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Als das Grauen den Wald verließ - Kapitel 2

Romane/Serien · Spannendes
Ich fläzte mich wieder auf den Beifahrersitz in Ronnys Rostlaube und keine zwanzig Minuten später hielten wir vor einer Eckkneipe.
„Eintracht“ stand auf dem Schild über der Eingangstür.
„Cool hier, was?“, sagte Ronny noch ehe wir den stickigen Raum betreten hatten. Die Einrichtung war schäbig, die Holzvertäfelung war sicherlich älter als ich. Ronny steuerte gleich die Bar an.
Außer uns waren nur zwei Gäste in dieser Absteige. Ein junger Mann mit langen Haaren stand an einem Spielautomat und hustete unentwegt. Ein Dicker saß allein am Stammtisch und musterte uns misstrauisch. Am liebsten wär ich gleich wieder rausgegangen, aber Ronny hatte es sich schon auf einem der Barhocker gemütlich gemacht.
Widerwillig nahm ich neben ihn Platz. Von einem alten Radio hinter der Theke dudelte Schlagermusik, wie aus einer anderen Zeit. Von Rauchverbot schienen die noch nichts gehört zu haben. Auf dem abgewetzten Holz der Theke stand ein übervoller Aschenbecher und der Dicke am Stammtisch zündete sich eine Zigarette an.
OK, dachte ich, wenigstens etwas und steckte mir ebenfalls eine Kippe in den Mund.
„Was darfs sein?“, sagte plötzlich eine Stimme und ließ mich hochschrecken. Weiß der Teufel woher der Kerl hinter der Theke so plötzlich aufgetaucht war.
„Ein Bier und eine Cola.“ sagte Ronny schnell. Ich boxte ihm an die Schulter.
„O..OK… zwei Bier“, sagte Ronny.
Als ich den Kerl hinter der Theke direkt ins Gesicht sah, erkannte ich ihn sofort. Kaminski! Es gab keinen Zweifel, das war Kaminski. Wie als wäre es erst gestern gewesen, schossen die Erinnerungen wie Dauerfeuer in meinem Kopf.
Dieser verdammte Tag im November. Es war 1969 und ich war vierzehn. Kaminski war fünf Jahre älter als ich. Neunzehnhundertneunundsechzig, da lebten wir noch in der DDR. Weil die Schule in unserem Dorf wegen Scharlach geschlossen hatte, bestand mein Vater darauf, dass ich mir während dieser Zeit „paar Groschen“ in der LPG verdienen sollte.
Ich begleitete meinen Vater morgens in die LPG und half beim Füttern der Schweine.
Kurz vor neun Uhr gingen wir alle zum Frühstück in den kleinen Aufenthaltsraum des Verwaltungsgebäudes. Dort war es schön warm.
Kurze Zeit später kam auch Walter Gießinger, der Brigadechef.
Er nahm wortlos seinen Stoffbeutel, der an einer Reihe von Kleiderhaken neben der Tür hing und ließ sich schwerfällig auf seinen Stuhl fallen.
„Morgen“ sagte Willi, der von allen Ziegenwilli genannt wurde.
„Morgen“ sagten jetzt auch die anderen.
Gießinger holte seine Thermoskanne und eine Brotbüchse aus Blech aus seinen Beutel und sagte:
„Kein guter Morgen.“
Robert Keller legte seine Zeitung weg und fragte: „Wie geht’s nun weiter? Die Kurbelwelle ist nun komplett im Arsch.“
Sofort wurde wild durcheinander gesprochen. Gießinger biss in sein Leberwurstbrot, er aß jeden Tag Leberwurstbrot, und schlug mit der Hand auf den Tisch. Sofort verstummten alle wieder.
Er würgte seinen Bissen hinunter und schrie: „Ich kanns mir auch nicht aus den Rippen schneiden. Solang wir das Ersatzteil nicht haben müssen wir den Mist mit den Schubkarren rausfahren!“
„Das kannste allein machen“ protestierte Hannes Weber.
„Hast du einen besseren Vorschlag? Dann immer raus mit der Sprache.“ sagte Gießinger in einem drohendem Ton.
„Ruf doch Berlin an.“ sagte Hannes.
„Ruf doch Berlin an, ruf doch Berlin an.“ äffte Gießinger ihm nach und fügte hinzu:
„Was geht in deinem hohlen Schädel eigentlich vor?“
„Scheiß Kolchose, nichts klappt“ schrie Roland Jäger. „Wir sollten streiken!“
Gießinger schlug abermals mit der Hand auf den Tisch, so heftig, dass die Löffel in den leeren Kaffeetassen klapperten.
„Halt dein dummes Maul, du bringst uns noch alle in Teufels Küche.“
Er zog eine Zigarette aus der Schachtel Club und sagte dann in einem ruhigeren Ton:
„Ich werde dann mit dem Alten reden. Vielleicht ist eine Prämie drin… für den Mehraufwand. Denn eins ist klar, wir werden paar Überstunden schieben müssen.“
„Pfff.. ohne mich.“ sagte Hannes. Auch die anderen protestierten.
„Leute…“ versuchte Gießinger zu beruhigen.
„Wir müssen jetzt zusammenhalten. Ich weiß, dass ist eine schwierige Situation, es kann sich nur um paar Tage handeln. Ende der Woche haben wir das Ersatzteil ich werde mich persönlich darum kümmern.“
„Hört, hört der Genosse will sich persönlich darum kümmern. Meinst du mit deinem Parteibuch in der Tasche bekommst du eine Kurbelwelle auf dem goldenen Tablett serviert? Seit Wochen red ich mir den Mund fusselig und was passiert? Nichts. Deine Versprechen kannst du dir sonstwohin stecken. Die versprochenen Reifen sind auch bis heute nicht da.“ sagte mein Vater, der bisher die ganze Zeit geschwiegen hatte.
Jetzt wurde es plötzlich still. Alle erwarteten einen Wutausbruch von Gießinger, doch der blieb still und winkte nur mit der Hand ab.
Er zog an seiner Zigarette und fragte: „Kann ich auf euch zählen Jungs?“
Es klang fast wie ein Flehen.
„Er kann doch auch nichts dafür. Ich bin dabei, auf mich kannste zählen.“ sagte Ziegenwilli.
„Ich bin natürlich auch dabei.“ sagte Kaminski.
Nach dem Frühstück trottete ich neben meinem Vater her, über den matschigen Hof zum Futtersilo.
Wie schon in den anderen Tagen zuvor, saßen Hannes und Robert auf einem Stapel alter Reifen und verlängerten, im Schutz des großen Stalles, die Frühstückspause. Mein Vater hockte sich neben Hannes auf einen Hohlblockstein, ich lehnte mich an einen der großen, rostigen Stützpfeiler des Silos. Wir schwiegen eine ganze Weile. Plötzlich sagte Robert zu meinem Vater:
„Hey Kalle, mach nochmal den Ulbricht.“
„Jetzt nicht“ erwiderte mein Vater.
„Ach komm schon.“ sagte Hannes und Robert hielt meinem Vater seinen Hut hin.
Hannes reichte meinem Vater seine dicke Hornbrille.
„Na gut.“ sagte mein Vater und räusperte ich. Er setzte den Hut und die Brille auf, räusperte sich nochmals und begann dann mit der täuschend echt klingenden Stimme von Walter Ulbricht zu sprechen:
„Genossen...“ Er ließ eine kurze Pause und fuhr fort:
„Es ist ein Gerücht, dass es in unserer Deutschen Demokratischen Republik keine Kurbelwellen gibt.“
Wieder ließ er eine kurze Pause.
„Der imperialistische Klassenfeind in der BRD, hat diese infame Lüge in die Welt gesetzt. Im Sozialismus mangelt es nicht an Kurbelwellen. “
Plötzlich trat Kaminski, im langsamen Rhythmus klatschend, hinter der unverputzten Mauer neben dem Silo hervor. Ich sah die Angst in den Augen von Hannes und Robert. Mein Vater nahm den Hut ab und reichte ihn Robert.
„Bravo“ sagte Kaminski.
„Arbeitsverweigerung, Zusammenrottung, Staatsfeindliche Hetze, Öffentliche Herabwürdigung der staatlichen Ordnung.“ sagte er und betonte jedes Wort, indem er es in die Länge zog.
„Jetzt halt mal den Ball flach.“ sagte mein Vater.
„Konterrevolutionäre Subjekte wie sie…“ sagte Kaminski. Er beendete jedoch den Satz nicht, sondern drehte sich um, lief über den Hof und verschwand im Verwaltungsgebäude.
„Das gibt Ärger“ sagte Robert.
„Ach Quatsch, der Spinner will sich bloß bisschen aufblasen. Los an die Arbeit.“ sagte mein Vater.
Doch das war ein Irrtum. Kurz vor Mittag fuhr ein dunkelgrauer Wolga mitten auf den Hof. Drei Männer in langen Mänteln sprangen heraus und liefen schnellen Schrittes auf meinen Vater zu.
Der erkannte die Situation sofort und warf die Schaufel, die er in der Hand hielt in Richtung der Männer und versuchte wegzurennen. Er rutschte im Matsch aus, kam wieder auf die Beine und rannte geradewegs auf das große geöffnete Eingangstor zu. Doch ehe er es erreichte zog einer der Männer eine kleine Pistole unter seinem Mantel hervor und schoss. Die Kugel traf meinen Vater am Bein. Er schrie kurz auf und sackte zusammen. Er umklammerte mit beiden Händen die Wunde.
Zwei der Männer packten meinen Vater an den Oberarmen und zogen ihn zum Auto.
„Ihr Kommunistenschweine.“ schrie mein Vater.
„Ihr gottverdammten Kommunistenschweine“. Der dritte Mann schlug meinen Vater die Faust ins Gesicht. Mein Vater verstummte. Sie schoben ihn auf den Rücksitz, stiegen ein und fuhren mit hohem Tempo davon. Das war das letzte Mal, dass ich meinen Vater gesehen hatte.
Ein halbes Jahr später erhielt meine Mutter einen Brief in dem ihr mitgeteilt wurde, dass mein Vater an einer Lungenentzündung gestorben sei.
Den Schrei meiner Mutter werde ich mein ganzes Leben nie mehr vergessen.

„Schau mal“ sagte Ronny und schüttete eine große Portion Erdnüsse, aus einer Schale die auf dem Tresen stand, in seine Hand. Dann klatschte er die Hand gegen seinen weit geöffneten Mund und ehe man zweimal ‚Kalorien‘ sagen konnte, hatte er alles verschlungen.
Normalerweise hätte ich diese unfassbar groteske Aktion von Ronny nicht unkommentiert gelassen, aber in mir stieg ein unendlicher Hass auf. Dieser Kaminski. Ich hatte nie darüber nachgedacht, was aus ihm geworden ist. Und ausgerechnet am Tag meiner Entlassung aus dem Knast, treff ich ihn. Nach all den Jahren. Ohne dieses Schwein, wäre mein Leben ganz anders verlaufen. Ich Gedanken malte ich mir schon aus, wie ich ihm mit einem einzigen Faustschlag die Nase in seinen Schädel katapultiere. Er schien mich nicht erkannt zu haben. Er hatte sich zu den Dicken an den Tisch gesetzt.
Ronny hielt mir sein Bierglas entgegen und rief ausgelassen: „Prost.“
„Komm mal mit“ sagte ich und zog Ronny am Arm vom Barhocker.

~ Fortsetzung folgt ~
 
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Kommentare  

Es gibt immer so Kaminskis, gestern und heute ... Mal drehen sie sich von links nach rechts - und dann wieder umgekehrt, so wie der Zeitgeist es verlangt.

Ingrid Alias I (08.03.2020)

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