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9 Seiten

Macht und Wahrheit 1. Band - 7.Kapitel

Romane/Serien · Spannendes
© Palifin
„Und du meinst, es klappt wirklich, dass die Kutschen genau hier vorbeikommen werden, Edwin?“, wisperte Rugberth und wandte sich zur Seite, wo sein Kamerad neben ihm kauerte. Das üppige Buschwerk des Tegbawaldes bildete für beide ein gutes Versteck. Aber es war auch schwierig gewesen, von der alten Landstraße aus, durch alles Gestrüpp hindurch, tiefer in diesen Wald hinein zu kommen.
„Da bin ich mir sicher.“ Edwin nickte und prüfte dabei, ob die Klinge seines Jagdmessers auch scharf genug war. Einige Zweiglein des Haselnussbusches mussten dran glauben und fielen so leicht ins Laub als wären es Federn. „Schließlich haben wir uns viel Arbeit gemacht, den stacheligen alten Baumstamm inmitten des Weges zu vergraben. Nur ein wenig schaut der hervor, aber das genügt.“
„Ja, genau das hat uns ja auch der Graf von Alaxis geraten. Das Rad würde beschädigt, meinte der …“
„Ruhig, Mensch, keine Namen nennen, gewöhne dir das gleich mal ab!“, gemahnte ihn sein Kumpel und fuchtelte weiter mit seinem Messer herum.
„Entschuldige, hatte ich vergessen! Aber hier sind wir doch mutterseelenallein. Da kann uns niemand hören. Höchstens die Krähe da. Hihi, komisch, die hat ja einen weißen Latz. Merkwürdiges Vieh, so etwas habe ich noch nie gesehen!“
„Ach Rugberth, das interessiert mich doch jetzt nicht! Jedenfalls hast du insofern Recht, dass unser Auftraggeber, diesen Weg schon seit vielen Jahren kennt und daher weiß, dass der Dicke…“
„Du meinst unseren König!“
„Schscht Mann, schon wieder. Also der wird wegen seines Rückenleidens die Fahrt in der Kutsche ohnehin nicht lange durchhalten. Der ganze Weg ist arg holperig, weißt du, und wenn auch noch das Rad beschädigt wird und repariert werden muss, stoppt der garantiert hier. Wenn die Sonne am höchsten ist, wird er hier Rast machen und den Duft des schönen Erikakrautes auf dieser Wiese dort vorne genießen. Es ist übrigens sein Lieblingskraut.“ Edwin blickte hinüber, wo alles lila blühte und die Krähe gerade aufflog.
Rugberth zupfte an seiner Krallenhand herum und schob sich den präparierten, etwas wabbeligen Bärenkopf bequemer zurecht, damit er besser durchatmen konnte. Der Schweiß lief ihm unter dem dicken Fellmantel in Strömen. Die zwölf Sukaten für die Ermordung des Dicken, wie man „ihn“ wohl immer nennen musste, waren zwar ein stattliches Sümmchen, aber dieser Spätsommer war brütend heiß. Schlimm, dass er den ganzen Körper mit diesem Bärenfell verhüllen musste und gut, dass man nicht erschwitzen konnte.
„Edwin, ich frage mich nur, ob alles wirklich so astrein klappt, wie wir uns das vorgestellt haben!“
„Rugberth, wir haben bisher unsere Aufträge immer erfüllt, nicht wahr?“ Edwin klopfte Rugberth so kräftig auf die Schulter, dass das alte Bärenfell staubte. „Schließlich sind wir kreativ. Wie du dich sicherlich entsinnen kannst, meinte unser Auftraggeber, der Dicke würde während der Fahrt immer sehr viel Wein trinken, um den Schmerz im Rücken zu betäuben und hier würde er bestimmt dann auch seine Blase entleeren. Weil er das Erikakraut liebt und davon eine heilende Wirkung erwartet, würden seine Diener indes Sträuße davon schneiden. Der Dicke geniere sich schnell und würde sich immer unbewacht ins dichte Gebüsch zurückziehen.“
„Stimmt, du hast Recht, eigentlich ist alles gut durchdacht. Ein Bär überfällt wiedermal jemanden, weil dieser sich zu tief in den Wald hineingewagt hat.“
„Ach, Rugberth, der ist doch neuerdings kein Bär mehr, ein Untier ist der geworden! Das solltest du nicht vergessen. Und eigentlich hielt es sich ja zunächst nur im jenem riesigen Wald auf, der sich in der Grafschaft Alaxis befindet.“
„Hihi, hier ist zwar schon der Wald des Fürstentums Moledo, aber es ist eben umgezogen das Vieh!“
„Alles Aberglaube, sage ich dir. Aber wenn die Leute so dumm sind und den Quatsch ernst nehmen! Horch mal, da kommt schon die Kutsche.“
„Wirklich? Ich höre keine Räder rumpeln, eher Hufgetrappel!“
„Du hast eben schlechte Ohren!“
„Nein, mein Lieber, das ist eben das dicke Bärenfell über meinen durchaus guten Lauscher!“
„Sieh mal, der prächtig gekleidete Herold reitet vorne weg und da kommt die königliche Kutsche auch schon.“
„Tatsächlich!“ Rugberth machte nun auch einen langen Hals und der Bärenkopf zeigte einen Teil seiner nackten, sonnenverbrannten Haut und einige Bartstoppeln. Rugberths graublaue Augen in den winzigen Löchern des Bärenkopfes musterten den prächtigen Wagen, der von zwei straken Schimmeln gezogen wurde. Es staubte ordentlich. Die Freunde sprachen kein Wort, aber es quälte sie doch die bange Frage, ob die Kutsche tatsächlich hier anhalten würde.
Da…ein lautes Knacken, dann ein Fluchen. „Verdammt… das Rad!“, rief der Kutscher, „He, wie kommt dieser alte Baum hierher?“ Der Herold und seine zwei Begleiter, wendeten ihre Pferde und kamen mit betretenen Gesichtern zurück, denn sie hatten den versunkenen Baumstamm gar nicht bemerkt. „Pfeifen seid ihr!“ empörte sich der Kutscher weiter. Was denkt ihr wohl, weshalb ihr vorweg reiten sollt, hä? Drei Kutschen standen mit einem Male still und sechs schweißnasse Pferde schnaubten erleichtert durch ihre Nüstern.
Der Herold saß sofort ab, der Kutscher schwang sich ebenfalls vom Kutschbock und ein Lakai schob einen kleinen Tritt an die Kutsche heran und öffnete die mit einem hübschen rotgoldenen Blumenmuster bemalte Tür. Er verneigte sich tief.
„Wollen Hoheit einen kleinen, entspannenden Spaziergang am schönen Erikafeld vorbei machen oder gleich in den W ...“
„Letzteres und zwar SOFORT!“, brüllte König Legold genervt und tupfte sich mit einem kleinen Spitzentüchlein den Schweiß von der Stirn.
„Will der König begleitet werden?“
König Legold wurde knallrot im Gesicht „Das habe ich bei solchen Gängen noch nie verlangt und werde es auch nie tun!“
Nachdem man den gewichtigen König mehr aus der Kutsche gehoben als gestützt hatte, Gatrun und Dutmar blieben noch drin, stand dieser recht wackelig auf dem holperigen Waldweg und schaute sich suchend um. Er massierte sich dabei den Rücken und stöhnte. Wo gab es hier nur einen einigermaßen begehbaren Pfad in den Wald hinein?
Nur etwa fünfzig Schritte von ihm entfernt, kauerten mordlüstern die beiden Halunken und tuschelten miteinander. „Jaja, das wussten wir doch, dass er ganz alleine gehen wird“, murmelte Edwin in seinem Gebüsch und streichelte zufrieden die Klinge.
„A ... aber, Moment mal ... der König läuft gar nicht hierher?“, ächzte Rugberth aufgeregt und schwitzte noch mehr in seinem Bärenfell. „Der Dicke wählt einen anderen Weg in den Wald hinein, als wir es uns gedacht haben, wohl um auch wirklich nicht von den Dienern gesehen zu werden!“
„Ja, schleichen wir uns also dorthin.“ Edwin machte mit der Klinge eine Bewegung in die betreffende Richtung.
Beide setzten sich sofort in Gang. Es war ziemlich umständlich, sich in ständig geduckter Haltung durchs Dickicht zu schieben. Da hatten es die Krähe oben in den Bäumen leichter, ihnen zu folgen. Sie hüpfte elegant von Ast zu Ast und schließlich flog sie aus dem Wald hinaus und setzte sich auf das Dach der Kutsche, um darauf herum zu picken.
Dutmar, der sich gerade wieder in eines seiner Bücher vertieft hatte, die er für die lange Reise mitgenommen hatte, denn er liebte Bücher über alles, fuhr zusammen.
„Aber Dutmar, was hast du denn plötzlich?“, fragte Gatrun besorgt und blickte ebenfalls von ihrem Buch auf, welches sie sich eben noch von Dutmar geliehen hatte.
Dutmar schnüffelte erregt. „Mäuse …ich rieche Mäuse!“ „Mäuse?“, echote Gatrun verschlafen.
„Ja, sie haben sich in dieser Kutsche verkrochen und ich hasse Mäuse!“ Er sprang auf und hob seinen Sitz. „Iiiiih, wie ekelig!“, quiekte er so schrill, wie eine Hofdame, denn tatsächlich befanden sich direkt unter seinem Sitz etwa zwölf Graufellchen. „Igitt, igitt, wer weiß, wie lange diese grauen Dinger schon mitgereist sind. Die Mäuse blickten ihn mit ihren großen Knopfaugen zunächst nur erstaunt an, aber dann begriffen sie. Sie sahen zu, dass sie so schnell wie möglich ins Freie kamen.
„Nein, hier bleibe ich nicht.“, kreischte Dutmar, als er die Mäuse wegflitzen sah, denn es kamen immer noch welche nach, aus den Ecken und Nischen der alten Kutsche. „Sollen wir Euch irgendwie helfen?“, fragten Raldon und Trowein beflissen, die als erste hinzugekommen waren. Die übrigen Reisige blieben im Hintergrund, denn sie wollten sich ausschütten vor lauter Lachen. Mäuse, die war man gewohnt, die waren doch nichts Besonderes.
„Nein, das braucht ihr nicht!“, quiekte Dutmar und hob dabei auch noch geziert die Fingerspitzen in die Höhe. „Ich glaube fast, die gehen alle von selber. Die haben nämlich mächtige Angst vor mir!“ Den letzten Satz hatte er richtig stolz hinausgeschmettert und da platzte das Lachen von allen Seiten endgültig hinaus.
Auch in den anderen zwei Wagen wurde das Gelächter des kleinen Hofstaates noch lauter, als es das ohnehin schon war. Gatrun errötete, denn sie schämte sich stellvertretend für Dutmar. Dennoch hörte der Jüngling mit seinem Gezeter nicht auf., „Gatrun, siehst du diesen Fleck hier…an dem Sitz? Das ist Mäusedreck! Und darauf habe ICH gesessen. Bestimmt ist meine Hose davon dreckig.“
„Dein Hosenboden? Lass mich sehen!“
„Zu spät, liebe Gatrun, ich habe gehört, dass es hier in diesem Wald eine kleine Quelle geben soll, darin werde ich meine Hose waschen!“
„Aber Dutmar, willst du das wirklich tun?“ Ehe Gatrun noch Weiteres dazu sagen konnte, war der Jüngling schon laut zeternd aus der Kutsche hinaus und in den Wald hineingejagt.
„Nanu?“, sagte Gatrun wenig später verwundert und half dabei der letzten Maus noch aus dem Wagen hinaus. „Du kleines Mäuschen, du scheinst das Jüngste zu sein und …du hinkst ja?“
Indes lauerten die Mordgesellen Edwin und Rugberth gemeinsam weiter dem König auf. „He, jetzt überlegt der Dicke doch glatt, ob er nicht wieder zurück geht? Vielleicht wird er sich endlich mal einig!“
„Pass auf, Rugberth, wir trennen uns ganz einfach.“, schlug Edwin nun vor. „Ich laufe dorthin, wo der König gerade hin will und du bleibst hier, falls er zurück kommt.“
„Mensch Edwin, das ist eine gute Idee! Wenn er hierher kommt, kann ich ihn ja mit meinem alten Messer abstechen und dann so zerfetzen, als wäre ich das Untier gewesen.“
„Sehr gut, Rugberth, und du gibst mir eine deiner Krallentatzen ab und ich bearbeite ihn mit meinem neuen Messer, damit ich das auch tun kann.“
„Gut mach` ich ... verdammt, geht so schwer von der verschwitzten Hand herunter.“
Rugberth schaute schließlich seinem Kameraden hinterher, wie der im dichten Wald verschwand. Er konnte wirklich nicht alles mit seinem Bärenkopf überblicken, sonst hätte er sehen müssen, dass plötzlich noch eine weitere Gestalt hinter seinem Freund einher schlich. Sie war groß und breitschulterig, trug einen grauen Umhang unter dem Arm und schob sich so geschickt durchs Gebüsch, als würde sie ihr Leben lang nichts anderes als urwüchsige Wälder kennen. Die Krähe mit dem weißen Latz hüpfte ihr voran, von Ast zu Ast und schien immer aufgeregter zu werden.
Was Rugberth auch nicht sehen konnte, war, dass das Geschöpf dicht behaart war. Es schaute nun mit seinen gelben Augen ab und an nach oben. Die giftgrünen Pupillen verengten sich zu einem kleinen, waagerechten Spalt, und zwar immer dann, wenn zuviel Licht durch die Blätter in den Wald hineinschien. Es legte die großen leicht abstehenden Ohren eng an den Kopf, sobald es sich duckte und das Buschwerk dichter wurde.
Edwin hatte indes den König genau vor sich, dieser bückte sich gerade leise ächzend und zog sich die Hose hinunter. Der Dicke stöhnte herzzerreißend, als er in die Hocke ging. Allerdings trennten Edwin noch zwei, drei Büsche von seinem Mordopfer. Er schob sich gerade um eine kleine Buche herum, als er den König derart schmerzerfüllt jammern hörte, dass er dachte, dem würde etwas Schlimmes angetan, noch ehe er selber seine mörderische Tat vollbracht hatte.
„Verdammter Rücken!“, hörte er und war beruhigt. Na, dem würde gleich noch etwas ganz anderes weh tun. Edwin grinste und er machte eine kleine übermütige Bewegung mit der Hand und die Klinge seines Jagdmessers blitzte klar und hell auf im fleckigen Sonnenlicht des Waldes. Eine Krähe krakelte nun und hüpfte munter im Geäst direkt über dem König. Sie schüttelte die schwarzen Federn und hell im Sonnenlicht funkelte ihr weißer Latz. Der König kreischte abermals schmerzerfüllt, als er sich wieder erheben wollte und den Rücke dabei strecken musste. Edwin hörte zu seiner Überraschung plötzlich Äste brechen und Gesträuch zerknacken. Es war der König, der plötzlich ohnmächtig hinschlug. Der letzte Schmerz im Rücken war also zuviel für ihn gewesen. Dann vernahm er hinter sich ein ebensolches Knistern und Knacken, dann ein Rascheln. Jemand kam sehr schnell und geschmeidig näher. Für Edwin war klar, Rugberth hatte seinen Platz verlassen, um ihm bei diesem Mord zu helfen. Typisch Rugberth, der musste immer zum ungünstigsten Zeitpunkt erscheinen. Edwin knirschte mit den Zähnen.
Hoffentlich vermasselte er ihm nicht alles, denn es war ja ausgesprochen günstig, den König zu erledigen, noch ehe der zu sich kam. Wieder ein Rascheln hinter ihm. Nein, er hatte jetzt nicht den Nerv sich auch noch um Rugberth zu kümmern. Als er sich neben den König kauerte, um diesem sein Messer tief ins Herz zu stoßen, spürte er, dass sich Rugberth anscheinend hinter ihm ebenfalls hingehockt hatte. Wie albern. Warum blieb Rugberth hinter ihm? Nach kurzer Überlegung griff er einfach nach hinten, um Rugberth neben sich zu ziehen und spürte das Fell. Merkwürdigerweise fühlte es sich irgendwie anders an als die alte Bärenhaut. Das Fell war dünner, irgendwie borstiger und darunter konnte man Haut spüren. Diese Haut war fest, leicht feucht und vor allem warm! Sicher war das alte Bärenfell von der Sonne aufgewärmt worden - oder? Er zog mit seinen Fingern kräftig an diesem kurzen Borstenfell um sich zu überzeugen, dass es doch der alte Bärenfellmantel war und die Haut mitsamt dem Fell zuckte zusammen. Fast gleichzeitig vernahm er einen tiefen, unheimlichen Grunzlaut.
Seine Hand fuhr zurück. Komisch mit einem Mal hatte er Angst. Vorsichtig blickte er über die Schulter zurück. Nein, so etwas gab es doch gar nicht, konnte es gar nicht geben! Sein Verstand spielte ihm bestimmt nur einen Streich. Edwins Herzschlag beschleunigte sich. Er wollte schreien, aber eine fürchterliche Klaue legte sich auf seinen Mund, die andere nahm das Messer aus seiner erschlafften Hand und dann spürte er ganz plötzlich einen wahnsinnigen Schmerz in der Brust und nach einem weiteren Prankenschlag gar nichts mehr. Wenig später schleppte ein unheimliches Wesen die blutüberströmte Leiche von diesem Ort weg und warf sie etwas weiter weg irgendwo hinein ins Gebüsch.
Rugberth war nun doch unruhig geworden. Er hatte den Bärenkopf ein wenig gelüftet und schaute sich um. Sein Blick huschte dabei auch zum Waldweg, wo die drei Kutschen gehalten hatten. Wenn er ein paar Zweige zur Seite schob, konnte er die Kutsche seiner königlichen Hoheit klar und deutlich erkennen. Dort war der König allem Anschein nach noch nicht. Er schien nicht zurück gekehrt zu sein.
Sein Auge durchforschte nun wieder den Wald. Auch hier sah er weder den Dicken noch seinen Kumpel Edwin. Die Schreie des Königs hatten leider bis zum Waldweg getönt, aber das schien den kleinen Hofstaat des dicken Leopolds nicht gestört zu haben.
Die beiden anderen Fahrgäste – es sollten die Gräfin Gatrun von Trauenfels und Dutmar von Bedolm sein- befanden sich wohl noch immer in der Kutsche, denn die Kutsche schwankte, als ob darin Bewegung wäre.
Vier Diener pflückten weiterhin Erika vom Feld und zwei Kammerfrauen banden sie zu schönen Sträußchen zusammen. Die dritte der Kammerfrauen küsste sich inzwischen mit dem Herold.
Fünf der elf Reisige saßen oder ruhten auf ihren ausgebreiteten Mänteln und genossen die Sonne, drei von denen verzehrten dabei ihren Reiseproviant und man unterhielt sich ganz offensichtlich recht gut miteinander, der sechste und siebte gab den Pferden zu trinken, denn in der Nähe sollte es einen Bach geben und von dort hatten sie wohl auch das Wasser geholt, der achte fütterte sie.
Der neunte striegelte gerade sein Pferd und mitten im Erikafeld auf einer Decke spielten vier Reisige in aller Seelenruhe ein Brettspiel. Der Einzige der laut fluchend arbeitete, war der Kutscher des königlichen Gefährts, weil der das Rad reparieren musste. Seine beiden Kollegen standen dabei mehr oder weniger ungelenk herum, wohl weil sie nicht recht wussten, was dabei zu tun wäre.
Rugberth begab sich jetzt einfach in jene Richtung, in welche sich Edwin zuletzt gewandt hatte. Er hatte nämlich eine schlimme Befürchtung. Sollte sein Freund ihn angelogen und einfach den Auftrag alleine erledigt haben, nur um später nicht teilen zu müssen? Edwin war mit allen Wassern gewaschen, wenn es darum ging, Rugberth übers Ohr zu hauen. Er kannte eigentlich nichts anderes von ihm. Zornig zwang er sich an Gebüsch und Bäumen vorbei, um ihn zur Rede zu stellen und blieb so manches Mal mit seiner Verkleidung an kleinen Zweiglein oder Dornenranken hängen. Er fluchte leise und dann sah er plötzlich jemanden hinter einem Busch liegen. Ein weiter Umhang lag darüber. Blut drang durch den dünnen Stoff hindurch. Hatte der König solch einen Umhang getragen? Er konnte sich nicht genauer entsinnen.
Egal, er kroch auf allen Vieren näher, hockte sich hin, um die Decke anzuheben, als er ein Rascheln hinter sich vernahm. Eine Krallenhand legte sich plötzlich auf seine Schulter. Rugberth grinste, obwohl er eigentlich Edwin böse war, aber das war doch wirklich ein köstlicher Scherz, ihn mit seiner eigenen Klaue erschrecken zu wollen. Er blickte auf seine Schulter, wo sich die Krallen ganz langsam durch sein Bärenfell schoben. Autsch, das tat ja wichtig weh, wie verrückt war das denn jetzt? Nun übertrieb Edwin aber mächtig und überhaupt, diese Pfote sah ja ganz anders aus, irgendwie langgestreckter, auch nicht so haarig, mehr affenartig und sie sah auch viel lebendiger aus ... Mann, schmerzte das! Diese Krallen wurden ja immer länger?
Er blickte hinauf und ein wenig zur Seite und erstarrte vor Entsetzen, denn er sah jetzt, wie die zweite Krallenhand eines entsetzlich ausschauenden Wesens direkt auf ihn zu sauste. Rasch duckte er sich und so ging der tödliche Schlag daneben. Es gelang ihm auch, sich in einem verzweifelten Überlebenskampf den gefährlichen Klauen zu entwinden. So schnell wie er konnte, versuchte er davonzulaufen.
„Mo!“, hörte er leise hinter sich und da öffnete sich der Boden unter seinen Füßen.

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Der König richtete sich auf. Wie peinlich! War er doch, als er sich nur ein bisschen strecken wollte, vor Schmerz ohnmächtig geworden! Dieser schlimme Rücken! Er schien nun durch sein eigenes Stöhnen wach geworden zu sein oder war das schmerzhafte Ächzen und angstvolle Geschrei von jemand anderem gewesen? Unsinn, er hatte geträumt. Wer sollte sich hier schon herumtreiben? Er reinigte sich - immer noch sehr gekrümmt laut jammernd - mit ein paar Blättern den Hintern und schaute sich kaum um, als er sich die Hose hochzog. Auch nicht, als er sich schließlich Richtung Waldweg begab.
„Oh Gott, Hoheit, da seid ihr ja“, heuchelte Herberth, sein treuester Diener scheinbar erleichtert. „Wir waren schon nahe daran, nach Euch zu suchen. Habt Ihr denn vorhin so entsetzlich geschrien und gestöhnt?“
„Ja, wer sonst, du Dämel!“, rief König Leopold verschämt. Ach, sie hatten es alle gehört. Er war ja solch ein Weichei geworden. „Oder etwa ein Waldgeist?“, spöttelte er nun. „Ich sage Euch, noch mal mache ich eine solche Reise nicht. Das kann ich meinem Rücken nicht mehr zumuten.“ Dass er auch noch ohnmächtig vor Schmerzen geworden war, verschwieg er selbstverständlich seinen Dienern und Soldaten, aber er selbst würde diese Schande nie vergessen. „Ich habe die Reise ja auch nur Alconia zur Liebe gemacht“, schimpfte König Legold weiter, „damit ich Graf Konrath von Alaxis dazu überreden konnte, dass Dutmar von Bedolm zu ihrem Geburtstag erscheinen darf und ... wisst ihr was, diese Reise ist die langweiligste, die ich je gemacht habe. Nicht ein bisschen Spannendes ist da passiert – rein gar nichts!“
Dutmar saß ihm gegenüber und las schon wieder. Gatrun betrachtete den Jüngling nachdenklich. Seltsam, dessen Hose war ja gar nicht nass?

Fortsetzung folgt:
 
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