „Verdammte Scheiße“ fluchte ich.
Ich zog mein Hosenbein hoch. Ich hatte mir ein Knie aufgeschlagen - es blutete leicht.
Ich humpelte zur Karte und fand auf Anhieb die Bergstraße.
„Oh man.“ sagte ich zu mir selbst. Die Straße befand sich in Höhe des Supermarktes in der entgegengesetzten Richtung der Siedlung. Ich lief den ganzen Weg zurück, duckte mich einmal hinter parkenden Autos als ein Taxi die Straße hoch fuhr. Am Supermarkt bog ich rechts ab.
Ich lief fast hundert Meter in die Bergstraße, ehe das erste Gebäude auftauchte. Es war ein Kindergarten. Er hatte die Hausnummer 5.
An einem kleinen Einfamilienhaus konnte ich keine Nummer erkennen, es war einfach zu dunkel. Gleich daneben stand eine ansehnliche Villa. Augenarzt Dr. Gudrun Haller, Gartenstraße 9, stand auf einem Metallschild an einem großen, reich verzierten Tor.
Das nächste muss es sein! Ich lief an einer Bushaltestelle vorbei. Dann kam lange Zeit nichts, nur ein Gartenzaun. Dann war ich verwirrt. Als ich das nächste Haus erreichte, konnte ich deutlich eine 13 erkennen. Wo war die 11? Ich lief zurück. Die Villa, danach das Haus wo ich keine Nummer erkennen konnte, dann der Kindergarten mit der Nummer 5.
„Was ist das für eine Scheiße!“ Ich lief zurück bis zur Kreuzung, die zum Supermarkt führt.
Mein Knie schmerzte. Wieder lief ich die Straße hinein und blieb vor dem Haus, dessen Nummer ich nicht erkennen konnte, stehen. Ich starrte in die Dunkelheit. Nichts. Ich konnte nichts erkennen. Das Gartentor war abgeschlossen. Ich beschloss über den Zaun zu klettern um näher an das Haus zu gelangen. Leise zog ich mich vorsichtig hoch und ließ mich auf der anderen Seite wieder herunter gleiten. Ich schlich zum Haus, doch als ich keine fünf Meter mehr vom Eingang entfernt war, ging plötzlich Licht an und der Eingangsbereich war hell erleuchtet. Vor Schreck spannten sie alle meine Muskeln. Im Bruchteil einer Sekunde sah ich nun deutlich eine Sieben. Ich rannte zum Tor und kletterte so schnell wie ich konnte darüber. Das Licht ging wieder aus. Es war ein Bewegungsmelder!
„Ok“ dachte ich. „Das ist die Sieben, aber wo zum Geier ist die Elf?“ ich lief an der Villa mit der Nummer neun vorbei. Wie konnte ich das übersehen? Zwei mal bin ich an dem Gartenzaun mit dem Schild vorbei gegangen:
Sander & Weber
Garten und Landschaftsbau
Bergstrasse 11
150 Meter
Ein dicker roter Pfeil zeigte die Richtung an.
Tatsächlich. Das nächste Haus war die Nummer Elf.
Genau vor dem Haus stand eine Laterne. Im Gegensatz zu den anderen Häusern, war hier kein Zaun davor. Ein kurzer Kiesweg führte bis zur Tür.
Das erste was mir auffiel, war ein Schaufenster mit einem Zettel:
Wir haben Urlaub. Wir sind am 3. Mai wieder für sie da.
Innen hing ein großer Lamellenvorhang. Ich versuchte etwas durch einen Schlitz zu sehen. Es sah aus, wie ein normales Büro. Gleich daneben befand sich die Eingangstür mit zwei Klingelknöpfen.
Auf dem unteren stand: Landschaftsbau auf dem oberen: R. Sandner.
Gleich neben dem Eingang stand ein Transporter. An den Seiten stand ebenfalls:
Sander & Weber
Garten und Landschaftsbau
Das obere Stockwerk war komplett dunkel. Das konnte bedeuten, dass Rolf alleine lebte, oder dass alle Mitbewohner schlafen. Vielleicht hatte er eine Freundin? Aber hätte sie ihn nicht längst vermisst? Dann fiel mir etwas ein. Ich ging noch einmal zu dem Klingelknopf. R. Sandner.
Am Briefkasten das Gleiche. Nur sein Name.
Es stand kein weiterer Name darauf. In seinem Ausweis stand: ledig. Würde eine Freundin mit hier wohnen, müsste dann ihr Name nicht auch mit auf dem Briefkasten stehen?
Allerdings könnte er eine Freundin haben, die nicht mit ihm zusammen lebt, aber ihn dennoch vermisst. Wahrscheinlich aber nicht in dieser Nacht. Ich weiß nicht warum, aber der Zettel mit dem Hinweis auf den Urlaub beruhigte mich.
Was, wenn ihn gar niemand vermisste? Was, wenn niemand weiß, dass er bei Weber im Haus war, um die Blumen zu gießen? Ich setzte mich hinter den Transporter im Schneidersitz auf den kalten Boden und zündete mir eine Zigarette an. Dieses flaue Gefühl im Magen wollte einfach nicht verschwinden.
„Schätzchen, natürlich vermisst ihn jemand. Seine Eltern, Freunde, jeder wird ihn vermissen.“
Das stimmte. Aber es besteht Hoffnung, dass niemand weiß, dass er bei Weber im Haus war.
Beim Monster! In welcher Beziehung stand Weber zur kleinen Sara? Warum war sie bei ihm Zuhause gewesen? Und wer war dieses andere Mädchen?
Ich fand keine logische Erklärung. Ich fühlte mich elend. Meine Zunge brannte noch immer, mein Knie schmerzte, mein Kopf glühte und ich war hundemüde. Ich beschloss in Webers Haus zu gehen. Der Gedanke an den toten Rolf ließ mich schaudern. Ich lief zurück. Die Häuser in der Siedlung waren alle dunkel. Ich ging ins Haus und zog, ohne hineinzublicken, die Tür vom Wohnzimmer zu. Ich wollte die Leiche nie mehr sehen. Im Bad hielt ich meinen Kopf über die Wanne und ließ kaltes Wasser über meinen Nacken laufen. Mein Hals kratze, ich spürte, dass ich krank werden würde.
Die Magenkrämpfe waren unerträglich. Ich schob den Spiegelschrank beiseite, den ich von der Wand gerissen hatte, um den Weg zur Toilette freizumachen.
Danach legte ich mich, zusammengekrümmt, auf den weichen Teppichboden im Schlafzimmer.
Fiebrig und fröstelnd schlief ich ein.
Ein LKW raste auf mich zu. Wie in Zeitlupe riss ich den Lenker herum.
Mit einem starken Hustenanfall wachte ich auf. Meine Stirn fühlte sich heiß an. Ich blickte auf meine Uhr und hatte Mühe die Zeit abzulesen. Mein Blick war verschwommen und mir war schwindlig.
Hatte ich wirklich so lang geschlafen? Es war bereits kurz nach 11 Uhr.
Ich lief die Treppe herunter, die untere Etage lag in völliger Dunkelheit. Ich tastete mich zum Fenster in der Küche und zog den Rollladen hoch. Ich schaute durch das Fenster in den Garten. Die Schaukel, das Kinderfahrrad. Hatte das etwas mit Sara zu tun? Ein Klappern riss mich aus meinen Gedanken. Ich schlich mich in den Flur, wo das Geräusch herkam. Durch die geriffelte Glasscheibe der Haustür, konnte ich schemenhaft ein Postauto wegfahren sehen. Vorsichtig öffnete ich die Tür und schaute durch den Schlitz in den Briefkasten. Irgendwo muss der Schlüssel sein, dachte ich. Ich holte den Schlüsselbund aus dem Schlüsselkasten und sofort stach mir der beschriftete Schlüsselanhänger ins Auge. Wieso war mir das nicht schon gestern aufgefallen? „Landschaftsbau“ stand drauf. Das musste der Schlüssel für das Büro sein! Ich probierte alle Schlüssel am Briefkasten aus, aber es passte keiner.
Ich versuchte meine Hand in den Schlitz zu zwängen, aber er war zu eng.
Viel zu spät bemerkte ich die ältere Frau die plötzlich auf der Straße, genau vor dem Haus, stehen blieb und „Guten Tag.“ sagte.
Ich zog schnell meine Hand zurück und sagte: „Hi.“
Es schien als wöllte sie noch etwas sagen, dann ging sie aber einfach weiter.
Mein Herz schlug bis zum Hals. Ich muss hier weg, war mein erster Gedanke. Ich rannte die Treppe hoch und bekam kaum Luft. Ich schnappte mir den Rucksack. Vom kleinen Fenster des Treppenabsatzes konnte ich die gesamte Straße erblicken, selbst der Supermarkt war von hier aus zu sehen. Nichts war auffällig. Ich ging hinunter, steckte den Schlüsselbund in meine Hosentasche und wollte gerade gehen, als ich eine Melodie hörte. Sie hörte auf und fing erneut an. Handy – schoss es mir in den Kopf. Ich lauschte kurz, die Melodie kam aus dem Wohnzimmer. Widerwillig öffnete ich die Tür.
Nur das Licht des Flures fiel in das Zimmer. Ich schaltete das Licht im Wohnzimmer nicht ein.
Das Klingeln kam definitiv von Rolf. Es verstummte. Ich überlegte kurz und ging dann langsam auf die Leiche zu. Vorsichtig und langsam zog ich die Tischdecke von ihm herunter. Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, nicht hin zu schauen, tat ich es dennoch und bereute es im selben Moment.
Seine Augen sahen grauenvoll verdreht aus, und die Haut hatte ein helles Grau.
Seine Hände sahen bläulich verfärbt aus.
Im Halbdunkel sah das viele Blut auf seinem Pullover und dem Teppich schwarz wie Teer aus. Ich tastete seine Hosentaschen ab. Da war es! Aber ich bekam es nicht aus seiner Hosentasche heraus. Rolf saß noch immer mit gespreizten Beinen auf dem Boden und lehnte mit dem Oberkörper am Sessel. Er müsste liegen, um das Handy aus der Tasche ziehen zu können. Da der Sessel fast an der Wand stand, konnte ich ihn nicht wegziehen.
Kurz überlegte ich ob ich seine Beine anheben und ihn vom Sessel wegziehen könnte, bis er flach auf dem Boden liegt. Mein Hals brannte und meine Hände zitterten. Ich umfasste seine Beine. Als ich sie leicht anhob ließ mich ein Seufzer vor Schreck erstarren. Mit einem Geräusch, das wie ein Stöhnen klang, entwich Luft aus dem Mund der Leiche. Der Brustkorb senkte sich. Ich ließ seine Beine fallen und stand wie angewurzelt da. Ich konnte mich nicht bewegen, alle meine Muskeln waren wie gelähmt. In kurzen Atemstößen versuchte ich Luft zu bekommen. Mein Herz hämmerte und drohte aus meiner Brust zu springen.
Dann spürte ich, wie etwas Warmes an meinen Beinen herunterlief.
Langsam senkte ich meinen Blick und sah, dass ich mir in die Hose gemacht hatte.
Erst jetzt schrie ich. Meine Muskeln entspannten sich, aber es fühlte sich an, als hätte ich im gesamten Körper Muskelkater. Ich lief rückwärts aus dem Zimmer und ließ mich an dem rot lackiertem Schrank im Flur, mit dem Rücken angelehnt, auf den Boden gleiten.
Ich saß einfach nur da. Mein ganzer Körper schmerze. Kalte Schweißperlen liefen mir über die Stirn.
Als ich ansatzweise wieder Atmen konnte, zog ich die Zigarettenschachtel aus meinem Rucksack und nahm meine letzte Zigarette heraus.
Ich hatte Mühe mit meinen zitternden Händen das Feuerzeug anzumachen.
Ich brauchte fast eine halbe Stunde ehe ich mich einigermaßen wieder beruhigt hatte. Ich brauche das Handy, dachte ich. Plötzlich kam mir eine Idee. Ich ging in die Küche und zog Schubfach für Schubfach heraus. Im dritten fand ich dann die Schere. Diesmal machte ich Licht im Wohnzimmer, wendete aber meinen Blick ab und blinzelte durch meine halbgeschlossenen Augen, während ich die Hosentasche ringsherum aufschnitt. Ich nahm das Handy, zog die Wohnzimmertür zu und verließ das Haus. Auf Höhe der Hausnummer 1 kam mir eine Frau mit Kinderwagen entgegen. Ich schielte zu ihr hinüber, sie beachtete mich jedoch nicht. Erst als ich den Supermarktparkplatz erreicht hatte, blickte ich auf das Handy von Rolf. Das Display ließ sich ohne Code entsperren. Ich setzte mich wieder auf den Bordstein.
Zwei Anrufe in Abwesenheit.
Ich schaute nach, beide Anrufe waren von „Norbert mobil“
Weber, das Monster, dachte ich. Weber hat also versucht den Rolf anzurufen. War er der einzige der ihn vermisste? Ich schaute die Kontaktliste durch. Ein paar Vornamen, zwei Einträge bei denen die Nummern ohne Namen eingespeichert waren, Pannenservice, Kundenservice. Insgesamt gab es nur zwölf Einträge. Er musste ziemlich einsam gewesen sein. Ich versuchte mir meine Kontaktliste vorzustellen. Wie viel Einträge hatte ich? Ich wusste es nicht genau, aber ich wusste, dass ich mindestens 80 oder 90 Einträge hatte, auch wenn ich mit den meisten nicht telefonierte, sondern über Whatsapp schrieb. In seinem WhatsApp gab es nur zwei Nachrichten. Eine von einer gewissen Renate, die ein albernes Bild mit einem Elefanten geschickt hatte auf der ‚Du bist der Stärkste‘ stand. Die andere Nachricht war vom Monster: „Bin gut angekommen, melde mich später.“
Ansonsten war nichts auf dem Handy zu finden. Er hatte nicht mal Musik drauf.
„Laura“ rief jemand.
Erst beim zweiten Rufen drehte ich mich um und begriff, dass ich damit gemeint war.
Die kleine Sara – ohne h- stand auf der anderen Straßenseite vor einem Sparkassencontainer und winkte zu mir herüber.
Klar, ich hatte ihr ja einen falschen Namen genannt. Ich hob kurz meine Hand zum Gruß.
Vielleicht sollte ich sie einfach auf Weber ansprechen? Doch diesen Gedanken verwarf ich gleich wieder. Ich müsste zunächst ihr Vertrauen gewinnen. Ich musste erst mehr herausfinden. Nur wie? Sie machte keine Anstalten zu mir herüberzukommen. Stattdessen winkte sie noch mal.
Gerade als ich mich entschied zu ihr hinüber zu gehen, kam eine Frau aus dem Container und lief dann gemeinsam mit Sara die Straße hinunter. Anscheinend war das ihre Mutter. Sollte ich ihnen folgen?
Aber was sollte das bringen? Ich fühlte mich schlapp und die Kopfschmerzen hämmerten unaufhörlich hinter meinen Schläfen. Ich lief in die Bergstraße, vorbei an der Villa und blieb vor Rolfs Haus einen Augenblick stehen. Alles sah unverändert aus. Ich blickte mich mehrmals in alle Richtungen um, zog den Schlüsselbund heraus und öffnete die Tür. Wärme schlug mir entgegen. Rasch schloss ich die Tür hinter mir. Ich zog den Lamellenvorhang komplett zu, so dass er jetzt auch die Eingangstür verdeckte.
Die Temperaturanzeige der digitalen Wanduhr zeigte 23 Grad. Ich griff auf den flachen Heizkörper, er war feuerheiß. Außer einem großen Schrank, einen Schreibtisch mit Computer gab es nichts in dem kleinen Raum. Ich lief durch eine offenstehende Tür. Hier gab es einen kleinen Raum mit Spüle und einem Küchenschrank, auf dem ein Wasserkocher und eine Kaffeemaschine standen.
Ich hasste Kaffee.
Gegenüber dieser Miniküche öffnete ich eine Tür.
Es war eine Toilette, der Raum war ebenso klein. Das winzige Waschbecken hatte einen Sprung.
Ich ging weiter gerade aus, bis zu einer verschlossenen Tür. Ich probierte alle Schlüssel des Bundes aus, keiner passte. Die Tür sah nicht sehr stabil aus. Ich drückte mich mit der Schulter dagegen und als ich sah, dass der Spalt am unteren Ende der Tür größer wurde, warf ich mich mit einem Schwung gegen die Tür. Sie sprang auf und etwas Metallisches fiel klirrend zu Boden. Es schien ein Teil des Schlosses zu sein. Hinter der Tür war eine Treppe. Langsam ging ich die Treppe hoch und stand erneut vor einer Tür. Vor der Tür lag eine Fußmatte. Daneben standen ein Paar Gummistiefel. Auch diese Tür war verschlossen. Wieder probierte ich alle Schlüssel, aber keiner passte. Ich schaute unter die Matte. Rolf gehörte anscheinend nicht zu den Menschen, die Schlüssel unter der Fußmatte verstecken.
Diese Tür würde ich nicht so einfach aufbekommen. Sie sah wesentlich stabiler aus. Hinzu kam, dass diese Tür nach außen aufging, so das es nichts gebracht hätte, mich dagegen zuwerfen. Ich ging wieder nach unten. In der Küche fand ich tatsächlich Tee. Zwar nur Kamillentee, den ich gar nicht mochte, aber besser als nichts. Mein Hals tat weh und ständig musste ich husten.
Im Schrank waren mehrere Tassen, ich nahm eine blaue heraus. Der Wasserkocher brauchte ewig.
Als ich mir den Tee aufgegossen hatte, setzte ich mich im Büro in den bequemen Drehstuhl am Schreibtisch. Ich schaltete den Computer ein und lehnte mich zurück. Er verlangte ein Kennwort. War ja klar, dachte ich und schaltete ihn wieder aus. Ich wusste nicht wie es weitergehen soll. Im Haus von Weber lag eine Leiche, die schrecklich aussah, ich hatte im ganzen Haus Spuren hinterlassen und vielleicht hatten meine Großeltern schon die Polizei informiert. Mir war zu heulen zumute. Vorsichtig schlürfte ich den heißen Tee, während ich die Tasse mit beiden Händen festhielt. „Guten Morgen“ stand in geschwungener Schrift auf der Tasse. Darunter war eine Micky Mouse abgebildet.
Ich zog die Schublade des Schreitisches auf.
Ein paar Kugelschreiber, ein Quittungsblock und – ein Schlüssel!
Ich stellte die Tasse mit dem Tee so unsanft auf dem Tisch ab, dass sie überschwappte. Ich rannte die Treppe hoch. Der Schlüssel passte! Ich trat ein und stand im Flur und vernahm das Ticken einer Uhr. An der Wand hing ein gerahmtes Foto. Es zeigte ein altes Ehepaar das glücklich in die Kamera schaute. Waren das seine Eltern?
Gleich rechts war die Küche. Der Kühlschrank brummte. Auf einem quadratischen Tisch stand eine Glasschale mit drei Äpfeln darin. Am Geschirrspüler blinke eine kleine grüne Lampe.
Gegenüber war das Schlafzimmer mit einem Doppelbett. Geradeaus lag das Wohnzimmer. Die altmodische Schrankwand passte nicht zu dem großen modernen Flachbildfernsehr. Auf dem ovalen Glastisch lag ein Läufer. Neben dem großen Ecksofa stand ein Zeitungsständer. Eine TV-Zeitschrift schaute seitlich heraus. Ich ging zurück in den Flur und öffnete die letzte Tür.
„Wow“ sagte ich beeindruckt. Das Bad war der Hammer und passte nicht zum Rest der Wohnung. Eine große Eckbadewanne mit Düsen, gegenüber war ein langer Waschtisch mit zwei Becken. Hinter einer halbhohen verfliesten Wand, auf der zwei Blumenstücke standen, waren eine Waschmaschine sowie ein Wäschetrockner. Neben der Tür befand sich die Dusche. Das ganze Bad wirkte richtig edel.
Unter dem Waschtisch war ein Regal mit zusammengerollten Handtüchern.
Ich holte meinen Rucksack aus dem Büro und schüttete ihn mitten im Badezimmer aus.
Die dreckigen Klamotten stopfte ich in die Waschmaschine, zog mich komplett aus und steckte auch diese dreckige Kleidung mit in die Maschine.
Waschmittel fand ich in einem kleinen Schränkchen, neben der Maschine.
Die Bedienung war einfach und unterschied sich kaum, von der Maschine, die wir früher zuhause hatten. In meinem schönen Leben.
Als die Maschine leise anlief, ging ich unter die Dusche. Meine Kopfschmerzen waren verflogen, aber mein Hals schmerzte. Mein Knie war leicht angeschwollen und ich musste ständig husten. Die halbrunde Glastür der Duschkabine lief an. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, ich stünde zu Hause, unter der Dusche. In meinem schönen Leben. Ich blieb lang unter der Dusche und erst als meine Haut an den Fingerkuppen ganz runzlig wurde, drehte ich den Hahn zu. Die Waschmaschine zeigte eine Restzeit von 19 Minuten an. Aus dem Regal unter dem Waschbecken zog ich ein großes zusammengerolltes Handtuch hervor und wickelte mich damit ein.
Ein weiteres Handtuch wickelte ich, wie einen Turban, um meinen Kopf. Ich ging ins Schlafzimmer, setzte mich aufs Bett und verwarf den Plan gleich wieder, mich hier ein paar Stunden hinzulegen. Ich weiß nicht warum, aber ich wollte nicht im Bett von dem Mann schlafen, den ich getötet habe und der, halb sitzend, im Wohnzimmer seines Arbeitskollegen, wahrscheinlich langsam anfing zu verwesen. Ich werde mich ein paar Stunden auf das Sofa legen. Nur ein paar Stunden, dachte ich. Gerade als ich das Schlafzimmer verließ, ging die Wohnungstür auf, eine Frau sagte: „Huhu Schatz, ich bin da.“ Sie erblickte mich und zur gleichen Zeit schrieen wir beide kurz auf. Sie war vermutlich genauso erschrocken wie ich. Sie musterte mich, mit halboffenem Mund, von oben bis unten.
Ich stand da, und hielt mein Handtuch fest, als es drohte herunterzurutschen.
Plötzlich schrie sie an mir vorbei, in Richtung Schlafzimmer: „Du mieses Schwein!“
Es dauerte den Bruchteil einer Sekunde, bis ich begriff, dass sie Rolf im Schlafzimmer vermutete.
„Du mieses dreckiges Schwein. Es ist aus. Hörst du, es ist aus!“ Ihre Stimme dröhnte in meinem Ohr.
Sie hob ihre Hand und ich ging in Deckung. Gerade als ich dachte, sie will mit eine reinhauen, warf sie zwei einzelne Schlüssel auf den Boden, drehte sich um und ging zur Tür.
Ich stand noch immer da, unfähig etwas zu tun.
Sie drehte sich noch einmal zu mir um und sagte: „Flittchen!“
Dann ging sie und ich hörte sie die Treppe hinunter poltern.
Die Bürotür wurde mit einem lauten Knall zugeschlagen. Ich hob die beiden Schlüssel auf, rannte barfuß die Treppe hinunter. Einer der Schlüssel passte an der Bürotür. Ich schloss sie wieder ab und ließ den Schlüssel im Schloss stecken. Der andere Schlüssel passte für die Wohnungstür. Auch ihn ließ ich im Schloss stecken und sperrte mich ein.
Das war also Rolfs Freundin, dachte ich.
„Exfreundin“ ergänzte die Stimme.
Ich setzte mich in die Küche, aß einen Apfel. Die Waschmaschine piepte. Ich ging ins Bad nahm die Wäsche heraus und stopfte sie in den Wäschetrockner. Ich war völlig müde. Ich wollte nur noch schlafen.
Ich legte mich aufs Sofa. Ich fühlte mich eigenartig leer an. Ich hatte keine Angst. Keine wirren Gedanken. Selbst die böse Stimme hielt ihre Klappe. Ich wollte einfach nur schlafen.
Plötzlich war alles extrem hell. Ich spürte eine Hand auf meiner Stirn.
„Alles wird gut.“ sprach eine sanfte Stimme. Wie aus weiter Ferne hörte ich Musik.
Ich schreckte hoch, es war stockdunkel. Ich brauchte einen Augenblick, bis ich begriff wo ich mich befand. Auf dem Sofa in Rolfs Wohnung. Der Traum war verschwunden, die Musik blieb.

Rolfs Handy! Ich hatte es auf den Waschtisch gelegt, als ich meinen Rucksack ausgeleert hatte.
Ich sprang auf und rannte ins Bad. Die Melodie verstummte. Ich wollte gerade nachsehen, wer angerufen hatte, als es von neuem zu klingeln begann.
„Norbert mobil ruft an.“ stand auf dem Display. Ich weiß nicht welcher Teufel mich geritten hatte, ich nahm, ohne zu überlegen, das Gespräch an.
„Na endlich!“ hörte ich das Monster sagen.
„Hi“ sagte ich.
„Ach du bist es Gabi“ sprach das Monster: „Was ist denn mit Rolf los. Ich versuch ihn seit gestern zu erreichen, ich hab es sogar bei mir Zuhause probiert. Er wollte die Blumen gießen. Das hat er doch gemacht? Du weißt meine Blumenstöcke sind mir heilig.“
Ich sagte nichts.
„Hallo? Was ist denn bei euch los.“ fragte das Monster. Wieder war das Gelächter einer Frau im Hintergrund zu hören.
„Hier ist nicht Gabi.“ sagte ich ruhig.
„Wer ist da?“ fragte das Monster.
„Ich bin deine Mörderin“ sagte ich.
Er lachte kurz und sagte: „Gabi, lass den Scheiß.“ und fügte hinzu: „Ich kann dich lachen hören, Rolf.“
„Nein, kannst du nicht. Rolf ist tot.“
„Das ist jetzt nicht mehr lustig. Ich hab nicht den ganzen Abend Zeit, die Drinks werden warm.“ sagte er ziemlich genervt.
„Hol jetzt endlich Rolf ans Telefon.“ sagte er bestimmend.
„ROLF. IST.TOT.“ sagte ich abgehackt.
„Wer bist du?“
„Das hast du eben schon gefragt. Ich bin deine Mörderin.“
„Ich leg jetzt auf. Ich werde die Polizei rufen, das kann teuer für dich werden, wer immer du bist.“
„Das würde ich nicht tun. Ich habe deine schmutzigen Bilder gefunden.“
„Welche Bilder? Wer bist du?“
„Die Bilder, die du hinter deinem Nachtschrank in deinem Schlafzimmer versteckt hast.“
Ich hörte ihn schlucken.
„Wer bist du? Was willst du. Wo ist Rolf.“
„Ich bin deine Mörderin. Ich will dich töten und Rolf verwest in deinem Wohnzimmer.“
„Hör auf!“ schrie er: „Das ist jetzt kein Spaß mehr.“
„Ich mache keinen Spaß und ich habe die Bilder.“
Sein Atmen war laut zu hören.
„Was willst du?“ fragte er abermals.
Ich sagte nicht. Er legte auf.

Der Akkuanzeige von Rolfs Handy zeigte nur noch zwölf Prozent. Ich fand ein Ladegerät im Flur.
Es war punkt 23 Uhr. Meine Gedanken drehten sich im Kreis. Ich beschloss mir noch einen Tee zu kochen. Da ich in der Küche keinen fand, lief ich die Treppe runter, zur Miniküche im Büro und nahm die Packung mit nach oben. Im Hausflur fiel mir etwas auf, was mir vorher noch nicht aufgefallen war. Am Ende des Geländers hatte jemand, ganz klein und mit krakeliger Schrift, „Sara“ an die Wand geschrieben. Ich rieb mit meinem Zeigefinger darüber. Es sah aus, wie mit Bleistift geschrieben.
Das kann nur Sara selbst geschrieben haben, vermutete ich. Kein Zweifel, das war eine Kinderschrift.
Ich konnte mir keinen Reim darauf machen.
Ich kochte mir einen Tee und zog mir einen Stuhl ans Fenster. Draußen war es ruhig. Die Laternen warfen ein warmes, gelbes Licht auf die Straße. Eine Katze saß auf der Motorhaube eines parkenden PKW.
Zwei Pieptöne erklangen aus dem Badezimmer.
Die Wäsche war endlich trocken. Ich holte sie aus dem Wäschetrockner, zog mich an und verstaute die restliche Kleidung ordentlich im Rucksack.
Systematisch fing ich an, die Wohnung zu durchsuchen. Ich öffnete jeden Schrank, nahm alles heraus und legte es hinterher wieder hinein. Im Wohnzimmer fand ich 450 Euro, die zusammengerollt in einem Bierglas steckten. Diesmal hatte ich keine Skrupel, das Geld einzustecken. In einem dicken Briefmarkenalbum fand ich einen Liebesbrief. Er war von einer gewissen Martina und er war ziemlich schnulzig. In einem oberen Fach der Schrankwand waren mehrere Aktenordner. Neugierig öffnete ich eine lederne Mappe auf der in goldener Schrift „Zeugnisse“ stand.
Rolf war ein richtiger Streber gewesen. In keinem einzigen Schuljahr fand ich eine Drei. Alles nur Einsen und Zweien. Ein Foto fiel herunter. Ich hob es auf und drehte es um. Es war ein Schwarz-Weiß-Foto auf dem eine Frau in einem offenen Sarg lag. Angewidert steckte ich das Foto wieder in die Mappe. Wer macht solche Fotos?
Im letzten Schrank fand ich eine ganze ungeöffnete Stange Zigaretten. „Fortuna Red“.
Die Marke kannte ich nicht. Ich riss die Stange auf, nahm mir eine Zigarette und durchsuchte die restlichen Schränke im Wohnzimmer nach einem Aschenbecher. Ich fand keinen. Ich ging in die Küche und nahm einen Teller aus einem Schrank. Ein Feuerzeug hatte ich noch im Rucksack.
Die restliche Nacht verbrachte ich damit, alle anderen Zimmer zu durchsuchen. Im Badezimmer fand ich eine Schachtel mit Tabletten. „Bei Scherzen und Fieber“ stand darauf. Ich studierte den Beipackzettel, verstand nur die Hälfte und nahm schließlich eine Tablette. Nach einer halben Stunde ging es mir tatsächlich besser. Ich hatte seit zwei Tagen nichts Richtiges mehr gegessen. In den Kühlschrank hatte ich bisher nicht geschaut.
Enttäuscht stellte ich fest, dass er bis auf einen Jogurt nichts enthielt, was ich mochte. Im Eisfach fand ich eine tiefgefrorene Tüte Pommes.
„Na bitte, es geht doch“. Ich schaute mich in der Küche um. Es gab keine Friteuse.
Ich las die Rückseite der Tüte durch. OK, Backofen geht also auch. Bisher hatte ich noch nie Pommes im Backofen gemacht. Meine Großeltern hatten extra eine Friteuse gekauft, nachdem ich sie mehrere Tage damit genervt hatte.
Während die Pommes im Ofen waren, durchsuchte ich die gesamte Küche nach Ketchup. Nichts.
„Welcher normale Mensch hat kein Ketchup im Haus?“ sagte ich zu mir selbst.
Es gab auch keine Majonäse, noch nicht mal Senf. Obwohl ich noch nie Pommes mit Senf gegessen hatte.
Zumindest war Salz da. Und zwar reichlich. Fünf Karton mit Salz standen in einem Klappfach über dem Kühlschrank. Ebensoviele Tüten mit Nudeln lagen daneben.
Welcher Idiot isst Nudeln ohne Ketchup?
Draußen war es mittlerweile hell, ich aß die heißen Pommes und überlegte, wie lange ich hier leben könnte, bis man mich findet. Eine Woche, oder zwei?
Das Büro hatte noch knapp drei Wochen geschlossen. Ich könnte sogar einen neuen Zettel schreiben und den Urlaub verlängern.
Doch was ist mit dem Monster? Ich hatte ihn mit meinem unüberlegten Gespräch Angst eingejagt. Das konnte ich spüren. Ich hatte es an seiner Stimme gehört. Was würde er tun? Würde er herkommen? Ich wusste nicht, wo er im Urlaub ist. Er könnte im Ausland sein, in Spanien oder sonstwo. Wenn er kommt, würde er zuerst den toten Rolf in seinem Haus finden.
Und dann würde er mich jagen. Sicherlich würde er auch hier nachsehen. Vielleicht kommt er aber auch gar nicht mehr zurück, dachte ich. Aber er weiß, dass ich die Bilder habe. Doch dann schoss es mir in den Kopf: Er weiß, dass ich die Bilder habe, er weiß das ich eine Gefahr für ihn bin!
Er wird herkommen! Was wäre, wenn ich einfach zurück zu meinen Großeltern fahre? Ich wär einfach wieder da, ich war zwei Tage weg, genauso wie ich es auf den Zettel geschrieben hatte.
Natürlich würden sie in Webers Haus Spuren von mir finden, doch niemand wusste zu wem diese gehören. Ich wohne 300 Kilometer entfernt. Tausend Gedanken schwirrten in meinem Kopf herum.
Wenn ich heute nicht zurück zu meinen Großeltern fahren würde, würden sie die Polizei informieren. Vielleicht haben sie das schon getan.
„Schätzchen, du hast den armen Rolf mit der Waffe deines Großvaters erschossen. Natürlich wird man dich schnappen.“ sagte die Stimme.
Ich erinnerte mich an das Youtube Video. Die Polizei würde herausfinden, mit welchem Pistolentyp geschossen wurde und dann würde man nachschauen, wer alles so eine Waffe besaß.
Mit wurde schlecht bei diesem Gedanken. Ich konnte es drehen und wenden wie ich wollte. Ich war erledigt.
Ich muss mich töten. So war der Plan. Nachdem ich dieses Monster getötet habe.
Doch wollte ich das? Wollte ich tot sein?
„Es gibt keinen Ausweg.“ sagte die Stimme.
Lange saß ich da, rauchte noch eine Zigarette.
„Fang nie mit Rauchen an, hörst du?“ hörte ich meine Großmutter sagen.
Scheiß drauf. Ich werde sowieso bald tot sein. Davon war ich fest überzeugt.
Gedankenversunken blättere ich die Werbeprospekte der Supermärkte durch, die auf dem Küchentisch lagen.
Als die Schmerzen allmählich zurückkehrten, nahm ich eine weitere Tablette. Gegen Mittag hielt ich es nicht mehr aus. Ich konnte nicht einfach weiter rumsitzen. Ich steckte die Pistole, eine Schachtel Zigaretten und Rolfs Handy ein. Ohne einen Plan verließ ich das Haus, nachdem ich mich vergewisserte hatte, dass mich niemand beobachtet. Diesmal schlug ich die andere Richtung ein und lief die Bergstraße weiter nach unten. Es kamen noch drei weitere Häuser, bei denen auch die Hausnummern durcheinander waren.
Die Straße endete mit einem Sperrschild.
„Anlieger frei“ stand darunter. Die Straße ging unbefestigt weiter. Es gab viele Schlaglöcher. Ich überlegte kurz, ob ich umkehren sollte, entschied mich aber dann doch, der Straße weiter zu folgen. Ich lief zwanzig Minuten an Wiesen und Feldern vorbei. Es war deutlich milder als in den vergangenen Tagen und ich zog mein Kapuzenshirt aus und band es mit den Ärmeln um meine Hüften.
Am Horizont waren mehrere Kondensstreifen am Himmel zu erkennen. Linien die sich kreuzten und die mich an den Geometrieunterricht erinnerten. Ich hasste Geometrie. Einmal erwischte mich Herr Haller, unser Mathelehrer dabei, wie ich, während des Geometrieunterrichtes, mit dem Zirkel Löcher in die Tischplatte stach. Daraufhin sollte ich einen Aufsatz mit dem Thema: „Warum darf man kein fremdes Eigentum zerstören“ schreiben. Irgendwie sah ich das nicht ein und so schrieb ich, dass ich nur ein paar Löcher dazu gestochen habe, genau genommen nur vier. Die restlichen Löcher befanden sich bereits in der Tischplatte. Unten drunter schrieb ich: „Wenn ihr Unterricht nicht so langweilig wäre, würden Schüler auch keine Löcher in die Tische stechen.“
Zwei Tage später mussten meine Eltern zu einem Gespräch in die Schule kommen.
Als sie wiederkamen, schimpften sie nicht. Mein Vater sagte zu mir: „Du hast Recht, er ist ein Arschloch.“
„Manfred!“ sagte meine Mutter.
Und mein Vater sagte: „Ist doch wahr.“ Und zu mir: „Aber trotzdem, ab jetzt stichst du keine Löcher mehr in den Tisch, OK.“
„OK“. Damit war das Thema vergessen.
Ich lieb stehen und zündete mir eine Zigarette an. Hinter mir hörte ich ein Dröhnen das schnell lauter wurde. Mit einem unglaublich hohen Tempo schossen zwei Cross-Maschinen an mir vorbei und hüllten die ganze Straße in eine einzige Staubwolke.
„Idioten“ schrie ich ihnen hinterher. Als sich der Staub gelegt hatte, sah ich, dass sie wendeten und zu mir zurück gefahren kamen. Sie bremsten und klappten ihre Visiere hoch.
„Hi“ sagte der eine.
„Ihr habt wohl ne Macke!“ sagte ich ärgerlich.
Er schaltete seine Maschine ab und zog sie auf den Ständer. Ich ging vorsichtshalber zwei Schritt zurück. Er zog seinen Helm herunter und sagte: „Sorry.“
Auch der andere schaltete den Motor ab, nahm seinen Helm vom Kopf, blieb aber auf seiner Maschine sitzen. Ich schätzte sie beide auf 16 oder 17.
„Wer bistn du?“ fragte mich der lange Dünne. Sein Gesicht war mit Pickeln übersät.
„Laura“ log ich.
„Ich bin Felix.“ Er zeigte mit seinem Finger auf den Kerl, der noch auf der Maschine saß: „Und das ist Leon, mein Bruder.“
„Aha.“ sagte ich.
„Ich hab dich noch nie gesehen. Wohnst du hier?“
„Ich bin nur in den Ferien hier.“ log ich.
„Kann ich eine bekommen?“ er deutete auf meine Zigarette.
Ich überlegte kurz und gab ihm dann eine.
Ich hielt auch dem anderen, Leon, die Schachtel hin, aber er schüttelte den Kopf.
Ich reichte Felix das Feuerzeug. „Feuer hab ich selbst.“ Er zog ein Sturmfeuerzeug aus seiner Lederjacke, brannte die Zigarette an, hustete mehrmals und sagte dann, während er das Feuerzeug triumphierend in die Höhe hielt: „Cool, was?“
„Wie alt bistn?“ fragte er mich.
„16“ log ich.
„Ich bin fünfzehn und mein Bruder vierzehn.“
„Aha und da dürft ihr schon fahren.“ sagte ich in einem ironischen Ton.
„Nee, aber hier is ‚n Privatweg.“
„Wo willst’n hin? Ich kann dich fahren.“ sagte er und klopfte mit seiner Hand auf den Rücksitz.
„Nein, lass mal. Ich will einfach nur etwas spazieren.“
„Achso“ sagte er sichtlich enttäuscht.
„Außerdem…“ fuhr ich fort: „…kann ich selbst Moped fahren, wenn ich will.“
„Haste Lust heute Abend mit ins Kino zu gehen?“ fragte er.
„… also nur wenn Du Lust hast.“
Baggerte er mich etwa an? Er war absolut nicht mein Typ.
Sein Bruder stupste ihn an und sagte leise: „Wir wollten doch heute zocken.“
„Nee, machen wir morgen.“ antwortete Felix.
Ich weiß nicht warum aber ich sagte: „Ja, warum nicht. Was kommt denn?“
Felix strahlte wie ein kleines Kind: „Spider-Man“
Oh man, dachte ich. Aber egal. Vielleicht besser als in Rolfs Haus herumzusitzen.
Im Moment hatte ich ohnehin keinen Plan und verschob eine weitere Planung auf auf den nächsten Tag.
„Wann geht’s denn los?“ wollte ich wissen.
„Kurz vor 6 vorm Kino“ sagte er.
„Wo ist denn das Kino?“
„Wo wohnst du denn? Jetzt in den Ferien… meinte ich, ich könnte dich abholen.“
„Wir können uns auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt treffen.“ schlug ich schnell vor.
„Cool, OK, dann schon etwas eher. Sagen wir halb 6?“
Ich zögerte.
„Naja, von dort ist es weiter zu laufen und mit dem Moped kann ich nicht durch die Stadt fahren, Bullen und so… Nächstes Jahr mach ich meinen Führerschein.“
„OK“ sagte ich.
„Bekomm ich deine Handynummer?“ fragte er.
„Ich weiß meine Nummer nicht auswendig, ich hab erst eine neue bekommen und hab mein Handy nicht dabei.“ log ich.
„Kommst du wirklich halb 6 zum Parkplatz?“
„Ja.“
„Cool, und danke für die Zigarette.“
Die beiden brausten davon, diesmal langsamer.
Ich schaute auf meine Uhr. Er war kurz nach 14 Uhr. Sollte ich noch weiter laufen?
Ich beschloss bis zu dem großen Windrad zu laufen, dessen Flügel sich nur langsam drehten.
Danach kehre ich um, dachte ich.
Aber als ich das Windrad erreicht hatte, sah ich wohin diese Straße führte. Sie machte einen weiten Bogen und ging dann in den Feldweg über, der von hinten in die Siedlung führte, in der sich Sanders Haus befand. Ich ging weiter und hatte nach einer halben Stunde die hohe Fichte erreicht. Die Straße schien unverändert. Trotzdem hatte ich ein ungutes Gefühl und so lief ich wieder hinter den Häusern, am Zaun entlang. Die abgebrochene Latte lag noch immer an der gleichen Stelle. Ich schleuderte sie in den Wald. Sie krachte gegen einen Baum. Plötzlich hörte ich von Webers Garten ein metallisches Geräusch. Ich zuckte zusammen. Durch die Hecke, hinter dem Zaun, konnte ich nichts erkennen. Weiter vorn fand ich eine Stelle, an der die Hecke nicht so dicht war. Sie gab aber nur einen kleinen schmalen Blick zum Garten frei. Doch ich konnte es deutlich erkennen. Der Schreck fuhr mir durch alle Glieder. Die Rollläden in der oberen Etage waren geschlossen! Ich wusste hundertprozentig, dass die Rollläden im oberen Stockwerk offen waren, als ich das Haus verlassen hatte. Weber musste zurück gekommen sein! Er würde auch zu Rolfs Wohnung gehen! In diesem Moment fiel mir ein, dass sich mein Rucksack noch in Webers Haus befand. Mein Handy befand sich darin und die SIM-Karte. Mir war speiübel. Ich musste auf schnellstem Weg zu Rolfs Haus.
Ich wollte grade weiter schleichen, als ich wieder ein metallisches Geräusch hörte. Wieder spähte ich durch die dünne Stelle der Hecke, aber ich konnte nichts erkennen. Ich legte mich flach auf den Boden. Ich erschrak mich fürchterlich. Ich konnte, keine zehn Meter von mir entfernt, zwei Gummistiefel sehen und den unteren Teil eines Spatens, der immer wieder in die Wiese gestochen wurde.
Er vergräbt die Leiche, den toten Rolf, schoss es mir durch den Kopf.
Ich bewegte mich, so leise ich konnte, weiter. Als ich die Straße erreich hatte, rannte ich los, wie von der Tarantel gestochen. Diesmal wählte ich den Weg, vorn herum, am Supermarkt vorbei. Diese Strecke war wesentlich kürzer und ich erreichte, völlig außer Atmen, den Landschaftsbau nach fünfzehn Minuten.
Bevor ich zur Haustür ging, schaute ich angestrengt in alle Richtungen. Es gab nichts Auffälliges. Ich schloss die Tür auf, rannte die Treppe nach oben und stürmte in die Wohnung. Erleichtert stellte ich fest, dass mein Rucksack noch da war. Rasch verließ ich die Wohnung und war kurz darauf wieder auf der Straße. Hierhin werde ich nicht mehr zurück kehren können, dachte ich und hatte keine Ahnung, wo ich die Nacht verbringen sollte. Ich duckte mich hinter ein parkendes Auto und steckte die Pistole wieder in den Rucksack.
Es war erst 16 Uhr. Trotzdem schlenderte ich langsam zum Parkplatz des Supermarktes und setzte mich wieder auf den Bordstein. Ich überlegte, eine Zigarette anzuzünden. Aber der Parkplatz war voll und ständig liefen Leute an mir vorbei. Ich wollte nicht riskieren, dass jemand fragt, ob ich schon rauchen darf. Ich saß da und wusste nicht wie es weiter gehen sollte.
„Immer sitzt du hier.“ sagte eine Stimme hinter mir. Sara hüpfte neben mir vom Bordstein auf den Parkplatz und stellte sich vor mir auf.
„Hi Kleine“ sagte ich.
„Ich bin nicht klein. Ich bin 1,38 Meter groß“ sagte sie, wie aus der Pistole geschossen.
„Was machst du hier immer und wieso hast du immer einen Rucksack?“ wollte sie wissen.
„Ich treff mich dann mit einem Freund, wir gehen ins Kino. Den Rucksack habe ich dabei, weil ich danach bei ihm übernachte.“
Im selben Moment schoss es mir durch den Kopf: Das ist die Lösung!
Vielleicht konnte er mich irgendwo bei sich übernachten lassen.
„Küsst ihr euch dann?“ wollte Sara wissen.
„Vielleicht“
„Ihhhhhh“ sagte sie und verzog dabei ihr Gesicht.
„Das ist eklig!“ sagte sie.
„Woher willst du das wissen?“
„Einfach so..“ sagte sie und senkte dabei ihren Blick.
„Wollen wir Freundinnen sein?“ fragte sie plötzlich.
Ich musste an Weber denken. Und an die Fotos. Sie schaute mich fragend an.
Ich brachte es nicht übers Herz Nein zu sagen und so sagte ich:
„Na klar… wenn du willst.“
„Cool“ sagte sie und hielt mir ihre flache Hand hin:
„Schlag ein.“
Ich klatschte mit meiner Hand gegen ihre und versuchte mich zu erinnern, ob ich in dem Alter auch so naiv und innerhalb von zwei Minuten Freundschaften geschlossen hatte.
Nein, das hatte ich nicht, stellte ich fest.
„Wir sind doch Freundinnen und Freundinnen können sich alles erzählen..“ setzte ich das Gespräch fort.
„Hm“ machte sie.
„Hast du ein Geheimnis?“ fragte ich sie.
„Nö“ sagte sie und dann: „Naja, aber du darfst es niemandem verraten.“
„Natürlich nicht“ entgegnete ich.
Sie nahm meine Hand und sagte: „Komm.“
Ich fragte: „Wohin gehen wir denn?“
Sie legte ihren Zeigefinger auf ihren Mund und machte: „Psst.“
Sie zog mich in die Bergstraße!
Wir liefen an der Villa vorbei. Mir stockte der Atmen, Aber sie lief an Webers Haus vorbei und sagte: „Schneller.“
„Ist es noch weit?“ wollte ich wissen.
„Nee.“
Mittlerweile hatten wir das Sperrschild erreicht, an dem ich schon vor drei Stunden gewesen war.
„Jetzt mach doch mal nicht so schnell“ sagte ich. Ich war wirklich außer Atem.
Plötzlich sprang sie, rechts von der Straße, über den Graben und lief quer über die Wiese.
Ich hatte Mühe ihr zu folgen. Sie verschwand hinter einer Baumgruppe.
„Warte“ sagte ich: „Ich kann nicht so schnell.“
Sie hob eine dünne Holzplatte an und sagte: „Fass mal mit an.“
Gemeinsam schoben wir die Holzplatte beiseite. Darunter befand sich ein tiefes Loch, das mit Betonringen eingefasst war. Unten konnte man Wasser plätschern hören. Sie stieg an eckig gebogenen Eisen, die in den Beton eingelassen waren, hinab.
„Komm schon.“ sagte sie.
„Komm wieder hoch, das ist gefährlich“ rief ich in das Loch hinein.
„Nö, das ist nicht gefährlich“ sagte sie und ihre Stimme hallte.
Widerwillig kletterte ich ihr hinterher.
„Wo bist du?“ fragte ich.
Ihre Stimme kam von rechts. Ich lief gebückt und breitbeinig in dem großen runden Betonrohr in Richtung ihrer Stimme. Zwischen meinen Beinen lief ein kleines Rinnsal.
„Gleich wird es hell“ sagte sie.
Sie leuchtete mich mit einer Taschenlampe an. Wir befanden uns in einem kleinen eckigen Raum, in dem ich aufrecht stehen konnte. Links war eine Art große eckige Wanne die bis zum Rand mit Wasser gefüllt war.
Ich schaute mich um. Zwei umgedrehte Plastikeimer standen neben einem leeren Getränkekasten, der ebenfalls verkehrt herum stand. Oben drauf lag ein altes Verkehrszeichen.
„Wir haben sogar Stühle und einen Tisch.“ sagte sie stolz und zeigte auf die Eimer und den Getränkekasten. „Das ist unsere Höhle.“ sagte sie: „Das darfst du niemandem verraten.“
„Wer ist wir?“ fragte ich.
„Meine Freundin und ich.“ sagte sie.
„Das ist dein Geheimnis?“ fragte ich und war leicht fassungslos.
„Ja“ sagte sie und strahlte übers ganze Gesicht: „Das ist doch voll cool, oder?“
„Ja, sehr.“ sagte ich.
„Und was macht ihr hier immer?“ wollte ich wissen.
„Na spielen“
„Willst du auch mit spielen?“ fragte sie mich.
„Was spielt ihr denn hier immer?“
Sie kramte Spielzeuggeschirr aus einer Ecke und stellte es auf die Getränkekiste.
„Einfach so“ sagte sie, nahm zwei Tassen und tauchte sie in das Wasser des Betonbeckens.
„Setz dich an den Tisch“ sagte sie und reichte mir die kleine Puppentasse mit dem Wasser.
„Das trinkt ihr doch aber nicht wirklich“ sagte ich und schaute angeekelt auf die dunkle Brühe in der Tasse.
„Nee, aber wir tun so.“
Ich hob die Tasse zum Mund. Zufrieden schaute sie mich an.
„Leuchte mal hier rein“ sagte ich zu ihr und zeigte auf das Becken.
Sie leuchtete in das Becken, man sah keinen Grund.
„Das ist total tief. Pass mal auf“ sagte sie und kramte eine Rolle Schur, an der ein großer hufeisenförmiger Magnet angeknotet war, aus der Ecke. Sie gab mir die Rolle und leuchtete wieder mit der Lampe ins Becken. „Lass mal runter“ sagte sie.
Langsam rollte ich die Schnur ab. Selbst als ich sie ganz abgerollt hatte, spürte ich noch das Gewicht des Magnetes. „Siehst du, total tief.“
„Das ist ja Wahnsinn“ entfuhr es mir. Ich rollte die Schnur wieder zu einer dicken Rolle auf.
„Das sind ja mindestens 30 Meter.“
„Sag ich doch, total tief.“
„Ich finde es hier unheimlich.“ sagte ich und tatsächlich machte mir das tiefe wassergefüllte Becken Angst.
„Braucht keine Angst haben, ich bin doch bei dir.“ sagte sie und schaute mich wie ein treuer Hund an.
„Lass uns gehen, es ist schon spät.“ sagte ich. Sie räumte das Geschirr weg und versteckte auch die Taschenlampe in der Ecke.
„Wohin führt das Rohr in die andere Richtung?“ wollte ich wissen, als wir wieder die Stelle mit dem Einstieg erreicht hatten.
„Keine Ahnung. Das geht voll weit. Wir sind mal hineingelaufen aber dann sind wir wieder umgedreht.“
Ich war froh als ich wieder oben war. Gemeinsam schoben wir die Holzplatte über das Loch.
Ich war noch immer fassungslos.
„Ich finde eure Höhle schön, aber ich finde das ist viel zu gefährlich.“ sagte ich.
„Ach Quatsch“ sagte sie.
„Mit wäre lieber, ihr würdet da nicht mehr reingehen. Da gibt es vielleicht auch Ratten.“
„Ratten sind doch niedlich!“ sagte sie voller Überzeugung.
Langsam liefen wir die Straße wieder zurück.
Ich blickte auf die Uhr, es war kurz nach 17 Uhr. In einer halben Stunde würde Felix auf dem Parkplatz sein.
„Wo wohnst du eigentlich?“ fragte sie plötzlich.
Ich wusste nicht was ich antworten sollte.
„Ich wohne in der Schulstraße 27“ sagte sie: „Das ist an der Ecke, da wo der Bäcker ist.“
„Und du? “ fragte sie nochmals.
„Eigentlich wohne ich gar nicht hier…“ sagte ich langsam und überlegte krampfhaft was ich ihr erzählen könnte.
„Ich wollte zu meiner Oma fahren, weil ja Ferien sind.“ log ich.
„Aber meine Oma ist kürzlich umgezogen und ich hab die Adresse zu Hause vergessen.“
Meine Güte, wie dämlich war das denn? Etwas Blöderes hätte ich nicht sagen können, dachte ich.
Sara sah mich ungläubig an und sagte dann: „Ruf sie doch an.“
„Ich hab auch keine Telefonnummer, sie hat ja eine neue.“
„Wie heißt denn deine Oma? Ich kann meine Mama fragen. Sie kennt fast alle Leute, weil sie im Supermarkt arbeitet.“
Bloß nicht, dachte ich.
„Nein, ich wollte ja sowieso bei meinem Freund schlafen.“
Plötzlich blieb sie stehen und sagte freudestrahlend: „Du kannst doch in der Höhle schlafen. Ich kann dir eine Decke geben. Willst du?“
Allein der Gedanke daran, ließ mich schaudern.
„Nein“ sagte ich mit einem gequälten Lächeln.
„Allein macht es keinen Spaß“ fügte ich hinzu.
„Du bist voll OK, ich mag dich.“ sagte sie.
„Ich mag dich auch.“ hörte ich mich sagen und irgendwie war es nicht mal gelogen.
Auf dem Supermarktplatz verabschiedeten wir uns und verabredeten uns für den nächsten Tag um 10 Uhr.
Ich setzte mich wieder auf meinen Stammplatz, den Bordstein am Rand des Parkplatzes.
Die Kleine hatte es tatsächlich geschafft, mich für über eine Stunde abzulenken. Ich hatte weder an den toten Rolf gedacht, noch an Weber.
Will ich wirklich tot sein? Nein!
Das Leben kann auch schön sein, fand ich. Selbst wenn es in irgendeinem gruseligen, dreckigen Abwasserkanal stattfindet. Und plötzlich fuhr es mir in den Sinn:
Wenn Weber den Rolf wirklich verscharrt hat, dann bin ich raus aus der Sache. Er hat die Leiche beseitigt. Sicher wird er auch sein Haus reinigen. Und wenn man die Leiche irgendwann findet, wird man Weber den Mord in die Schuhe schieben.
„Schätzchen, niemand kommt mit einem Mord davon.“ sagte die Stimme.
Weber wird mich nie finden, er weiß nicht wer ich bin, er weiß nicht wie ich aussehe.
Doch ich musste auch an meine Eltern denken und an die Bilder. Die arme kleine Sara. Sollte ich Weber einfach so davon kommen lassen? Nein!
Wieder keimte die Wut in mir auf. In diesem Moment war ich mir absolut sicher: Ich will nicht sterben, egal was passieren würde. Ich will leben.
„Was würden deine Eltern wollen?“ hatte mich die Psychologin damals gefragt und hat die Frage selbst beantwortet:
„Sie würden wollen, dass du glücklich bist und ein normales Leben führst.“
Glücklich.. dachte ich. Wie kann ich jemals glücklich werden.
Vielleicht werde ich irgendwann glücklich. Vielleicht. Aber ich habe getötet und ich werde nochmals töten. Wenn nicht wegen meinen Eltern, dann wegen Sara.
Weber ist ein Monster und er soll tot sein.
Felix kam fünf Minuten eher. Er hatte mich gleich entdeckt. Er winkte und schlenderte zu mir.
Mit: „Du hast einen Rucksack mit?“ begrüßte er mich.
„Ähm.. ja. Es gibt da ein kleines Problem.“
„Du kommst nicht mit ins Kino, hab ich recht?“ sagte er enttäuscht.
„Doch, doch…“
Man sah ihm deutlich an, wie erleichtert er war.
„Könnte ich heute bei dir pennen?“ sagte ich ohne Umschweife.
„Ähm.. ähm…wenn du willst..“ sagte er stotternd und lief knallrot an.
„Was ist los?“ wollte er wissen.
„Ich will im Moment nicht darüber sprechen. Es wäre toll wenn ich bei dir schlafen könnte.“
„K..klar. Ist OK“ sagte er.
„Soll ich deinen Rucksack tragen?“
„Ne lass mal, so schwach bin ich nicht.“ sagte ich mit einem gequältem Lächeln.
Wir liefen los. Felix war ziemlich schüchtern aber gleichzeitig ein echter Kavalier.
„Halt“ sagte er.
„Was ist?“
Er kniete sich vor mir hin.
„Dein.. Schnürsenkel ist offen.“
Er band ihn mir zu.
Meine Güte ist das peinlich, dachte ich und sah mich um ob irgendwelche Leute davon Notiz nahmen.
„Danke“ sagte ich: „Du bist echt nett.“
„Du aber auch.“ sagte er.
Wir liefen über eine Brücke.
„Ganz schön hoch“ sagte ich und schaute hinunter auf die Fahrbahn.
„Dreiundzwanzig Meter“ sagte er: „Das ist die Stresemannbrücke. Das war irgend son Politiker.“
Ich lehnte mich über das Geländer und spuckte hinunter. Felix machte es mir nach.
„Du bist ein voll cooles Mädchen“ sagte er und wurde wieder rot dabei.
„Wieso?“ wollte ich wissen?
„Naja, dass du mit mir ins Kino gehst und wie du angezogen bist.“
„Wie bin ich denn angezogen?“ fragte ich echt interessiert.
„Cool eben, anders als andere Mädchen. Mehr so actionmässig.“
„Actionmässig?“ Jetzt musste ich lachen.
„Sorry, das war nicht böse gemeint. Ich halt lieber meine Klappe.“ sagte er.
„Nein, ich finde es schön, dass du das gesagt hast.“
„Ehrlich?“
„Ja.“
Wir liefen weiter, durchquerten einen kleinen Park und gerade als ich fragen wollte wie weit es noch sei, sagte Felix:
„Jetzt sind wir da.“
Er hielt mir die Tür auf und wir gingen in eine kleine Eingangshalle.
„Warte hier.“
Er ging zum Tresen und kaufte zwei Karten.
Er drehte sich zu mir um: „Magst du Popcorn?“
„Klar“ sagte ich.
Mit zwei Colas und einem großen Pappeimer Popcorn kam er zurück.
„Der Rucksack kann nicht mit rein.“ sagte der Kontrolleur, der am Eingang des Kinosaales stand.
„Ich brauche ihn.“ sagte ich und merkte im selben Moment wie dämlich diese Antwort war.
„Hast du da eine Kamera drin? Willst wohl den Film aufnehmen?“ sagte der Kontrolleur und verschränkte die Arme. Auf deinem Unterarm war eine Schlange tätowiert.
„Natürlich nicht.“ sagte ich schnell.
„Schauen sie doch nach.“ sagte Felix.
„Nein!“ sagte ich, drehte mich um und rannte in Richtung Eingangshalle. Ich stieß mit einer jungen Frau zusammen. Cola schwappte über ihre gelbe Bluse. Auch ich bekam etwas ab.
„Halt, junges Fräulein. Stehenbleiben.“ rief der Kontrolleur und folgte mir.
Zu spät las ich das kleine Schild: „Ziehen“ und rannte mit voller Wucht, mit meiner Schulter, gegen die Eingangstür. Der Hintergrund mit dem Tresen, der sich in der großen Glasscheibe der Tür spiegelte, zitterte kurz. Der Kontrolleur packte mich am Arm. Ich trat ihn mit voller Wucht gegen das Schienbein und keine Sekunde später mit meinem Knie zwischen seine Beine. Er ließ mich los und sank auf die Knie. Ich ließ meinen Rucksack von der Schulter gleiten, hielt ihn an einem Riemen fest und schleuderte ihn mit voller Wucht gegen den Mann. Ich riss die Tür auf und rannte nach draußen. Im Blickwinkel sah ich Felix, der mir folgte. Ich rannte die Straße, die wir gekommen waren, hinauf. Ich hörte Felix hinter mir keuchen. An der nächsten Ecke sagte er: „Warte“.
Ich rannte einfach weiter. Er rannte mir hinterher und rief: „Warte, den haben wir abgehängt.“
Ich blieb stehen und drehte mich um. Tatsächlich, niemand war uns gefolgt.
„Was war das?“ fragte Felix völlig außer Atmen.
„Man war das krass, du hast dem voll in die Ei… Hoden getreten.“
„Boah.. “ sagte Felix immer noch nach Luft ringend.
„Warum hast du ihn nicht in deinen Rucksack gucken lassen?“
„Ist Privatsache.“
„Ich mein ja nur… was hast du denn da drin?“
„Es ist privat“ schrie ich ihn an und sagte gleich darauf:
„Tut mir leid.. Tut mir wirklich leid. Ich wollte dich nicht anschreien.“
„Hast du da vielleicht wirklich eine Kamera drin?“ fragte er.
„Quatsch “ sagte ich.
„Kino können wir jetzt wohl vergessen“ sagte er.
„Es tut mir wirklich leid, ich weiß nicht was mit mir los war.“
Ich öffnete den Rucksack, zeigte auf meine Klamotten und verdeckte mit meiner Hand die Pistole und schob sie weiter nach unten.
„Es sind nur Klamotten“ sagte ich.
Felix schaute nur kurz und fragte dann: „Wieso hast du ihn nicht reinschauen lassen?“
„Ich bin von zuhause abgehauen … deswegen die Klamotten.“
„Aber wieso bist du abgehauen…“
„Naja, ich hatte Angst, dass er gleich weiß, dass ich abgehauen bin, wenn er einen Rucksack voller Klamotten sieht.“
„Ich meinte wieso du von zuhause abgehauen bist…“
„Das Übliche. Stress mit Schule und Eltern.“ log ich.
Felix schien sich mit dieser Antwort zufrieden zu geben.
Plötzlich legte er seinen Arm um meine Schulter und sagte: „Ich helfe dir.“
„Lass uns erstmal von hier verschwinden.“ sagte ich.
Wir liefen durch die ganze Stadt, hinauf zum Supermarkt und bogen dann in die Bergstraße ein.
„Hier wohnst du?“ fragte ich erstaunt.
„Nee, ganz hinten… am Ende der Straße.“ sagte er.
Als wir an Sandners Haus vorbei liefen, schielte ich unauffällig hinüber. Es brannte Licht!
Weber war im Haus! Anders konnte es gar nicht sein.
Mein Herz schlug schneller. Am liebsten wäre ich einfach weggerannt. Raus aus dieser Straße. Raus aus dem Ort. Aber wohin? Immer wieder tauchten die Bilder des toten Rolfs in meinem Kopf auf.
Dieser schreckliche Anblick!
„Tja, Schätzchen, das wird dich dein ganzes Leben begleiten.“ erklärte mir die Stimme höhnisch.
Wahrscheinlich lag sie damit richtig.
„Sagen deine Eltern nichts?.. Ich meine wenn du mich einfach zum übernachten mitbringst..“ fragte ich als er vor dem letzten Haus der Straße stehen blieb.
„Naja… sie dürfen eben nicht wissen, dass du da bist. Komm mit.“
Wir schlichen um das Haus herum und liefen über einen Wäscheplatz.
Hier war es stockdunkel. Felix nahm meine Hand und zog mich weiter in den dunklen Garten.
Seine Hand schwitze.
Er blieb vor einem Baum stehen.
Er holte sein Handy raus und leuchtete kurz nach oben. Eine Leiter führte am Baum nach oben.
„Baumhaus“ sagte er.
„Ein Baumhaus?“ flüsterte ich.
Er kletterte nach oben. Ich hörte wie eine Tür geöffnet wird. „Komm hoch, aber mach vorsichtig.“
Ich kletterte zwölf Sprossen nach oben und stieg auf eine kleine Plattform, die mit einem Geländer gesichert war. Er zog mich zur Tür rein und schloss sie.
„Hier gibt es auch Strom“ sagte er und im selben Moment wurde es hell.
„Mach aber nicht das Licht an, wenn die Tür offen ist.. meine Eltern könnten es vom Schlafzimmer aus sehen. “
Er machte das Licht wieder aus und sagte: „Ich komm gleich wieder.“
Dann stieg er die Leiter hinunter. Ich stand in völliger Dunkelheit auf der Plattform. Kein Mond, keine Sterne, völlige Dunkelheit. Felix kam mit zwei Decken, einer Flasche Cola, einer Tüte Chips, zwei Fischdosen und einem halben Brot wieder.
„Wer soll das denn alles essen!“ sagte ich.
Der kleine Raum sah gemütlich aus. Vor einer Holzbank stand ein kleiner Tisch.
„Ein TV-Gerät gibt’s leider nicht, aber ein Radio.“ Er zeigte auf das kleine Regal neben dem Fenster.
„Ist cool hier.“ sagte ich.
„Ich hab früher öfters mit meinem Bruder hier übernachtet.“
Er zog eine breite Luftmatratze unter der Bank hervor und begann sie aufzupusten.
„Meinst du, das wird noch was vor morgen früh?“ fragte ich scherzhaft.
„Man ist das anstrengend“ sagte er und pustete weiter.
„Mach mal ne Pause, dein Kopf ist schon ganz rot“.
Irgendwann war die Matratze tatsächlich voll.
Ich ließ mich drauf fallen. „Bequem“ sagte ich.
Wir saßen noch lang da, aßen Chips und schwiegen die meiste Zeit.
Aber diese Zeit war verdammt schön. Er war nicht mein Typ, aber ich mochte ihn trotzdem. Manchmal versteht man sich ohne viele Worte.
Als ich mehrmals gähnte, verabschiedete er sich und wünschte mir eine Gute Nacht.
„Warte“ sagte ich: „Kannst du nicht hier bleiben?“
„E..echt jetzt?“ fragte er ungläubig.
„Ja, allein finde ich es ziemlich gruselig.“ Und das war die absolute Wahrheit. Ich wusste zwar, dass es nur die Äste sind, die über das Dach und die Wände streiften. Ich wusste auch, dass es der Wind ist, der das Baumhaus sanft schwanken ließ. Trotzdem machte mir die Vorstellung Angst, allein in diesem Baumhaus zu schlafen.
„Gute Nacht“ flüsterte ich und zog die Decke bis über mein Kinn.
„Gute Nacht, Laura“ sagte Felix.

„Brems“ schrie Tomi.
„Breeeeeeems… du musst bremsen!“
Ich konnte dem LKW ausweichen aber es war zu spät. Wie in Zeitlupe sah ich das Geländer auf mich zukommen. Ich spürte einen dumpfen Schlag und sah abwechselnd den wolkenbehangenen Himmel und die Stufen der steinernen Treppe.

„Laura!“
„Laura, wach auf!“
Ich schreckte hoch.
Felix starrte mich erschrocken an.
„Hast du schlecht geträumt?“ fragte er leise.
„Ich… ich weiß nicht.“ sagte ich ganz verdattert.
„Du hast im Schlaf geschrien.“ sagte er.
„Wie spät ist es?“
Er schaute auf das Display seines Handys.
„Kurz nach sieben.“
„Ich geh mal kurz was checken. ich bin gleich wieder da.“ sagte er.
Ich ließ mich zurück auf die Matratze fallen.
Hatte ich schlecht geträumt? Ich konnte mich nicht erinnern. Aber ich war nassgeschwitzt.
Felix kam wieder: „Die Luft ist rein, meine Alten sind schon auf Arbeit gegangen. Wenn du willst, können wir rüber gehen.“
Ich wollte. Ich setzte meinen Rucksack auf und folgte Felix die Leiter nach unten.
Langsam trottete ich hinter Felix durch das taunasse Gras. Ich fühlte mich noch ziemlich müde und mir war kalt.
„Zieh lieber die Schuhe aus“ sagte Felix als wir in den Hausflur traten: „Meine Mutter bekommt, n Anfall wenn sie Flecken auf dem Teppich findet.“
Ich folgte ihn durch den Flur in ein modernes Wohnzimmer. Hier war es warm. Eine enorm große schwarze Eckcouch aus Leder trennte das Wohnzimmer vom Essbereich. Felix ließ sich auf die Couch fallen: „Setz dich.“
„Wo ist euer Bad?“ fragte ich.
„Den Flur hinter und dann rechts.“
Gerade als ich das Badezimmer wieder verlassen wollte, vibrierte Rolfs Handy in meiner Hosentasche. „Nobert mobil ruft an“
Sofort schlug mein Herz wieder bis zum Hals. Hastig drückte ich das Gespräch weg und schaltete das Handy aus.
„Na, alles klar?“ wollte Felix wissen.
Ich setzte mich wortlos zu ihm auf die Couch.
In meinem Kopf ratterte es. Die Kopfschmerzen kamen zurück und ich bereute es, dass ich nicht dran gedacht hatte, die Tabletten aus Rolfs Wohnung mitzunehmen.
Felix Bruder, Leon, kam verschlafen ins Wohnzimmer, blinzelte, rieb sich die Augen und ließ sich in den großen schweren Sessel fallen.
„Wo warst du die ganze Nacht?“ fragte er Felix und schielte mich dabei an.
„Geht dich nix an.“ sagte Felix und schaltete mit der Fernbedienung den überdimensionalen Flachbildschirm an.
„Haben die Eltern was gemerkt?“ fragte er Leon.
„Nö.“ sagte der.
Ich hatte keine Ruhe mehr, der Anrufversuch von Weber ging mir nicht aus dem Kopf.
„Ich brauch mal frische Luft“ sagte ich und schnappte mir meinen Rucksack.
Felix sprang auf: „Wo willst du hin?“
„Einfach mal raus.“
„Warte ich komm mit.“ sagte er, als ich meine Schuhe anzog.
„Nein… ich will mal kurz… ich will mal kurz allein sein..“ sagte ich.
„Was ist los?“ wollte er wissen und runzelte seine Stirn.
„Ich komm dann wieder.“ sagte ich und verließ das Haus.
Ich wusste nicht wohin. Ich hatte keinen Plan. Ich könnte einfach zum Bahnhof laufen und auf den nächsten Zug warten. Einfach weg von hier.
Ich hatte die 450€, damit würde ich hier weg kommen.
Leichter Nieselregen setzte ein und ich fröstelte. Diese verdammten Kopfschmerzen!
Als ich an Sandners Haus vorbei kam, sah ich, dass der Transporter mit der Firmenschafschrift des Landschaftsbaus verschwunden war.
War Weber damit weggefahren? Er hatte keinen Führerschein mehr. Aber wer Leichen in seinem Garten vergräbt, fährt auch ohne Führerschein, dachte ich. Hatte Weber überhaupt den toten Rolf vergraben? Ich hatte nur seine Füße und den Spaten gesehen. Aber was spielte das für eine Rolle?
„Hatte Weber überhaupt den toten Rolf vergraben?“ sprach ich leise vor mich hin.
Ich wusste plötzlich nicht, ob ich das geträumt hatte.
Der Regen wurde stärker und ich zog meine Kapuze über den Kopf. Ich lief am Supermarkt vorbei, die Straße hinunter. Ohne Ziel. Ein LKW donnerte an mir vorbei. Ich schrak zusammen.
Ein seltsames Gefühl durchströmte mich. Ein Gefühl, wie als würde ich schweben. Ich schaute hinüber zur anderen Straßenseite. Das Geländer. Hatte ich davon geträumt? Ich rannte hinüber, lief um die Absperrung und sah die steile, breite Betontreppe. War ich hier schon mal gewesen?
Ich schaute in den Himmel. Regentropfen fielen mir ins Gesicht. Krampfhaft versuchte ich mich zu erinnern. Treppe. Himmel. Warum machte mir das Angst? Wieder schaute ich nach oben.
„Treppe…Himmel…“ sagte ich leise vor mich hin. Tief in meinen Erinnerungen, tauchte eine Gestalt auf, die mir mit einer stabförmigen Taschenlampe in die Augen leuchtet. Ich griff an meine Stirn. Sie fühlte sich heiß an. Hatte ich Fieber? Ich konnte einfach nicht mehr klar denken. Die Kopfschmerzen machten mich verrückt.
Ich schaute auf die Uhr. 8:23 Uhr.
Am Vortag hatte ich mich mit Sara für zehn Uhr verabredet.
Ich hatte nicht wirklich vorgehabt, mich mit ihr zu treffen. Aber sie hatte es gestern geschafft mich abzulenken. Vielleicht schafft sie das heute auch? Wird sie überhaupt bei dem Regen kommen?
Ich beschloss im Supermarkt zu warten.

Gerade als ich den Markt durch die Schiebetür betreten wollte hörte ich ein „Pssst“ und dann rief jemand langezogen und leise: “Laura“. Ich blickte mich um. Sara hockte hinter der großen blauen Papiertonne und winkte mich aufgeregt zu sich.
„Was ist los?“ sagte ich.
„Psssst“ macht sie und sagte: „Duck dich!“
„Was ist denn los?“ fragte ich, duckte mich aber dennoch.
„Leise“ sagte sie. Sie war total aufgeregt.
Sie zog einen halb durchgeweichten Zettel aus ihrer Jackentasche und reichte ihn mir: „Der hing beim Bäcker.. ich hab ihn geklaut.“
„Dort hängt auch einer“ fügte sie hinzu und zeigte mit gestrecktem Finger neben die Eingangstür.
Ich faltete den Zettel auseinander. Der Schreck fuhr mir in alle Glieder und ließ mein Herz rasen.
» VERMISST « stand in dicken Buchstaben über einem Foto von mir.
Das Foto, das mich zeigte, stammte vom letzten Sommer. Meine Mutter hatte mich damals im Garten fotografiert. Unter dem Foto stand:
Seit Montag, dem 8. April, wird die 15jährige Emelie W. aus Goderwerth (Landkreis Sedelswalde) vermisst.
Emelie ist ca. 1,62m groß, schlank, hat dunkelblonde, lange, glatte Haare und blau-grüne Augen. Zum Zeitpunkt ihres Verschwindens trug das Mädchen vermutlich eine hellblaue Jeans, eine dunkle Jacke und Turnschuhe. Eine Eigengefährdung kann nicht ausgeschlossen werden.
Ganz unten wurde noch eine Telefonnummer der Polizei angegeben. Leute, die mich gesehen haben, sollten sich umgehend unter dieser Nummer melden.
Ich las den Zettel zweimal durch.
„Was bedeutet Eigengefährdung“ wollte Sara wissen.
„Und wieso steht da Emelie?“ fragte sie weiter.
„Ich heiße in Wirklichkeit Emelie… Emelie Winter. Ich bin fünfzehn und nicht sechszehn.“ sagte ich leise.
„Wieso hast du mich angelogen? Ich dachte du bist meine Freundin.“ sagte sie den Tränen nah.
„Das tut mir leid. Ich hätte dich nicht anlügen dürfen…“ Mir tat es wirklich leid.
„Warum wirst du denn vermisst?“ fragte sie.
„Das ist eine lange Geschichte…“
„Du musst dich verstecken!“ sagte sie.
„Ja, aber wo? Auf keinen Fall in der Höhle!“ sagte ich.
Ich wollte nie wieder in dieses Loch steigen, außerdem wollte ich nicht am dem Haus vorbei laufen, in dem Felix wohnte und der sich wahrscheinlich fragte, wo ich blieb.
Ihre Miene verfinsterte sich: „Dann weiß ich auch nicht.“
Wir hockten schweigend nebeneinander. Regen tropfte vom Dachrand des Marktes auf den Papiercontainer und erzeugte ein monotones Trommeln.
„Turnhalle!“ sagte sie plötzlich freudestrahlend.
„Turnhalle?“ wiederholte ich.
„Ja, du kannst dich doch in der Turnhalle verstecken. Da ist es warm und in den Ferien ist da keiner.“
„Wie soll ich bitteschön in die Turnhalle gelangen?“
„Na meine Mama hat doch den Schlüssel“ sagte sie, in einem Ton, als müsste ich das wissen und es das Selbstverständlichste auf der Welt wäre.
„Wieso hat deine Mutter den Schlüssel von der Turnhalle?“
„Na weil die doch dort immer saubermacht… Weil sie im Supermarkt nicht genug Geld verdient.“
„Aha..“ sagte ich und mir gefiel das Ganze nicht: „Ich kann doch nicht einfach in die Turnhalle einbrechen.“
„Schätzchen, du bist in den letzten Tagen ständig irgendwo eingebrochen.“ hörte ich die Stimme sagen.
„Das ist doch nicht einbrechen, ich kann doch den Schlüssel holen.“ sagte Laura und sah mich ungeduldig an.
„Ich weiß nicht..“ überlegte ich.
„Ich weiß wo meine Mama den Schlüssel hat.“ sagte sie und rannte los.
„Warte!“ rief ich ihr nach.
Sie drehte sich um und sagte: „Psst, nicht so laut. Ich hol den Schlüssel. Versteck dich hinter dem Container! Ich komme gleich wieder.“
Dann rannte sie davon.
Mein Kapuzenshirt war durchgeweicht und meine Zähne klapperten vor Kälte.
Ich blickte auf die Uhr. Sie war bereits seit über zwanzig Minuten weg.
Als sie endlich über den Platz angerannt kam, hätte ich sie fast nicht erkannt. Sie hatte ein Basecap auf und einen Rucksack, an dem ein kleiner Plüschbär wild hin und her pendelte, auf dem Rücken.
„Schau mal, ich hab auch einen Rucksack.“ sagte sie stolz und war ganz außer Atmen.
„Was hast du da drin?“
„Na Sachen für dich“
„Wir laufen hinten rum.“ sagte sie und fügte hinzu: „Da sieht uns niemand.“
Das ‚hinten rum‘ entpuppte sich als ein fast zweistündiger Marsch über Wiesen, Felder und durch Gestrüpp. Meine Hose war bis zu den Knien nass und schmutzig, meine Turnschuhe waren durchgeweicht und dicke Dreckklumpen hingen an den Sohlen. Meine Füße waren wie Eis.
„Es ist nicht mehr weit“ sagte Sara und wischte sich mit dem Handrücken über die Nase.
„Das sagst du schon seit einer Stunde.“
Aber kurz darauf kamen wir tatsächlich an. Sie lief vor mir, geduckt an der Wand entlang zum Eingang. Ich tat es ihr nach.
„Mist, ich hab den Schlüssel vergessen.“ sagte sie und ehe ich irgendwas sagen konnte, fügte sie hinzu: „Haha verarscht.“

Mit beiden Füßen sprang sie in eine Pfütze. Das Wasser spritze ihr bis ins Gesicht.
„Sara!“ sagte ich. „Mach endlich auf, ich erfriere.“
Sie schloss die Tür auf. Wärme schlug mir entgegen.
Völlig erschöpft setzte ich mich auf den Boden. Ich zog meine nassen Schuhe und Socken aus und massierte meine eiskalten Füße.
„Komm“ sagte sie ungeduldig.
Ich musste mir alles ansehen. Die Umkleidekabinen, die Duschen, einen kleinen Raum, in dem Bälle aufbewahrt wurden. Sara war unermüdlich und rannte aufgeregt und stolz vornweg und rief ständig: „Komm.“
„Hier ist Sprudelwasser, wenn du Durst hast“ sagte sie und zeigte auf eine Kiste Selters, die im
Sportlehrerzimmer stand.
„Ich glaub, jetzt hab ich alles gesehen“ sagte ich und ließ mich auf drei übereinander gestapelte Matten fallen.
„Schau mal was ich kann“ rief Sara und kletterte die Stange nach oben, schlug oben mit der Hand an den Balken und ließ sich fasst im freien Fall die Stange wieder hinunter gleiten.
„Ich muss mich mal kurz ausruhen.“ sagte ich müde.
Sara setzte sich neben mich und schüttete ihren Rucksack aus.
Zwei Tüten Gummibären, eine Tafel Nussschokolade, eine Tüte Salzstangen, eine Büchse Mandarinen und ein hart gekochtes Ei kamen zum Vorschein.
„Mehr konnte ich nicht finden“ sagte sie betrübt.
Dann hielt sie mir ein Buch vor die Nase: „Damit dir nicht so langweilig ist.“
‚Ferien auf dem Bauernhof‘ stand auf dem Buchdeckel über einem kunterbunten
Bild. Ich nahm das Buch und drehte es um. Ich musste lachen:
„Das ist ab 6 Jahren“ sagte ich und Sara schlug sich mit der Hand auf die Stirn und sagte:
„Man, du bist doch schon über sechs Jahre alt.“ Dabei schaute sie mich vorwurfsvoll an.
Ich bekam so einen Lachanfall, dass ich Tränen in den Augen hatte. Auch Sara lachte mit.
Sie hat mich tatsächlich zum Lachen gebracht, dachte ich, nachdem ich mich wieder beruhigt hatte.
Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal gelacht hatte. Sara hatte es geschafft.
Dann holte sie noch einen kleinen Plüschelefant aus der Seitentasche ihres Rucksackes:
„Das ist Dumbo. Damit du nicht so allein bist.“
Ich riss eine Tüte Gummibärchen auf und schüttete ein paar auf die Matte.
Sara schob sich zwei in den Mund. Als ihr Ärmel des Pullovers leicht zurückrutschte, sah ich es.
Rot-bläuliche Striemen verliefen um ihr Handgelenk. Entsetzt nahm ich ihren Arm:
„Was ist das?“ Sie zog ihn rasch zurück und schob den Ärmel über ihr Handgelenk:
„Nichts“
„Wer war das?“ fragte ich.
Sie senkte ihren Kopf und schob ein Gummibärchen mit ihrem Finger auf der Matte hin und her.
„War das deine Mama?“ wollte ich wissen, obwohl ich mir die Antwort denken konnte.
„Nein“ sagte sie leise.
„Wer war das?“
„Das kann ich nicht sagen.“
„Warum kannst du es mir nicht sagen?“
„Weil dann meine Mama ihre Arbeit und unsere Wohnung verliert und dann muss ich ins Heim.“
„Wer sagt denn sowas?“ wollte ich wissen.
Sie sagte nichts und malte mit ihrem Finger Kreise auf die Matte.
„Hat das dir Weber gesagt?“

Entsetzt starrte sie mich an.
„Sara..“ fing ich an: „… das wird aufhören.“
„Nein!“ schrie sie plötzlich.
„Doch, ich verspreche es dir.“
Sie fing an zu weinen: „Und wie?“
„Ich kann es dir jetzt noch nicht sagen, aber ich schwöre dir, bei allem was mit heilig ist, es wird aufhören, schon bald.“
„Aber wie?“ fragte sie und ihre Stimme klang verzweifelt.
„Vertrau mir… wichtig ist, dass du niemandem erzählst, dass ich hier bin.“
„Natürlich nicht, ich bin doch nicht blöd!“ sagte sie entrüstet.
Sie wischte sich die Tränen aus den Augen.
„Ich vertraue dir, du bist ein tapferes Mädchen… und du bist meine allerbeste Freundin.“ hörte ich mich sagen.
„Ehrlich?“ fragte sie.
„Ehrenwort!“
Völlig unerwartet fiel sie mir um den Hals. Ihre Haare rochen nach Vanille.
„Danke“ sagte sie: „Du bist auch meine allerbeste Freundin.“
Wir saßen noch lang im Schneidersitz, aßen Gummibärchen und sie erzählte ununterbrochen von ihrem Zuhause, der Schule, dass sie einmal an der Ostsee war und dass sie sich ein Haustier wünscht. Das Thema Weber blendete sie komplett aus und ich war froh darüber.
Ich wünschte mir so sehr, dass sie dieses Kapitel für immer vergessen könnte.
Die Zeit verging wie im Flug und als es bereits zu dämmern anfing, sagte ich:
„Du musst jetzt gehen.“
„Ja…“ antwortete sie.
„Aber ich komm gleich morgen früh, wenn meine Mama auf Arbeit gegangen ist, wieder her.“
Sie hielt mir wieder ihre Hand hin: „Schlag ein.“
Ich hielt meine Hand hoch und sie klatschte schwungvoll dagegen.
Sie rannte durch die Halle, sprang mit einem Satz über eine Linie, die auf den Hallenboden gemalt war, drehte sich noch einmal um und sagte: „Tschau Emelie“. Dann verschwand sich durch die Tür.
Ich machte es mir auf den Matten bequem und schaltete Rolfs Handy ein.
Erst jetzt wurde mir bewusst, dass meine Kopfschmerzen weg waren.
Plötzlich hörte ich den Schlüssel in der Eingangstür.
Ich rannte zur Tür und stellte fest, dass sie abgeschlossen war.
Ich trommelte mit den Fäusten gegen die Tür, aber Sara konnte mich nicht mehr hören, sie war schon zu weit weg.
Ich wedelte mit meinen Armen. Dreh dich um! Dreh doch noch einmal um! Aber sie tat es nicht.
Verdammt, wieso hatte sie mich eingeschlossen?
Den Schlüssel wird sie mitgenommen haben, damit ihre Mutter den Verlust nicht bemerkt, dachte ich. Vielleicht hatte sie auch Angst, dass ich einfach verschwinde? Ich ging zurück.
Auf Rolfs Handy waren zwei WhatsApp-Nachrichten. Sie stammten von Weber.
„Wir müssen reden!“ war die erste.
„Was willst du für die Bilder haben?“ war die zweite Nachricht.
Gut, dann bring ich dich mal etwas zum schwitzen!
Ich antwortete: „Eine Million Euro.“ und tippte noch zwei Smiley mit herausgestreckter Zunge hinzu. Nach fünf Minuten war noch immer keine Antwort da. Ich ging zur Toilette und zündete mir eine Zigarette an. Die Kippe warf ich ins Klobecken, sie ließ sich nicht hinunterspülen und tauchte immer wieder auf. In der Halle war es mittlerweile dunkel, nur das Licht der Laterne fiel durch die Oberlichter. Die Benachrichtigs-LED am Handy blinkte grün.
Das Monster hatte geantwortet:
„OK, komm her und hol das Geld ab. Vergiss nicht die Fotos mitzubringen. Adresse hast du ja.“
Eine zweite Nachricht kam. Vor Schreck wäre mir fast das Handy aus der Hand gefallen. Schlagartig wurde mir wieder schlecht. Es war Schwarz-Weiß-Foto, auf dem ich zu sehen war.
Mit weißleuchtenden Augen, blickte ich direkt in eine Kamera, die sich an der Zimmerdecke in einer Ecke befinden musste Mir wurde schwindlig.
Das Foto war in Webers Haus im Schlafzimmer aufgenommen worden. Ich konnte deutlich die Schranktür erkennen, die ich abgetreten hatte.
Das Schwein hat eine Überwachungskamera! Warum war mir das nicht aufgefallen!
Wieso hatte er eine Kamera im Schlafzimmer? Sara - schoss es mir sofort in den Kopf.
Hastig tippte ich eine Nachricht: „OK, ich komme. Wer ist das auf dem Foto?“
Prompt kam die Antwort: „Du.“
„Nein, das bin ich nicht“ antworte ich, obwohl ich wusste, dass er nicht auf diesen billigen Versuch hereinfallen würde.
Ok, jetzt wird es soweit sein, dachte ich. Heute wirst du sterben, Weber!
Ich steckte die Pistole in meinen Hosenbund, riss eine der Pappschachteln mit Munition auf und steckte eine Handvoll Patronen in meine Hosentasche.
Doch zunächst musste ich erstmal aus der Turnhalle raus kommen.
Die Oberlichter waren zu hoch. Ich lief alle Räume ab und stellte fest, dass es in allen Räumen nur Oberlichter gab. Die Toilette schien mir die einzige Möglichkeit. Ich stieg auf den Toilettendeckel und zog mich an der dünnen Trennwand zur Nachbarkabine hoch. Wie auf einem Pferd saß ich auf der Trennwand und zog mich mit den Händen bis zur Außenwand mit dem Oberlicht.
Vorsichtig kniete ich mich und richtete mich langsam mit zitternden Beinen auf.
Mit einer Hand stütze ich mich an der gegenüberliegenden Wand ab und beugte mich zum Oberlicht.
Es ließ sich nur kippen!
Ich konnte unmöglich zurück klettern. Ich stand auf der dünnen Trennwand nach vorn gebeugt und nur solang ich mich mit der Hand an der gegenüberliegenden Wand abstützte, würde ich nicht hinunterfallen.
Mit einem lauten Knall zersprang der Klodeckel in zwei Teile als ich darauf sprang.
Wie durch ein Wunder blieb ich völlig unverletzt. Gab es einen Ersatzschlüssel?
Ich durchwühlte den Tisch und den Schrank im Sportlehrerzimmer, doch ich fand nichts.
Rolfs Handy kündigte eine neue Nachricht an.
Eine halbe Minute lang stand ich wie versteinert da und starrte auf das Display. Es war ein Bild von Sara! Ich erkannte sofort, dass es im Flur von Weber aufgenommen wurde. Sara blickte ängstlich in die Kamera. „Ich warte nicht mehr lang.“ hatte das Monster unter das Bild geschrieben.
Er hatte Sara! Wahrscheinlich hatte er sie auf ihrem Weg nach Hause abgefangen.
Ich nahm einen Stuhl und schlug mit aller Kraft gegen die untere Glasscheibe der Eingangstür, doch das Glas zerbrach nicht. Die Schläge hallten durchs ganze Gebäude. Wie von Sinnen riss ich den Feuerlöscher von der Wand, der direkt neben der Eingangstür hing und schleuderte ihn gegen die Scheibe. Das Glas zersplitterte, fiel jedoch nicht aus dem Rahmen. Wie ein Spinnennetz breiteten sich die Risse über die gesamte Fläche aus. Immer wieder schlug ich mit dem Feuerlöscher gegen das Glas, bis es sich aus dem Rahmen löste. Ich trat es mit dem Fuß nach draußen und kletterte durch die Öffnung. Erst als ich mich wieder aufrichtete sah ich Auto, das seitlich neben dem Eingang stand. Eine Taschenlampe blendete mir ins Gesicht. Im selben Moment packte mich eine Hand am Arm und drückte mich gegen die Wand. „Wachschutz & Sicherheitsdienst“ stand an der Seitentür des Autos.
„Ganz ruhig“ sagte eine Stimme.
„Wie viele seid ihr?“ fragte eine andere Stimme.
Die Taschenlampe wurde gesenkt. Zwei Männer standen vor mir. Der eine, ich schätzte ihn auf 40 Jahre, hielt noch immer meinen Arm fest. Er war dick und hatte eine Halbglatze. Der andere war wesentlich jünger und sprach in ein Funkgerät.
„So jetzt warten wir schön auf die Polizei.“ sagte er schließlich zu mir. Dann beugte er sich vor die Eingangstür und rief durch die Öffnung: „Kommt raus.“
Er dachte tatsächlich, dass ich nicht allein in der Turnhalle gewesen bin. Ich ließ ihn in diesem Glauben. Ich spürte keine Angst, nur Wut. Eine grenzenlose Wut, dass mir diese zwei Typen meine Zeit stahlen. Ich wusste, dass ich die Macht hatte, aus dieser Situation zu entkommen. Diese Macht steckte in meinem Hosenbund. Am liebsten hätte ich ihnen laut ins Gesicht geschrien, das sie keine Chance haben. Das sie mich einfach gehen lassen sollten. Doch ich tat es nicht. Obwohl nur ein kleiner Augenblick vergangen war, kam es mir endlos lang vor, mich zu überwinden.
„Hau ab“ rief ich an den Wachmann vorbei, in die Dunkelheit, in Richtung Sportplatz.
Ein wenig war ich selbst überrascht, dass diese zwei Wachmänner, auf diesen Trick hereinfielen und ihre Köpfe umdrehten um in Richtung Sportplatz zu schauen.
Mit meiner freien Hand zog ich die Waffe, drückte sie dem Dicken an die Hüfte und schoss.
Der Schuss zerriss die nächtliche Stille und weit entfernt, hallte das Echo im Bruchteil einer Sekunde vom Ort herüber.
Augenblicklich ließ er meinen Arm los, fing laut an zu schreien und lehnte sich, mit einer eigenartig, verdrehten Körperhaltung, ans Auto. Der andere, warf sich auf den Boden und kroch unter das Auto. Kurz überlegte ich die Reifen des Autos zu zerschießen, aber ich wusste, dass sie mir nicht folgen würden. Ich rannte einfach los, an der Schule vorbei, die Straße hoch zum Supermarkt und dann in Richtung Siedlung. Meine Lunge brannte und ich rang nach Atem.
In sicherer Entfernung blieb ich stehen und wartete eine Weile bis sich meine Atemfrequenz normalisiert hatte. Ich lief die Siedlungsstraße auf der gegenüberliegenden Seite entlang und spähte zur Hausnummer 3b. Die Haustür war nur angelehnt. Für wie blöd hielt mich dieses perverse Monster? Ich konnte förmlich spüren, wie er hinter der Tür lauerte. Langsam schlich ich zurück, ums Haus herum und stolperte über einen alten Autoreifen.
Durch die Terrassentür fiel schwaches Licht in den Garten. Mit einem Blick konnte ich erkennen, dass weder Sara noch Weber im Wohnzimmer sind. Ich trommelte mit meinen Fäusten an die Terrassentür und rannte so schnell ich konnte zurück, um das das Haus herum. Mit ausgetrecktem Arm hielt ich die Pistole und ging in den Flur. Die Wohnzimmertür stand offen. Weber stand mitten im Raum und hielt Sara im Schwitzkasten. Er sah ganz anders aus, als ich ihn mir vorgestellt hatte.
Sein kleiner runder Kopf war kahlrasiert und saß auf einem massigen Körper. Unter seinen merkwürdig gelblichen Augen hingen dicke Tränensäcke. Er war nicht nur ein Monster, er sah auch so aus.
„Wo sind die Fotos?“ fragte er in einem erstaunlich ruhigem Ton.
„Bei der Polizei“ log ich.
Saras Kopf war rot und sie schnappte immer wieder nach Luft.

„Lass sie los!“ schrie ich ihn an: „Lass sie sofort los!“
Ich sah, wie mein Arm zitterte. Schweiß lief mir über das Gesicht und brannte in meinen Augen.
„Nimm die Knarre weg.“ herrschte er mich an und drückte seinen Unterarm stärker gegen Saras Hals.
„Nimm die Knarre runter!“ Sara röchelte nach Luft. Sie hatte ihre Finger in seinem Unterarm gekrallt und strampelte mit den Beinen.
Es fiel mir immer schwerer, meinen Arm auszustrecken. Ich zitterte am ganzen Körper. Meine Kehle war wie zugeschnürt.
Der Angriff kam so unerwartet, dass ich keine Chance hatte. Blitzschnell schleuderte er Sara weg. Sie fiel seitwärts gegen den Tisch. Leere Bierflaschen klirrten. Sara blieb röchelnd und hustend auf dem Boden liegen.
Im selben Moment schlug er mit enormer Kraft auf meine Hand. Die Pistole fiel herunter. Ein zweiter Schlag gegen meine Brust ließ mich taumeln und ich ging zu Boden. Er umfasste mein Bein und zog mich mit einem kräftigen Ruck in Richtung Raummitte. Vor Schmerz schrie ich laut auf. Ich streckte meinen Arm aus und bekam die Pistole zu fassen. Als er auf meinen Arm treten wollte, riss ich ihn nach oben.
Er streifte meinen Arm und die Pistole drohte mir aus der Hand zu rutschen. Ich drückte ab. Der Knall war ohrenbetäubend. Mit einer unbeschreiblichen Kraft wurde mir die Pistole aus der Hand gerissen. Weber riss den Mund auf und sank zu Boden. Im selben Moment spürte ich den stechenden Schmerz in meiner Hand. Ich schrie aus voller Kehle, aber ein Pfeifen in meinen Ohren übertönte meinen Schrei.
Fassungslos schaute ich auf meine Hand. Es dauerte einen Moment, ehe ich begriff, was passiert war.
Weil ich die Waffe nicht richtig umfasst hatte, hatte mir der zurückschnellente Schlitten eine tiefe Wunde zwischen Daumen und Zeigefinger gerissen. Blut durchtränkte innerhalb eines Augenblickes den Ärmel meines Shirts.
„Sind ihre Hände oft rissig und schmerzen? “ schoss es mir in den Kopf.
Ich spürte meine Schläfen pochen. Langsam verschwand das Pfeifen in meinen Ohren. Wie als dreht jemand ein Radio lauter, drangen wieder Geräusche an meine Ohren.
Weber hatte sich wieder aufgerichtet. Erst jetzt sah ich, das ich ihm in die Schulter geschossen hatte.
„Du verdammte Schlampe“ schrie er und war außer sich vor Wut. Aus seinem Mund spritzen Speicheltropfen. Ich griff nach der Stuhllehne, drehte mich halb um die eigene Achse und warf den Stuhl mit voller Wucht in Richtung Weber. Aber ich verfehlte ihn. Sara kroch unter den Tisch.
Sie schrie wie am Spieß. Weber griff nach einer leeren Bierflasche und schleuderte sie zu mir. Sie flog weit daneben und zersplitterte am Türrahmen.
Ich sah die Pistole. Sie war halb unter den Schrank gerutscht. Weber schien sie im selben Moment zu sehen und warf sich vor den Schrank auf den Boden. Er schrie vor Schmerz. Noch ehe er die Pistole fassen konnte, trat ich ihm ins Gesicht. Einmal, dann noch einmal. Blut spritze. Er rollte sich auf die Seite. Ich trat ein weiteres mal und traf sein Ohr.
„Prima, Emi , das war super!“ hörte ich meinen Trainer in Gedanken rufen.
Weber stöhnte. Sirenen heulten wild durcheinander und kamen näher. Wildblinkenes Blaulicht fiel durch das Fenster. Ich griff nach der Pistole. Sie glitt mir, wie ein glitschiger Fisch, aus den Fingern. Meine Hand blutete wie verrückt, aber ich nahm keinen Schmerz mehr wahr. Ich nahm die Waffe mit der anderen Hand, hielt sie Weber an den Kopf und feuerte das Magazin leer. In einem schnellen Rhythmus spie die Glock Patronenhülsen aus.
Hirnmasse und Blut spritzen mir ins Gesicht.
Stille. In meinen Ohren dröhnte es. Rauchschwaden hingen im Raum.
„Komm“ brüllte ich zu Sara. Meine Stimme hörte sich eigenartig dumpf an.
Aber sie saß zusammengekauert unter dem Tisch und hielt sich die Ohren zu.
Ich zog sie unter dem Tisch vor. Sie schrie und weinte.
„Wir müssen hier weg.“ Ich hörte wie gegen die Haustür gehämmert wurde.
Ich zog Sara durch die Balkontür, hinaus in den Garten.
„Hör auf mit schreien!“
Vor uns war die Hecke. Ich rannte nach rechts und zog Sara an ihrem kleinen Arm hinter mir her.
Wie wild trat ich gegen die Latten des Zaunes, hinter dem das Nachbargrundstück lag. Sie ließen sich erstaunlich leicht heraustreten.
Drei Stück. Das muss reichen.
„Weiter“ sagte ich, schob Sara durch die Öffnung und kletterte hinterher.
Wir rannten zum oberen Zaun. Wieder trat ich drei Latten heraus. Sie klappten einfach nach außen um und blieben mit nach oben gerichteten Nagelspitzen liegen.
„Pass auf die Nägel auf“ keuchte ich.
Wir rannten in den Wald. Immer wieder fielen wir hin, standen auf und hetzten weiter. Das Sirenengeheul wurde leiser. Sara hatte aufgehört zu schreien. Ich war mit meinen Kräften am Ende. Ich bekam kaum noch Luft. „Du blutest“ sagte Sara. Im Mondlicht, das durch die Bäume fiel, konnte ich ihr entsetztes Gesicht sehen.
„Halb so wild, Kleine.“ keuchte ich.
„Wir müssen zur Polizei.“ sagte sie.
„Ich … ich kann nicht.“ sagte ich.
„Aber warum denn nicht?“ wollte sie wissen.
„Ich habe schreckliche Dinge getan…“

Wir rannten weiter, hielten uns links und erreichten schließlich den Waldrand. Wir sprangen über den schmalen Graben und liefen die Straße hinunter, geradewegs in die Innenstadt.
Mein Ziel lag zum greifen nah. Nur noch ein paar Meter.
Überall sah man Blaulicht.
Wir erreichten die Stresemannbrücke.
„Renn nach Hause.“ sagte ich, aber Sara rührte sich nicht vom Fleck.
„Nein, ich lass dich nicht allein!“ sagte sie.
Mehrere Polizeiwagen kamen fast gleichzeitig von beiden Richtungen der Straße angerast und bremsten mitten auf der Brücke.
Polizisten sprangen aus den Autos und zielten mit Pistolen auf mich.
„Weg von dem Kind.“ rief einer.
„Geh zu den Polizisten.“ sagte ich zu Sara.
„Emelie“ sagte sie ängstlich und klammerte sich mit ihren Armen an mir fest.
„Ich wünschte du wärst meine Schwester… in einem bessere Leben.“ flüstere ich ihr zu.
Sie schaute mich so traurig an, dass mir die Tränen in die Augen schossen.
„Geh schon“ sagte ich und strich ihr über den Kopf.
„Nein..“ sagte sie und heulte.
„Weg von dem Kind!“ schrie mich der Polizist an.
„Bitte Sara…“ sagte ich mit Tränen in den Augen: „Du musst gehen… vertrau mir.“
Langsam ging Sara zu den Polizisten. Sie zogen sie hinter einen Polizeiwagen.
Drei Polizisten kamen auf mich zu.
Ich stieg über das Brückengeländer.
Sofort wichen sie zurück.
„Runter!“ schrie einer.
„Komm runter da!“
„Emelie“ schrie Sara und versuchte sich von den Polizisten, die sie festhielten, loszureißen.
Sie strampelte und schrie.
Sie wurde in ein Polizeiauto geschoben. Sie schlugen die Tür zu und fuhren langsam davon.
Mein Herz krampfte sich zusammen.
„Komm da runter, mach keinen Blödsinn.“ sagte einer der Polizisten.
„Nein, ich will zu meinen Eltern“ sagte ich.
Langsam löste ich meine Hände von Geländer und ließ mich fallen.
Wie in Zeitlupe fiel ich.
Die Umgebung verschwamm zu einem grauen Band. Ich hatte keine Angst.
Ich spürte einen Schlag auf meiner Schulter und sah dann ein Fahrrad an mir vorbei fliegen.
Wieso fliegt da ein Fahrrad?
„Laura“ hörte ich eine Stimme rufen.
Nicht die Gewissheit, dass ich in einer Sekunde tot sein werde ärgerte mich, sondern das ich nun nicht mehr herausfinden werde, woher das Fahrrad kam.
Mit einem lauten Knall schlug das Fahrrad auf den Asphalt auf. Ich schloss die Augen. Jetzt werde auch ich aufschlagen. Doch irgendwas hielt mich fest. Es schien, als bliebe ich einfach in der Luft hängen. In mir drehte sich alles, wie in einem Karussell.
„Laura“ drang eine Stimme zu mir vor. Sie klang seltsam verzerrt. War ich tot?
Langsam öffnete ich die Augen. Licht blendete mich. Verschwommen sah ich schemenhaft eine Person, die sich über mich beugte.
„Laura“ Die Stimme schien von dieser Person zu kommen. Lag ich oder schwebte ich? Ich spürte eine sanfte Berührung auf meiner Stirn. Langsam gewöhnten sich meine Augen an die Helligkeit und die Person nahm Konturen an.
Ich erkannte eine zweite Person.
„Laura, alles wird gut.“ Die Stimme war jetzt klarer und sie klang wie die Stimme meiner Mutter.
Ich bin tot, dachte ich.
„Mama, ich bin da.“ sagte ich, aber ich konnte meine eigene Stimme nicht hören. Hatte ich überhaupt gesprochen? Wieder diese Berührung an meiner Stirn.
Jetzt erkannte ich die Person. es war meine Mutter.
„Laura, Schatz, wir sind hier, erkennst du uns?“
„Jaa“ wollte ich sagen, aber es kam nur ein undeutliches Krächzen.
Ich drehte meinen Kopf zu Seite.
Ich lag in einem Bett. Neben mir vernahm ich einen regelmäßigen Piepton.
„Laura, hörst du mich?“ fragte meine Mutter.
Ich versuchte etwas zu sagen, aber meine Zunge fühlte sich eigenartig dick an.
Jemand leuchtete mit einer winzigen Taschenlampe in meine Augen und sagte:
„Sie braucht noch Ruhe.“
Laura.. ich heiße Laura…? dachte ich.
Als ich erwachte, war ich allein. Ich sah eine weiße Zimmerdecke und eine Lampe. Langsam blickte ich mich um. Ich lag in einem Bett. Meine Hand war verbunden. Ein Schlauch führte vom Verband zu einem Beutel, der an einem Ständer hing.
Eine Frau in einem weißen Kittel betrat den Raum.
„Hallo Laura, wie geht es dir heute?“ fragte sie freundlich.
Sie trat ans Bett heran, drückte eine Taste auf dem Apparat, der neben dem Bett stand.
„Lauf nicht weg, ich hole deine Eltern.“ sagte sie lächelnd und verließ das Zimmer.
Ich schloss die Augen und als ich sie wieder öffnete sah ich klar und deutlich meine Mutter.
„Laura, du bist wach..“ sagte sie und wischte sich eine Träne aus dem Auge.
„Mama“ hörte ich mich sagen.
„Hallo Prinzessin“ sagte mein Vater.
„Was… was ist passiert“ fragte ich.
„Du bist im Krankenhaus“ sagte meine Mutter.
„Ich dachte ihr seid tot“ sagte ich leise.
Meine Eltern sahen sich fragend an.
„Der Autounfall… ich dachte ihr seid tot.“
„Du hattest einen Unfall, mit dem Fahrrad.“ sagte mein Vater.
Meine Mutter küsste mich auf die Wange und die Stirn.
„Alles wird gut“ sagte meine Mutter.
„Du musst dich noch eine Weile ausruhen, aber alles wird gut, du wirst wieder ganz gesund.“
„… mit dem Fahrrad“ sagte ich leise.
„Kannst du dich nicht daran erinnern?“ fragte mein Vater.
„…Unfall? ... Fahrrad?“ fragte ich ungläubig.
„Ja, du hattest wahnsinniges Glück“ sagte mein Vater.
„Aber Sandner… und Weber..“
„Ich wollte das nicht…“
„Ist Sara in Sicherheit?“ rief ich plötzlich ziemlich laut.
Wieder sahen sich meine Eltern an.
„Das sind bestimmt die Nachwirkungen“ sagte mein Vater an meine Mutter gerichtet.
„Oma und Opa.. die Pistole..“ hörte ich mich sagen. In meinem Kopf drehte sich alles.
„Oma und Opa kommen dich heute Nachmittag besuchen.“ sagte meine Mutter.
„Pistole?“ fragte mein Vater.
„… im Rucksack.. die Fotos…“ Meine Gedanken wurden immer verworrener.
Doch auf einmal fühlte ich eine tiefe Zufriedenheit.
„Ich hab nicht geschossen.“ schrie ich und fing laut an zu lachen: „Ich habe gar nicht geschossen.“
Ich fühlte mich in diesem Moment unbeschreiblich erleichtert.
„Ruhig, du musst dich beruhigen Schatz. “ sagte meine Mutter.
„Versuche noch etwas zu schlafen. Wir rühren uns nicht von der Stelle, versprochen.“ Meine Mutter strich mir sanft über die Stirn.
„Du brauchst noch viel Ruhe.“ sagte mein Vater:
„Aber vielleicht kannst du bald nach Hause.“
„Nach Hause…“ wiederholte ich leise.

Der Regen wurde stärker.
„Scheiß Wetter“ sagte Tomi.
„Ist doch nur Wasser..“ entgegnete ich.
„Ich hab kein Bock mehr, ich bin ganz durchgeweicht.“ sagte er.
„Weichei!“
„Lass uns ne Pizza holen und ne Runde zocken.“ schlug er vor.
„Na gut.. Aber du bezahlst.“ bestimmte ich.
„Als ob es jemals anders war…“ sagte er.
Ich zog die Bänder meiner Kapuze straff und sagte: „Wer zuerst bei Giovanni‘s ist.“
Ich trat in die Pedale.
„Hallo? Das ist eine Einbahnstraße.“ sagte Tomi.
„Na und!“
„Lass uns außen herum fahren“ rief er, aber ich fuhr schon die steile, enge Straße hinab.
Der Regen peitschte mir ins Gesicht. Ich trat immer schneller.
Ich drehte mich kurz um und sah Tomi noch immer oben stehen. Er machte keine Anstalten, mir zu folgen. Plötzlich wildes Hupen. Als ich wieder nach vorn blickte, sah ich den LKW.
„Brems“ schrie Tomi.
„Breeeeeeems… du musst bremsen!“

Ich zog die Hinterradbremse. Sofort schleuderte mein Rad auf dem nassen Kopfsteinpflaster herum.
Panisch riss ich den Lenker in die andere Richtung.
Ich konnte dem LKW in letzter Sekunde ausweichen und sah, wie das Geländer auf mich zuraste. Mit aller Kraft zog ich beide Bremsen. Ein Knall und dann schwebte ich. Ich sah die Stufen der Treppe wie in Zeitlupe über meinen Kopf schweben.
Dann folgte Himmel. Immer schneller wechselten sich Treppe und Himmel ab. Wie ein Karussell. Ich spürte einen Schlag an der Schulter und sah mein Fahrrad an mir vorbeifliegen. Dann ein dumpfer Schlag. Wohlige Wärme durchströmte meinen Körper und plötzlich war alles Schwarz.

Als ich wieder erwachte saßen meine Großeltern am Bett.
Es war ein seltsames Gefühl. Es fiel mir noch immer schwer, zwischen Traum und Realität zu unterscheiden.
„Fahr nie wieder ohne Helm, Kindchen. Wir hatten uns solche Sorgen gemacht.“ hörte ich meine Oma sagen.
„Du musst schnell wieder gesund werden.“, sagte mein Opa: „Rosa hat Junge bekommen. Acht kleine süße Ferkel.“
Ich lächelte.
Immer wenn ich aufwachte war jemand da. Manchmal Papa, manchmal Mama, manchmal beide zusammen. Ich sah Krankenschwestern und Ärzte. Langsam begriff ich, dass es kein Traum ist. Ein paar Tage vergingen. Man hatte mir erzählt, dass ich drei Wochen im Koma gelegen hatte.
Nach einigen Tagen kam ich von der Intensivstation in ein normales Krankenzimmer.
Bald kannte ich die Namen aller Krankenschwestern und Ärzte von dieser Station.
Anfangs wurde ich überall mit einem Rollstuhl hin geschoben. Zur Physiotherapie, Wassergymnastik und in diese schreckliche Röhre, in der es so wahnsinnig laut war.
Magnetresonanztomografie.
Mir ging es von Tag zu Tag besser. Der Verband an meinem Arm wurde entfernt. Zum Essen konnte ich aufstehen und mich an den kleinen Tisch setzen.

„Gute Nachrichten Prinzessin“ sagte mein Vater: „Der Arzt sagte du kannst nächste Woche nach Hause.“
„Und…“ fuhr er fort: „draußen sitzt noch jemand, der dich unbedingt sehen will. Er ist sehr hartnäckig und lässt sich nicht abwimmeln. Ich trink inzwischen einen Kaffee.“

„Warte“ sagte ich zu meinem Vater.
Er drehte sich um.
„Hattet ihr gestritten?“
Er sah mich fragend an.
„Du und Mama.. an dem Tag… an dem Tag als ich den Unfall hatte..“
„Wie kommst du denn darauf?“ fragte er erstaunt.
„Ich weiß nicht… ich habe es geträumt… nein, ich weiß nicht ob ich es geträumt habe.“
„Nein.“ sagte er: „Wir hatten keinen Streit.“
Er lächelte mich an und nahm meine Hand.
„Mama war sauer auf dich..“ fing er an.
„Warum?“
„Naja.. und sie fand, dass ich zu nachlässig bin.“
„Zu nachlässig?“
„Du wolltest dich an dem Tag unbedingt mit Tomi treffen.“
„Es regnete an diesem Tag und sie wollte nicht, dass du mit dem Rad fährst.“
„Du hast gesagt wir seien Spießer.“

Die Erinnerungen kamen wieder.
„Bei diesem Wetter fährst du nicht mit dem Rad!“ sagte meine Mutter.
„Ich bin keine fünf!“ schrie ich.
„Lass sie halt“ sagte mein Vater.
Wütend knallte ich die Haustür hinter mir zu, lief zur Garage und schob mein Rad raus.
Mein Vater rief mir von der Haustür zu: „Laura…setz wenigstens deinen Helm auf.“
Ich nahm den Helm vom Lenker und warf ihn voller Schwung in Richtung Eingang.
Er schlitterte über den gepflasterten Weg. „Krrrrrr“
Dann fuhr ich weg.

„Es ist alles gut.“ sagte mein Vater, zwinkerte mir zu und verließ das Zimmer.
Tomi kam herein.
„Hey, Lauri“ sagte er und kam zu mir ans Bett.
„Tomi“ sagte ich erfreut.
Dann sahen wir uns eine Weile schweigend an.
„Ich hab dir was mitgebracht.“ sagte er und reichte mir einen MP3-Player.
Unsere Finger berührten sich kurz.
„Ähm… ich hab deine Lieblingsmusik drauf gemacht.“
„Danke.“ sagte ich.
Sah er schon immer so verdammt gut aus?
Warum war mir das bisher nie aufgefallen?
Dann sagte er:
„Ich hab noch nie vorher so einen krassen Sturz gesehen. Das war so…“
„Tomi“ unterbrach ich ihn: „Sind wir zusammen?“
„Was meinst du mit zusammen?“ fragte er.
„Ich meine ob wir zusammen sind. Ein Paar… Ich kann mich nicht daran erinnern... Mein Kopf… der Sturz…“
Er schaute mir in die Augen.
„Ja… “ sagte er zögernd und fügte nach einer kurzen Pause hinzu:
„Ja, wir sind schon lang zusammen.“
Ich wusste, dass er log und das machte mich unendlich glücklich.
Ich lächelte ihn zufrieden an und sagte:
„Dann küss mich endlich, du Idiot.“


Epilog.
An manchen Tagen ist der Wunsch unerträglich groß.
Der Wunsch, einfach in den Zug zu steigen und Sara zu finden. Doch ich weiß, dass ich sie nie finden kann. Es hat sie nie gegeben. Es hat diesen Ort nie gegeben. Und doch ist der Ort ein Teil meines Lebens. Ein Teil, den es nie gegeben hat. Ein Teil, der mein Leben gerettet hat. Ich weiß, dass ich, ohne diesen Teil, nie mehr aus dem Koma erwacht wäre.
Das glaube ich aus meiner tiefsten Überzeugung.
Danke Sara.

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