
„Fahr los und versuch weiter zu lächeln. Dreh den Rock ´n´Roll im Radio auf und stürze dich mit all deinem Mut und all deinem Glauben in das Leben, das vor dir liegt. Sei ehrlich, sei mutig, steh aufrecht. Alles andere ist Dunkelheit.“ Stephen King Es
Ein sonniger Tag Anfang März
Ich saß auf meinem Stein am See und betrachtete das Glitzern der Sonne auf den kleinen Wellen, die der Wind vor sich hintrieb.
Es war ein schöner, hell leuchtender Tag. Nach dem endlosen Winter endlich wieder Wärme, Blumen die aus der Erde krochen und Vögel, die sich genauso freuten wie ich, flogen über den See.
Ein Tag, ein Moment, der Glück und Zuversicht versprach. Aber da waren seit einiger Zeit auch die Schatten. Die Gedanken um den Tod und das Gefühl von Angst aber auch ein Gefühl von Trost und das Bedürfnis mit der Welt im Reinen zu sein.
Etwas berührte mich am Nacken und ich sah mich um aber da war nichts. Langsam ging die Sonne unter und das Glitzern wurde zu einem blendenden Strahl auf dem Wasser. Der Himmel wurde in ein zartes Rot getaucht, bevor die Sonne hinter den Bäumen am anderen Ufer versank.
Ich machte mich auf den Heimweg und ein Gedanke schoss mir durch den Kopf. Was hinterlasse ich? Was würde von mir bleiben und was würde ich meinem Sohn, meiner Tochter und der Liebe meines Lebens mit auf den Weg geben? Was würde ich ihnen sagen, wenn ich wüsste, dass heute Nacht Gevatter Tot kommt, um mich zu holen?
Zuhause angekommen machte ich mir einen Kaffee, setzte mich vor die Tür und rauchte eine Zigarette. Die Gedanken ließen mir keine Ruhe und ich stand wieder auf und lief durch die Wohnung. Fünf Minuten später saß ich am Esszimmertisch. Ein leeres Blatt Papier vor mir, das mit Buchstaben und Worten ausgefüllt werden wollte.
Ein nasser Tag Ende März
Der Anruf kam um halb sieben morgens. Der Schock saß tief. Es stand nicht gut um ihn. Wann hatte er ihn das letzte Mal besucht da oben am See? War schon eine Weile her, seit er mit seinem Papa ne runde um den See gedreht hatte. Er sah nach draußen und nahm den Regen nur am Rande wahr. Er musste seiner Mutter Bescheid geben.
Um elf Uhr standen die beiden vor seiner Tür. Mama und seine kleine Schwester. Draußen ging der Regen in Schnee über.
Die Fahrt wurde zu einem kleinen Horrorritt. Der Schneefall wurde immer dichter und schon bald hatte sich eine weiße Schicht über den Asphalt gelegt. Die letzten Kilometer auf den Nebenstraßen waren richtig schlimm. Da draußen herrschte jetzt ein richtiges Schneetreiben. Anika fuhr immer langsamer und krallte die Hände fester um das Lenkrad. Chris, Papas alter Freund, hatte am Telefon gesagt, dass er ihm versprochen hätte, ihnen nicht Bescheid zu geben, bevor es vorbei war. Anika und er waren schon ein paar Jahre getrennt aber sie hatten alles Böse und Schlechte längst hinter sich gelassen. Die Kleine, die auf der Rückbank saß und jetzt auch schon fast erwachsen war, war die einzige, die regelmäßig bei ihm war. In dieser kleinen Hütte da draußen am See zwischen den riesigen Bäumen und nur einen Katzensprung vom See entfernt. Auch ihr hatte er nichts gesagt und sich nichts anmerken lassen aber seine kleine Maus hatte er schon immer vor allem Bösen beschützt. Er hätte für uns drei getötet, ohne mit der Wimper zu zucken, ging es ihm durch den Kopf. Der BMW rutschte beängstigend hin und her auf den letzten hundert Metern und jetzt hatte auch seine Mutter mit den Tränen zu kämpfen. Sie sah ihren Sohn an und musste nicht aussprechen, dass sie zu spät kommen würden. Auch Robert spürte es. Manchmal gibt es diese Momente, in denen man weiß, dass gleich das Telefon klingelt oder jemand vor der Tür stehen wird oder man einfach einen Augenblick innehält und lächelt und nicht weiß warum. Seiner Schwester liefen jetzt ungehemmt die Tränen über die Wangen aber in ihrem Gesicht lag ein seltsamer Ausdruck. Eine Erkenntnis oder ein Wissen, das nur sie sehen oder spüren konnte.
Chris empfing sie, als sie endlich an der Hütte angekommen waren. Nachdem sie den Schnee aus den Haaren und Kleidern geschüttelt hatten, setzten sie sich an den Tisch.
„Was soll ich groß sagen. Er war krank und hat es für sich behalten. Er wollte keine Behandlung. Eine seiner größten Ängste war es, nicht mehr selbstständig leben zu können. Jemanden zur Last zu fallen oder vor sich hin zu vegetieren ohne Hoffnung auf Besserung. Oder nicht mehr selbstständig seine Runden am See drehen zu können, seine Musik zu hören oder seine Geschichten zu schreiben. Er hat seine Kämpfe doch schon immer allein geführt. Er wollte, dass ihr ihn so in Erinnerung behaltet, wie er war. Ich weiß ihr hättet euch gerne verabschiedet oder noch mal seine Hand gehalten aber sein Wunsch, einer der wenigen, hat sich erfüllt. Er musste nicht leiden, es ging dann doch sehr schnell und er war auch nicht traurig und allein. Er war in Gedanken bei euch und hatte Frieden mit seinem Leben geschlossen. Ihr könnt gerne zu ihm. Die Entscheidung überlasse ich euch. Er hat euch einen Brief hinterlassen.“
Der Brief:
Vor kurzem erfuhr ich, dass ich nicht mehr lange zu leben habe und wenn man so etwas erfährt, kann das einen schon aus den Socken hauen. Man überdenkt sein Leben und möchte seinen Lieben etwas mit auf den Weg geben. Ich will kein großes Drama machen. Ich liebe euch drei und hab ein paar Gedanken für euch.
Was würde ich meinem Sohn sagen, wenn ich wüsste, dass es bald vorbei ist? „Be am simple man“ Das Lied von Lynyrd Skynerd mit Ronnin und Gray bringt es ziemlich auf den Punkt. Sei ein einfacher Mann. Steh für das ein, was dir wichtig ist und wenn du liebst dann richtig. Sei für die da, die dein Herz berühren. Das wichtigste ist, sei glücklich und führe ein ausgefülltes Leben. Du kannst nur andere glücklich machen, wenn du selbst mit dir im Reinen und glücklich bist. Das Leben ist schnell und leider auch sehr oberflächlich und kurzlebig. Es ist voller Zweifel, dummer Sprüche und leerer Phrasen. Wir werfen vieles leichtfertig und zu schnell weg und geben zu schnell auf. Wir leben in einer Welt, die vergessen hat, dass man Dinge, Freundschaften und sogar die Liebe reparieren kann. Das alles kann dich erdrücken und niedermachen. Dann sieh die kleinen Dinge. Sieh das Lächeln der Menschen, die du liebst. Sieh die Sonne, die Sterne und spür die Liebe. Es sind die kleinen Momente, die uns erfüllen. Ein Lächeln, ein Blick, eine Berührung oder ein Kuss. Was soll ich sagen? Das Leben wird nicht immer auf deiner Seite stehen, das weißt du selbst und hast du schon erfahren. Es wird dich manchmal umhauen, mal vor Glück und mal vor Schmerz. Und immer wird dir der Text von Simple Man beistehen.
Ich war nie der beste Papa, hatte meine Fehler und hab wie jeder Vater Fehler gemacht. Fehler machen wir alle aber ich war immer für dich da, wenn du mich gelassen hast und du hast mich nie losgelassen, hast immer mein Herz berührt. Ich will nicht alles aufführen, was gut und was schlecht war. Wir haben unsere gemeinsamen Bilder und Erinnerungen und ich durfte dir sogar einmal das Leben retten. Als du ein Baby warst, gab es Nächte, in den ich komplett fertig und müde war, aber du wolltest einfach nicht schlafen und als ich dachte ich müsste verzweifeln, hast du dich an mich gekrallt, mich festgehalten und bist eingeschlafen und da wusste ich, ich würde dich nie loslassen.
Ich habe immer zu meinen Fehlern gestanden und hab versucht sie wieder gut zu machen, wenn man manche Dinge auch nicht mehr gut machen kann. Vielleicht ist das eine der wichtigsten Sachen. Stehe zu dem was dir wichtig ist und kämpfe dafür, mach keine halben Sachen, sondern gib alles und sei stark. Ich habe immer mein Bestes gegeben und ich hoffe, mein Bestes war gut genug.
Und du kleine Maus? Ich weiß du magst das nicht mehr, du bist kein kleines Mädchen mehr und ich sehe in dir die Frau, die du einmal sein wirst, aber für mich wirst du auch immer das kleine Mädchen sein, das mit einem Strahlen im Gesicht seine Welt erkundet. Ich durfte dir dabei zusehen und das war wunderschön. Ich erlebte noch einmal die Welt mit deinen Augen.
Vergiss nie im Regen zu tanzen, die Welt so zunehmen, wie sie ist. Vergiss nie Fragen zu stellen, vergiss nie vorwitzig zu sein und Antworten auf deine Fragen zu bekommen. Vergiss nie an das Schöne, das Unglaubliche und manchmal Unerklärliche zu glauben. Du wirst in einer Welt groß, die nicht mehr viel Zeit hat für Wunder, für Elfen, für verrückte Geschichten, für Peter Pan oder Alice im Wunderland. Du musst immer an dich glauben, du musst für deine Wünsche kämpfen, du musst hinterfragen und deinen Weg gehen. Wenn dich jemand schubst und dich ärgert und auch nach dem dritten Nein nicht aufhört, weißt du was zu tun ist. Direkt auf die Nase, das tut am meisten weh. Ich wünsche dir, dass du die Liebe findest und dass diese Liebe dich mit Respekt behandelt. Er soll dich auf den Händen tragen, wie eine Prinzessin, hinter dir stehen im Kampf, neben dir auf dem Boden sitzen, wenn es nicht funktionierte und dir auch sagen, wenn du Scheiße baust. Genauso musst du für deine Liebe da sein, sie pflegen und nie vergessen, warum diese Liebe euch zusammen geführt hat. Wenn ich deine Liebe kennenlernen dürfte, hätte sie es nicht leicht mit mir, Ich hätte ziemlich hohe Ansprüche, wer meine Prinzessin entführen dürfte aber was mich glücklich macht, ist das Wissen, das du diese Ansprüche selbst hast. In der Serie 1883 geht es um Familie, um Zusammenhalt, um unbändige Liebe und den unaufhaltsamen Drang nach Freiheit und um das Leben selbst mit all seinen Schönheiten, Gefahren und Grausamkeiten. Ich musste viel an dich denken, als ich sie gesehen habe. An das Leben selbst, an Abschied, an Gott, an unseren Glauben und an unsere Werte. Vielleicht sehe ich darin etwas, was ich mir wünsche oder vermisse und ich werde dich immer vermissen, dein Lächeln, deine Freude und das Gute in dir. Ich habe dich mal mit einem Hippie verglichen und als ich dir Bilder zeigte, tauchte Janis Joplin auf und du sagtest oh sie gleicht mir. Manchmal erinnerst du mich an sie oder an Cindy Lauper. Ich hätte gerne noch vieles mit dir erlebt aber ich bin froh mit dem was ich hatte, denn das gab mir mehr, als du dir je vorstellen kannst.
Meine große Liebe, was könnte ich dir noch sagen? Wir haben uns alles gesagt, Gutes und Schlechtes. Wir haben beide erlebt, wie diese Welt ist und wir haben beide auf unsere Art nie aufgegeben. Du warst mein Leuchten, dass Puzzle Teil, das in meinem Leben gefehlt hat. Du warst der Mensch, mit dem ich durchs Leben gehen wollte aber das Leben macht nicht immer das, was wir wollen und uns wünschen. Es tritt uns, es beißt uns, es stellt uns ein Bein und will uns zu Boden werfen. Manchmal gelingt ihm das aber wir stehen wieder auf und machen weiter. Wir kämpfen für die, die uns am Herzen liegen. Wir haben uns nicht halten können, wir haben nicht den gemeinsamen Weg bis zum Ende gefunden aber du wirst immer ein Teil von mir sein und ich weiß du wirst an deinem 100. Geburtstag an mich denken. Was es das alles Wert? Ich weiß es nicht und ich will jetzt keine schlauen Sprüche aufführen. Ich glaube wir haben nicht nur für uns, sondern für die Menschen, die uns am Herzen liegen gekämpft. Wir wollten für sie da sein und ihnen etwas mit auf den Weg geben, leider haben wir uns darin verloren und ich hoffe, dass wir beide die richtigen Schlüsse daraus gezogen haben. Ich hatte mit dir die unglaublichsten Momente in meinem Leben, im Schlechten wie im Guten aber das haben wir beide oft genug durchgekaut. Zum Schluss haben wir uns akzeptiert, wie wir waren. Haben einen Haken dran gemacht uns gegenseitig respektiert, unseren Frieden geschlossen und dem anderen einfach nur das Beste gewünscht, ihm gewünscht, dass seine Wünsche in Erfüllung gehen und er glücklich ist, so wie wir es am Anfang unserer Liebe wollten und vielleicht ist das auch Liebe. Ich werde nie dein Leuchten an unserer Hochzeit vergessen.
Am Ende sitzen wir alle irgendwann auf diesem Stein am See und das Leben lässt uns innehalten. Es stellt uns die Frage, ob wir alles richtig gemacht haben, ob wir gute Menschen waren, ob wir glücklich waren und was wir hinterlassen haben in den Menschen, die Teil unseres Lebens waren. Am Ende müssen wir mit uns selbst im Reinen sein und die Welt so angenommen haben, wie sie ist. Die Welt wird eine andere sein, weil alles was wir getan haben Spuren hinterlassen hat.
Jetzt sitze ich hier, die Blätter haben sich mit Wörtern und Sätzen gefüllt und die Sonne ist längst untergegangen. Aber sie ist nicht weg. Sie ist immer noch da und scheint jetzt in diesem Moment für jemand anderes. Am Ende schreibt jeder seine eigene Geschichte. Füllt die Blätter des Lebens mit Liebe, mit Tränen, mit Wut, mit Verzweiflung, mit Zuversicht und am Ende wieder mit dem Glauben an das Gute und die Liebe. Am Ende ist die Sonne wie das Leben selbst. Sie erfüllt uns mit Wärme, mit Behaglichkeit, mit dem Gefühl zuhause zu sein. Manchmal schieben sich dunkle Wolken vor die Sonne und das Leben ärgert uns aber wir wissen alle, die Sonne ist trotzdem noch da. Manchmal versinkt sie hinter dem Horizont, wenn unser Leben aus den Fugen gerät und wir glauben nicht mehr daran, dass sie wieder aufgehen wird und uns wieder mit ihrer Wärme und Zuversicht erfüllt. Aber das tut sie. Sie kommt immer wieder und selbst wenn sie scheinbar in der Dunkelheit versinkt und uns alleine lässt, schenkt sie uns die Sterne am Himmel. Sie leuchten weiter für uns und zeigen uns den Weg. Vielleicht seid ihr, euer Leben für einige Menschen dieses Leuchten. Vielleicht seid ihr die Wärme und ihr Zuhause, ihr Glauben und ihre Zuversicht und Halt. Für manche Menschen seid ihr das Licht der Sonne und das Leuchten in der Dunkelheit. Vergesst das nie!
Ich werde euch immer lieben. David.
Anika ging noch zu ihm, um sich zu verabschieden aber Robert und seine Schwester warteten im Esszimmer. Er hatte nicht die Kraft dafür ihn zu sehen und vielleicht sollte man Wünsche respektieren und erfüllen. Seine Schwester schaute die ganze Zeit nach draußen. Als ihre Mutter zurück war sagte sie nur: „Lasst uns zum See gehen. Er ist da und wartet auf uns.“
Das Schneetreiben hatte aufgehört als sie zum See gingen. Als sie an seinem riesigen Steinbrocken, auf dem er so viele Stunden verbracht hatte, angekommen waren, kam die Sonne wieder zum Vorschein. Am Anfang nur schwach, ein paar Strahlen, die sich durch die Wolken kämpften. Doch dann mit immer mehr Kraft und die Wolken auseinandertreibend, erschien sie schließlich hell leuchtend am Himmel. Es war fast wieder Abend geworden und zu dritt saßen sie auf seinem Stein, als der letzte Sonnenuntergang seines Lebens die Welt erhellte.
Sie warteten bis auch der letzte Funken hinter dem Horizont verschwunden war, bevor sie sich auf den Rückweg machten. Die Tränen waren getrocknet und da draußen am See hatte sich eine alles durchdringende und friedvolle Ruhe über sie gelegt. Sie waren ganz bei ihren Gedanken und Erinnerungen, bei ihren Wünschen und Sorgen und seinen letzten Worten.
Ende.