
Das Obere Dorf bestand aus Häusern und Gehöften, die größtenteils entlang der Durchgangsstraße angeordnet waren. Man unterschied das Obere Dorf, das war die Richtung nach links, wenn man ankam. Und das Untere Dorf, das sehr viel kleiner war als das Obere. Die Eingeborenen nannten diesen Teil des Ortes OLDCAM. OLDCAM war das ursprüngliche Dorf gewesen. Zu OLDCAM gehörten alle drei Teiche. OLDCAM hatte die Wassermühlen, jedenfalls zu einer vergangenen Zeit. Denn heute brauchte niemand mehr Wassermühlen. Das neue Cem war auf trockenem Boden gebaut, hatte moderne Wasserleitungen und war ein bisschen langweilig. Obwohl es noch europäisch anmutende Bauernhäuser hatte, in denen die Insassen mit dem Vieh unter einem Dach lebten.
Aber beide CEMS waren irgendwie interessant. Sollte das Besucher anlocken? Buffy und Spike wollten mit den Kindern das Dorf erkunden. Als erstes natürlich die nähere Umgebung des Gutshofes. Sie gingen den Weg am Herrenhaus entlang. Spike hatte ihn erspäht, als er hier angekommen war. Links und rechts vom Weg gab es hohe Backsteinmauern, die rechte musste die Mauer sein, die man von der Terrasse des Herrenhauses aus sah. Wilder Wein rankte über die Mauer hinunter. Kurz darauf führte der Weg leicht nach links, und ein paar ältere Häuser tauchten auf. Trotz mancher Geschmacksverirrungen, zum Beispiel aus Glasbausteinen gemauerte Eingangsbereiche, wirkten sie doch idyllisch. Alles grünte, und die Blumen in den Gemüsegärten waren wunderschön und sommerlich bunt.
„Die gibt es nicht im Blumengeschäft“, meinte Spike und erinnerte sich an den Tag in LOS ANGELES, als er für Buffy Blumen gekauft hatte und dann ... Ach Shit!
„Sie sehen so knackig aus“, Buffy blieb stehen, um sich die langstieligen steifen Gladiolen näher anzuschauen.
„Morgan, um Himmels Willen, fass das nicht an!“ Spike eilte schnell zu seiner Tochter und hielt ihr die Hände fest, bevor sie den knackigen runden Pferdeapfel in ihre Fingerchen bekam und dann ihn in den Mund stecken konnte.
„Haamm!“ Morgan guckte ihren Vater fordernd an. „Nein Fee, das ist nicht gut. Das ist Babba!“ Spike musste lachen, weil er die beknackte Babysprache anwandte, um Morgan etwas klarzumachen. „Na ja, eigentlich ist es Scheiße“, fuhr er fort, „und es ist... äääh ungesund.“
„Sseiße?“ sagte Morgan fragend. „Ja, Scheiße“, sagte Spike.
Morgan gab den Versuch auf, sich den Pferdeapfel anzueignen und tanzte stattdessen ein bisschen um ihn herum, während sie vor sich hinplapperte: „Sseiße Sseiße Sseiße Sseiße Sseiße Sseiße...“
„Und schon wieder ein Wort gelernt“, sagte Buffy lächelnd. „Wie hätte ich es sonst ausdrücken sollen? Als Pferdeapfel? Hinterher hätte sie versucht, ihn zu essen, den Apfel. Und sie kannte das Wort schon, die veräppelt uns!“
„Budda Sseiße?“ Morgan hatte mit dem Tanz um den Pferdeapfel aufgehört und deutete mit einer winzigen Hand auf ihren Bruder. „Nein Fee, Buddha darf auch keine Scheiße“, erklärte Spike. „Mommy?“ „Nein ,verdammt noch mal! Mommy auch nicht.“
Morgan hörte gar nicht mehr auf seine Antwort, sie war nämlich fasziniert von einem flitschig aussehenden flachen Haufen, der sich, als Spike näher hinsah, als ein von Fliegen umschwärmter Kuhfladen entpuppte. Oh nein!!!
„Nein, nicht anfassen! Scheiße!“, rief Spike, als Morgan sich interessiert zu dem Fladen hinunterbeugte und ihre Hand nach ihm ausstreckte.
„Ääääh?“ Morgan schickte ihm einen ungläubigen Blick zu, denn das konnte nicht sein, dass das auch Sseiße war, das sah ja ganz anders aus als die Balla-Sseiße ... „Andere Scheiße“, versuchte Spike zu erklären, aber Morgan sah ihn an, als ob er bescheuert wäre. Und Spike kam sich auch ziemlich bescheuert vor.
„Budda Sseiße?“ „Nein, verdammt noch mal! Und Mommy auch nicht! Und jetzt lauf ...“
Morgan lief munter vor ihnen her und suchte nach weiterer Sseiße, fand aber nur noch diverse Pferdeäpfel und einige kleineren Kuhfladen. Also nicht neues.
„Was für Gespräche!“, sagte Buffy. „Könnt ihr euch nur über Scheiße unterhalten?“ „Hmmm ...“, brummte Spike. „Also Fladen zu erklären, das wäre schlecht, da denkt man automatisch an Fladenbrot. Also an was Essbares. Und bei Äpfeln sowieso ...“
Ein paar malerisch verfallene Häuser weiter standen sie auf der Hauptstraße vor einem Hinweisschild auf den nächsten Ort. Das Dorf war zu Ende. Der nächste Ort hieß Shothouse und war 2 Meilen entfernt von Newcam, oder war's schon Oldcem?
„Oh, das war’s schon?“, sagte Buffy bedauernd. „Shothouse?“, kam es verächtlich von Spike. „Die meinen doch bestimmt Shithouse.“
„Also wirklich, Spike ...“ Buffys Tonfall war vorwurfsvoll, nur jemand , der sie genau kannte, hätte das Kichern hinter diesen vorwurfsvollen Worten erkannt.
„Es muss hier noch einen Teich geben“, sagte Spike. Er führte seine Familie auf der Landstraße wieder zurück, sie kamen an eine kleine Brücke, nichts weltbewegendes, und dann auf einmal sahen sie den mittleren Teich, den Spike schon vom Park des Herrenhauses aus gesehen hatte, und sie hörten das Murmeln eines Bächleins.
Es war aber kein Bächlein, sondern ein Ausläufer des mittleren Teichs, der unter der Brücke herführte und auf der anderen Seite der Straße ein Mühlrad antrieb. Ein Mühlrad an einer richtigen Mühle! „Oh, mein Gott“, sagte Buffy ehrfürchtig. „Hier ist die Zeit wohl stehen geblieben“, sagte Spike verwundert, denn er hatte seit über 50 Jahren kein funktionierendes Mühlrad mehr gesehen.
Die Mühle war eigentlich nur ein kleines Steinhäuschen mit einem Bach und einem großen Mühlrad an der Seite. Dahinter erhob sich ein Fachwerkhaus mit blinden kleinen Fenstern, groß war es, es schien aber keine Funktion mehr zu haben, zum Beispiel die Lagerung von gemahlenem Getreide.
Buffy und Spike mit Gwydion – den er in einem dieser praktischen Tragebänder mit sich herumtrug – folgten dem Bachlauf so gut es ging, denn er wurde immer wieder durch ältere Häuschen versperrt. Es gab keine richtige Straße, sondern nur kleine Wege und manchmal einen größeren gepflasterten Platz. Morgan, die zuerst in den leichten Kinderwagen steigen wollte, hatte es sich anders überlegt und schob den Wagen vor sich her. Leider kam sie mit den Kurven überhaupt nicht klar und Buffy musste des Öfteren den Wagen aus einem Busch ziehen.
Häuser sah man kaum noch. Dann endlich gab es keine Häuser mehr, sondern nur noch den dritten Teich. Das musste dann wohl der Untere Teich sein. Weiden standen an seinem Ufer, er war langgezogen, nicht sehr breit und ein paar Enten schwammen auf ihm herum. Er war nicht besonders groß, aber durch die Abwesenheit von Häusern, also durch die Einsamkeit war er wohl der schönste Teich von NEWCEM. Oder eigentlich von Oldcem. Spike stellte sich automatisch die vollkommene schöne, nahezu lautlose Stille und Einsamkeit vor, die abends an diesem Teich herrschen musste.
„Da hinten geht der Bach weiter“, sagte Buffy, die auch verzaubert war. Die Weiden setzten sich in einer geschlängelten Reihe fort, und man konnte den Lauf des Baches an den Weiden erkennen. Es war so friedlich. Der Bach besuchte nun einen anderen Ort.
„Dann sollten wir jetzt das Obere Dorf erkunden“, sagte Spike und brach den Zauber. Diesmal gingen sie nicht den Weg entlang des Gutshofs zurück, sondern folgten der Hauptstraße, und tatsächlich kamen sie nach fünf Minuten an die Stelle, wo Spike mit dem Auto ankommend zum ersten Mal den oberen Teich und das Herrenhaus gesehen hatte, wo es nur nach rechts oder links gegangen war. Allmählich blicke ich durch“, sagte er zufrieden.
Alte Frauen saßen auf Bänken vor ihren Häusern und grüßten freundlich, als Spike und Buffy mit den Kids vorbeigingen. Sie grüßten zurück. Dieses jeden und alles Grüßen war schon verdammt ungewohnt. In Woodcape, dachte Buffy, waren die Nachbarn froh, wenn man sie nicht mit Grüßen, geschweige denn mit Gesprächen belästigte. Manchmal fand sie das auch gut, aber manchmal verspürte sie das Bedürfnis nach ein wenig Freundlichkeit.
„Hier kennt jeder jeden“, sagte Spike zu ihr. „Ich schätze mal, die wissen ganz genau, wer wir sind. Bis ins Detail wahrscheinlich.“
„Alles wissen sie natürlich nicht“, sagte Buffy vielsagend in einem leicht vorwurfsvollen Tonfall, so kam es Spike jedenfalls vor. „Stimmt. Sie wissen nicht alles. Aber das müssen sie auch nicht. Oder?“ Buffy schwieg daraufhin.
Das Obere Dorf war bei weitem nicht so romantisch wie das Untere, aber dafür war es sehr viel größer. Von der Hauptstraße gingen zwei neuere Straßen ab, und entlang dieser Straßen wurden die Häuser immer moderner. Buffy und Spike kehrten nach kurzen enttäuschenden Ausflügen schnell auf die alte Hauptstraße zurück, an der fette Gehöfte lagen, die mit Schiefer behangen waren und die teilweise noch altes Fachwerk hatten.
Sie kamen zu der anonymen Bäckerei. Buffy blickte Spike fragend an. „Sollen wir reingehen?“ „Klar. Warum nicht.“
Sie ließen den Kinderwagen draußen stehen. Als sie die Tür öffneten, erklang ein leises melodisches RING-RING-RING. Es roch so, wie es nur einer uralten Bäckerei riechen konnte, in der seit hundert Jahren gebacken wurde.
Aus der Backstube kam eine ältere Frau und begrüßte sie freundlich mit „Guten Morgen“. Dann setzte sie noch an Spike gerichtet hinzu: „Sie müssen Lilahs Mann sein. Und das ist bestimmt der kleine Gwydion.“
Spike lächelte. „Sie haben Lilah gekannt?“ „Aber sicher doch. Sie war immer im Sommer hier und hat mit Andy die Ferien verbracht.“ Die Frau schwieg eine Weile. „Was für ein Unglück!“, sagte sie dann betrübt.
Spike sagte nichts, sondern schaute nur leidvoll vor sich hin. Und Buffy verspürte auf einmal den überwältigenden Drang, ihn zu trösten, aber sie wusste nicht wie. Und dann fiel ihr ein, dass sie ihn bisher noch nie getröstet hatte, sondern es war immer umgekehrt gewesen. Vor allem, als man sie zurückgeholt hatte aus dem... ja was war es... Himmel? Dann fiel ihr ein, dass sie ihn doch einmal getröstet hatte, und zwar nach Lilahs Tod. Sie hatte ihn mit Sex getröstet ...
Wie hatte er sie überhaupt jemals lieben können? Es stimmte doch, dass er sie damals geliebt hatte, mittlerweile hatte sie akzeptiert, dass auch Vampire ohne Seele lieben konnten, aber was hatte er in ihr gesehen? Hatte sie überhaupt etwas Liebenswertes gehabt? Vielleicht ein kleines bisschen Liebenswertes?
„Und die süße Kleine ist dann wohl Ihre Tochter Morgan?“
„Das ist richtig, Frau ...“ Spikes Stimme stockte, und die ältere Frau half ihm, indem sie sagte: „Nennt mich Tante Emily, wir sind nämlich ein wenig miteinander verwandt.“ Sie nickte auch in Buffys Richtung. „Und sie müssen Buffy sein.“
Buffy tauchte aus ihren Überlegungen empor, riss sich zusammen und nickte der älteren Frau freundlich zu. Sie fand sie sehr nett. Sie fand sie auch nicht zu aufdringlich oder zu neugierig. Sie war eben Verwandtschaft, wenn auch keine richtig leibliche, aber doch Verwandtschaft irgendwie.
„Also was wollt ihr haben. Ich habe gerade frischen Butterkuchen gemacht, der ist sehr gut.“
„Jaaaa“, hauchte Morgan liebreizend und drückte ihre Nase an die gläserne Vitrine, in der nicht viel zu sehen war außer ein paar Brötchen und paar Gläser mit Marmelade.
Die Frau nahm Morgans gehauchtes Jaaaa als Aufforderung, in der Backstube zu verschwinden und nach kurzer Zeit wieder mit einem Papptablett herauszukommen, das mit weißem Papier abgedeckt war. Sie wollte kein Geld annehmen, sondern drückte das Tablett Buffy in die Hand mit den Worten: „Ich hoffe, er schmeckt euch.“
„Vielen Dank, Tante Emily“, sagte Spike lächelnd, „und einen schönen Tag noch.“
Auch Buffy verabschiedete sich freundlich von Tante Emily.
„Wie können die hier überhaupt was verdienen?“, meinte Spike verwundert, nachdem sie ein paar Meter vom Laden entfernt waren. „Wenn sie alle miteinander verwandt sind ...“
„Ich fand’s nett“, sagte Buffy leise, und ihre Nase nahm den Duft des Butterkuchens wahr, der sich durch das Papier hindurch verströmte. „Er riecht einfach wunderbar... Ich brauche frischen Kaffee dazu.“
„An der Bar gibt es eine Kaffeemaschine mit allem, was dazu gehört“, glaubte Spike sich zu erinnern. „Gut, dann ab nach Hause, ach du Lieber Himmel, jetzt sag ich schon nach Hause, das ist irre.“ „Dieser Ort hat seltsame Fähigkeiten“, meinte Spike verwundert. „Aber die Vorstellung ist schön: Wir setzen uns nach draußen und essen Kuchen.“ „Und was machen wir später?“, fragte Buffy, die diese Vorstellung auch sehr schön fand.
„Ich werde mir die Ställe anschauen, da soll es eine Reithalle geben.“ „Okay, und ich werde mir mal die Bibliothek anschauen, da soll es viele Bücher geben.“
„Und die Kinder?“, fragte Spike. „Halten währenddessen ihr Mittagsschläfchen. Und zur Not gibt es noch das Babyphon. Ach ja, Freddy hat gesagt, wir könnten sie jederzeit bei Tante Mansell lassen.“ Buffy seufzte erleichtert auf und setzte hinzu: „Ich glaube, ich bin hier im Paradies. Aber erst einmal Kuchen essen und Kaffee trinken. Vor allem, weil man hier ja nicht zunimmt ...“
„Neeeiin“ ,sagte Spike gedehnt im Brustton der Überzeugung, „man nimmt sogar ab.“
Irgendwie waren sie sich im Augenblick zwar nicht so nah, wie ein Ehepaar sich eigentlich sein sollte, aber doch ziemlich einig.