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11 Seiten

Das Kirchenasyl 1.3

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten
IST ES DRAUSSEN
NASS UND SCHWÜL?

GEH ZUM PAULI
INS ASYL!

Prolog

Das Kirchenasyl (der Grieche sagt hierzu asylos, was so viel wie „geborgen, sicher, unverletzlich" bedeutet) ist eine historisch juristisch kontrovers diskutierte Möglichkeit der Kirche, verfolgte oder welche die sich dafür halten, Unterschlupf in den kirchlichen Räumlichkeiten zu gewähren. Grob kann man zwischen offenen, stillen und verdeckten (geheimen) Asyl differenzieren.

Beim offenen Asyl erfährt die Gemeinde bzw. die Öffentlichkeit, die Medien von der Asylgewährung. Beim stillen Asyl, ist nur die zuständige weltlich staatliche Behörde über den gewährten Schutzzustand informiert worden, während die Öffentlichkeit (z.B. auch die Gemeinde) nichts davon weiß. Verdeckt bzw. geheim ist das Asyl dann, wenn den Behörden der Aufenthaltsort des Asylsuchenden nicht genannt wird.

Angeblich kommt der Begriff "Asyl" bzw. "Freistätten, Freistättenrecht" aus dem historisch religiösen Umfeld. Ein Asylort war über Jahrhunderte ein Schutzbereich in dem z.B. keine Blutrache genommen werden durfte und auch keine Verhaftung von Gesuchten durch die weltliche Macht erfolgen durfte. Der Gesuchte, gefährdete bzw. auch der Straftäter stand in diesen Freistätten unter dem Schutz der Kirche. Teilweise erhielten im Mittelalter Klöster vom Kaiser/König selbst das Recht auf Asylgewährung per Dekret erteilt.
Mittelalterliche Stätten des Asylrechts waren je nach Dekret in der Theorie z.B.:

- Klöster
- Kirchen
- Krankenhäuser/Spitäler
- Dörfer/Städte
- Mühlen
- Wirtshäuser
- Häuser von Richtern
- Domherrenhöfe

Oft wurde das dortige Asyl aber zeitlich beschränkt, so z.B. auf 6 Wochen und 3 Tage. Es gab auch teilweise Anweisungen den Asylbewerber in diesen Schutzstätten in der Zeit seiner dortigen Unterkunft nicht zu bewirten. Solche psychologischen Zermürbungstaktiken findet man in der Neuzeit im übertragenen Sinne wieder, wenn dem Schutzsuchenden von behördlicher Seite statt Geldleistungen nur Sachleistungen angeboten werden. Ganz raffinierte Politiker gewähren dem Hilfesuchenden danach nur noch soviel Kleingeld, dass dieser gerade noch seine Mobilfunkkarte damit aufladen kann und somit sichergestellt ist, dass sich die Botschaft über diese spezielle üppige landesspezifische Gastfreundschaft schnell weltweit verbreitet.

Heute findet man vereinzelt ähnliche Gewohnheitsrechte noch in archaischen Gesellschaftsformen in Art des Gastrechts wieder. Der Berber oder Nomade, welcher seinen Gast in sein Wüstenzelt zum Tee trinken und palavern einlädt, ist in Einzelfällen durchaus bereit und willens das Leben seines Gastes in seinen vier Wänden notfalls mit der Flinte in der Hand zu verteidigen (Hausfrieden, Gastrecht). Ist der voreilig eingeladene Gast aber dem Gastgeber zu frech und nervig, kann auch schon mal das Gegenteil der Fall sein und der vorlaute Gast muss selbst sehen, wie er aus dem Zelt heil wieder herauskommt. Das Gleiche gilt, wenn der Gast, verzaubert von exotischen Reizen, zu lange die verschleierte Tochter des Hauses angeschaut hat und der darauf folgenden ultimativen Aufforderung des Hausherrn nicht willig folgt, diese nun gefälligst auch zu ehelichen.

Als Rechtsquelle eines kirchlichen/klösterlichen Asylrechtes wird heutzutage immer wieder auf folgende Rechtsquellen verwiesen:

- Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland Artikel 4 und Artikel 16a

- Die Weimarer Reichsverfassung vom 11. 08.1919 Dritter Abschnitt Artikel 135 ff.

Das Asylrecht in Artikel 16a Grundgesetz ist ein reines Monopolrecht unseres Staates und begründet keine diesbezüglichen Rechte der Kirche.

Tatsache ist, dass in der heutigen Zeit zwar immer noch Asyl von Pastoren gewährt wird, der Schutzsuchende im Rahmen der weltlichen Gesetze aber jederzeit auch in der Kirche verhaftet werden kann. Die starke Stellung, welche die mittelalterliche Kirche diesbezüglich hatte, gibt es in unserer modernen Gesellschaft nicht mehr. Zeitweise hatte man in der Zeit des Mittelalters sogar auf den Friedhöfen und Vorplätzen der Dorf- bzw. Stadtkirchen besondere Schutzrechte als Verfolgter, wobei man realistischerweise darauf hinweisen muss, dass einen zornigen Raubritter, welcher hinter einem flüchtigen diebischen Gaukler her war, dies manchmal nur wenig kümmerte. Besonders galt dies für Flüchtige, die einen Mord, Raub oder Brandstiftung begannen hatten. Bei diesen war die Geduld des behördlichen Verfolgers und der Respekt vor der prohibited area nur begrenzt vorhanden. Grundsätzlich galt dieses Schutzrecht für freie Bürger wie für Leibeigene gleichermaßen. Um 419 n. Chr. gewährte der amtierende Kaiser per Dekret den Wirkungsbereich des Kirchenasyls auf 50 Schritte im Umkreis des jeweiligen Kirchenportals. Ein Verstoß gegen die Schutzfunktion dieser Bannzone wurde bisweilen sogar zur Majestätsbeleidigung erklärt. Hatte eine Theaterspielgruppe aber in der Dorfschenke bei einem ihrer üblichen derben Vorführungen zu abfällig treffend oder verlogen über die Obrigkeit gewitzelt, war vom Einwand der Majestätsbeleidigung schnell nicht mehr die Rede. Hier wurde das fahrende Volk schnell zum flüchtenden Volk.

Wer glaubt, er könne heutzutage z.B. ungestört eine Bank überfallen und sich danach mit seiner Beute in kirchliches Asyl begeben, weil er einen Teil der Beute als üppigen Obolus in den Klingelbeutel wirft, hat sich getäuscht. Die Polizei zeigt sich in der Regel von solchem kriminellen Geschäftsgebaren wenig beeindruckt und wird den in der Kirchenbank heuchlerisch knienden Delinquenten noch mit dem Gebetbuch in der Hand dort verhaften.

Doch kommen wir nun zu einem Ereignis, was mir in ewiger Erinnerung bleiben wird.

Es begab sich zu jener Zeit, dass ich des morgens in unsere Gemeindekirche kam und erstaunliches feststellte.

Vor dem Beichtstuhl hatte jemand einen Einkaufswagen vom benachbarten Supermarkt abgestellt, in welchem dieser einen Hartschalenkoffer, eine Luftmatratze und einen Schlafsack reingequetscht hatte.
Aus dem Büßer Bereich des Beichtstuhles, der rote Vorhang war zugezogen, hörte ich die lauten Schnarchgeräusche einer anscheinend männlichen Person.
Als ich mich vorsichtig dem Vorhang näherte und diesen behutsam beiseite schob, rollte mir eine geleerte Schnapsflasche entgegen. Im Büßerbereich des Beichtstuhles saß zusammengekauert ein blondhaariger Mann in Anzug und Krawatte, welcher einen leicht wirren Gesichtseindruck und eine rot geschwollene Schnapsnase hatte, welche jeden Karnevalisten vor Neid hätte erblassen lassen.
Ich beugte mich kurz vor, packte die rechte Schulter des Mannes und schüttelte diesen ein wenig, damit dieser aus seinem Schlaf erwache.

Der seltsame Zeitgenosse (im Folgenden von mir „Typ“ genannt) schlug zum Glück die blauen Augen auf, wischte sich mit einer Hand den Schlaf aus den Augen und sah mich mit seltsam verklärten Gesichtsausdruck an.

Pauli (zunächst noch in freundlichem Tonfall): „Naaa? Was machen wir den hier? ....Ein kleines Nickerchen im Beichtstuhl?"

Typ (im leicht frechen Tonfall):„Wer ist wir? ..... Ich weiß nicht was Sie hier machen?"

Pauli:„Machen Sie hier etwa Platte?"

Typ (durchaus schlagfertig):„Wieso? Sehe ich wie ein Schreiner aus?"

Pauli (mit dem Zeigefinger auf die Schnapsflasche am Boden deutend):„Wohl großen Durst gehabt,....was?"

Typ:„Ja!"

Pauli:„Und? Wann und wie oft trinken Sie so gewöhnlich im Beichtstuhl?"

Typ:„Nur wenn ich Durst habe."

Pauli:„Und wann haben Sie für gewöhnlich Durst?"

Typ:„Immer!"

Pauli (mit fester ernster Stimme und erhobenen Zeigefinger):„Sie wissen schon, wo Sie sich hier befinden? ......Was macht eigentlich der Einkaufswagen hier? ....Der hat hier in der Kirche wirklich nichts zu suchen. ......Wir sind hier nicht im Supermarkt. ...Also, mein Sohn, die Karre muss hier raus,......aber ganz ganz schnell! .....Und Sie leisten Ihrer Karre beim rausgehen am Besten gleich Gesellschaft."

Typ:„Ich wollte eigentlich die Beichte ablegen."

Pauli:„Tatsächlich? ........Und.....lassen Sie mich mal raten. Zur Beichte nehmen Sie immer gleich Ihren Hausrat im geklauten Transport-Caddie mit?"

Typ:„Nein, natürlich nicht, aber im Korb der Karre ist alles drin, was ich noch besitze. Das lasse ich nicht gern aus den Augen."

Pauli (plötzlich ahnend ein menschliches Schicksal vor sich zu haben):„Was ist denn geschehen? Ist Ihnen das Haus abgebrannt? Sind Sie obdachlos geworden?"

Typ:„Nein, aber ich werde verfolgt."

Pauli:„Das hört sich ja gefährlich an. .....Wer verfolgt Sie?"

Typ:„Die Schwarze Hand."

Pauli:„Wie bitte?"

Typ:„Die Schergen und Landsknechte der Schwarzen Hand."

Pauli (die Stirn runzelnd):„Wer ist das? ....Eine Organisation?"

Typ:„Inkasso beauftragte der hiesigen Unterwelt."

Pauli:„Schulden Sie denen Geld?"

Typ:„Denen nicht, aber deren Auftraggeber. Dem schulde ich viel Geld."

Pauli:„Was haben Sie denn angestellt?"

Typ:„Also, ich war lange Zeit Investment-Banker und habe einem gut betuchten Kunden eines Tages zugesagt einen hohen Geldbetrag auf den Caveman-Inseln (Anm: richtiger Name der Red. bekannt) so diskret zu parken, dass er diesbezüglich vom Fiskus nicht mehr belästigt wird."

Pauli:„Warum gerade auf den Caveman-Inseln?"

Typ (kurz die Augen verdrehend):„Ja warum nur? ...Wenn man dort an einer Bambushütte einen Briefkasten nagelt, bzw. dort eine Firma aus dem Ausland für ein paar Euro fünfzig Verwaltungsgebühren registriert, dann fällt für den Briefkasteneigentümer keine Unternehmenssteuer, keine Erbschaftssteuer, keine Einkommenssteuer und auch keine Kapitalertragssteuer an. Man kann dort Unsummen an Geld unter gewissen Voraussetzungen unkontrolliert parken. Das Wort Steuern ist da so etwas wie ein Schimpfwort. Und weil da so viele höfliche und wohlerzogene Eingeborene wohnen, nimmt dort auch niemand dieses böse Wort in den Mund. Weiterhin ist man dort sehr verschwiegen und gibt an ausländische Behörden und Staaten nur Auskünfte, wenn die andernfalls eine militärische Invasion angedroht haben."

Pauli:„Lassen Sie mich raten. Da ist dann was schiefgegangen."

Typ:„So ist es. ...Eines Tages stand die Steuerfahndung vor der Tür unserer Bank in Frankfurt und drehte uns die Möbel auf links. ....Irgend so ein Whistleblower hatte als Kronzeuge vor denen ausgepackt und auch eine Steuer-CD wechselte wohl gegen einen ordentlichen Batzen Geld den Besitzer. ....Die sind gleich mit hundert kräftigen Polizeibeamten angekommen und haben in Art einer Ameisenstraße tonnenweise Personal Computer, Smartphones, Festplatten und Tablett-PCs aus der Bank geschleppt. Keiner von uns Bankern durfte während der Durchsuchung sein Büro verlassen, telefonieren war verboten und selbst beim Toilettengang wurde man begleitet."

Pauli:„Dann haben Sie wohl danach ordentlich Ärger bekommen?"

Typ:„Quatsch! ...Mit dem Fiskus ist Ärger meistens nur eine teure Preisfrage. Also am Ende geht es nur darum, wie viel Strafe die betroffene Bank öffentlichkeitswirksam an den Staat zahlen muss, wenn diese erwischt wird. Eine Strafe, welche zudem oft schon vorher prophylaktisch eingepreist wurde. ......Was meinen Sie eigentlich, warum bundesweit die Steuerfahndung personal mäßig nicht ausgebaut wird. Der marktwirtschaftlich und Wachstums fixierte Staat hat doch gar kein Interesse zu genau auf die Steuerehrlichkeit der einheimischen Unternehmen und Industriebetriebe zu schauen. Was wäre denn die Folge, wenn die Unternehmen nicht mehr tricksen könnten. Die würden doch ins Ausland abwandern, wo diese weitaus günstiger produzieren könnten, weniger auf Arbeitnehmerrechte achten müssten und oft auch eine weitaus geringere Steuerlast hätten. Und Abwanderung bedeutet noch höhere Steuerverluste für unseren Staat und Verlust von Arbeitsplätzen. ..........Steigt die Arbeitslosigkeit werden die Wähler sauer und fangen an extremen Volksverführern und skrupellosen Populisten nachzurennen. Die ausgewogene Parteienlandschaft wird destabilisiert. ......Der Produktionsstandort Deutschland ist im internationalen Standortwettbewerb viel zu teuer. Viele unserer heimisch produzierenden Betriebe können ihre teuren lohnintensiven Produkte nur noch national und international verkaufen, da diese im internationalen Vergleich zu anderen Industriestaaten eine außergewöhnlich hohe Produktqualität haben. Schauen Sie sich mal die Lieferqualität mancher Zulieferer Produktimporte aus einigen asiatischen Billiglohnländern an. Fünfzig Prozent dieser Importe müssen unsere Betriebe nachbearbeiten, weil deren Qualität mangelhaft ist. Aber ich kann Ihnen verraten, dass selbst, wenn man die Nachbearbeitungs-kosten dafür auf den Endpreis aufrechnet, sich der massenhafte Import von qualitativ minderwertiger Ware doch noch meistens für den importierenden einheimischen Betrieb lohnt."

Pauli:„Ja, aber wenn kaum was an Strafe vom Staat zu erwarten ist, wo liegt dann das Problem?"

Typ (erneut ungläubig die Augen verdrehend):„Das Problem hat der Kundenberater, der Kunde, der Investor und Anleger. Derjenige, welcher am Ende der Nahrungskette steht. ...Nicht direkt die Bank selbst als Organisation. Oft ist diese systemimmanent und der Staat glaubt auf deren Tätigkeit nicht verzichten zu können. Witzig wird es, wenn der Staat selbst an dieser beteiligt ist und ein ordentliches Aktienpaket von der selbst in der Hand hält. Vielleicht ist ein politisch gut vernetzter Ex-Spitzenpolitiker sogar noch selbst in deren Aufsichtsrat. .......Die Bankführung sucht sich in der Belegschaft die üblichen Sündenböcke aus, obwohl Organisationsverschulden innerhalb der Hierarchie und Befehlsstruktur des Finanzinstituts selbst erst die Basis für die Gesetzesverstöße geschaffen hat. .......Wenn ein Vorstandsvorsitzender die Parole ausgibt, dass innerhalb der nächsten 12 Monate zwanzig Prozent Umsatzsteigerung von den Kundenberatern erwartet wird, dann muss man sich über das Ergebnis nicht wundern. ......Der Kunde ist im Endeffekt, wenn alles auffliegt, der wahre Leidtragende, wenn sein Briefkasten im Steuerparadies genauer von den Behörden untersucht wird. Der steckt die strafrechtlichen Folgen und enormen Steuernachzahlungen nicht so einfach weg. Weiterhin ist der auf seinen Anlagenberater bei seiner Bank, der für diesen das alles eingestielt hat stinksauer."

Pauli:„Ich kann mir vorstellen, dass je nach Mentalität und Sozialisation des Kunden, die Situation für dessen Anlageberater etwas gefährlich werden kann."

Typ:„So ist es. ......Es gibt da Zeitgenossen, welche absolut kein Spaß verstehen, wenn deren Kohle plötzlich weg ist. ...Die denken sich, dass ich mir die üppigen Boni eingestrichen habe, während die ihr Geld verloren haben. ....Dann wollen die natürlich was von meinen Boni abhaben. .......Und einen von denen habe ich beraten. Der hat sein Geld, was er durch meine Beratung verloren hat, im Rotlicht Milieu gemacht. ...Sie können sich sicherlich selbst ausmalen, wie viel Spaß solche Kiez-Gesellen verstehen."

Pauli:„Und jetzt? ....Haben Sie die Polizei über die Bedrohung Ihrer Person informiert?"

Typ (ungläubig guckend):„Ich bin doch nicht bescheuert. ....Wie sollen die mich denn schützen? ....Selbst im Knast bin ich vor meinen Kunden nicht sicher. Die haben Ihre Leute überall. .......Und was meinen Sie, welche Fragen mir die Kripo stellen wird? Die wollen dann gleich, dass ich umfassend aus dem Nähkästchen plaudere. Glauben Sie wirklich, dass einem der Zeugenschutz so einfach gewährt wird? .....Ich belaste mich doch nicht selber und liefere mich der Staatsanwaltschaft auch noch freiwillig ans Messer."

Pauli:„Ja, aber irgendwie muss es für Sie doch weiter gehen. Das ist doch kein Zustand. Und hier können Sie auch nicht bleiben. ......Haben Sie eigentlich Familie und Kinder?"

Typ:„Zum Glück nicht. ...Keine Kinder. ....Unverheiratet, keine Geschwister und keine Freunde. ...Eigentlich die ideale Ausgangssituation um unterzutauchen."

Pauli (langsam ungeduldig werdend):„Ja, aber was machen Sie nun hier im Gotteshaus? ...Erwarten Sie Hilfe vom Heiligen Geist? Sollen wir Sie vielleicht in der Krypta verstecken?"

Typ (mit flehender aber irgendwie auch unverschämt fordernder Stimme):„Ich bitte Sie um die Gewährung von Kirchenasyl."

** Ich gebe zu, in diesem Moment überkam mich ein leichtes Gruseln **

Pauli (den Kopf schüttelnd):„Lieber Mann, so einfach geht das nicht. Wir leben hier nicht mehr im Mittelalter. Wo haben Sie denn diese kühne Idee her? Aus dem Free-TV oder aus dem letzten ARD-TATORT?"

Typ (leicht trotzig):„Ich habe gelesen, dass es so etwas auch heute noch gibt und eine ganze Reihe von Verfolgten in unserem Land bereits unter dem Schutz der Kirche stehen und dort auch Gastrecht genießen. Zurzeit sollen es fast 500 Personen in der BRD sein."

Pauli (heftig unwillig den Kopf schüttelnd):„Das sind zum großen Teil Dubliner, die Ärger mit dem BAMF, also dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge haben und keine windigen Finanz-Hasardeure, welche auch noch von der Unterwelt gesucht werden. Ich glaube, da haben Sie ordentlich was in den falschen Hals bekommen. ....Wir bieten doch keine Kost und Logis für Finanzhaie. ...Am besten noch All-Inklusive, was? .....Nein, also beim besten Willen, so geht es nicht! .....Und überhaupt, wer soll Sie hier in der kirchlichen Obhut vor Ihren Feinden schützen? Der Erzengel Gabriel? .....Gehen Sie mal nach vorne zum Altarkreuz und bitten Sie den, der da hängt, um den Beistand eines Engels. Mal sehen, ob Sie eine Antwort bekommen."

** Hier sei kurz erwähnt, dass ich damals als Reaktion ein enttäuschtes Gesicht des Asylbewerbers erwartet hätte. Aber ganz und gar nicht. Der sprach in einem irgendwie hinterhältigen Tonfall so, als hätte der noch irgendein Ass im Ärmel **

Typ:„Ja aber, gilt in diesen Mauern nicht das oberste Gebot der Barmherzigkeit und Nächstenliebe? Wo soll ich denn hin, wenn ich hier nicht bleiben darf?"

Pauli:„Also, da habe ich eine super Idee für Sie. ....Fragen Sie doch mal Ihre sonnengegerbten Geschäftsfreunde auf den Caveman-Inseln. Vielleicht nehmen die sie freudig auf. Einen Briefkasten haben Sie ja da schon. Was soll da noch schiefgehen? Gerade in Ihrer Branche legt man doch besonderen Wert auf jederzeitige postalische Erreichbarkeit."

Typ:„Im Moment lege ich auf alles mögliche Wert, aber bestimmt nicht auf irgendeine Erreichbarkeit. ...Kann es sein, dass Sie ein Zyniker sind? Steht nicht in Hiob 31,32 geschrieben?:

"Draußen muss der Gast nicht bleiben. Meine Tür tat ich dem Wanderer auf"

Pauli:„Ja, aber Sie sind kein Wanderer. Ein Wanderer kommt und verschwindet auch wieder und bittet nicht um Kirchenasyl. Sonst hieße der nämlich Bleibender und nicht Wanderer."

** Also langsam hatte ich damals das Gefühl, dass das alles vielleicht einer von diesen dummen Späßen mit der versteckten Kamera war. Von diesem selbsternannten Nationalspaßvogel Kurt Helix aus dem Fernsehen oder wie der auch immer richtig hieß **

Typ:„In Matthäus 25, 35 steht so oder so ähnlich:

"Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gefüttert. Ich war durstig und ihr habt mich getränkt. Ich wollte Ihr Gast sein und ihr habt mich beherbergt."

Haben diese edlen Worte für Sie denn gar keine Bedeutung?"

Pauli:„Steht da "getränkt" oder "ertränkt"? ....Lesen Sie besser noch einmal genau nach."

Typ (mit hochgezogenen Augenbrauen):„Wollen Sie mir drohen? ....Solche Worte von einem Vertreter des Herrn?"

Pauli:„Nein! Auf keinen Fall! Woher haben Sie eigentlich Ihre vielen Bibelkenntnisse?"

Typ:„Als Banker und Kundenberater war ich immer ein Reisender und in jedem Hotel, in dem ich übernachtete war auch eine Bibel in der Schublade des Nachttisches. Darin habe ich oft in schlaflosen Nächten herumgeblättert."

Pauli (am Ende der Geduld angekommen):„Und das soll ich Ihnen jetzt glauben? .....Nebenbei mal angemerkt, unsere Pfarre hat auch gar kein Geld Sie hier zu beköstigen. Wer soll das denn alles zahlen? Und Sanitäranlagen sind auch rar gesät. Das ist auch kein Wunder. Wir sind ja kein Campingplatz. ...Also, um das ganze hier zum Ende zu bringen. ...Sie verschwinden nun innerhalb von 5 Minuten aus diesem Gotteshaus oder ich rufe die Polizei um Hilfe! ...Haben Sie mich verstanden?"

Typ (völlig unbeeindruckt):„In 1.Timotheus 6,10 steht geschrieben:

"Geiz ist die Wurzel allen Übels".

Lieber Herr Pfarrer, das Totenhemd hat keine Tasche. Sie können nichts mitnehmen. Der Herr wird am Ende aller Tage aber über Sie zu Gericht sitzen und sich genau daran erinnern, was Sie mir an Hilfe und christlicher Nächstenliebe heute vorenthalten haben und außerdem sollten Sie sich Ihre abweisende und unmenschliche Haltung noch einmal gründlich überlegen und vielleicht vorher Ihren Bischof zurate ziehen. ...Soviel Zeit haben Sie doch bestimmt noch, oder?"

** Spätestens in diesem Moment war es endgültig klar. Der trinkfeste Typ war ein wahrer kleiner Klugscheißer. Erstaunlich, dass man trotz soviel geballter Intelligenz dennoch in solche Lebenskrisen kommen kann **

Pauli (neugierig):„Was hat den unser Bischof Dr.T.Abernakel mit der Sache zu tun?“

Typ (eine Visitenkarte aus dem Jackett ziehend):„Nennen Sie den mal am Telefon den Namen, der auf dieser Karte steht. ....Bin mal gespannt, wie schnell sich die Sachlage für mich danach klärt.“

Pauli (nichts Gutes ahnend):„Was soll das jetzt? Sie glauben doch wohl nicht wirklich, dass ich meinen Chef mit Ihren Problemen belästige.“

Typ (nun mit eiskaltem Gesichtsausdruck):„Also, ich gebe Ihnen den dringenden Rat mit Dr.T.Abernakel vor weiteren Maßnahmen Ihrerseits zu telefonieren! In Ihrem eigenen Interesse.“

Pauli:„Und was soll ich dem erzählen?“

Typ:„Sagen Sie ihm, dass ich Asyl beantrage und im Falle einer Ablehnung, umfassend mit den Ermittlungsbehörden plaudern werde. In diesem Gespräch würde dann auch der Name der Person fallen, welche auf der Visitenkarte abgedruckt ist.“

** Also, eins musste man dem Kerl lassen. Er konnte hoch pokern **

Pauli:„Okay! Ich rufe nun kurz Dr.T.Abernakel an und danach sofort die Polizei, da ich nun die Nase gestrichen voll habe.“

Typ:„Okay! Ich bin einverstanden.“

** Ich ging damals strammen Schrittes mit der Visitenkarte in die Sakristei zum dortigen Festnetztelefon und wählte die Nummer vom Bischof. ...Zunächst war nur seine Sekretärin dran, die mich aber gleich zu meinem Chef durchstellte. Nachdem ich diesen kurz den Sachverhalt geschildert hatte, las ich diesem noch einmal laut und deutlich den Namen desjenigen vor, welcher auf der Visitenkarte abgedruckt war. ...Danach war es fast eine Minute still am anderen Telefonende bis ich die Anweisung erhielt zunächst nichts zu unternehmen und noch etwas abzuwarten. Ich sollte zurück zu diesem Typen gehen und diesen bei Laune halten. ...In ca. 2 Stunden würde sich, so wurde mir zugesagt, die Situation für mich klären. ...So war es dann auch. Nach ca. 2 Stunden kam plötzlich ein Anruf. Eine mir unbekannte Stimme sagte, dass ich den Typ aus der Kirche rausschicken sollte, da vor der Eingangstür ein Taxi warten würde. Meine Frage, wohin der Banker gebracht würde, wurde nicht beantwortet. ....Tja, so verließ der Typ unsere heiligen Hallen mit einem zufrieden grinsenden Gesicht, stieg in das wartende Taxi und verschwand für mich auf Nimmerwiedersehen. ...Ich habe nie wieder etwas von diesem Mann gehört. ....In späteren Jahren habe ich einmal Dr.T.Abernakel auf diesen Vorfall angesprochen. ....Dieser konnte sich an nichts mehr diesbezüglich erinnern und riet mir weniger Messwein zu trinken, um meinen Verstand zu schärfen. ...Na ja, vielleicht habe ich mir das ja damals alles tatsächlich selber nur eingebildet. Um so älter ich wurde, um so mehr stellte sich bei mir die Meinung ein, dass ich das alles wahrscheinlich auch wieder nur geträumt hatte.“ **


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Weitere Bücher (EPUB) von Mike Bradfort zum Download findet man unter:

- (einfach die folgende ISBN Nummer kopieren und z. B. In GOOGLE eingeben) -

ISBN: 978-3-7396-1864-7 Beichtstuhlgeschichten (Satire-Pauli-Reihe)
ISBN: 978-3-7396-5902-2 Irgendwo in Mexiko (Satire-Pauli-Reihe)
ISBN: 978-3-7396-2031-2 Lotterie des Todes (Esoterik)
ISBN: 978-3-7396-2494-5 Welche Rechte hat ein Alien? (Satire)
ISBN: 978-3-7396-2537-9 Der Exotenhändler (Science-Fiction)
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Kommentare  

Wunderbar, ich habe Tränen gelacht. Du könntest mit deinen Geschichten auf die Bühne gehen. Aber so ist es nun mal, im Fernsehen totale Langeweile und hier solche Talente.

Dieter Halle (19.05.2020)

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