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6 Seiten

Nachbarschaftskrieg

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten
Es begann, als diese Familie neben uns einzog. Sie hatten das Haus der alten Jeschke gekauft, nachdem sie in ein Altersheim gezogen war. Frau Jeschke war eine freundliche Frau, ich konnte sie gut leiden, auch wenn ihr fetter Kater ständig unser Rosenbett als Katzenklo missbraucht hatte.

Dann war es mit der Nachbarschaftsidylle vorbei und wir hatten neue Nachbarn.
Familie Hermann. Mann, Frau und zwei Kinder.
Er, lang und dürr, langhaarig und ständig einen grob gestrickten Wollpullover an, selbst als das Thermometer auf vierzig Grad kletterte. Frau Hermann, ebenfalls groß gewachsen und dünn wie ein Besenstiel. Ihre dicke Brille mit den kreisrunden Gläsern war mindestens zehn Zentimeter breiter als der Kopf. Noch heute bekomm ich Alpträume, wenn ich an die lupenartigen Gläser der Brille mit den riesigen Augen denke. Und dieses Gebiss!
Die dentale Ähnlichkeit mit einem Pferd war verblüffend. Die beiden Kinder nannte sie Oliver und Leticia. Bis heute weiß ich nicht, welches von den beiden Kindern der Junge und wer das Mädchen war. Sie hatten beide in etwa gleiches, schulterlanges Haar und trugen stets beigefarbene Klamotten. Wahrscheinlich hatte Frau Hermann die aus irgendwelchem Getreide gestrickt.

Eines Tages war ich mit meiner Tochter im Supermarkt. Weil sie durstig war, kaufe ich ihr so einen kleinen Tetrapack Apfelsaft. Den schlürfte sie mit den kleinem beigelegten Plastikstrohhalm, während ich die Einkäufe im Auto verstaute. Als sie fertig war, brachte ich den Einkaufswagen zurück und warf bei der Gelegenheit den leeren Tetrapack in den Mülleimer, der sich neben dem Eingang des Supermarktes befand.
„Ach..“ hörte ich es hinter mir und drehte mich um.
„Tach auch… Frau…“ sagte ich.
„Hermann“ sagte sie und fing von vorn an:
„Ach.. Sie trennen gar keinen Müll?“
In Wirklichkeit sagte sie nicht Müll, sondern Müühüül.
„Dohoch“ sagte ich und fügte hinzu: „Normalerweise schon, aber ich sehe hier weit und breit nur einen Mülleimer.“
Sie zog eine zusammengefaltete Papiertüte aus ihrer Jackentasche: „Ich habe immer ein Tütchen dabei und trenne dann zuhause.“
Tütchen! Die sagte tatsächlich Tütchen.
„Schön“ sagte ich: „Ich muss dann mal, war nett sie kennen zu lernen.“

Ein paar Tage später, ich lud gerade mit meinen Mann einen riesengroßen Flatscreen , den wir gerade gekauft hatten, aus dem VW-Bus meines Mannes, muss sich die Alte von hinten an mich herangeschlichen haben.
Ich hörte plötzlich ein: „Ach…“ und vor Schreck wäre mir beinahe der Karton mit den megateuren TV-Gerät aus der Hand gerutscht.
„Meine Güte Frau Hermann!“ sagte ich und sie sagte:
„Ach… sie besitzen ein Fernsehempfangsgerät!“
Das „Fernseh“ betonte sie dermaßen bekloppt falsch, dass ich ihr am liebsten gegen das Scheinbein getreten hätte.
„Jetzt vier“ sagte mein Mann: „Jetzt besitzen wir vier“.
„Wir schauen nicht fern. Fernsehen ist gar nicht gesund.“ sagte sie.
„Ach“ sagte ich.
Nachmittags als wir die Post vom Briefkasten reinholten, fanden wir auch einen Zeitungsausschnitt. Der muss schon uralt gewesen sein, denn am Rand konnte man die Hälfte einer Werbeanzeige für Donaurundfahrten erkennen, bei der die Preise noch in D-Mark angegeben waren.
„Das kann nur diese durchgeknallte Alte reingeworfen haben.“ sagte mein Mann.
In dem Zeitungsartikel ging es um Fernsehen und wie schädlich das sei.

Wir kramten sämtliche Werbeprospekte durch, suchten eine Anzeige mit dem größten TV-Gerät was wir fanden, schnitten sie aus und warfen sie bei den Nachbarn in den Briefkasten.

Dann geschah eine Weile nichts. Wir grüßten uns manchmal kurz, wenn wir uns im Garten sahen.
An einem Samstagmorgen um Acht klingelte uns Herr Hermann aus dem Bett.
„Welcher Idiot klingelt jetzt mitten in der Nacht“ sagte mein Mann und quälte sich aus dem Bett.

Herr Hermann hatte uns zu einer Gartenparty eingeladen. „Um sich besser kennen zu lernen“ hatte er gesagt.
„Auf keinen Fall. Das sind Freaks“ sagte ich.
Ich hatte absolut keine Lust, aber mein Mann konnte mich schließlich überreden, während er mir zuzwinkerte:
„Komm schon, das wird bestimmt lustig. Vielleicht sind sie gar nicht so schlimm.“
Punkt um siebzehn Uhr standen wir bei Hermanns vor der Tür und klingelten. Er führte uns durch den Flur und dem Wohnzimmer hinaus in den Garten.
Meine Tochter verschwand mit den beiden Hermann-Kids im hohen Gras des verwilderten Gartens.
Frau Hermann führte uns zu einer Sitzecke.
„Möchtet ihr was trinken?“ fragte sie und schleppte eine große Glaskaraffe heran.
Die Farbe des Inhaltes erinnerte mich an den Inhalt des Töpfchens, das meine Tochter benutze, als sie zwei Jahre alt war. In der gelblich, trüben Brühe schwammen undefinierbare Brocken herum.
„Selbst gemachte Limonade“ sagte sie stolz.
„Ach…“ sagte ich „Gibt’s kein Bier?
Das schien sie zu überhören und goss uns die Gläser voll.
„Früher war mehr Sprudel“ sagte mein Mann und zeigte mit ausgestrecktem Arm in Richtung der zahlreichen Windräder am Horizont. Als sich Herr und Frau Hermann umdrehten, kippte mein Mann blitzschnell die „Limonade“ in das hohe Gras und sagte: „Ist das nicht romantisch, saubere Energie.“
Die beiden Hermanns nickten zufrieden.
Keine zwei Sekunden später, bemerkte Frau Hermann das leere Glas meines Mannes.
„Wusste ich‘s doch, dass euch meine Limonade schmeckt.“
Und ehe mein Mann reagieren konnte, goss sie ihm das Glas wieder voll. Ich musste mir das Lachen verkneifen, als ich sah wie mein Mann angewidert den Mund verzog.
„Bisschen Musik wäre nicht schlecht“ sagte er.

„Später.“ sagte Frau Hermann: „Mein Mann holt später die Gitarre raus. Er ist ein richtiger Künstler, stimmt‘s Heinz?“

Wir saßen eine Weile schweigend da, dann sprang Heinz auf und sagte: „Es ist Zeit den Grill anzuwerfen.“
Er verschwand in der Garage und kam nach fünf Minuten wieder.
Mir schwante Böses als ich sah, wie Heinz einen winzigen Elektrogrill und ein Verlängerungskabel anschleppte.

Plötzlich kam meine Tochter aus dem zwei Meter hohen Gras angerannt und sagte:
„Ich mag nicht mehr mit den Kindern spielen. Die riechen komisch.“
Weil ich vor Lachen losprusten musste, täuschte ich schnell einen Hustenanfall vor.
„Na Schatz? Zu gierig die leckere Limonade rein gekippt?“ sagte mein Mann und fügte hinzu:
„Die ist aber auch lecker. Sie müssen uns unbedingt das Rezept verraten.“
„Sag doch Du, ich bin Renate.“
Ich wischte mir die Tränen aus den Augen.
Renate verschwand im Haus und kam nach einer gefühlten Ewigkeit mit einem großen Teller wieder.
Darauf befanden sich unzählige Schaschlikstäbchen mit aufgespießtem Gemüse.
„Ach..“ gibt’s kein Fleisch? sagte ich.
„Nein, das ist doch ungesund“ sagte sie lachend.
Das Nein klang wie das Wiehern eines Pferdes. Pünktlich zum Einbruch der Dämmerung hatte es der Elektrogrill geschafft, das Gemüse auf Zimmertemperatur zu erwärmen.
Renate zündete eine Kerze an und stellte sie in die Mitte des Tisches.
„Ach.. keine LED-Kerze?“ sagte ich.
„Naja… “ sagte sie verlegen: „heute mal ausnahmsweise… zur Feier des Tages.. Aber es ist eine echte Bienenwachskerze.“
Viel Licht machte die Kerze nicht, aber die Dunkelheit hatte den Vorteil, dass ich unbemerkt die harten Kohlrabibrocken ins Gras spucken konnte.
Nach dem Essen machte Renate die Drohung wahr: „Schatz, hol doch mal die Gitarre.“
„Gern“ erwiderte er.
Die nächsten zwei Stunden mussten wir uns schief gesungene Countrysongs anhören, während ich alle paar Minuten einnickte.
Kurz nach Mitternacht waren wir endlich erlöst. Wir gingen nach Hause und ich brachte unsere Tochter gleich ins Bett. Mein Mann verschwand im Badezimmer und als er wieder rauskam, sah er total fertig aus.
„Ich hab gekotzt wie noch nie im Leben“ sagte er: „Entweder war es die Limonade oder das Zeug auf den Spießen.“
Als wir im Bett lagen sagte er: „Du hattest Recht, es sind Freaks und die sind noch schlimmer als schlimm. Die müssen weg!“
„Hmm… wir wollten ja sowieso die alte Klärgrube zuschütten..“ sagte ich nachdenklich:
„Aber was machen wir mit den Kindern… die können wir doch nicht auch…“
Mein Mann schaltete die Nachttischlampe an und sagte entsetzt:
„Das meinte ich doch nicht! Herrgott nochmal. Mit weg meinte ich doch nicht umbringen!“
„Ach…“ sagte ich.
„Ich auch nicht, war doch nur ein Scherz“ sagte ich schnell.

Eine Woche später kam mein Mann statt mit seinem VW-Bus mit einem mordsmäßig großen Auto angefahren. Er musste halb auf dem Gehweg parken, so breit war die Karre.
„Was ist das denn?“ fragte ich empört.
„Das ist ein Hummer“ sagte mein Mann stolz.
Jetzt kamen auch die Hermanns aus ihrem Haus.
„Ach.. Sie fahren einen Diesel?“
Das „Diesel“ zog sie lang und betonte es dermaßen seltsam, dass ich mich nicht zurück halten konnte und sagte:
„Ach… Sie tragen heute Jutesäcke. Das ist ja ein hübsches Kleid.“ Das „hübsches“ zog ich sehr lang.
„Ja“ sagte mein Mann: „zwanzig Liter Diesel auf 100 Kilometer.“ und grinste sie dabei an.
„Was wollt ihr denn mit der Mördermaschine?“ fragte Heinz.

„Wir fahren immer ans Meer um Plastikstrohhalme reinzuwerfen. Mit den Hummer braucht man nicht mal mehr aussteigen, man kann bis ans Wasser ranfahren, der wühlt sich problemlos am Strand durch den Sand.“
Frau Hermann schaute uns grimmig an und ihrem Mann klappte die Kinnlade herunter.

„Wollt ihr mal mit? Wir haben noch Plätze frei, ist immer ein Mordsgaudi.“ ätzte mein Mann weiter.
„Wir könnten auch paar Tütchen reinwerfen, aus Plastik.“ fügte ich hinzu.

Die beiden verschwanden wortlos in ihrem Haus.
Zwanzig Minuten hielt das Ordnungsamt vor unserer Tür und klemmte ein Knöllchen hinter den Scheibenwischer des Monsters.
Parken auf dem Gehweg. Dreißig Euro Bußgeld.
Mein Mann war außer sich und schrie: „Na warte!“
„Denk dran, wir haben noch die Klärgrube.“ sagte ich.
Mein Mann winkte ab und verschwand in der Garage.

Als er wieder kam setzte er sich grinsend aufs Sofa und schaltete unseren großen neuen Flatscreen ein.
Am nächsten Morgen wurden wir durch Sirenengeheul geweckt. Zwei große Feuerwehrautos standen vor dem Haus der Freaks.
„Hast du etwas damit zu tun?“ fragte ich vorsichtshalber. Mein Mann grinste nur.
Jetzt bekam ich langsam Angst: „Du hast denen doch nicht etwa was angezündet?“
„Im Gegenteil“ sagte er.
Er beichtete mir freudestrahlend, dass er unseren Gartenschlauch durch den Zaun der Nachbarn gesteckt hatte und das Wasser den halben Tag und die ganze Nacht laufen ließ. Das Wasser hatte den abschüssigen Garten der Nachbarn überflutet und war über die Terrasse bis ins Haus gelaufen.
„Keine Sorge“ sagte er: „Den Schlauch können die unmöglich gesehen haben. Du weißt ja wie hoch das Gras bei denen steht.“

Ich rannte in den Garten. Das geht zu weit, dachte ich. Als ich das Aussaß sah, war ich fassungslos. In der Wiese schwamm tatsächlich eine Ente!
Frau Hermann stand auf der Terrasse. Ein dicker Schlauch führte vom Wohnzimmer hinaus, um das Haus herum zu einem Gully.
Plötzlich stand mein Mann neben mir und rief laut, um das Pumpengeräusch zu übertönen, zu Frau Hermann:
„Ach.. Ihr habt euch einen Teich angelegt?“

Am nächsten Morgen waren die Reifen des Hummers zerstochen und Frontscheibe eingeschlagen.

Sei dem zeigten wir uns regelmäßig gegenseitig an und trafen uns hin und wieder vor Gericht.

Langsam wurde unser Geld knapp. Als mein Mann dann auch noch auf die Idee kam, unsere Tochter für ein paar Tage zu den Großeltern zu schicken und die Polizei anrief und behauptete die Nachbarn hätten unsere Tochter entführt, rückte tatsächlich ein Sondereinsatzkommando bei den Hermanns an und stellten die komplette Bude auf den Kopf. Sogar die Terrasse, die sie wegen der Überflutung gerade erst neu betoniert hatten, wurde wieder aufgerissen. Schon nach 48 Stunden flog die Sache auf, mein Mann bekam zwei Jahre auf Bewährung. Die Kosten für den Polizeieinsatz, der Strafe und den Schaden beliefen sich auf 180.000 Euro. Wir verkauften beide Autos und nahmen eine Hypothek auf unser Haus auf.
Wir kauften ein gebrauchtes Fahrrad.
Die Jahre vergingen.
Als ich eines Tages zwei vollbeladene Einkaufstüten mit dem Rad nach Hause schob, traf ich Frau Hermann.
„Ach… du fährst jetzt Fahrrad“ sagte sie.
„Ach.. dein Mann vögelt neuerdings die Briefträgerin?“ entgegnete ich. Natürlich war es eine Lüge, aber meine Worte schienen sie wie ein Schlag zu treffen.
Keine zwei Minuten später hörte ich einen lautstarken Streit aus dem offenen Küchenfenster der Hermanns. Zufrieden ging ich ins Haus und berichtete meinen Mann von meinem Sieg.
Mein Mann lobte mich für meinen Einfallsreichtum.
Meine Tochter, die inzwischen sechszehn war, trat plötzlich ins Wohnzimmer. Sie hatte alles mit angehört und sagte: „Ihr seid Freaks! Mit euch will ich nicht länger unter einem Dach leben!
Und damit ihrs wisst, ich bin schwanger.“
Ich und mein Mann sahen uns fassungslos an.
„Oliver ist der Vater.“
Das hätte sie besser nie gesagt. Nicht der Oliver. Nicht der Nachbarsjunge der durchgeknallten Ökofamilie!
„Wie bitte?!“ schrie mein Mann.
Meine Tochter rannte aus dem Haus.

Rückblickend kann ich sagen, dass mir der Umzug gut getan hat. Ich wohne jetzt in der Forensik der geschlossenen Abteilung des Südklinikums, nachdem ich mit meinem Mann in das Haus der Nachbarn eingedrungen war. Mit vorgehaltener Spielzeugpistole hatten wir die komplette Familie gezwungen, in unsere leere Klärgrube zu steigen und während ich sie weiter in Schach hielt, begann mein Mann die Grube zuzuschaufeln.
Hätte mich diese verdammte Wespe nicht gestochen, wäre mir die Pistole nicht aus der Hand gefallen. Sie fiel in die Grube hinein. Heinz hob sie auf und seine Frau sagte:

„Ach… die ist ja aus Plastik!“
 
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Kommentare  

Herrliche Verar...ung der Öko-Manie! Was hab ich gelacht.

Stefan Steinmetz (14.10.2019)

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