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6 Seiten

Selena - Kapitel 13

Romane/Serien · Spannendes
© Alexander
K’reuk schaute auf die vor ihm liegende Leiche. Der Elb war friedlich gestorben. An einem Ort, wo sie den Frieden je zerstörten. Sie brachten den Tod über die Siedlung. Hier endete es. Jedes Ende war ein Anfang. Bloß von was? Ein Stöhnen hielt ihn davon ab weiter zu graben, wo er nicht graben wollte. Er wandte sich um.
Ursak, der junge Ork und Gefreiter der Truppe, erhob sich, schwankte und hielt sich den Schädel. Er packte ihn grob am Kiefer und starrte ihm ins Gesicht. Furchtvoll riss der junge Ork die Augen auf, vergessen waren die Schmerzen und blickte seinen Kommandanten an.
Er war wie vor den Kopf gestoßen. Konnte es doch wahr sein? Hatte der alte Turok die Wahrheit gesprochen? Ungläubig, was er da sah, ging seine bisherige Welt in einem Sturm unter. Eine neue Welt erhob sich. Sie existierte schon seit Anbeginn seiner Geburt in ihm. Tief verborgen.
K’reuk hatte gerade die ersten Grubenkämpfe hinter sich gebracht, als er in der Truppenbaracke einen Grog bestellte. Damals war er ein Frischling. Wie alle Orks und Urikais im wehrfähigen Alter, wurde er in die Grube geschubst und musste sich von Anfang an behaupten. Wer diese Zeit überstand kam in den Dienst der Krone.
Turok hatte unzählige Narben am Körper. Der Ork schaute ihn mit benebeltem Blick an. Sein Atem roch nach Alkohol. Er erzählte ihm in seinem betrunkenen Zustand von einer uralten Legende, derer nach die Orks und Urikais vom Joch der Krone befreit werden und ihre Freiheit erhalten würden.
Der Wirt raunte ihm zu, er solle die Klappe halten. Früher oder später würde man ihn hinrichten. Turok erwiderte, er spräche die Wahrheit. Eine tödliche Wahrheit, die die Krone niemals duldete. Oder hatte er vergessen, was bei Kòne passiert sei. Murrend schwieg der Ork daraufhin und nahm einen großen Schluck vom Rum. Als der Wirt zwei Urikais bediente, wandte er sich zu ihm. Denk an meine Worte K’reuk, murmelte er ihm zu und verließ taumelnd die Baracke.
Das war das letzte Mal, dass er ihm lebend begegnet war. Bei der nächsten Begegnung war Turok tot. Damals befreite der Untergrund den Imam. Zusammen mit seiner Squad suchten sie die Gewölbe der Kronenfestung ab. Dabei stießen sie auf eine handvoll toter Orks. Unter ihnen war auch Turok. Seltsam waren die Wunden der Toten. Sie stammten nicht von den Kurzschwertern der Spitzohren, sondern wiesen die Charakteristika von Langschwertern auf. Waffen der Orks, Urikais und der Reiterschaft. Wieso sollten die eigenen Leute sie töten? Er sah das Offensichtliche nicht. Turok und die Anderen lagen im Abschnitt aus dem der Imam befreit worden war. Kòne!
Niemand wusste genau, was dort einst geschehen war. Eisernes Schweigen herrschte darüber. Viele hielten es für einen Mythos, ein Gerücht, das irgendwann aufkam und seitdem nicht mehr verschwand. Niemand sprach darüber. Aus Angst es könnte wahr sein. K’reuk ließ allen Widerständen zum Trotz nicht locker.
Kòne war eine unbesiedelte Region im Nordosten von Rawa. Dort hielten sich Aufständige auf, die sich die Wächter der Erbin nannten. Wie viele es von ihnen gab, konnte K’reuk nicht zweifelsfrei in Erfahrung bringen. Die Krone ging gegen sie erbarmungslos vor. Bei den Aufständischen handelte es sich um Biester. Sie trugen eine Tätowierung, die exakt mit dem Abdruck mit Ursak`s Gesicht übereinstimmte. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen; Die Wahrheit.

***
Er sah an Ursak vorbei zu Njra. Sie schaute ihn teilnahmslos an. In einer bitterkalten Winternacht, sie hatten Wache, erzählte K’reuk ihr, was er herausgefunden hatte. Heute wie damals sah sie ihn so an und schwieg. Er konnte Wissen in ihren Augen erkennen. Sie wusste, wovon er sprach. Njra war eine von den Wächtern der Erbin. Genau wie der Alte Turok und die 4 Orks, die mit ihm im Gewölbe lagen. Seit jener Nacht hatte er kein Wort mehr darüber verloren und bis eben auch nicht mehr daran gedacht. Jetzt war alles wieder da.
„Sir!“ Ein Späher trat zu Ihnen. „Wie haben die Spuren der Flüchtenden gefunden.“
Er ließ das Kinn los. Sein Blick blieb auf Njra. Dann schaute er zu dem toten Elb. Die Rückkehr der Erbin läutete den Niedergang der Krone ein. Sie war es, die Rawa die Freiheit gab und die Orks und Urikais vom Joch befreite. Eine Spitzohrin!
„Madek!“, rief er nach seinem Hauptfeldwebel. Der Urikai kam. „Ihr kehrt nach Ono zurück. Du berichtest der Krone von unserem Sieg.“ Ein fader Beigeschmack bildete sich in seinem Mund. „Ich werde mit Njra, Zedek, Jgor, Hazhar und Ursak die Verfolgung übernehmen.“
„Jawohl, Hauptmann.“, erwiderte Madek zügig.

***
Die Schönheit des Sonnenaufgangs war verloren gegangen, als die Sonne aufging. Selena hatte als Mädchen den Sonnenaufgang und Untergang immer gerne beobachtet. Auch später als junge Frau hatten die Schauspiele nichts von ihrer Schönheit verloren. Sie hatte sich immer vorgestellt wie sie wohl jenseits der Berge aussahen. Die Antwort darauf war ernüchternd und einfach zugleich. Es gab keine Unterschiede. Genau wie in Eurasien ging die Sonne hier auf und unter.
Ein Waldwächter wartete auf der Lichtung mit Pferden auf sie. Sie ritten die Nacht durch. Um so viel Abstand zwischen sich und der ehemaligen Siedlung zu bringen. Wenn Selena die Biester richtig einschätzte, würde ein Trupp die Verfolgung aufnehmen. Sie hatten den Angriff überlebt, der den Untergrund ein für alle Mal vernichten sollte. Sie fragte sich bloß warum jetzt? Allem Anschein nach schien die Krone zu wissen, wo die Siedlung lag. Der Angriff war viel zu gezielt um Zufall zu sein. Dazu kam die Stärke der Biester, die zu massiv für ein zufälliges Aufstöbern regulärer Truppen war. Daraus ergab sich nur eine plausible Erklärung.
Die Krone wusste wo der Untergrund seine Siedlung hatte, ließ sie aber in Frieden. Bis jetzt jedenfalls. Der Grund für den Sinneswandel kannte sie auch. Sie selbst war der Grund. Ihr erscheinen in Rawa löste all die Ereignisse aus. Ein Anflug von Schuld kam in ihr auf.
Stunden nach Sonnenaufgang hielten sie an. Die Pferde grasten. Es wurde mild. Leichter Wind ließ das Gras tanzen. Vögel zwitscherten. Hier hatten die Geschehnisse der letzten Nacht keine Spuren hinterlassen, außer bei den Leuten. Niemand sprach ein Wort. Es gab auch nichts zu besprechen. Freunde. Familie. Sie alle waren tot.
Nava sprach einige tröstende Worte zu Celin, die gelegentlich weinte, und kam zu Selena. Die Albin stand etwas abseits. Rawa mochte ihr Zuhause sein, aber sie war eine Fremde und der Grund für all das.
Die Frauen standen schweigend beisammen und schauten in die Ferne. „Es tut mir leid.“ Stimmte das! Selena wusste es nicht genau. Die Worte schienen ihr angebracht. Einmal mehr fragte sie sich, ob all die Dinge mit ihrem Erscheinen in Zusammenhang standen. War sie der Auslöser? Wenn ja, was änderte die Antwort. Nichts!, wenn Selena ehrlich war. Ändern konnte sie das Geschehene nicht.
„Früher oder später wäre es so oder so geschehen.“, erwiderte Nava nüchtern. Den eigentlich Kern, der sie seit ihrer Flucht beschäftigte, ließ sie unausgesprochen. Noch war es zu früh, ihren Verdacht auszusprechen.
„Was ist Ashkalonn?“
Sie erinnerte sich an eine Gutenachtgeschichte ihres Vaters. „Dort befindet sich die Quelle vom Orakel.“ Selena schaute die Elbin an. „Nachdem die Krone das Orakel besuchte, begann ihre Herrschaft. Sie ließ die Tempelanlage zerstören und die Priesterschaft des Orakels töten.“ Dass es in Rawa mal eine andere Zeit gegeben hatte, war schwer vorstellbar. Außer den Ältesten gab es niemanden, der davon berichten konnte. Sie kannten nichts anderes, als die Tyrannei der Krone.
„Um zu verhindern, dass jemand anderes Zugang zum Orakel bekam.“, vermutete die Albin.
Nava nickte. „Selbst innerhalb der Priesterschaft war nur wenigen bekannt, wo sich die Quelle befand. Einer von ihnen gab den Standort mit seinem letzten Atemzug weiter. Derjenige suchte die Quelle auf.“ Sie stoppte und kämpfte gegen die Traurigkeit an. All das geschah bereits vor ihrer Geburt. „Er ging zur Quelle und zog fortan mit der Kunde durchs Land, die Erlöserin würde zurückkehren und der Herrschaft der Krone ein Ende machen.“ Daraus entstand der Untergrund. Je länger die Tyrannei der Krone andauerte und die Kunde der Erlöserin Bestand hatte, desto mehr Anhänger gewann der Untergrund. Daran änderte auch die Gefangenschaft des Imam nichts. Im Gegenteil. Damit wurde offensichtlich, dass mehr dahinter stecken musste. Einer von diesen Leuten war ihr Vater.
Nava schaute Selena an. „Der Imam. Celins Vater.“ Sie stockte. „Mein Vater. Und viele andere glaubten daran, starben in der Hoffnung die Herrschaft der Krone, würde enden und Rawa Frieden bringen.“
Selena schaute in die Ferne. Sie war alles andere als eine Erlöserin. Der Imam glaubte, dass sie , eben jene Person sei, die der Herrschaft der Krone ein Ende machte. Spielte es, da eine Rolle ob sie sich als Erlöserin sah oder nicht? Jeder ist zu etwas berufen, hatte Michael gesagt, als sie in dem Stollen festsaßen und Wasser eindrang. Sie hatte ihn ignoriert und nach einem Ausweg gesucht. Er stand einfach da, an die Felswand gelehnt, tat nichts, um das drohende Ende abzuwenden und fand ihre Bemühungen sogar amüsant. Was in ihr den Wunsch schürte, ihm einen langsamen Tod beizufügen. Es kam jedoch anders.
Ein ungutes Gefühl machte sich in ihrem Magen breit. Sie wandte sich Nava zu. „Wir müssen weiter.“ Kurze Zeit später setzten sie ihren Ritt nach Ashkalonn fort.

***
Am frühen Vormittag erreichte die Streitmacht unter Führung von Hauptfeldwebel Madek die Provinzhauptstadt von Sierra. Auf den Straßen waren nur wenige Bleichgesichter unterwegs. Schwer bewaffnete Truppen kontrollierten das Stadttor und standen auf der Mauer. Mit seinem Stellvertreter ging er zum Fürstenpalast.
Sie schritten durch das Westtor. Da öffnete sich die Doppeltür. Ein Spitzohr in Begleitung zweier Soldaten der Reiterschaft trat durch die Tür. „Wo ist Hauptmann K‘reuk?“, wollte der Alb kühl wissen.
„Ich soll der Krone Bericht erstatten.“, konterte Madek grantig.
Ein Lächeln erschien auf dem Gesicht des Spitzohrs. „Euch ist es nicht gestattet vor die Krone zu treten, Hauptfeldwebel Madek.“, entgegnete er ihm mit leicht amüsiert.
Madek war sich sicher, dem Kerl zuvor nie begegnet zu sein. Dennoch kannte er seinen Namen. „Mein Befehl lautet nach Ono zurückzukehren und der Krone zu berichten. Persönlich.“ Er machte einen Schritt vorwärts.
Die Soldaten der Reiterschaft hatten sich bis dahin teilnahmslos im Hintergrund gehalten. Als Madek den Schritt machte, traten sie mit der Hand am Langschwert augenblicklich nach vorne. Der Alb hob die Hand und sie stoppten. Die Hand nahmen sie aber nicht weg. „Wenn ihr eines Tages den Posten von K’reuk bekleiden wollt, gebt ihr mir einen Lagebericht. Andernfalls...“ Er senkte seine Stimme. „muss Hauptmann K’reuk einen neuen Hauptfeldwebel samt Stellvertreter ernennen.“
Am liebsten hätte Madek den Alb auf der Stelle getötet. Wie konnte das Spitzohr es wagen, ihm so unverhohlen zu drohen. Seine Absicht war, sich bei der Krone einzuschmeicheln. Schließlich wollte er K’reuk beerben. Hätte der Alb die Soldaten nicht gestoppt, hätten sie ihn und seinen Stellvertreter vermutlich getötet. Die Reiterschaft machte weder Gefangene noch ließen sie jemanden am Leben bzw. Verletzte zurück. So musste Madek sein Vorhaben begraben.
Er teilte dem arroganten Spitzohr mit, dass die Siedlung vom Untergrund zerstört war und man jeden getötet hatte. Auf seinen Befehl hin durchkämmte eine Hundertschaft den Wald nach möglichen Überlebenden. Hauptmann K’reuk, so berichtete er ihm, verfolge mit 5 anderen eine Handvoll Flüchtender. Bei dieser befände sich jene Frau, die sie zusammen mit dem Imam verhaftet hatten.
Der Alb machte nach Beendigung des Berichts kehrt. Gefolgt von den Soldaten ging er durch das Eingangsportal vom Westflügel. Madek sah, wie sich die Doppeltür schloss. Verärgert über sich selbst und wütend über den Alb, die Reiterschaft und K’reuk wandte er sich zum Gehen.

***
Im Gegensatz zu den Flüchtenden trabten ihre Verfolger unaufhörlich weiter. Sie passierten die Stelle, wo Selena mit Nava und den anderen kurz gerastet hatten, ohne eine Verschnaufpause einzulegen. Am frühen Vormittag erreichten die Orks die Ausläufer der Brescia Ebene. Je länger sie ihnen folgten, umso mehr wurde sich K’reuk darüber im Klaren, was deren Ziel war; Ashkalonn.
Wirklich überraschen tat ihn das nicht. Seine bisherige Welt hatte sich vollkommen gewandelt. Nichts war mehr so wie vorher. Er war nicht mehr so wie vorher. Was ihn sogar erleichterte. Eine Empfindung breitete sich in ihm aus, die er so nie empfunden hatte aber sofort wusste, was es war. Freiheit! Dieser Augenblick hatte ihn befreit. Hatten sich die Aufständischen auch so gefühlt! Verstohlen beobachtete er bei dem Gedanken Njra. Sie hatte ihn damals nicht gemeldet. Was man nicht von jedem behaupten konnte. Aufrührerei wurde mit dem Tode bestraft. War er ihr deshalb etwas schuldig?
Man erreichte die Sümpfe von Brescia. Am anderem Ende lag eine Hügelkette. Dahinter kam das Tal von Ashkalonn. Wo angeblich die Quelle des Orakels lag. Dazu mussten die Sümpfe passiert werden. Vorher verschnauften sie für einen Moment.
K’reuk schickte einen Kundschafter vor. Jgor fand Spuren der Flüchtenden. Sie folgten ihnen. Den Spuren nach, waren die Spitzohren von ihren Pferden gestiegen und gingen zu Fuß. Die Sümpfe waren gefährlich. Niemand kannte einen Weg hindurch- bisher jedenfalls. Sie folgten der Spur tiefer in die Sümpfe hinein.
Bis Jgor unvermittelt stehen blieb. K’reuk schloss zu ihm auf. Er wollte den Ork schon anschnauzen als ihm der Grund auffiel. Die Spur, der sie gefolgt waren, endete an eben jener Stelle. Mitten in den Sümpfen.
Weit und breit war niemand zusehen.
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Ende, Kapitel 13
© by Alexander Döbber
 
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Kommentare  

Die Frage ist nun, was stimmt wirklich am Orakel? Ist die Weissagung eine geschickt aufgebaute Falle der Krone oder die Wahrheit? Doch das scheint völlig egal zu sein. Alle glauben an Selena. Sehr spannend.

Petra (24.11.2010)

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