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Schwarze Schwäne - Weiße Schwäne, Teil 24 - BILLARDTISCH -*-*- SELTSAME LOCATION

Romane/Serien · Nachdenkliches
Es gibt einen Billardtisch im Kellergeschoss des Hauses. Ich war total aus dem Häuschen, als Hardy ihn mir zeigte. Im Gegensatz zum Minigolfspiel liebe ich Billard!
Es ist Samstagmorgen, und ich bin immer noch hier, habe aber vor, bald zu gehen. Ich trage ein Hemd von Hardy, es ist wunderbar weich – und selbstverständlich nur geliehen. Ob er es mir wohl schenken würde wie Michael aus Fronkreisch mir das weiße Hemd schenkte? Nee, nie im Leben! Hardy ist viel härter als mein kleiner Bruder Michael. Andererseits schuldet er mir was: Ich habe ihm schließlich dieses fantastische Eishockeytrikot geschenkt, zwar unter Bedingungen - von wegen du trägst das nur hier in meiner Wohnung - aber geschenkt ist geschenkt. Er könnte mir vielleicht eine Pizza ausgeben, aber ich will ja immer selber bezahlen. Und wenn ich mal das Bezahlen vergesse, dann reiche ich's später plus Trinkgeld nach.
Egal, und wieder war es ... Oh Gott, was soll ich sagen? Fantastisch war es. Und ich habe so gut geschlafen, dass ich erst um zehn Uhr aufgewacht bin. Er wird doch nicht denken, ich wolle mich bei ihm einnisten.
Bevor wir ins Bett gingen, haben wir den ganzen Abend über Billard gespielt, und das Kräfteverhältnis kam mir ausgeglichen vor. Ich liebe Billardtische, und ich liebe das Spiel mit den Kugeln.
Mist, jetzt fallen mir gleich Hardys eigene Kugeln ein, die sind auch sehr schön ... ‚Was soll das?’, fragt Hirn gerade, während mein Körper ein frivoles Grinsen von sich gibt.

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Warum spielt Hardy dieses Stück immer wieder? Klar, es ist gut, Funk vom Feinsten und er hat es von mir, aber er spielt es sehr oft, bevorzugt beim Sex. Ach, wen juckt's!
Wir sitzen in Hardys Küche. „Meine Katzen warten bestimmt schon auf mich“, sage ich, während ich meinen Kaffee trinke. Seine Küche sieht ziemlich leer und unbenutzt aus, wahrscheinlich kocht er selten was, oder eine Frau kocht selten was für ihn. Er hat von irgendwoher Brötchen geholt, ich habe eigentlich keinen Hunger, trotzdem esse ich eins, dick belegt mit Käse, ich will ihn nicht enttäuschen. Muss lachen: Nicht den Käse, sondern Hardy. Ich finde nämlich, er gibt sich Mühe. Warum?
„Ich schaue dir gerne beim Essen zu“, sagt er. Oh, das macht mich etwas verlegen. Ich will das nicht, will keine Schmeicheleien, denn es könnte alles gelogen sein, um mich in gefühlsmäßige Irrungen zu führen, die ich hinterher bereuen könnte. Also sage ich nichts darauf.
Ich will nur noch meinen Kaffee austrinken, und dann möchte ich noch mal in den Keller, um an diesem tollen Billardtisch ein paar Kugeln zu spielen, bevor ich mich endgültig anziehen werde.
Die Kugeln sind aufgebaut, ich stoße an. Nichts versenkt ... Ich muss unbedingt den Anstoß üben. Aber dazu müsste ich öfter hier sein, und das geht doch nicht. Hardy versenkt eine Halbe und danach nichts mehr. Ich habe also die Vollen.
Ich höre ein Geräusch hinter mir. Es kommt gerade jemand die Kellertreppe herunter, ich drehe mich um und erblicke Hardys Cobber Clem.
Clem glotzt mich fassungslos an. Hat Hardy ihm nichts von uns - hahaha ‚uns’ - erzählt? Warum wohl nicht?
„Tony, du hier?“ Er schaut mich prüfend an, oder eher meinen Körper unter Hardys Hemd?
Ich lächele ihn nichtssagend an und sage: „Hallo Clem!“, während ich unauffällig Hardy beobachte. Was läuft hier ab, ich möchte es wissen. Ist es ihm peinlich, dass ich hier bin? Ob er will, dass ich mir was anziehe? Nein! Das würde er nie verlangen, denn gerade fällt mir ein, was er bei unserem ersten Aufeinandertreffen gesagt hat, nämlich das: ‚Ein Körperteil ist doch wie der andere!’ Also kann Clem alles von mir sehen, ob's nun Brüste oder andere Teile sind. Aber was könnte es sonst sein? Ich tappe im Dunkeln.
„Deine Cousine ist ja richtig geil“, sagt Clem gerade.
Oha! Was? Welche Cousine? Das kann ja interessant werden!
Hardy lächelt auf eine grimmige Art. Ich glaube, ich kenne mich ein bisschen mit seiner Mimik aus. Er hält es wie ein fernöstlicher Inselbewohner: Wenn er ein grimmiges Gesicht macht, dann ist er erheitert und wenn er lächelt, dann ärgert er sich. Es ist dann allerdings ein grimmiges Lächeln. Also das jetzige Lächeln, genau, das ist es! Aber diesmal lächelt er auf eine geradezu wölfische Art. Oh, jetzt kommt's mir: Hardy schämt sich wahrscheinlich meinetwegen, ich bin unter seinem üblichen Niveau, und deswegen weiß Clem auch nichts von mir. Mist, hätte ich gleich drauf kommen können!
Aber was ist nun mit dieser Cousine? Das interessiert mich brennend, während ich abwartend am Billardtisch stehe und so tu, als ob ich den nächsten Stoß überlege.
„Ich musste sie zwangsweise in die Oper mitnehmen“, sagt Hardy sehr leise, wie es mir scheint. Aber ich habe gute Ohren. Und ‚zwangsweise in die Oper’, was könnte das bedeuten?
„Mein Gott, die Kleine ist ja so was von geil!“ Das kommt ziemlich laut von Clem her. „Und hast du sie denn knallen können?“
Mir bleibt gerade der Atem weg. Hardy hat jemanden in die Oper mitgenommen. Zwangsweise oder aus was auch immer für Gründen. Mich hat er noch nie in die Oper eingeladen. Aber eine geile Cousine schon? Und für die hat er mit Sicherheit bezahlt. Und knallen bedeutet ja wohl ... Ja, hat er sie denn knallen können? Will ich nicht wissen. Oder weiß ich es schon? Gut, ich störe hier nur. Natürlich hat Clem sofort geschnallt, dass wir miteinander schlafen – ich allein bekleidet mit Hardys Hemd und Hardy nur mit Jeans und ohne das Hemd. Aber das ist wohl alltäglich bei Hardy. Meine Vorstellungen von ihm passen also gut zu der realen Welt, in der Cousins Cousinen erst in die Oper mitnehmen und sie danach knallen.
Wieder kommt die Erinnerung an den ersten Abend hoch, als er sagte: ‚Letztens bin ich mit der Freundin eines Kollegen ins Bett gegangen, und hinterher hab ich meinen Arm um sie gelegt – und sie hat mir von ihren Problemen erzählt.’ Oh nein, ich glaube, mir wird gerade schlecht.
Es ist erschreckend, in der realen Welt anzukommen. Bisher befanden wir in einer Blase, die nur uns beinhaltete, die Außenwelt war völlig ausgeblendet. Und nun kommt Clem daher und macht alles kaputt. Nein, nicht kaputt, er rückt nur die Realität ein wenig zurecht.
Ich lege das Queue langsam zur Seite. „Ich geh dann mal“, sage ich und nicke Clem freundlich zu. Ich nicke auch Hardy zu, aber mehr unfreundlich und das ist Absicht.
Hardy nagt an seiner Unterlippe, es sieht aus, als wolle er etwas sagen. Nein, das tut er nicht, er schaut mich nur kurz an. Der übliche Abschiedskuss auf meine Stirn wird nicht passieren, denn ich werde Hardy jetzt nicht in meine Nähe lassen. Der kann mich doch mal!
Als ich die Treppe hochgehe, spüre ich die Blicke von beiden auf mir - auf meinem Hintern und auf meinen nackten Beinen. Außerdem schweigen sie. Ich versuche, so wenig wie möglich mit den Hüften zu wackeln und gehe ganz steif die Treppe empor. Hoffentlich ist die Tür oben noch auf, sonst muss ich womöglich noch mal runter und Hardy um den Wohnungsschlüssel bitten.
Uff, die Tür oben ist auf! Die Schlüssel, die Hardy mir freundlicherweise überlassen hat, hätten da auch nix genutzt. Wozu brauche ich die überhaupt? Trotzdem gebe ich sie noch nicht ab. Warum? Keine Ahnung ...
Aber ich wollte ja sowieso gehen, denn jetzt fängt das Wochenende erst richtig für mich an! Ich habe eine Verabredung zu einer Grillparty. Ich weiß nicht, was da auf mich zukommt, aber ich werde es erfahren. Ich fühle mich nämlich frei von allen Konventionen, Hardy ist mein Liebhaber, der mich sehr gut befriedigt, und ich habe keinerlei Bedürfnisse, dieses Verhältnis enger zu gestalten, weil ... hahaha, das ginge gar nicht, denn der ist nicht von dieser Welt, muss lachen ... Und seltsamerweise habe ich überhaupt keine Probleme mehr, Männer kennenzulernen. Es fluppt einfach so. Vielleicht weil mich eine Aura der körperlichen Befriedigung umgibt, durch die ich anziehender wirke? So wie letztens im Hawaai: Der Typ neben mir war fasziniert. Von mir etwa? Ja, tatsächlich! Er gab mir einen Drink aus, ich nahm den Drink an und prostete ihm zu. Ich konnte mich drehen und wenden, wie ich wollte, er folgte meinen Bewegungen wie eine Kobra dem Schlangenbeschwörer. Natürlich habe ich nichts mit ihm angefangen, aber es ist nett, Männer kennen zu lernen. Ha, von wegen Cousine und Oper! Das kann ich auch ohne Oper!

-*-*- SELTSAME LOCATION

Um im australischen Jargon zu bleiben: Mein Cobber ist der gute Harald, den ich vor zwei Wochen im Hawaii kennen lernte. Er ist groß und sieht gut aus mit seinen langen schwarzen Haaren. Er stand da so versonnen an der Theke und hielt ein fast volles Bierglas in der Hand. Ich habe ihn einfach um einen Schluck davon gebeten, indem ich verlangend auf sein Glas gedeutet habe. Seitdem sprechen wir miteinander, er ist nett, aber ein bisschen tranig. Er wohnt praktischerweise direkt gegenüber vom Hawaii, und einmal habe ich sogar auf seinem Sofa geschlafen, nachdem im Hawaii Schluss war.
Wir wollen mit der S-Bahn nach H. fahren, denn wenn ich zuviel trinke, dann sitze ich dort mit meinem Auto fest. So muss ich nur die letzte S-Bahn erwischen, das müsste zu schaffen sein.
Ist das Leben nicht schön? Jetzt, wo zumindest für mein sexuelles Wohlbefinden gesorgt wird, ohne dass ich gleich ein Kind kriegen und heiraten muss, dabei denke ich automatisch an Robert, nein, ich bin jetzt frei und kann alles machen, was ich will!
Die geile Cousine werde ich ignorieren. Ich kann nämlich auch Sachen anstellen, mein lieber Schwan, äh ... Hardy! Irgendwie würmelt das trotzdem in mir herum, aber was habe ich erwartet? Nichts! Jedenfalls bin ich gespannt, wohin Harald mich führen will, er tut so geheimnisvoll. Harald zieht mich kein bisschen körperlich an, obwohl er gut aussieht, und da ich keine Ahnung habe, was mein Stecher Hardy so treibt, werde ich mir einen vergnügten Abend mit Harald machen.
-*-*-
Wirklich eine Überraschung! Der Gastgeber ist Architekt und lebt auf dem Grundstück einer nicht fertig gebauten Neubauruine, deren Betonwände ohne Fenster immerhin schon ein Dach und ein paar angedeutete Zimmer haben. Der Architekt haust in einem Wohnwagen am Rande des Grundstücks. Für die körperlichen Ergüsse steht ein Pixi-Klo daneben. Es erinnert mich fast an die Plumpsklos in meinem Heimatdorf, denn das Prinzip ist das gleiche. Vorsichtshalber prüfe ich das Buschwerk am Rande des Grundstücks. Könnte man seine Notdurft besser dort verrichten? Würde gehen, wäre aber umständlich.
Ich muss das unbedingt Hardy erzählen, der liebt so interessante Örtlichkeiten. Ich darf natürlich nicht erwähnen, dass ich mit einem Kerl hier war und müsste mir was einfallen lassen.
Harald hat seine Gitarre mitgebracht. Ich selber habe meine künstlerische Begabung noch nicht gefunden, okay, ab und zu schreibe ich eine Geschichte oder ein seltsames Gedicht, aber ein Instrument spielen, nein, das werde ich nie können.
Die anderen Gäste erscheinen nach und nach, zuerst zwei junge Typen. Sind das Jesuitenzöglinge oder Theologiestudenten? Sie hängen aneinander wie die Kletten und werden vom Gastgeber ziemlich bevorzugt.
Dann kommt ein Diplomingenieur mit seiner Frau, einer Diplompsychologin, die eine sehr kultivierte und hübsche Person ist. Ihre Kinder, ein Mädchen und einen Jungen haben sie auch mitgebracht. Die beiden toben nicht herum, wie Kinder es tun sollten, sondern verstecken sich in den Ecken der Neubauruine
Die hübsche kultivierte Frau gibt sich total emanzipiert. Hey, ich habe bestimmt nichts gegen Emanzipation, aber man sollte nicht drüber reden, sondern es einfach tun.
Wesley, der Gastgeber lässt sich über seine Kindheit aus: „Ach wie war das früher schön“, schwärmt er. „Meine Eltern besaßen ein Musikzimmer mit einem Klavier, und es wurde immer Hausmusik gemacht. Ja, das war noch Kuultuurr!“ Er spricht Kultur so genüsslich aus, als könnte man sie essen, mit einem langen uuu und einem rollenden rr. Kuultuurr ... Hört sich zum Anbeißen an. Die beiden nicht voneinander trennbaren Jesuitenzöglinge lauschen ihm gebannt. „Also ohne Musikzimmer gibt es keine Kuultuurrr“, fängt Wesley wieder an.
„Nicht zu vergessen, das Klavier“, werfe ich heimtückisch ein.
Wesley wirft mir einen giftigen Blick zu. Natürlich hat er mich sofort als Kind von Proleten erkannt. Die beiden Jesuitenstudenten drehen sich um und prusten vor Lachen – sie tun es zwar unauffällig, aber Wesley hat es doch mitgekriegt, und er gibt mir die Schuld daran. Von diesem Augenblick an fangt er an mich zu siezen. Ich duze ihn weiterhin aus purer Gemeinheit, ich bin eben ein Proletenkind. Seltsamerweise halten mich die meisten Leute für nett, zum Beispiel die Bekannten von Andrea. Und wenn ich dann mal einen treffe, der mich nicht ausstehen kann, dann treibe ich seine Abneigung zu mir auf die Spitze. Macht so'n Spaß ...
Der Grill wird angeworfen, kokelt so vor sich hin - und Harald klimpert auf seiner Gitarre herum. Ich trete von hinten an ihn heran und streichle sein langes schwarzes Haar. Er dreht sich ein bisschen zu mir um und guckt mich verträumt an. Er ist wirklich ein netter gutaussehender Junge, aber immer so tranig, als ob er unter Medikamenten stünde. Therapie? Nasenbleiche? Aber immerhin sieht er aus wie Winnetou, nur größer. Ich muss an Hardy denken. Wen könnte der wohl im Karl May-Universum darstellen? Vielleicht den Old Befriedige-Mich-Mit-Hand? Jetzt muss ich in mich hineinkichern. Und wo ist seine Nscho-tschi? Vielleicht ist es ja die Cousine ... Wieder packt mich ein gewisser Ärger.
Es wird dunkler, es fängt langsam an zu nieseln, und das Nieseln steigert sich in einen permanenten Regen hinein. Alle ziehen sich in die Neubauruine zurück, denn da ist es trocken.
Man unterhält sich. Ich geselle mich zu der Gruppe mit dem Dipl. Ing. und seiner Frau, sie erzählt wieder über Emanzipation, die üblichen Schlagworte. Natürlich mische ich mich nicht ein, sondern höre mir das von hinten an. Jetzt ist gerade Alice Schwarzer dran. Moment mal, da muss doch eine Resonanz von den Männern kommen. Und sofort: „Die ist nicht die Schönste, hat wohl keinen Mann abgekriegt.“ Das kommt vom Gastgeber, diesem mickrigen Kerl, der selber auch nicht der Schönste ist.
Ich trinke währenddessen den bestimmt sehr teuren französischen Rotwein, den brauche ich jetzt unbedingt.
Ich kriege nur noch mit, während ich trinke, dass Frau Diplompsychologin die beiden Kinderchen nach Hause bringen muss, weil der Gatte keinen Bock drauf hat. Der säuft munter weiter, als ob ihn diese Familiensache nichts anginge. Und dann versucht er auch noch, mich anzumachen! Ich kriege einen Schluckauf und verziehe mich auf das Pixi-Klo, um mich auszulachen. Das Klo und ich sind mittlerweile gute Freunde geworden.
Diese Neubauruine, welch seltsame Kulisse! Sie erinnert mich an ein Bühnenstück, wo die Leute auch in Ruinen herumstanden und auf irgendwas zu warten schienen.
„Das kommt mir vor wie in einem französischen Schauspiel“, bemerkt Wesley gerade weise. „Wie ‚Warten auf Godot’. Von wem ist das noch? Ich komm jetzt nicht drauf.“
„Samuel Beckett“, entweicht mir spontan.
„Tatsächlich“, meint Wesley daraufhin, „fallen einem manchmal die einfachsten Sachen nicht ein ...“ Wieder muss ich aufs Pixi-Klo gehen und mich auslachen.
Von oben kommt immer mehr Nasses, und wir ziehen uns in den Wohnwagen zurück. Dort ist es gemütlich und trocken. Ich rege an, Skat zu spielen. Ich spiele nicht mit, aber ich gucke unheimlich gern zu. Also spielen die Jesuitenzöglinge und Harald in der Essecke des Wohnwagens Skat. Nach einer Weile steht für mich fest: Was die können, kann ich auch, mir fehlt nur ein bisschen die Übung. Also spiele ich mit und gewinne auch ab und zu.
Der Gastgeber sitzt nebenan mit zwei Leuten am Wohnzimmertisch. Nebenbei äußert er sich abfällig über die Skatspielerei: „Also, Skatspielen finde ich irgendwie proletenhaft!“ Natürlich hat er mitgekriegt, dass ich, das aufsässige Proletenkind die Sache angeregt habe.
Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Leute man in einem Wohnwagen unterbringen kann. Es gibt eine Küche, ein Bad, ein Wohnzimmer, ein Esszimmer. Wo das Schlafzimmer ist, weiß ich noch nicht. Vielleicht um die Ecke?
Die Zeit vergeht, und auf einmal ist die vorletzte S-Bahn weg und dann auch die letzte, und ich sitze hier am Arsch der Welt und weiß nicht, wie ich nach Hause kommen soll.
Die anderen drei Gäste verziehen sich nach und nach, bis ich schließlich mit Harald und Wesley alleine bin. Wesley macht uns das Angebot, bei ihm zu übernachten und wir nehmen dankend an. Er denkt bestimmt, wir wären ein Pärchen, denn als er uns das Doppelbett herrichtet, es befindet sich unter dem Sofa, spart er nicht mit moralischen Fingerzeigen: „Für eine Nacht kann man sich ja mal zurückhalten unter zivilisierten Menschen.“
„Jaa jaa.“ Ich muss grinsen, und dem Harald ist die Sache sichtlich peinlich.
Wesley schläft hinter einem luftigen Vorhang in einer Koje. Vorhin saßen wir dort beim Skat. So ein Wohnwagen ist wirklich ein Wunder.
Der gute Wesley hat mich mit seinem Geschwafel über zivilisierte Menschen auf eine Idee gebracht: Harald ist einwandfrei ein Mann, und jetzt habe ich die Möglichkeit, mal reinhalten zu lassen, wie Freundin Susanne immer so schön sagt. Eine kleine Nötigung vielleicht? Da tut sich die Frage auf, wie man einen Mann zum Sex nötigt, und sei es auch nur ein bisschen.
Ich versuche es, schiebe mich dicht an Harald heran – nicht sehr subtil das, aber ich spüre, dass sich bei ihm etwas regt und wächst. Ich presse meinen Unterkörper enger an ihn und tatsächlich tut sich da richtig was. Könnte ich mit ihm? Will ich das? Die Vorstellung, dass Hardy es auch gerade mit einer Frau treibt, macht mich zornig. Ja, ich sollte es tun!
Aber ich kann's nicht. Denn plötzlich halte ich inne, oder ist es der Körper, der innehält?. Was ist mit mir passiert? Vor ein paar Monaten wollte ich nicht mit Hardy schlafen, weil Clem nebenan im Wohnzimmer saß, und jetzt will ich es mit jemanden treiben, der gar nicht mein Typ ist, und nur einen luftigen Vorhang weiter liegt dieser Widerling Wesley und hört bestimmt zu.
Auf was für einem Trip bin ich da? Ganz langsam entferne ich mich von Harald. Das ist alles nur Hardys Schuld, der bringt mich zu Sachen, die ich sonst nie tun würde. Unauffällig drehe mich auf die andere Seite. Als Harald den Arm um mich legen will, mache ich mich ganz steif und schüttele ihn ab. Auf Zärtlichkeiten habe ich jetzt keinen Bock. Sex wollte ich haben, sonst nichts. Ach Quatsch, ich weiß nicht, was ich haben wollte. Vielleicht nur billige Rache an Hardy?
Irgendwann ist die Nacht vorbei. Geschlafen habe ich nicht viel.
Am Morgen scheint die Sonne wieder und wir sitzen draußen vor dem Wohnwagen. Wesley muss sich natürlich wieder aufspielen und erzählt irgendwas darüber, wie sie früher die Frauen penetriert haben. PENETRIERT? Dieses Wort ist seltsam, und ich finde es widerlich. Ist das Wort überhaupt richtig, oder meint er etwa perforiert? Muss Hardy mal fragen. Aber falls er nachhakt, mit wem ich hier war, was soll ich ihm sagen? Abgesehen davon, dass es ihn überhaupt nichts angeht, von wegen Cousine ... Hirn weiß es trotzdem: ‚Du wirst natürlich behaupten, dass Madame Medusa dich hierhin geschleppt hat!’ Danke Hirn, manchmal hast du wirklich gute Ideen! ‚Tja, ich bin sehr erfinderisch’, gibt Hirn zurück.
Als wir dann endlich in der S-Bahn sitzen, haben wir uns nicht mehr viel zu sagen.
Dieses Grillfest war seltsam und ich sollte es vergessen. Aber das fällt mir schwer, denn irgendwie plagt mich ein schlechtes Gewissen. Warum, ich habe doch gar nichts getan. Oder doch? Ich hänge zwischen Schuldbewusstsein und Selbstzweifeln in der Luft und weiß nicht warum.
 
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