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Mission Titanic - Kapitel 3

Romane/Serien · Fantastisches
Kapitel 3 – Bonjour la mer


Donnerstag, 11. April 8:05 Uhr …

Die Sonne schien bereits am wolkenlosen Himmel, als die R.M.S. Titanic am frühen Morgen mit 19 Knoten Kurs auf Irland nahm. Dies war aber noch nicht die Höchstgeschwindigkeit, da Kapitän E.J. Smith angeordnet hatte, nur zwei Drittel der Kesselkapazität anzuheizen, um die fabrikneuen Maschinen noch zu schonen. Das Meerwasser peitschte gegen den schwarzen Schiffsrumpf, sodass der rot lackierte Kiel des Schiffes immer wieder sichtbar wurde.
Es war kurz nach 8 Uhr morgens. Die Speisesäle der Ersten- sowie Zweiten-Klasse waren vollbesetzt und die Stewards eilten mit Tabletts umher. Es gab jedoch auch Passagiere, die sich das Frühstück von ihren Dienstmägden in ihre Suite bringen ließen. Selbstverständlich stand für die 3. Klasse auch ein Speisesaal zur Verfügung, der jedoch eher einer Kasernenkantine glich, dort niemand bedient wurde.
Die Passagiere mussten sich in einer langen Schlange vor einem Tresen anstellen, dahinter sich gleich die Kombüse befand. Dort fand die Essensausgabe statt. Zum Frühstück wurden frisch gebackene Brötchen, hart gekochte Eier und Marmelade oder ein paar Scheiben Käse angeboten, und zu Mittag gab es generell Eintopf als Hauptgericht. Zudem herrschte bei der Ausgabe ein rauer Ton; man wurde barsch aufgefordert, sich rasch zu entscheiden und wer zu lange zögerte, wurde vom Koch kurzerhand weitergeschupst.

Mara und Jean Corbusier hatten die Luxussuite B-58 gebucht, die komplett im Louis-XVI-Stil eingerichtet war. Jede Erste-Klasse-Kabine sowie auch der Rauchersalon glänzten im Stil der französisch beeinflussten Kunst und Architektur des 18.Jahrhunderts. Modern wäre für die Innenausstattung der Titanic sicherlich die falsche Bezeichnung gewesen, sondern eher königlich, und zwar auf dem höchsten Niveau. Innovativ waren hingegen die Freizeitbeschäftigungen, wie beispielsweise das Türkische-Bad, der Gymnastikraum, die Squashhalle oder das Hallenschwimmbad, diese Angebote für die damalige Zeit auf einem Schiff absolut einzigartig waren.
Die Erste-Klasse-Suite der Corbusiers war im Verhältnis zu den Kabinen der 2. Klasse äußerst geräumig; es gab einen Wohnbereich mit Kamin, ein Schlafzimmer und ein Badezimmer, das sogar mit einer Badewanne ausgestattet war. Zudem war der Boden mit Teppichböden ausgelegt, während die Dritte-Klasse Passagiere auf kaltem Stahl laufen mussten und sich nur in den Mannschaftsunterkünften gemeinsam duschen und auf die Toilette gehen konnten.
Die Titanic wurde hauptsächlich für die vermögende Gesellschaft konstruiert – ihre Dimension und der sich darin befindende Luxus repräsentierten die Macht und Reichtum des British Empires. Die Emigranten wurden auf der R.M.S. Titanic vielmehr als Lückenbüßer angesehen, damit es nicht unterbesetzt über den Ozean fuhr, zudem brachten die Mittellosen noch Umsatz ein. Da waren die Postpakete im Frachtraum für die Reederei wertvoller als die Dritte-Klasse Passagiere. Zudem wurden sämtliche Treppenaufgänge, die direkt hinauf zur 2. beziehungsweise 1. Klasse führten, von Matrosen streng bewacht. Ab 20 Uhr wurden die Treppenhäuser dann mit Gittertoren sogar komplett verschlossen.

Mara stieg aus der Badewanne und trocknete sich ab. Die frühmorgendliche Sonne warf einen Lichtkegel durch das Bullauge und erhellte das gesamte Badezimmer. Sie betrachtete sich im Spiegel, dessen verschnörkelter, goldener Rahmen im Licht glänzte, ebenso wie die Wasserhähne. Bestens gelaunt zog sie sich ihren Bademantel über. Einen so wunderschönen, sonnigen Morgen hatte sie seit ihrer letzten Zeitreise vor drei Jahren nicht mehr erlebt.
„Jean, glaubst du, alles, was hier so glänzt, ist echtes Gold? Zumindest sind die Armaturen vergoldet, nehme ich an. Oder was meinst du?“, fragte sie laut, damit ihr Ehemann, der nebenan im Schlafzimmer immer noch im Bett lag und die Broschüre von der TTA studierte, die er illegal mitgeschmuggelt hatte.
Als sie keine Antwort bekam, blickte sie leicht verärgert in den Spiegel und wuschelte sich durch ihr kurzes, dunkles Haar. Dann stülpte sie sich ihre rothaarige Perücke über und steckte sie provisorisch hoch. Die gelockten Strähnen standen ihr lustig ab und obendrein war sie ungeschminkt, trotzdem sah Mara hinreißend aus. Ihr Gesicht war wunderschön. Schließlich wurde sie letztes Jahr – in ihrer Gegenwart im Jahr 2473 – als die sechstschönste Frau von United Europe ausgezeichnet, obwohl sie ihrer Modelkarriere nur hobbymäßig nachging und mit ihrem Ehemann hauptberuflich eine Privatschule in Nieuw Bruxelles betrieb, wo man Lizenzen für Zeitreisen erwerben konnte.
„Monsieur Jean! Ich rede gerade mit dir!“, rief sie ihm säuerlich zu. Mara mochte es nicht, ignoriert zu werden. Sie hasste es geradezu.
„Pardon, Chérie!“, antwortete Jean aus dem Schlafzimmer laut. „Ich war zu sehr in der TTA-Broschüre vertieft. Ich sehe mir gerade das Bild von diesem jungen Burschen an, von diesem Jack Thayer. Er müsste dir eigentlich bekannt sein. Ich glaube, dass er uns gestern Abend im Speisesaal begegnet ist. Sein Foto ist in vielen Titanic-Sachbüchern abgebildet und ich frage mich nun, wer dieser Bengel überhaupt ist. Weshalb wird er in Bezug auf den Titanic Untergangs so oft erwähnt? Ist er wohlmöglich sogar ein Hauptakteur, den wir unbedingt meiden müssen?“, fragte er. Mara schmunzelte, zog ihren Bademantel über und huschte eilig durch den Wohnbereich ins Schlafzimmer.

„Non-non-non, keineswegs“, erwiderte sie hektisch. „Jack Thayer ist kein Hauptakteur. Es ist völlig in Ordnung und die TTA würde uns niemals zur Rechenschaft ziehen, wenn wir ihn kontaktieren. Ich beabsichtige sogar, ihn zu interviewen und das Gespräch aufzuzeichnen. Seine Eltern sind praktisch unsere Nachbarn und Jack hat sogar seine eigene Suite, ein Deck unter uns. Es ist die Kabine C-70. Stell dir mal vor, der siebzehnjährige junge Bursche bekam von seinen Eltern tatsächlich eine eigene Suite zur Verfügung gestellt, die mehr als zwanzigtausend Pfund kostet! Diese Leute sind also so richtig, richtig reich!“
Jean schmunzelte.
„Also sind die Thayers mit uns auf Augenhöhe? Aber wie sieht es mit diesem John Jacob Astor aus? Ist es möglich und für uns gestattet, dass wir gemeinsam mit den Astors an einem Tisch dinieren? Mit dem reichsten Mann der damaligen Zeit würde ich mich gerne mal unterhalten.“
„Unterstehe dich, Jean, so einfach geht das nämlich nicht! Diese Herrschaften sind hochgradig konservativ. Niemand kennt uns, also halten sie uns möglicherweise für Neureiche. Damit meine ich, dass wir zu dieser Gesellschaft noch nicht dazugehören. Um Mister Astors Bekanntschaft zu machen, müssten wir jemanden kennen der jemanden kennt, der mit ihm gemeinsam schon mal eine Zigarre geraucht hatte. J.J., wie er in der Gesellschaft insgeheim genannt wird, ist ein äußerst mächtiger Geschäftsmann und pflegt nur Kontakte mit Leuten, von denen er genau weiß, wer sie sind und womit sie ihr Geld verdienen. Darunter zählen unter anderem John B. Thayer, also Jacks Vater, George Widener, Miss Molly Brown und Benjamin Guggenheim, die ebenfalls an Bord sind. Aber nicht Jean Corbusier. Außerdem ist J.J. wahrscheinlich zurzeit ohnehin nicht daran interessiert, irgendwelche neue Kontakte zu knüpfen. Er hat momentan zwei Skandale zu verdauen, weil er sich vor zwei Jahren von seiner ersten Ehefrau hat scheiden lassen, die in der Gesellschaft immer noch sehr angesehen ist. Es war eine schmutzige Scheidung, die die Astors öffentlich ausgetragen hatten, sodass die Zeitungen davon berichteten. Hier in dieser Gegenwart ist das äußerst skandalös und peinlich obendrein“, meinte Mara und zuckte mit den Schultern.
„Jetzt ist J.J. seit einem Jahr mit der neunzehnjährigen Madeleine verheiratet, die eine mittellose Normalbürgerin war. Sie war selbstverständlich der Grund dafür, weshalb sich Mister Astor hat scheiden lassen. Obendrein ist das junge Fräulein schwanger, und die Leute zerreißen sich hinter Mister Astors Rücken das Maul. Immerhin ist J.J. schon siebenundvierzig Jahre alt!“

Mara setzte sich auf die Bettkante und schaute nachdenklich zum geöffneten Bullauge hinüber, hindurch die Sonne schien. Eine frische Brise Seeluft wehte ins Schlafzimmer hinein. Sie war diejenige, die eine Lizenz für das Zwanzigste Jahrhundert absolviert hatte, weshalb ihr die aktuellen Gegebenheiten vertraut waren.
Jean hörte seiner Ehefrau gespannt zu, die äußerst aufgeregt war. Schließlich war es schon immer ihr Lebenstraum gewesen, die Jungfernfahrt mit der legendären Titanic zu erleben.
„Jack Thayer wird beinahe in jedem Sachbuch erwähnt, weil er während des Untergangs beobachtet hat, wie das Schiff in der Mitte zerbrach, obwohl die meisten Überlebenden felsenfest behauptet hatten, die Titanic sei im Ganzen versunken. Bei der damaligen Gerichtsverhandlung wurde Jack Thayers Zeugenaussage als nicht glaubwürdig eingestuft; es seien nur Einbildungen eines Jugendlichen gewesen. Aber nachdem der Unterwasserarchäologe Robert Ballard im Jahre 1985 das Wrack entdeckt hatte, war es gewiss: Die Titanic war in zwei Teile zerbrochen.“
Mara seufzte und schaute Jean an, der immer noch zugedeckt im Bett lag und mit seiner futuristischen Nickelbrille auf der Nase die Broschüre in seinen Händen hielt.

Plötzlich klopfte es an der Kabinentür und Ruthmilda Carter, das persönliche Dienstmädchen der Corbusiers, die sie in Southampton kurzerhand illegal mitgenommen hatten, trat einfach unaufgefordert herein.
„Guten Morgen, Madame und Monsieur Corbusier. Ich bringe Ihnen das Frühstück. Es gibt Käsekuchen und frischen Tee“, bekundete das junge Fräulein fröhlich. Doch Mara und Jean schauten sie aus dem Schlafzimmer verärgert an. Nicht auszudenken, wenn die junge Frau das Ehepaar eventuell in flagranti erwischt hätte. Zudem hielt Jean immer noch die Broschüre der TTA in der Hand, die er aber sogleich unter die Bettdecke versteckte.
„Ruthie, ich hatte dir gestern Abend ausdrücklich gesagt, dass wir heute kein Frühstück erwünschen, weil wir im Café Parisien brunchen werden. Schon vergessen?“, fragte sie spitz. Das blondgelockte Dienstmädchen mit der weißen Schürze guckte sie zuerst nur mit großen Augen an.
„Tut-tut mir leid, Ma'am. Oh, Entschuldigung, ich meinte selbstverständlich … tut mir leid, Madame“, stammelte das amerikanische Dienstmädchen. „Ich wusste eigentlich gar nicht, was Sie mit brunchen gemeint haben.“ Dann lächelte sie verlegen. „Ich ähm …Ich kenne doch nur Lunch und Dinner. W-was genau ist denn brunchen?“, fragte sie unsicher.
Mara verdrehte genervt die Augen. Es war offensichtlich, dass die junge Ruthie nicht wusste, was Brunch bedeutete. Zudem war sich Mara nun auch nicht mehr sicher, ob das Brunchen im frühen Zwanzigsten Jahrhundert überhaupt schon üblich war und es so genannt wurde. Mara zeigte verärgert zur Tür.
„Scher dich sofort raus, Ruthie! Du bleibst in deiner Kabine, bis wir dich rufen. Außerdem hast du vor der Tür gefälligst zu warten, bis wir dich hereinbitten. Hast du das jetzt wenigstens richtig verstanden?!“, fauchte Mara wütend.
Ruthmilda Carter nickte hektisch, knickste höflich und verschwand mit dem Frühstückstablett schleunigst durch die Tür.
„Und was mach ich jetzt mit dem blöden Tee?“, murmelte Ruthie schmollend vor sich hin.
Als sie gerade die Tür zugezogen hatte, sich umdrehte und samt dem Tablett den hell beleuchteten Korridor betrat, stieß sie mit einem elegant gekleideten Ehepaar zusammen. Die vornehme Dame ließ daraufhin einen schrillen Schrei raus. Mara seufzte genervt, als sie das Scheppern und Gekreische draußen im Korridor vernahm.
„Die kleine Frauenzimmer ist einfach unmöglich“, zischte Mara mit ihrem ausgeprägten französischen Akzent, wobei sie, wenn sie aufgeregt war, oftmals die Artikel „der“, „die“ und „das“ vertauschte. Jean verzog nur seinen Mund, während er weiterhin in der Broschüre las.
„Tja, du wolltest nicht auf mich hören, Chérie. Ich hab’s dir ja gleich gesagt, dass wir sie nicht mitnehmen sollten. Jetzt haben wir den Salat. Hoffentlich wird dieser Schlamassel nicht von irgendeiner Kamera aufgezeichnet, sonst bekommt die TTA am Ende noch Wind davon.“

Mara hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund, als sie die Tür öffnete und sah, was geschehen war. Ruthmilda war ausgerechnet mit dem reichsten Ehepaar der Welt zusammengestoßen, wobei John Jacob Astors helles Jackett mit Käsekuchen und Tee bekleckert worden war.
„Das-das tut mir aufrichtig leid, mein Herr“, stammelte Ruthmilda und versuchte mit einem Taschentuch seinen Herrenanzug zu säubern. Aber Mr. Astor drängte sie sogleich von sich weg.
„Können Sie denn nicht aufpassen!“, schimpfte er. „Zu wem gehören Sie, junges Fräulein?“, fragte er sogleich spitz, aber er wirkte jetzt beherrschter. Nichtsdestotrotz war Mr. Astor sichtlich verärgert. Mara schlenderte barfüßig und nur mit einem Bademantel bekleidet über den samtweichen Teppichboden auf das prominente Ehepaar zu.
„Oh, je suis très gênée, Monsieur Astor … Das ist mir jetzt aber sehr peinlich, will ich damit sagen. Verzeihen Sie bitte, die ungeschickte Zofe gehört zu meinem Gatten und mir. Selbstverständlich werde ich für die Reinigung Ihres Jacketts aufkommen“, sagte Mara mit entsetzter Miene. Dann lächelte sie bezaubernd.
Mr. und Mrs. Astor blickten sich einen Moment erstaunt an, als Mara völlig unbefangen nur mit ihrem Bademantel, barfüßig und mit ihrer verwuschelter Haarmähne vor ihnen stand. Zum einen, weil keine Frau aus der gehobenen Gesellschaft sich nur in einem Bademantel und zudem ungeschminkt aus ihrer Kabine getraut hätte und zum anderen, weil sie offenbar diese Peinlichkeit zugab und sich dafür verantworten wollte, weil dieses ungeschickte Dienstmädchen zu ihr gehörte. Aber die großgewachsene Frau war trotz morgendlicher Bekleidung eine Augenweide, wie es selbst die blutjunge Mrs. Astor empfand. Madeleine Astor hielt sich kichernd die Hand vor den Mund, weil Maras Erscheinung sie belustigte, aber auch imponierte, während ihr Ehegatte schmunzelte. Dem reichen Ehepaar war Mara auf Anhieb sympathisch.
John Jackob Astor winkte lächelnd ab.
„Ach, das ist gar nicht so tragisch. Dann ziehe ich mich jetzt eben geschwind um. Ich kann mich nur glücklich schätzen, dass der Tee nicht allzu heiß war, Madame ...?“ Mr. Astor stockte und blickte sie fragend an.
„Madame Corbusier, mein Name“, antwortete Mara lächelnd. „Dürften mein Ehemann und ich Sie und Ihre ehrenwerte Gattin wenigstens heute Abend zum Dinner einladen? Als Entschädigung, sozusagen?“, fragte Mara bezaubernd lächelnd. Die Astors schauten sich an. Als Madeleine sich wieder kichernd die Hand vor den Mund hielt und hektisch nickte, nahm Mr. Astor ihre Einladung dankend an.

„Oh Merde. Was hat Ruthie denn nun schon wieder angestellt?“, fragte Jean genervt, als Mara wieder fröhlich gestimmt ins Schlafzimmer stolziert kam. Aber ohne eine Antwort abzuwarten, redete Jean einfach empört weiter.
„Ich habe es dir gleich gesagt, dass wir sie nicht mitnehmen sollten. Dieses ungeschickte Ding wird uns nur Schwierigkeiten bescheren. Nicht auszudenken, wenn wir wegen ihrer Dämlichkeit letztendlich als Zeitreisende enttarnt werden, oder die TTA bemerkt, dass wir eine Person illegal mitgenommen haben“, schimpfte er. „Ständig stößt sie etwas um und macht alles falsch. Die Leute werden bald auf uns aufmerksam werden, wenn das so weitergeht. Das ist nicht gut! Irgendwas stimmt doch nicht mit ihr. Ruthmilda Carter ist definitiv kein professionelles Dienstmädchen. Wir hätten sie im South Western Hotel zurücklassen sollen, dann hätten die sich mit ihr herumgeärgert. Die TTA wird uns bestimmt zur Rechenschaft ziehen, wenn sie dahinterkommen, dass wir eine Hotelangestellte illegal mitgenommen haben, die normalerweise in Southampton geblieben wäre!“, meinte Jean zornig. „Es wird für uns das Beste sein, wenn wir sie entlassen. Ruthmilda muss in Queenstown aussteigen, dann brauchen wir uns auch keine Sorgen mehr zu machen.“
Daraufhin blickte Mara ihn entsetzt an.
„Du meinst, dass wir Ruthie in Irland rausschmeißen sollen? So ganz allein? Aber Jean, das können wir doch nicht einfach so machen. Was soll denn aus ihr werden? Ruthie ist grad mal zwanzig Jahre alt und Amerikanerin obendrein. Die arme Mädchen so ganz allein in einem fremden Land zurücklassen? Da wäre sie in England aber besser aufgehoben gewesen!“, meinte sie aufgebracht.
Daraufhin seufzte Jean.
„Allerdings. Das hatte ich dir die ganze Zeit versucht zu erklären, sie nicht mitzunehmen. Das wäre das Vernünftigste gewesen. Wir haben das Zeitgeschehen verändert, wenn auch nur minimal. Ursprünglich wäre sie nämlich in England geblieben, vielleicht wäre sie dort bis zu ihrem Lebensende sesshaft geworden, hätte geheiratet, Kinder gebärt und so weiter. Das haben wir jetzt verhindert“, meinte er besorgt. „Aber dafür ist es nun längst zu spät. Du hast schon recht: Würden wir sie in Queenstown rauswerfen und die TTA würde davon erfahren, werden wir sogar doppelt bestraft. Also werden wir das Fräulein notgedrungen mitnehmen müssen, weil Amerika ihre Heimat ist“, antwortete Jean nüchtern.

Mara senkte den Kopf und nickte. Nun war ihr bewusst geworden, dass es vielleicht ein großer Fehler gewesen war, dieses Dienstmädchen eigenwillig eingestellt zu haben. Doch dann blickte Mara ihren Ehemann verstohlen an und lächelte charmant.
„Nichtsdestotrotz war ihr Missgeschick nützlich für uns, denn jetzt haben wir ein offizielles Date mit John Jacob und Madeleine Astor. Jetzt haben wir es nämlich Ruthie zu verdanken, dass wir J.J. persönlich kennen lernen werden.“
Jean erhob sich ruppig aus dem Bett, zog seine Nickelbrille ab und schaute seine Ehefrau erstaunt an.
„Ist das wahr? Der Mann muss doch aber völlig verärgert sein und uns nach diesem peinlichen Vorfall erst recht meiden.“
Mara zuckte mit den Schultern und schmunzelte.
„Tja, eine schöne Frau erreicht eben so manches. Außerdem ist Mister Astor ein wahrer Gentleman und scheinbar nicht nachtragend. Er und Madeleine waren ganz und gar von mir entzückt“, sagte sie stolz und klimperte dabei auffällig mit den Wimpern.

Mara und Jean empfanden es als wundervoll, und es war für sie eine einzigartige Erfahrung, als die beiden an diesem Morgen auf dem Bootsdeck spazieren gingen. Die frostige Seeluft wehte ihnen heftig entgegen, sodass Mara ihren riesigen Sonnenhut festhalten musste, damit dieser nicht fortwehte. Jean war diesmal – gemessen an seinem Status als mehrfacher Millionär – für die damalige Zeit recht leger bekleidet. Er trug eine braune Cordhose, eine grau karierte warme Jacke und hatte eine Schirmmütze aufgesetzt. Zudem trug er schwarze Lederhandschuhe. Aber sein Outfit war für einen Reichen zu dieser Tageszeit angemessen und wurde von der gehobenen Gesellschaft akzeptiert. Schließlich wirkten die Corbusiers jung.
Als sie an den zugedeckten Rettungsbooten vorbeiliefen, blieben beide stehen und diskutierten auf Französisch. Jeder hätte es augenscheinlich bemerken müssen, dass die Rettungsboote niemals für alle Passagiere ausreichen würden. Mara hakte sich in Jeans Arm ein, seufzte und blickte über den endlosen Ozean. Wohin sie auch schaute, erblickte sie nur wellenschlagendes Meereswasser. „Bonjour la mer. Bonjour Titanic“, sagte sie mit einem Ausdruck der Zufriedenheit.

Plötzlich begegnete ihnen auf dem Bootsdeck wieder die alte Dame mit ihrem Hündchen, die sie gestern Mittag beim Ablegen in Southampton flüchtig kennengelernt hatten. Die alte Frau war wieder mal elegant gekleidet und trug diesmal ein Käppi, das um ihr Kinn gebunden war. Sie genoss die raue Seeluft und führte ihren Mops an der Leine.
„Ach, das ist ja eine angenehme Überraschung“, bekundete die Dame überschwänglich, als sie Mara und Jean erblickte. „Sieh nur, Constantin, da ist die nette Madame und der Monsieur Corbousier. Was für eine freudige Begegnung. Nun sei aber ja artig zu der netten Madame“, ermahnte sie ihren Mops mit erhobenem Zeigefinger, woraufhin das Hündchen mit seinem gekringelten Schwänzchen wedelte, nieste und freudig bellte.
Die vornehme englische Lady plauderte einfach ungeniert drauflos, als würde sie die Corbusiers schon jahrelang kennen, bemängelte dies und das und meinte, dass das Essen gestern Abend die reinste Katastrophe gewesen sei, weil sie die ganze Nacht unter fürchterlichen Blähungen gelitten habe.
„Da hatte selbst mein Constantin das Weite gesucht, obwohl er immer in meinem Bett schläft“, erklärte die alte Dame ihnen mit verärgertem Gesichtsausdruck. Sie sah das Ehepaar scharf an. „Möglicherweise lag es am Kohlrabi, aber vielleicht waren auch die Lammmedaillons etwas zu … englisch. Sie verstehen schon, was ich meine. Etwas zu rosa. Jedenfalls werde ich mich beim Kapitän über seinen inkompetenten Kombüsenkönig beschweren, denn das ist ja allerhand!“
Mara und Jean blickten sich gegenseitig an, lächelten hin und wieder und nickten bloß, weil das angebliche französische Ehepaar gar nicht zu Wort kam.
Mara hob ihren weiter Rüschenrock und ging in die Knie, um mit dem Hündchen Freundschaft zu schließen und ihre Angst vor Hunden zu überwinden. Der Mops guckte sie mit seinen dunklen Augen zuerst nur an, dann wedelte sein gekringeltes Schwänzchen und ließ sich anstandslos streicheln.
„Constantin hat mir mit seiner Pfote hoch und heilig Besserung versprochen. Seien Sie unbesorgt, Madame, er wird sich zukünftig benehmen“, sagte die alte Dame lächelnd zu Mara.
„Ja, das ist wirklich ein ganz putziges Tierchen“, antwortete Mara überrascht, als der Hund sich auf seinen Rücken drehte und sich von ihr genüsslich den Bauch kraulen ließ.
„Wir gehen jetzt runter zur Dritten-Klasse“, meinte die betagte Frau schließlich. „Mein Constantin muss unbedingt sein Häufchen machen. Wir sehen uns dann später beim Lunch. Gerne würde ich mit Ihnen danach bei einem Tee etwas plaudern“, sprach die alte Dame gestelzt, nahm ihren Hund auf den Arm und stieg vorsichtig die Stahltreppe hinunter, wobei sie von einem uniformierten Matrosen begleitet wurde, damit sie sich nicht irgendwie verletzen würde.

Mara und Jean sahen wortlos zu, wie die alte Lady ihr Hündchen die Stahltreppe hinuntertrug, von einem kräftigen Matrosen gestützt.
„Mmm … Die alte Schachtel lässt das kleine Biest in der Dritten-Klasse einfach irgendwo hinkacken. Unfassbar, wie selbstverständlich das zu sein scheint. Ich bezweifle, dass sie den Hundekot aufsammeln und wenigstens über Bord werfen wird“, meinte Jean kopfschüttelnd. „Die Reichen führen ihre Viecher hinunter zu den Mittellosen, damit diese ihr Geschäft dort verrichten. Das grenzt ja schon an Menschenverachtung. Ich weiß nicht recht, ob mir dieses Jahrhundert tatsächlich zusagt und ich mit dir gemeinsam hier einmal leben möchte, so wie wir es geplant hatten. Wir sollten uns eine Auswanderung in diese Zeitepoche gründlich überdenken.“
Beide schwiegen zuerst und schauten der Dame nach, bis sich Mara zu Wort meldete.
„Ach ja? Ist es in United Europe etwa anders? Sieh dir nur unsere angepriesene Hauptcity an, das Centrum. Wo wird all der Müll entsorgt, wenn die Müllschächte überfüllt sind? In die Rotterdamstraat – in das Viertel, wo die Obdachlosen und Drogenabhängigen, die Ärmsten der Armen und die verwahrlosten Mutanten hausen. Die reichen Leute haben schon immer die Armen verachtet. Die Vergangenheit hat uns gelehrt, dass es schon immer so war und es sich wohl nie ändern wird.“
„Mag ja sein, Chérie“, antwortete Jean. „Aber bei uns in Nieuw Bruxelles ist es keineswegs so asozial wie im Centrum, und wird es auch niemals werden!“
Mara schmunzelte.
„Das liegt aber nur daran, dass in unserer City knapp vierzig Millionen Einwohner weniger gemeldet sind, als im Centrum und in Nieuw Bruxelles ausschließlich vernünftige Leute wohnen.“

Jean schaute seine Ehefrau an, lächelte und schmatzte ihr auf die Wange. Dann blickten beide auf das offene Meer hinaus, atmeten die Seeluft tief ein und genossen das raue, dennoch wunderschöne sonnige Wetter. Das Meer rauschte und bescherte ihnen eine einzigartige Atmosphäre, die beide noch nie zuvor erlebt hatten.
„Sag mal, was ist eigentlich Kohlrabi?“, fragte Jean stirnrunzelnd, woraufhin Mara mit der Schulter zuckte.
„Keine Ahnung. Mit der Nahrung der vergangenen Welt kenne ich mich nicht so gut aus, aber ich denke mal, dass es wohlmöglich ein Fischgericht ist. Ein Kohlrabi … Das hört sich doch wie ein Fisch an, oder?“
Jean nickte nachdenklich.
„Das macht Sinn, denn Fisch stinkt ja gewöhnlich und könnte dadurch in der Verdauung Gase erzeugen, habe ich mal auf einer Webseite gelesen. Und was bedeutet die Bezeichnung: Etwas zu Englisch, also, zu rosa?“
Wieder zuckte Mara ahnungslos mit den Schultern.
„Was weiß ich“, fuhr sie ihn zickig an. „Ich sagte doch eben, dass ich von der Gastronomie der vergangenen Welt keine Ahnung habe. Iss halt keinen Fisch, dann musst du auch nicht ständig pupsen, so wie diese alte Frau. Unterstehe dich also, etwas zu kosten, was zu Englisch ist oder rosa aussieht!“
Jean zupfte sich an der Nase und nickte. Also, jegliches Fischgericht ab sofort meiden. Insbesondre Kohlrabi.

Das Café Parisien war eine Luxusinnovation an Bord der R.M.S. Titanic, ein französisches Bistro, was es zuvor noch nie auf einem Schiff gegeben hatte. Nicht einmal auf dem Schwesterschiff Olympic. Das Café Parisien befand sich auf dem Promenaden-Deck und wirkte wie eine bezaubernde, sonnendurchflutende Veranda im französischen Stiel. Wie der Name es schon verriet, sollte man sich im Café Parisien fühlen, als würde man sich in einem Bistro inmitten von Paris befinden. Aber anstatt Vogelgezwitscher hörte man Meeresrauschen, was nun wirklich einzigartig war.
Efeu rankte an den weißen Gebälken, und die Gäste konnten dort in gemütlichen Baststühlen ihr Frühstück, einen Snack oder sogar ein Mittagessen genießen. Selbstverständlich wurde selbst einem Passagier der 2. Klasse dort der Zugang verwehrt, selbst wenn dieser sich im Café Parisien eine Mahlzeit oder Getränk hätte leisten können. Denn im Café Parisien durften ausschließlich die Erste-Klasse Passagiere verkehren. Es war eine Frage des Prestiges, in diesem Restaurant zu verkehren.

Jean hakte sich bei seiner Frau ein und aktivierte an seiner Nickelbrille die Navigation. Nun sah er die virtuellen Hinweise vor sich, die das Ehepaar zu dem gewünschten Bistro führten. Immer wieder begegneten ihnen feine Herrschaften, wobei man sich gegenseitig freundlich begrüßte.
Die Corbusiers setzten sich in die Baststühle und schauten sich erstaunt um. So etwas hatten sie noch nie erlebt. Es war hauptsächlich die frische Seeluft, der Wind und die freundlichen Menschen, die ihnen begegneten, was sie faszinierten. So etwas gab es nicht in ihrer Heimat. So etwas war ihnen fremd.
Beide studierten die Speisekarte und entschieden sich für ein Büfett – was sich aus Häppchen vom Frühstück, Mittag- und Abendessen zusammenstellte –, um verschiedene Speisen des Zwanzigsten Jahrhundert nur mal zu kosten. Mehr nicht. Schließlich waren sie ausschließlich Nahrungspräparate in Form von Tabletten und Injektionen gewohnt. Dennoch gab es in ihrer Zeitepochen Restaurants, welche synthetisch hergestellte Mahlzeiten zubereiteten, diese ähnlich wie biologische Nahrung schmeckten. Als der Kellner ihnen ihr Büfett vorführte, erkundigte sich Jean sogleich, ob Fisch dabei wäre, woraufhin der Kellner nickte.
„Selbstverständlich, Sir. Den besten Wildlachs aus Kanada bieten wir Ihnen an. Dieser ist ausgesprochen köstlich, Sir. Ebenfalls empfehle ich die frisch gebackene Forelle, ganz zu schweigen von dem sibirischen Kaviar, Monsieur. Guten Appetit.“
Jean nickte höflich, während er überlegte. Sollte er Fisch dennoch probieren oder nicht, fragte er sich insgeheim. Aber er befand sich in der vergangenen Welt und dies wäre die einzige Möglichkeit, einen biologischen Fisch zu kosten. Kohlrabi, wie er dachte. Der Lachs war sehr rosa.
„Ist der Kohlrabi auch nicht englisch? Sie wissen schon, was ich meine“, fragte Jean misstrauisch, woraufhin der Steward ihn verwundert anblickte und einen Augenblick innehielt. Er war es gewohnt, dass solche Herrschaften merkwürdige Ansprüche stellten.
Der Steward räusperte sich.
„Mein Herr, die Tunfisch-Medaillons sind geräuchert und das Forellenfilet selbstverständlich durchgebacken, ebenso der Lachs. Machen Sie sich keine Gedanken. Hier auf der Titanic wird Ihnen selbstverständlich nur das Beste vom Besten angeboten. Falls Sie aber zu den überbackenen Brokkoli und karamellisierten Schmorzwiebeln auch zusätzlich Kohlrabi wünschen, werde ich es Ihnen selbstverständlich nachreichen. Ihr Wunsch ist unser Befehl, Sir“, antwortete der Steward höflich.
Jean schüttelte den Kopf und lächelte.
„Nein, danke. Wir wünschen keinen Kohlrabi, Monsieur. Aber diese Schmorzwiebeln sehen wirklich sehr appetitlich aus, davon hätten wir stattdessen gerne noch eine zusätzliche, doppelte Portion“, meinte Jean, während er einen Löffel voller Schmorzwiebeln in sich hineinstopfte, kaute und anerkennend nickte.

Mara knabberte derweil vorsichtig an einem Croissant mit Knoblauchbutter. Nachdem sie herausgefunden hatte, dass ihr dies schmeckte, schaufelte sie mit einem Löffel eine großzügige Portion von der schwarz geperlten Masse darauf. Und weil Jean die Zwiebeln empfahl, schaufelte sie einen ganzen Esslöffel obendrauf.
„Was isst du denn da Merkwürdiges?“, fragte Jean flüsternd, wobei er sie stirnrunzelnd anblickte.
Mara antwortete kauend: „Man sagte mir, dies sei sibirischer Kaviar. Das ist wahrscheinlich sowas Ähnliches wie schwarze Marmelade oder so, und soll vorzüglich schmecken“, erklärte sie ihm vergnügt. Doch als Mara in ihr belegtes Bagett mit Kaviar herzhaft hineinbiss, verzog sie sogleich angewidert das Gesicht. Der extravagante Geschmack ekelte sie an, woraufhin sie die Servierte nahm und es ausspuckte.
„Bäh … ungenießbar! Wie können die Akteure Kaviar nur als eine Delikatesse bezeichnen?“, fragte sie, wobei sie Jean so empört anblickte, so als wäre er der Schuldige.
Jean grinste, zuckte mit den Schultern und biss ebenfalls von seinem Croissant herzhaft ab, das mit Wildlachs und Schnittlauch belegt war. Und auch er machte sogleich große Augen, kaute immer langsamer und spuckte letztendlich dezent in seine Servierte aus, sodass es die anderen Gäste nicht bemerkten.
„Was für ein widerlicher Fraß. Ob Kohlrabi oder nicht; alles schmeckt abscheulich, was die hohen Herrschaften essen!“
Dann griff er in seine Jackentasche, holte heimlich zwei Tabletten heraus, schob eine davon zu ihr rüber und schluckte seine Tablette mit dem Orangensaft hinunter.
„Unsere Geschmacksnerven und Mägen sind für die Nahrung des Zwanzigsten Jahrhundert einfach nicht geeignet. Die alte Schachtel hatte schon recht. Das Essen ist die reinste Katastrophe und ist obendrein völlig überteuert“, flüsterte Jean seiner Ehefrau energisch zu, woraufhin Mara sofort ihr Besteck auf ihren Teller fallen ließ, ihm nickend zustimmte und sich sogleich die Tablette ebenfalls einflößte.

Plötzlich dröhnte das Signalhorn der Titanic. Die Sonne schien strahlend am Himmel, als die R.M.S. Titanic die „Grüne Insel“ erreichte. Irland war in Sicht. Möwen kreisten kreischend um das riesige Schiff. Endlose, grasgrüne Hügel offenbarten sich der Menschenmasse, die sich am Mittag gegen 12.45 Uhr auf dem Bootsdeck sowie auf dem Bugdeck versammelt hatte. Ein weiterer dumpfer, langgezogener Ton erklang aus dem Signalhorn als die Titanic die Küste von Irland erreichte.
Viele Passagiere lehnten sich weit über die Reling hinaus, um die Ankunft in Queenstown genau zu beobachten. Staunend sahen sie, dass an der Küste sich bunte Häuser nach dem anderen anreihten. Doch genauso wie in Cherbourg war auch die Hafeneinfahrt von Queenstown viel zu schmal, als dass der riesige Ozeanliner hätte dort anlegen können. Die Titanic wäre auf Grund gelaufen und so musste das Schiff weit Abseits vor der Küste ankern. Mithilfe von Tenderboote wurden die restlichen Passagiere an Bord geholt, sowie auch das Postgut zur Titanic transportiert wurde. Nur für wenige Passagiere bedeutete Queenstown zugleich Endstation, die ebenfalls mit einem Tenderboot an Land gefahren wurden.
Die Corbusiers spazierten derweil auf dem Promenadendeck, um das Geschehen zu überblicken. Doch plötzlich blinzelte Mara mit dem rechten Auge.
„Jean, mein Auge zwickt schon wieder und es tränt, weil diese unmögliche Person, Lieutenant Nicole Kalbach mir diesen verdammten Zahlencode in meiner ID einprogrammiert hatte. Dafür könnte ich sie rechts und links ohrfeigen“, jammerte sie und blickte ihren Ehemann vorwurfsvoll an.
Jean sah sie mitleidig an und streichelte ihre Wange.
„Halte durch, Chérie. Lieutenant Kalbach hat behauptet, dass wir diesen Geheimagenten, Ike van Broek, morgen Abend im Rauchersaloon treffen werden. Dann wird sich alles aufklären und dieser Spuk wird für uns vorbei sein.“
„Das wissen wir nicht. Was nämlich ist, wenn wir in eine Spionage involviert werden oder noch schlimmer … in eine Zeitmanipulation?“, fragte Mara besorgt.
Jean lächelte verlegen, umarmte seine Ehefrau und kü istsste ihr auf die Stirn.

Das erste Tenderboot, beladen mit sperrigem Postgut, dockte am Schiffsrumpf der R.M.S. Titanic an. Die Luken wurden geöffnet, dann wurden die unzähligen Pakete und Reisekisten verladen. Mara und Jean beobachteten vom Promenadendeck aus, wie ein weiteres Tenderboot mit neuen Passagieren aus dem Hafen auslief. Doch plötzlich entdeckten sie eine Person im Boot, die ihnen bekannt vorkam. Ike van Broek war an Bord dieses Tenderbootes, schaute betrübt drein und hielt sich seine verbundene Hand fest.
 
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