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Teestubengeschichten Kapitel 2

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Kapitel 2

Der Ignorant

Ich entschloss mich heute in die „Teestube“ zu gehen.
Ich mag diesen Ort. Dort gibt ´s eine Sitzecke , die wie eine Küche gestaltet ist. Ich liebe Küchen. In meiner Wohnung hocke ich fast immer in der Küche. Dort steht die Kaffeemaschine, steht noch das alte Röhrenradio, die knarrende Eckbank mit dem abgewetzten Polster in braun-weißem Karomuster. So viel Ausweichmöglichkeiten gibt ´s auch nicht. Gleich nebenan ist der Wohn-/Schlafraum.
Der liegt nach hinten raus und da ist es fast immer finster. Kunststück!, zweiter Hinterhof, Erdgeschoss.
Na ja, wenigstens ist dort Ruhe. Morgens schließen einige Leute aus´m Haus ihre Fahrräder auf; der Fahrradständer liegt genau vor meinem Fenster, daneben stehen die Mülltonnen die Mittwochs raus geholt werden von den Arbeitern der Müllabfuhr.
Bei denen arbeitet einer, der lacht immer so laut und reißt dreckige Witze. Seine tiefe Stimme hallt an den braunen Hauswänden im Hof hoch.
„Kennt ihr den? Ein Pärchen beim Sex – sie fängt an zu stöhnen: Ja gib ´s mir, sag mir dreckige Sachen! Er: Küche, Bad, Wohnzimmer …“
Ich lebe allein. Ich bin allein. Bin ich einsam? Weiß ich nicht, denk nicht darüber nach. Gegenüber wohnt eine alte Frau, ich glaub die ist zwischen 70 und 90, mit ihrem Graupapagei, den man durch ´s geschlossene Fenster krächzen und schreien hört. Im ersten Stock vorne links wohnte mal ein gewisser Herr Mosrat, ´n totaler Assi. Auf seinen Rauhaardackel Pontius passte ich auf, während er eine Woche in der Klinik lag. Pontius besaß ein Knickohr. Damit war er unter allen Rauhaardackeln Deutschlands klar erkennbar; also ich zumindest kenne hier in unserem Land keinen Knickohrdackel. Die Zwei leben aber nicht mehr. Man fand sie tot in der Wohnung liegen, nachdem einige Mieter dem bestialischen Gestank folgten und schließlich vor der Wohnungstür des Herrn Mosrat standen. Das Vieh ist wahrscheinlich verhungert und verdurstet nachdem dieser Herr Mosrat gestorben war, muss sich wohl ein paar Tage oder Wochen hin gequält haben, hat anscheinend sogar die Leiche seines Herrchen angefressen, der an einem Herzinfarkt, Schlaganfall oder was - weiß - ich gestorben war. Ich denk ab und zu an Pontius Knickohr. Der hatte jede Menge Macken an sich, schiss und pisste in meine Wohnung, was soll´s , ich hab ihm vergeben, war eben seine Art zu sagen: alles Scheiße hier!
Über mir wohnt jetzt eine Chantalle Neuburg. Vor einem halben Jahr lebte dort ein Clemens Neuburg.
Auch so ´n wirrer Irrer.
Echt, ich pack´s nicht, wieso sieht ´n Kerl sein Ding als Problem an das wegoperiert werden muss? Als ich das neue Namensschild zum ersten mal gesehen hab, dachte ich noch, seine Schwester und er hätten die Wohnungen getauscht, wär ja auch möglich, aber dann begegnete ich ihm kürzlich im Hinterhof, Gott sah der scheiße aus.
Ich wohn seit 23 Jahren hier und außer dem Heizungsmonteur, dem Stromableser und Pontius Knickohr saß noch nie jemand bei mir in der Küche. Das ist aber in Ordnung. Es reicht vollkommen, wenn einem die Bude einmal voll geschissen wird.
Der Fernseher läuft bei mir 24 Stunden, ausmachen lohnt nicht, das schont die Batterien in der Fernbedienung. Einige Leute würden behaupten, ich wär süchtig nach der Glotze, aber das stimmt so nicht, ich weiß ja nicht mal was da läuft, ich lass mich halt überraschen, is eh bloß Berieselung, Stimmen die aus irgend einem Apparat kommen. Manchmal läuft parallel dazu das Radio in der Küche, Dualklang sozusagen, aber was da so läuft; ich weiß es auch nicht, interessiert mich nicht, sind halt auch Stimmen, Stimmen die nach nichts fragen und keiner muss was antworten,na ja, gefragt wird schon, meistens in solchen Talkshow und Diskussionsrunden aber, wen interessiert der Rotz denn wirklich?
Als ich die Wohnungstür hinter mir schloss und nach draußen in den Hof trat, leuchtete über dem Hinterhof ein megageiler, leuchtend blauer Himmel. Den ganzen Weg entlang keine Wolke, bloß Sonne und Blau, unheimlich das Ganze.

In der „Teestube“ angekommen, bestellte ich bei Roman dem Inhaber zwei Stück Schwarzwälder Kirschtorte und ein Kännchen Kaffee.
„Das Küchenseparee ist gerade besetzt. Willst du hier unten sitzen oder warten?“ Er kennt mich, er kennt meinen Lieblingsplatz, weiß, dass ich immer gleich zwei Stück Kuchen oder Torte auf einmal bestelle. So erspare ich den Angestellten immer, zu mir kommen und fragen zu müssen: darf ´s noch was sein?
Ich hab nix gegen die Angestellten hier, ganz im Gegenteil.
Roman und ich kennen uns aus ´m „Kasimir“, meiner Stammkneipe. Morgens um zwei saß er plötzlich neben mir. „Hier gibt’ s aber keine Kuchen“, grinste er, „aber Bier, roten Jenever und rauchen darf ich hier auch“, gab ich zurück. „Aber du bleibst uns trotzdem erhalten?“ „Logisch.“ Irgendwas zog mich damals wie heute zur „Teestube“. Katharina, Romans Frau, hatte wohl die Idee für die Neugestaltung der „Teestube“.
Nach Tante Lisbeths Tod wollte man das Geschäft nicht abgeben, aber es musste ein neues Konzept her. „Wir werden den ganzen Tag dort sein, also richten wir´s als zweite Wohnung ein“, schlug sie vor. Ein Jahr hatte man geschlossen, es wurde gewerkelt, es wurde umgestaltet, umgebaut, schließlich öffnete die „Teestube“ wieder und Katharinas Konzept ging voll auf.
Der Kellner kam, zwinkerte mit den Augen, lachte und rief: „ Küche frei!“ Drei Stufen nahm ich auf einmal und war in „meiner Küche“ noch bevor die Hinterlassenschaften der vorherigen Besucher weggeräumt waren. Sandra kam mit meiner Bestellung samt Wischlappen, räumte den Tisch frei und stellte Kaffee und Kuchen vor mir ab. Sie arbeitet seit drei Jahren in der „Teestube“, gab vorher im „Kasimir“ ein kurzes Gastspiel und freundete sich mit Katharina und Roman an, wenn die zwei dort ihren Feierabend ausklingen ließen. Sie war nicht geschaffen für ´s „Kasimir“, war genervt von uns Gästen immer Tresenschlampe gerufen zu werden. Aber das war nie böse gemeint, ehrlich. Selbst Dietmar und Sven die ebenfalls am Ausschank arbeiteten, wurden vom Publikum so genannt.

Links von mir lag das „Kinderzimmer“ in dem ein Gast saß. Von meiner Bank aus konnte ich ihn beobachten. Orangefarbene Pudelmütze, dunkelbrauner Wildledermantel und mit irgendwelchen Sprüchen bemalte und verschmierte Turnschuhe. Nervös bewegte er die übereinander geschlagenen Beine, schaute hektisch zu mir, dann auf die andere Seite zum „Wintergarten“ und wieder zurück zu mir; immer auf´s neue. Er machte Anstalten rüber kommen, mich anzufallen. Er wirkte als suche er Streit, er stierte er mich an, sprang auf und stürmte auf mich zu. Ein kurzer, starrer Blick in meine Augen und rannte zielstrebig nach nebenan ins „Wohnzimmer“. Dort saß aber schon ein anderer Gast, den ich vom Sehen her kannte. Was mir die „Küche“ ist, musste für den das „Wohnzimmer“ sein. Immer sitzt er dort. Mittlerweile hat er wohl fast alle Bücher durchgelesen die in den offenen Schränken der „Teestube“ stehen. Er ist nur am Lesen, hält Augen und Gesicht über die Buchseiten, schaut nicht auf, grüßt nie, macht nur „Mmmm“ wenn die Bedienung ihm etwas bringt oder das Geld kassieren will. Was für ´n arroganter Arsch! Einmal hab ich ihn gegrüßt, ich mein, mit dem Kopf rüber genickt. Nach über vier Jahren hätte er ja auch mal zu mir rüber nicken können aber nein. Mein Vorurteil bestätigt sich an solchen Leuten – Leser halten sich für was besonderes.
Die nervöse, orangefarbene Pudelmütze fiel ohne Fragen und Gruß in den freien Stuhl, gegenüber dem stummen Bücherwurm. „Du - bist - schon – lang-hier?“ Auffällig gedehnt, als läge ein schweres Gewicht auf seiner Zunge, riss er ihn aus dessen Welt. Der blickte überrascht auf und - sogar ich konnte es von meinem Platz aus sehen - runzelte die Stirn, schaute verwirrt und hilflos um sich. Da war niemand der ihm half zu seinem Buch zurückzukehren, niemand der den Eindringling aus seinem „Wohnzimmer“ werfen konnte. Dies war ein Kaffee, ein öffentlicher Ort und Plätze auf denen niemand saß, gelten nun mal als frei. „Ja, in der Tat“, antwortete er und nahm die nervös wippenden Turnschuhe wahr. Er sah in die stechenden Augen des Gegenübers, legte das Buch auf den Tisch – ich konnte es von meinem Platz aus erkennen – entspannte sein Gesicht, wandte der nervösen Pudelmütze seinen Körper zu.
„Kann ich ihnen helfen, kennen wir uns?“ „Nein, - mir – ist – langweilig – weiß – nicht – was – ich - machen – soll.“ Der Angesprochene schwieg, offensichtlich um nachzudenken, „ möchten Sie sich vielleicht ein Buch aus dem Schrank hier herausnehmen?“ Er zeigte auf den offenen Bücherschrank. „Kann – nicht – richtig – lesen, - ist – alles – so schwer.“ Der Flegel blieb unberührt beim Du. „ Was – machst – du ?“
„Mir gehört das Antiquariat „Siebert“ in der Kolpinggasse.“ „Ah – so. … und was - machst - du ?
An der Stelle war ich fasziniert. Die Pudelmütze schien auf eine konkrete Antwort ihrer Frage zu bestehen, trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer offensichtlichen Kommunikationsschwäche? Der in die Enge getriebene schmunzelte ergeben nachsichtig: „Ich verkaufe alte und gebrauchte Bücher.“ „Immer ? Jeden – Tag – in – deinem – Leben?“ „Na ja, Sonntags mach ich Büroarbeit, Buchhaltung, sortiere gelegentlich aus und bringe Bücher hierher zur „Teestube.“ „Wow – dir – gehören – hier – echt – alle – Bücher?“ Die wippenden Turnschuhe stießen auf den Fußboden, der Oberkörper von Pudelmütze neigte sich dem Gesprächspartner zu. „Nein, nicht alle. Es gibt auch Kunden und Gäste die von daheim ihre Bücher mitbringen und in die Schränke und Regale hier und dort drüben rein stellen.“
Ich war erstaunt, dachte ich doch es wären Romans und Katharinas eigene Bücher aus ihrem vergangenen Leben und Keller, welche hier die Besucher zum Verweilen einluden und sie zu einer weiteren Tasse Tee oder Kaffee verführten.
„Und Sie?“ „Was machen Sie?“ „Hab -mal – auf´m – Bau gearbeitet – und – bis - letzten - Monat – in – der – Bäckerei - „Gundram“. Erstaunt hob Bücherwurm die Augenbrauen.
„Ich kenne die Bäckerei, habe Sie aber dort nie gesehen.
Waren Sie in der Backstube?“ „Nein – hab - dort - geputzt.“
Angespannte Stille trat ein. Ich rutschte auf der Bank vorsichtig näher zum „Wohnzimmer“, die beiden ungleichen Typen zogen mich an. Nicht dass sie über irgendwas wichtiges redeten, es war etwas anderes was mich faszinierte; die Frechheit von Pudelmütze und die Bereitschaft von Bücherwurm, darauf einzugehen. Es blieb ihm ja auch nichts anderes übrig und dennoch ...
„Heute – ist – so – ein – schöner – Tag“, nahm Pudelmütze den Faden wieder auf, „ ich – geh – spazieren. Was – machst – du – noch – heute?“ Der Bücherwurm räusperte sich: „Ich muss in 10 Minuten wieder zurück in meinen Laden.“ „Du – musst – arbeiten – bei - dem - tollen – Wetter?, is – ja - Irre - ist – ´ne - richtige – Zeitverschwendung!“ Er lachte, der Bücherwurm lachte plötzlich. War es die Kapitulation vor der Unverschämtheit dieses Spruchs, war es die pure Verlegenheit? Pudelmütze gab keine Ruhe:„Wie – heißt ´n – Du?“ „Siebert, Manuel Siebert.“ Wieder fiel diese angespannte Stille über die Beiden. Die orangefarbene Pudelmütze wippte auf dem Kopf dieses Sonderlings als er sich plötzlich apruppt erhob, den Stuhl mit Kraft nach hinten stieß, sich verneigte vor Manuel Siebert und mit seiner blechernen Stimme so laut rief, dass es wirklich alle Gäste, oben wie unten, hören mussten: „Ich – dank – dir.“
Manuel Siebert schaute fragend in ´s Gesicht des Dankenden.
Der stürmte aus dem „Wohnzimmer“, durch die „Küche“, rannte die Treppe hinab und verließ die „Teestube“ durch die Eingangstür. Für einen Moment blickten die Besucher aufgeschreckt und vorwurfsvoll in Richtung des „Wohnzimmers“ auf Manuel Siebert, was er diesem Menschen wohl angetan hatte.
Nach kurzer Zeit beruhigte sich die Atmosphäre und Stille und der gewohnte Trott kehrten zurück.
„Kann ich dir noch was bringen?“, Sandra stand mit dem Tablett vor mir und wollte das gebrauchte Geschirr einsammeln. Nein, ich wollte nichts mehr haben, bezahlte und verließ aufgewühlt die „Teestube“. Mich überkam auf dem Heimweg eine grenzenlose Wut auf diesen Manuel Siebert, auf diesen ignoranten, desinteressierten Typen, der nicht mal nach dem Namen dieses Eindringlings fragte, das gehört doch wohl dazu. Ich mein, ey, da bricht so´n Gestörter ungefragt bei ihm ein, quatscht ihn zu mit irgendwelchen dämlichen Fragen, zu guter Letzt will der noch seinen Namen wissen. Also das mindeste was Bücherwurm doch hätte tun können wäre, den nach seinem Namen zu fragen. Jetzt kenne ich zwar den Namen des größten Ignoranten in der Stadt aber weiß nicht wie Pudelmütze heißt.

Ende
 
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