81


5 Seiten

Der egalitaristische Imperativ

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Die Gleichheit aller Menschen. Sie ist ein hehres Ziel. Ein Idealzustand. Und den Idealzuständen ist zu eigen, dass sie sich alle in der theoretischen Betrachtung so wunderbar anhören, allerdings in ihrer Umsetzung gerne dazu neigen, in weniger schöne, in eher dystopische Zustände umzuschlagen.
Man sagt es so leicht: „Wir sind alle gleich.“ Was würde dies in letzter Konsequenz bedeuten?

Diese Frage stellt man sich eher nicht oder man beantwortet sie selektiv. Möchte man wirklich gleich sein, was ja gleichzeitig bedeuten würde, sich nicht auszeichnen zu können vor den Anderen, nicht abheben können von seiner Umgebung? Bei den meisten unserer persönlichen Anstrengungen geht es ja darum, sich zu unterscheiden von den Anderen, Unterschiede zu schaffen, sich einen Vorteil zu verschaffen. Man möchte gesehen werden, ausgewählt, sich durch besondere Qualifikation, Kompetenz, Fleiß, Attraktivität auszeichnen können. Ich und nicht ein Anderer…

Es gibt die Gleichheit vor dem Gesetz, die unterschiedslos einfordert, sich an geltende Spielregeln zu halten. Sinnvoll ist auch die Förderung von Begabungen unabhängig von der Herkunft mit ihrem jeweiligen sozialen Status. Die Gleichheit der Bedingungen, die ermöglichen soll, das Beste aus den eigenen Anlagen zu machen. Was dem Gesamten zugute kommt, Individuen, die in der Lage sind, sich durch Erfindergeist, durch Intelligenz, durch Wissen, durch Tatendrang, hervortun.
Eine andere Sache wäre, die Gleichheit der Ergebnisse zu erwarten. Unter gleichen Bedingungen entwickeln sich Individuen unterschiedlich. Oder man hört auf, Individuum zu sein.

Das Erfolgsrezept der Natur ist die Vielfalt, der Variantenreichtum, das Nebeneinander unterschiedlicher Fähigkeiten und Begabungen, die im Idealfall miteinander kooperieren. Es gibt Ähnliches, aber nicht Gleiches. Man findet in der ganzen Natur nicht einmal zwei identische Eiskristalle, diese sind so individuell wie die Fingerabdrücke der Menschen.

Anders ist es bei der industriellen Produktion. Industrieprodukte sind innerhalb der gleichen Serie untereinander austauschbar. Die Industrialisierung mit ihren genormten Produkten bedeutet auch eine Angleichung des Alltages, genormte Arbeitsabläufe, viele Stunden, die in einer vorgefertigten, zunehmend künstlichen Welt verbracht werden. Der Umgang mit der künstlichen Intelligenz könnte eine Formatierung des Denkens zur Folge haben, die Welt des Menschen und damit der Mensch selbst wird einförmiger, wird austauschbarer, der Maschinenwelt ähnlicher.

Die Frage danach, ob wir alle gleich sind, ob wir alle gleich sein wollen, die ist auch eine Frage der persönlichen Situation. Wer als Privilegierter seine Möglichkeiten ausleben kann, möchte von Gleichheit nichts wissen. Wer keine Möglichkeit hat, seine Umgebung zu überragen, würde nur allzu gerne eine Schere nehmen und alles abschneiden, was über ihn hinausragt.
Und wenn das dann Alle so machen würden, dann würde der Kleinste, der Schwächste, der das Höchstmaß an Inkompetenz der Maßstab für die Gesamtheit werden, niemand dürfte mehr über eine Fähigkeit verfügen, die der Andere nicht hat. Intelligente Menschen dürfte es dann nicht mehr geben, denn dies würde den Idioten beleidigen.

Wenn derjenige, der den Wagen zieht, das Gleiche bekommt wie der Trittbrettfahrer, dann wird es nur noch Trittbrettfahrer geben, denn bei gleichem Resultat bedeutet das Ziehen eines Wagens Mühsal für nichts. Und niemand wäre wohl so dumm, dies zu tun. Also stellen sich alle auf das Trittbrett und der Wagen bleibt stehen.

Eine unfreiwillige Sprachlosigkeit könnte eine Folge der konsequent durchgeführten Gleichheit sein. Die Kompetenz der Inkompetenten anzuzweifeln, wird kostspielig in einer Welt, in der der Könner mit dem Stümper gleichzusetzen ist. Jeder ist eine Autorität, jeder ist ein Künstler, jeder ist ein Genie. Jeder bekommt das einklagbare Recht, bewundert, gefeiert und bejubelt zu werden. Dem gegenüber steht die Pflicht des Einzelnen, zu klatschen und zu jubeln, auch wenn es nicht wirklich einen Grund dafür gibt.

Wir dürften uns nach dieser Logik allesamt als Könner bezeichnen, der Kompetente wie auch der Nullleistungsvirtuose, der Kompetenzvortäuscher wie auch der Däumchendreher. Der Elefant im Porzellanladen wird Chefdiplomat, der Hobbychirurg wagt sich an die Herzoperation. In den Museen bewundern wir die Exponate von Sonntagsmalern und in der Philharmonie lauschen wir den Klängen einer Achtjährigen, die sich an der Blockflöte abquält.

In einer Fußballmannschaft werden die Posten nach Quoten vergeben, niemand darf ausgeschlossen werden aus einer Mannschaft, weder der humpelnde Mittelstürmer noch der betrunkene Torwart, ob man das Spiel gewinnt oder nicht, das ist unerheblich, wir haben ja alle ein Menschenrecht auf leistungslose Meriten, auf den Siegerplatz.
Denn wir sind alle gleich...

Doch wer gibt, wer nimmt, in einer Gesellschaft der Gleichen? Wenn niemand mehr etwas hat und jeder etwas braucht? Wenn es ein Menschenrecht auf Schwarzfahren gibt, aber niemand mehr den Bus fährt? Wenn die Bahnhöfe verwaist, die Gleise verrostet, die Brücken vergammelt, die Häuser verfallen sind. Wenn jedem nach dem Gesetz ein Schloss zusteht, aber niemand mehr etwas baut?
Die Einigung findet also ziemlich weit unten statt, im Dreck der Straße, in irgendwelchen Erdlöchern, in den ruinierten Überbleibseln aus dem Zeitalter der vergangenen Ungerechtigkeit.

Das Höchstmaß an Gleichheit, an Gerechtigkeit ist dann erreicht, wenn wir alle als Stadtstreicher durch die Straßen irren, wenn wir mit einem Behälter für erhofftes Kleingeld in der Fußgängerzone sitzen. Natürlich umsonst, denn jeder will haben und niemand wird willens, geschweige denn in der Lage sein, zu geben. Früher war man Bettler, heute, politisch korrekt „Kopfbedeckungs-Numismatiker“. Die Tätigkeit bleibt die Gleiche, die Terminologie wird ein wenig gewundener…

Im persönlichen Umgang macht man sehr wohl Unterschiede. Man verkehrt nicht mit jedem, dem Straßenräuber versucht man aus dem Weg zu gehen, man misst ihm nicht den gleichen Wert zu wie demjenigen, der einem in einer persönlichen Krise weitergeholfen hat. An den einen denkt man gerne zurück, dem Anderen wäre man lieber niemals begegnet.

Wer nicht selber auf der schiefen Bahn unterwegs ist, möchte den Straßenräuber, den Einbrecher, den Trickbetrüger, keineswegs zum Freund haben. Es ist eben nicht gleich, mit wem man sich zusammentut. Denn der Umgang hat einen Einfluss auf den eigenen Lebensweg, die Eigenschaften derjenigen, mit denen man verkehrt, sind ansteckend. Sowohl der Fleiß wie auch die Faulheit, die Lethargie, die ethischen Maßstäbe, die Moral wie auch die Unmoral. Manche Menschen können einen beflügeln, manche saugen einem alles Blut aus den Adern. Soll man sich nun opfern und sich mit einem Vampir anfreunden, um diesem kein Unrecht zu tun? Oder steht da für einen das Prinzip des Selbsterhalts über dem der Gerechtigkeit?

Bei Bram Stoker kann man nachlesen, wer einem Blutsauger zum Opfer fällt, wird selbst zum Untoten. Was bedeutet, dass der Selbsterhalt eine Grundvoraussetzung ist, um zu verhindern, selbst zu einem Problem zu werden, um überhaupt einen positiven Beitrag zum Ganzen leisten zu können. Aus dieser Perspektive bedeutet ein gewisser Egoismus eine Tugend, zuerst für das eigene Standvermögen zu sorgen, sich überhaupt in die Lage zu bringen, etwas für Andere zu tun.
Wer das bestmögliche aus seinen Begabungen macht, kann Lösungen finden, die einem individuell weiterhelfen, die sich vielleicht auch vorteilhaft auf die Außenwelt auswirken können, zumindest, indem man für diese keine Belastung wird. Man schafft Ungleichheit, indem man etwas tut, diese durchbricht aber die allgemeine Tendenz zum Niedergang. Welcher wohl die unausweichliche Folge des Postulates sein könnte, wir seien alle gleich, wir hätten alle das gleiche Anrecht auf das Ergebnis, ob wir dazu etwas beigetragen haben oder nicht.

Wir sind alle gleich, das könnte letztendlich bedeuten, wir sind alle grau, allesamt der gleichen Tristesse unterworfen, die Einigung auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Funktionalistische Architektur, von androgynen Zweibeinern in Uniform besiedelt, die sich nach Arbeitsschluss allesamt in ihre Wohnwaben zurückziehen. Den Wettbewerb, der die Quelle so manchen Übels sein kann, den gibt es auch nicht mehr, damit entfällt allerdings der Antrieb, die eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten zu verbessern. Mit wem will man sich zusammentun, wenn es bei der Gleichförmigkeit der Geschlechter keinerlei Gegenpol mehr gäbe? Mit der Anziehungskraft wäre es dann vorbei, da man im Anderen nichts mehr findet, was man nicht selbst schon bis zum Überdruss besitzt.

Man sucht das Andere, nimmt weite Wege auf sich, um den Horizont zu erweitern. Das Ungleiche ist die Antriebsfeder, der Wunsch nach Anregung. Das Gleiche, das Ewiggleiche, das Dasein in einer mehr und mehr uniformierten Welt führt zu einer gewissen Ermüdung.

Wäre eine solche Gesellschaft überhaupt imstande, dem Einzelnen auf Dauer die Grundvoraussetzung, Nahrung, Kleidung, Wohnwabe, zu garantieren? Und selbst wenn, ginge sie nicht an der zwangsläufig aufkommenden Langeweile zugrunde?
Wir sind alle gleich. Alle Massenware, alle Trittbrettfahrer, alle Mitläufer. Allesamt Gefolgschaft. Niemand scheitert mehr als Individuum, sondern wir teilen das Schicksal, mag es aufwärts gehen oder in den freien Fall.

Völlig zu Recht fürchtet jeder das individuelle Scheitern, und ein Versuch, die Konsequenzen des Scheiterns abzufedern, ist, die Folgekosten desselben auf möglichst viele Teilnehmer zu verteilen. Wir möchten Individuen sein, Souveräne unseres Daseins, und andererseits eine womöglich kostenlose Versicherungspolice besitzen gegenüber den Folgen des eigenen Handelns. Also Handlungsfreiheit ohne Verantwortung, Abenteuer mit Rückfahrkarte. Ein aufregendes Leben führen, sich aber nicht aufregen müssen. Sich in dem einen Moment auf die Freiheit berufen und im nächsten, wenn die Folgen der Freiheit unangenehm sind, auf die Gleichheit. Die Gewinne privatisieren, die Kosten sozialisieren und lautstark ein unveräußerliches Menschenrecht auf Schwarzfahren propagieren und dieses Spiel solange treiben, bis irgendwann keine Bahn mehr fährt...

Zum Abschluss eine recht amüsante Szene aus dem Monty Python Film „Das Leben des Brian“. Der Hauptdarsteller dieses Filmes wird mit Jesus verwechselt und gegen seinen Willen von einer hysterischen Menschenmenge als Messias verehrt. Diese steht vor seinem Haus und fordert ihn auf, eine Rede zu halten. Brian erklärt stotternd, dass sie ihn alle missverstanden hätten und er ihnen eigentlich nichts zu sagen habe.
„Ihr müsst alle euren eigenen Weg gehen!“
Die Menge erwidert: „Wir müssen alle unseren eigenen Weg gehen.“
„Ihr seid alle verschieden!“ Die Menge im Chor: „Wir sind alle verschieden“
Einer hebt die Hand „Ich nicht!“
 
Wenn du registriert und angemeldet bist und selbst eine Story veröffentlicht hast, kannst du die Stories bewerten, oder Kommentieren. Wenn du registriert und angemeldet bist, kannst du diese Story kommentieren.
Weitere Aktionen
Wenn du registriert und angemeldet bist, kannst du diesen Autoren abonnieren (zu deinen Favouriten hinzufügen) und / oder per Email weiterempfehlen.
Ausdrucken
Kommentare  

Noch keine Kommentare.

Login
Username: 
Passwort:   
 
Permanent 
Registrieren · Passwort anfordern
Mehr vom Autor
Empfehlungen
Andere Leser dieser Story haben auch folgende gelesen:
Das Kleingedruckte | Kontakt © 2000-2006 www.webstories.eu
www.gratis-besucherzaehler.de

Counter Web De