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4 Seiten

Die Zeit beginnt wieder

Nachdenkliches · Kurzgeschichten · Winter/Weihnachten/Silvester
Ich würde ja gerne wieder eine Weihnachtsgeschichte schreiben, früher habe ich das oft getan, aber es geht nicht. Mein Kopf ist leer und dumm. Und wie kann ich über Weihnachten schreiben, wenn ich es gar nicht mehr feiere, dieses Fest der Liebe. Es wird jedes Jahr weniger Liebe. Der Weihnachtsmarkt findet nicht mehr statt, er war mir sowieso zu oberflächlich, Topflappen im Angebot, Strickstrümpfe für deine Lieben, einen kleinen Kristall dazu und eine Bratwurst. Was waren das noch für Zeiten, als ich meine kleine Schwester an ihrem Stand traf, wo sie die Leute mit Glühwein versorgte. Hauptsächlich mich. Doch das ist lange schon vorbei. Ich vermisse diese Zeiten.
Auch das vorweihnachtliche Schmücken klappt nicht mehr. Die letzten Jahre vergingen so schnell, und deshalb habe ich die Tannengirlande gleich hängenlassen, im Sommer ein paar künstliche Blumen druntergemischt - und fertig!
Vor ein paar Jahren war es noch anders: Meine Schwester wohnte über mir. Es war nicht einfach mit ihr, unsere Männer verstanden sich nicht und trieben dadurch einen zusätzlichen Keil in unsere Beziehung. Sie feierte gerne, und ihre Feste nahmen manchmal groteske Züge an, denn wenn ein Besuch weg war, dann stand der nächste schon in der Tür. Manchmal wollte ich an dieser Lebendigkeit teilhaben und ging nach oben, um mitzufeiern, meistens aber wollte ich meine Ruhe haben und ignorierte alles, was an Geräuschen von oben kam. Trotzdem haben wir das Weihnachtsfest immer zusammen gefeiert.
Bis eines Samstag morgens ... Was zum Teufel war da los? Normalerweise war doch ich die Frühaufsteherin, und meine Schwester schlief bis in die Puppen hinein. Ich hörte, wie jemand hastig in der Wohnung über mir herumlief, kurze Zeit später polterte jemand die Treppe hinunter, ich hörte ein Auto wegfahren, und danach herrschte Stille.
Das Haus ist sehr hellhörig, wenn jemand eine Flasche oben auf die Küchenarbeitsplatte stellt, hört es sich eine Etage tiefer an, als würde jemand kegeln.
Ich machte mir keine großen Gedanken über den unerwarteten frühen Lärm. Meine Schwester führte nun mal ein unorthodoxes Leben, und wenn sie mal nicht ausging, keinen Besuch hatte und auch nicht auf Besuch gehen konnte, dann geriet sie fast in Panik. Und in zwei Wochen würde sie fünfzig werden. Ich hatte jetzt schon Angst vor den Feierlichkeiten zu ihrem Geburtstag, denn da würde einiges ausufern ...
Ich verbrachte den Samstagvormittag mit Einkäufen und vor dem Computersitzen, bis um elf Uhr das Telefon ging. Es war meine Nichte, die Tochter meiner Schwester: „Mama hatte einen Herzinfarkt ...“
„WASSSS?“ Das war... nein, ich konnte es nicht fassen!
„Sie hatte ja diese Schweißausbrüche und die Schmerzen an der Schulter.“
„Aber die Ärzte meinten doch, es wären die Wechseljahre“, sagte ich.
„Nein, die waren es nicht ... Sie hat drei Bypasse gekriegt.“
„Oh Gott!“ Das durfte nicht wahr sein! Herzinfarkt mit neunundvierzig Jahren und dann direkt drei Bypasse. Dann war es wirklich schlimm! Irgendwie hatte ich das Gefühl abzurutschen, dieses Gefühl, das man manchmal im Traum hat, wenn man von einer Bordsteinkante abrutscht und kurzzeitig ins Bodenlose stürzt.
Was für ein grauenhafter Gedanke! Meine kleine Schwester im Krankenhaus, die Rippen durchsägt, das Bein aufgeschnitten, Venen herausoperiert, ins Herz... Nein es war entsetzlich! Und sie würde ihr Leben ändern müssen. Nicht mehr rauchen, anders essen, gesunde Ernährung und so weiter. Und wer weiß, wie lange noch ...
Sollte ich vielleicht etwas daraus lernen? Vielleicht die unnötigen Differenzen zwischen uns vergessen? Wieder mehr zusammenrücken?
Ja, ich tat es. Ich verbrachte Zeit mit ihr, und wir unterhielten uns viel. Auch über die Vergangenheit. Meine Schwester ist adoptiert. Und sie hat von meiner Familie nicht viel Gutes erfahren. Aber ich dachte, nun wäre alles gut. Zumindest zwischen uns beiden.
Bis nach drei Jahren das andere Unheil über sie hereinbrach. Ich kann mich noch genau an diesen Tag erinnern. Sie hatte eine Untersuchung machen lassen, und dabei kam heraus: Lungenkrebs! Prognose ungünstig, Überlebenschance vielleicht noch drei Monate oder länger, falls die Chemo anschlagen sollte. Eine Operation war nicht möglich.
An diesem Tag fuhr ich mit dem Fahrrad los und saß im Park, es regnete, und meine Gedanken wanderten chaotisch herum:
"Bitte nicht wieder anfangen zu denken! Es ist genug, und außerdem ist es nass. Wieso bin ich mit dem Fahrrad losgefahren bei dem Sauwetter, jetzt sitze ich im Park auf einer Bank, sehe aus wie eine nasse Katze – und fühle mich wie eine tote Katze. Quatsch, wie sentimental und theatralisch! Ich bin lebendig, noch sehr lebendig. Im Gegensatz zu anderen Leuten, die vielleicht ... Bitte nicht wieder anfangen zu denken! Warum nicht ich? Warum nicht ich? Ich bin dem Leben nicht so verhaftet wie sie. Sie hat eine Tochter und auch Enkel. Sie ist so lebenshungrig, dass es mich manchmal angekotzt hat. Ich nannte es 'lebensgierig'. Vielleicht war ich nur eifersüchtig auf ihren Lebenshunger, aber das ist jetzt egal. Sie kann doch nicht einfach sterben, dafür ist sie zu stark. Oder nicht? Verdammt! Und diese ganze Scheiße, die man da mitmachen muss und die letztendlich vergebens ist, nein, du bist stark, du schaffst es, du musst es schaffen, Schwesterchen!
Als ich nach Hause fuhr, regnete es immer noch, und irgendwie schmeckte der Regen salzig.
-*-*-
Drei Jahre dauerte es, bis sie starb. Sie schlug sich tapfer, sie war wirklich stark, viel stärker, als ich es je hätte sein können.
Danke lieber Gott! Was hat sie verbrochen? Sie war einer der nettesten Menschen, die ich kannte, hilfreich und gut. Sie war viel besser als ich. Warum ist SIE tot - und ICH nicht? Es gibt keine Gerechtigkeit, nicht in diesem Leben. Und aus diesem Grunde feiere ich auch Weihnachten nicht mehr.
Was macht wohl meine Nichte? Sie ist weggezogen nach dem Tod der Mutter, unauffindbar ist sie, und ich habe keinen Kontakt mehr zu ihr. Dabei ist es doch meine einzige richtige Verwandte.
Während ich wie blind auf meine mittlerweile verstaubte Weihnachts-Sommer-Deko starre, klingelt das Telefon. Blöderweise gehe ich dran. „Hier ist 2und2, wir möchten Sie gerne auf unsere neue statistische Besucherauswertung Ihrer Homepage aufmerksam machen, diese erfolgt nach neuesten Erkenntnissen.“
„Nein danke, ich brauche keine neuen Erkenntnisse!“ Wütend lege ich auf, diese Werbeanrufe nerven.
Wieder klingelt das Telefon. Wieder will ich nicht drangehen, tue es aber doch, weil die Nummer nicht nach 2und2 aussieht, sondern nach einer ganz normalen Festnetznummer.
„Hier ist Anna“, sagt eine junge Stimme. Anna ist meine Nichte. Endlich ruft sie an. Ich atme tief durch.
„Welch ein Zufall, ich habe auch gerade an dich gedacht.“
„Genau wie ich, Tantchen“, lacht Anna. „Willst du uns nicht besuchen? Wir wohnen gar nicht weit von hier, und die kleine Thalida hat schon oft nach dir gefragt.“
Thalida ... So eine eigenwillige kleine Zicke! Aber ich mochte sie - und sie mich wohl auch. Das ist seltsam, denn die meisten Leute mochte sie gar nicht. Darin ähnelt sie mir: Auch ich kann mit den meisten Leuten nichts anfangen.
Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt. Vielleicht hat er uns ja verlassen, und wir müssen nun selber klarkommen, nachdem er uns das Göttliche und auch das Teuflische vermacht hat.
Alles ist nun in uns. Was könnten wir damit anfangen?
Eigentlich glaube ich nur, dass Anna mich braucht, sie liebte ihre Mutter. Und ich kannte ihre Mutter schon so lange und weiß so viel von ihr. Und sie hätte gewünscht, dass ich lebe und dass ich mich um ihre Kinder kümmere. Der Junge ist auch so ein Süßer. Automatisch muss ich lächeln.
Machen wir das Beste draus. Ich schaue auf die verstaubte Weihnachts-Sommer-Deko, dieses Nichts ohne Aussage. Ich werde sie herunterreißen und vielleicht ein paar Kerzen anzünden.
Die Zeit fängt wieder an, das Leben beginnt neu.
Und ich freue mich auf Weihnachten.
 
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Kommentare  

Eine anrührende Geschichte, liebe Ingrid, schön,
dass Du sie geschrieben hast. Es gibt immer
wieder Hoffnung. Und neue Aufgaben.
Gruß von


rosmarin (16.12.2021)

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