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Das Portrait: Miranda Raven im Gespräch mit Negül Sella

Fantastisches · Kurzgeschichten · Experimentelles · Fan-Fiction/Rollenspiele
Miranda Raven: Liebe Zuschauer, Zuhörer und Leser der Flottennachrichten, heute habe ich nochmals den Vorsitzenden der Verwaltung der Neptun- Hoststation im Studio um etwas mehr über ihn und sein Leben in Erfahrung zu bringen. Herzlich willkommen Negül Sella!

Negül Sella: Danke für die Einladung!

Miranda Raven: Herr Sella, wir haben in Folge des letzten Interviews mit ihnen zahlreiche Reaktionen von Zuschauern erhalten die mehr über Sie wissen wollten. Viele wollten wissen wie Sie aufgewachsen sind und was Sie erlebt haben. Sie haben auf unsere Bitte hin ein kleines privates Dossier über sich zusammengestellt welches Sie freundlicherweise an dieser Stelle verlesen werden. Da ich unsere Interessenten nicht länger auf die Folter spannen will übergebe ich nun das Wort an Sie.

Negül Sella: Am 8. Juli 1983 wurde ich als zweites Kind von Remaira und Samuel Kretschmann geboren, mein Bruder Handrij war zu diesem Zeitpunkt bereits 7 Jahre alt. Zwei Jahre vor meiner Geburt entschieden sich meine Eltern für den Dienst bei der Erdraumflotte. Im Zusammenhang mit dem Eintritt in die Erdraumflotte entschieden sich meine Eltern dafür unseren Familiennamen ändern zu lassen, so erhielt unsere Familie den Namen Sella. Aufgrund der Tatsache daß ich auf der Erde geboren wurde trage ich noch einen zweiten Vornamen welchen ich als Rufnamen zusammen mit unserem früheren Familiennamen benutze wenn ich dort bin. Auf der Erde kennt man mich unter dem Namen Andreas Kretschmann.

Unsere Kindheit haben mein Bruder und ich zum Teil auf der Erde in einer Wohnsiedlung der Erdraumflotte verbracht. Manchmal jedoch, wenn es der Dienstplan unserer Eltern nicht zuließ daß sich mindestens ein Elternteil auf der Erde um uns kümmert, dann haben wir diese Zeit auch zusammen mit unseren Eltern im Weltraum verbracht.

Miranda Raven: Da hätte ich eine Zwischenfrage Herr Sella. War es Ihnen als Kind bewußt daß Sie und Ihr Bruder anders als die meisten Kinder auf der Erde waren? Schließlich haben die meisten Menschen auf der Erde keine Kenntnis von der Erdraumflotte.

Negül Sella: Als Kind war die Erdraumflotte für mich allgegenwärtig, in meinem Zimmer hingen Modelle verschiedener Schiffe und Bilder von berühmten Offizieren. Meine Eltern haben mir zwar davon erzählt daß unsere Familie aufgrund unserer Zugehörigkeit zur Erdraumflotte zu einer Minderheit auf der Erde gehört, ich konnte mir aber nie vorstellen wie es sein würde nichts von der Erdraumflotte zu wissen. Aufgrund unserer gelegentlichen Ausflüge in den Weltraum wußte ich daß die Erde nur ein Planet unter vielen ist auf denen Menschen Leben. Der Gedanke nur auf der Erde leben zu können hätte mir wohl Platzangst bereitet. Für meinen Bruder war die Zeit als unsere Eltern in die Erdraumflotte eintraten eine Epoche voller Wunder, auf einmal eröffnete sich ihm eine Welt welche er nur aus dem Fernsehen kannte.

Miranda Raven: Man könnte also sagen daß Sie und Ihr Bruder als Kind Erlebnisse hatten und Dinge gesehen haben von denen andere Kinder und sogar Erwachsene nur träumen können.

Negül Sella: Das könnte man so sagen, was wir erlebt haben das kannten andere Menschen höchstens aus dem Fernsehen und dem Kino. Mein Vater war zu dieser Zeit bereits Pilot beim Passagiertransfer- Netzwerk der Flotte und meine Mutter arbeitete als Verwalterin auf einer der Agrarstationen welche die Sonne zwischen den Umlaufbahnen von Merkur und Venus umkreisen. Heute kann ich es ja erzählen, ich habe mich sehr früh für die Arbeit meiner Eltern interessiert. Mein Vater hatte mir vieles über das Fliegen von Passagierschiffen erzählt und auch beigebracht. Eines Tages waren mein Vater und ich auf dem Weg zur Station auf der meine Mutter arbeitet, wir flogen mit einem kleinen Transitschiff und waren allein an Bord. Mein Vater saß auf dem Pilotensitz und ich auf seinem Schoß, dann fragte er mich ob ich das Schiff auch mal fliegen will. Naja und das erste Wort welches mir als Antwort einfiel war ein begeistertes Ja. Unter der Aufsicht meines Vaters habe ich dann das Schiff gesteuert, wir verließen ganz vorschriftsmäßig den Erdorbit und dann sprangen wir zur Station auf der meine Mutter arbeitet, nachdem wir die Station erreicht hatten flog ich das Schiff vorsichtig in den Hangar der Station. Mein Bruder war bereits am Vortag mit einem Schiff des Passagiertransfer- Netzwerks zur Station meiner Mutter geflogen, so war es ausgeschlossen daß er uns verpetzen konnte. Mein Vater hat mir im Nachhinein aber verraten daß er meinen Bruder auch schon ein paar Male ein Schiff steuern ließ.

Am besten haben mir jedoch die regelmäßigen Urlaubsreisen unserer Familie in die verschiedenen planetaren Kolonien und auf die Raumstationen der Erdraumflotte gefallen. Dort boten sich Möglichkeiten welche kein Urlaubsparadies auf der Erde bieten kann.

Miranda Raven: Irgendwann begann aber auch für Sie der Ernst des Lebens, als sie sieben Jahre alt waren wurden Sie an einer Bildungseinrichtung der Erdraumflotte aufgenommen.

Negül Sella: Ja, mit sieben Jahren wurde ich aufgenommen am Neuralinduktionszentrum „Natalia Ivanova“ welches sich auf der Erde in Berlin, der Hauptstadt Deutschlands befindet. Ich hatte auf der Erde im Fernsehen schon einiges über die irdischen Schulen gesehen und glaubte zu wissen was mich erwartet. Wie sich jedoch herausstellte waren die Bildungseinrichtungen der Erdraumflotte nicht mit den Schulen auf der Erde vergleichbar.

Wir erhielten vom ersten Bildungstag an neben einer umfassenden Allgemeinbildung noch ein grundlegendes technisches Verständnis der Funktionsweise und Bedienung verschiedener Systeme und Maschinen der Erdraumflotte. Die Vermittlung des Wissens unterschied sich auch sehr von der in konventionellen Schulen. Die Erstvermittlung neuen Wissens erfolgte über Vorträge oder praktische Vorführungen, die Integration des Wissens ins Langzeitgedächtnis erfolgte über induktive Repeater- Headsets welche die Wahrnehmungen von der Erstvermittlung des Wissens in einer Art Endlosschleife unterbewußt ständig wiederholte. Auch die Hausaufgaben unterschieden sich gravierend von denen an konventionellen irdischen Schulen, wo andere Schüler mühsam in ihrer Freizeit das erlernte vertiefen müssen bestanden unsere Hausaufgaben ausschließlich darin das Repeater- Headset während unserer Freizeitaktivitäten zu tragen um die induktive Vertiefung des erlernten Wissens zu gewährleisten.

Neben den halbjährlichen Lernerfolgskontrollen gab es auch unangekündigte Tests des Bildungsstandes für einzelne Schüler, dabei wurde unser theoretisches und praktisches Wissen abgefragt. Bei Ergebnissen der Lernerfolgskontrollen welche nicht den Anforderungen entsprachen wurde über das Repeater- Headset der entsprechende Stoff intensiver dem Verstand des Absolventen vermittelt. So etwas wie gute oder schlechte Noten wie man es an irdischen Schulen kennt gab es im Neuralinduktionszentrum nicht. Wir erhielten statt dessen prozentuale Fähigkeitsanalysen welche unsere besonderen Talente aufzeigten und nicht etwa unsere Leistungen beim Lernen.

Neben der geistigen Ertüchtigung wurde auch für die körperliche Fitneß gesorgt, zu Beginn jedes Bildungstages hatten wir zwei Stunden Fitneß. An manchen Tagen bestand der Fitneßunterricht aus konventioneller Leichtathletik, dann gab es Fitneßstunden in einer Halle mit erhöhter Schwerkraft, umgangssprachlich hießen diese Stunden 2G- Fitneß. Aber es gab auch noch Stunden mit Niedrig- und Nullschwerkraftgymnastik und Nullschwerkrafthandball, die Fitneßstunden mit wenig oder null Schwerkraft waren bei den Schülern immer sehr beliebt. Ich persönlich mochte am liebsten die Nullschwerkraftgymnastik bei der man sich durch einen Schlauch aus hintereinander aufgehängten Reifen hindurch bewegen muß, ich mochte einfach dieses Gefühl der Schwerelosigkeit. Man brauchte nur einige Schwimmbewegungen zu machen und schon bewegte man sich durch den Parkur wie ein Fisch im Wasser. Natürlich hatten wir auch Schwimmstunden, wir trugen dabei wasserdichte Anzüge mit einer eigenen Atemluft- Versorgung. Das Schwimmen und Tauchen war jedoch nicht so mein Fall weil man dabei im Gegensatz zur Nullschwerkraftgymnastik durch den hohen Wasserwiderstand stark abgebremst wird.

Miranda Raven: Waren Sie auch in einer Sportmannschaft des Neuralinduktionszentrums?

Negül Sella: Ja ich habe einige Jahre in der Nullschwerkrafthandballmannschaft des Neuralinduktionszentrums mitgespielt und zwar als mittlerer Feldspieler. Wir waren jedoch sportlich im Vergleich zu den Mannschaften anderer Bildungseinrichtungen eher durchschnittlich, wenn wir im nationalen Wettbewerb der Schulmannschaften das Viertelfinale erreichten war das schon ein großer Erfolg, meistens schafften wir es nicht einmal ins Achtelfinale.

Miranda Raven: War Ihnen damals bereits klar daß Sie später einmal eine Laufbahn in der Verwaltung einschlagen und wenn nicht, wann wurde es Ihnen bewußt?

Negül Sella: Ungefähr im letzten Viertel meiner Zeit im Neuralinduktionszentrum kristallisierte es sich langsam heraus daß ich für Verwaltungstätigkeiten ein gewisses Talent habe. Mein Bruder dagegen ist mehr für die Pilotenlaufbahn geschaffen, seit dem 1. November 2015 ist er ja nun offiziell als Pilot beim Passagiertransfer- Netzwerk der Erdraumflotte tätig. Als es deutlich wurde daß mir eine Karriere in der Verwaltung liegen würde war meine Mutter natürlich sehr stolz auf mich. Mein Bruder ist ja als Pilot in die Fußstapfen meines Vaters getreten aber in mir hatte sie jemanden der in ihre Fußstapfen tritt. Als dann der Kurs meiner beruflichen Laufbahn feststand wurde meine Bildung natürlich daraufhin ausgerichtet.

Miranda Raven: Sie meinen auf der Akademie der Erdraumflotte.

Negül Sella: Ja genau, auf der Akademie wurde mir aufgrund meiner im Neuralinduktionszentrum identifizierten Stärken und Interessen als primärer Ausbildungsberuf die Kolonie- und Stationsverwaltung und als sekundäre Ausbildungsberuf die Elektroinstallation zugeteilt. Im Aufnahmegespräch hatte man mir erklärt daß der sekundäre Ausbildungsberuf eine Art berufliche Absicherung sei für den Fall daß jemand die Erdraumflotte aus irgendwelchen Gründen verläßt. Für den Fall meines Ausscheidens aus der Erdraumflotte hätte ich auf der Erde oder in einer planetaren Kolonie in meinem sekundären Ausbildungsberuf eine Stelle bekommen. Es lag zwar nie in meiner Absicht die Erdraumflotte zu verlassen aber da der sekundäre Ausbildungsberuf ebenfalls meinen Talenten und Interessen entsprach hatte ich keine Probleme damit.

Miranda Raven: Wie war die Zeit auf der Akademie, gab es besondere Highlights für Sie?

Negül Sella: Es war eine sehr interessante Zeit, sowohl im Bezug auf die Ausbildungen als auch auf die Freizeitaktivitäten. Die Art der Ausbildung unterschied sich nicht wesentlich von der Wissensvermittlung im Neuralinduktionszentrum, auch auf der Akademie gab es Repeater- Headsets, angekündigte und unangekündigte praktische und theoretische Lernerfolgskontrollen. Allerdings war der Lehrstoff nicht mehr allgemein gehalten sondern individuell auf die belegten Ausbildungsfächer zugeschnitten. Außerdem bestand auf der Akademie die Möglichkeit je nach Interesse zusätzlichen Lehrstoff zum eigenen Ausbildungsprogramm zu buchen. Da ich mich auf der Akademie noch immer sehr für die Nullschwerkraftgymnastik interessierte habe ich mir die Wissenspakete über diese Sportart zu meinem Lehrplan dazu bestellt. Natürlich gab es einen guten Grund für mein Interesse an dieser Sportart. Im Nullschwerkraftgymnastikteam der Akademie waren überwiegend Mädchen und da man für die Nullschwerkraftgymnastik eine gewisse Fitneß benötigt waren die Mädchen in diesem Sportteam alle sehr durchtrainiert. Aufgrund meiner intensiven Beschäftigung mit der Nullschwerkraftgymnastik habe ich es schließlich geschafft in das Team aufgenommen zu werden. Die Mitgliedschaft in diesem Sportteam war für mich das beste an meiner Zeit in der Akademie. Wenn wir mal zwischen dem Training und den Wettbewerben etwas Zeit hatten entfernten wir die Reifen aus der Nullschwerkrafthalle und spielten Hai und Beute, dabei übernahmen die Mädchen die Rolle der Beute und ich spielte den Hai. Die Mädchen bewegten sich wie ein Fischschwarm und ich versuchte eine aus der wirbelnden Menge zu packen. Ich glaube daß auch die Mädels großen Spaß daran hatten, manchmal kreuzten sie meine Flugbahn ganz knapp außerhalb meiner Reichweite und manchmal schlugen sie die wildesten Haken um mich abzuhängen. Es war immer ein großes Gejohle bei diesem Spiel in der Nullschwerkrafthalle.

Es gab aber auch Aktivitäten im Rahmen der Ausbildung die mich interessierten, die Lernerfolgskontrollen im virtuellen Büro waren immer sehr abwechslungsreich. Dabei saß man an einem Schreibtisch und arbeitete ein bestimmtes Szenario ab, für jeden Auszubildenden gab es individuelle Szenarien in denen man Entscheidungen treffen mußte um das Szenario erfolgreich zu meistern. Manchmal waren es Veranstaltungen die man planen mußte, manchmal mußte man mit knappen Ressourcen den Betrieb einer Station gewährleisten oder neue unerfahrene Besatzungen koordinieren. Wenn ich in meiner Freizeit mit meiner Mutter sprach diskutierten wir oft mögliche Szenarien durch auf die man in einer Verwaltungslaufbahn treffen könnte. Diese Diskussionen waren für mich eine zusätzliche Hilfe bei meiner Ausbildung, jede Diskussion mit meiner Mutter über mögliche Szenarien ließ ich mir über das Repeater- Headset tief in meinem Verstand verankern. Meine sekundäre Berufsausbildung im Bereich Elektroinstallation fühlte sich im Gegensatz zu meiner primären Ausbildung fast schon vorsintflutlich an. Zwar fand die praktische Ausbildung mittels simulierter Realität statt, die Arbeitsbedingungen welche dabei simuliert wurden waren jedoch identisch mit denen eines Handwerkers auf der Erde. Zwar wurde während der Realitätssimulation meine Wahrnehmung und meine Motorik mit der Simulation gekoppelt aber dennoch fühlte es sich so echt an wie ein reales Arbeiten. Wenn man sich in der Simulation verletzt ist der Schaden zwar nicht real aber man nimmt alles genau so wahr als wenn es wirklich geschieht.

Miranda Raven: Noch bevor Sie die Akademie absolviert hatten begann für Sie der berufliche Ernst im Hauptquartier der Erdraumflotte. Wie war das für Sie?

Negül Sella: Etwas mehr als einen Monat vor meinem Abschluß an der Akademie begann ich im Hauptquartier meinen Dienst in der Verwaltung. Diese zeitliche Überschneidung zwischen Berufsausbildung und Beruf wird begleitete Einführung in das Berufsleben genannt. Während dieser Zeit erhält man alle erdenkliche Hilfe bei den ersten Schritten in die Arbeitswelt und den eigenen Job. Die Begleitete Einführung in das Berufsleben ist nicht mit einem Praktikum zu vergleichen, man tritt ein offizielles unbefristetes Arbeitsverhältnis an mit allen Rechten und Pflichten. Allerdings arbeitet man während der begleiteten Einführung nur drei Tage pro Woche, zwischen den Arbeitstagen absolviert man den Rest seiner Ausbildungszeit. Nachdem ich dann die Akademie absolviert hatte wurde ich aufgrund meiner Leistungen im Rahmen der Ausbildung als Abteilungsleiter in der Verwaltung im Hauptquartier der Erdraumflotte eingestuft. Alles was ich in diesem Job wissen mußte hatte ich währen der Ausbildung gelernt. Es dauerte zwar einige Zeit sich im Hauptquartier der Erdraumflotte einzuarbeiten aber da ich diesen Job aufgrund meiner Interessen und Fähigkeiten erhalten hatte gewöhnte ich mich sehr schnell ein.

Miranda Raven: Was können Sie uns über Ihre Arbeit als Abteilungsleiter erzählen?

Negül Sella: Die Abteilung welche ich leitete war für die Verwaltung des Personals der Erdraumflotte auf der Erde zuständig. Dazu gehörten auch Personaltransfers von und zur Erde und Rekrutierungen von potentiellen Kandidaten für den Dienst bei der Erdraumflotte. Manchmal geht die Rekrutierung mit dem Transfer auf ein Schiff, eine Station oder in eine andere planetare Kolonie einher. Die Rekrutierung von potentiellem neuen Flottenpersonal erfolgt ja über spezielle Eignungsprüfungen welche als Preisausschreiben oder Umfragen getarnt sind. Wird eine Einsendung als vielversprechend bewertet beginnt eine umfassende Recherche über den Verfasser, dabei werden alle verfügbaren Daten über die Person ausgewertet und daraus ein Dossier über den Rekrutierungskandidaten erstellt. Im Anschluß daran befaßt sich ein Komitee mit den Argumenten welche für oder gegen eine Rekrutierung des Kandidaten sprechen. Dieses Komitee besteht aus Vertretern der verschiedenen Personalabteilungen und den Flottenangehörigen welche sich für den potentiellen Kandidaten interessieren und ihn gerne in der Mannschaft ihrer Kolonie, ihres Schiffes oder ihrer Station hätten. Nach der Befürwortung einer Rekrutierung wird die zu rekrutierende Person kontaktiert und zu einer Art Urlaub eingeladen welche sie mit ihrer Teilnahme an der Umfrage oder dem Preisausschreiben gewonnen haben. Diesen Urlaub verbringt die zu rekrutierende Person meist dort wo die Mannschaft tätig ist für welche sie rekrutiert werden soll. Offiziell bezeichnen wir diesen Urlaub als Orientierungswochen, während dieser Zeit erhält die zu rekrutierende Person einen Überblick über ihren potentiellen neuen Arbeitsplatz und kann anhand der gemachten Erfahrungen eine Entscheidung für oder gegen den Dienst bei der Erdraumflotte treffen. Bisher hat sich noch nie jemand gegen den Dienst bei der Erdraumflotte entschieden, dies liegt zum einen daran daß die Personen bevor wir sie kontaktieren ausführlich durchleuchtet werden um ein Interesse oder Desinteresse für den Flottendienst zu erkennen. Eine nicht zu vernachlässigende Größe sind aber auch die Möglichkeiten welche die Erdraumflotte bietet, wer einmal sah wie groß das Territorium der Erdraumflotte ist dem erscheint die Erde als winzig.

Miranda Raven: In dieser Abteilung haben Sie fast fünf Jahre als Abteilungsleiter gearbeitet, dann haben Sie jedoch Ihr berufliches Umfeld und Ihren Wohnsitz gewechselt.

Negül Sella: Ja dieser Wechsel war wirklich spektakulär, von der Verwaltung im Hauptquartier der Erdraumflotte in München direkt auf die Neptun- Hoststation. Die größten Veränderungen dabei gab es beim Arbeitsweg und beim Ausblick aus dem Fenster zuhause und in meinem Büro. Als ich noch im Hauptquartier der Erdraumflotte gearbeitet habe wohnte ich in einer Dienstwohnung in München nahe dem Hauptquartier. Jeden Morgen vor Dienstbeginn ließ ich mich ins Hauptquartier direkt in mein Büro teleportieren und am Abend zurück in meine Dienstwohnung. Auf diese Weise bin ich auf meinem Arbeitsweg nie mit anderen Kollegen zusammengetroffen, auf der Neptun- Hoststation ist das jedoch ganz anders. Ich verlasse morgens mein Quartier, wähle an der Liftkonsole mein Büro als Fahrziel und warte auf den Lift. Manchmal befinden sich bereits Personen im Lift deren Fahrziel in der selben Richtung wie mein Büro liegt, manchmal hält der Lift auch unterwegs noch einmal und es steigen Personen ein oder aus. Auf diese Weise komme ich mit dem Personal der Station in Kontakt und kann manchmal die momentane Stimmung unter den Kollegen erfassen. Und wenn ich in meinem Quartier oder meinem Büro aus dem Fenster schaue dann sehe ich den blauen Planeten Neptun, dieser Anblick ist ungemein beruhigend. Auf der Neptun- Hoststation arbeitete ich etwas über zweieinhalb Jahre als Koordinator für Personalwesen. In diesem Job war ich für alle das Personal betreffenden Entscheidungen verantwortlich, die Versorgung des Stationspersonals, für die Gestaltung von Dienstplänen, für Versetzungen, für Weiterbildungen also für die gesamte Personalplanung. Meine Eltern waren wegen meiner Versetzung auf die Neptun- Hoststation mächtig stolz auf mich. Der Umstand daß ich für die Personalplanung zuständig war brachte es mit sich daß ich im Rahmen meiner Arbeit meinen Vater öfter sah, schließlich war er Pilot beim Passagiertransfer- Netzwerk das auch für Versetzungen zuständig ist.

Miranda Raven: Nachdem Sie auf der Neptun- Hoststation über zweieinhalb Jahre als Koordinator für Personalwesen gearbeitet haben gab es für Sie einen beruflichen Aufstieg, Sie wurden zum stellvertretenden Vorsitzenden der Stationsverwaltung befördert und nicht einmal drei Monate später zum Vorsitzenden der Stationsverwaltung der sie bis heute sind.

Negül Sella: Ja das war schon eine bedeutende Änderung in meinem Leben, als stellvertretender Vorsitzender der Stationsverwaltung war ich für alle Stationsbelange zuständig. Zwar wurde mir von den zahlreichen Abteilungen zugearbeitet aber meine Aufgabe war es das ganze Zusammenspiel der diversen Abteilungen zu koordinieren. Richtlinien für die Personalplanung, die Koordination der Sicherheit auf der Station, Wartungen und Reparaturen, Verwaltung der Starts und Landungen im Hangar und der Jägerbucht sowie das Anfordern von Energietankern zum Auffüllen der Energievorräte der Station, das alles lag nun in meiner Verantwortung. In dieser Zeit war es von großem Vorteil daß meine Mutter ebenfalls Verwalterin einer Raumstation war, so konnte ich sie gelegentlich um eine zweite Meinung bitten wenn ich nicht sicher war ob meine Entscheidungen sich als richtig erweisen würden.

Dann kam dieser Tag an dem ich vom stellvertretenden Vorsitzenden der Stationsverwaltung zum Vorsitzenden befördert wurde, der damalige Vorsitzende Günther Brettschneider hatte aus persönlichen Gründen seine Arbeit beendet und war in den Ruhestand eingetreten. Diese Entscheidung hatte er lange mit sich herum getragen wie er mir bei seinem Abschied verriet, er meinte daß ich nun ohne Netz arbeiten könnte und daß seine Station bei mir in guten Händen sei. An diesem Tag erschien mir die Arbeit zum ersten Mal wie eine schwere Bürde, ich hatte mich gerade erst in der Position des stellvertretenden Verwaltungsvorsitzenden eingewöhnt und nun war ich schon wieder eine Stufe höher auf der Karriereleiter gestolpert. An diesem Abend habe ich lange mit meiner Mutter gesprochen, auch wenn sie ihren Stolz über meine Beförderung nicht verbergen konnte verstand sie mein Unwohlsein angesichts dieser schnellen erneuten Beförderung. Es dauerte einige Tage aber es gelang ihr schließlich meine Besorgnis zu zerstreuen. Seit etwas mehr als zweieinhalb Jahren bin ich nun Verwaltungsvorsitzender der Neptun- Hoststation.

Miranda Raven: Das ist schon eine beeindruckende Laufbahn die Sie in so einer kurzen Zeit hingelegt haben. Zum Abschluß habe ich jedoch noch eine Frage bezüglich eines Gerüchtes welches die Runde macht. Man sagt daß Sie seit einigen Monaten jemanden an Ihrer Seite haben, Gerüchten zufolge ist es die Geschwaderführerin des Kampffliegergeschwaders der Far Horizon. Ist an diesem Gerücht etwas dran?

Negül Sella: Offen gesagt ja, Leutnant Yvette Mangold und ich haben uns in den letzten Monaten einige Male getroffen und wie es aussieht verstehen wir uns sehr gut. Man könnte uns als Freunde betrachten, als sehr gute Freunde. Aber was unseren Beziehungsstatus angeht da möchte ich ohne ihre Zustimmung keine konkrete öffentliche Aussage machen.

Miranda Raven: Das muß man respektieren. Auf jeden Fall bedanke ich mich bei Ihnen dafür daß Sie sich zu diesem Interview bereit erklärt und ein Dossier über sich erstellt haben. Ich verabschiede mich von Ihnen und hoffe daß wir uns bald wieder sehen, vielleicht zusammen mit Leutnant Mangold.

Negül Sella: Auf Wiedersehen!
 
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