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London Rain

Romane/Serien · Nachdenkliches
© akasha
Diese Geschichte beginnt mit einer Episode im Herbst 97. Aufgrund einiger lustiger Verquickungen hatte ich eine Reise nach London, UK, geschenkt bekommen und trat diese frohen Mutes zusammen mit einer damaligen Freundin an.
Was ich nicht empfehlen kann, ist die Art der Reise, eine fast zwanzigstündige Bustour,die durch nörgelnde Mitreisende und den immer lauter werdenden Protest von Rückgrat und Steißbein nicht gerade angenehmer wurde.
Einzige Erholung während dieser Tortur war die Überfahrt auf der Fähre von Calais nach Dover. Ich konnte mich frei bewegen, einen Tee mit Milch trinken und mich auf einer der zahlreichen Bänke ausstrecken.
Nicht daß diese Entspannung von Dauer gewesen wäre, danach mußte ich mich nochmals eine Stunde in den heißen Bus setzen und war schließlich so erschöpft, daß ich von der angebotenen Stadtrundfahrt nichts mehr mitbekam und erst vor dem Hotel völlig verpeilt ins Freie stolperte.
Die Reisebegleiter waren ziemlich inkompetent, sprachen ein grausiges Englisch und erst nach einer weiteren halbstündigen Diskussion waren die Zimmer zur Zufriedenheit aller aufgeteilt. Meiner Freundin und mir war ein etwas verstörter junger Mann zugeteilt worden, den man beim besten Willen nirgendwo anders hatte unterbringen können.
Als flexible Twens konnten wir uns ganz gut arrangieren, überflüssig zu erwähnen, daß meine frisch getrennte Freundin und der etwas simpel gestrickte junge Mann im Laufe dieser achttägigen Zwangsgemeinschaft zueinander fanden.
Ich ließ die beiden Turteltäubchen allein und begann die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Dabei interessierten mich die Hauptattraktionen nicht im geringsten, ich sah mir zwar die wichtigsten Anlaufpunkte an, zog es danach jedoch vor, mich in einen kleinen Pub zu setzen und dort mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Die Londoners sind ziemlich aufgeschlossen und es war einfach jemanden bei einem Halfpint Lager oder Cider kennen zu lernen. Ich hatte mich bald mit einem jungen Bartender angefreundet, der mich auch manchmal nach Dienstschluß mit in die Stadt nahm und mir das Nachtleben zeigte, von dem die meisten Touristen niemals die geringste Ahnung haben werden.
In dieser verrückten Woche habe ich wahrscheinlich mehr Nachtclubs gesehen als ich je wieder sehen werde und in dem Maß in dem ich mich in die Stadt zu verlieben begann, entfernte ich mich auch von meinem
Fremdenführer, der nicht verstand, daß mir neue Bekannte wichtiger waren als seine, zugegeben etwas öde, Gesellschaft.
Nach einem heftigen Wortwechsel trennten sich unsere Wege und zu meinem Bedauern habe ich ihn niemals wiedergesehen.
Wieder auf mich allein gestellt, besann ich mich auf die Freundin, die ich ebenfalls sträflich vernachlässigt hatte. Sie würde am morgigen Tag ihren
einundzwanzigsten Geburtstag feiern und ich mußte ihr wenigstens ein Geschenk kaufen. Und als sie mir mitteilte, daß sie in dieser Nacht vor ihrem Geburtstag ausgehen und ordentlich feiern wollte, schloß ich mir mehr als gerne an.
Der Reiseveranstalter hatte wohl einen Vertrag mit einem Club in Camden und dorthin schickte man uns an diesem Mittwoch. Freier Eintritt und jedes Bier nur ein Pfund Sterling schienen uns sehr vernünftig. Ebenso angenehm war die Tatsache, daß man die Teilnehmer im Bus bis vor die Tür des Clubs und auch wieder zurück ins Hotel bringen würde.
Als ich das Camden Palace betrat, hatte ich für einen kurzen Moment das verrückte Gefühl schon einmal dort gewesen zu sein. Das Deja Vu verschwand und als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, versuchte ich mich erstmal zu orientieren.
Das ehemalige Theater bot genug Platz für etwa eintausend Menschen, die Ränge und Logen nicht eingerechnet. Ich hätte den Raum gern bei Tageslich gesehen, denn in dem Halbdämmer und dem nervösen Zucken des Stroboskoplichts ließ sich die Pracht des Parketts und der Samtvorhänge überall nur erahnen.
Als ich mich umgesehen hatte und meiner Freundin ein Bier spendieren wollte, war sie bereits verschwunden. Ich gab den Gedanken, sie in diesem Gewimmel finden zu wollen,auf und ging alleine tanzen.
Ich weiß nicht wie schnell die Zeit verging, wenn sie überhaupt verging, aber irgendwann nahmen mich zwei
Jungs unter ihre Fittiche, tanzten mit mir und einer holte alle fünf Minuten eine neue Runde Bier.
Die beiden hätten unterschiedlicher nicht sein können, der eine groß und schlaksig, mit kurzgeschnittenem roten Haar,der andere klein und durchtrainiert, die grünen Augen kaum erkennbar unter dem dichten schwarzen Haar.
George und Greg. Sie gaben mir das Gefühl, die wichtigste hier anwesende Person zu sein, unterhielten sich über drei Stunden mit mir und flirteten auf Teufel komm raus.
Am Ende entschied ich mich für George, der mich nicht eine Sekunde aus seinen wassergrünen Augen ließ.
Was auch immer zwischen uns geschah, es hat seit dieser ersten Begegnung nicht aufgehört.
Ich dachte mir nichts dabei, als er mich in eine dunkle Ecke neben den Boxen zog und wer weiß, was passiert wäre, wenn nicht die Zeit zur Rückfahrt ins Hotel gekommen wäre.
George sah mich verständnislos an, als ich ihm erklärte, daß es für mich keine andere Möglichkeit gäbe, nach Hause zu kommen. Die U-Bahn fuhr nicht mehr und ein Taxi hätte ich mir beim besten Willen nicht leisten können. Er drückte mir einen Zehner in die Hand und ich mißverstand ihn so vollkommen, daß ich ihn fast geschlagen hätte.
Als ich trotz allem gehen wollte, hielt er mich in einem schmerzhaften Griff fest und bevor ich weglaufen konnte, sagte er "Freitag, hier. Ich muß dich wiedersehen."
Ich lief wie von Furien gehetzt aus dem Saal und zog noch im Laufen mein Hemd an, der Türsteher, den ich dabei fast umrannte, lachte hinter mir her.
Und im Bus dann die Gardinenpredigt meiner Freundin, die mir Vorhaltungen ob meines nuttigen Benehmens machte. Sie hatte es gerade nötig. Wer hatte denn den ganzen Hals voller Knutschflecke?

Den nächsten Tag verbrachte ich mit ihr, um meinen Fehler vom Vorabend wieder gut zu machen. Wir gingen ins 'Cheers', sie mußte ihren Ausweis zeigen, ich kam so rein. Sollte sie etwas wichtiges erzählt haben, kann ich mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern. In Gedanken war ich bei George und meiner albernen Reaktion auf das Geld, das er mir geben wollte. Ich hatte überreagiert und anstatt einen schönen Abend zu verbringen und danach mit einem Taxi nach Hause zu fahren, hatte ich mich wie eine Idiotin benommen und mir obendrein noch Vorwürfe machen lassen dürfen, weil ich es gewagt hatte, einen wildfremden Engländer in aller Öffentlichkeit zu küssen.
Schließlich kam der Freitag und ich fuhr allein ins Camden Palace. Nun ist Londons U-Bahn am späten Abend nicht gerade der sicherste Ort, das bekam ich schmerzhaft am eigenen Leib zu erfahren, als ich in Camden aussteigen wollte und mir ein volltrunkener Geschäftsmann einen etwas sehr festen Klaps auf's Hinterteil gab. Ich nahm es als Kompliment und regte mich nicht weiter auf.
Was mich aufregte, war der Gedanke, George wiederzusehen.Wir hatten keine feste Zeit ausgemacht und als ich eine halbe Stunde vor dem Club gewartet hatte, beschloß ich zur Not auch allein zu feiern.
An diesem Freitag war der Saal wirklich brechend voll und auch auf den Rängen tummelten sich Massen von Leuten. Mir sank der Mut. Wie sollte er mich hier finden?
Schließlich hatte ich die rettende Idee, ging auf die Bühne und tanzte dort. Die Uhr schlug Zwei, als jemand meine Knie unfaßte und mich von der Empore hob.
George war da und nichts anderes zählte. Wir verließen die Party und liefen durch Camden, Hand in Hand. Es wurde hell, als er mich zum Hotel brachte.
Nach einer weiteren Stunde hatten wir uns endlich voneinander gelöst und ich ließ mir vom mürrischen Nachtportier den Zweitschlüssel zum Zimmer aushändigen, wo ich meine Freundin selig schlummernd im Arm des bedröppelten jungen Mannes fand.
Nicht daß drei Stunden Schlaf ausgereicht hätten, die verheerenden Spuren der letzten Nacht auszugleichen.
Ich brauchte dementsprechend lange um aufzustehen und es tat weh, wenn das Wasser der Dusche über meine wunden Knie und den geschundenen Rücken lief. Nicht daß es mit George nicht schön gewesen wäre, aber in jenem Moment fühlte ich mich,als hätte mich ein Zug überfahren.
Wir räumten das Hotelzimmer und da bis zur Abfahrt des Busses noch etliche Stunden vergehen würden, suchte ich mir das nächste Telefon und rief George an.
Wir trafen uns gegen Mittag am Hyde Park und gingen spazieren. Nie werde ich sein Gesicht vergessen, als ich ihm sagen mußte, daß meine Zeit in London fast um sei. Was auch immer wir vorher besprochen hatten, ich hatte ihm nie gesagt, daß ich nur als Touristin in der Stadt weilte.
Er setzte sich auf den Rasen und zog mich mit sich.
Noch immer hatte er kein Wort gesagt.
"Ist es, weil ich positiv bin?", brachte er schließlich hervor. Diesmal war es an mir, fassungslos zu starren. Das Thema AIDS war das letzte, was mir durch den Sinn gegeangen wäre. Er hatte es mir gesagt, bevor wir miteinander geschlafen hatten, wir hatten alle möglichen Maßnahmen zu meinem Schutz getroffen und damit hatte es sich für mich.
Und nun glaubte er, daß ich ihn deswegen verlassen wollte.
Ich versuchte ihm meine Situation zu erklären, das Studium, das ich nicht abbrechen wollte, die Krankheit meiner Mutter, die schwierige familiäre Situation im allgemeinen.
Er verstand davon nur eines- Ich würde nicht bleiben können und auf absehbare Zeit nicht wieder zurückkehren.
Ich legte mich zurück und sah in den klaren Oktoberhimmel, die leuchtenden Blätter an den Bäumen über mir. Für einen Moment dachte ich, ich sei allein
und alles andere nur ein ferner Traum.
Dann legte George sich zu mir und sein Kopf ruhte an meiner Schulter. Daran muß ich immer denken, wenn ich Depeche Modes 'Enjoy the Silence' höre. Alles was ich jemals wollte, alles was ich jemals brauchte ,ist hier in meinen Armen...
Schließlich wurde es kalt und wir standen auf und gingen wortlos zurück in die Stadt. George lud mich zum Tee ein, und wir saßen dort im Restaurant eines Hotels, auf dunkelroten Sesseln und ließen uns Tee, kleine Gurkensandwiches und Kuchen servieren.
Ich brachte nichts herunter.
Trotzdem ist diese letzte Stunde mit ihm,eine meiner liebsten Erinnerungen. George erzählte mir von seiner Familie, dem gespannten Verhältnis zu seinen Eltern, dem Verlust der Großmutter, die ihn und seine Schwestern aufgezogen hatte, der Job, mit dem er sich gerade so über Wasser hielt.
Daran dachte ich, als ich schließlich allein auf der Fähre stand und Tränen in meiner Nase kribbelten, während ich auf die dunklen Fluten des Atlantiks starrte.

Irgendwie vergingen die nächsten fünf Jahre. Ich studierte, arbeitete, verbrachte einige Monate in Spanien und den Vereinigten Staaten. Meine Sehnsucht nach England hatte mich nie verlassen und so entschied ich mich im letzten Jahr für einen Monat
nach London zu gehen. George wiederzutreffen, kam mir gelegentlich in den Sinn,doch hatte ich mich nie getraut, Greg anzurufen und mir die aktuelle Adresse seines besten Freundes geben zu lassen.
Denn darauf hatten wir uns geeinigt. Da ich eine Fernbeziehung kategorisch abgelehnt hatte, gab George mir Gregs Adresse, Telfonnummer und email, so daß ich mich jederzeit an ihn wenden konnte.
So hielt ich es auch. Ich meldete mich sporadisch an Weihnachten, ließ Grüße ausrichten und fragte, ob George denn überhaupt noch unter den Lebenden weile.
Als wir uns kennenlernten, war er bereits seit mehreren Jahren infiziert, die Krankheit jedoch nicht ausgebrochen. Trotzdem blieb es ein Spiel auf Zeit.
Anfang März reiste ich allein nach London -diesmal mit Bahn und Flugzeug und verbrachte die ersten zwei Wochen in einem angenehmen Nichts. Ich schlief aus, ging einkaufen, sah mir dieses Mal alle Sehenswürdigkeiten an, ging oft ins Kino und las in den öffentlichen Bibliotheken.
Und schließlich faßte ich mir ein Herz und beantwortete eine email von Greg, die dieser mir kurz nach Weihnachten geschrieben hatte. Ich teilte ihm mit, daß ich in London sei und mich freuen würde, wenn wir uns treffen könnten, zu zweit oder zu dritt, je nachdem.
Schon am nächsten Abend stand Greg vor meiner Tür, kaum wiederzuerkennen in Anzug und Hemd. Aber sein rotes Haar leuchtete so indezent wie immer und auch die Sommersprossen waren nicht zu verkennen.
Er lud mich ins Kino ein und da wir uns auf keinen neuen Film einigen konnten, entschieden wir uns für 'The Lord of the Rings'. Er meinte später, er hätte nicht viel davon gesehen, da er wohl eher mich als die Leinwand ansehen mußte.
Ich genoß diesen Abend mit ihm sehr, das Kino und das Essen bei einem sehr guten Italiener in der Fleetstreet. Seltsamerweise sprachen wir kaum von George. Greg wollte alles von mir wissen, denn ihn faszinierte der Wandel, den ich seiner Meinung nach in den letzten fünf Jahren durchlaufen hatte. Was das Äußere angeht- ich war nicht länger kurz- und dunkelhaarig, hatte mich in der Zwischenzeit tätowieren lassen und trug passend zur Frisur Mini und Bluse, statt wie damals Jeans und Cordhemd.
Greg unterstellte mir Ernsthaftigkeit und eine Art müder Trauer, die ich bis zu einem gewissen Grad gut verbergen könne. Am Ende dankte ich ihm freundlich für die Psychoanalyse, für die andere wohl viel Geld ausgegeben hätten und wir wechselten das Thema.
Ich verbrachte die letzten zwei Wochen in London an Gregs Seite. Jeden Tag, wenn er seine Arbeit beendet hatte, holte er mich ab und wir fuhren über Land, gingen Essen, in ein Musical oder eine Comedyshow am WestEnd und, wenn er Wochenende Zeit hatte, zur Teestunde in ein Hotel. Langsam näherten wir uns dem Thema, das keiner so recht ansprechen wollte, denn an dem Abend im Kino hatte Greg mir gestanden, daß er es noch heute bedaure,daß ich mich damals nicht für ihn entschieden habe.
Doch letzten Endes erzählte er mir, was George in den letzen fünf Jahren wiederfahren war. Er hatte seinen Job nicht mehr ausüben können und als sich sein Zustand verschlimmerte, brach der Kontakt zu seinen Eltern ab und er verließ London. Zur Zeit lebte er in einer betreuten Wohngruppe von Aidskranken, wo er arbeitete, wenn er einen guten Tag hatte und rund um die Uhr ärztlich versorgt werden konnte.
Nach dieser Eröffnung sah ich lange aus dem Fenster des Hotels und betrachtete die Leute, die so geschäftig über den Picadilly Circus wuselten.
"Er hat immer nur Dich gewollt. Wenn es Dir nichts
ausmacht, können wir ihn besuchen." sagte Greg.
Es machte mir etwas aus und das Thema kam nie weider zur Sprache. Ich verließ England, ohne George wiedergesehen zu haben, aber einen kleinen Sieg konnte Greg mir abtrotzen- ich hatte Georges Telefonnummer und rief ihn auch bald nach meiner Rückkehr an.
Das Seltsame ist, er war kein bißchen bitter. Worüber auch immer wir miteinander sprachen, nie hat er mir einen Vorwurf daraus gemacht, daß ich ihn im Stich gelassen hatte. Ganz im Gegenteil, wenn er merkte, daß mich etwas bedrückte, verstand er es mich in kürzester Zeit wieder aufzubauen.

Ich bekam meine letze Chance im Mai, kanpp 2 Monate
nachdem ich das letzte Mal in London gewesen war.
Das Institut, an dem ich Englisch studierte, bot eine
dreitägigie Shakespeare Exkursion nach London an. Ich wollte zuerst nicht mitfahren, da ich Shakespeare nicht viel abgewinnen kann, aber Dank einer Freundin, ließ ich mich schließlich überzeugen, die endlose Busfahrt noch einmal auf mich zu nehmen.
Jana war eine der ersten, der ich erzählte, daß es jemanden wie George in meinem Leben gibt. Sie hat mir gehörig den Kopf gewaschen, erst wegen des unerhörten Leichtsinns, den ich in Bezug auf seine Krankheit an den Tag gelegt hatte und dann wegen meines unmöglichen Verhaltens, der Starrköpfigkeit, mit der ich mich weigerte, ihm einen Platz in meinem Leben einzuräumen.
Ich kann meine Wahl von damals nicht begründen, den rigorosen Schnitt, warum ich solche Angst hatte, das Risiko einer Beziehung mit einem Todkranken einzugehen.
Ein Faktor war wahrscheinlich, daß ich nach England hätte ziehen müssen, denn George zu mir zu holen, war seit jeher undenkbar. Außerdem machte mir die Intensität unserer Gefühle Angst. Er ist bis jetzt der einzige, dessen Nähe ich wirklich zugelassen hätte und wären die Umstände anders gewesen, hätten wir sicher geheiratet.
Witzig ist, daß wir seit unserer damaligen Begegnung keine festen Bindungen mehr eingegangen sind. Soweit ich weiß, hat George dann und wann etwas mit seinem Pfleger angefangen, aber das schien nicht wirklich zu zählen.
Ich habe während der Zeit in Spanien und Philadelphia
ebenfalls einige Affären hinter mich gebracht,aber keiner dieser Wochenendmänner hat mein Herz berührt.
Und nun bekam ich die Chance, den wiederzusehen, der mich seit Jahren in meinen Träumen heimsuchte.
Die Studentengruppe brach an einem schönen Tag im Mai nach England auf. Ich hatte beinah den Bus verpaßt, doch da ich nicht die letzte war, die zu spät kam, fiel es auch nicht weiter auf, daß ich völlig abgehetzt und den Tränen nah war, als ich zum Treffpunkt kam und der Reisebus noch dort stand.
Die Fahrt verlief angenehm,da ich diesmal für mich allein saß, ebenso die Überfahrt von
Frankreich nach England. Das erste Problem trat auf, als wir zu früh im Hotel einchecken wollten. Der Verkehr in London ist mörderisch, ich weiß nicht ob sich daran etwas geändert hat, seitdem die Maut für die Innenstadt eingeführt wurde, und so erwies es sich als schlechte Idee in einer Gruppe von 60 Leuten an einer vielbefahrenen Straße des Picadilly Circus zu warten.
Nun sind die Engländer erschlagend höflich und entschuldigen sich für Unannehmlichkeiten, die andere ihnen verursachen. Keine Ahnung, wie es den anderen ging, aber ich kam mir ziemlich blöd vor.
Schließlich konnten wir unsere Sachen wegbringen und wurden sofort an das andere Ufer der Themse in das Elisabethanische Theater gebracht.
Erschöpft von der Strapaze der letzetn Stunden fanden wir immer noch Kraft und Humor an der interessanten Vorlesung eines Schauspielers teilzunehemn.
Janas Freund wurde ausgewählt zur Demonstration der Balkonszene in Romeo&Juliet. Er durfte sich auf einen Stuhl stellen und mit seligem Gesichtsausdruck in den imaginären Nachthimmel sehen, während der brustbehaarte Schauspieler vor ihm niederkniete und seinen ergreifenden Monolog hielt.
'Me Julie', wie wir ihn danach nannten, nahm es gelassen und rettete so unseren Tag. Die Abendvorstellung haben wir nicht durchgehalten,das lag zum einen an dem harten Betonfußboden, der uns das Leben zur Hölle machte und zum anderen am Regen,der erbarmungslos auf die Plastikumhänge prasselte und jedes andere Geräusch, einschließlich der Dialoge, schluckte.
Wir entschieden, daß uns der Sinn eher nach einem Bier stünde und verließen das Theater in der Pause.
Am nächsten Morgen fühlte ich mich nicht besonders gut. Ich blieb zunächst im Bett und war etwas mißgelaunt, als ich schließlich Greg anrief, um das Treffen für den nächsten Tag zu bestätigen.
Nachmittags, nach einer anstrengenden Shoppingtour ging ich allein zur Teestunde und versuchte mir auszumalen,während ich Kekse zerbröselte, wie es wohl sein würde, wenn ich George wiedertraf.
Am Abend nahmen Jana und ich an einer Tour durch verschiedene Pubs teil und sahen am nächsten Morgen, dem Tag unserer Abreise, auch dementsprechend aus.
Es ist seltsam, George und ich hatten unsere besten Zeiten immer dann, wenn wir im Begriff waren uns wieder zu trennen.
Die Stunden bis zu unserer Verabredung schienen endlos, auch ein Besuch im Britischen Museum konnte mich nicht ablenken. Ich hatte noch nie viel Interesse an Säälen voller Exponate, endlosen Vitrinen mit Steinen und Juwelen jeden Zeitalters.
Jana umarmte mich, als ich mich davonmachte und ich hätte am liebsten geweint. Trotz aller Vorwürfe, sie hat immer verstanden, was in Bezug auf dieses Thema in mir vorging. Und ohne sie hätte ich vielleicht nie den Mut gefunden, mich diesem Geist der Vergangenheit zu stellen.
Ich kann mich dafür verbürgen, daß es in Camden tatsächlich einen Pub namens 'World's En' gibt und dort, am Ende der Welt, traf ich George.
Es war keine Frage des Wiedererkennens. Ich betrat den Pub und mein Blick fiel gezwungenermaßen auf den einzigen Gast. Er erhob sich und ich hoffe noch heute, daß sich der Schreck, der durch meine Glieder fuhr, nicht auf meinem Gesicht abzeichnete.
Auf offener Straße wären wir sicher an einander vorbeigelaufen.
Meine Vorstellungskraft konnte einfach nicht für das ausreichen, was mir nun gegenüber trat. George war krank und als ich seine eiskalten, skelettartigen Finger in meine Hände nahm, fragte ich mich, ob es klug gewesen sei, ihm diese Strapazen zuzumuten.
Doch als er lächelte, leuchteten seine grünen Augen so wie immer und ich umarmte ihn, als er mich auf die Wange küßte.
Für lange Zeit hielten wir uns bei den Händen und sahen uns an. Immer wieder strich er über mein Haar, die Tätowierung. Als er mir etwas zu trinken holen wollte, hinderte ich ihn daran und bestellte selbst an der Theke.
Das schien ihn zu amüsieren und gleichzeitig auch wütend zu machen, denn als ich mit den Gläsern zurückkam, herrschte er mich an, daß er das immer noch allein schaffe, er sei schließlich nicht tot.
Für einen Moment waren wir wie erstarrt, danach begannen wir hysterisch zu kichern.
Es war, als sei ein Damm gebrochen, wir hatten einander soviel zu erzählen und fielen uns immer wieder ins Wort.
Vier Stunden reichen nicht, um fünf Jahre aufzuholen. Doch das hatten wir auch nicht vor. Wir verließen schon bald den Pub und spazierten über den Camden Lock Market, machten eine kleine Bootstour im Regen, der weich und warm auf uns fiel. Nichts fällt wie Londoner Regen, singt Heather Nova und das ist die Wahrheit.
Wenn ich jetzt an George denke, sehe ich ihn vor mir, wie er bei unserer letzten Begegnung war, hohlwangig,
mager, das Haar hell und kurz,sein Gesicht strahlend und voller Freude, daß wir uns trafen, miteinander reden und uns berühren konnten. Auch wenn er das zuerst annahm- ich hatte keine Angst ihn zu küssen, weil ich die Ansteckung fürchtete, es war wohl eher die Scheu nach der langen Zeit der Trennung.
Wir stellten fest, daß es nichts aufzuarbeiten gab, daß wir uns gegenüber saßen, als lägen nicht 5 Jahre zwischen uns.
Eine Halbwahrheit. Es gibt so viele Dinge, die wir nicht miteinander geteilt haben. Er hat nicht gesehen, wie mein Haar wuchs, wie ich mich durch endlose Abschlußprüfungen quälte und konnte nicht mit mir feiern, als ich endliche den Führerschein in der Hand hielt. Und ich brauchte nicht zu sehen, wie der Junge, den ich kannte und noch immer von Herzen liebte, zu einem Schatten seiner selbst wurde. Ich verstehe nicht, wie er noch immer so am Leben festhalten und niemand einem Vorwurf machen konnte.
Vielleicht hätte ich ihn fragen sollen.

Ich bereitet mich auf die Arbeit vor ,als mein Telefon an Silvester klingelte. Mit einem unterdrückten Fluch klemmte ich den Hörer zwischen Schulter und Ohr und versuchte die komplizierte Frisur zuende zu bringen. Am anderen Ende war es still, alles was ich hörte was ein leises Schnauben.
Ich wußte, daß es Greg war, denn das Display hatte eine britische Nummer angezeigt.
George starb am 31.12.2002 an multiplem Organversagen.
Er wurde nur 27 Jahre alt.
Ich habe seitdem weitergemacht
Ich habe an Silvester gearbeitet, mit den Kollegen auf ein neues Jahr angestoßen, Cocktails gemixt und eine häßliche Szene mit einem Möchtegernverehrer durchgestanden.
Ich beende mein Studium, werde arbeiten gehen und mehr
Zeit mit der Familie verbringen, wenn es sich einrichten läßt.
Manchmal höre ich ein bestimmtes Lied, in dem es heißt
'Du bist dort,und ich bin hier...'Und dann hoffe ich
daß jemand für ihn da ist und für ihn die Sterne zählt, wenn er schläft.
Ich hoffe, daß ich eines Tages zurückdenken kann, ohne mich zu fragen, ob es nicht doch eine andere Möglichkeit gegeben hätte.
Bevor ich George traf, war es mir egal, ob ich lebte. Ein Todkranker hat mir gezeigt, daß das Leben wert ist, gelebt zu werden. Jede einzelne Sekunde.
 
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Kommentare  

Mir hat die Geschichte (ich denke, es ist ein Erfahrungsbericht) auch gut gefallen, auch wenn sie traurig ist. Gut geschrieben

Dr. Ell (25.09.2009)

Jules Verne??? Es klingt eher nach einem Teenie-Aufsatz aus der Unterstufe! Schwach. Kauf Dir ein Tagebuch.

 (02.10.2005)

Akasha,

deine Geschichte ist wirklich sehr herzergreifend. Der Stil klingt ein bisschen nach Jules Verne, findest du nicht?


 (19.12.2003)

Sehr ergreifende Geschichte und gut verfasst.
Es muss eine sehr große Liebe gewesen sein, wenn sie so lange und über so weite Entfernung bestanden hat.
Also der Stil und der Aufbau ist gut, bis auf das Ende. Es ist wahrscheinlich absichtlich so gewählt, als 'Short Shock' (nenn ich das einfach mal. Würd ich vielleicht ändern.
Nur noch wegen der Rechtschreibung: Am besten du überliest es nochmal. Es sind nicht viele und auch nicht schwerwiegende Fehler, sind mir bloß aufgefallen

Ich schwanke zwischen gut und sehr gut, aber fünf Punkte kann man schon geben.


Redfrettchen (08.11.2003)

tja, warum die blöde Kuh nicht bei ihm geblieben
ist...
Zur damaligen Zeit hätte es nicht gepaßt, da gab es
ein Studium, das es zuende zu bringen galt und eine
Menge Angst vor der eigenen Courage.
Heute ist alles zu spät, alle Tränen geweint und der
Blick geht nach vorn (jedenfalls manchmal, bis die
nächste Schuldattacke kommt.
Und ich weiß nicht, ob ich die Kraft gehabt hätte,
einem geliebten Menschen so lange beim Sterben zu
zu sehen


akasha (12.06.2003)

Absolut grossartig und herzzerreissend in meinen Augen.
KItschiges finde ich daran ueberhaupt nicht, da das fuer mich ein Happy End und Friede Freude Eierkuchen voraussetzt.
Im Gegenteil am Ende ist einem doch eher nach Heulen zumute. Man denkt sich:
" Warum war die Kuh so bloed und ist nicht bei ihm geblieben ?" Und andererseits haette man es vermutlich selbst nicht gekommt.
Absolut wunderbar und gleichzeitig schrecklich.
Kompliment !


Ta[k]isis (19.05.2003)

eigentlich arg kitschig, aber irgendwie auch nachvollziehbar.
Wenn es deine eigene Geschichte ist, mein Beileid.
Stil und Wortwahl gefallen mir eigentlich ganz gut, aber irgendwie driftest du manchmal zu sehr ins Melodramatische ab.
Ich hätte gern noch mehr über das, was Dich mit London verbindet, erfahren, ist es nur der Junge, oder warum erwähnst Du diese Stadt immer wieder?
Mfg
Taliesin


Taliesin (14.03.2003)

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