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Lea 5 - Abschied (1)

Romane/Serien · Schauriges
Lea 5 - Abschied (1)

1.
„Hast du auch dieses helle Licht gesehen?“ Ich lag unbeweglich im Bett und spürte, wie etwas langsam durch meinen Körper kroch – Angst.
„Was für ein Licht?“, murmelte Anja neben mir und legte eine Hand auf meine kalte Schulter und spürte die Gänsehaut, die sich auf meinem Körper ausbreitete. Sie spürte, dass etwas nicht stimmt, so wie ich.
Was zur Hölle war das? Meine Gedanken fanden keinen Halt. „Hast du schlecht geträumt?“ Ich hörte ihre Stimme aber mein Gehirn weigerte sich ihr Antwort zu geben. „Hallo! Was ist los mit dir?“, fragte sie jetzt besorgt und ein wenig gereizt und kurz danach spürte ich, wie sie an mir rüttelte.
Meine Füße und Hände kribbelten und endlich löste sich dieser Knoten in meinem Kopf und ich sah sie an. Ihre grünen Augen schauten fragend zurück. „Keine Ahnung. Hab ich im Schlaf geredet?“
„Ja, du hast irgendwas von einem hellen Licht erzählt!“
Ein helles Licht – diese Wörter brachten meinen Kopf wieder zum Stillstand. Nein kein Stillstand – eher wieder dieser Knoten, der sich immer fester zusammenzog. Ich schüttelte mich, richtete mich endlich auf und sah zum Wecker. 3.03 Uhr. „Keine Ahnung, es war wohl nur ein Alptraum“, hörte ich die Wörter aus meinem Mund kommen und stand auf. „Ich geh mal pinkeln.“
Als ich zurück am, sah sie mich immer noch fragend an. „Hey Schatz, kein Plan wahrscheinlich nur ein dummer realistischer Traum, der mich gefangen genommen hat. Lass uns noch ein wenig schlafen, gleich rappelt der Wecker und die Nacht ist rum.“ Ich drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und legte mich wieder neben sie. Nach einer Weile hörte ich ihre tiefen ruhigen Atemzüge. Sie schlief und ich zählte die Minuten bis zum Morgengrauen.
2.
Da war nicht nur ein Licht – da war mehr aber der Knoten in meinem Kopf wollte sich einfach nicht lösen. Was hatte ich geträumt oder war das mal wieder mehr als Träumen gewesen? Ich ging die immer noch quietschende Treppe hinunter in die Küche. Unser altes Bauernhaus sah richtig gut aus, bis auf die Treppe aber sonst war endlich wieder alles so weit in Schuss. Sogar der Keller. Der Keller, warum ging mir gerade jetzt unser Keller durch den Kopf? Ich stellte die Kaffeemaschine an und sah zu der Tür. Die Tür, die Eva immer verschlossen hatte. Die Tür, hinter der sich so viel Unglaubliches abgespielt hatte. Ich konnte immer noch diesen blöden Vogel vor mir sehen, wie er den Kopf schief hielt und mich ansah. Anja kam die Treppe herunter und riss mich aus meinen Gedanken. „Du siehst ganz schön blass aus. Wirst du krank?“, fragte sie mich im Vorbeigehen und schenkte sich ihren Kaffee ein, natürlich mit Zucker und Milch. „Ach was, nur zu wenig Schlaf, seltsame Träume und würde mein Schatz mir endlich einen Kaffee geben, käme ich vielleicht auch wieder in die Gänge. Aber sie sieht mich nur an und grinst.“
Wir verließen zusammen das Haus. „Glaubst du der Sturm wird schlimm?“ Ich sah sie verdutzt an. „Ach Thomas, in welcher Welt bist du gerade?“ „Ich habe keine Ahnung und du sollst nicht so viel auf die Hiobsbotschaften von Weatherchannel geben mein Schatz“ Es fing an zu regnen wie damals. Sie grinste mich an und dann küssten wir uns und fuhren los. Anja in ihr Büro und ich zu Heiko.
3.
Zwanzig Minuten später saß ich bei ihm in unserer Buchhandlung. Auch er wurde nicht müde irgendwelche Bemerkungen über meine Fahrigkeit und Müdigkeit zu machen. „Okay, ich werde mal den Laden öffnen, während du weiter grübelst“, sagte er und verschwand.
Ja ich war am Grübeln und die Erinnerungen ließen mich nicht los. Ich nahm das Handy und wollte Lea anrufen. Es war erst kurz nach acht. Wie lange schliefen Studenten so? Ich drückte die rote Taste und wählte stattdessen die Nummer meiner Mutter.
„Guten Morgen Thomas“, hörte ich ihre Stimme. „Ich hab schon auf deinen Anruf gewartet. Manchmal funktioniert deine Gabe also noch.“ „Ach komm hör auf, ich habe Kopfschmerzen und bin müde. Ich will keine Geistergeschichten hören!“ Sie lachte. „Okay dann erzähl mir mal, warum mein Sohn heute Morgen auf die Idee gekommen ist seine liebe Mami anzurufen!“
Sie hatte mich wieder, meine Sophie. Ich ärgerte mich über sie und musste doch grinsen. „Ich hab was Seltsames geträumt. Keine Ahnung was aber ich bin aufgewacht und habe was von einem hellen Licht geblabbert.“ Stille. Ich wollte schon fragen, ob sie noch da sei, als endlich ihre Antwort kam: „Wir haben alle drei davon geträumt. Sie hat mich heute Nacht um kurz nach drei angerufen. Du bist mal wieder am langsamsten!“
Jetzt war ich es, der keine Antwort fand. „Hallo bist du noch da?“ „Ja ich bin noch da aber scheinbar bin ich heute noch langsamer als sonst.“ „Gut, ich will dich jetzt nicht drängen. Lea kommt. Sie wird gegen Mittag da sein. Ich werde zu euch rüber kommen. Okay?“
„Okay, dann bis später“. Ich starrte auf das Handy, als würde gleich ein Geist aus der Hülle springen aber das geschah nicht.
Es sind jetzt fast zehn Jahre her. Der Kampf, Lea, Sophie, Heiko und der Höllenhund. Ich wollte mich nicht daran erinnern und musste es doch. Was war schon wieder los? Wieder ein Höllenhund, ein Geist, ein Dämon. Ich wollte nix von dem ganzen Scheiß hören. Damals hatten wir beschlossen, unsere Gabe für uns zu behalten. Für mich war es nicht schwer gewesen, ich hatte nur am Rand der Erinnerungen gekratzt. Sophie hatte mir von meinem Vater erzählt aber das alles hatte ich eigentlich gewusst, ich hatte es nur unter dieser schweren, schwarzen Decke vergraben unter der man manchmal Sachen versteckt, die einem zu weh tun.
Lea hatte die Gabe hingenommen. Sich arrangiert und führte ihr normales Leben. Ein normales Leben, in dem man gegen Geister und Dämonen kämpft, seine Mutter verloren hatte und Sachen sah, von denen sich die meisten Menschen nicht einmal vorstellen konnten, dass es sie gibt. „Schönes normales Leben“, sagte ich ein wenig verbittert und laut zu mir selbst. Ich suchte Heiko. Ich würde den Rest des Tages frei machen. Ich brauchte ein Aspirin und eine Stunde Schlaf bevor das alles wieder losging.
4.
Als ich die Tür öffnete, sah ich ihre strahlenden blauen Augen. „Hallo Papa!“ Ich nahm sie in den Arm und drückte sie. Wir gingen zur Küche und ich bemerkte ihren Blick ins Wohnzimmer zur Couch. Vor drei Jahren hatte ich sie entsorgt unsere alte Couch, an der so viele Erinnerungen hingen. Aber manchmal mussten die Erinnerungen Platz machen für neue Dinge. Für eine neue Frau, für ein neues Leben, für einen Neuanfang. Lea hatte mir keinen Vorwurf gemacht, auch nicht wegen Anja. Sie verstanden sich gut und soweit ich es sehen konnte, gab es weder bei Lea noch bei Anja Probleme mit der Beziehung. „Wie war die Fahrt? Willst du einen Kaffee oder was trinken weibliche Studierende zur Mittagszeit so?“
„Die Fahrt war in Ordnung. Bin ein wenig geschlaucht und stelle mich gleich unter die Dusche. Ein Saft wäre nicht schlecht Papa. Wann wollte Oma kommen?“
„Ich denke sie wird gleich auftauchen mit Kuchen und Obst im Gepäck“
Als sie im Bad verschwand musste ich an Schlangen denken. Draußen regnete es immer noch.
5.
Um vier saßen wir drei zusammen. Der Kuchen war verdrückt und das Obst wartete in seiner Schale darauf gegessen zu werden.
„Gut weil ich der langsamste bin, fange ich an. Anja wird so um acht zu Hause sein. Also haben wir zwar ein wenig Zeit aber man weiß ja nie. Was habt ihr zwei geträumt? Mehr als nur das Licht?“
„Ja ich habe Mama gesehen, die weißen Rosen und das Licht“, sagte Lea. „Hör zu Thomas. Ich glaube nicht, dass es nur ein Traum war. Normalerweise haben drei Menschen nicht zur selben Zeit den selben Traum.“
„Was ist bei uns drei schon normal? Okay was denkst du, was es war, Mama?“
„Ich glaube es war eine Warnung für uns. Ich weiß noch nicht warum oder vor was aber es kommt etwas auf uns zu, etwas das uns nicht wirklich Freude machen will.“
Ich stand auf und mein Blick traf wieder die Tür. Lea bemerkte es. „Papa, ich weiß du willst eigentlich nicht daran erinnert werden aber ich glaube Oma hat recht. Ich habe auch ein ganz schlechtes Gefühl. Es wird etwas passieren und wir müssen uns damit auseinandersetzten, ob es uns in den Kram passt oder nicht. Und je schneller du es akzeptierst, umso eher können wir uns vorbereiten. Komm schon! Sei keine lahme Schnecke. Du bist zwar nicht mehr ganz jung aber ich weiß, dass du es noch mit jedem 30-Jährigen aufnehmen kannst, wenn du willst.“
Sie sahen mich an die zwei und ich setzte mich wieder. „Was sollen wir tun?“

6.
Wirklich viel konnten wir eigentlich nicht tun. Vorbereit sein war unsere Devise. Wir weihten Anja in unseren halbgaren Plan ein. Sie wusste soweit Bescheid über alles. Über die Geschehnisse damals, über unsere sonderbare Begabung, die für mich eine Last war und über die ich nicht wirklich gerne sprach. Als wir uns kennen und lieben lernten, wusste ich, dass wir ihr das nicht verschweigen konnten. Und so hatten wir sie eines abends mit allem überrumpelt. Heiko, Sophie, Lea und ich.
Sie wirkte ein wenig überfordert mit allem, was verständlich war aber sie akzeptierte es und stellte auch keine dummen Fragen, weil sie wusste, dass ich selbst damit überfordert war. Und Gott sei Dank, hatte es in den letzten vier Jahren, in denen wir ein Paar waren, auch keine wirkliche Rolle gespielt.
Jetzt saßen wir zusammen im Wohnzimmer auf der neuen Couch. Ich hielt Anjas Hand und Oma und Enkelin sahen sich eine Serie in der Glotze an. Draußen schwoll der Wind immer mehr an, der angekündigte Sturm kam langsam näher und entfaltete seine Kraft. „Okay ich werde mal die Autos in die Scheune fahren, damit sie morgen nicht voller Beulen sind.“ Ich stand auf und sah zu Sophie rüber. Sie lächelte mich geheimnisvoll an und ein Bild entstand in meinem Kopf. Sophie auf dem Boden liegend, es regnete… „Ja und ich werde mal das Bett im Gästezimmer fertig machen“, sagte Anja. „Sophie bleibt wohl am besten über Nacht. Und Lea, kannst du bitte alle Rollläden runterlassen.“
Ich ging nach draußen und die vom Wind getriebenen Regentropfen schlugen mir ins Gesicht.
Ich verstaute die Autos in der riesigen, ungenutzten Scheune und nahm aus der Werkstatt zwei Taschenlampen mit, falls es noch schlimmer werden sollte mit dem Sturm.
Um 11.00 Uhr verzogen wir uns alle ins Bett. Der Wind heulte und der Regen prasselte.

7.
Mein Körper fühlte sich ganz leicht an und ich schwebte. Das Kribbeln in den Fingern und Füßen war zurück. Dunkelheit umgab mich und das Gefühl zu schweben wurde stärker und stärker. Ein Hauch von Licht kam auf mich zu, das mit jeder Sekunde heller wurde. Ein Morgengrauen in Zeitraffer ohne die Sonne im Hintergrund. Der Wind strich durch meine Haare und ließ Tränen aus meinen Augen laufen. Unter mir sah ich ein bekanntes Bild. Der Wald, die Felder, der kleine Weiher und endlich erschien auch die Sonne am Horizont. Ihre Wärme trocknete die Tränen in meinem Gesicht. Auf unserer Bank da unten sah ich jemanden sitzen. Eine Frau. Auf dem geschlängelten Weg zur Bank waren zwei weitere Menschen, die ich nicht erkennen konnte.
Die Sonne zog weiter, ich sah meinen Schatten über die Felder, den kleinen See und den Wald wandern und dann stand sie tief im Westen, bereit hinter dem Horizont zu verschwinden und uns in der Dunkelheit zurück zu lassen. Ich spürte die zwei neben mir. Sophie und Lea waren neben mir. Die Sonne blieb wo sie war aber die Dunkelheit aus dem Osten kam trotzdem. Sie kroch auf uns zu langsam und gemächlich, als wollte sie uns verhöhnen. Die Dunkelheit nahm immer mehr Platz ein und kam näher und näher aber die Sonne hatte noch nicht aufgegeben. Sie war immer noch da am Horizont. Ich fröstelte und Lea rechts und Sophie links von mir, griffen nach meinen Händen. Es war nicht nur die Dunkelheit, die uns Angst machte. Wir alle drei spürten das Böse, die Boshaftigkeit und die Gier dieser Dunkelheit. Ihre Gier unser Licht und unser Leben zu nehmen, um die Schatten noch dunkler zu machen. Die Welt noch dunkler zu machen. Ein Blitz durchzuckte die Dunkelheit, blendete uns und erschreckte uns zu Tode. Unsere Hände lösten sich und der Donner war so gewaltig, dass ich die Druckwelle in meinem Körper spürte - ich stürzte und stürzte…
8.
Lea sprang aus ihrem Bett. Auch sie spürte immer noch das Zittern der Welt, das dem Blitz gefolgt war.
Ich schrie und Anja neben mir schrie ebenfalls auf. Mein Herz schlug wie wild. Ich war zurück in meinem Bett. Draußen stürmte es und nach dem nächsten gleißenden Blitz, hörten wir den Donner, der den Wind übertönte und uns zusammenzucken ließ. Lea stürmte in unser Schlafzimmer. Sie war bleich und zitterte. Ich ging zu ihr und nahm sie in den Arm. Das Zittern war grässlich und ich spürte meine Angst, sie zu verlieren und ihr nicht helfen zu können. Der nächste Blitz erschreckte uns und das Licht ging aus. Von einem Moment auf den anderen waren die Dunkelheit und das Böse da. Ich spürte es mit jeder Faser meines Körpers. Ich hörte Anjas Aufschrei, spürte Leas Zucken in meinen Armen und spürte diese Angst. Eine grässliche Angst. Anja berührte mit ihrer Hand meinen Rücken und Lea spannte ihren Körper in meinen Armen an. „Oma!“ flüsterte sie.
Anja schaltete die Taschenlampe ihres Handys an. Ich lief zur meiner Bettseite und nahm beide Taschenlampen aus der Nachttisch, die ich gebunkert hatte. Eine gab ich Lea und wir liefen gemeinsam in das Gästezimmer. Das Bett war leer! Wir sahen uns kurz an und drehten uns um. Wieder ein Blitz und der Donner der folgte, ließ das Haus erzittern. „Das Bad oder unten!“ schrie ich und stürmte aus dem Zimmer. Das Schlangenbad war leer und ich rannte die Treppe hinunter. Hinter mir rief Lea nach ihrer Oma. Ich konnte sie auch hier unten nirgends entdecken und rief jetzt selbst nach ihr: „Mama, wo bist du?“
Lea entdeckte sie vor der Couch.
Ihre Augen waren geschlossen und das Gesicht blass. Ich hielt die Luft an und berührte sie an der Schulter. „Mama?“ Ich drückte ein wenig fester. Ihr Körper bewegte sich leicht und hinter den geschlossenen Augenlidern nahm ich die Bewegung ihrer Augen wahr. Dann blinzelte sie und die Luft entwich mit einem Stöhnen meinem Brustkorb. Lea war jetzt neben mir. Sie weinte. Sophie schaute uns an. Ihre Augen wurden klar und sie sah zuerst Lea, dann Anja hinter mir und zuletzt mich an. Da war es wieder ihr Lächeln. „Es ist Zeit Abschied zu nehmen mein Sohn“
„Nein du wirst nicht sterben!“ „Thomas, hör zu, wir haben nicht viel Zeit. Ich hab dir einen Brief geschrieben. Er ist oben bei meinen Sachen. Meine Zeit ist einfach vorbei. Und ich hatte eine schöne Zeit und liebe euch.“ Ein Zucken ging durch ihren Körper und sie fuhr sich mit der Hand an die linke Brust. Wieder sah sie uns an. Ihr Lächeln war verschwunden. „Lass nicht zu, dass sie mich auf die Schattenseite bringen!“ Wieder ging ein Zittern durch ihren Körper und ihre Augen schlossen sich.
Ein Blitz schlug in die Scheune ein und der Donner und die Druckwelle waren so stark, dass Anja hinter mir zu Boden fiel. „Papa, ich brauche deine Hilfe!“ hörte ich Lea neben mir. Anja saß auf dem Hintern und wählte den Notruf. „Kein Netz!“ Die Taschenlampen erloschen und es wurde kalt. Ich spürte wieder das Böse und die Gier. Die Luft wurde stickig und feucht. „Papa bitte!“ Ich schloss die Augen und spürte die Wesen. Sie waren nah, sehr nah. Dunkler als die Schatten krochen sie auf uns zu und wollten Sophies Seele. Wollten sie mit sich ziehen in die Dunkelheit, in die Kälte auf die andere Seite des Lichts. „Kommt zu mir!“, sagte ich zu den beiden, hörte meine Stimme und war doch schon so weit weg. In dieser anderen Welt, in der ich nicht sein wollte. Ich spürte Lea, Anja und Sophie. Ihr Licht war noch da! Meine Kammer, meine Ideenschmiede, mein Geheimnis. Das Schwert? Nein ich brauchte einen Schutz für uns. Der Schild! In Gedanken sah ich die Schilder der Ritter, die Schilder der Kreuzritter, weiß mit einem roten Kreuz. Ich hielt es in der Hand, spürte die Hitze und das Licht. In meinen Händen fing es an zu leuchten und zu glühen. Ich hielt es über uns und durch die Schatten ging ein Raunen. Die Taschenlampen flackerten aber sie wichen nicht, die seelenlosen Monster. Die Kälte war immer noch da. Kurz hatte ich sie überrascht und geärgert aber jetzt kamen sie wieder und die Luft wurde immer stickiger, das Glühen wurde schwächer. Der Schild wurde schwerer und schwerer, meine Arme wollten einfach nach unten sinken. „Gib nicht auf Thomas!“ Anja stützte mich und Sophies Licht leuchtete noch einmal. „Lea jetzt brauchen wir dich!“ Anja fing an zu husten und ihre Hände ließen mich los. Das Gewicht des Schildes war wieder da. Meine Arme zitterten, das Atmen tat weh, ich spürte etwas nach mir greifen. Neben mir plumpste Anja auf den Boden. Eiseskälte umgab mich und Dunkelheit, Schatten und Tod. „Feuer und Licht!“, schrie Lea in meinem Kopf, der explodieren wollte aber nicht mein Kopf explodierte, sondern unser Haus.
Der Blitz durchzucke unsere Welt. Im Licht sah ich die Gestalten, die Monster, die Seelenlosen Kreaturen, die nach uns gierten. Das Licht erlosch nicht. Es wurde heller und heller und Lea neben mir schrie: „Verschwindet! Das ist unser Haus! Unsere Welt!“ Sie hielt einen langen silbernen Stab in der Hand und die Energie des Blitzes hatte ihn aufgeladen. Ich musste die Augen schließen, so hell wurde er und dann explodierte dieses Licht und hinter meinen geschlossen Augenlidern wurde es so hell, dass ich die Hände vors Gesicht schlug.
9.
Mein Körper war wieder schwerelos. Ich schwebte. Ich roch den Duft der Rosen. Das helle Gleißen in meinen Augen ließ nach. Ich öffnete sie und sah das Meer aus weißen Rosen unter mir. Von Horizont zu Horizont tausende, abertausende - nein Millionen von Rosen, die sich wie Wellen in Wind bewegten. Ich spürte die Wärme, spürte das Gute und spürte Sophie und Eva. Ich spürte den Trost und spürte den Verlust und ich wünschte, ich könnte mich in dieses Meer aus Rosen fallen lassen...
Ewas rüttelte an mir. „Lass mich los, ich will nicht zurück zu den Monstern.“ „Papa! Papa, mach die Augen auf!“ Leas Gesicht war direkt über mir. Sie weinte. Neben mir kam Anja wieder zu sich und stöhnte.
„Mama!“, schoss es mir durch den Kopf. Ich richtete mich auf. Sophie saß immer noch in sich zusammengesunken vor der neuen Couch. Sie war tot. Lea nahm meine Hand und Anja legte ihren Arm um mich. Jetzt weinte auch ich. Draußen wurde es langsam hell und ich hörte Sirenen.
„Wir haben sie gerettet Papa! Sie ist jetzt bei Mama. Im Licht, auf der guten und schönen Seite!“
Der Regen hatte aufgehört.
10.
Am Abend saßen wir zusammen auf der Couch. Anja, Lea, Heiko und ich. Der Tag war irgendwie an mir vorbeigezogen, ohne dass ich wirklich anwesend gewesen war. Ich nahm vieles wahr, die Feuerwehr, die unsere Scheune löschte. Der Notarzt, der den Tot feststellte. Es war wohl ein Herzinfarkt gewesen. Heiko, wie er mich in den Arm nahm. Lea, die immer wieder meine Nähe suchte. Anja, die half wo sie konnte und mich immer wieder umarmte und meine Hand hielt. Ich nahm die Sonne wahr, die den Regen und die Dunkelheit vertrieben hatte und uns Trost spendete, so gut sie konnte.
Lea hielt mal wieder meine Hand. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich so wenig für sie da sein konnte. Ich sah in ihre geröteten Augen. Sie lächelte, als hätte sie meine Gedanken gelesen. „Wir haben alle jemanden verloren Papa! Ich meine Oma, du deine Mutter und Anja und Heiko einen lieben Freund und Menschen, den auch sie geliebt haben!“
„Ja ich weiß und wir werden dieses Mal auch nichts unter dieser schweren dunklen Decke verstecken!“ Sie nahm mich in den Arm und wir drückten uns.
Ich atmete tief durch. Auf dem Tisch lag er der Brief. Ob wir bereit waren? Ist man das jemals, wenn man jemanden verloren hat, den man liebt?
„Ich habe dir einen Brief geschrieben!“ hörte ich die Stimme in meinem Kopf und sah ihr Lächeln vor mir. Thomas stand auf dem weißen Couvert in ihrer schnörkellosen Schrift. Ich nahm ihn, öffnete ihn und fing an zu lesen.

Ende Teil 1
 
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Kommentare  

Danke für den Kommentar Evi. Freut mich, wenn dir die Geschichte gefällt und sie spannend ist. Man weiß als Schreiber ja nicht unbedingt, wie die Worte, die da aus einem rauskommen, wirken!

Daniel Freedom (19.02.2021)

Sehr schön spannend!

Evi Apfel (18.02.2021)

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