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Mission Titanic - Kapitel 16

Romane/Serien · Fantastisches
Kapitel 16 – Die Zeitmaschine

Samstag, 13. April 1912

Am späten Abend hatte sich die See wieder zunehmend beruhig. Abermals war es eine sternenklare Nacht und zudem sank die Lufttemperatur erstmal bis unter dem Gefrierpunkt. Als sich das Schiff südöstlich von Neufundland näherte, erhielt die Titanic stündlich weitere Eisbergwarnungen. Diese lebenswichtigen Nachrichten wurden von den Funkern Harold Bridge und Jack Phillips allerdings erst nach ihrer Dienstschicht zur Brücke überbracht, also einige Stunden später, weil sie hauptsächlich damit beschäftigt waren, unzählige Urlaubsgrüße der Passagiere per Telegramm zu übermitteln. Die zahlreichen Eisbergwarnungen, die ständig eingingen, wurden einfach nicht mehr ernst genommen.
Die Titanic befand sich nun seit vier Tagen auf hoher See; die anfänglichen Bedenken waren bei fast allen Besatzungsmitgliedern längst verflossen, weil tagsüber hin und wieder mal Eisberge gesichtet wurden und man sich sicher war, dass aufgrund der Dimension des Schiffes, jedes Objekt, selbst in der Nacht, rechtzeitig geortet werden könnte.
Während die Titanic mit Volldampf durch ein Territorium des Nordatlantiks steuerte, wo die vereisten Kolosse zu dieser Jahreszeit zahlreich herumtrieben, wurde in allen Klassenschichten ausgelassen gefeiert. Unten aus der Mannschaftsunterkunft der Dritten-Klasse drang keltische Folk Musik hervor, gespielt mit Dudelsäcke, Geigen und Handtrommeln, die man sogar bis zum C-Deck hören konnte. Und aus dem Rauchersaloon der Ersten-Klasse vernahm man die Musik des Orchesters, die vorzugsweise Mozart, Johann Strauss und zur späten Abendstunde sogar Richard Wagner oder Beethoven spielten. Besonders war es am Abend angenehm, draußen auf dem Promenadendeck zu spazieren, denn dann konnte man die klassische Musik genießen, während man zugleich das einzigartige Panorama des endlosen Ozeans bestaunen konnte. Aber jetzt in der vierten Nacht der Übersee waren die abendlichen Spaziergänge deutlich weniger geworden, als die Abende zuvor. Der Hauptgrund dafür waren sicherlich die zunehmenden frostige Temperaturen, aber möglicherweise auch, weil diese Kreuzfahrt zur Gewohnheit wurde und das Meer die Leute nicht mehr gar so faszinierte, wie anfangs. Die Passagiere, sowie auch die Besatzung, fühlten sich auf der Titanic sicher, wie in Abrahams Schoß. Selbst diejenigen, die im beinahe Zusammenstoß des Passagierschiffes New York in Southampton ein schlechtes Omen erkannt zu glaubten, hatten sich längst wieder beruhigt. Alle Lichter leuchteten aus den Bullaugen des Schiffes, diese sich auf dem schwarz schimmernden Meer widerspiegelten.

Kapitän E.J. Smith stand auf der Kommandobrücke und überblickte mit einem Fernglas das pechschwarze Meer. Er grummelte etwas und legte es beiseite, schaute weiter ernst in die Finsternis und kraulte sich nachdenklich seinen gepflegten, weißen Bart. Der Erste Schiffsoffizier William Murdoch schaute grad auf seine silberne Taschenuhr. Sein Ehering haftete wieder an seinem Ringfinger. Er seufzte erleichtert und klappte seine Taschenuhr zu.
„Mister Lightoller“, sprach der Kapitän mit knurriger Stimme, wobei er immer noch durch die riesige Fensterreihe der Kommandobrücke in die Dunkelheit starrte. „Hiermit überlasse ich Ihnen das Kommando über die RMS Titanic.“
Charles Lightoller verschränkte die Arme hinter seinen Rücken, nahm eine militärische Haltung an und räusperte sich.
„Captain, Sir. Es sind wieder neue Eisbergwarnungen eingegangen. Wäre es nicht ratsam, die Geschwindigkeit zu drosseln? Heute Nacht oder spätestens morgen früh könnten wir auf Eis treffen, Sir.“
Der Kapitän wandte sich seinem Zweiten Offizier zu, blickte ihm ernst in die Augen und schüttelte leicht mit dem Kopf.
„Mister Ismay wünscht, dass wir so schnell wie möglich New York erreichen. Erst wenn der Ausguck Sichtkontakt mit einem Eisberg meldet, hätte ich ein Argument ihn zu überzeugen, dass wir mit halber Kraft voraus fahren müssen.“ Er atmete einmal kräftig durch und lächelte kurz. „Wir werden die Höchstgeschwindigkeit beibehalten, damit wir so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone herauskommen“, sagte er, woraufhin aus einigen Mündern sachtes Gelächter erklang. Dann griff er sich kurz an seine Kapitänsmütze und blickte seine Mannschaft an. „Falls nach mir verlangt wird … Mister Murdoch und mich wird man im Speisesaal der Ersten-Klasse vorfinden. Meine Herren, ich wünsche Ihnen einen angenehmen Nachtdienst. Seien Sie nur auf der Hut und halten Sie die Augen offen. Es wird schon schief gehen“, sagte er und zwinkerte seiner Crew freundschaftlich zu.
Der Zweite Schiffsoffizier Charles Lightoller, sowie alle anderen anwesenden Offiziere, salutierten und antworteten zugleich: „Aye-Aye, Sir!“
Dann verließ der Kapitän gemeinsam mit Mr. Murdoch die Kommandobrücke.

Die drei Geheimagenten, Ike, Piet und Marko hockten in ihrer Kabine am Wohnzimmertisch, wobei Ike mit überschlagenen Beinen im Sessel saß, sich seine Augen massierte und nachdachte. Es war beinahe totenstill in der Kabine. Nur das Ticken der Wanduhr und das knisternde Kaminfeuer waren zu hören, und weil ein Bullauge geöffnet war, vernahmen die Herrschaften zusätzlich das Rauschen des Meeres.
Piet Klaasen hatte seine EM23 Schnellfeuerwaffe auseinandergenommen, um sie zu reinigen. Die Einzelteile lagen ordentlich auf dem Tisch, während er den Schussbolzen konzentriert einölte. Marko Rijken lümmelte auf der Couch und blickte verdrossen drein. Die Warterei, bis es endlich zu der lang ersehnten Übergabe kommen sollte, war für den Zweiunddreißigjährigen beinahe unerträglich geworden. Ständig holte er seine Taschenuhr hervor, klappte sie auf und brummelte etwas Niederländisches vor sich hin.
„Mach mal einer das scheiß Fenster zu. Ich kriege langsam kalte Füße!“, moserte Marko.
Piet verzog seine Schnute, stand auf und verschloss das Bullauge.
„Wünscht der Herr sonst noch was?“, fragte Piet ironisch.
Marko nickte.
„Wenn du schon so nett fragst – eine schöne heiße Bouillon wäre jetzt nicht schlecht“, grinste er verschmitzt, wobei er mit seinen Augenbrauen zuckte.
Piet starrte ihn wortlos an, als würde er ihn umbringen wollen und widmete sich wieder kopfschüttelnd seiner zerlegten Pistole zu. Ike runzelte die Stirn, holte einmal tief Luft und unterbrach die gähnende Stille. Während er seinen Plan erläuterte, behielt er dabei seine Augen geschlossen und gestikulierte nur mit seinen Händen.
„Okay, Leute. Gehen wir`s nochmal komplett durch. Die Corbusiers sind eingeweiht. Sie werden sich nach dem Dinner, um 19:30 Uhr, zum Rauchersaloon begeben und Misses Ruthmilda Carter vorerst von ihrem Dienst befreien. Ab diesen Moment wird Piet das Fräulein nicht mehr aus dem Auge lassen, falls sie die Suite verlassen sollte. Unauffällig, selbstverständlich. Marko und ich werden uns dann zum Achterdeck begeben und dafür sorgen, dass das komplette Poopdeck spätestens ab 21:15 Uhr geräumt ist. Es dürfen bei der Übergabe keinesfalls Zeugen anwesend sein. Wir werden dann …“
„Das haben wir jetzt schon tausendmal durchgekaut, und immer wieder präsentierst du uns eine abgeänderte Version deines Plans. Letztendlich kommt aber immer dasselbe heraus“, unterbrach Marko ihn gereizt, setzte sich aufrecht hin und gab ihm einen Klaps, woraufhin Ike seine Augen aufmachte und ihn anblickte.
„Wir können nur hoffen, dass die Mistkerle sich nachher auch tatsächlich blicken lassen. Möglicherweise beobachten sie uns und wissen längst, dass Ruthie mit uns zusammenarbeitet. Erläutere uns mal lieber deinen Plan B, falls sie uns durchschaut haben und gar nicht zur Übergabe erscheinen.“
Ike zuckte mit seinen Schultern.
„Das war Plan ABCD. Kapiert? Wenn dir das nicht passt, Rijken, dann hör endlich auf rumzustänkern und streng dein helles Köpfchen selber an. Sinniere doch mal intensiv“, spottete er, „vielleicht erlebst du ja wieder so ein Déjà-vu und kannst uns die perfekte Vorgehensweise präsentieren.“
„Leck mich“, konterte Marko beleidigt. Mittlerweile war es ihm etwas peinlich geworden, dass er ausgerechnet Ike offenbart hatte, ein Déjà-vu erlebt zu haben und obendrein behauptet hatte, dass die Mission Titanic möglicherweise gescheitert und dies praktisch der zweite Versuch wäre.
„Schön, dass wir uns endlich mal unterhalten, ihr zwei Alphamännchen. Aber es sind keine Mistkerle“, funkte Piet dazwischen, während er mit einem Tuch die Einzelteile seiner Waffe geduldig säuberte. „Sondern, es sind Mistweiber. Und zwar drei davon. Da gibt es einmal laut Ruthie die alte Dame, die ständig in Begleitung einer wesentlich jüngeren Frau ist. Sie sollen miteinander sehr vertraut wirken und unzertrennlich sein, so, als wären sie Großmutter und Enkelin. Ihre Funktionen sind nicht bekannt. Und da gibt es noch diese exotische Schönheit namens Naomi. Sie war bislang Ruthies Kontaktperson und hatte ihr alle Anweisungen erteilt. Diese Naomi wird es demnach sein, die unseren Beamer entgegen nimmt.“
„Aber die eigentlichen Anweisungen erteilt scheinbar ein adretter Herr, mit einer außergewöhnlichen Haarfrisur und möglicherweise geliftetem Gesicht. Misses Carter erzählte mir nämlich, dass dieser Mann mindestens über sechzig Jahre alt sein müsste, aber sein Gesicht ungewöhnlich jung aussehen würde. Unnatürlich jung“, betonte Ike. „Misses Carter hat zudem ausgesagt, sie vermutet, dass insbesondre die drei Frauen menschenscheu wären. Sobald sie mehr als eine Handvoll Leute erblicken, würden sie ohne weiteren Kommentar verschwinden. Darum ist umso wichtiger, dass bei der Übergabe sich niemand auf dem Poopdeck aufhält. Sie müssen sich unbedingt absolut sicher fühlen.“
„Menschenscheu“, wiederholte Marko abfällig. „Ja, ja, das sind die einzigen Informationen, die wir von einer wildfremden Akteurin zugesteckt bekamen“, antwortete er verärgert. „Wieso vertraut ihr diesem Luder? Sie hatte nicht nur den Schneid, in die Kabine eines Schiffsoffiziers einzubrechen, sondern hatte sogar für ihre eigenen Zwecke gestohlen. Dieses kleine Früchtchen hat es faustdick hinter den Ohren. Wieso erkennt ihr das nicht? Was ist, wenn sie auch ein TT ist und zu der Bande dazugehört? Ihre Informationen könnten nur einen einzigen Zweck erfüllen, nämlich, uns in die Irre zu führen. Schon mal drüber nachgedacht?“, fragte Marko provozierend. „Denkt doch mal nach. Allein nur ihre Aussage, dass diese Naomi eine exotische Schönheit ist kann davon ausgegangen werden, dass sie eine Farbige ist. Vielleicht sollte ich euch erinnern, dass wir uns im anfänglichen Zwanzigsten Jahrhundert befinden und so einer Frau nicht einmal gestattet wird, frei herumzulaufen. Und erst recht nicht auf der Titanic, auf dem zurzeit luxuriösesten Schiff der Welt. Aber bis jetzt redet niemand von diesen äußerst auffälligen Personen. Niemand hat sie bislang gesehen. Vielleicht existieren sie gar nicht. Ruthie hat uns vielleicht nur was vorgelogen, weil sie eine kleine diebische Elster ist und ihre eigene Haut retten will. Wir vergeuden nur unsere wertvolle Zeit mit ihr.“
„Marko, ein TT ist ebenfalls ein Zeitreisender. Sie wissen also genau, wie sie sich tarnen müssen. Im Augenblick stehen uns nur die Informationen einer Akteurin zur Verfügung, und die sind eine ganz heiße Spur. Ein TT benutzt oftmals die Akteure, um sein Ziel zu erreichen. Das hatte ich damals in meiner Belfast Mission mit Bugsy erlebt. Aber letztendlich war er auf meiner Seite gewesen“, konterte Ike.
„Trotzdem. Wir sind etliche Male gemeinsam die Passagierliste durchgegangen, aber du, Ike, genauso wie die Corbusier hattest bestätigt, dass sich alle historischen Personen an Bord befinden. Irgendwelche fremde Namen hätte zumindest diese biestige Mademoiselle ganz sicher aufgestöbert. Ich sag euch was. Das Fräulein Ruthie verarscht uns nach Strich und Faden. Vielleicht ist die Übergabe sogar eine Falle!“, warnte Marko.
„Ruthie ist kein TT! Sie ist hundertprozentig keine Verräterin! Sie hat sich für uns entschieden. Dafür bürge ich sogar mit meinem Leben! Du Marko, du als alter Hase müsstest doch erkennen, dass sie die Wahrheit spricht! Wahrscheinlich fungieren Oma und Enkelin als Naomis Herrin. So, jetzt hast du deine Erklärung!“, fauchte daraufhin Piet über den Tisch. Dann schraubte er zornig seine Pistole wieder zusammen. Er kontrollierte das Magazin, ob das grüne Lämpchen leuchtete. Er steckte das Magazin in den Pistolenkolben, ließ es einrasten und entsicherte die Waffe. Seine EM23 war nun mit Betäubungsschuss geladen.
Marko winkte ab und grinste.
„Ist mir schon klar, dass du Schnurzelpurzel in Schutz nimmst. Du bist ja auch verknallt in die Tussi. Tut mir Leid, aber deine Meinung schätze ich nicht mehr als objektiv ein.“
Als Piet sich erneut zu verteidigen versuchte, stand Ike plötzlich aus dem Sessel auf und klatschte energisch in die Hände, weil er die Streitereien zwischen seinen Kollegen satt hatte. Jegliche Debatte führte ohnehin zu nichts mehr, weil in wenigen Stunden einiges entschieden werden würde.
„Schluss jetzt mit eurer Hühnerkacke! Wenn wir die Nerven verlieren und uns weiterhin gegenseitig zerfleischen, verschaffen wir dem TT bloß einen Vorteil. Wir haben keine Funkverbindung zur Sicherheitszentrale, also werden wir nicht wissen, was auf uns zukommt. Wir müssen cool bleiben, überlegen und die Augen aufhalten. Bei der Übergabe knipsen wir die Kontaktperson mit einem sauberen Betäubungsschuss aus. Dann werden wir weitersehen.“
„Dein Beamer funktioniert doch. Du könntest die Sicherheitszentrale kontaktieren“, sagte Piet. Ike jedoch schmetterte seinen Vorschlag sofort ab.
„Kommt überhaupt nicht in Frage. Dann werden sie auf meinen Transmitter zugreifen können, die Daten analysieren und letztendlich wissen, wohin ich mich teleportieren werde. Dann hätte ich mir die Mühe genauso gut sparen können, um an diesen Zahlencode zu gelangen. Wie oft soll ich dir es noch erklären? Das SEK darf sich in meine Angelegenheit keinesfalls einmischen! Falls mein anderes Ich in der Belfast Mission drauf gehen sollte, würde es eine Kettenreaktion auslösen und ein Zeitparadox würde entstehen. Und United Europe könnte vernichtet werden! Raff es doch endlich mal!“, schnauzte Ike.
„Das ist bloß eine Theorie. Ich glaube, dass nur deine gegenwärtige Präsenz sterben würde. Meine Meinung ist, dass du dich für diese Mission opfern solltest“, schlug Piet frivol vor.
Ike zeigte ihm einen Stirnvogel.
„Wenn ich mich opfere, sterben gleichzeitig Eloise, meine Mutter und Nicole. Sicher, es ist nur eine Theorie. Jedoch bin ich nicht besonders erpicht darauf, die Wahrheit herauszufinden. Du etwa? Willst du herausfinden, ob bei einem Zeitparadox die Welt tatsächlich untergehen wird oder doch nicht?“, fragte er provokant.
Piet hielt daraufhin seinen Mund und schmollte.
Ike blickte wiedermal auf seine Taschenuhr.
„Okay, es ist Zeit. Marko, du kommst jetzt mit mir und Piet, du observierst die Carter. Habt ihr sonst noch irgendwelche dummen Fragen parat? Falls nicht würde ich euch jetzt bitten, dass wir losmarschieren und unsere Mission erfüllen. Und zwar erfolgreich! Los geht’s!“, posaunte er motivierend hinaus und klatschte mit seinen Kollegen ab.
Als Ike grade zur Tür stolzierte, meldete sich Marko nochmals zu Wort.
„Doch, ich habe noch ein klitzekleines Anliegen. Wie sollen wir die TTA-Kunden, die Corbusiers, überhaupt anreden? Ich sehe nicht ein, dass ich sie ständig mit Monsieur und Madame betiteln soll. Jedenfalls nicht, wenn wir unter uns sind. Gut, er heißt Jean, wie wir mittlerweile alle wissen. Doch wie soll ich Cherie anreden? Wie heißt diese Bitch überhaupt?“, fragte Marko gehässig. Piet stellte sich neben Marko, lehnte seinen Arm auf seine Schulter und nickte.
„Ja, genau, wie heißt Cherie? Auch ich will sie bei ihrem Namen nennen.“
Ike hielt bereits den Türknopf in seiner Hand, blieb dann stehen und schaute beide an. Dann lächelte er.
„Madame Corbusier, sie wünscht unbedingt Marlene genannt zu werden“, antwortete er grinsend und verheimlichte ihnen obendrein, dass Mara sogar die Tochter von Henry ist.
„Aha … Marlene, also“, entgegnete ihm Marko nachdenklich und blickte Piet dabei an. Piet erwiderte ebenfalls nickend.
„Okay. Jetzt wissen wir endlich, dass Cherie eigentlich Marlene heißt. Bedeutet Cherie nicht Kirsche? Dann ist sie aber eine saure Kirsche“, kicherte Piet.
„Nein, du darfst es nicht mit Cherry verwechseln, Präsident Junior. Cherie bedeutet: Liebes“, erklärte Ike. Für einen kurzen Augenblick musste er an Eloise denken, wurde aber sogleich wieder aus seinen Gedanken gerissen.
„Nur ein Trottel nennt seine Frau Liebes, weil sie eigentlich die Hosen anhat und er sich freiwillig unterwirft“, prustete Marko. „Stimmt`s, Ike? So ist es doch. So schätze ich diesen Schlappschwanz Jean auch ein.“
Ike jedoch griente nur.
„Jungs, nennt die saure Kirsche einfach Marlene. Dann ist sie glücklich und alles wird gut.“
Er öffnete die Kabinentür und bat seine Kollegen mit einer höflichen Handbewegung hinaus.

Piet Klaasen setzte sich sofort seine Nickelbrille auf und aktivierte die Navigation. Obwohl er sich auf der Titanic mittlerweile gut auskannte, wollte er auf dieses digitale Hilfsmittel trotzdem nicht verzichten. Nachdem die Stewards ihre Trompeten gezückt und einen Kavaliersmarsch zum Dinner geblasen hatten, hatte er Ruthie in dem Menschenandrang aufgespürt, sie in ihrer Freizeit heimlich verfolgt und sie observiert.
Piet beobachtete, dass das junge blonde Fräulein sehr ausgelassen war, sie unbekümmert in der Boutique des Schiffes herumstöberte, sich einige Kleider anprobierte und diese sogar kaufte. Piet, versteckt hinter Marmorsäulen, runzelte die Stirn und überlegte, wie sich ein Dienstmädchen solche teure Kleider anschaffen könnte, zumal sie ihm ohnehin gebeichtet hatte, sie sei mittellos. Ruthie hätte sich in ihrer momentanen Situation eher ängstlich und zurückhaltend verhalten müssen, dachte er verwundert. Er war eher davon ausgegangen, dass sie sich bis mindestens 21 Uhr in ihrer Kabine verstecken würde, wie es eigentlich auch so abgesprochen war, doch stattdessen präsentierte sie sich in der Öffentlichkeit, als wäre nichts geschehen. Hatte Marko etwa Recht mit seiner Vermutung, dass sie auch ein TT war? Das sie zumindest für die Saboteure weiterhin arbeitete?
„Scheiße, verdomme!“, fluchte Piet, als er sich hinter einer riesigen Topfpalme verdeckt hielt. „Ruthie, tu mir das bitte nicht an. Sei bitte keine Verräterin.“
Er konnte nicht anders. Obwohl es gegen die Absprache war und er sie eigentlich nur observieren sollte, musste er sie unbedingt konfrontieren.
Piet befand sich gerade auf dem A-Deck des Luxusliners, dort sich ausschließlich die Erste-Klassen-Passagiere und deren Bediensteten aufhielten. Außer der exklusiven Schneiderei befanden sich in diesem Abteil noch weitere Souvenirgeschäfte. Außerdem, weil es mittlerweile schon 20:30 Uhr und der Dinner vorüber war, herrschte dort ein beachtlicher Menschenauflauf. Piet hatte seine Last, sich durch unzählige Menschen zu drängeln und musste sich etliche Male entschuldigen, um Ruthie nicht aus den Augen zu verlieren. Sie schlenderte mit ein paar Einkaufstüten sorglos durch die Menge. Schließlich erhaschte er sie und zog an ihrer Schulter.
„Sag mal, was treibst du hier eigentlich? Bist du denn von Sinnen? Es war abgemacht, dass du so lange in deiner Kabine bleibst, bis die Übergabe erfolgt. Du-du bringst unsere Mission in Gefahr! Du-du bringst dich selber in Gefahr! Weißt du eigentlich, dass meine Kollegen, Marko Rijken und van Broek, die du fürchtest, dir eigentlich gar nicht vertrauen? Du solltest … verdammt nochmal, du solltest dich eigentlich erst kurz vor der Übergabe blicken lassen!“, stammelte Piet, wobei er dezent an ihrem Arm rüttelte.
Ruthmilda Carter war völlig überrascht, als Piet sie am Arm herumzerrte und sie zurechtwies. Während sie ihm flüsternd antwortete, blickte sie nervös umher und pustete sich eine Locke aus ihrem Gesicht.
„Piet, was machst du denn hier? Verschwinde, du Narr!“, fauchte sie ihn an, und schaute sich sogleich wieder hektisch um. „Die alte Dame und die Jüngere sind hier irgendwo auf der Lauer und beobachten mich! Ich … ich muss Kleider für sie besorgen. Du vermasselst alles. Geh weg, verschwinde!“, zischte sie ihn an.
„Ich ähm … ich bin aber besorgt um dich. Wirst du uns wirklich helfen? Sag mir bitte die Wahrheit, Ruthie!“
„Es gibt keinen Grund, dass du dich um mich sorgst! Ich kann selber auf mich aufpassen! Hau ab!“, fauchte sie wütend.
Dann nahm Ruthmilda seine Hand, riss sich los und verschwand mit erhobenem Haupt in der Menschenmenge. Piet hielt sich seine Faust vor dem Mund, räusperte sich und blickte unauffällig umher. Doch er konnte keine ältere Dame erblicken, die gemeinsam mit einer jüngeren Frau zusammen stand. Nirgendwo. Aber es waren auch viel zu viele Menschen anwesend, um selbst ein bekanntes Gesicht unter ihnen zu erkennen.
„Wieso Kleider kaufen? Was soll das? Langsam kommt mir das auch komisch vor“, brummelte er. Piet tauchte ebenfalls in der Menschenmenge unter und versuchte die Verfolgung wieder aufzunehmen.

Derweil liefen Ike und Marko auf dem Promenadendeck entlang. Sie trugen Mäntel, denn es war bitterkalt. Ihr Atemhauch war sichtbar während sie sich unterhielten. Die Lichter, die aus den unzähligen Fenstern herausschienen, erhellten die überdachte Promenade. Als sie stehen blieben, sich aus der Fensteröffnung des Promenadendecks herauslehnten und auf das dunkle Meer schauten, rieben sie ihre Hände und hauchten sie an. Ike drehte sich eine Zigarette und rauchte.
„Glaubst du wirklich, dass das Dienstmädchen für die TT`s tätig ist?“, fragte Ike besorgt.
„Keine Ahnung, was ich glauben soll. Du weißt ja mittlerweile selber, dass ein TT einen Akteur für seine Zwecke gerne benutzt. Es ist immer nur eine Sache der Verhandlung, um einen verräterischen Akteur letztendlich für sich zu beanspruchen. Ich kenne das aus meinen Missionen im Mittelalter, wobei es immer um Leben oder Tod ging. Oftmals hatte schon ein halber Silberling gereicht, um dessen Loyalität zu gewinnen. Und wenn der Feind ihm einen ganzen Silberling versprach, also nicht einmal Gold, hatte man einen loyalen Verräter im Nacken und musste fürchten, im Schlaf ermordet zu werden. Daher vertraue ich keinem Akteur. Die Akteure sind allesamt bestechlich“, erklärte Marko verachtend. „Die TT`s reisen ebenfalls durch die Zeit und sind uns oftmals einen Schritt voraus. Eine Zeitmanipulation muss sehr gut organisiert und vorausschauend geplant werden. Sie werden demnach vermutlich wissen, dass wir hier sind und uns auf ihre Kontaktperson konzentrieren. Sie können das Geschehen also vorhersehen. Die Übergabe könnte tatsächlich eine Falle sein. Ruthie muss nicht unbedingt eine Verräterin sein, aber sie wird zumindest von ihnen benutzt, sodass wir letztendlich glauben, sie wäre eine“, erklärte Marko.
Ike rauchte und blickte nachdenklich auf das pechschwarze Meer hinaus. Fröhliches Gelächter und eine aufmunternde Musik, von einem Piano gespielt, waren zu hören. Die Zigarette wackelte in seinem Mundwinkel, während er sich mit verschränkten Armen gegen die Fensteröffnung herauslehnte und sprach.
„Ich hatte mich früher gemeinsam mit François über dich immer lustig gemacht, weil man dich ausschließlich ins frühe Mittelalter beordert hatte. Aber nun scheint es so, dass ich von deiner Erfahrung profitiere. Eher gesagt, dass unsere Mission davon profitiert. Was sind das für Erinnerungen, die dich ständig heimsuchen? Was denkst du, haben sie zu bedeuten?“
„Ich weiß es selbst nicht genau. Manchmal glaube ich, dass ich diese Mission schon einmal erlebt habe. Aber es sind immer nur kurze Momente.“ Er seufzte. „Vielleicht sind es wirklich nur Hirngespinste. Ich frage mich nur, weshalb sie auf unseren Beamer scharf sind? Die können doch sowieso nichts damit anfangen.“
„Wahrscheinlich wissen sie es nicht. Vielleicht sind sie TTA Kunden und glauben, wenn sie einen Transmitter besitzen, dass sie dann nach Belieben durch Zeit- und Raum reisen können, ohne dafür zu bezahlen. Aber das glaube ich nicht. Sie wollen uns hier vermutlich festnageln, schätze ich. Falls es ihnen erneut gelingt, dass die Titanic New York erreicht, sind wir absolut handlungsunfähig. Dann würden wir uns in einer Welt befinden, in der die Titanic Katastrophe nie stattgefunden hatte. Wir wären im Jahre 1912 gestrandet und könnten nie wieder zurückkehren, weil das Archiv die Mission automatisch resetten würde. Wie auch immer. Die verfluchten Zeitreisen müssten endlich verboten werden. Zeitreisen sind keine Bereicherung für unsere Zivilisation, sondern eher eine Bedrohung für das Universum.“
Marko schmunzelte.
„Du hörst dich beinahe wie ein Mount an. Ich hoffe nur, dass du nicht heimlich der Mount-Sekte beigetreten bist. Außerdem wären wir Schleuser dann arbeitslos.“
Beide lachten.
„Hey, wie sollen wir die Leute eigentlich dazu bewegen, dass sie das Achterdeck verlassen sollen?“, fragte Marko.
„Da wird mir schon etwas einfallen.“
Die zwei ewigen Streithähne standen minutenlang schweigend nebeneinander, als wären sie schon seit ihrer Kindheit Freunde gewesen. Dann wanderten ihre Blicke gleichzeitig hoch hinauf, hinauf zum sternenklaren Himmel. Eine Sternschnuppe huschte über das glasklare Himmelszelt.
„Ich glaube deine Déjà-vus sind nur fast vergessene Erinnerungen. Du bist schon etliche Male durch Zeit und Raum gereist und warst hauptsächlich im angelsächsischen England tätig gewesenen. Du hattest sogar in der Zeitepoche des römischen Reiches agiert. Du wurdest also mehrmals, beinahe zweitausend Jahre zurück in die Vergangenheit teleportiert. In dieser sehr langen Zeit hatte sich auch die Landschaft verändert. Vielleicht sind nur die Zeitreisen der Auslöser für deine angeblichen Déjà-vus. Vielleicht ist es sowas wie ein Jetlag“, meinte Ike.
Marko zuckte mit seiner Schulter.
„Was weiß ich. Ich kann mir ehrlich gesagt auch nicht vorstellen, dass die Mission Titanic gescheitert und dies der zweite Versuch ist. Eine Mission wird niemals mit denselben Personen wiederholt, weil …“
Plötzlich stockte Marko und starrte entsetzt über sich, hoch hinauf und sah auf die Bootsrümpfe der Rettungsboote.
„Da oben ist was!“, flüsterte Marko plötzlich energisch, packte an Ikes Schulter und rüttelte ihn. „Ich weiß jetzt, wo sie sich aufhalten.“
„Schon wieder so ein Déjà-vu?“
Marko nickte hektisch.
„Wie gelangen wir am schnellsten auf das oberste Bootsdeck?“

Ike und Marko stiegen über die Eisenketten, womit die Stahltreppen abgeriegelt wurden, schlichen sich vorsichtig hinauf und versteckten sich bäuchlings bei den Davids, direkt unter einem abgedeckten Rettungsboot. Im Scheinwerferlicht erblickten sie drei Matrosen, die sich lachend unterhielten während sie ihren nächtlichen Rundgang machten.
„Verdomme. Die müssen unbedingt verschwinden, bevor ich dir zeigen kann, wo sie sich aufhalten. Was machen wir jetzt mit ihnen?“, fragte Marko flüsternd.
Die Matrosen einfach mit Betäubungsschüsse auszuschalten, wäre sicherlich die falsche Entscheidung gewesen, weil sie einige Stunden später wieder erwachen und diesen Vorfall sofort melden würden. Ike hatte eine bessere Idee. Beide krochen einfach aus ihrem dunklen Versteck hervor und spazierten unbekümmert im Scheinwerferlicht über das Bootsdeck, bis die Matrosen sie erblickten. Die kräftigen Männer starrten die beiden Geheimagenten verwundert an, als sie sie entdeckten.
„Was sind denn das für zwei komische Vögel? Hey, ihr! Sofort stehen bleiben!“, brüllte der kräftigste Matrose und marschierte mit seinen Kollegen bedrohlich auf sie zu. „Was habt ihr zwei Nasen hier zu suchen? Der Aufenthalt auf dem Oberdeck ist zurzeit verboten!“
Als er mit seiner Taschenlampe Ikes Gesicht anleuchtete, verfinsterte sich seine Miene.
„Moment mal. Du bist doch dieser Arschling von vorgestern Nacht. Ich habe dich gewarnt, Freundchen. Jetzt stehst du unter Arrest, und dein Kumpane genauso. Los, schnappt sie euch!“
Als die Matrosen ihn gerade packen und abführen wollten, stieß Marko ihn zurück. Er schob seinen hellen Hut etwas aus seinem Gesicht, blickte dem Kerl tief in die Augen und hielt ihm einen abgegriffenen Polizeiausweis vor die Nase, diesen er aber sogleich wieder wegsteckte.
„Scotland Yard, meine Herren. Lassen Sie meinen Kollegen sofort wieder los! Auf der Stelle!“, brüllte er.
Die Matrosen, bekleidet mit blauen Uniformen und Matrosenmützen, erstarrten sogleich vor Schreck und blickten verdutzt drein.
„Wir führen hier eine verdeckte Ermittlung durch. Es geht um die Sicherheit des Schiffes. Also, was haben Sie hier zu suchen, meine Herren?“, fragte Marko energisch und drängte den kräftigen Matrosen zurück, der nun sichtlich eingeschüchtert wirkte. Zudem zückte Marko einen Bleistift und Notizblock hervor, woraufhin den Herrschaften erst recht mulmig wurde.
„Es wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sich um diese Uhrzeit niemand auf dem Oberdeck aufhalten darf. Niemand! Auch ihr nicht!“, schnauzte er die Matrosen an. „Ich wünsche Ihre Namen und Dienstausweise. Dies ist ein Vergehen und wird von uns beim Kapitän gemeldet!“
Die Matrosen schauten Marko und Ike abwechselnd verängstigt an. Sie beteuerten, dass sie von dieser internen Anweisung nichts wussten und bettelten förmlich, dass die angeblichen Scotland Yard Beamten sie nicht beim Kapitän anschwärzen sollen.
„Das-das wussten wir nicht, Sir. Niemand hat uns in Kenntnis gesetzt. Wirklich nicht, Sir!“, beteuerte er. Dann sah er Ike an.
„Es-es tut mir aufrichtig leid, Sir … wegen-wegen neulich, Sir. Wir wussten doch nicht, dass Sie ein Polizist sind. Das-das hätten Sie uns doch sagen können, Sir. Dann hätten wir niemals …“
Ike schmunzelte und packte an seinen Kragen. Dann klatschte seine Hand auf seine fleischige Wange, petzte zu und rüttelte leicht daran.
„Ich hatte Sie doch gebeten, mich zu meiner Kabine zu führen, damit ich mich ausweisen kann. Schon vergessen? Stattdessen habt ihr mir gedroht und mich davon gejagt. Nun ja, ich verzeihe euch, weil ihr unwissend ward“, sagte er und richtete dem verdutzten Mann dessen Kragen. „Wir würde von einer Meldung beim Kapitän absehen, wenn ihr bereit wäret, uns behilflich zu sein. Dies würde zur Sicherheit der Titanic immens beisteuern“, flunkerte Ike.
„S-selbstverständlich, Sir. Was sollen wir tun, Sir?“
„Sorgt dafür, dass sich niemand mehr auf dem Achterdeck aufhält. Erklärt den Leuten einfach, dass eine hohe Lady ihre Halskette verloren hat und die Hausdetektive danach suchen. Habt ihr das soweit kapiert? Dann ab mit euch!“, befahl Ike.
Die Matrosen nickten hektisch. Der Kräftige entschuldigte sich bei Ike nochmals für sein unangemessenes Verhalten vorgestern Nacht. Aber bevor sie davon trotteten, hielt Ike ihn erneut fest und forderte ihn auf, dass er seine Arme hochhalten soll, woraufhin er anstandslos gehorchte. Dann tastete er den eingeschüchterten Matrosen ab und als er fündig wurde, wühlte er in seiner Manteltasche und holte einen Apfel hervor. Ike biss genüsslich hinein, kaute und blickte ihm dabei schelmisch grinsend in die Augen.
„Das ist ja wohl mein Apfel. Und jetzt verschwindet von hier, ihr Arschlinge. Räumt das verdammte Poopdeck. Es darf sich dort niemand mehr aufhalten. Befehl von Kapitän Smith!“

Ike und Marko liefen zum zweiten Schornstein, schauten hinter ihren Schultern und als sie niemanden erblickten, zückte Marko seine EM23 und zielte nach oben in den klaren Sternenhimmel.
„Jetzt pass mal auf. Ich habe neun Millimeter Geschosse geladen. Aber weiß du was? Ich bin selber gespannt.“
Er schoss nach oben, wobei nur ein kurzes Zischen zu hören war. Ein kurzer Lichtblitz erschien sogleich oberhalb des Schornsteins. Beide erstarrten daraufhin und blickten verwundert nach oben. Marko schoss nochmal in den Nachthimmel und wieder zerbärste das Neun Millimeter Geschoss über dem Schornstein, wobei helle Funken sprühten. Ganz kurz, nur für einen Augenblick. Zudem erklang ein metallisches Geräusch.
„Scheiße, da habe ich doch in der Tat recht gehabt“, äußerte sich Marko überrascht. „Dort oben schwebt irgendein Flugobjekt, das von einem Energiefeld geschützt wird und zudem mit einer Tarnkappe ausgestattet ist.“
Ike zog die Augenbrauen zusammen, zog ebenfalls seine Waffe und schoss weiter nach vorne. Sein Geschoss zerplatze ebenfalls zu einem kurzen, grellen Lichtschein. Ein weiteres Geschoss jedoch, noch weiter nach vorne Richtung des Schiffbuges, verschwand allerdings spurlos im Nachthimmel.
„Das Flugobjekt muss riesig sein. Mindestens halb so groß wie die Titanic. Wenigstens wissen wir jetzt, wo sie sich aufhalten. Aber wahrscheinlich wirst du mir immer noch nicht glauben“, seufzte Marko.
Ike starrte mit leicht geöffnetem Mund apathisch hinauf in die sternenklare Nacht, und schüttelte mit dem Kopf.
„Nein, du irrst dich, Rijken. Diesmal glaube ich dir, weil ich mit diesem unsichtbaren Flugobjekt bereits meine Begegnung hatte.“
„Was? Wie meinst du das?“, fragte Marko verwundert.
„Vor ungefähr zwei Jahren, als ich während meiner Belfast Mission die Umgebung ausgekundschaftet hatte, weil mein Nachbar Peter Gallagher Eloise nachstellte und uns terrorisierte, hatte ich einen halb zerstörten Felsen entdeckt. Die Besonderheit daran war, dass dieser gewaltige Felsbrocken mittig schnurgerade praktisch abgeschnitten wurde, als wäre er von einem Laserstrahl entzweit worden. Die andere Hälfte des Felsbrockens wurde völlig zermalmt. Nur ein Energiefeld konnte solch einen präzisen Schnitt verursachen. In diesem Augenblick war mir klar geworden, dass ein Flugobjekt dort gelandet war und ich Besuch bekam.“ Er seufzte. „Das ist also des Rätsels Lösung. Sie reisen mit einem völligen anderen Prinzip durch Zeit und Raum. Eher gesagt, sie reisen nur durch die Zeit. Zu den Orten, die sie dann besuchen, fliegen sie mit ihrem Luftschiff einfach hin. Sie teleportieren sich runter auf die Titanic, genauso verschwinden sie wieder. Deshalb hat sie noch niemand entdeckt und deshalb stehen auch keine unbekannten Namen auf der Passagierliste. Das dort oben ist eine … Zeitmaschine.“
„Sehr gut, jetzt können wir sie endlich an ihren Eiern packen“, sprach Marko verheißungsvoll, während er weiterhin fasziniert in den Sternenhimmel starrte.
„Du hast einen Plan? Na, dann lass mal hören“, forderte Ike ihn auf.
„Ganz einfach. Mithilfe unseres Satelliten müsste man sich irgendwie in die Steuercomputer des Flugobjektes einhacken und den Hauptreaktor ausschalten. Dann wird das Ding da oben wie ein Stein ins Wasser fallen, und unsere Mission wäre geglückt.“
Ike verzog seinen Mund und wankte mit dem Kopf. Er wirkte nicht besonders begeistert und vor allem nicht überzeugt.
„Ich weiß nicht recht. Dein Grundgedanke ist zwar erwähnenswert, nur die Durchführung könnte problematisch werden. Das Ding da oben darf keinesfalls urplötzlich auf die Titanic stürzen, soviel steht fest. Sobald der Hauptreaktor außer Kraft gesetzt wird, würden sämtliche Systeme nach und nach herunterfahren, wie beispielsweise die Steuerung und das Energiefeld. Zudem würde die Tarnkappe des Schiffes deaktiviert werden. Aber die ganze Prozedur, bis dem Flugobjekt letztendlich die Lichter völlig ausgehen würden, könnte eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen. Es könnte sogar Stunden andauern, bis es endlich abstürzt und ins Meer fällt, zumal sich die Kommandanten des Raumschiffes gegen unseren Hackerangriff wehren würden. Und dann würden über 2.200 Menschen am Himmel ein UFO erblicken und glauben, dass die Marsmännchen gekommen sind. Das darf ebenfalls nicht geschehen.“
Marko stimmte ihm zu, während er weiterhin in den klaren Sternenhimmel starrte. Er vergewisserte sich, indem er nochmals seine EM23 hochhielt und schoss. Wieder zerplatzte das Geschoss über dem Schornstein der Titanic.
„Das Teil schwebt mindestens zwanzig oder gar dreißig Meter über dem Schiff. Am Schornstein hochklettern und versuchen mit unseren Protonengeschossen etwas auszurichten, würde aufgrund des Energieschutzschirmes auch nichts bringen. Mist, verdammter“, fluchte er. „Unser Satellit umkreist die Erde alle neunzig Minuten und dann bleiben uns jeweils allerhöchstens fünfzehn Minuten, um das System dieser Zeitmaschine zu knacken. Und in knapp achtundzwanzig Stunden ist Showdown. Dann muss die Titanic unbedingt mit einem Eisberg kollidieren. Wie abgefuckt“, fluchte er und machte eine schnappende Handbewegung nach oben, als würde er das unsichtbare Flugobjekt herunterholen wollen.
„Wir können unseren Feind zwar nicht sehen, trotzdem ist er zum Greifen nahe. Ich bezweifle, dass die Jungs in der Sicherheitszentrale fähig sind, sich in dieser kurzen Zeit in ein fremdes System einzuhacken. Vielleicht ist meine Idee nur naiv“, meinte Marko.
Ike klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
„Nein, deine Idee hat wirklich Potenzial. Vincenzo, der auch meinen Zahlencode programmiert hat, dem wird es gewiss gelingen.“
„Meinst du etwa Vincenzo Falkone? Möglicherweise weißt du es noch nicht, aber Vincenzo wurde inhaftiert, weil der dringende Verdacht bestand, dass er deine ID gehackt hat und du nun für die Sicherheitszentrale unsichtbar bist. Was ja auch offensichtlich der Fall ist.“
Ike lächelte.
„Tja, Vincenzo ist nun mal ein Hackerprofi. Er ist und bleibt für die Sicherheitszentrale unabkömmlich. Sie werden dieses Schlitzohr wiedermal freilassen müssen, weil sie seine Hilfe abermals beanspruchen werden. Los, Rijken. Wir erledigen jetzt unseren Part. Über die Angelegenheit da oben, sind wir nicht zuständig. Da können wir nichts ausrichten. Sobald wir wieder Funkkontakt haben, wird sich die Sicherheitszentrale darum kümmern.“

Während die zwei Kontrahenten über das oberste Bootsdeck spazierten, überlegte Ike. Achtern angelangt, überblickten sie von oben herab das komplette Achterdeck. Der eiskalte Fahrtwind drückte ihnen mächtig in ihren Rücken. Ike und Marko stellten daraufhin ihre Mantelkrägen hoch. Die Matrosen hatten gründliche Arbeit geleistet. Es war dort unten auf dem Achterdeck, niemand mehr zu sehen. Ike blickte nochmals auf seine Taschenuhr. Die Zeit drängte. Als sie die Treppen hinunter stiegen und das Poopdeck betraten, hörten sie plötzlich Stimmen. Junge Stimmen. Ike packte an Markos Mantelkragen und zerrte ihn in den Schatten der Scheinwerferlichter.
„Verdomme. Ich dachte, dass die Matrosen das Poopdeck geräumt haben“, flüsterte Marko.
„Das sind Jugendliche. Sicherlich haben sie auf die Anordnung der Matrosen geschissen und sind wieder zurückgegangen, nachdem sie verschwanden.“
Ike klappte hektisch seine Taschenuhr auf. Es war genau 21:23 Uhr. Er seufzte.
„Die verdammten Bengel müssen jetzt unbedingt sofort verschwinden, sonst wird sich unsere Kontaktperson nicht blicken lassen. Diese Naomi soll stets pünktlich sein, hat Ruthie behauptet.“
„Keine Sorge, ich werde die zwei kleinen Scheißer schon verscheuchen“, sagte Marko. Doch als er gerade aus dem Versteck eilen wollte, hielt Ike ihn fest. Mit einem ernsten Blick schaute er auf die zwei jungen Burschen.
„Nein. Das ist meine Aufgabe. Der Kerl, der auf der Sitzbank lümmelt, ist Jack Thayer. Er ist zwar kein Hauptakteur aber dennoch eine wichtige historische Person, die auf der Titanic anwesend war. Und der Junge mit dem rotgelockten Haar, der eine Schirmmütze trägt, ist Aaron O’Neill, mein ehemaliger Lehrling.“
Marko und Ike beobachteten heimlich die zwei Jugendlichen, wie sie sich angeregt unterhielten. Ike zögerte einen Moment weil ihm bewusst war, dass dies die allerletzte Gelegenheit war, seinem Lehrling zu begegnen und von ihm Abschied zu nehmen.
Aaron O’Neill wurde aufgrund seiner ausgezeichneten Leistungen von Harland & Wolff in die Garantiegruppe aufgenommen. Kein Arbeiter von dieser auserwählten Handwerkertruppe hatte die Titanic Katastrophe überlebt. Und Ike, sowie auch Marko und Piet, mussten dafür sorgen, dass Menschen sterben sollten. Wehmütig beobachtete Ike die jungen Burschen, wie sie sich unterhielten und miteinander giggelten. Erst als Marko ihn energisch anstieß und aufforderte, marschierte Ike mit starrem Blick auf die zwei Burschen zu.
 
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Kommentare  

Hallo Dieter,
ich bedanke mich für deine Kommentare (Luzifer).
Dir ein schönes Wochenende und bleibe gesund ;)

LGF


Francis Dille (24.04.2020)

Lieber Francis,
Er ist immer wieder interessant, dein toller Roman mit den Zeitreisen. Wenn man das so bei dir liest, möchte man sich am liebsten wünschen, dass es solche Reisen in die Vergangenheit tatsächlich geben sollte. Gibt es aber leider noch nicht, darum ist es gerade so schön, in deine Fantasiewelt abzutauchen. Es ist dort alles wahnsinnig spannend. Trotz Zeitreise und wunderschöner Landschaftsbilder, geht es knallhart um Leben und Tod. Ike, der Held deiner Geschichte, muss also höllisch aufpassen, denn auch er ist vergänglich. Die Tintanic kann wohl nicht gerettet werden - Schade!
Liebe Grüße und weiterhin schönes Wetter wünscht dir


Dieter Halle (19.04.2020)

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