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Die huhnteufelsflattrige Agnete mit bunkerfreundlichem Mann

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten
Agnete empfängt gern Päckchen und Briefe. Letztere und Vordere öffnet sie mit schnellen Bissen und einer abgestohlenen Miene, wenn Sie wissen was ich meine.
Haushaltstechnisch schwebt sie im mittleren Viertel und hat vorige Woche den Trockner in den Flur gestellt.
Heizwärmeersatz, flüsterte sie und ihr Mann gleich mit. Im Grunde ist sie eine grundnormale Grullenganschette und dieses Ganschette kann man nun wirklich nicht laut und rund genug betonen. In Verbindung mit Agnete müsste es eigentlich Garschett ausgesprochen werden, weil sie eben diesen unverhohlenen Sprachfehler hat.
„Den hat mein Opa aus dem Krieg mitgebracht“ erzählte sie von der ersten bis zur vierten Klasse um sich vor Anfeindungen und Seelschubsen zu schützen. Danach unterdrückte sie den Sprachfehler und konnte blumenweiß sprechen. Weil dies aber sehr viel Energie benötigte fraß sie lange Zeit halbe Hähnchen in sich hinein, weil diese als natürliche Menschenbatterien fungieren. Das wissen wissentlich die wenigsten Menschen, aber das tut diesem Umstand natürlich nichts an. Es funktioniert trotzdem.
Erneuerbare Energie in seiner reinsten Form. Kraft-Fleisch-Kopplung sozusagen und ein Magenkraftwerk feinster Güte. Jede Auslaugung kann damit gelindert werden und es ist als würde in einem eine Sonne aufgehen nach einer Dosis Hühnchen. Doch wie Paracelsus schon sagt, macht die Dosis das Gift. So hat Agnete herausgefunden, dass das Verspeisen von einem GesamtHuhn ein schläfrigmachendes Völlegefühl zur Folge hat und in Einzelfellen mit Sogbrennen nach oben. Ein halbes Huhn aber geht sofort vom Magen in alle Muskeln hinein, fastert sich um die Sehnen und potenziert den natürlichen Ausströmprozeß der Endorphine.
Ihr Mann heißt Sahim Kawasch kommt aus Bautzen und entwirft als Hobby militärische Speergebiete. Erst auf dem Papier und am Ende aus Streichhölzern. Sein Traum ist ein Eigenheim, das er mit Wachtürmen umringt und Stacheldrahtzaun vertüddelt hat . Dazu einen riesigen Bunker als Keller oder Keller als Bunker. Das dies rein Konfliktsgegenwärtig nicht notwendig ist hat mit der ganzen Vorliebe rein gar nichts zu tun. So würde er sich einfach wohnlich wohler fühlen.
Agnete wäre nicht Agnete wenn sie nicht vehement diese Gehirngespinste ihres Mannes monieren würde. Besonders wenn sie ein Halbes (natürlich Hähnchen) intus hat, wird sie richtig huhnteufelsflattrig und hat ihm im Affekt auch schon mal einen ganzen Tapeziertisch mit Speergebiet zertrümmert.
Sogar über eine Scheidung haben die Beiden schon gesprochen, aber sich am Ende stets wieder zusammengerauft. In zwei Wochen muss Agnete wegen einer KnieOP ins Krankenhaus. Sie ist bei einer Wahlfahrt nach Lourdes, bei der sie ihr Sprachstörung heilen wollte, bös in der Grotte der Mutter Gottes gefallen. Das sie da bös ins Fluchen kam tut ihr noch heute nicht leid. Es gab eine komplizierte Fraktur und dies muss nun behoben werden. Sie befürchtet, dass es da kein Hühnchen gibt und er freut sich, dass er im Garten mit seinem Bunker anfangen kann. „Wenn sie wieder kommt wird es schon zu spät sein“ denkt er.
Kinder haben sie keine und kein Kind hat sie. Vielleicht besser, vielleicht auch nicht.
 
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Kommentare  

Der Mensch mit seinen vielen kleinen Verrücktheiten und wie wir uns damit auf den "Keks gehen " Du spiegelst aber auch sehr gut die Herzlosigkeit der Welt wider und wie wir dennoch krampfhaft versuchen uns irgendwie das Leben schön zu machen. Ganz große Klasse diese kleine Story.

Petra (14.08.2010)

Wirklich eine spitzenmäßige Satire. Tolle satirische Betrachtung der ganz kleinen Leute.

doska (13.08.2010)

Diese Story muss man mit Ruhe und Verstand lesen. Erst dann wird man die vielen witzigen Anspielungen, deinen köstlichen Humor, mit den feinen ernsten Untertönen heraushören können. Sehr gelungen. Ein Meisterstück bei dem ich viel grinsen und nachdenken musste.

Jochen (13.08.2010)

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