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Der Durchgang ins Königreich Bayern(4)

Romane/Serien · Fantastisches
Nein! Nicht an IHN denken! Hastig verdrängte Martin den Gedanken. Nicht daran denken! Nicht! Nicht ans Wäldchen denken!
Ungeschehen machte die Verdrängung nichts. Was beim Wäldchen passiert war, war passiert, und es hatte Auswirkungen auf Martins Leben. Aber er wollte nicht daran denken. Nein, nein und nochmals nein!
Das erste Jahr am Johanneum hatte er mit Anstand hinter sich gebracht, obwohl alle seinem Vater abgeraten hatten, Martin aufs Gymnasium zu schicken, die Klassenlehrerin, der Rektor der Grundschule, weitere Lehrer. „Der Junge wird es nicht schaffen“, hatte die Klassenlehrerin gesagt. „Er ist nicht dumm, aber das schafft er nicht, erst recht nicht, wo gerade seine Mutter gestorben ist. Er ist völlig neben sich, das spürt man. Und dann war er im Frühjahr so lange krank.“
Es half nichts. Sein Vater bestand darauf, Martin aufs Gymnasium zu schicken, und weil er nach dem Tod seiner Frau für ein paar Wochen eine fürchterlich heilige Phase durchlief, musste es partout das von Patern geführte Johanneum sein. Nur weil er sich vor den Priestern so katholisch gab, hatten die seinen Sohn schließlich an ihrer Schule angenommen, obwohl Martins Zensuren eigentlich nicht ausreichten.
Allen Unkenrufen zum Trotz war Martin in der Sexta, der ersten Klasse des Gymnasiums, nicht nur gerade so mitgekommen, nein, er hatte gute Leistungen erbracht. Zwar überwogen auf dem Zeugnis die Zweier, aber Einser gab es auch und Dreier nur in Turnen und Betragen.
Doch gegen Ende des ersten Schuljahrs passierte das am Wäldchen und danach gingen Martins Leistungen schlagartig in den Keller.
Sein Vater „korrigierte“ dies mit brutalen Schlägen, Anschreien, Niedermachen, Hausarrest, Taschengeldentzug und weiteren Repressionen. Ohne Erfolg. In der zweiten Klassenstufe erreichte Martin den nötigen Notenstand nicht und musste die sechste Klasse wiederholen. Man riet dringend, Martin von der Schule zu nehmen, aber sein Vater wollte davon nichts wissen, auch wenn er längst nicht mehr heilig war und sich lieber äußerst unheilig mit Moppel vergnügte. Sein ältester Sohn hatte es gefälligst „zu etwas zu bringen“. Basta! Da schlug man halt noch öfter und noch brutaler zu. Der würde schon wieder in der Spur gehen, der faule Kerl, und wenn man ihn dafür zum Krüppel schlagen musste.
Der Zug lief in den Bahnhof von Bexbach ein. Martin stand auf. Er wusste nur zu gut, dass er es nicht „zu etwas bringen“ würde. Zwar kam er in der Schule jetzt besser mit, schließlich wiederholte er ja alles, aber er fühlte trotzdem, dass er dem Leistungsdruck nicht standhalten konnte, egal wie sehr er auch lernte und sich anstrengte. Er würde das Gymnasium nicht schaffen. Das war eine Tatsache, und davor fürchtete er sich. Sein Vater würde ihn eines Tages umbringen, das stand für Martin fest. Er würde einfach so lange und so brutal auf Martin einprügeln, dass er verreckte wie ein tolles Tier.
Der Zug hielt an und Martin stieg aus. Draußen verglich er seine Armbanduhr mit der elektrischen Bahnhofsuhr. Sie ging bereits wieder eine Minute nach, obwohl er sie in Homburg neu gestellt hatte. Lustlos stellte er die Uhr neu. Am Abend würde er es noch einmal tun, wenn im Fernsehen die Abendnachrichten kamen, und am Morgen gleich wieder am Bahnhof. Die Armbanduhr war eine Katastrophe. Wenn er nichts tat, ging sie täglich drei bis vier Minuten nach. Seine TIMEX war in einem ganzen Monat nicht so falsch gegangen. Aber die TIMEX gehörte jetzt seinem kleinen Bruder Helmut.
Martin lief die Treppe vom Bahnhofsvorplatz zur Poststraße hinunter. Die TIMEX war sein ganzer Stolz gewesen. Zur Kommunion hatte er sie bekommen; von seinem Patenonkel. Ausgerechnet eine TIMEX, die Uhr, für die so viel Werbung im Fernsehen gemacht wurde, weil sie extrem genau ging und ein unzerbrechliches Uhrglas hatte. Im Werbespot sah man zum Schluss immer, wie eine kräftige Männerfaust eine TIMEX wie einen Schlagring trug und in Richtung Kamera boxte und dabei eine dicke Glasscheibe, die sich vor der Kamera befand, in tausend Scherben drosch.
Billig war sie nicht gewesen, diese Uhr, das hatte Martin seinen Eltern damals nach der Kommunion abgelauscht. Diese hervorragende Uhr war für Martin sein Ein und Alles gewesen, bis es seinem Vater im Jahr zuvor einfiel, dass Martins kleiner Bruder nun alt genug für eine eigene Armbanduhr war. Also nahm er Martin die TIMEX weg und gab sie Helmut. Martin bekam die alte Armbanduhr seines Vaters mit dem schwarzen Zifferblatt und dem hellbraunen Lederarmband.
„Für die TIMEX bist du zu groß. Das ist eine Uhr mit Kinderarmband“, sagte sein Vater lapidar.
„Aber es ist ein Geschenk zu meiner Kommunion und ich bin ein Kind!“, hatte Martin ungläubig dagegengehalten. „Das ist meine Uhr!“
„Halts Maul, du Rotzkäfer!“, schrie sein Vater. „Mach mal die Augen zu! Was du dann siehst, gehört dir!“
Martin schloss die Augen und sagte: „Ich sehe meine TIMEX, die Uhr, die mein Patenonkel mir zur Kommunion schenkte. Es war ein Geschenk zu meiner Kommunion.“
Der Schlag seines Vaters schleuderte ihn quer durchs Zimmer. „Wag dich, noch ein einziges Wort zu sagen!“, schrie sein Vater. „Du hast hier eine neue Uhr und jetzt ist Ruhe!“
„Die ist nicht neu!“, ereiferte sich Martin. „Es ist deine alte, und meine TIMEX hat Leuchtziffern, die man im Dunkeln sehen kann. Die da nicht! Außerdem geht sie dauernd nach. Das sagst du ja selbst jeden Tag.“
Sein Vater holte aus. „Bist du noch nicht still!?!“, brüllte er. „Du hast eine Uhr und damit basta! Die andere passt dir ja gar nicht mehr!“
Das war fast wahr. Das Armband der TIMEX war Martin zu eng geworden. Damals hatte der Patenonkel extra ein Kinderarmband anbringen lassen und Martin musste mittlerweile den Verschluss ins letzte Loch des Armbandes einlegen. Trotzdem war das kein Grund, ihn eiskalt zu bestehlen!
„Da muss nur ein neues Armband dran“, rief er unter Tränen.
Der zweite Schlag seines Vaters schickte ihn unbarmherzig zu Boden.
„Ruhe!“, schrie sein Vater. „Du hast eine Uhr! Also halt’s Maul! Geh mir aus den Augen, du Arschloch!“
Weinend lief Martin aus dem Zimmer. Er war aufs Äußerste erbittert über den gemeinen Diebstahl. Er wusste nur zu gut, warum er die alte Uhr seines Vaters bekam: Der maulte schon lange darüber, dass sie ständig nach ging und er endlich eine neue brauchte.
Die hatte er bereits gekauft, als er seinen Sohn bestahl: ein sündhaft teures Modell mit Automatikuhrwerk, der allerletzte Schrei. Wenn man fleißig mit dem Handgelenk wackelte und wedelte, brauchte man diese Automatikuhren angeblich nicht aufzuziehen. Martin fand, dass es etwas Idiotischeres auf der Welt nicht gab.
Doch so ging es zu in Martins Familie. Sein Bruder bekam das Kommuniongeschenk Martins, Martins Vater bekam eine sündhaft teure Automatikuhr zum Wackeln und Wedeln und Martin bekam eins in die Schnauze, als er sich über den Diebstahl beschwerte, und er bekam eine Uhr, die falsch ging.
Es war nicht das erste Mal, dass man ihn bestohlen hatte. In Martins Familie war es normal, dass der Älteste ein rechtloses Etwas war, das man nach Belieben belügen, betrügen, bestehlen und zusammenschlagen durfte. Wenn zum Beispiel Besuch kam und Martin etwas geschenkt bekam, eine Tafel Schokolade oder ein wenig Geld für die Spardose, musste Martin anschließend mit seinen beiden jüngeren Geschwistern teilen. Ließ sich der Geldbetrag nicht durch drei teilen, wurde durch zwei geteilt und Iris und Helmut bekamen was ins Sparkässchen, und Martin bekam was gehustet. Umgekehrt mussten seine kleinen Geschwister nie mit Martin teilen.
Wenigstens lebt Mutter nicht mehr, dachte Martin. Er hatte ein schlechtes Gewissen, wenn er das dachte, aber er konnte nicht anders. Früher, als seine Mutter noch lebte, war er noch schlimmer verprügelt worden. Da hatte es Zeiten gegeben, wo kein Tag ohne Prügel verging, und seine Mutter hatte stets mit aller Kraft zugeschlagen.
An ihrem Grab hatte Martin trotzdem geweint. Drei Monate vor seinem zehnten Geburtstag war sie gestorben. Geweint hatte Martin und gleichzeitig eine ungeheure Erleichterung empfunden, als er dabei zusah, wie der Sarg ins Grab hinabgelassen wurde.
Sie war weg. Seine schlimmste Peinigerin war fort, und sie würde nie wieder zurückkommen, um ihn halb tot zu schlagen. Er hatte schreckliche Angst gehabt, dass jemand ihm die riesige Erleichterung ansah, die er empfand. Also hatte er versucht, sich nichts anmerken zu lassen.
Eine Weile ging es einigermaßen ruhig zu. Das währte leider nicht lange. Bald nach Mutters Tod war Moppel bei ihnen eingezogen und mit Moppel kam Walter und mit den beiden kamen neue Probleme. Als hätte Martin nicht schon genug Probleme gehabt.
Wenigstens gibt es keinen blauen Brief wegen der Hakenkreuze auf meinem Löschblatt, dachte Martin auf dem Nachhauseweg. Das hatte der Direx zum Schluss gesagt: „Ich werde ausnahmsweise keinen Brief an deinen Vater schreiben. Der arme Mensch hat auch so schon genug an seinem Kreuz zu tragen.“
Depp!, dachte Martin grimmig. Er wusste, dass die Pater immer noch dachten, sein Vater sei tiefgläubig und die ganze Familie gut katholisch.
Wenn die wüssten! Er hat nicht mal das Trauerjahr abgewartet, bevor er mit seiner Neuen ins Bett ging! In die Kirche ging er ja nur ein paar Wochen. Nicht mal alle drei Messen, die er für Mutter bestellt hatte, hat er besucht. Nach der ersten Messe war Moppel wichtiger!
Nach dem Tod seiner Frau Anfang März 1972 war Martins Vater mit dem Gebetbuch unterm Arm herumgerannt. Er ging regelmäßig in die Kirche und war eine Weile furchtbar heilig. Das war ja der Grund, warum Martin nicht auf ein normales Gymnasium gehen durfte, sondern aufs katholische Johanneum musste, auf die Schwulenschule, wo es nur Jungen gab, die einen ständig sackten, einem zwischen die Beine fassten, auch in die Hose, und einem die Eier so zerquetschten, dass man schrie wie am Spieß, während die Pater tatenlos zuschauten.
Martin hasste es. In Bexbach verspottete man die Jungen, die aufs Johanneum gingen, als Schwule, die auf die Schwulenschule gingen. Es war unerträglich.
Doch da war dieser Durchgang neben dem Homburger Bahnhof, der auf Gleis 1 führte, ein Gleis, das überhaupt nicht existierte. Eine ganze Welt hatte sich Martin aufgetan und wollte von ihm erforscht werden und erst später, als er fast zu Hause war, fiel Martin noch etwas ein: Dort hatte ihn niemand hässlich oder auch nur unfreundlich behandelt. Alle waren nett zu ihm gewesen. Das war Martin nicht gewohnt. Es machte ihn unsicher und freute ihn zugleich.
Und da war dieses bezaubernde blonde Mädchen. Martin wollte sie unbedingt wiedersehen. Immer wenn er an sie dachte, breitete sich ein warmes Gefühl in seiner Brust aus. Es war das Schönste, was er je gefühlt hatte.
Gleich morgen Mittag geh ich wieder hin, nahm er sich vor, als er die Treppenstufen zur Haustür hochstieg.
 
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Kommentare  

Hallo Stefan, das ist eine sehr schöne spannende und auch dramatische Geschichte.
l.g.


Marco Polo (29.07.2020)

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