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Von Sein und Schein, ein Ausflug in die Welt des Hochstapelns

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Wie täuscht man Kompetenz vor auf einem Gebiet, von dem man nichts versteht? Wie beeindruckt man mit einem Wissen, das man nicht besitzt? Charakterliche Eigenschaften, über die man nicht verfügt, eine Menschenliebe, die man nicht hat?
Immerhin wird ja von einem erwartet, dass man kompetent sei, sozial, redlich, dass man sich alle diese Eigenschaften erworben hat. Was in der Realität eine recht mühselige Angelegenheit ist, lieber hat man es bequem, auch auf die Gefahr hin, im weiteren Leben über das eine oder andere Defizit zu stolpern.

Es sei denn, man beherrscht die Kunst der Tarnung derselben, man täuscht das Wissen vor, den Altruismus, den Menschenfreund. Mitunter tarnt sich auch der Betrug als Wohltätigkeit, die Berechnung als Selbstlosigkeit. Der ernste Blick im richtigen Moment macht einen zum Experten, die Siegespose einen zum Sieger. Ob etwas dahintersteht oder nicht, wer will das denn schon wissen? Das schöne Bild sticht die Logik aus, wenn die Mehrheit auf die Fassade hereinfällt, wer mag da schon nachprüfen, ob etwas plausibel ist oder nicht?
So dilettiert man munter durchs Leben, man berät, wo man doch selbst der Beratung bedürfe, man therapiert, wo man in der Patientenrolle vielleicht besser aufgehoben wäre, man führt, auch wenn man nicht weiß, wohin…

„Erscheine stark, wenn Du schwach bist“, so Sun Tsu, „Die Kunst des Krieges“, der Clausewitz der Chinesen. Erscheine kompetent, wenn Du keine Ahnung hast, erscheine als Menschenfreund, wenn offen zur Schau getragener Narzissmus als suspekt empfunden wird.

Das ökonomische Prinzip besagt, wenn man mit der Simulation durchkommt, dann lohnt es nicht, sich das eigentlich nötige Wissen und Eigenschaften tatsächlich zu erwerben. Bei dem Aufwand, den man treiben muss, um die nötige Außenwirkung zu entfalten, fehlt auch die Zeit und die Kraft, den schönen Schein mit Inhalt zu füllen. Und Inhalte sind auch das, was die Umgebung am allerwenigsten interessiert. Denn auch diese gehorcht dem ökonomischen Prinzip, größtmögliches Wohlbefinden mit dem geringsten Aufwand zu erreichen.

Vor 30 Jahren machte der Fall Gert Postel Furore. Ein gelernter Briefträger, Volksschulabschluss, dem es irgendwann zu langweilig gewesen war, immer nur Briefe auszutragen, nichts darzustellen. So bewarb er sich, Unverschämtheit siegt, als Arzt an einem psychiatrischen Krankenhaus. In seinem Buch „Doktorspiele“ schildert er, wie er es schaffte, seine zukünftigen Vorgesetzten zu beeindrucken, wie er vor einem Fachpublikum einen Vortrag hielt, bei welchem er mit großer Selbstsicherheit wahllos medizinische Ausdrücke aneinanderreihte und niemandem von den 120 Zuhörern fiel es auf. Wahrscheinlich hörte auch niemand zu, oder, wenn er nicht verstand, was nicht zu verstehen war, dann hielt er sich selbst für minderbemittelt, zeigte sich beeindruckt… Ein unsicherer Vortragender wäre sicher sofort aufgeflogen, aber wer die Körpersprache der Überlegenheit virtuos beherrscht, wer im rechten Moment die Eitelkeit des Gegenüber ausnutzt, kann alles erzählen, kann alles verkaufen. Mögliche Zweifel sind ausgeschaltet, wenn das Gegenüber so selbstsicher auftritt, dass jeglicher Gedanke, es könne vielleicht anders sein, gar nicht aufkommen kann.

Postel fragte sich irgendwann, wer ist hier eigentlich der Hochstapler, er oder seine Kollegen, die auf ihn hereingefallen waren. Er wunderte sich, wie einfach es war, zu brillieren, seine neuen Kollegen zu beeindrucken, seine psychologischen Gutachten beeindruckten die Juristen, man war mehr als zufrieden mit ihm, er wäre sogar zum Chefarzt ernannt worden, wäre er nicht durch einen dummen Zufall aufgeflogen. Vielleicht kam im Rückblick dem einen oder anderen Kollegen das Verhalten des Arzt spielenden Briefträgers manchmal ein wenig bizarr vor, doch hatte, solange er dort tätig war, der Verdrängungsmechanismus stets über aufkommendes Unbehagen gesiegt. Womöglich hat auch jeder gezweifelt, doch nach außen hin den Anschein allerbestem Einvernehmens mit dem doktorspielenden Briefträgers gezeigt und geglaubt, er sei der Einzige, der hier nicht ganz überzeugt gewesen ist.

Nun war Postel Arzt gewesen, ohne diesen Beruf tatsächlich erlernt zu haben. Andere durchlaufen die Mühlen des Ausbildungssystems und stellen dann fest, dass sie zwar indoktriniert worden waren, aber im Grunde genommen nichts gelernt haben, zumindest nichts, was sich in der Praxis bewähren würde. Nach dem Erwerb des Diploms stellt man fest, dass man eigentlich von vorne anfangen müsste, sich eigenständig weiterbilden, die eigentliche Ausbildung nach dem Abschluss beginnen. Oder einfach mitmachen, mit den Wölfen heulen, so zu tun, als ob… Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, etwas zu tun, von dessen Nutzen man nicht überzeugt ist. Man stellt als Arzt am Fließband Rezepte aus oder stellt als Architekt mit Styropor ummantelte Betonkisten in die Gegend, durch deren Flachdächer es hineinregnet und in deren Wänden der Schimmel wuchert. Man hat es nicht besser gelernt, man ist wider Willen Scharlatan geworden, da man bei solchen in die Lehre gegangen ist.
Man startet als Idealist und endet als Zyniker. Man wollte die Welt verbessern und hilft mit, sie auf den Hund zu bringen. Die Alkoholindustrie wird es freuen...

Von Gustave le Bon in „Psychologie der Massen“ gibt es einige recht interessante Einsichten, wie sehr das Umfeld die eigene Wahrnehmung beeinflusst. Man schaut nicht mit den eigenen Augen, sondern mit denen der Allgemeinheit. Genauer gesagt, die Art des Umfeldes, die Welt wahrzunehmen, ist der Filter, durch dem man die Welt sieht. Er schildert dies beim Beispiel Napoleons, der zeitweise kollektiv als eine Art Übermensch wahrgenommen wurde, dann wieder als Tyrann, wechselweise als Erlöser oder Fürst der Finsternis, das Individuum kann sich nur selten der Kollektivwahrnehmung entziehen.

Wenn die Wahrnehmung eines Kollektivs irre geht, wenn sie auf einen Scharlatan hereinfällt, wenn sie in eine Hysterie verfällt, wenn sie sich ein Feindbild vorsetzen lässt, das sich bei genauerer Betrachtung womöglich in Luft auflösen würde, es ist nicht einfach, aus der Kollektivwahrnehmung auszusteigen. Zumindest ist es mit Konflikten verbunden, da man unweigerlich als Irrläufer, als Querulant, als Verrückter gilt.

Ein Krankenpfleger, der dem falschen Arzt Postel nicht auf den Leim gehen würde, wäre womöglich seine Stelle los, deswegen macht man es sich leichter, mit der Masse zu schwimmen, anstatt genau hinzusehen. Allerdings, wenn der Schwindel irgendwann dann doch auffliegt, sind alle, die mitgelaufen sind, der Lächerlichkeit preisgegeben. Vielleicht versucht man, bis ans bittere Ende die aufkommenden Zweifel, das Unbehagen, zu verdrängen, je weiter man in gefährliche Fahrwasser gerät, den Betrug aufrechtzuerhalten, dem Hochstapler die Treue zu halten. Auch wenn jede Logik, jedes genauere Hinsehen, dagegen sprechen müsste.

Oftmals bedeutet Wissenschaft das Erstellen von Rechnungen mit mehreren Variablen. Und je mehr Variablen es gibt, desto schwieriger werden Prognosen. Ein Wissenschaftler, der diese Bezeichnung verdient, ist sich darüber bewusst, dass es die Sicherheit des Weltbildes letztendlich nicht gibt, nicht geben kann. In der zweiten Reihe diejenigen Wissenschaftler, die die Weltsicht grob vereinfachen und für die politischen Entscheidungen mundgerechte Vorlagen liefern. Wer politische Entscheidungen treffen muss, hat lieber mit jemandem zu tun, der ihm konkret sagt, was zu tun sei, als mit jemandem, der ihn über die Komplexität der Zusammenhänge und über die Unmöglichkeit zuverlässiger Vorhersagen aufklärt. Derjenige, der Wissen vorgibt anstatt es tatsächlich zu besitzen, findet eher Gehör, selbst wenn es sich auf lange Sicht als fataler Irrweg herausstellt. So leben wir mit der Unmöglichkeit, das Wetter für die nächsten beiden Wochen zuverlässig vorherzusagen, wissen aber ganz genau, wie die globale Durchschnittstemperatur in 100 Jahren sein wird.
Eigentlich wissen wir es nicht, wegen der unzähligen Variablen, aber wir tun, als ob.
Der Club of Rome wird uns wieder verkünden, an welcher Katastrophe wir morgen eingehen werden, obwohl keine seiner apokalyptischen Vorhersagen bisher eingetroffen ist. Weder ist das Öl ausgegangen, noch ist die Welt zur Wüste geworden, das Ozonloch hat uns nicht verbrannt und der Wald ist uns nicht weggestorben. Wir haben einige Jahrzehnte lang in schlechter Laune verbracht, das war alles…

„Auf lange Sicht sind wir alle tot“, so der Ökonom John Meynard Keynes, vielleicht war er auch ein Scharlatan, vielleicht auch nicht…

Der Mensch will betrogen werden, er gibt sich mit dem schönen Schein zufrieden, mit der rosaroten Illusion. Er möchte anstrengungslos und konfliktfrei durchs Leben gehen, nicht hinter die Kulissen schauen, nicht zweifeln müssen, nicht gewahr werden, mit wie viel Unverstand die Welt regiert wird. Die Belohnungen kassieren, ohne etwas dafür getan zu haben. Genießen, ohne den Preis dafür zahlen zu müssen. Mit dem geringstmöglichen Aufwand durchkommen. Es ganz bequem ganz nach oben schaffen. Vielleicht auch die innere Leere mit Panik füllen. Die Frohbotschaft des rosaroten Einhorns mit der Drohbotschaft Armageddons Hand in Hand.

So gehen der Betrüger und der Betrogene eine Symbiose ein. Der Eine verkauft Illusionen und der Andere nimmt sie dankbar an.

Zurück zu der Frage, ob Keynes ein Scharlatan gewesen ist oder nicht. Der Keynianismus liefert die intellektuelle Rechtfertigung der mangelnden Disziplin in der Haushaltsführung. Was lediglich in einer Welt funktionieren kann, in der das Geld letztendlich eine Illusion ist. Dieses hat an sich keinen Wert, es sind lediglich Zettel und Zahlen in irgendwelchen Tabellen. Ein in sich geschlossenes System des Selbstbetruges. Vielleicht bedeutet es auch den Geniestreich, eine Welt des faktischen Falschgeldes mittels intellektueller Falschmünzerei ad absurdum zu führen.

Im Alltag tangieren einen solche Fragen ziemlich wenig. Man nimmt an den kollektiven Illusionen teil, weil man zumeist keine andere Wahl hat.
Man nimmt Zettel ein und gibt sie aus und sinnt nach Wegen, wieder an neue Zettel zu gelangen. Mitunter auf krummen Wegen durch Täuschung Anderer. Durch Vorspiegelung falscher Tatsachen. Durch das Bedienen der Illusionen Anderer nähren wir die eigene Illusion. Und stopfen uns die Taschen mit Illusionen voll…

Man kann vielleicht alle paar Jahre irgendwelche Kreuzchen auf Wahlzetteln machen und einigen großmäuligen Worthülsenverbreitern dadurch deren Existenz ermöglichen. Diese versprechen das Blaue vom Himmel und tun danach zumeist das Gegenteil des Versprochenen. Denn diejenigen, die als Machthaber gelten, die könnte man auch mit einigem Recht als Konkursverwalter bezeichnen, vielleicht sogar als Konkursverschlepper…

Auch hier der schöne Schein. Die Illusion der Macht. Die Illusion der Sicherheit. Die Blinden erklären den Augenlosen, wo es hinzugehen hat. Sie beherrschen die Kunst hervorragend, eine Orientierung vorzutäuschen, wo es keine Orientierung gibt, mangelnde Problemlösungskompetenz durch zur Schau gestellte Problemlösungsvortäuschungskompetenz kompensiert. Ihre eigene Ratlosigkeit durch die Maske der Selbstsicherheit zu kaschieren.

Der Schein triumphiert über das Sein. Zumindest scheinbar. Vielleicht ist das letzte Wort ja noch nicht gesprochen. Und auf das letzte Wort folgt das allerletzte. Und auf dieses das allerallerletzte… Und so geht es immer weiter, von Worthülse zu Worthülse, mit vielen bewegenden Bildern und beredten Worten, in denen nicht allzu viel gesagt wird...
 
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